Das Tattoo

Claudia wusste: Nun war es soweit, nun musste eines her. Sie machte nun schon seit vielen Jahren Yoga, in der Szene hatten alle Tattoos. Also viele. Also eigentlich war egal, wer eines hat, sie wollte eines. Zwar sagte sie schon lange, dass sie gerne eines hätte, aber den Schmerz scheue und nicht wisse, was genau und wo, aber so ganz durchringen konnte sie sich nie. Das war nun anders. Sie wusste genau, was es sein sollte. Und sie wusste auch, wo es hin musste:

  • Ein Schriftzug auf den Fussrist
  • Ihr Logo auf den Deltoid (sorry, Fachgesimpel: Schulter-Oberarm)
  • Ein Om-Zeichen auf den Knöchel
  • Ein Schriftzug auf den inneren Oberarm
  • Ein Schriftzug auf den Nacken

Weitere sollten folgen – natürlich eines nach dem anderen, aber begonnen würde mit dem Fuss.

Nachdem das nun mal klar war, ging es darum, den richtigen Tätowierer zu finden. Wer könnte besser helfen als Facebook? Claudia startete also eine Umfrage und erhielt fast so viele Namen wie Antworten kamen. Aber: Ein Name kam mehrfach, den wollte sie. Der Zufall wollte es, dass der auch gleich um die Ecke von ihr war – umso besser. Claudia griff kurz entschlossen zum Hörer (sich innerlich selber über ihre Entschlossenheit freuend).

Nach kurzem klingeln hob Matteo ab. Der gewünschte Tätowierer sei leider in den Ferien, ob auch ein anderer gehe. Claudia verneinte. Matteo wollte in einer Woche wieder anrufen, dann sei der Körperkünstler zurück. Die Zeit verrann, auch der versprochene Termin für den Rückruf. Eines Tages klingelte das Telefon. Matteo. Sie könnten nun einen Termin abmachen. Claudia schluckte leer. Das kam nun doch sehr unvermittelt. Leicht stotternd meinte sie: „Super, machen wir……. wann?“

Matteo: „Morgen?“

Claudia:…..

…. ….. …

…. …. ….

Claudia: „Nein, morgen kann ich unmöglich!“

Matteo: „Ok, Montag in 2 Wochen.“

… … …

Claudia schluckt (wohl laut hörbar) und sagt (leicht zögerlich): „Ok, prima, das passt.“

Matteo: „Gut, dann buch ich dir den Termin bei Raffael, du musst nur eine Vorauszahlung machen – online oder kommst du vorbei?“

Claudia (noch immer mit ganzer Froschfamilie im Hals): „Öhm, also, ich denke, also…wohin müsste ich kommen?“

Matteo: „Na, in die Filiale XYZ.“

Claudia überlegt… Aus ihrer Recherche wusste sie, dass ihr gewünschter Stecher (also mit Tinte) nicht in der Filiale agierte.

Claudia: „Wer ist der Tätowierer?“

Matteo: „Raffael – deiner ist krank, wir wissen nicht, wann er wieder da ist.“

[Regieanweisung: Ein (ganz bestimmt gut hörbarer) Plumps des Steins, der von Claudias Herzen fiel.]

Mit dem Grundton der Überzeugung sagte Claudia resolut: „Nein, einen anderen Künstler lasse ich nicht an meine Haut! Ich wünsche ihm gute Besserung und ruft wieder an, wenn er gesund ist.“

Matteo versprach, das zu tun. Claudia kriegte erstmals seit dem Anfang des Telefonats wieder gut Luft.

11 Gedanken zu “Das Tattoo

    • Ich bin noch gut dabei als Individuum. Er ist ja krank. Und ich ne Memme. 😉 Und so unentschlossen. Und ein Tattoo so endgültig. Wer weiss, was morgen kommt. Zwar würden mir alle Sprüche dann noch gefallen (sind Rilke-Zitate und Sanskrit-Verse…), aber… ach, es gibt immer ein Aber.

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      • Soso… und welche Sprüche, die Du vor 10, 20, 30 … achnee, Du bist ja erst 29 😉 … Jahren für unumstösslich gehalten hättest, so dass Du sie auf ewig auf Deiner Haut hättest tragen wollen („Forever Love XY“, Name der Lieblingsband, des Lieblingshunds … whatever …) … welche dieser Sprüche oder Namen würdest Du heute noch gern dort sehen? Und warum sollte sich Deine Auffassung von heute in den nächsten 10, 20, 30, 40, 50 Jahren nicht mehr ändern? Das bedeutete ja einen sehr weitgehenden Stillstand … und den wünsche ich niemandem. (Als unterhaltsamen Kommentar dazu empfehle ich https://www.youtube.com/watch?v=W455NG8Tovs ;-))

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        • Rilke geht immer – für mich… die Zeile aus seinem Gedicht ist mein Lebensmotto, daher wäre das sicher nie veraltet. Sat-chit-ananda ist auch unumstösslich. Du siehst… ich bin relativ sicher 😉

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          • tja, also doch: „Alles ist relativ.“ … dann passt doch am besten Heraklits „Panta rhei“ – erst recht für eine Philosophin, oder? (Nur dass durch das Tätowieren – bis auf ein paar altersbedingte „Erschlaffungserscheinungen“ – gerade diesem „fliessenden“ Spruch dann „ewige“ Dauerhaftigkeit verliehen wird … irgendwie paradox … oder schon (Hegel’sch) dialektisch? Wer weiss … Ich halte das Tätowieren jedenfalls für eine (sorry: lächerliche) Mode. In meiner Jugend waren nur Gefängnisinsassen und Seeleute tätowiert … jetzt ist es Mainstream … und irgendwann wieder so ein Merkmal wie „Oh Gott, der Junge heisst Kevin!“ – nix für mich. Und ich finde: auch nix für Dich 😉

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