Es lebe der Unterschied

Gleichheit und Gleichberechtigung sind Themen, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten viel diskutiert wurden und für deren Erreichen (auf verschiedenen Ebenen) grosser Einsatz geleistet wurde. Dies sicher zu recht. Allerdings wurde im Zuge dieser Aktionen aus einem Bestreben, die Menschen als gleiche zu sehen, eine Gleichmacherei. Man verwechselte die Gleichheit des Menschen qua seines Mensch Seins mit einer Ausmerzung jeglicher Unterschiede, mit einer Gleichförmigkeit.

Erich Fromm definierte Gleichheit folgerichtig:

Gleichheit bedeutete, dass jeder von uns die gleiche menschliche Würde besitzt trotz aller bestehenden Unterschiede;*

Sie bedeutet aber nicht, dass wir alle gleich sind im Hinblick auf unsere Anlagen, Eigenschaften, Bedürfnisse und Möglichkeiten. Geht man davon aus, kommt man zum Schluss, dass für jeden Menschen die gleichen Bedingungen geschaffen werden müssen, jeder Mensch denselben Weg einschlagen müsse, da es nur einen richtigen gibt. Das zeigt sich schon in den heutigen Schulsystemen, welche nach dem 7G-Prinzip funktionieren:

Gleichaltrige Schüler, haben beim gleichen Lehrer im gleichen Raum zur gleichen Zeit mit den gleichen Lehrmitteln die gleichen Ziele gleich gut zu erreichen.**

Daraus resultieren ganz viele Kinder, welche mit der Schule nicht klar kommen, welche es nicht schaffen, ihre Fähigkeiten zu entwickeln, welche sogar zu Lernkranken oder Lerninvaliden werden. Viel besser wäre doch, Kinder (und eben auch Erwachsene) in ihrer Individualität wahrzunehmen und auf sie abgestimmte Wege zu entwickeln. In der Schule könnte man von 8V-Unterricht sprechen:

Wir gelangen auf vielfältigen Wegen mit vielfältigen Menschen an vielfältigen Orten zu vielfältigen Zeiten mit vielfältigen Materialien in vielfältigen Schritten und mit vielfältigen Ideen in vielfältigen Rhythmen zu gemeinsamen Zielen.***

Dahinter steht eine Haltung: Menschen sind Menschen und als solche individuell. Zwar haben sie als Menschen gleiche Werte und Rechte und sollen auch die gleichen Möglichkeiten, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und die gleichen Chancen, die auszuleben, erhalten.**** Das Ziel eines jeden Menschen ist wohl, das eigene Leben zu meistern und es als ein gutes Leben zu empfinden. In der Schule haben wir einen Lehrplan mit Kompetenzen, die am Schluss der Schullaufbahn auf jeder Stufe erreicht werden müssen. Das sind die gemeinsamen Ziele. Nur: Die Wege dahin sind individuell, da Individuen sie gehen.

Wenn wir nun wollen, dass alle gleich sind, auf gleiche Weise handeln, dies im gleichen Tempo tun sollen, und so weiter: Dann pressen wir Menschen in Schemen, in die sie schlicht nicht passen. Nur:

Was ist die Alternative?

Und:

Wie soll das umgesetzt werden?

Die erste Reaktion in Schulen ist meist: Das klappt bei uns nicht, das können wir nicht leisten.

Bezogen auf die Philosophische Praxis heisst das, dass es nicht einen Weg gibt, sich selber zu erkennen, die eigenen Probleme und Unsicherheiten zu analysieren und Haltungen, damit umzugehen, zu entwickeln. Jeder Mensch hat andere Fähigkeiten und Stärken, baut auf anderen vorhandenen Ressourcen und Möglichkeiten auf. Es gilt, den einzelnen Menschen sich mit seinen Stärken und Anlagen kennenzulernen und dann gemeinsam einen Weg zu finden, der dem einzelnen Menschen entspricht.

Das geht auch in einem System, konkret in einer Schule. Es bedingt aber eines Umdenkens. Aus einem distanzierten Lehrer-Schüler-Verhältnis heraus funktioniert das nicht. Es bedingt eine Beziehung, ein „In-Beziehung-Treten“, bei welchem sich beide Seiten öffnen und vertrauen. Es funktioniert nicht mit Frontalunterricht, wo einer das Wort hat, die anderen nur zuhören. Es funktioniert dann, wenn neue Wege beschritten werden, Schüler in ihrer Autonomie als Menschen und als Lernende wahrgenommen und unterstützt werden, Lehrer keine Befehlshaber sondern Begleiter sind.

Immer mehr Kinder leiden. Sie entwickeln Ängste, Depressionen, bringen sich gar um. Es gibt Lernverweigerer, Schulverweigerer, so genannte Schulversager. Kinder fallen durch die Netze. Die alten Netze scheinen zu grosse Löcher zu haben. Wir müssen neue knüpfen, um wieder die auffangen zu können, um die es geht: Die Kinder. Sie sind es, die unsere Gesellschaft in die Zukunft führen.

Wie wollen wir diese Zukunft haben?

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* Erich Fromm, Der kreative Mensch
** Peter Fratton, Lass mir die Welt, verschule sie nicht
*** Peter Fratton, Lass mir die Welt, verschule sie nicht
**** Es sei hier auf die Gerechtigkeitstheorie Amartya Sens und auch Martha Nussbaums verwiesen. Sie weiter auszuführen, würde den Rahmen hier sprengen.

Die Verantwortung der Pädagogen

„Die Verantwortung Konflikte zu vermeiden, obliegt den Politikern; diejenige, einen dauerhaften Frieden zu begründen, den Pädagogen.“ (Maria Montessori)

In einem Schulhaus, das für Gewalt und sogar sexuelle Übergriffe bekannt war, reagierte die Schulleitung prompt: Es wurde ein Gewaltpräventionsexperte ins Haus geholt, der einen Vortrag hielt, und es gab eine Kleiderordnung: Keine grossen Ausschnitte, keine kurzen Röcke, nicht mehr bauchfrei. Man hat sich also auf die Symptome gestürzt und diese zu eliminieren versucht. Natürlich versuchte man auch Ursachen für die Gewalt zu benennen, zuerst wurden immer fremde Mentalitäten und dementsprechende Handlungen genannt.

Das mag durchaus dazu beitragen, ist aber in meinen Augen auch nur die Oberfläche. Wieso reagiert man mit Gewalt auf andere? Doch weil man sich vom anderen abgegrenzt fühlt. Man fühlt keine Verbindung und kann ihm drum Gewalt antun. Fühlte man die Verbindung, wäre Gewalt keine Option, denn man würde sich selber damit schaden. Um eine Verbindung aufzubauen, muss man in Beziehung treten. Es reicht nicht, einfach im selben Klassenzimmer zu sitzen und dem gleichen Lehrer bei der Vermittlung des für alle gleichen Stoffes zuzuhören, den man dann zu Hause durch Hausaufgaben alleine verarbeiten muss.

Beziehungen spielen im Klassenzimmer eine grosse Rolle. Nicht nur hat Hattie in seiner gross angelegten Studie herausgefunden, dass für den Lernerfolg die Lehrperson und nicht zuletzt die Beziehung zu dieser ausschlaggebend ist (und erst viel später die Fachkompetenz und –vermittlung), eine Studie der ETH und der Cambridge und der Toronto University kamen zudem zum Schluss, dass eine gelingende Beziehung zwischen Lehrer und Schülern auch das Gewaltpotential an Schulen mindert.

Was können uns solche Studien lernen? Was sollten Pädagogen und vor allem Bildungsbehörden daraus lernen? Statt immer weiter auf Fächerunterricht zu setzen, bei welchem dem Lehrer immer weniger Zeit für eine gelebte Beziehung zu seinen Schülern bleibt, wäre es an der Zeit, mehr Zeit auf Werte zu setzen. Es wäre dringend nötig, Lehrern die Möglichkeit zu geben, mit ihren Schülern in Beziehung zu treten und sie dann auf ihrem Lernweg zu begleiten. Statt also Stunden mit Frontalunterricht zu verschwenden, welcher aufgrund der unterschiedlichen Bedürfnisse und Anlagen der einzelnen Schüler für viele nicht das Passende bietet, wäre es wichtig, den Schülern einen Bezugsrahmen zu geben, sich das Wissen selber anzueignen, im Wissen, dass sie auf jemanden zurückgreifen können, wenn sie anstehen. Das verstärkte Setzen auf Kooperation sowohl auf der Schüler-Lehrer-Ebene wie auch unter den Schülern, würde dazu beitragen, ein Beziehungsnetz aufzubauen, welches nicht nur dem Lernerfolg zugute käme (siehe Hattie), sondern auch die Aggressionen an Schulen eindämmen würden.

Und: Auf diese Weise legte man eine Basis für das weitere Sozialverhalten der Kinder, welches der Welt, in der sie später die entscheidenden Faktoren sind, nur gut tun würde.

