Ich lese immer wieder in der Timeline von Autoren, dass sie sich entschuldigen, FB etwas vernachlässigen müssen, weil sie sonst nicht drei Romane gleichzeitig schreiben können oder einen Roman nicht in einem Monat geschrieben haben. Es mutet irgendwie nie wie eine Entschuldigung an, sondern eher wie Beifallssuche. Schaut her, ich bin so toll. Thomas Mann schrieb sehr konsequent jeden Tag zur selben Zeit. Er schaffte etwa 1,5 – 3 Seiten. Pro Tag. Wer seine Wälzer kennt, kann nun rechnen. Goethe war nicht viel schneller. Der schrieb nebenher noch fast täglich Gedichte. Aber man könnte FB als das neue Gedichte-Schreiben werten. Nicht vom literarischen Anspruch natürlich, sondern mehr von der absorbierten Zeit.

Was ich mich frage: Ist das wirklich zu bejubeln? Literatur als Massenproduktion? So cool im Multitasking? Im Eilverfahren? Oder ist das der Grund, dass es immer schwerer wird, noch wirklich gute Bücher zu finden? Weil immer mehr immer schneller immer mehr wollen? Ich meine, ich kann auch Rosamunde Pilcher nehmen, ihre Gechichten abschreiben und einfach Zeiten, Orte und Namen ändern. Dann kriegt man das prima hin. Muss das sein? Ist das toll? Ich finde nicht.

Vielleicht bin ich elitär. Ich möchte keine neuen Geschichten, denn: Es ist alles gesagt. Aber: Ich möchte gerne Geschichten, die das, was schon gesagt ist, neu sagen. Ehrlich. Authentisch. Tief. Mit einer Meinung. Und einer Sprache. Die packt, überzeugt, passt. Berührt.

Schafft man das so nebenbei? So husch husch? Ich denke nicht. Klar: Hermann Hesse schrieb den Demian in drei Wochen. Das war aber nicht mit allem so, und: Das Thema arbeitete in ihm. Lange. Die Gedichte der Entstehungszeit zeugen davon. Dies nur zur Güte, die Aussagen auf FB stossen mir trotz dieses Wissens irgendwie sauer auf. Bin ich zu kritisch?

langekathrinKathrin Lange wurde 1969 in Goslar am Harz geboren. Obwohl sie sich beruflich der Hundestaffel der Polizei anschließen wollte, siegte am Ende ihre Liebe zu Büchern, und sie wurde zuerst Buchhändlerin und dann Schriftstellerin. Heute ist sie Mitglied bei den International Thriller Writers und schreibt sehr erfolgreich Romane für Erwachsene und Jugendliche. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Söhnen in einem kleinen Dorf bei Hildesheim in Niedersachsen.

Kathrin Lange hat mir ein paar Fragen zum Schreiben und zu Ihrem neusten Roman Ohne Ausweg beantwortet:

langekathrin2Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Heute bin ich Schriftstellerin, früher war ich Buchhändlerin. Und grundsätzlich bin ich Buchnerd. Damit ist meine Biographie in den wichtigsten Punkten zusammengefasst.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Ich habe ungefähr im Alter von 14 Jahren angefangen zu schreiben und dann relativ schnell gewusst, dass ich Schriftstellerin werden möchte. Einen konkreten Auslöser gab es nicht, am ehesten könnte man vermutlich die Freude am Geschichtenerfinden dafür halten.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt, zu schreiben?

Es gibt ja diese zwei gegensätzlichen Meinungen. Auf der einen Seite die, dass man das Schreiben auf keinen Fall lernen kann, dass man es „haben“ muss. Und auf der anderen Seite sind da jene, die behaupten, alles sei nur Handwerk. Ich befinde mich irgendwo in der Mitte. Vieles ist Handwerk, und damit kann man auch recht ordentliche Unterhaltung schreiben, denke ich. Aber diesen Romanen fehlt dann oft etwas, das ich „den Funken“ nennen würde.

Wie bei allem im Leben ist es in meinen Augen also eine Mischung aus beidem: viel Handwerk, aber eben auch ein wichtiger Teil Inspiration und, ja, auch Talent, Genie, wie immer man es nennen möchte.

Ich selbst habe einfach angefangen zu schreiben, ganz naiv und ganz und gar ohne überhaupt einen Gedanken daran zu verschwenden, dass es sowas wie Handwerk gibt. Irgendwann dann, als in mir der Wunsch aufkam, zu veröffentlichen und ich die ersten Absagen von Verlagen kassierte, wollte ich wissen, was der Grund dafür war. In dieser Zeit habe ich einige Seminare besucht, in denen es ums Handwerk ging. Das meiste lief bei mir aber nach dem Prinzip trial and error, und irgendwie mache ich es noch heute so: ausprobieren, was geht, dann umschreiben, neuschreiben, wieder testen, neu umschreiben …

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Im Grunde so, wie ich eben schon beschrieben habe. Aber das ist von Buch zu Buch durchaus unterschiedlich. Grundsätzlich mache ich erst eine Menge Recherchen, bevor ich mich dann an eine erste, grobe Planung des Plots setze. Wenn die fertig ist, fange ich meistens an, die ersten Szenen zu schreiben, und ab da ist vieles Überarbeitung und Ringen um die passenden Worte. Und Haareraufen.

Wann und wo schreiben Sie?

Zu Hause in meinem Büro, aber auch am Küchentisch (wie gerade im Moment), im Zug oder im Hotel, wenn ich auf Lesereise bin. Und immer dann, wenn Zeit ist, frühmorgens, abends, ich habe keine festen Schreibzeiten.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Gar nicht. Leider.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Womit man kämpft? Neben den üblichen Schwierigkeiten mit Plot, Story und Figuren natürlich auch mit den „Demütigungen“, die das Business so mit sich bringt. Das ist ein sehr langes Thema, zu dem ich einen ganzen eigenen Roman schreiben könnte. Aber trotzdem ist es noch immer meine größte Freude, zu schreiben und auch zu veröffentlichen. Zu erleben, wie eine Story wächst, sich fügt und am Ende „rund“ wird, ist tief befriedigend. Und natürlich mag und schätze ich sehr den persönlichen Austausch mit meinen Leserinnen und Lesern. Wenn es auf einer Lesung zu richtig guten Gesprächen kommt, dann ist das eine große Freude.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben und wie entsteht aus einer Idee eine Geschichte?

Naja, im Grunde muss ich morgens nur noch die Zeitung aufschlagen und dann kommt mir eine neue Idee für den nächsten Faris Iskander-Roman. Das ist Vorteil und Nachteil zugleich, wenn man, wie ich, so ein aktuelles Thema hat. Ich sammele vieles, Zeitungsartikel, Ausschnitte aus Fernsehsendungen, Begegnungen mit Menschen. Und meistens kristallisiert sich dann recht schnell eine neue Story heraus. Das passiert im Moment auch wieder. Die Story von Band 4 der Reihe ist gerade dabei, ein Eigenleben zu entwickeln.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel von Ihnen steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Der gute, alte Goethe. J Ich habe oben von dem „Funken“ gesprochen, den ein guter Roman meiner Meinung nach haben muss. Vermutlich ist dieser Funke einfach eine Art „Angefasstsein“ des Autors vom eigenen Stoff. Man muss etwas zu sagen haben. Und natürlich hat man am Ehesten etwas zu sagen, über Dinge, die einem passieren, die man beobachtet und die einen emotional angehen. Insofern ist wohl wirklich jedes Schreiben in gewisser Weise autobiografisch.

