Durch Beziehungen zum Lernerfolg

Als ich frisch im Gymnasium war, hatte ich ganz klare Lieblingsfächer – die, bei denen mich der Stoff per se interessierte. Ein Fach, das sicher nicht dazu gehörte, war Latein. Zwar war der Lehrer durchaus kompetent, er war auch nett, aber irgendwie funkte es nicht – nicht mit dem Latein und nicht mit dem Lehrer. So schlug ich mich mehr schlecht als recht durch den Unterricht. In der dritten Klasse kam es zu einem Lehrerwechsel. Mein Lieblingslehrer, vorher mein Deutschlehrer, übernahm den Lateinunterricht. Als ich das erfuhr, setzte ich mich in den Sommerferien hin und lernte das ganze bislang ignorierte Vokabular – und noch ein bisschen mehr. Und siehe da: Latein wurde schlagartig zu meinem Lieblingsfach und meine Noten erholten sich fast ebenso schnell – Latein war am Schluss eines meiner besten Fächer.

Woran lag es? Ganz klar am Lehrer. Allerdings hatte er mir nicht den Stoff vermittelt, den habe ich mir in den Ferien selber angeeignet anhand der Unterlagen, die ich hatte. Es lag an meiner Beziehung zu ihm, an seiner Art, Lehrer zu sein. Herr Bleiker war uns Schülern gegenüber immer fair, zugetan, verlässlich. Er war ein eher strenger Lehrer, der klare Regeln hatte, die einzuhalten waren. Das gab uns aber auch den Halt und das Vertauen, genau zu wissen, welchen Spielraum wir hatten. Daneben war er humorvoll, immer für uns da bei Problemen – auch privaten –und zeigte ein grosses Einfühlungsvermögen. Und: Er war leidenschaftlich begeistert von seinen Fächern. Das übertrug sich.

Es hat in den letzten Jahren viele Studien gegeben, die genau das nachweisen, unter anderem die von John Hattie[1]. John Hattie erbrachte zuerst den empirischen Beweis und stellte nachher die Forderung auf: Wir brauchen Lehrer, die auf den Schüler ausgerichtet sind und mit Leidenschaft unterrichten. Lehren ist kein Selbstzweck, sondern eine Tätigkeit, die ihren Ausgangspunkt beim Lernenden nimmt. Sein Erfolg ist das Ziel des Lehrens.

Dass die Lehrerpersönlichkeit (noch vor seinem Fachwissen) ausschlaggebend für den Lernerfolg ist, wusste aber auch schon der amerikanische Philosoph John Dewey. Für ihn war der Schulstoff ein Ort der Begegnung von Lehrendem und Lernendem. Er nannte das „meeting of minds“, was den sozialen Austausch, die dialogische Struktur ins Zentrum stellt. Lehrer und Schüler begegnen sich in Deweys Modell auf Augenhöhe. Es ist nicht einer der (Besser-)Wisser, der andere der Unwissende, sondern sie sind Partner auf einem Lernweg.

Dewey war ein grosser Kritiker gängiger Schulformen, propagierte er doch ein Schulmodell, in welchem Lernen durch Erfahrung stattfinden sollte, nicht durch vermittelnden Unterricht. Kinder sollen experimentieren, sie sollen in geeigneten Lernumwelten die passenden Materialien haben und Werkstätten, um sich zu erproben. Sie sollen sich dabei selber entdecken und auch die Fähigkeit zur Zusammenarbeit entwickeln. Dabei setzte er grossen Wert auf Individualität. Lernen soll in Projekten, nicht im Frontalunterricht passieren.