Das sokratische Gespräch in der Schule

 

Die Fragen sind es,
aus denen das, was bleibt, entsteht.
Denk an die Frage jenes Kindes:
„Was tut der Wind, wenn er nicht weht?“
(Erich Kästner)

Weshalb, wieso, warum?
Philosophieren heisst, Fragen zu stellen. Kinder sind Philosophen der ersten Stunde. Alles ist spannend, weil sie nicht denken, schon alles gesehen zu haben, weil sie nicht glauben, alles bereits zu wissen. Wenn Kinder Fragen stellen, neigen wir dazu, sofort Antworten zu geben. Schliesslich wollen wir dem Kind helfen, seine Wissenslücken zu füllen. Nur: Damit beenden wir mit einem Schlag das Philosophieren des Kindes. Ohne sich selber Gedanken zu machen, erhielt es eine Lösung.

Vorgefertigte Antworten beenden mit einem Schlag das eigene Nachdenken – und damit das Philosophieren des Kindes. Nur wo keine vorgefertigten Antworten warten, können freie Köpfe grenzenlos denken.

Wieso also nicht statt einer Antwort die Frage hinterfragen? Dadurch wäre das Kind herausgefordert, selber zu denken, seine Phantasie spielen zu lassen, sich Möglichkeiten auszumalen und kreativ zu werden. Nicht nur käme so ein spielerischer Prozess in Gang, das Kind würde zudem im eigenen Denken bestärkt, könnte lernen, diesem mehr zu vertrauen und es fühlte sich mit dem eigenen Denken auch ernst genommen.

Philosophieren so verstanden stellt eine Methode dar, an die Dinge heranzugehen. Kinder lernen, dass das eigene Denken wichtig ist und ernst genommen wird. Sie lernen auf ihre Selbstwirksamkeit vertrauen, entwickeln Selbstvertrauen dadurch, dass sie ernst genommen werden und auch realisieren, dass sie im Dialog Antworten selber herleiten können. Als Lehrer kann man das fördern: Durch das sokratische Gespräch.

Das sokratische Gespräch
Als sokratisches Gespräch bezeichnet man einen Dialog zu einem Thema, einem Gegenstand. Das Ziel ist, durch immer wieder neues Hinterfragen der gefundenen Antworten tiefer zu stossen und gemeinsam zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Diese sind nie in Stein gemeisselt, sondern immer nur vorläufige Ergebnisse, die immer auch wieder neu hinterfragt werden können.

Namensgeber des sokratischen Gesprächs war der griechische Philosoph Sokrates, der tagein tagaus über den Marktplatz schlenderte und mit Menschen Gespräche führte. Die behandelten Themen waren vielfältig, die Methode der Gesprächsführung haben wir durch Platons Schriften (mehrheitlich Dialoge) kennengelernt: Jemand tritt mit einer Frage an Sokrates heran, die dieser für seine Klugheit bekannte Philosoph beantworten soll. Doch anstatt einfach eine pfannenfertige Antwort zu liefern, fragt er nach und bewirkt damit, dass der Fragesteller seine Frage selber bedenken und eine Antwort finden muss. Auch diese Antwort stellt Sokrates wieder in Frage, was zu weiterem Nachdenken und mitunter zum Anpassen der vorherigen Antwort führt.

Leonard Nelson, ein Göttinger Philosoph, hat diese Methode des Philosophierens anfangs des 20. Jahrhunderts als Sokratisches Gespräch benannt und fortan in weiten Kreisen – auch in der Pädagogik – propagiert. Durch gemeinsames Argumentieren soll ein Problem umkreist werden und gemeinsam nach einem Konsens über die Wahrheit darüber gesucht werden.

Die sokratische Methode verlangt von allen Beteiligten die Offenheit, die eigene Meinung in Frage zu stellen. Sie bedingt, dass sich die Gesprächsteilnehmer gegenseitig ernst nehmen und verstehen wollen. Es geht weiter darum, offen die eigenen Überzeugungen und Zweifel zu erläutern:

„Ehrlichkeit des Denkens und Sprechens.“

lautet Nelsons Devise.

Das sokratische Gespräch in der Schule
Sokratische Gespräche können sowohl zwischen Schülern wie auch zwischen Lehrern und Schülern stattfinden. Wichtig ist, dass sich alle Beteiligten auf Augenhöhe begegnen. Der Lehrer ist also nicht der, welcher mehr weiss, er ist genauso Teilnehmer am Gespräch wie die Schüler und unterliegt denselben Bedingungen, die für einen solchen Dialog notwendig sind:

• die Hinwendung eines Menschen als Ganzes zum anderen als Ganzer
• Begegnung auf Augenhöhe
• die Bereitschaft, sich selber einzubringen
• Authentizität in Wort und Gefühl
• direkte Reaktion statt vorgefertigte Meinungen
• Alle Themen und Meinungen dürfen thematisiert werden
• Wirkliches Zuhören
• Gegenseitiger Respekt
• Offenheit
• Verantwortung übernehmen
• Gegenseitiges Lernen
• Mitgefühl

Es kann anfänglich allerdings sinnvoll sein, wenn der Lehrer (oder ein dazu bestimmter Schüler) darauf achtet, dass das Gespräch nicht zu sehr abschweift – es sei denn, das sei gewünscht und sinnvoll.

Sokratische Gespräche zwischen Schülern können dazu dienen, dass die Schüler miteinander im Austausch Themen und Fragestellungen erarbeiten. Der offene Austausch hilft dabei, die begrenzte Sicht des Einzelnen aufzubrechen und weitere Sichtweisen kennenzulernen. Dadurch können (Denk- und Sicht-)Grenzen erweitert und neue Erkenntnisse gewonnen werden.

Bei sokratischen Gesprächen zwischen Lehrern und Schülern passiert grundsätzlich dasselbe. Die Form der Gesprächsführung kann aber – im Gegensatz zu einem Frontalunterricht mit Lehrer-Schüler-Hierarchie – dazu beitragen, eine neue Beziehungsebene zwischen Lehrern und Schülern zu fördern, welche auf mehr gegenseitigem Respekt und Vertrauen basiert.

Bilden statt ausbilden

Kinder kriegen Depressionen, Lehrer Burnouts. Kinder hassen die Schule, Lehrer denken am Sonntag Abend mit Bauchweh daran, am nächsten Morgen wieder zur Arbeit zu gehen. Dabei ist es im heutigen Schulsystem so einfach: Es gibt einen Lehrplan, an den hat sich der Lehrer zu halten, und der Schüler muss die darin enthaltenen Punkte nach Vorgabe und in der dafür vorgesehenen Zeit abarbeiten, dabei die als solche bestimmten genügenden Bewertungen erhalten. Tun sie das nicht, werden sie vom Lehrer abgemahnt, im System zurück gestellt, von den Eltern gescholten. Hätten sie sich bloss mal mehr angestrengt und ins System gepasst. Es wäre so einfach!

Nur: Wenn es so einfach ist, wo also liegt das Problem? Wieso leiden Kinder und Lehrer? Welche Rolle spielen die Eltern? Welche Rolle spielen alle in diesem Schulsystem und wer hat diese Rollen definiert? Nach welcher Massgabe?

Das heutige Schulwesen mit seinen Bildungsplänen hat es sich zur Aufgabe gemacht, durch zweckdienliche Selektion für die Privatwirtschaft funktionierende Arbeitskräfte zu generieren. Es geht nicht um die Ausbildung von individuellen Fähigkeiten und Talenten oder gar die Möglichkeit des Einzelnen, ein gutes Leben zu führen. Es geht darum, wie man Menschen für die ökonomischen Anforderungen passend macht. Dazu werden Hierarchien von Bildungsstufen definiert, deren höchste die ist, bei welcher die Schüler am längsten in den Schulbetrieben sassen. Die mit den weniger langen Schulwegen sind damit in den Köpfen und in der Bewertung unterlegen. Sie werden dann Pflegepersonal für kranke Menschen, Maurer, damit die Menschen, sind sie nicht grad krank und in Pflege, ein Dach über dem Kopf haben.

Mein Sohn fragte mich mal, als er noch klein war, wieso ein Maurer weniger verdient als ein Architekt. Schlussendlich könnten wir nur in einem Haus wohnen, weil ein Maurer die Mauern hingestellt habe. Es seien doch also beide wichtig, um ein Haus zu bauen.

Wir leben in einem System, in dem das nicht so gesehen wird. Der Architekt, der das Haus zeichnet, verdient mehr, als der Bauleiter, welcher den Bau desselben überwacht. Dieser verdient wiederum mehr als der Maurer, der Stein auf Stein legt. Und alle verdienen sie wohl meist weniger als der Banker, der darüber entscheidet, ob Geld für den Bau fliessen darf oder nicht. Und: Geld ist wichtig. Und es zählt was. Darum ist so wirklich toll nur der, welcher entscheidet, wer den Kredit kriegt, um das Haus überhaupt bauen zu können.