Von mir persönlich steckt vermutlich einiges in der Figur der Ira Jenssen, angefangen von ihrem Hadern mit der Amtskirche bis hin zu großen Teilen ihrer Sicht auf die Welt. Ira sagt oft die Dinge, die ich gern sagen würde, aber sie ist nicht ich. Sie ist viel warmherziger, reflektierter, aber auch viel zerrissener und in gewisser Weise zögerlicher.

Mit Ohne Ausweg erschien gerade der dritte Band einer Reihe um den Ermittler Faris Iskander. War von Anfang an klar, dass es eine Reihe werden sollte oder hat sich das so entwickelt?

Es hat sich entwickelt. Als ich Faris schuf, wusste ich noch nicht, ob er sich als Serienfigur eignet, aber es hat sich schnell herausgestellt, dass er mich nicht mehr loslässt.

Faris ist sehr undurchschaubar, er lässt Menschen – nicht mal den Leser – nicht ganz an sich ran. Liegt er vor Ihnen wie ein offenes Buch oder verschließt er sich auch Ihnen teilweise, so dass Sie ihn noch weiter durchdringen wollen?

Das ist eine spannende Frage, über die ich erst einmal nachdenken musste. Im Grund lässt er ja nichtmal sich selbst an sich heran. Tatsache ist, dass er mit jedem neuen Buch neue Facetten entwickelt (oder mir zeigt?), von denen ich bisher keine Ahnung hatte. Manchmal werde ich von Entwicklungen in seinem Leben selbst überrascht, wie z.B. der Erkenntnis am Ende von Band 2, dass er eine Tochter hat. Und auch im Moment gerade bin ich wieder dabei, ihn neu zu entdecken.

Sie greifen in diesen Romanen sehr aktuelle Themen auf. Hatten Sie nie Angst, sich damit ins Kreuzfeuer zu begeben?

Schon, ja. Aber ich lasse diese Angst einfach nicht so dicht an mich ran, sonst könnte ich diese Bücher nicht schreiben.

Am Schluss Ihres Buches schrieben Sie im Nachwort von Ihrem Engagement für Flüchtlinge. Es wirkte auf mich wie ein Gegengewicht zur Geschichte, quasi um zu sagen: Es sind nicht alle Terroristen und viele brauchen unsere Hilfe? War das die Intention?

Naja, im Grunde ist das – sehr vereinfacht gesagt – ja auch die Aussage des Romans. Ich hoffe, dass das rüberkommt, und dass insofern das Nachwort kein Gegengewicht sein muss, sondern eher eine Ergänzung. Mir ist übrigens wichtig, dass „Terroristen“ in diesem Sinne nicht nur Islamisten meint, sondern auch rechtsmotivierte Täter. Interessanterweise geht das in allen Besprechungen, die bisher erschienen sind, ein bisschen unter, obwohl der rechte Terror in dem Buch ungefähr eine gleich große Rolle spielt wie der islamistische.

Oft wird unterschieden zwischen großer Literatur und Unterhaltungsliteratur. Krimis/Thriller werden teilweise noch eine Stufe drunter eingestuft. Was halten Sie von solchen Kategorien und wieso haben Sie sich für dieses Genre entschieden?

Ist das so? Dass Krimis und Thriller noch unter Unterhaltungsliteratur eingestuft werden? Ich empfinde das nicht so. Natürlich gibt es in Deutschland immer noch diese blöde Trennung zwischen der sogenannten E- und der sogenannten U-Literatur. Aber ich möchte in dieser Hinsicht optimistisch sein und daran glauben, dass sich da einiges tut. In meinen kühnsten Träumen wünsche ich mir, mit meinen Büchern dabei ein bisschen mitzuhelfen, aber das war natürlich nicht der Grund, warum ich mich für dieses Genre entschieden habe. Ich lese einfach gern Thriller, und ich glaube, ich kann ganz gut spannend schreiben. Mehr steckt da gar nicht dahinter.

Ich las kürzlich, Liebesromane müsste es auf Rezept geben, denn sie seien Heilung für die Herzen der Leser. Was sind so gesehen Kriminalromane und Thriller?

Es gibt Krimis, die wollen reine Entspannung sein, die wären nach dieser Sichtweise vielleicht eine Beruhigungspille für den vom Alltag aufgewühlten Geist. Wobei das so negativ klingt, und ich es gar nicht so meine. Besser wäre es vielleicht, nicht von Beruhigungspille zu reden, sondern von einem schönen Glas Wein, das einen abends nach all dem Stress entspannt und besser schlafen lässt.

Und dann gibt es eben die Krimis, die aktuelle Themen aufgreifen und/oder „etwas zu sagen“ haben. Für mich persönlich hat ein guter Krimi oder Thriller etwas, das nach dem Lesen noch in mir arbeitet, das mir – im Idealfall natürlich – irgendetwas klar gemacht oder meine Sicht auf die Welt oder die Psyche des Menschen ein klein wenig verändert hat.

Selfpublishing und E-Books haben den Buchmarkt in Aufregung versetzt. Man hört kritische Stimmen gegen Verlage wie auch abschätzige gegen Selfpublisher. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Zweigeteilt. Der Buchmarkt ist ein hartes und leider auch ziemlich gnadenloses Geschäft, in dem oft nicht mehr das Lektorat oder der Verleger darüber entscheiden, ob ein Buch gemacht wird, sondern Vertrieb bzw. Controlling. Die Zeiten, in denen ein Verlag über Jahre an einem Autor festhielt, weil er an das glaubte, was dieser zu sagen hat, sind leider vorbei. Und in Zeiten, in denen sich die Auflagen im Sinkflug befinden und mehr und mehr Buchhandlungen vor der Macht der großen Player kapitulieren, kann ich inzwischen jeden Autor und jede Autorin verstehen, die sich entscheiden, lieber ihr eigenes Ding zu machen.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Wie oben schon gesagt, möchte ich, dass eine Geschichte in mir nachhallt. Aber ich brauche auch eine gewisse Spannung, wobei das nicht automatisch Action oder Handlungsspannung sein muss. Es gibt auch Bücher, die ich sprachlich spannend finde. Grundsätzlich will ich mich beim Lesen nicht langweilen, das fasst es, glaube ich, ziemlich gut zusammen.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die Sie geprägt haben?

Ich bin Fan von Robert B. Parker, dem großen amerikanischen Hard-boiled-Autor aus Boston. Überhaupt lese ich viele amerikanische Autoren und wenn ich von etwas geprägt bin, dann vermutlich von diesen: Don Winslow. Michael Connolly. Lee Child. Dennis Lehane. Aktuell lese ich die James Lee Burke-Romane, die im Pendragon-Verlag erschienen sind.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Fünf. Okay.
Glaub an dich, egal, was die anderen sagen.
Schreib!
Schreib!
Schreib!
Schreib!

Herzlichen Dank für diese Antworten!

Hanni sehr schönes PortraitHanni Münzer hatte schon immer eine lebhafte Fantasie (zum Leidwesen von Eltern und Lehrern) und verschlang bereits als Sechsjährige jedes Buch. Nicht alles war jugendfrei. Aus der Leidenschaft zu lesen, entwickelte sich die Leidenschaft zu schreiben.
2013 veröffentlichte die in Wolfratshausen Geborene ihr Debüt Die Seelenfischer. Es war ein Experiment, das versehentlich gelang. Plötzlich war sie Autorin. Ihr neuster Roman: Honigtot.

