Facebook – da traut man sich was

Kürzlich kam es auf Facebook zu einer Diskussion. Das Thema interessierte mich nicht wirklich, trotzdem habe ich (mein Fehler) irgendwann (mehr beiläufig, denn durchdacht) einen Kommentar dazu gegeben. Die selbsternannten Experten in der Sache schossen sich gleich auf mich ein, drehten mir die Worte im Mund rum, bis ich sagte, die Diskussion sei für mich hier beendet. Dies kam nicht gut an, ich fühlte mich schuldig des Diskussionsabbruchs, schob was nach, um dann zu hören:

Liebe Sandra, ich habe dich hier missbraucht, um etwas zu beweisen.

Erst wollte ich schreiben, dass dies weder logisch noch formal als Beweis qualifiziere, ich liess es, denn: Einem Menschen, der Menschen MISSBRAUCHT, um seine Wahrheiten durchzudrücken, muss ich nicht noch mehr Aufmerksamkeit geben. Besagte Person schoss noch ein paar mal gegen mich, es schien ihr wichtig, ich liess es stehen.

Kurz darauf stellte ich ein Bild einer Yogapose ins Netz. Eine FB-Freundin meinte, mir sagen zu müssen, dass das Bild eklig sei, da ich viel zu dünn sei. Ich solle das sofort löschen. Überhaupt könne man bei dem Anblick nie glauben, dass ich überhaupt je esse, was ich ab und an ins Netz stelle. Früher hätte ich mich gerechtfertigt, von vielen Stunden auf der Matte und anderen Dingen erzählt. Ich habe den Kommentar gelöscht und sie entfreundet.

Es geht mir nicht drum, dass keine Kritik sein darf. Ich kann diskutieren, gerne auch kontrovers. Aber: Ich möchte a) den Respekt gewahrt wissen und b) in den sozialen Medien eigentlich entspannen und mich nicht danach schlecht und schlechter fühlen.

Was ich mich aber frage: Ist das die Welt heute? Jeder pisst dem anderen ans Bein? Weil man es kann, weil man ja seine Meinung haben und sagen darf – egal, was dabei rauskommt, egal, wen man verletzt, egal, was man kaputt macht? Freie Meinung über allem?

Ich möchte hier nicht falsch verstanden werden: Die Meinungsäusserungsfreiheit ist wichtig und richtig und ein Grundrecht, das für mich unanfechtbar ist. Aber: Kann man damit wirklich alles rechtfertigen? Noch vor diesem Grundrecht steht nämlich:

Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Die Reihenfolge ist nicht beliebig, sie ist durchaus hierarchisch. Allerdings scheint das keinen mehr zu kümmern im Zeitalter der schnellen Kommentar-Klick-Online-Gesellschaft. Man schiesst munter drauf los. Ist einer verletzt? Sein Problem! Ich lebe die Meinungsäusserungsfreiheit und überhaupt: Was kümmern mich die Gefühle anderer, Hauptsache ich habe meinen Spass und bin cool. Vielleicht ist es doch kein Zufall, dass man Social Media mit SM abkürzt?

20 Gedanken zu “Facebook – da traut man sich was

  1. Ich bin nicht bei Facebook.
    Aber ich war mal in einer speziellen therapeutischen Gruppe (schlappe 16/17 Jahre zurück). Dort sollte man offen sagen, was man fühlt, unzensiert und direkt. Viele Frauen erwiesen z.b. einem jungen Mann der Gruppe viel Ehre: Er sei ungemein maskulin und zugleich feinfühlig-sensibel. Das war in der Tat so, das fiel Frauen und Männer angenehm auf!
    Es gab da aber jemanden, der verstand die geforderte Offenheit falsch und nannte eine Frau „unschön“. Das verletzte die Frau ungemein, schlug das doch in eine Narbe. Wir waren alle entsetzt ob dieser „Offenheit“.
    Was sollte eigentlich solch eine Bewertung bewirken?
    Die Quintessenz war, daß der junge Mann aus der Ausbildung in dieser Gruppe flog.
    Er hatte stereotyp das umgesetzt, was er verstanden hatte. Andere waren da schlauer, hielten etwa zurück, daß ihnen der maskuline Mann als Mann gefiel.
    Einer hatte mir auch im Vertrauen gesagt, daß er sich genau überlege, was er sage, denn bei früherer Gelegenheit sei er mächtigst in die Enge getrieben worden…was er aber als heilsam empfunden hatte und was ihn letztlich weitergebracht haben soll, aber er wollte das nicht noch einmal erleben.