Wer also was sein will in dieser Welt, sollte sich gut ausbilden. Nach Norm und Lehrplan. Er muss dazu Tonnen an unnützem Wissen in den Kopf stopfen, nur um es gleich nach der hoffentlich erfolgreich bestandenen Prüfung wieder zu vergessen. Er lernt schon früh, dass die Mitschüler Konkurrenten sind, weil der Notenschnitt mathematisch verschlüsselt, nicht nach Fähigkeiten eruiert ist.

Unsere Schulen bilden nicht mehr aus, sie stellen Arbeitskräfte nach Bedarf und in der Wertigkeit klar unterteilt zur Verfügung. Wer nicht passt, wird passend gemacht, klappt das nicht, fliegt er. Erst vor die Tür, später in Therapien, dann in Sondersettings, notfalls aus der Schule. Was nicht sein darf, kann nicht sein. Schliesslich hat man einen Lehrplan zu erfüllen. Kinder müssen Sinuskurven berechnen und Infinitesimalrechnungen bewältigen können. Sie müssen wissen, wie ein Vogel sein Gefieder einfettet und welcher Baum in Nachbars Garten steht. Sie müssen Schillers Glocke aufsagen können und alle Flüsse Uruguays blind in einer Karte eintragen. Das ist heute Bildung. Man streicht dann lieber Sport und Kunst (bei Platon begänne da die Schulbildung erst. Nur, wer das in sich aufgenommen hat, kommt weiter auf dem Bildungsweg. Doch das ist eine andere Geschichte und die hat in diesem Artikel keinen Platz.), die taugen nichts, um noch ein wenig mehr chemische Formeln reinzupacken. Alles, was der Seele gut tut und das Leben und selber Denken und Tun befördert, streicht man aus den Lehrplänen, um das passive Gehorchen und Erfüllen aufs Podest zu heben.

Und dann stehen wir in dieser Welt und fragen uns, wieso sie so krank ist. Wir fragen uns, wieso immer mehr Kinder an Depressionen leiden, wieso sich Kinder umbringen, weil sie keinen Sinn mehr sehen im Leben – kein Auskommen mit ihm. Kinder! Wir fragen uns, wieso wir uns als Erwachsene nicht wohl fühlen in diesem Hamsterrad, für das wir doch all die Infinitesimalrechnungen, Formeln und Glocken-Gedichte auswendig gelernt haben und dann mit Burnout aussteigen.

Und: Wir fragen uns, wieso Lehrer selber mit ihrer Aufgabe nicht mehr leben können, sie oft nach wenigen Jahren aufgeben, aufgeben müssen. Weil alles ein Kampf ist, weil das Geradebiegen von Menschen schlicht kaputt macht. Alle Beteiligten.

Rousseau beschrieb den Menschen als „edlen Wilden“, der durch die Zivilisation verdorben würde. Besonders erfolgreich im Verderben ist die Erziehung. Sollte sie eigentlich dem Kind zur Fähigkeit der Selbstbestimmung verhelfen, nimmt sie ihm die natürliche Unbefangenheit und legt es quasi – wie der Staat nach Rousseau auch – in Ketten.

Kinder müssten geschützt werden, so Rousseau, sie müssten ihre eigenen Erfahrungen machen dürfen und sich nicht in Normen und Zwängen der Erwachsenenwelt wiederfinden. Rousseau ist sicher nicht unumstritten. Er stellte hohe Ansprüche in den Raum, denen er selber im eigenen Leben nicht folgte, gewisse Ansichten klingen auch sehr naiv und verklärend, aber: Statt sich auf die Unzulänglichkeiten zu konzentrieren, wäre es zweckdienlicher, sich den durchaus sinnvollen Postulaten zu widmen und zu sehen, wie es heute darum steht. Die Antwort ist ernüchternd: Nicht zum Besten.

Wir haben seit Rousseau nichts gelernt. Wann werden wir es tun? Schon John Locke meinte, dass der Mensch als „Tabula Rasa“ auf die Welt kommt (man sollte ein bisschen Gen-Material durchaus mit berücksichtigen). Alles, was dann kommt, lernt er aus Erfahrungen, durch sein Umfeld, vom Leben. Wir hätten eine Verantwortung und wir hätten es in der Hand, es besser zu machen. Es wäre an der Zeit.

 

Erziehung heute – oder: Gegen die menschliche Natur

Wenn Kinder zur Welt kommen, herrscht landläufig Einigkeit darüber, dass diese erzogen werden müssen – schliesslich sollen sie Mitglieder einer Gesellschaft werden und sich darin auch bewegen können. Erziehung geht immer von der menschlichen Natur aus, vom Verständnis davon, wie diese ist, und wird dann verstanden als die Möglichkeit, Menschen in einer bestimmten Art und Weise zu formen, um sie dadurch zu sozialisieren.

Es liegt auf der Hand, dass man, um den Menschen in einer ihm in seinen Anlagen entsprechenden Weise zu erziehen, von einer Frage ausgehen muss, die zugleich die wohl zentralste in der Philosophie ist:

Was ist der Mensch?

Nun driften schon die Ansichten darüber, was der Mensch von seiner Natur her sei, auseinander. Die Bandbreite reicht vom in seinen Anlagen bösen Wesen (Homo homini lupus est) über die neutrale Sicht (tabula rasa) bis hin zum in den Grundzügen guten Menschen. Nimmt man nun noch die kulturell unterschiedlichen Ansichten dazu, wie ein sozialisierter und in die jeweilige Kultur und Gesellschaft passender Mensch zu sein hat, verwundert es nicht, dass man sich mit einer grossen Bandbreite an möglichen Erziehungsmodellen konfrontiert sieht.

Betrachtet man die heutige Gesellschaft, scheint der Mensch ein Rad in einer Maschine zu sein, ein Leistungserbringer in einer immer mehr fordernden Maschinerie. Er wird von aussen danach beurteilt, wie gut seine Leistungen sind, wie stark er sich in die für ihn vorgesehene Struktur einpassen kann. Es liegt auf der Hand, dass der Mensch selber sein Selbstbild auch davon abhängig macht, zumal Menschen immer auch von der Bestätigung von aussen abhängig sind in ihrem Selbstbild.

Immanuel Kant stellte einst folgende Maxime auf:

„Handle so, daß du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.“*

Diese Maxime erfüllen wir in unserer heutigen Gesellschaft und den von ihr geprägten Blick auf die Natur des Menschen definitiv nicht. Das ist nicht neu. Die Tendenz, den Menschen und seine Natur und damit die in ihm angelegten Möglichkeiten nach den Bedürfnissen der Gesellschaft zu definieren, auf welche der Mensch durch Erziehung ausgerichtet werden sollte, liegt auf der Hand. Durch die sich immer wieder wandelnden gesellschaftlichen Bedürfnisse änderte dadurch auch die Ansicht über die Natur des Menschen.

Nun sind Lebewesen zwar in der Tat anpassungsfähig, dadurch sichern sie ihren Fortbestand in sich verändernden Umgebungen, allerdings ist diese Anpassungsfähigkeit nicht beliebig und schon gar nicht durch äusserlichen, der wahren Natur entgegenlaufenden Zwang zu bewirken. Gewisse Faktoren der menschlichen Natur sind unveränderlich, so zum Beispiel die notwendige Befriedigung bestimmter körperlicher Bedürfnisse oder der Bedarf an zwischenmenschlichen Beziehungen zur Vermeidung der seelischen Vereinsamung. Daraus resultiert ein Menschenbild, das zwar in gewissen Belangen durchaus formbar ist durch äussere Faktoren, das aber der Rücksicht auf die in der menschlichen Natur angelegten unveränderlichen Anlagen bedarf.**

Lebendige Systeme streben immer danach, sich zu vervollkommnen, die in ihnen angelegten Möglichkeiten zur Verwirklichung zu bringen. Der Mensch bildet da keine Ausnahme. Dies sieht man schon bei kleinen Kindern, die zuerst nur auf dem Rücken liegen, schon bald aber ihre Möglichkeiten ausbauen wollen, um sich fortzubewegen. Was auf einer körperlichen Ebene so deutlich sichtbar ist, passiert auch auf der von aussen weniger sichtbaren geistigen Ebene. So gesehen kann man also davon ausgehen, dass der Mensch (dazu)lernen will, dass Lernen in seinen Anlagen steckt, man ihn nicht erst dazu erziehen muss.

Das sieht die heutige Schule anders. Sie will Kinder dazu bringen, das für sie Wichtige und (vermeintlich) Richtige zu lernen. Das tut sie mit der menschlichen Natur nicht angemessenen Strukturen und Mitteln. Sie füllt kleine Kinderköpfe mit Wissen nach in Lehrplänen festgehaltenem Umfang auf, will etwas nicht rein, wird das Kind abgestuft, es genügt den Anforderungen offensichtlich nicht. Es sind nicht mehr kindliche Neugier und Wissbegier gefragt, sondern Kinder werden konditioniert und in repressive Strukturen eingeschlossen, was die menschliche Entfaltung behindert, wenn nicht gar verhindert.