Hanni Münzer hat sich die Zeit genommen, mir ein paar Fragen zu beantworten:

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Eine ganz normal Verrückte aus Bayern, glücklich verheiratet, zwei Kinder, ein Hund. Sie ist vorlaut, mit der Neigung zum zivilen Ungehorsam, erzählt gern schmutzige Witze (Spitzname:„Dirty Hanni“), nimmt sich aber selbst nicht zu ernst. Und sie liebt und lebt in ihren Geschichten.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Ich habe schon immer geschrieben. Da könnte man mich genauso fragen, was mich zum Essen, Trinken oder Lieben anhält. Schreiben ist für mich ein natürlicher Reflex, ich entkomme ihm nicht.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

„Talent ist zwar eine Voraussetzung, aber Können muss man sich hart erarbeiten.“ Das ist das Zitat eines fiktiven Musiklehrers aus meinem Buch „HONIGTOT“. Es ist wahr, für eine gute Geschichte muss man sich schinden. Recherche ist das A und O und: lesen, lesen, lesen. Man sollte nie aufhören zu lernen, vor allem von den Großen des Genres. Einen Schreibkurs habe ich nie besucht.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Erst die Idee, dann die Recherche. Das ist der schönste Part: Ich marschiere mit der Liste der Bücher, die ich dazu lesen muss in meine Buchhandlung vor Ort, und komme mit doppelt so vielen wieder heraus. Mindestens. Bücher sind für mich wie Schuhe, ich muss sie alle haben. Hier endet die Vorbereitung. Ich gestehe: Am Anfang steht die Planung, am Ende regiert das Chaos.

Wann und wo schreiben Sie?

So oft ich kann, verschwinde ich in meinen Schreibkeller.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Ich muss nicht abschalten. Schreiben ist für mich Entspannung pur, mein Gehirn hat immer Ferien. Die Geschichten und Ideen suchen mich zu jeder Tages- und Nachtzeit heim. Oft treibt es mich mitten in der Nacht an den PC. Mein Mann schimpft. Ich höre erst auf zu schreiben, wenn er nach einer warmen Mahlzeit verlangt. Oder der Hund mir die Leine vor die Füße legt. Mein Mann behauptet ja, ich könne mich nicht „Abschalten“, weil ich im wahrsten Sinne des Wortes eine Schreibmaschine wäre. Stimmt nicht, ich genieße die Zeit mit ihm, meiner Familie, meinen Freunden, dem Hund, dem Garten, dem Sport. Nicht zuletzt mit einem guten Buch. Und tausend anderen Dingen …

Hanni mit HundWas bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Ich habe das große Glück, dass aus einem Hobby, das für mich Berufung war, ein Beruf geworden ist, von dem ich derzeit sogar leben kann. Das Einzige, womit ich als Autor kämpfe, ist die Zeit. Sie zerrinnt mir zwischen den Händen.

Die größte Freude, die ich als Autor erlebe, ist der direkte Kontakt zu meinen Lesern. Gerade zu „HONIGTOT“ haben mich viele Leser angeschrieben, weil das Buch sie berührt hat, darunter auch einige Zeitzeugen. Für diese Sternstunden lebe und schreibe ich und dafür bin ich vor allem zutiefst dankbar. Kürzlich schrieb mir eine Leserin, meine erfundene Geschichte von Adam und Eva und der ersten Ameise Moriah aus „Honigtot“, habe es sogar als Hauptthema in die Predigt eines Pfarrers gebracht, der sie mit der Bergpredigt verknüpft hat. Wenn das mein alter Pfarrer Braun wüsste: Der ist daran verzweifelt, dass er mich nicht zum Glauben hinführen konnte.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist Ihre Sicht der Dinge?

 Diese Stimmen kenne ich nur vom Hörensagen. Verlage sind Unternehmen und müssen wirtschaftlich arbeiten, davon hängt die Zahl ihrer Arbeitsplätze ab. Die Konkurrenz ist groß und die veränderten Marktbedingungen machen es nicht leichter. Dass hier, wie in jeder anderen Branche auch, hart um und mit der Ware „Autor“ gefeilscht wird, ist nachvollziehbar. Es geht immer um Umsatz und Gewinn. Auch der Autor ist Unternehmer. Etwas Methusalix finde ich das Abrechnungssystem im Computerzeitalter. Verlage könnten wenigstens quartalsweise abrechnen. Doch vorwiegend gilt die jährliche Abrechnungsweise mit Zahlungsziel 30-60 Tage, selten die halbjährliche, für die muss man kämpfen. Ich für meinen Teil kann jedoch sagen, dass ich bei meinem Wunschverlag Piper untergekommen bin und sehr glücklich über die bisherige Zusammenarbeit bin.

Ihr Roman Honigtot greift ein historisches Thema auf. Was hat Sie an diesem Thema gereizt?

Alles. Wieviel Zeit haben Sie?

Die Erzählungen meiner Stiefoma weckten in mir sehr früh das Interesse für die deutsche Vergangenheit. Wir sind mütterlicherseits Sudetendeutsche, väterlicherseits stamme ich zu einem Drittel von einer mobilen, ethnischen Gruppe ab. (So nennt man jetzt politisch korrekt ‚Zigeuner‘). Denkt man an diesen unsäglichen 2. Weltkrieg hat man sogleich die Bilder von Tod und Zerstörung im Kopf: Rollende Panzer, marschierende Soldaten, Bombenhagel, verwüstete Städte und Landstriche, vor allem aber auch Auschwitz mit seinen entsetzlichen Leichenbergen.

Diese Bilder wollte ich nicht heraufbeschwören. Ich wollte zeigen, was der Krieg mit den Seelen der Menschen machte, die das braune Regime damals zu unerwünschten Kreaturen erklärt hat. Wie diese Familien die Zeit erlebten, wie sie fühlten und litten und ums Überleben kämpften.

Und ich wollte den mutigen Frauen jener Zeit ein Denkmal setzen.„Honigtot“ lebt von seinen starken Frauengestalten. Elisabeth, die wie eine Löwin um ihre Liebe und später um ihre Kinder kämpft, ihre leidenschaftliche Tochter Deborah, die, um ihren Bruder zu schützen, zu allem bereit ist, und ihre toughe Freundin Marlene, die Widerstandskämpferin. Sie stehen stellvertretend für all jene Frauen, die in der heutigen Zeit ebenso für ihre Liebe, ihre Familie und ihre Kinder kämpfen müssen. Das ist der eigentliche Irrsinn: Es gibt immer noch zu viel Krieg und Unrecht auf dieser Welt. Der Mensch bleibt sich in seinen schlechten Taten treu, er lernt nicht dazu.

Hatten Sie auch Bedenken deswegen?

Niemals. Der Feind der Erinnerung ist das Vergessen. Die Erinnerung, zu welch furchtbaren Taten der Mensch fähig ist, sei es aus Machtgier, ideologischer Verblendung oder, weil jemand wie Hitler und seine Helfershelfer das anarchistische Umfeld geschaffen haben, das diese Monster damals straffrei wirken ließ, muss wachgehalten werden. Ich bin nur eine kleine Stimme, aber es ist eine Stimme.

Im Roman sieht man sich mit einer sehr prägenden Vergangenheit konfrontiert – sie prägt sogar, wenn man die genauen Hintergründe nicht kennt. Kann man seiner Vergangenheit entkommen oder ist sie immer präsent?