Die Idee, dass eine Schule mit Frontalunterricht, in welcher Lehrer als Respektsperson und Wissensvermittler vor der Klasse stehen, ist also schon lange überholt. Nicht nur Dewey propagierte neue Wege, die Liste der Namen, die es ihm gleich taten, ist lang. Es liegen zudem Studien vor, welche diese unterstützen mit empirischen Daten. Alle kommen zum Schluss, dass für den Lernerfolg vor allem die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler ausschlaggebend ist, dass diese auf Vertrauen aufbauen und auf Augenhöhe passieren muss.[2] Dass eine solche Beziehung vom Lehrerpult aus hin zum Schülerpult mit kaum Möglichkeiten eines persönlichen Gesprächs schwer zu gestalten ist, liegt auf der Hand. Die Frage, die bleibt ist: Wann setzt man dieses Wissen endlich um?

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[1] Hattie John (2009), Visible Learning

[2] Dabei kam sogar raus, dass neue Schulformen nicht nur auf den Lernerfolg der Schüler positive Wirkung hätten, sondern auch deren Gewaltpotential verringern könnten (https://www.ethz.ch/content/dam/ethz/main/news/eth-news/medienmitteilungen/2016/PDF/160802_MM_Lehrer_Schueler_Beziehung.pdf)

5 Comments

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  1. Liebe Sandra,

    wüsstest du denn wie? Und mit welcher Finanzierung? Mit Hilfe welcher politischen Gruppierungen? Wo genau, in welchen Regionen, Ländern, Städten? Für welche Zielgruppen? In was für Räumen?

    Wer wählt die Lehrkräfte aufgrund welcher Kriterien aus? Wer bildet die Lehrkräfte in Pädagogik und Didaktik aus? Wer entscheidet, ob sie den Kriterien (welchen?) genügen, um auf die Schülerinnen und Schüler losgelassen zu werden? Wann im Verlauf ihrer Ausbildung sollte das ggf. geschehen?

    Und hm – Hattie z.B. ist ziemlich umstritten. Seine Methodik lässt so einiges zu wünschen übrig. Nur so einige wenige Ideen dazu, warum man „dieses Wissen nicht endlich umsetzt“. Es ist viel komplexer, als es zunächst scheinen mag.

    Danke trotzdem für den Text und deine Gedanken!

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    • Es gibt Schulen, die so arbeiten. In Wutöschingen zum Beispiel die Alemannenschule, um nur eine zu nennen. Mehrheitlich sind es wohl aber Privatschulen – und das ist schade.

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  2. Die Homepage der Alemannenschule in Wutöschingen zeigt leider wenig Webkompetenz der zuständigen Verantwortlichen, sodass auch die didaktische und pädagogische Kompetenz und das zugrundeliegende Schulkonzept sich nur schlecht bis gar nicht daran ablesen lassen. Die Universitätsschule in Köln, eine öffentliche Schule, arbeitet wohl ähnlich. Ist trotzdem umstritten. Aus Gründen, die ich hier nicht näher ausführen kann. Hatties Studie … siehe oben … ist eine wissenschaftlich ziemlich zweifelhafte Angelegenheit. Auch Reich, an dem sich die Kölner Schule orientiert, hat seine Kritiker/innen. Nicht alles ist Gold, was glänzt, und Grundsätze, die als absolut deklariert werden, haben ein unbestreitbar diktatorisches Potenzial. Trotzdem teile ich deine Meinung, dass es mehr (öffentliche!) Schulen geben sollte, die besser auf das je individuelle Bedürfnisprofil der Lernenden abgestimmt sind. Es ist eben nur nicht ganz so einfach und deshalb bisher so selten (bis gar nicht) realisiert.

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    • Die Stadtschule in St. Gallen arbeitet nach dem Konzept, das Institut am Beatenberg, ebenso die Freie Schule Anne Sophie in Berlin. Es gibt noch einige andere Schulen, wie gesagt. Dass es immer Zweifler und Kritiker gibt, liegt in der Natur der Sache, gerade wenn man ein Gegengewicht zu den öffentlichen Schulen aufstellen will (ich spreche nicht von Ersatz, sondern von Ergänzung). Schlussendlich gibt es verschiedene Kinder mit verschiedenen Bedürfnissen. Schön wäre, wenn ein jedes die für das Kind passende Schule besuchen könnte.

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