Nun gibt es durchaus Kinder, die mit diesen Methoden umgehen können, die (dadurch oder trotzdem) zu gesellschaftlich und wirtschaftlich erfolgreichen Erwachsenen heranwachsen. Viele Kinder bleiben dabei aber auf der Strecke. Während einige zwar noch die Leistungen erbringen, dabei aber psychisch leiden, fallen andere ganz durch die Maschen und werden zu so genannten Schulversagern. Betrachtet man die Menge an therapierten Kindern, spricht diese Zahl eine deutliche Sprache. Wenn bereits Kinder verhaltensgestört, enttäuscht, unzugänglich, depressiv sind, spricht dies dafür, dass Kindern etwas angetan wird. Betrachtet man des Weiteren die zunehmenden psychischen Erkrankungen im Erwachsenen-Alter (bis hin zur Selbstmordrate auch bei so genannt erfolgreichen Managern), wird noch offensichtlicher, dass etwas falsch läuft.

Ein Umdenken ist dringend nötig. Kinder werden frei und mit vielen Möglichkeiten und Anlagen geboren. Es gilt, sie in der Entfaltung dieser Möglichkeiten und Anlagen zu begleiten, sie mit ihrer Neugier ernst zu nehmen und diese zu befeuern. Es gilt als Schule und vor allem für Lehrer, mit Kindern in Beziehung zu treten und Fähigkeiten und Werte zu fördern, statt reine Wissensvermittler zu bleiben. Wir wissen nicht, welches Wissen in der Welt von morgen gefragt ist, zu schnell entwickelt sich alles. Was immer gefragt bleiben wird, sind Fähigkeiten und Werte. Es geht darum, Menschen lernfreudig zu erhalten, ihre Fähigkeiten zur Empathie, Kooperation, Freude und Liebe zu empfinden zu stärken. Es geht darum, das Gefühl für die eigene Identität und Individualität zu stärken, da nur ein starkes Individuum auch ein starkes Mitglied eines Miteinanders (und damit einer Gesellschaft) ist.

Auf diese Weise haben wir eine Chance, Kinder gesund aufwachsen zu sehen, haben wir eine Chance, dass aus diesen gesunden Kindern gesunde (und dadurch auch leistungsfähige) Mitglieder der Gesellschaft werden. Leistung ist dann etwas, das jeder von sich aus erbringen will qua seines Menschseins, denn im Menschsein ist Tätigsein angelegt, nicht etwas, das durch Zwang und Unterdrückung von aussen auferlegt wird.

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* Vgl. Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten
**Vgl. dazu Erich Fromm, Die Furcht vor der Freiheit

Durch Beziehungen zum Lernerfolg

Als ich frisch im Gymnasium war, hatte ich ganz klare Lieblingsfächer – die, bei denen mich der Stoff per se interessierte. Ein Fach, das sicher nicht dazu gehörte, war Latein. Zwar war der Lehrer durchaus kompetent, er war auch nett, aber irgendwie funkte es nicht – nicht mit dem Latein und nicht mit dem Lehrer. So schlug ich mich mehr schlecht als recht durch den Unterricht. In der dritten Klasse kam es zu einem Lehrerwechsel. Mein Lieblingslehrer, vorher mein Deutschlehrer, übernahm den Lateinunterricht. Als ich das erfuhr, setzte ich mich in den Sommerferien hin und lernte das ganze bislang ignorierte Vokabular – und noch ein bisschen mehr. Und siehe da: Latein wurde schlagartig zu meinem Lieblingsfach und meine Noten erholten sich fast ebenso schnell – Latein war am Schluss eines meiner besten Fächer.

Woran lag es? Ganz klar am Lehrer. Allerdings hatte er mir nicht den Stoff vermittelt, den habe ich mir in den Ferien selber angeeignet anhand der Unterlagen, die ich hatte. Es lag an meiner Beziehung zu ihm, an seiner Art, Lehrer zu sein. Herr Bleiker war uns Schülern gegenüber immer fair, zugetan, verlässlich. Er war ein eher strenger Lehrer, der klare Regeln hatte, die einzuhalten waren. Das gab uns aber auch den Halt und das Vertauen, genau zu wissen, welchen Spielraum wir hatten. Daneben war er humorvoll, immer für uns da bei Problemen – auch privaten –und zeigte ein grosses Einfühlungsvermögen. Und: Er war leidenschaftlich begeistert von seinen Fächern. Das übertrug sich.

Es hat in den letzten Jahren viele Studien gegeben, die genau das nachweisen, unter anderem die von John Hattie[1]. John Hattie erbrachte zuerst den empirischen Beweis und stellte nachher die Forderung auf: Wir brauchen Lehrer, die auf den Schüler ausgerichtet sind und mit Leidenschaft unterrichten. Lehren ist kein Selbstzweck, sondern eine Tätigkeit, die ihren Ausgangspunkt beim Lernenden nimmt. Sein Erfolg ist das Ziel des Lehrens.

Dass die Lehrerpersönlichkeit (noch vor seinem Fachwissen) ausschlaggebend für den Lernerfolg ist, wusste aber auch schon der amerikanische Philosoph John Dewey. Für ihn war der Schulstoff ein Ort der Begegnung von Lehrendem und Lernendem. Er nannte das „meeting of minds“, was den sozialen Austausch, die dialogische Struktur ins Zentrum stellt. Lehrer und Schüler begegnen sich in Deweys Modell auf Augenhöhe. Es ist nicht einer der (Besser-)Wisser, der andere der Unwissende, sondern sie sind Partner auf einem Lernweg.

Dewey war ein grosser Kritiker gängiger Schulformen, propagierte er doch ein Schulmodell, in welchem Lernen durch Erfahrung stattfinden sollte, nicht durch vermittelnden Unterricht. Kinder sollen experimentieren, sie sollen in geeigneten Lernumwelten die passenden Materialien haben und Werkstätten, um sich zu erproben. Sie sollen sich dabei selber entdecken und auch die Fähigkeit zur Zusammenarbeit entwickeln. Dabei setzte er grossen Wert auf Individualität. Lernen soll in Projekten, nicht im Frontalunterricht passieren.

Die Idee, dass eine Schule mit Frontalunterricht, in welcher Lehrer als Respektsperson und Wissensvermittler vor der Klasse stehen, ist also schon lange überholt. Nicht nur Dewey propagierte neue Wege, die Liste der Namen, die es ihm gleich taten, ist lang. Es liegen zudem Studien vor, welche diese unterstützen mit empirischen Daten. Alle kommen zum Schluss, dass für den Lernerfolg vor allem die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler ausschlaggebend ist, dass diese auf Vertrauen aufbauen und auf Augenhöhe passieren muss.[2] Dass eine solche Beziehung vom Lehrerpult aus hin zum Schülerpult mit kaum Möglichkeiten eines persönlichen Gesprächs schwer zu gestalten ist, liegt auf der Hand. Die Frage, die bleibt ist: Wann setzt man dieses Wissen endlich um?

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[1] Hattie John (2009), Visible Learning

[2] Dabei kam sogar raus, dass neue Schulformen nicht nur auf den Lernerfolg der Schüler positive Wirkung hätten, sondern auch deren Gewaltpotential verringern könnten (https://www.ethz.ch/content/dam/ethz/main/news/eth-news/medienmitteilungen/2016/PDF/160802_MM_Lehrer_Schueler_Beziehung.pdf)

Julian Nida-Rümelin: Philosophie einer humanen Bildung

Bildung als Persönlichkeitsentwicklung

Das oberste Bildungsziel ist menschliche Freiheit.

Mit der heutigen Bildungspolitik steht es nicht zum Besten. Das weiss man nicht erst seit der Pisa-Studie, allerdings hat diese die Bildungsverantortlichen aufgescheucht. Ob sie allerdings in die richtige Richtung rennen bei ihren Rettungsversuchen, ist fraglich. Schaut man auf die Bildungsziele der letzten Jahrzehnte, so sieht man, dass Bildung mehr und mehr instrumentalisiert wurde, dass Zweck der (Aus-)Bildung eine berufliche Verwertbarkeit des Bildungsinhaltes ist und dieser Zweck die Persönlichkeit der Auszubildenden, ihre menschlichen Bedürfnisse und Fähigkeiten, aussen vor lässt. Es herrscht der Glaube, dass die Höhe des Bildungsgrads den Wert des Menschen bestimmt und dessen Berufsaussichten optimiert. Kinder werden zu immer mehr Leistung getrieben, reicht es nicht auf dem normalen staatlichen Bildungsweg, werden Privatschulen bezahlt (von denen, die es vermögen). Das hat eine Zunahme von Abiturienten und eine Heraufsetzung der Schranken bei den Zulassungsbedingungen zu verschiedenen Berufen zur Folge. Auf diese Weise werden die einzelnen Bildungsstufen immer weiter herabgesetzt, der Ruf nach immer mehr Titeln und Papieren wird lauter, wenn es darum geht, einen Beruf zu ergreifen. Wo früher ein einfacher Schulabschluss genügte, muss es heute Abitur sein, wo früher ein Studium ausreichte für den Berufseinstieg, braucht man heute das Zusatzdiplom eines Weiterbildungslehrgangs. Am Ende dieser Kette resultiert eine Hierarchie von Berufen, die bei näherem Betrachten unverständlich ist, da sie sich weder an der Verantwortung noch an der Notwendigkeit des ausgeübten Berufs für die Gesellschaft orientiert, sondern alleine an der Ausbildungsdauer und –höhe auf dem Weg zum Beruf. Wie weiter?