Mein Buch behandelt ja auch die Themen Schuld und Sühne und die Frage: Gibt es so etwas wie eine Erbsünde? Wie sehr wirkt sich das geistige Erbe, das vier Generationen Frauen in „Honigtot“ einander weitergeben, aus? Ist die Schuld unserer Väter vielleicht unsere Erbsünde? Wird es unserer Generation der Kriegsenkel je möglich sein, diese Schuld zu büßen?

Kürzlich fragte mich jemand dazu sinngemäß: Wenn uns die historischen Ereignisse wie eine unaufhaltsame Strömung treiben, sind wir noch für unsere Taten verantwortlich?

Ja, das sind wir.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Inspirationen und Ideen kommen, wenn sie wollen, nicht, wenn ich es will. Ich bin ihnen daher hilflos ausgeliefert. Natürlich hat die Idee zu einer Geschichte viele Wurzeln, sie wächst durch die eigenen Gedanken, Erlebnisse und Begegnungen, Gefühle und Emotionen.

Auch folge ich einem unbändigen Trieb der Neugierde, lese gerne, unterhalte mich gerne, reise gerne und interessiere mich für alles, insbesondere die unterschiedlichen Kulturen und Religionen. Es beschäftigt mich sehr, nachzuvollziehen, warum der einzelne Mensch ist, wie er ist. Woher kommt das Böse, wie entsteht das Gute? Wie vorher erwähnt, recherchiere ich mit Leidenschaft. Oft ergeben sich dadurch neue Anregungen, ich entdecke einen Namen, dessen Schicksal ich weiterverfolge, knüpfe Gedankenfäden, die ich weiterspinne. So entstehen Geschichten.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Hanni Münzer steckt in Ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Das ist eine hinterlistige Frage. Ich liebe sie alle; auch die Bösen. Die Guten müssen ja in der Relation gut sein können. Natürlich habe ich besonders an meiner Protagonistin im „SEELENFISCHER“, der Journalistin Rabea Rosenthal, gefeilt, eine kämpferische Weltverbesserin mit Idealismus-Virus:-). Sie hat auf meiner Webpage sogar ihre eigene Form der Zehn Gebote. Mir steht auch der Jesuit Simone nahe. Er hat einen unmöglichen Kleidungsstil, kocht gerne, zitiert Shakespeare und erzählt noch unter Folter Jesuitenwitze. Besonders aber beschäftigen mich meine vier Protagonistinnen in „HONIGTOT“, ich kann sie nicht loslassen. (Siehe oben zum historischen Thema.)

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Nein, warum? Buch ist Buch und Meinung ist Meinung. Die habe ich auch, als Bürger. Ich wünsche mir weniger Politik und Staat und dafür mehr Volksentscheide. Die Iren haben es uns gerade wunderbar vorgemacht mit ihrer Abstimmung für die Homo-Ehe.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Wenn ich könnte, würde ich Tag und Nacht lesen, meine Lektüre ist auch stark stimmungsabhängig. An melancholischen Tagen lese ich Orhan Pamuk, Michel Houllebecq, Toni Morrison. Aber oft will ich vor allem eines: lernen. Ach, es gibt so viele großartige Kollegen, deren Bücher mich berühren und zum Nachdenken anregen. Alle aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen. Es ist kein Geheimnis, dass ich J.R.R. Tolkien verehre, sein sprachliches Spektrum ist genial. Er hat im Ersten Weltkrieg als Soldat das Gemetzel an der Somme mitgemacht und seine Erlebnisse in der Ring-Trilogie verarbeitet. Ich bewundere auch Richard Adams. Sein „Watership down“ ist magisch. Adams engagiert sich stark für den Tierschutz. Tiere sind ebenso Gottesgeschöpfe und ich finde, eine Gesellschaft sollte sich auch daran messen lassen, wie sie mit seinen Tieren und der Natur umgeht. Ansonsten lese ich sehr bunt. Jane Austen, weil sie zeitlos ist, Mark Twain, wegen seiner scharfen Zunge, aber vornehmlich Biographien von Zeitzeugen wie die von Egon Hanfstängl oder Hannah Arendt. Sehr lehrreich ist Robert Dallek´s „Kennedy – Ein unvollendetes Leben“. Es lässt die Verknüpfungen von Militär und Wirtschaft in den USA aufscheinen, auf die bereits Eisenhower in seiner berühmten Abschiedsrede 1961 hingewiesen hat. Auch Evelyne Levers „Madame de Pompadour“ ist ein Leseerlebnis. Die Pompadour war eine bewundernswerte Frau mit einem starken Charakter, künstlerisch multibegabt und von hoher intuitiver Intelligenz. In der heutigen Zeit wäre sie eine erfolgreiche Geschäftsfrau oder ein gefeierter Impressario geworden. Eine wenig differenzierte Welt erinnert sich heute an sie mit Vorliebe als Matratze eines Königs.Das ist traurig.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

  1. Das Wichtigste: Nehmen Sie sich Zeit! Eine Geschichte muss wachsen.

  2. Recherche, Recherche, Recherche – aus Büchern, nicht aus dem Internet. Da steht zuviel Blödsinn.

  3. Bloß kein W-Lan am Arbeitsplatz …

  4. Sätze nicht überfrachten. Muss der Leser wirklich wissen, ob Ihre Figur, „lange, dunkle, leicht gelockte Haare“ hat, auf dem „schief ein avantgardistisch anmutendes Hütchen sitzt, dessen schillernde Pfauenfeder sich sacht im vom smaragdblauen Meer herüberwehenden Wind bewegt“? (Seufz, ich wünschte, ich würde das selber genauso beherzigen)

  5. Schreiben Sie keinen Thriller, wenn Sie kein Blut sehen können.

  6. Machen Sie sich auf Kritik gefasst, die Welt hat nicht auf ihr Buch gewartet…

Oh, das waren jetzt sechs …

Ich bedanke mich sehr herzlich für diese sehr ausführlichen, spannenden und aufschlussreichen Antworten.

Rilke – auf der ständigen Suche nach der Mutter?

Rilke, bekannt für seine wunderbaren und tiefgründigen Gedichte, wurde in seinem Leben und Dichten hauptsächlich von Frauen beeinflusst. Frauen säumen sein Leben, darunter Namen wie Lou Andreas-Salomé, Clara Westhoff, Marie von Thurn und Taxis und viele mehr. Angefangen hat aber alles mit Sophia Rilke – quasi das ganze Übel nahm da seinen Lauf. Eine zu enge Beziehung sei es gewesen, die den kleinen Rilke und später auch den jungen Mann gefangen hielt, prägte bis in die tiefsten Tiefen.

Der Schlüssel zu Rilkes beziehung zum weiblichen Geschlecht ist sein Verhältnis zur Mutter.

Er hätte sich drum nie ganz auf eine andere Frau einlassen können, hätte wenn, dann eher mütterliche Typen gesucht um die Distanz zur Mutter zu überbrücken, nachdem er von ihr weggegangen war.

Rilke sehnt sich lebenslang nach der innigen Liebe, die er als Kind gegenüber seiner Mutter empfand. […] Der junge Dichter suchte eine Ersatzmutter, die nicht einreisst, sondern aufbauen hilft; der er nicht Lebensmut zusprechen muss, sondern zu der er aufschauen darf, um zu lernen und zu wachsen.

