Rainer Maria Rilke: Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden
Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden,
in welchen meine Sinne sich vertiefen;
in ihnen hab ich, wie in alten Briefen,
mein täglich Leben schon gelebt gefunden
und wie Legende weit und überwunden.



Aus ihnen kommt mir Wissen, dass ich Raum
zu einem zweiten zeitlos breiten Leben habe.
Und manchmal bin ich wie der Baum,
der, reif und rauschend, über einem Grabe
den Traum erfüllt, den der vergangne Knabe
(um den sich seine warmen Wurzeln drängen)
verlor in Traurigkeiten und Gesängen.

Nicht zu selten hadern wir dann. So hatten wir uns das Leben nicht vorgestellt. Die dunklen Seiten wollen wir nicht, wir suchen das Licht. Nur ist es erstens eine Illusion, zu glauben, ein Leben könnte nur aus lichtvollen Momenten bestehen. Zweitens ist nicht mal sicher, ob es wirklich wünschenswert wäre.

Wer hat nicht schon mal aus einer nicht vorhergesehenen, nicht mal nicht gewünschten Situation plötzlich etwas erkannt, was ihm vorher so nicht klar war? Sind es nicht oft die problematischen Situationen, an denen wir wachsen?

Es gibt den Ausdruck „Licht ins Dunkel bringen“. Er bedeutet, dass etwas, das vorher nicht gesehen wurde, augenschaulich wird – dies auch im übertragenen Sinne. Nur: Damit Licht kommen kann, muss erst Dunkelheit herrschen. Und vielleicht ist das Licht in der Tat sogar schon da, nur sieht man es im Licht nicht, es geht unter. Wir schauen vielleicht auch nicht genau hin, strengen uns erst an, wenn es dunkel ist.

Vielleicht sind dunkle Stunden Chancen und Möglichkeiten. Wir mögen es nicht auf den ersten Blick erkennen, aber vielleicht hilft der Gedanke daran, dass es so sein könnte, sie besser zu überstehen. Und vielleicht kommen wir besser ins Licht, wenn wir daran glauben, dass es sich im Dunkel zeigen kann – wenn wir nur genau hinschauen.

Lächeln
Mein Grundbedürfnis geht nach Liebe.
Ich wünschte sehr, daß man mich liebt
Und daß mein Lächeln leben bliebe,
Wenn es mich einmal nicht mehr gibt.

Das Höchste, was man hat, ist Bindung
Durch Liebe. Ich ertrage nicht
Die mir verweigerte Empfindung.
Ich öffne allen mein Gesicht

Mit einem Lächeln. Magisch scheinen
In mich die anderen hinein.
Und ich kann sie in mir vereinen,
Und sie vervielfachen mein Sein.
Eva Strittmatter

Wenn ich Bus oder Zug fahre, fallen mir immer wieder die vielen unzufriedenen Gesichter auf. Mit starrem Blick und runtergezogenen Mundwinkeln starren sie entweder in die Luft oder aber auf den Bildschirm eines Handys. Es werden selten Blicke getauscht, geschweige denn kommen Menschen ins Gespräch. Und: Kaum ein Lächeln zeigt sich. Eigentlich traurig, denn ein Lächeln kann so viel bewirken. Bei sich und bei anderen.

Lächle einen Menschen an und er fühlt sich wahrgenommen, auf eine positive Weise. Stell dir nur mal vor, wie dich jemand anlächelt. Kommt nicht gleich ein warmes Gefühl ums Herz auf? Und spüre mal in dein Gesicht, hat sich dein Mund nicht auch gleich zu einem Lächeln bewegt nur schon beim Gedanken an ein Lächeln?

Ein Lächeln kann die Welt eines Menschen für einen Moment erhellen – und oft bleibt es dann weiter hell. Lächeln bringt Liebe ins Leben. Liebe, die wir alle so sehr brauchen. Wieso nicht einfach den Menschen um uns ein Lächeln schenken? Und wieso nicht mal in den Spiegel schauen und uns selber anlächeln? Gerade dann, wenn uns vielleicht nicht so sehr zum lachen zumute ist?

„Sei dir selbst eine Insel.“ Buddha

Gerade in schwierigen Situationen sucht man gerne Hilfe und Halt im Aussen. Menschen wenden sich Religionen zu, verschreiben sich neuen spirituellen Gruppen und hoffen, da zu finden, was ihnen abhanden gekommen zu sein scheint. Man erhofft sich Halt bei anderen Menschen, klammert sich teilweise förmlich an sie als Rettungsanker quasi.