Eine humanistische Bildungsphilosophie und –praxis knüpft an das lebensweltlich Etablierte an, schützt die lebensweltliche Praxis vor den Übergriffen systematischer Rationalität und postmoderner Skepsis, setzt auf die Vernunftfähigkeit des Einzelnen und dessen Angewiesenheit auf gleichwürdige Interaktion und Kooperation.

Um zu einer humanen Bildungspraxis zu gelangen, wie sie von Julian Nida-Rümelin gefordert ist, bedarf es zuerst eines Blicks auf den Menschen selber. Wie ist er und was will er? Es ist dabei wichtig zu sehen, dass Menschen, so unterschiedlich sie auf den ersten Blick sein mögen, viel mehr Verbindendes haben als Trennendes.

Es ist nicht Aufgabe der Bildung, Stände, Klassen, Einkommensgruppen oder kulturelle Gemeinschaften zu schaffen.

Bildung soll dabei im Blick behalten, dass alle Menschen ein gutes Leben führen wollen. Jeder Mensch hat die dem Menschen inhärenten Anlagen und Fähigkeiten, die es auszubilden gilt. Dass sich in verschiedenen Kulturen und Kontinenten gewisse Werte und Urteile unterscheiden, ist weniger relevant als die Tatsache, dass jeder Mensch die Fähigkeit zu Urteilen in sich hat und genau diese ausgebildet werden soll. Ein Urteilsfähiger Mensch ist einer, der in der Lage ist, zu handeln, für sein Handeln Verantwortung zu übernehmen und damit auch in der Lage ist, am politischen Geschehen als aktives Mitglied teilzuhaben. Insofern hängen Demokratie und Bildung eng zusammen, als Bildung die Demokratiefähigkeit des Menschen fördern sollte und Demokratie es ist, die ein Interesse daran hat, mündige und verantwortungsvolle Bürger auszubilden. Jeder Mensch ist dabei gleich würdig und hat das gleiche Recht auf Freiheit (im Rahmen des Kollektivs), Autonomie und Wahrung seiner Rechte.

Aber es gibt charakterliche Voraussetzungen vernünftiger Praxis und diese sind zentrales Bildungsziel. Ihre Stimmigkeit des eigenen Lebens und der humane Umgang mit anderen sind weder genetisch noch kulturell determiniert, sondern bedürfen einer Praxis der Freiheit, der Bildung und der Selbstbildung.

Julian Nida-Rümelin zeigt in seinem neuen Buch Philosophie einer humanen Bildung die Grundpfeiler einer Bildung auf, die den Menschen ins Zentrum stellt und auf eine Herausbildung seiner Persönlichkeit ausgerichtet ist. Dabei soll Bildung nicht separieren, sondern auf Kooperation und Wahrung der Menschenwürde zielen. Der Mensch soll in seinen Fähigkeiten erkannt und zu dem gebildet werden, was in ihm angelegt ist, damit er ein Leben führen kann, das ein würdiges, menschliches ist. Nicht blosse Employability ist Zweck der Bildung, sondern Herausbildung von vernunftbegabten Menschen.

Konkret schlägt Julian Nida-Rümelin verschiedene konkrete Änderungen vor. Die Wissensvermittlung sollte sich mehr auf Zusammenhänge als auf auswendig zu lernende Fakten, welche einem berufsorientierten Katalog entsprechen, setzen. Dabei wäre auf viele Bildungsinhalte, die nun den Lehrplan dominieren, zu verzichten, da diese für das normale menschliche Leben wenig Relevanz haben und einzig in spezifischen Berufen von Nutzen sind. Dafür fehlen wiederum lebensrelevante Inhalte wie rechtliche, medizinische und psychologische Grundlagen, welche im menschlichen Miteinander unerlässlich sind. Die Vernachlässigung von Kunst, Sport und musischen Fächer ist in Bezug auf die hier angestrebte Form von Bildung wenig sinnvoll, sie vernachlässigt den Menschen als Ganzes und reduziert ihn zu einer blossen Fakten produzierenden Geistmaschine. Wichtig ist also summa summarum, den Menschen als Ganzes zu betrachten und auszubilden, die Einheit seiner Persönlichkeit zu berücksichtigen, die Einheit der Gesellschaft im Blick zu behalten und das Wissen als Einheit zu erfassen. Dafür sind nicht einzelne Fächer, die sich in kurzen Intervallen abwechseln sind sinnvoll, sondern die Vermittlung von sich überschneidenden, zusammenhängenden Wissensinhalten. Bildung auf diese Weise verstanden, als humane, den Menschen in seiner Persönlichkeit ins Zentrum stellende, ermöglicht es, dass Menschen ein zufriedenstellendes, selbstbestimmtes, verantwortungsvolles und ihren Fähigkeiten gemässes Leben führen können in Kooperation mit andern.

Ob das gewählte Leben gelingt, ob es die eigenen Fähigkeiten zur vollen Entfaltung bringt, ob es eine Praxis ermöglicht, die Sinn stiftet und Selbstbestimmung ermöglicht, hängt von seiner inneren Stimmigkeit ab, davon, dass die Autorin ihr eigenes Leben lebt.

Philosophie einer humanen Bildung ist eine fundierte und scharfsinnige Analyse des heutigen Bildungssystems und dessen Mängel. Daneben beinhaltet das Buch eine präzise Aufarbeitung der bildungsrelevanten Ziele und Zwecke sowie eine klare Ansage, wohin Bildung steuern muss, will sie den Menschen in seinem Sein erfassen und damit der heutigen Bildungskrise (die in einer gesellschaftlichen Krise resultiert) entgegenwirken.

Fazit:
Eine aktuelle, wichtige und komplexe Thematik fundiert analysiert und verständlich präsentiert. Philosophie, wie sie sein sollte: dem Leben dienend, nicht als abgehobener Selbstzweck ein Dasein im Elfenbeinturm pflegend. Absolut empfehlenswert.

Zum Autor:
Julian Nida-Rümelin
Julian Nida-Rümelin wird am 28. November 1954 geboren und wächst in einer Künstlerfamilie in München auf. Nach seinem Abitur 1974 studiert er an den Universitäten München und Tübingen Philosophie, Physik, Mathematik und Politikwissenschaften und promoviert 1983 beim Münchner Wissenschaftstheoretiker Wolfgang Stegmüller. Es folgt 1989 die Habilitation und Stellen an diversen Unis in Deutschland und der USA. Von 1998 bis 2001 ist Julian Nida-Rümelin Kulturreferent der Stadt München und folgt im Jahr 2004 dem Ruf der LMU und besetzt zuerst den Lehrstuhl für Politische Theorie und Philosophie am Geschwister-Scholl-Institut, seit 2009 einen Lehrstuhl für Philosophie an der LMU. Von ihm erschienen sind unter anderem Über die menschliche Freiheit (2005), Demokratie und Wahrheit (2006), Philosophie und Lebensform (2009), Verantwortung (2011), Der Sokrates Club. Philosophische Gespräche mit Kindern (2012), Philosophie einer humanen Bildung (2013).

NidaRümelinBildungAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 246 Seiten
Verlag: Edition Körber Stiftung (6. März 2013)
ISBN-Nr: 978-3896840967
Preis: EUR 18; CHF 28.90

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Richard David Precht: Anna, die Schule und der liebe Gott

Mit Fakten, Zahlen und Parolen gegen den Bildungsnotstand

Ein gerechtes Bildungssystem, das jedem die gleiche Chance gibt, nach seinen Möglichkeiten davon zu profitieren – an diesem Massstab muss sich jede Schule und jedes Bildungssystem in Deutschland messen lassen.

Richard David Prechts Vorgabe an ein Bildungssystem ist hoch und in der heutigen Zeit kaum erfüllt. Obwohl alle von einer Bildungskrise sprechen, scheint keiner wirklich was dagegen tun zu wollen, schon gar nicht, wenn das Tun hiesse, neue Wege zu beschreiten, alte Muster – darunter fallen Noten, Frontalunterricht, Jahrgangsklassen und vieles mehr – zu durchbrechen und ganz neue Lernstrukturen in neuen Lernumgebungen zu schaffen.