Oder:

Rilke liebte die Frauen wie ein Sohn die eigene Mutter. Deshalb erschrak er, wenn es in der Liebe zum Letzten kommen sollte. Er floh vor dem Feuer der Leidenschaft, das seine Briefe und Gedichte entfacht hatten.

Er hätte Frauen mehr dafür benützt, sie in seine Gedichte zu verstricken, denn in sein Leben. Der problemhafte Umgang mit Frauen führe im Grunde darauf zurück, dass Rilke eigentlich selber lieber ein Mädchen wäre. Dies die These von Heimo Schwilk. Und über allem schwebte immer Rilkes Hässlichkeit, die der Autor der vorliegenden Biographie nicht müde wird, zu betonen. Einige Zeugnisse:

Rilke war kein schöner Mann, erst in seinen späteren Lebensjahren gewannen seine weichen, mit den wulstigen Lippen und dem fliehenden Kinn irgendwie auch karikaturhaften Züge einen Anflug reifer Männlichkeit.

[…] dieser blasse Bursche […]

[…] dieser scheue, zur Hingabe bereite, feminin wirkende junge Mann mit dem ungesunden Teint und den suggestiven Augen […]

Zwar habe er ‚seelenvolle Augen’, aber einen dünnen Hals, schmale Schultern und keinen Hinterkopf (zitiert aus Lou Andreas-Salomés Tagebuch)

Rilke mag von unscheinbarem Äusseren gewesen sein und auch kein Adonis, allerdings entbehrt das Buch jeglicher Notwendigkeit, dies so herauszustreichen.

Das Buch verschafft in der Tat einen Überblick über die wichtigen Frauen in Rilkes Leben (es ist nicht vollständig, aber das ist wohl ein Anspruch, der nicht erfüllt werden wollte). Eine wichtige Quelle für dieses Werk waren die vielen Briefe, die Rilke geschrieben hat und die ein gutes Zeugnis abgeben. Das hebt diese Biografien von vielen der grossen Rilke-Biografien ab, die noch vor Erscheinen der zweibändigen, sorgfältig kommentierten Edition seiner Briefwechsel erschienen sind. Schwilke verweist auch immer wieder auf das Werk des Dichters, stellt Bezüge zwischen seinen Frauengeschichten und diesem her, bleibt dabei aber eher blutleer und vor allem immer lieblos. Insgesamt wirkt alles wie zusammengesucht, in eine Reihe gepackt und hingeschrieben. Der Geist des Werkes und des Dichters springt mich aus diesem Buch nicht an.

Fazit:
Solide Biografie mit dem Fokus auf Rilkes Beziehung zu Frauen. Fundiert recherchiert, zeugt von Sachkenntnis des Autors, wirkt aber trotz einiger interessanter Aspekte etwas uninspiriert und lieblos.

Zum Autor
Heimo Schwilk
Heimo Schwilk, geboren 1952 in Stuttgart, Dr. phil., ist Autor zahlreicher Bücher über Politik und Literatur. Seine großen Biografien über Ernst Jünger und Hermann Hesse wurden im In- und Ausland hoch gelobt. Er war lange Jahre Leitender Redakteur der Welt am Sonntag und lebt in Berlin. 1991 wurde er mit dem Theodor-Wolff-Preis für herausragenden Journalismus ausgezeichnet.

Angaben zum Buch:
Schwilkrilke_und_die_frauenGebundene Ausgabe: 336 Seiten
Verlag: Piper Verlag (9. März 2015)
ISBN-Nr.: 978-3492056373
Preis: EUR 22.99 / CHF 31.90

Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

©Ralf Kopp
©Ralf Kopp

Michael Kibler wurde 1963 in Heilbronn geboren, studierte an der Johann Wolfgang Goethe Universität in Frankfurt, im Hauptfach Germanistik mit den Nebenfächern Filmwissenschaft und Psychologie. 2005 veröffentlichte er den ersten Krimi Madonnenkinder, es folgen weitere Darmstadt-Krimis mit dem Ermittlerteam um Margot Hesgart und Steffen Horndeich. Neben den Krimis schreibt Kibler schreibt auch Sachbücher, hat schon einige Krimi-Kurzgeschichten veröffentlicht und zudem als Texter und PR-Profi tätig. Michael Kibler lebt in Darmstadt, wo er Lesungen, Stadtführungen durch Darmstadt und Schreib-Workshops anbietet. Von ihm erschienen sind Madonnenkinder, Opfergrube, Sterbenszeit u. v. m.

Michael Kibler hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu sich und seinem Schreiben zu beantworten:

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich versuche mal, das auf zehn Stichpunkte zu reduzieren: Geboren im Sternzeichen Fisch – viele Umzüge in der Kindheit – in Darmstadt Heimat gefunden – leidliches Abi, guter Studienabschluss – Artikel in McDonald‘s-Kino News erster bezahlter Text – Groschenromane für Bastei – Festanstellung in Öffentlichkeitsarbeit, aber nur kurz – freiberuflich Texter Vollzeit – erfolgreiche Krimireihe – Schriftsteller Teilzeit.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Während der Schulzeit haben mir Deutscharbeiten immer dann Spaß gemacht, wenn ich eine Geschichte erzählen durfte. Erst mit knapp 20 habe ich dann angefangen, eigene fiktive Geschichten zu schreiben.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Natürlich braucht es Phatasie, aber gerade beim Schreiben von Kriminalliteratur geht ohne Handwerk überhaupt nichts. Man muss wissen, wann man wie Wendungen einbaut, Erzählenswertes von nicht Erzählenswertem trennt, Spannung erzeugt et cetera. Dazu hat weniger mein Germanistikstudium beigetragen, als das Nebenfachstudium der „Filmwissenschaft“. Ich habe mich über Alfred Hitchcock prüfen lassen – da habe ich etwa sehr viel über das Geschichtenerzählen gelernt. Und ich habe mir sofort fünf McGuffins gekauft. Ansonsten lernt man sehr viel über jedes ernst gemeinte Lektorat.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Bevor ich die erste Zeile des Buches schreibe, ist die Geschichte bereits komplett recherchiert. Das liegt auch daran, dass meine Krimiplots eher komplexer Natur sind. Wenn ich diese Geschichte sauber erzählen will und ohne lose Enden zu Ende bringen möchte, kann ich auf ein Drehbuch beim Schreiben nicht verzichten.

Wann und wo schreiben Sie?