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    • Vielleicht sollte man sich immer überlegen, was es bringt, zu sagen, was man denkt. Und man könnte sich auch fragen, was die Motivation hinter dem Gedachten ist. Oft hat es mehr mit sich als mit dem anderen zu tun. Und ganz oft sind es kaum ethische Gründe, die zur Aussage motivieren. Wieso sie also äussern?

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      • Ich muß noch einmal nachdifferenzieren:
        Wenn es eine Runde gibt, in der jeder – überlegt und aufmerksam – sagt, was ihm am anderen auffällt, kann das sehr hilfreich sein!
        Wenn also in einer solchen Runde Dir jemand sagt, daß Deine Stimme meist monoton daherkommt, also keine Höhen und Tiefen drin sind, dann kann das ein Hinweis sein! Ein Hinweis, der Dir erklären helfen kann, wieso manche in Gesellschaft Deinen Worten nur eine kurze Weile folgen und sich notorisch ablenken lassen.
        Ohne diese Kenntnis fragst Du dich nämlich, wieso Dir der jeweilige Gesprächspartner manchmal entgleitet.
        Das Korrektiv der Gruppe besteht hier darin, daß diese Beobachtung, dieser Eindruck der monotonen Stimme ja vielleicht nur ein Einzeleindruck ist!
        Die Mitteilung der monotonen Stimme ist zunächst „verletzend“, aber hilfreich. Sie wurde NICHT gemacht, um zu verletzen!

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  2. Der neue SM Sport, Ankläger, Richter und Henker in einer Person. Die Schuld bleibt bis nach der Wahrheitsfindung bewiesen und wenn man richtig daneben haut kann man sich ja rar machen (falls man dann noch nicht entfreundet wurde). Ich habe solche Sachen ja schon früher bei dir gelesen Sunny. Dabei ist mir dann aufgefallen, dass vor allem bei Frauen gerne ein Fass aufgemacht wird, nicht so oft bei Männern. Da stellen sich mir gleich wieder Fragen, die ich am Montagabend müßig und anstrengend finde. Wenn du mehr wiegen willst, wirst du mehr essen oder weniger trainieren. Es sagt ja auch niemand lerne weniger, du bist zu klug für mich, nur weil sich Dummheit besser verstecken lässt, als eine unbefriedigende Figur.

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        • Moin Gerhard, kann ich mir bei Sandra gut vorstellen, dass es Menschen gibt die sie zu klug für sich selbst finden und deshalb lieber ausweichen. Das ist natürlich auch verletzend, aber man sollte sich so etwas lieber als Stern an die Brust heften, immerhin steckt eine Menge Arbeit im klug sein 😉

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          • Vermutlich sollte man die Kommentare genauso wenig ernst nehmen wie die, welche darauf zielen, einem die Welt zu erklären, weil man ja nur ein armes Frauchen ist, das die Welt nicht verstanden hat 😉 Ach, ab und an frage ich mich echt, wieso ich mir FB antue. Aber: Ohne hätte ich dich nicht kennengelernt und das wäre doch sehr schade!

