Auf Facebook gibt es immer wieder diese Aufrufe: Teile dieses Bild, um deine Solidarität mit den Hungernden in Afrika zu demonstrieren. Setze dein Bild auf schwarz, um dich für Frauen, die Gewalt erlebt haben, eingesetzt haben. Teile diesen Beitrag, wenn du dich für die einsetzen willst, die Krebs haben.

Und wenn nicht? Bin ich ignorant und schuld an Hungersnöten, Gewalt und Krebs? Und ja, es steht nicht nur so da, es kommt gleich noch hinterher – so von oben herab quasi: Ich weiss, dass viele es nicht tun. Und nein, man will nicht ignorieren, man will ja ein guter Mensch sein, man kann nicht einfach wegschauen.

Nur: Wenn ich das teile: Sind dann alle Erkrankten wieder gesund? Haben alle Hungernden Essen? Hört die Gewalt auf? Hat bisher nicht funktioniert und geteilt wurde fleissig. Ich denke auch, dass man was tun muss, wenn man was ändern will, aber mit solchen Methoden? Mach, was ich fordere, sonst soll dich dein Gewissen plagen? Ein Teilen sind zwei Klicks… Damit lässt sich ein Gewissen beruhigen?

Vielleicht liegt genau da das Problem….

Heute scheine ich es mit einem Beitrag mal wieder geschafft zu haben. Ich bin keinem auf die Füsse getreten. In der letzten Zeit fragte ich mich: Was kann ich noch bringen, ohne dass gleich jemand „AUAAAA“ schreit. Hilfsaufrufe für arme und geplagte Tiere gehen nicht, das Leid ist zu grausam, man kann nimmer schlafen. Harmlose Tierbilder gehen nicht, man möchte keine so zuckersüsse Welt sehen. Politische Themen gehen nicht, sagen, dass man die nun nimmer bringt aber auch nicht, da man dann ja ignorant ist.

Eigene Gedichte gehen nicht, da kommen Fragen wie „wovon lebst du eigentlich?“, bei Bildern ebenfalls, noch dazu kommt „Was jammerst du eigentlich, deine Bilder zeigen, dir geht es ach so gut! Hab dich nicht so!“

Nur kann man mit den fröhlichen Bilder dann auch nicht aufhören, denn dann heisst es „Die kannst du uns nicht nehmen, die machen uns froh“.

Musikvideos sind zu seicht oder zu anspruchsvoll, Philosophie zu hochgestochen oder banal, Yoga zu esoterisch, Religion eh für Dumme. Gott gibt es nicht und ohne Gott will man nicht mehr mit mir befreundet sein. Trotzdem ist Religionsfreiheit hochzuachten, aber nur so lange es nicht um den Islam geht. Da müsste ich mich dann doch wieder distanzieren.

Bei profanen FB-Testchen fühlen sich die einen ignoriert, weil der Test sie nicht in die Freundesliste wählte, die anderen, die drin sind, wehren sich als Revoluzzer der ersten Stunde, sie hätten nie irgendwo dazu gehören wollen.

Nur heute, heute hatte ich was, das keine Einwände brachte:

In Zukunft nur noch so bei mir!

Auf Facebook treffe ich sie immer wieder: Menschen, die wissen, was geht und was nicht. Sie definieren Kleidung, Musik und Bücher und stellen es so rein:

Leute, DAS geht gar nicht

Widerworte werden nicht geduldet. Jedes Aber wird abgeschmettert, wagt man ein nächstes, fällt man schon in die Ecke der Total-Ignoranten. Argumentieren geht gar nicht. Nicht, weil man sich über Geschmack nicht streitet, sondern: Sie haben recht. Alles Weitere ist obsolet. Und sie stehen da und glauben dran. So total.

Es gibt dann immer bewundernde Stimmen: Wow, du hast so recht. Wow, du bist so toll. Und der/die so ursprünglich Schreibende suhlt sich im Lobespfuhl und schiesst weiter auf seinem absolutistischen Pfad.

Ich finde es erschreckend. Zumal sich oft die wirklichen Argumente für oder gegen solche Absolutismen widersprechen. Sie kämpfen mit Mitteln gegen Männer, die sie bei Frauen nie gelten liessen, greifen aber Männer an, die bei Frauen genau diese Kriterien anwenden. Sie reden gegen Absolutismen, wenden sie selber an. Sie sind für freie Meinung, lassen sie nicht gelten.

Oft sind halt ganz viele Prinzipien nur Argumente, wenn diese für die eigenen Meinungen eingesetzt werden können. Und nein, ich mag das nicht. Ich habe meine Meinung, aber ich diskutiere diese, ich setze sie nie absolut. Denn:

Die Wahrheit zeigt sich immer nur im Diskurs. Im eigenen Universum dreht man im Kreis.

Heute stiess ich auf Facebook auf einen Beitrag eines „Freundes“. Ich gebe zu, ich hatte keine Ahnung, wer das war und wie ich zu der Ehre der Freundschaft gekommen war, aber das sah ich nun: Ein Bild, das er irgendwo kopiert hatte. Zwei sich küssende (wirklich attraktive) Männer. Er schrieb dazu, er fände das widerlich. Die Kommentare schlugen in die gleiche Kerbe. Zwei Männer gingen gar nicht. Liebe sei nur Mann und Frau, alles andere sei pervers. Da wurden Menschen aufgrund ihrer sexuellen Ausrichtung als WIDERLICH (sorry, ich muss das deutlich sagen) bezeichnet.