Als Buddha kurz vor seinem Tod stand, waren seine Anhänger betrübt. Was würde aus ihnen, wenn er nicht mehr wäre? Seine Botschaften hätten klarer nicht sein können. Erstens – so der Buddha – lebe er in seinen Lehren weiter. Allerdings solle man diesen nicht blind folgen, sondern sie nur als Anstoss nehmen, selber Erfahrungen zu machen. Zweitens, und das wurde er nicht müde zu betonen, sollen sie Zuflucht zu sich selber nehmen. Sie sollen aufhören nach Dingen zu suchen, die in der Ferne liegen, denn es sei alles schon da, in ihrem Herzen. Es warte nur darauf, entdeckt zu werden.
Es hilft, die eigenen Kräfte schon in guten Zeiten zu erkennen und zu pflegen, damit sie in schwierigen da sind und wir auf sie vertrauen und bauen können. Vielleicht fragen wir uns einfach mal:

  • Was tut mir gut?
  • Wie kann ich mir selber etwas Gutes tun?
  • Was sind meine Stärken?
  • Wie kann ich mir selber Halt sein, wenn ich ihn brauche?

„Manche Leute reden sich Sorgen ein, die sie gar nicht haben.“ (Fred Ammon)

„Was wäre wenn…“ – Mit dieser Floskel fangen viele Sorgen an. Wir denken an etwas, das uns passieren könnte, malen es in allen düsteren Farben aus und sorgen uns immer mehr. Wir sorgen uns über die Folgen von etwas, das nicht eingetreten ist. Unter Umständen tritt es auch nie ein, so dass wir uns die Sorgen völlig umsonst gemacht haben. Und: Wenn es denn eintritt, machen wir uns dann die Sorgen nochmals. Wir haben uns dann nicht nur doppelt gesorgt, wir haben uns zweimal zuviel gesorgt, denn:

Wenn uns etwas Schlimmes passiert, nützen die Sorgen wenig. Sie verändern nichts zum Positiven, sie tragen nichts zur Lösung bei, sie belasten uns nur und ziehen uns runter. Statt sich also sorgenvoll zu fragen „Was soll nur werden?“ hilft die Frage „Was kann ich tun?“ mehr. Wenn ich dann etwas finde, das ich tun kann, um meine Lage zu ändern, tue ich es. Wenn ich nichts finde, suche ich einen Weg, mit dieser Lage klarzukommen, indem ich versuche, sie zu akzeptiere und das beste draus zu machen.

„Kreativität ist die Fähigkeit zu sehen (oder bewusst wahrzunehmen) und zu antworten.“ (Erich Fromm)

Jeder Mensch ist kreativ, nur haben wir oft den Zugang zu unserer Kreativität verloren. Festgefahren in Routinen oder vorgefassten Meinungen reagieren wir auf Situationen, statt aktiv hinzusehen, was ist und dann aktiv etwas zu tun.

Im bewussten Wahrnehmen dessen, was ist, steckt die Möglichkeit, Neues zu schaffen – sei es im eigenen Verhalten (quasi als Lebenskunst) oder in Form eines (künstlerischen) Werkes.

Die eigene Kreativität wieder zu entdecken, heisst, sein eigenes Leben wieder aktiv in die Hand zu nehmen und sich und die in sich angelegten Fähigkeiten und Möglichkeiten zu entwickeln. Es heisst, wieder bewusst hinzusehen, was ist und entsprechend zu handeln. Das hilft uns auch im Umgang mit anderen Menschen, da wir sie wieder offen sehen, nicht durch unsere eigenen Projektionen verstellt.

Wenn der Weg zur inneren Kreativität versperrt ist, dann sind wir wie die Menschen in Platons Höhlengleichnis: Wir sehen nur die Schatten und halten sie für die Welt. Damit beschneiden wir uns selber in unseren Möglichkeiten und unserem Sein, aber auch unsere Sicht auf die Welt und unseren Umgang damit. Spätestens wenn wir das merken oder gar darunter leiden, sollten wir das Licht suchen und den Weg zur eigenen Kreativität freischaufeln.

Das Leben ist schön. Am Weg blühen wunderbare Blumen, du musst sie nur sehen, dann wird dein Leben ein Fest. Siehst du alles schwarz? Sei achtsamer, schon wird es kunterbunt.

Wir leben in einer Zeit, die viel darauf setzt, dass wir glücklich sein müssen. Wer nicht glücklich ist, macht etwas falsch. Er hat schlicht nicht begriffen, worauf es ankommt. Er dreht zu viel in der Vergangenheit, denkt zu oft in Zukunftsplänen, verpasst das Hier und Jetzt, beachtet nicht die kleinen Schönheiten. Kein Wunder, ist das Leben so Plage. Dabei gäbe es einfache Mittel. Allheilmittel: Achtsamkeit. Mindfulness. Mitgefühl. Yoga. Und so vieles mehr. Ganze Ausbildungen schiessen aus dem Boden. Atme dich glücklich. Denke dich gesund.