Das Wann ist nicht so festgelegt, wobei ich tendenziell das eigentliche Buchschreiben eher in den Abendstunden praktiziere. Ich schreibe meistens an meinem Schreibtisch. Da ich angefangen habe, mit einem Spracherkennungsprogramm zu arbeiten, geht das im Moment auch kaum woanders, denn am Schreibtisch steht der schnelle Rechner. Gut, dass ich mich dort wohlfühle.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Ich bin bekennender Serien-Junkie, wobei beim Seriengucken der Übergang zwischen Abschalten und Fortbildung fließend ist. Dank der modernen Smartphones hat man inzwischen auch immer einen Notizblock dabei – sehr praktisch. Ja, ich bin durchaus in der Lage, mir selbst freizugeben. Ironischerweise kommen mir immer dann die besten Ideen.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Autor zu sein heißt, dass für mich der Beruf Berufung ist. Aber die Berufung ist ja auch Beruf – und muss damit professionell ausgeübt werden, damit man davon seine Existenz bestreiten kann. Wie jeder Autor, welcher der Spiegel-Bestsellerliste nicht mit jedem Buch einen Besuch unter den ersten zehn Plätzen abstattet, ist der Kampf auch immer wieder ein materieller. Ebenfalls, und ich denke da geht es den meisten Kollegen gleich, ist es anstrengend, stets die nötige Selbstdisziplin und Selbstmotivation aufzubringen. Die Freuden? Der Lohn ist nicht nur ein materieller: Wenn mir Leser erzählen, dass bestimmte Stellen meiner Bücher sie sehr berührt haben, dass meine Geschichten gerne gelesen werden – das ist einfach unbeschreiblich.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

Das ist ganz klar der berufliche Teil der Berufung. Verlage sind Wirtschaftsunternehmen, die, um zu existieren, schwarze Zahlen schreiben wollen und müssen. Ebenfalls müssen Autoren ein angemessenes Honorar bekommen, unabhängig davon, ob sie vom Schreiben leben oder es nebenberuflich betreiben. Dass diese beiden gegensätzlichen Positionen nicht ohne Konflikte ausgetragen werden, ist völlig klar. Das Verlagswesen verändert sich, ganz besonders durch die Digitalisierung der Bücher. Ich denke nicht, dass das Verlagswesen am Ende ist, aber es wird neben der klassischen Lieferkette Autor-Verlag-Leser weitere, neue Vertriebswege geben. Wohin die Reise geht, kann ich auch nicht sagen.

Sie wohnen in Darmstadt, schreiben Krimis in und um Darmstadt. Beschränkt das nicht ein wenig die kritische Sicht, weil man zu nah dran ist? Nehmen Sie Rücksicht, um niemandem auf die Füsse zu treten?

Mit „Sterbenszeit“ habe ich ja nun einen Krimi veröffentlicht, dessen Handlung sich über die ganze Bundesrepublik zieht. Die Motivation: „Endlich mal niemandem auf die Füße treten, den ich kenne.“ Im Ernst: Meine Krimis beschäftigen sich mit Menschen, ihren Motivationen, ihren Nöten, ihren Affekten. Dass sich diese Geschichte in meinem persönlichen Umfeld ansiedeln kann, hat aus meiner Sicht viele Vorteile, eben weil man das Umfeld kennt. Ich halte jedoch ganz bewusst stadtspolitische Aspekte aus meinen Büchern heraus. Erstens bin ich kein Politiker und zweitens wären die Themen bereits oft erledigt, wenn das Buch in Druck ginge. Ansonsten bin ich da ganz pragmatisch: Orte, an denen etwas Positives passiert, werden mit richtigem Namen genannt, Orte, bei denen das nicht so ist, bekommen ein fiktiven Namen. So bleiben meine Füße heil und die Leser können sich ganz auf die Geschichte konzentrieren.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Jede meiner Geschichten hat quasi einen Startschuss im Kopf: eine Begebenheit, eine Nachricht aus dem Radio, ein geschichtliches Ereignis. Um nach diesem Startschuss den Marathon zu laufen respektive zu schreiben, braucht es drei Dinge: erstens Fantasie, zweitens (Lebens-) Erfahrung, die die Fantasie speisen kann, und drittens saubere Recherche. Wichtig, gerade im Zeitalter des ewigen Löschens und Verbesserns ist die Disziplin, eine Geschichte zu Ende zu erzählen und dieses Ende dann als solches zu akzeptieren. Erst dann ist wieder Platz für die kommende Geschichte.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Michael Kibler steckt in Ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Ich behaupte immer, meine Geschichten und meine Figuren seien in keiner Weise autobiografisch. Und ich kann bis heute nicht verstehen, warum die Menschen, die mich ein wenig besser kennen, dann immer breit grinsen. Ich denke, und das meine ich jetzt ohne Scherz, dass sich in jedem meiner Bücher meine grundsätzliche Lebenseinstellung und auch meine Werteskala wieder finden. Sicher kann ich Figuren beschreiben, die diese Werte nicht teilen, aber die kommen dann entweder nicht gut weg, oder die Geschichte basiert auf rabenschwarzem Humor. Und wenn ich meine Bekannten darum bitte, ihr Grinsen zu erklären, dann muss ich schon feststellen, dass die eine oder andere Eigenheit meiner Person auch auf meine Figuren abfärbt. Was definitiv der Fall ist: Keine meine Figuren ist ein Alter Ego.

Wieso schreiben Sie Krimis? Ist es das, was Sie auch am liebsten lesen oder kann man dabei die eigenen bösen Seiten ausleben, die man im realen Leben eher unterdrückt?

Zunächst hat der Krimi einen großen Vorteil: Per Definition ist ein Spannungsbogen vorgegeben. Meist steht die Frage „Wer war es?“ im Vordergrund, manchmal auch die Frage „Warum tat er es?“. Wenn ich nun beim Schreiben nicht die ersten 20 Seiten völlig verbocke, habe ich eine gute Chance, dass der Leser meine Geschichte bis zur letzten Seite verfolgt. Das Schöne daran: Rund um den Spannungsbogen kann ich Geschichten und Themen einflechten, die mir persönlich wichtig sind. Via Krimi die bösen Seiten ausleben zu können – das halte ich für ein Klischee. Denn es steckt viel zu viel Arbeit, Recherche und Konstruktion in der Geschichte, um damit spontane Affekte, Hinterhältigkeit oder Wut zu befeuern. Ich kann mir allerdings vorstellen, woher dieses Klischee stammt: Hat man beim Schreiben alles richtig gemacht, schimmern Arbeit, Recherche und Konstruktion nicht mehr zwischen den Worten hervor. Was nicht heißt, dass nicht der eine oder andere Seitenhieb zwischen den Zeilen versteckt sein könnte, den die entsprechenden Personen auch durchaus identifizieren können. Don’t mess with a writer! 😉

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Nein. Einen politischen Auftrag haben Politiker. Ein Autor hat einen anderen Auftrag: eine gute Geschichte zu erzählen. Das ist sein Job. Dass darin politische Themen aufgegriffen werden können ist eine Möglichkeit, aber keine Verpflichtung. Politische Ereignisse spiegeln sich in meinen Büchern eher weniger, sehr wohl aber gesellschaftliche Fragen. Dabei ist es mir wichtiger, unterschiedliche Sichtweisen auf ein Problem zu beleuchten als einseitig Position zu beziehen. Ich halte es da mit Steven Spielberg, dessen Satz in einem Interview mir sehr gefallen hat: „Ich weigere mich, auf komplizierte Fragen einfache Antworten zu geben.“

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Einer der Autoren, die ich am aller liebsten lese, ist Steven King. Ihm gelingt meist, was ich an Büchern am meisten schätze: Wenn ich die Buchdeckel zuschlage, habe ich das Gefühl, Menschen und ihre Geschichte kennengelernt zu haben. Wenn mich die Personen fesseln, kann ich Schwächen in der Geschichte billigend in Kauf nehmen. Kings epische Beschreibungen von Horror sind überhaupt nicht mein Ding, dennoch lese ich seine Bücher. Zu sagen, er habe mich geprägt – nun, vielleicht pathetisch, auf der anderen Seite jedoch: ja.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Schreibe. Schriftsteller unterscheiden sich von Nicht-Schriftstellern genau dadurch. Und nicht dadurch, dass sie sagen, sie müssten mal ein Buch schreiben.

Schreibe zu Ende. Richtigen Platz im Kopf für die nächste Geschichte gibt es immer erst, wenn die vorige zu Ende erzählt worden ist.