Um den Missstand in Deutschland aufzuzeigen, reist Precht durch die Zeiten, zeigt verschiedene falsche Massnahmen und politischen Entscheide auf, verweist oft polemisierend Politiker und deren Fehlurteile. Dem gegenüber fährt er mit diversen Schulmodellen auf, welche andere Wege propagierten, die Khan Universität, Mastery Learning nach Carleton Washburne und Maria Montessoris Ansatz sind nur einige der vielen.

Aus der grossen Fülle von Fakten und Modellen resultiert immer wieder dieselbe Einsicht: Es läuft alles falsch und man sollte daran gehen, dies zu ändern. Kinder sollen als ganze Wesen wahrgenommen und in ihren Stärken gefördert werden. Da die Welt sich schnell verändert, soll der Schwerpunkt bei allem sein, aus Kindern selbständige Wesen zu machen, die selber denken und wissen, wie sie lernen und sich damit den immer wieder neuen Gegebenheiten anpassen können.

Weil keiner definitiv wissen kann, was die Zukunft bringt, wird es in unseren Schulen allgemein weniger darauf ankommen, was wir unseren Kindern beibringen. Wichtiger ist, sie erfolgreich dazu zu ermächtigen, sich möglichst viel selbständig beizubringen.

Kinder sollen lernen, sich eigene Ziele zu setzen und diese auch zu erreichen. Sie sollen lernen, miteinander Dinge zu erarbeiten, dabei aber auch die eigene Kreativität einzusetzen. Projekten und Fächerübergreifende Zusammenhangsvermittlung ist nachhaltiger in der Wissensvermittlung als blosse Faktenpaukerei nach Fächern aufgeteilt und auf Prüfungen ausgerichtet. Wichtiger als das Alter sind die persönlichen Fähigkeiten, die darüber entscheiden sollen, in welchen Klassenverbänden Kinder sein sollen. Ihre Leistungen sollen nicht durch Zahlen, sondern durch persönliche Einschätzungsberichte bewertet werden und die Weggabelungen sollen nicht zu früh passieren und sich dann nicht auf eine Quersumme durch alle (und oft mit unnützem Wissen überhäuften) Fächer stützen. Ganztagesschulen sollen helfen, allen Kindern dieselbe Ausgangslage und Möglichkeit zu gewähren, da so keine ungleichen Chancen durch unterschiedlich motivierte und ausgestattete Elternhäuser zum Tragen kämen. Schule soll so auf das Leben vorbereiten und helfen, aus Kindern zufriedene Menschen zu machen, die sich in Beruf, Gesellschaft und politischem Miteinander zurechtfinden.

Diese durchaus nachvollziehbaren Forderungen stellt Precht an die Politiker und Verantwortlichen des deutschen Bildungswesens. Er bettet sie ein in eine Vielzahl von Verweisen auf die unterschiedlichsten Theorien, Philosophen, Pädagogen einerseits und Tadel und Polemik gegen Politiker, Lehrer, Elternhäuser, falsche Strukturen und viel Schlechtes mehr andererseits. Es fehlt dem Buch der rote Faden, man sieht sich einem Hin und Her zwischen Forderungen und Fehlläufen ausgesetzt. Ein klares Ziel und dessen konkrete Umsetzung geht unter in dem, was er den Schulen selber vorwirft: Faktenschlacht und Vermittlung unwesentlicher Inhalte, die im Moment des Lesens markig klingen und dem Autoren den Anschein von Belesenheit und breitem Wissen attestieren sollen, der Sache selber aber nicht wirklich zuträglich sind.

Fazit:
Ein gut lesbares Buch über ein aktuell brennendes Thema, bei dem weniger mehr gewesen wäre, das aber viele bedenkenswerten Ansätze für eine Verbesserung der heutigen Schul- und Bildungssituation vermittelt.

Zum Autor:
Richard David Precht
Richard David Precht wird 1964 in Solingen geboren. Nach dem Abitur studiert er Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte und promoviert 1994 in Germanistik mit der Dissertation Die gleitende Logik der Seele. Ästhetische Selbstreflexivität in Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“. Precht arbeitet fünf Jahre als Wissenschaftlicher Assistent in einem kognitionspsychologischen Forschungsprojekt, hält danach Vorträge und Vorlesungsreihen an unterschiedlichen Universitäten und Kongressen und wird 2011 Honorarprofessor für Philosophie an der Leuphana Universität Lüneburg, 2012 Honorarprofessor für Philosophie und Ästhetik an der Musikhochschule Hanns Eisler in Berlin. Daneben schreibt er für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften Essays, moderiert seit 2012 die Sendung „Precht“ im ZDF. Von ihm erschienen sind unter anderem Wer bin ich – und wenn ja, wieviele? (2007), Liebe . Ein unordentliches Gefühl (2010), Die Kunst, kein Egoist zu sein (2010), Warum gibt es alles und nicht nichts (2011), Anna, die Schule und der liebe Gott (2013).

PrechtSchuleAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 352 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag (22. April 2013)
ISBN-Nr: 978-3442312610
Preis: EUR 19.99; CHF 23.90

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Wie die Mücke zum Elefanten wurde: Handshake

In der Schweiz kocht es mal wieder: Zwei Pubertierende wollen der Lehrerin die Hand nicht geben. Sie kamen damit durch. Die Pubertierenden waren Muslime, argumentiert wurde religiös.

Die Stimmen werden laut:

Unsere Kultur verlangt das Händeschütteln zur Begrüssung. Das geht gar nicht, dass das verweigert wird.

oder:

 Der Koran verbietet das gar nicht, das ist überzogen. Wie kann man nur, was geht da ab?

Ich musste als Kind nie einer Lehrerin die Hand geben. Einem Lehrer übrigens auch nicht (zum Glück, ich gebe nicht jedem gerne die Hand…man weiss nie, was der mit seiner vorher tat 😉 ). Ich weiss nicht, wann das eingeführt wurde und was der Zweck dafür sein soll. Wohl Beziehungsbindung, die man dann mit Einträgen für jedes noch so kleine Vergehen wieder kaputt macht (kannten wir in dem Stil auch nicht).

Was mich in der ganzen Sache etwas nervt ist folgendes: Da wird zwei Teenagern, die grad mit ihren Hirnzellen kämpfen wegen pubertär verursachten Umstrukturierungen ihres Hirns, eine Plattform geboten, die schlicht lächerlich ist. Das Ganze wird dann instrumentalisiert, um generell gegen Ausländer, Muslime im Speziellen, zu stänkern.

Wer nun findet, man müsse früh eingreifen, denn das gehe auf Kosten der Frau, welcher zu wenig Respekt gezollt wird, den möchte ich nur das fragen:

 Fördert ein erzwungener Handschlag den Respekt wirklich?

Andere Kulturen mögen andere Frauenbilder haben. Die gefallen mir nicht, die scheint man (nach aussen – es gibt sie ja auch bei uns, man beachte nur unsere Werbung und mehr….) hier abzulehnen. Diese Frauenbilder werden nicht ändern, weil man Pubertierende massregelt – oder eben durchmarschieren lässt. Die Frauen hierzulande haben es in der Hand, welchen Mann sie wählen, die Männer, welcher Frau sie gefallen wollen. Schlussendlich fängt Respekt im Hirn an, nicht bei der Hand, die eine andere berührt – Wirklicher Respekt kann nie erzwungen werden.

Schule heute – eine Ode

Ich habe ab und an kritisch über Schulen geschrieben, das System hier hinterfragt und auch sonst den Finger drauf gehalten. Das soll aber nicht drüber hinwegtäuschen, dass ich weiss, dass wir hier unglaublich privilegiert sind. Unsere Kinder haben eine Schule und sie können hingehen. Sie haben die Möglichkeit, ihr Leben zu gestalten. Vielleicht wissen sie es im jugendlichen Übermut nicht immer oder schätzen es gering, aber: Es ist viel mehr, als ganz viele Menschen auf dieser Welt haben.

Ich lebe in einer Schweizer Grossstadt, in einem Kreis mit vielen Ausländern. Wir hatten mit vielem zu kämpfen in der Schulzeit. Rassismus, Gewalt, Mobbing. Schulrückstände kriegte man gratis dazu. Trotzdem gibt es Menschen, die schon hier aufgewachsen sind, immer noch hier leben und heute ihre Kinder hier zur Schule schicken. Kann es so schlecht sein hier?

Wir haben hier keine heile Welt. Aber wir wissen es. Das ist oft mehr als die ganze Ignoranz möglicher Probleme. Man kann hier die Augen nicht verschliessen vor den potentiellen Schwierigkeiten und Brennpunkten, denn sie sind da. Und weil man das weiss, hat man sich drauf eingestellt. Und das ist grossartig.