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          • Es gibt ja auch den Vorwurf: „Du bist zu sehr im Kopf!“
            Das hat mich immer schön verletzt. Bin deswegen sogar mal in einen Tantra-Kurs gegangen, um das Gegenteil zu bweisen…

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          • „Du bist zu…..“ ist eigentlich immer ein Urteil, teilweise auch eine Verurteilung. Es ist die Sicht eines anderen auf uns selber. Klar soll man (selbst)kritisch sein, aber vielleicht nehmen wir solche Aussprüche auch oft zu ernst, sehen in ihnen mehr Wahrheit als in unserer Sicht. Vielleicht ist auch was dran oder aber es hat mehr mit dem Aussprechenden zu tun als mit einem selber?

            Wichtig ist sicher auch immer die Intention hinter der Aussage. Was aber grundsätzlich die Frage ist: Ein „zu“ impliziert eine Norm, von dem nun etwas abweicht. Wer bestimmt die Norm? Und ist sie immer erstrebenswert?

            Dies nur so grundsätzlich. Das kam mir in den Sinn bei deinem Kommentar. Das mit dem „zu sehr im Kopf“ kenne ich übrigens auch 😉

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    • Und von wegen mehr essen, weniger trainieren: Ich hätte eine Traumfigur. Die wäre in der Tat ein paar Kilos höher. Ich erreichte sie einmal: Da war ich schwanger. Das Kind kam auf die Welt und schwupps… Ich bin, wie ich bin. Und ich finde, ich darf so sein. Ich muss mir von keinem sagen lassen, das sähe eklig aus. Genausowenig soll sich eine fülligere Person das sagen lassen müssen. Ja, mir gefallen nicht alle Körpermasse, anderen geht es ebenso. Das ist legitim. Aber man muss nicht alles einfach so in die Welt posaunen. Erstens hilft das keinem, zweitens ist jeder Mensch per se mal so, wie er ist. Wo er hin will, muss er selber entscheiden.

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  3. Solche Diskutanden gabs auch schon vor Jahrzehnten im Maus-Netz und Usenet. Das ist nicht neu. Neu ist heutzutage höchstens, dass die technischen Hürden so niedrig sind, dass zahlreiche dieser Individuen praktisch ungehemmt ins Medium strömen.
    Damals wie heute ist die einzig sinnvolle Art, sich im Netz zu bewegen, dass man sich mit den Menschen umgibt, die einem gut tun, und alle, die einem nicht gut tun, konsequent ausblendet und wenn nötig blockt. IRL lädt man sich ja auch nicht Leute, die einem nur nerven, täglich ins Wohnzimmer ein. Es gibt keinen Grund, das im Netz anders zu handhaben.
    Meinungsfreiheit bedeutet, dass jeder seine Meinung veröffentlichen darf. Sie bedeutet *nicht*, dass jeder sie auch lesen muss!

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  4. Das bestätigt doch nur die Mentalität der Deutschen. Statt sich auf sachlicher Ebene zu begegnen, wird es emotional und persönlich. Es ist traurig, dass so viele Menschen nicht in der Lage sind, ihre subjektive Meinung zum Gegenstand der jeweiligen Diskussion wiedergeben zu können, ohne den anderen zu provozieren und öffentlich zu diffamieren. Es ist gut über Meinungs- und Interessenkonflikte via Social Media zu sprechen. Wohlwissend, dass die Antwort unter die Gürtellinie gehen kann, gerade was die aktuellen Themen betrifft. Welche Reaktion mir dann am sinnvollsten erscheint ist, nicht zu reagieren. Womöglich erregt das die Gemüter noch viel mehr. Trotzdem finde ich, dass das Gleichgewicht einer gesunden Diskussionsrunde wieder hergestellt wäre, würden sich nicht so viele Menschen entmutigen lassen und ihren Kurs halten, indem sie ihren Standpunkt deutlich machen und im Netz verbreiten. Wie sonst soll man allen Grässlichkeiten und Anfeindungen entgegnen? Ein Dislike Button wäre die eine Lösung. Einmal abwatschen und aus die Maus.

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