Schreibe weiter. Auch wenn du beim Schreiben nicht das Gefühl hast, dass dir jetzt gerade der Meisterwurf gelingt. Das ist unerheblich. Denn sonst wirst du Punkt Zwei nie erfüllen.

Suche dir Sparring-Partner. Das Bild ist wörtlich zu nehmen: Ohne Training wird man nicht besser. Ach ja, wenn du boxen lernen willst, brauchst du als Sparringpartner einen Boxer. Wenn du schreiben lernen willst, einen, der mit Texten zu tun hat.

Trainiere für den Marathon im dicken Fell. Möchtest du erreichen, dass der Rest der Welt an deinen Texten teilhat, trittst du vom Spielfeld des reinen Schreibens auf das größere und härtere Spielfeld mit dem Namen „Literaturmarkt“. Ein dickes Fell ist hier hilfreich, Ausdauer, Beharrlichkeit und eine Packung Schmerztabletten sind unerlässlich.

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview!

BayerThommieThommie Bayer, 1953 in Esslingen geboren, studierte Malerei und war Liedermacher, bevor er 1984 begann, Stories, Gedichte und Romane zu schreiben. Neben anderen erschienen von ihm Die gefährliche Frau, Singvogel, der für den Deutschen Buchpreis nominierte Roman Eine kurze Geschichte vom Glück und zuletzt Die kurzen und die langen Jahre.

Thommie Bayer hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu seinem Schreiben und zu seinem neusten Roman Die kurzen und die langen Jahre zu beantworten:

 

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich war ein liebes, aber freches Kind, habe die Schule vor dem Abitur verlassen, Malerei studiert, Rockmusik gemacht und dann mit dreißig das Schreiben entdeckt. Ich habe meine große Liebe gefunden, bin seit fast dreißig Jahren mit ihr verheiratet und lebe seit ebenfalls fast dreißig Jahren am richtigen Ort.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Etwas anderes als Songtexte zu schreiben war lange ein Traum, gewagt habe ich es erst, als mein damaliges Leben in die Brüche ging.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Ich bin nicht der Typ, der zuerst lernt und dann loslegt, ich muss gleich loslegen und dann aus jedem Fehler, den ich mache, lernen. Die besonderen Bücher sind nie nur Handwerk, aber ohne Handwerk wären sie nichts.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich mache nur minimale Pläne und minimale Notizen – es fügt sich fast alles beim Schreiben.

Wann und wo schreiben Sie?

Immer zuhause an meinem Schreibtisch. Unterwegs kann ich allenfalls überarbeiten, kontrollieren, korrigieren. Entstehen muss es zuhause.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Ich habe entweder immer Ferien oder nie, je nach Definition. Ich glaube, ich schalte nicht ab. Ich bin glücklich, wenn es läuft und halte aus, wenn es nicht läuft. Es schaltet sich sozusagen manchmal von selbst ab. Oder mich.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Ich glaube, es bedeutet für mich, aufmerksam zu sein, auf Menschen, auf Sprache, auf Motive, Haltungen, Entwicklungen, Selbsttäuschung, Demagogie, Rhetorik… Ich kämpfe mit der Angst, mich zu wiederholen, und freue mich, wenn die Leser immer wieder das Bündnis mit mir eingehen.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

Ich habe Glück gehabt. Es geht mir gut mit meinem Verlag, ich fühle mich dort gemocht und geschätzt und unterstützt. Natürlich will jeder Künstler mehr (Werbung, Lob, Vorschuss), aber die Verlage müssen existieren, und Aufmerksamsein heißt auch, die Interessen und Notwendigkeiten anderer zu kapieren.

Was ist in Ihren Worten das Thema von Die kurzen und die langen Jahre ?

Eine platonische Liebe. Verlust. Die Ankunft im eigenen Leben.

Sie zeichnen in dem Buch eine eher düstere Sicht der Liebe. Eigentlich jede Liebesgeschichte, wie sie im Buche steht, ist meilenweit entfernt. Ist die Liebe so düster?

Auch. Ja. Als Urlaub vom Leben wäre die Liebe missverstanden. Sie ist das Leben selbst, und das ist oft auch düster.

Ist eine der Figuren in dieser Geschichte je glücklich? Sylvie schreibt in einem ihrer Briefe, sie sei es ab und an gewesen. Wo aber sind die Glücksmomente im Buch?

Sie sind schon da, aber wir erfahren mehr von den Verlusten. Diese Verluste wären aber keine, wenn nicht das Glück verloren ginge.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Das weiß ich nicht. Ideen kommen. Zum Glück.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Thommie Bayer steckt in Ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Meine männlichen Hauptfiguren sind oft eine Art Mischwesen aus der ausgedachten Figur und mir selbst. Ich bevölkere mich mit denen und bevölkere sie mit mir.

„Das Leben ist eines der schrecklichsten und es endet meistens mit dem Tod“ oder „Das Leben ist eines der besten“ – was passt? Würden Sie sich als Optimisten oder Pessimisten sehen?

Trauriger Optimist. Oder skeptischer Optimist. Oder zufriedener Querulant.

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Nein. Kunst darf zwar alles, auch die Menschheit erziehen oder belehren wollen, aber mich persönlich interessiert nur die Kunst, die einfach existieren will. Das Bild, das gemalt werden will, die Geschichte, die erzählt sein will, die Musik, die gehört werden will.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Seele. Sprache. Haltung.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die Sie geprägt haben?

Ohja. Die Liste wäre lang. Wobei das mit der Prägung wohl keine so große Rolle spielt, jedenfalls nicht mehr. Anfangs war das sicher Kurt Vonnegut, aber inzwischen bewundere ich viele Kollegen, eifere aber keinem mehr nach.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Keine Angst vor Freundlichkeit. Keine Angst vor Liebe. Keine langen Aufzählungen. Keine langen Beschreibungen. Kein fünfter Tipp.

Ich bedanke mich herzlich für diesen Einblick in Ihr Schreiben. Ich wüsste gerne, wer am Schluss die Tipps nochmals nachzählt.

Ohne Liebe ist alles nichts

Halten Sie die Liebe in Ehren, Marcus. Machen Sie sie zu Ihrer schönsten Errungenschaft, zu Ihrem einzigen Ziel. Nach den Menschen kommen andere Menschen. Nach den Büchern kommen andere Bücher. Nach dem Ruhm kommt anderer Ruhm. Nach dem Geld kommt anderes Geld. Aber nach der Liebe, Marcus, nach der Liebe bleibt nur das Salz der Tränen.

Eines Abends verschwindet Nola Kellergan spurlos. Ganz Aurora ist in Aufruhr, ganz Aurora beteiligt sich bei der Suche, aber Nola bleibt verschwunden. Nach einer ersten lähmenden Zeit der Angst, in der Familien ihre Kinder zuhause einschliessen, findet das Städtchen langsam wieder zur Normalität zurück, bis 30 Jahre später Nolas Leiche gefunden wird. Sie liegt im Garten des Mannes, der 30 Jahre vorher mit Nola just am Tag ihres Verschwindens weggehen wollte, um seine Liebe zu dem 15-jährigen Mädchen leben zu können: Harry Quebert, berühmter Schriftsteller, Professor und bislang hochangesehene Persönlichkeit.