Hier rutscht nichts einfach so durch, Probleme werden ernst genommen und Lösungen gesucht. Wir hatten in der Mittelstufe einige Probleme, sie wurden erkannt und gelöst. Die Oberstufe ist ein Lichtblick. Nicht alle Regeln sind immer schlüssig und toll, aber: Es gibt Regeln und es gibt Menschen, die sich Gedanken machen. Die Situation der Schulen ist nicht leicht heute. Eltern nehmen ihre Erziehungsaufgabe nicht mehr ernst, sind aber schnell dabei, Mängel in der Schule zu finden – und gar mit Anwalt anzuklagen. Als Lehrer und als Schule muss man sich absichern. Um ja keine Angriffsfläche zu bieten. Damit gerät man ein wenig in die Situation der Pharmaunternehmen, die jede – wenn auch unwahrscheinliche, aber doch mögliche – Nebenwirkung auflisten müssen, um ja nicht angreifbar zu sein. So ungeniessbar auf diese Weise Medikamente sind, so unübersichtlich werden Schulordnungen. Aufgeblasen durch all die Möglichkeiten.

Wir können noch so viel hinterfragen und unsinnig finden: Die Zeit ist, wie sie ist. Von jetzt auf gleich werden wir sie nicht ändern. So bleibe ich dankbar für die Schule, die mein Sohn besucht, weil da Lehrer sind, die sich kümmern, die Probleme erkennen, die reagieren. Ich mag nicht jede Regel gut finden, aber ich weiss: Es ist ein Privileg. Mein Kind hat eine gute Schule, hat gute Lehrer, kann sich entfalten und geht seinen Weg. Und das sollte auch mal gesagt sein.

Znüni-Gate

Wir hatten ja das Znüni-Problem. Das Kind hatte sich erlaubt, quer über den Schulhof zu laufen und am anderen Ende desselben im Supermarkt seine Zwischenverpflegung preiswert und lecker (im Gegensatz zum Mensaznüni, der ungeniessbar und teuer wäre) zu kaufen. Dafür erntete er Nachsitzen und soziale Arbeit. Am Morgen und über Mittag haben die Schüler hier ganz andere Wege zu bewältigen, wir leben in einer Grossstadt. Man kann sagen, die Aufsichtspflicht wäre schwer, dürften die Kinder einfach den Schulplatz verlassen (wobei der Supermarkt wirklich am Rande desselben ist). Über Mittag bleiben aber ein paar in der Schule, sind quasi am Mittagstisch und damit der Aufsicht übergeben. Sie dürfen dann doch gehen. Weil es ja die Mittagspause ist und einige gehen wollen/können/müssen.

Nun schrieb mir die Lehrerin. Erklärte mir, das sei so von wegen Aufsichtspflicht und sei auch mit der Schulleitung abgesprochen. Der Entschluss stehe. Nicht verrückbar. Ich verstehe es (sprachlich schon, rational jedoch) nicht, kenne aber das Schweizer Schulsystem und weiss: Menschenverstand gilt nicht, man liebt Formalismus. Und: Mal Festgesetztes sitzt. Starr. Und: Ich würde mich im Umgang damit nur aufregen und dazu ist mir meine Zeit zu schade. Wenn ich denke, was ich da alles Positives machen könnte? Und das aufgeben für einen Znüni? Für mich war’s abgehakt. Kind geht nicht mehr vom Schulplatz, will nun aber keine Zwischenmahlzeit mehr essen (finde ich nicht sinnvoll, aber nun denn…).

Da kommt von der Lehrerin eine SMS, ich solle mich doch bitte mit dem Schulleiter in Verbindung setzen. Er könne mir dann nochmals ganz genau erklären, wieso der Entschluss so sei, wie er sei. Ich sitze hier, weiss nicht, ob ich nun lachen oder weinen soll. Was genau soll mir das bringen? Doppelt erklärter Unsinn wird nicht besser. Und wenn er unverrückbar ist, verschwende ich meine Zeit sicher nicht damit. Ich hoffe, ich muss nun nicht zum Nachsitzen, weil ich der Aufforderung nicht nachkomme. Wenn ihr nichts mehr lest von mir, tanze ich im Schulhausareal eine Entschuldigung und binde dabei gemeinnützig Bücher ein. Oder so ähnlich.

Schulmensa – gegessen wird, was es gibt

Das Kind ist nun in der Oberstufe. Also schon gross. Das Kind findet, es sei schon ganz gross, könne alles entscheiden. Für mich ist es mein Kind und wird es wohl immer bleiben – ich kenne meine Gluckenmentalität. Aber zurück zur Oberstufe: Die haben da eine Mensa. Mit Mensakarte, die man online aufladen kann. Man bedeutet: Die Eltern. Das Essen ist überteuert und nicht geniessbar (sagen relevante Quellen). Das Kind sprach von halb gefrorenen Sandwiches und Tiefkühlessen. Ein Schreiben an die Eltern besagte, dass diese gefordert seien, die Karte zu füllen. Als Mindestbetrag standen 100 Franken da. Die Mutter schluckte leer.

Gleich neben dem Schulhaus hat es einen Supermarkt. Mit Frischetheke. Das Kind, preisbewusst, wie es die Mutter es erzogen hat, kaufte sein Essen da. Und kriegte Nachsitzen als Ertrag obendrauf. Es hätte unerlaubt das Schulgelände verlassen. Es gebe Regeln. Die müsse man einhalten. Es gehe um Sicherheit.

Ich finde Regeln grundsätzlich wichtig. Und ja, man muss sie einhalten, wir leben ja in einer Gemeinschaft und Kant, Rawls und Konsorten haben den Gesellschaftsvertrag zur Genüge thematisiert, so dass ich das nun hier nicht nochmals tue. ABER!!!!! Und: Bevor ich mit dem Aber anfange, schreibe ich nichts über den Schulweg, der teilweise mit mehrfachem Umsteigen von einem Verkehrsmittel zum nächsten und einigen vielbefahrenen Strassen obendrauf in einer Grossstadt erfolgt. Ich sage auch nicht, dass ich beim Sicherheitsargument bei einem Gang mal schnell über den Schulhof nur leise schlucke, an Gottfried Kellers Seldwyla und die Schildbürger denke und dann schnell schweige, da ich weiss, dass solche Gedanken nie gut kommen. Drum sag ich nix. Nirgends. Zu KEINEM!

Das Kind muss also überteuertes Essen kaufen, das nicht mal geniessbar ist. Eltern müssen die Karte dafür mit MINDESTENS 100 Franken aufladen (und natürlich nachladen). Preisbewusstsein, das man dem Kind lange eingeimpft hat, muss man ihm nun wieder abtrainieren. Sonst sitzt das Kind nämlich am Mittwoch Nachmittag in der Schule und leistet gemeinnützige Arbeit. Das ist nicht grundsätzlich schlecht, aber unter gegebenen Umständen fragwürdig.

Was bin ich froh, sitzen wir hier auf Rosen gebettet, laden Kindes goldene Kreditkarte (von der Schule ausgegeben) ständig auf, damit das Kind den Tiefkühlfrass überteuert an der Schule kaufen kann.

Joey Goebel: Ich gegen Osborne

Pubertäre Innensichten

Doch mit siebzehn hatte ich bereits begriffen, dass man mindestens siebzig Prozent seines Lebens damit zubringt, Sachen zu machen, die man lieber nicht machen würde. Und so fand ich mich mit dem zentralen Irrsinn meines Lebens ab, dass ich fünf von sieben Wochentagen an dem Ort der Welt verbrachte, an dem ich am liebsten überhaupt nie sein wollte. Schon erstaunlich, was die Menschen sich so zumuten, dachte ich oft.

James Weinbach, 17 Jahre Alt, Schüler der Osborne Senior Highschool, setzt sich innerlich mit der Welt um ihn und seiner eigenen Stellung gegen sie auseinander. Er taxiert die Welt und seine Mitschüler mit seinem eigenen Wertesystem, welches dem der anderen gegenübersteht und ihn zu einem Einzelgänger werden lässt. Mit viel Ironie lässt er sich über die Kleider, Sitten, Lebensformen der anderen aus, legt dabei aber an andere gerade was Anstand und Freundlichkeit anbelangt, höhere Massstäbe an, als er selber erfüllt.

Die Paarungszeit war voll im Gange – nicht, dass sie je endete –, doch diese Phase lag zwischen den besessenen Sexkapaden des Spring Break und dem Dauerausstoss jugendlicher Sekrete namens Schulabschlussball, einem Ereignis, das viele für den wichtigsten Abend ihres Lebens hielten, ihr A und O, ihren Daseinszweck, für den ultimativen Initiationsritus. Die pheromongesättigte Aprilluft verwandelte die Genitalien sämtlicher Jungs in winselnde Wiesel, die sich abstrampelten, um zu den Mädchen zu gelangen, deren Eierstöcke durch Verhütungsmittel geschützt waren.