Ich habe das angeklagt. Ich schrieb einen eigenen Post und sagte, dass ich ein solches Verhalten nicht akzeptiere. ich sagte, dass ich keine Homophoben Menschen in meiner Freundschaftsliste haben will. Ich sagte, dass es nicht angehe, Menschen wegen ihrer religiösen, sexuellen Ausrichtung, Herkunft oder Hautfarbe abzuwerten. Ich wurde angegriffen. Und zwar massiv.

Ich bin aktuell geschockt. Und nachdenklich. Ich bin geschockt, wie viele sich für eine Meinungsfreiheit bei menschenverachtendem Tun einsetzten. Wie ich angegriffen wurde, weil ich Menschen in ihrer Würde, ihrem Sein schützen wollte.

Ich sei ein Ignorant, weil ich mich für Menschenrechte einsetzte. Die Meinungsfreiheit wurde ins Feld geführt, nicht wissend wohl, dass die Menschenwürde, die angegriffen wurde, höher steht. Und: Meinungsäusserungsfreiheit wurde für Diskriminierung, Abwertung geltend gemacht, wo diese doch zum Schutz der Menschenwürde und des Antirassismus einst eingeführt wurde – das mutete schon fast skurril an.

Ich stehe weiter dazu: Ich bin gegen Rassismus, gegen Diskriminierung, gegen Pauschalverurteilungen aufgrund von Herkunft, Religion, sexueller Ausrichtung, Hautfarbe. Wenn das Intolerant ist, dann bin ich das.

Wie schön war FB, als die Leute noch schrieben, was sie dachten. Heute machen sie Livevideos. Früher hiess es also:

„Hallo liebe Leute, ich habe die ultimative Geschäftsidee für euch. Klickt auf den Link und schon seid ihr dabei.“

Heute hört sich das dann so an:

„Hallooooo, ihr Lieben – hallo Ulli, hallo Bianca – ach, der Björn ist auch da, schön, dich zu sehen…. Also hallooooo zusammen. Ich habe ja heute gerade auf FB – hallo Erika – eine Unterhaltung gesehen,“

*naseputzt,

„da ging es um die liebe Arbeit“

*Augenbrauehochziehundernstguck

„Ein schwiiiiiieriges Thema. Und: So wichtig. Nuuuun. Ich habe da – hallo Klaus, hast du es auch noch geschafft? Toll – Ich mag ja diese Livevideos, man ist so nah dran und es ist eine direkte Weise, Menschen zu erreichen. Also. Arbeit. Wir alle haben sie“

*naserümpf

„und lieben sie wohl eher selten. Aber – hier kommt die gute Nachricht“

*indiekamerastrahl

„Ich kann euch helfen. – Hallo Laura. Das Wetter hier ist übrigens toll, seht ihr das?“

*schwenkteinmalumdieeigeneachse

Zu dem Zeitpunkt bin ich eingeschlafen, sorry, ich kann euch nicht sagen, wie es mit dem tollen Video weiterging.

Was ich ab und an bei FB so liebe? Menschen, die ein Wort hinschreiben. So ein vieldeutiges. Es können auch viele Worte sein, vieldeutige, die aber irgendwie nichts aussagen, nur was ganz diffus erahnen lassen. So Andeutungen, die keiner versteht. Vor allem keiner, der nichts weiss. Einige wissen vielleicht was. Die zeigen sich dann als Eingeweihte. Sie sind quasi die Insider des Mysteriums.

Fragt man nach, kommt:

Ich will nichts drüber sagen.

Ja mein Gott, ich wollte es gar nicht wissen. Hätte man nix gesagt, wäre keine Frage gekommen. Fragt man nicht, hiesse es, man interessiere sich nicht. Aber:, Wieso also muss man ein diffuses Wort hinschreiben? Was will man damit bezwecken?

Ich könnte jedes Mal kotzen. Und würde am liebsten entfreunden, blocken, durchatmen. Aber. Ich bewahre Contenance. Denke mir „da will sich wer wichtig machen“ und gehe weiter. Aber: Doof finde ich es….und ich verstehe es nicht. Was bringt das demjenigen? Ist das ein Gewinn? Fühlt man sich mysteriös? Man müsste ja denken, andere hätten kein Leben, die würden dann am Computer sitzen und sich die Kopfhaut blutig kratzen beim Versuch, das Rätsel zu lösen?! Sind sie so wichtig? Andere so klein – aus ihrer Sicht? Sympathisch finde ich das nicht.

Was ich noch dazu sagen möchte: Das Verhalten mag doof sein, es unterstützt aber auch noch eine Tendenz: Sich nicht mehr zu interessieren. Man liest Andeutungen, geht drüber weg. Vielleicht auch mal bei wem, dem es schlecht geht, der Hilfe bräuchte. Weil: Man wird durch diese selbstverliebten Mysteriumsbauer darauf trainiert, nicht nachzufragen, weil es schlicht nix bringt, als ein Ego noch mehr aufzubauen. Und DAS finde ich wirklich traurig.