Ist Achtsamkeit wirklich ein Allheilmittel? Bin ich automatisch glücklich, wenn ich achtsam bin? Wohl kaum. Wie alles im Leben, ist es auch hier: Nichts ist für jeden und alles hat Kehrseiten. Wichtig ist, was man daraus macht.

Ich kann ganz achtsam wahrnehmen, was alles passiert. Ich kann es in allen kleinen Details zerpflücken. Und mich dran aufhängen. Ich kann mich auch dem Druck aussetzen, dass ich nun achtsam sein müsste, weil Achtsamkeit glücklich macht. Und wenn ich nicht glücklich bin, dann war ich nicht achtsam genug. Ich kann von Yoga-Stunde zu Yoga-Stunde rennen, in der Hoffnung, Entspannung zu finden, wo ein Essen mit einer Freundin diese sofort gebracht hätte. Ich kann mich für einen Atem-Kurs verpflichten, welcher mir Entspannung und Gesundheit bringen soll, nur um zu merken, dass er schlicht noch ein Termin mehr in meiner Agenda ist, die sonst schon überquillt. Aber he: Es ist für die gute Sache… Ich muss doch glücklich sein. Und entspannt. Jeder kann das. Und man weiss wie.

Oder doch nicht? Sind das alles zwar keine schlechten Dinge, aber doch nicht für jeden gemacht? Sind Achtsamkeit, Atemübungen, Yoga und all das vielleicht durchaus gesund, aber nur in Massen und auch in bestimmten Grenzen? Ist stets selig glückliches Lächeln nicht doch nur eine Marketingerfindung und keine Folge der richtig eingesetzten Allheilmittelformel? Muss ich immer glücklich sein? Will ich es? Kann ich es?

Ich denke nein. Nicht dass ich gerne unglücklich bin oder leide, aber ich habe durchaus oft erlebt, dass mich Phasen des Leidens weiter brachten. Ich habe etwas gelernt. Über mich. Über das Leben. Vor die Wahl gestellt, würde ich das Leiden trotzdem gerne meiden, nur: Es gehört zum Leben dazu. Es ist die eine Seite der Medaille. Glück die andere. Es stellt sich ein, wenn mir Dinge klar werden. Nicht durch Programme. Nicht durch Begriffe. Nicht auf einem vorgefertigten Weg. Durch das pralle Leben. Mit allen Facetten.

Achtsamkeit ist toll. Das Wissen darum, dass es neben all dem Leid noch Schönes gibt, hilfreich. Es hilft, nicht im Elend zu versinken, wenn dieses zu überborden droht. Es hilft, Mittel und Wege zu haben, sich selber vor dem Ertrinken zu retten, wenn der Boden unter den Füssen schwindet. Nur: Der Boden darf ab und an schwinden. Das Leben ist ab und an schmerzhaft. Und nicht jeder muss oder kann diesen Schmerz einfach wegatmen oder auf der Matte wegturnen. Im Gegenteil: Zu wissen, dass man auch mal leiden darf, dass das Leben schlicht auch mal scheisse ist, hilft ungemein, gelassener damit umzugehen. Das Wissen, dass wir alle leiden, dass wir alle uns dabei aber wünschen, es nicht zu tun, hilft, sich nicht allein zu fühlen in dem Leid. Und es hilft, einem Menschen, der leidet, offen gegenüber zu treten und ihn nicht nur auf irgendwelche Allheilmittel zu verweisen, da eines ja nun gar nicht geht: Zu leiden.

Der Anspruch, das Leben müsste immer wunderbar sein, die nötige Achtsamkeit für das Schöne würde dabei helfen, ist eine gnadenlose Überforderung. Sie suggeriert, dass der, welcher leidet, nicht in Ordnung ist. Er hat nicht genug getan, um glücklich zu sein. Er hat sich nicht genügend angestrengt. Und dabei ist er schlicht nur eines: Am Leben. So, wie das Leben halt ist. Mit Hochs und Tiefs. Und beide dürfen sein. Damit plädiere ich nicht für ein sich Suhlen im Elend, sondern dafür, sich auch dunkle Momente zuzugestehen. Und sich dann wieder dem Licht zuzuwenden. Im Wissen, dass beides sein kann. Und ist.

Bin kein Engel,
und kein Teufel,
bin schlicht ich,
ein Sammelstück.

Häufe an,
was sich so findet
an Gedanken,
an Gefühl.

Lasse raus,
auch ungehindert,
denke nach,
oft viel zu viel.

Bin ein Buch
mit sieben Sigeln,
liege auch mal
offen da.

Bin ganz ernst und
auch oft lustig
bin mal hart und
doch zu weich.

Manchmal Kuh und
manchmal Ziege,
manchmal Huhn
und auch verrückt.

Bin mal Bettler
und mal König,
singe laut und
schweige still.

Und bei all dem
hoff ich innig,
dass ein jemand
teilt den Ritt.

©Sandra Matteotti