Während sich seine Mitschüler mit Sex, Partys und Drogen beschäftigen, setzt sich James in Anzug und Krawatte statt wie diese in kurzen Hosen, gedanklich mit sich und der Welt auseinander, versucht, einen Platz in dieser Welt zu finden und wird dabei aber seinen eigenen Ansprüchen nicht ganz gerecht, vor allem wenn es um die Asexualität geht, die er sich auferlegt hat, die allerdings durch seine Liebe zu Chloe in Gefahr gerät.

Mehr als einmal dachte ich: Satan, dein Name ist Pubertät.

Goebel zeichnet in seinem Roman den Mikrokosmos einer amerikanischen Highschool nach, zeigt aus der Innensicht von James Weinbach heraus die Selbstfindungsbestrebungen Pubertierender und durch dessen Analyse seines Umfelds die Abgrenzungsmechanismen, die in diesem Alter vermehrt zum Tragen kommen. Durch die unterschiedlichen Wertesysteme von James und seinen Mitschülern stellt man sich mehr und mehr die Frage, was denn nun normal, was anormal und was grundsätzlich gewünscht wäre als Leben.

In einer ironischen, klaren, einfachen Sprache führt Goebel durch den Schulalltag von James Weinbach, das Buch ist denn auch in Uhrzeiten aufgeteilt, so dass man lesend aktiv am Tag teilnimmt. Die inneren Monologe sind gelungen, allerdings zieht sich das anfänglich spritzig und witzig wirkende Buch mit der Zeit in die Länge und man wird etwas müde beim Lesen. Der halbe Umfang hätte für diese Thematik durchaus gereicht.

Fazit:
Das amerikanische Leben dargestellt am Mikrokosmos einer Highschool aus Sicht eines pubertierenden Siebzenjährigen. Witzig, ironisch, etwas zu lang geraten. Empfehlenswert.

 

Zum Autor
Joey Goebel
Joey Goebel wurde 1980 in Henderson, Kentucky, geboren, wo er auch heute lebt und Schreiben lehrt. Von ihm erschienen sind unter anderem Vincent, Freaks und Heartland. Goebel wird mittlerweile in 14 Sprachen übersetzt.

 

Angaben zum Buch:
GoebelOsborneGebundene Ausgabe: 432 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (26. Februar 2013)
ISBN-Nr.: 978-3257068535
Preis: EUR  22.90 / CHF 31.40

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Schule in Zürich – der ganz normale Wahnsinn

Kind brachte heute eine Deutschprüfung heim. Eigentlich hatte ich mir ja vorgenommen, mich nicht mehr zu wundern (schon gar nicht aufzuregen). Zweiteres klappt einigermassen, am Wundern arbeite ich noch. Was ist passiert? Thema der Prüfung waren die Fälle. Aufgabe 2 lautete: Ersatzprobe. Nun kennt man die von früher, man kann, um einen Fall zu ermitteln, das entsprechende Wort durch das Fragewort wer, wen, wem oder wessen ersetzen und weiss dann, ob das Wort im Nominativ, Akkusativ, Dativ oder Genitiv steht.

Kindes Lehrerin war das zu banal. Die Ersatzprobe sollte in dieser Prüfung nicht durch das entsprechende Fragewort passieren, sondern durch der, den, dem oder des Esel(s).

Beispiel gefällig?

Das glückliche Schwein erhält einen neuen Stall.

________________ erhält ______________ .

 

Man ahnt wohl schon Böses. Von den Kindern wurde in der Tat gefordert, die Lücken hier folgendermassen zu füllen:

Der Esel erhält den Esel.

Noch ein Beispiel?

Bestimmt kommt Sandro morgen mit uns ins Schwimmbad

Bestimmt kommt _______ morgen mit _______ ins Schwimmbad.

Lösung: Bestimmt kommt der Esel morgen mit dem Esel ins Schwimmbad.

Das Kind konnte bei den Sätzen wenig Sinn ermitteln und hat mit wer, wen, wem und wessen ersetzt. Das wurde ihm falsch angerechnet, was nun die Note ziemlich runterzog. Irgendwie bin ich doch stolz auf meinen Sohn, hat er sich nicht gedankenlos diesem sprachlichen Unsinn gebeugt. Verstanden hat er alles und darauf kommt es (mir in diesem Fall) an. Ich hoffe, das nächste Jahr, das doch ein wichtiges sein wird (notenmässig), wird etwas vernünftiger, zumindest wechselt dann der Lehrer. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Offener Brief an die Zürcher Bildungsbehörde

Sehr geehrte Damen und Herren

In Zürich dürfen Kinder nicht von ihren Eltern unterrichtet werden, wenn diese kein pädagogisches Diplom haben. Zumindest nicht länger als ein Jahr und das nur mit Gesuch, welches bewilligt werden muss. Nun geht mein Sohn in eine Zürcher Schule. Als wir her zogen, kriegte die Klasse eine neue Lehrerin, die frisch ab Presse schon bald vom Beruf überfordert war. In der Klasse herrschte Unruhe – Gewalt, Rassismus, Mobbing waren an der Tagesordnung. Ein neuer Lehrer kam, es wurde nicht besser, der Lehrer ging auch bald wieder. Zurück blieb eine aufgewühlte Klasse ohne Lehrer, Vertretungen gaben sich die Klinke in die Hand.

Das Gewaltproblem kriegte man in den Griff, das Lehrerproblem nicht. Es kamen nach etlichen Vertretungen statt einer gar zwei Lehrerinnen. Eine für Französisch, hatte die Klasse doch einen enormen Rückstand zum Lehrplan, die andere für den Rest. Lehrerin eins hat ein Jahr Lehrerausbildung von dreien hinter sich, spricht Deutsch mit stark ausgeprägtem, französischem Einschlag. Lehrerin zwei hat zwei Jahre Ausbildung von dreien hinter sich, spricht zwar breiten Dialekt, schriftlich ist ihr Deutsch auch eher mangelhaft. Das allein wäre zwar bedenklich,  könnte aber noch akzeptiert werden. Die Frage, wieso solche Menschen ohne Abschluss ganze Klassen unterrichten dürfen, Eltern mit abgeschlossenem Studium und Zusatzausbildung ihr eigenes Kind aber nicht, lassen wir mal aussen vor, auch wenn sie brennt.

Es kommt – als wäre alles nicht genug – noch was dazu: Die Hauptlehrerin ist ständig krank. Zurück bleibt eine fünfte Klasse, die nun aufgeteilt und in andere Klassen gesteckt wird. Mein Sohn sitzt mittlerweile Woche für Woche in der ersten Klasse. Lehrerin zwei ist ab und an da, dann hat die Klasse Französisch, denn mehr unterrichtet diese nicht. Dass in der letzten Deutschprüfung nur drei Schüler genügend waren, spricht eine klare Sprache. Wie die nächste besser werden soll, ist mir ein Rätsel.

Anfragen an die Schulleitung werden abgeschmettert, es heisst, man hätte alles im Griff, täte das Beste. Einwände und konkrete Beispiele von Fehlern werden beleidigt abgetan, passieren tut nichts. Dass einige Schüler die Klasse schon verliessen, weil die Eltern die Zukunftsaussichten gefährdet sahen, spricht für sich, allerdings kann es nicht angehen, dass man Kinder in Privatschulen stecken muss, nur weil eine staatliche Schule dermassen versagt und sich allen Kritiken, Anfragen, sogar Hilfsangeboten verschliesst. Die sechste Klasse steht vor der Tür, eine Tür, die gleichzeitig den Weg öffnet in die Zukunft. Wo soll das hinführen?  Muss man wirklich wegziehen, wenn man das eigene Kind nicht in seiner Schullaufbahn behindert sehen will?

Man kann nun einwenden, das sei ein Einzelbeispiel, allerdings hörte ich schon von ähnlich gelagerten Fällen. Die Schulpsychologin sprach von „nicht gravierenden Abweichungen von anderen Klassen“. Meine Erfahrung nach einigen Umzügen, wodurch ich auch Einblick in diverse Klassen in den Kantonen Bern und Aargau gewann, sprechen eine andere Sprache: Ich habe noch nie eine dermassen aus dem Ruder laufende Schulsituation erlebt, sah mich noch nie mit so unfähigem Schulpersonal konfrontiert.  Fehler passieren, Schwierigkeiten und Engpässe kann es geben. Lehrermangel ist ein bekanntes Problem und man kann keine Lehrer aus dem Ärmel schütteln, trotzdem muss eine Lösung her und zwar schnell. Es besteht ein Grundrecht auf Bildung und das sehe ich in dem Fall stark beeinträchtigt. Fünftklässler, die in ersten Klassen sitzen, werden nicht gefördert, nicht gefordert, sondern abgestellt. Dafür zahle ich keine Steuern und das ist nicht das, was ich mir für mein Kind wünsche.

Die Frage bleibt: Wohin geht der Weg?

Mit freundlichen Grüssen

Eine besorgte Mutter