Marcus Goldman ist Schriftsteller, erfolgreicher Schriftsteller mit nur einem Buch. Es will ihm nicht gelingen, ein zweites zu schreiben, obwohl ihm sein Verleger Strafe androht, wenn nicht bald eines erscheint. Die Schreibkrankheit hat Marcus im Griff. Eines Tages der Anruf von Harry. In seinem Garten wurde die Leiche von Nola Kellergan gefunden. Nola Kellergang war die Liebe in Harrys Lebens, nie hatte er nachher wieder geliebt. Sein ganzes Leben hatte er nur auf Nola gewartet. Nun war sie tot.

In meinem Leben gab es nur Harry und seltsamerweise stellte ich mir überhaupt nicht die Frage, ob er schuldig war oder nicht: Die Antwort hätte ohnehin nichts geändert. Das war ein komisches Gefühl. Ich glaube, ich hätte ihn lieber gehasst und ihm mit der ganzen Nation ins Gesicht gespuckt, das wäre einfacher gewesen. Stattdessen sagte ich mir nur: Er ist ein Mensch, und Menschen haben ihre Dämonen. Jeder von uns. Die Frage ist nur, wie viel man diesen Dämonen durchgehen lässt.

Marcus macht sich in Zusammenarbeit mit einem Polizisten auf die Suche nach dem wahren Mörder. Harry ist schnell entlastet, aber wer hat die kleine Nola Kellergan sonst umgebracht? Die Nachforschungen bringen nach und nach neue Details und Verstrickungen aus dem Jahr 1975 ans Tageslicht, die beiden Ermittler stossen auf immer mehr Unklarheiten und vor allem immer neue Verdächtige.

Joël Dicker lässt seinen Roman auf drei Zeitebenen spielen: Im Jahr 1975, als Nola Kellergan verschwand, in den Jahren 1998 – 2002, Marcus Goldmans Ausbildungsjahren, und im Jahr 2008, dem Jahr des Leichenfundes und der Ermittlungen. Trotz der drei Ebenen ist dem Leser immer klar, in welcher Zeit er sich befindet, und er spürt, wie sich langsam das Fadennetz zwischen den Zeiten verdichtet. Der Leser nimmt durch die unmittelbare Ich-Erzählung von Marcus Goldman an den Ermittlungen teil und will den Fall selber auflösen. Er leidet mit, er sucht mit, er zieht seine Schlüsse.

Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert ist eine packende Geschichte, die viel mehr als ein Krimi ist. Es ist die Geschichte über die Liebe, eine Geschichte übers Schreiben, eine Geschichte über die Wahrheit, die nicht immer ist, wie sie auf den ersten Blick scheint. In einer gut lesbaren Sprache, mit plastischen Figuren und realistischen Schauplätzen zeichnet Dicker eine GescBildschirmfoto 2015-01-18 um 09.10.15hichte, die den Leser einsaugt und nicht mehr loslassen will. Je weiter das Buch fortschreitet, desto stärker wird aber der Zwiespalt: Einerseits will man nicht aufhören zu lesen, andererseits wird das Buch viel zu schnell fertig sein, wenn man keine Pause macht. Die Welt des Harry Quebert wieder zu verlassen ist ein Abschied, der eine Lücke hinterlässt.

Fazit:
Eines der besten Bücher seit langem. Plot, Sprache, Charaktere – Erzählkunst auf höchstem Niveau. Packend, unterhaltend, wunderbar. Absolut empfehlenswert.

 

Zum Autor
Joël Dicker
Joël Dicker wurde 1985 in Genf geboren. Der studierte Jurist hat bislang zwei Romane geschrieben: Les Derniers Jours de nos Pères und La Vérité sur l’Affaire Harry Quebert. Für Letzteren bekam er den Grand Prix du Roman der Académie Française zugesprochen sowie den Prix Goncourt des Lycéens. Das bei einem winzigen Verlag erschienene Buch wurde in Frankreich zur literarischen Sensation des Jahres 2012 und mittlerweile in über 30 Sprachen übersetzt.

Angaben zum Buch:
DickerWahrheitGebundene Ausgabe: 736 Seiten
Verlag: Piper Verlag (13. August 2013)
Übersetzung: Carina von Enzenberg
ISBN-Nr.: 978-3492056007
Preis: EUR 22.99 / CHF 20.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Husch Josten
josten_web_rechtsHusch Josten wurde 1969 in Köln geboren, studierte Geschichte und Staatsrecht und arbeitete als Journalistin. Mit ihrem Debütroman In Sachen Joseph (2010) wurde sie für den aspekte-Literaturpreis nominiert. 2012 erschien ihr zweiter Roman, Das Glück von Frau Pfeffer, 2013 die Kurzgeschichten Fragen Sie nach Fritz. Husch Josten lebt als Schriftstellerin in Köln.

Husch Josten hat mir ein paar Fragen zu ihrem Schreiben und ihrem neusten Buch Der tadellose Herr Taft beantwortet. Dafür möchte ich mich herzlich bedanken.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

1969 in Köln geboren. Rheinländerin. In Paris und Köln studiert. In diesen Städten wie auch in London als Journalistin gearbeitet – und das sehr gerne. Dann der erste Roman – ein Glück.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Ich wollte nie etwas anderes tun, was, aus heutiger Sicht, ein Geschenk ist: so früh zu wissen, was man wirklich machen möchte mit seinem Leben. Im Alter von sechs Jahren die erste Schreibmaschine zu Weihnachten: Eine blaue Plastikmaschine aus dem Spielwarenladen. Mit Farbband.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Durchs Lesen und Schreiben. Ich habe viel gelesen und immer geschrieben, geübt, probiert, experimentiert. Das Handwerk habe ich dann von der Pieke auf in der Lokalredaktion gelernt – vor allem durch einen Kollegen, Uli heißt er, der redigierte. Ihn rufe ich noch heute an, wenn es eine heikle, strittige Frage zur Grammatik gibt.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich denke eine Geschichte von Anfang bis Ende. Dann recherchiere und notiere ich viel. Erst danach beginne ich zu schreiben.

Wann und wo schreiben Sie?

Ich habe ein Büro, mein Schreibzimmer, wo ich außerhalb meines Zuhauses jeden Tag arbeite.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Beim Lesen, Feiern, Kochen, im Gespräch… Aber natürlich arbeitet es danach oder manchmal auch dabei, ganz unbemerkt, in mir weiter und ich denke schon wieder erste Sätze…

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Die Inspiration kann in jedem winzigen Detail stecken. Ehrlich: Ich kann diese Frage nicht beantworten. Es passiert einfach.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Husch Josten steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Es ist das alte, unlösbare Rätsel: Was ist wahr, was nicht, kann überhaupt etwas Geschriebenes nicht wahr sein? Mit Sicherheit kann ich sagen, dass manche Themen, über die ich schreibe, mich schon lange vorher bewegt haben und in der einen oder anderen Gestalt immer wieder vor mir aufgetaucht sind.

Was ist in Ihren Augen die Botschaft von Der tadellose Herr Taft?

Ich habe keine Botschaft, das ist für mich nicht die Aufgabe der Literatur. Ich erzähle seine Geschichte.

Ist die heutige Welt gedankenlos, dass sie Themen kaufen muss, über die sie sich Gedanken machen kann?

Auf jeden Fall glaube ich, dass uns viele Gedanken nur streifen und wir sie schnell weglegen, insbesondere dann, wenn sie unbequem sind, schwierig.

Verkaufte Taft vielleicht Themen, weil er sich selber nicht mehr darum kümmern konnte nach Veronikas Weggang? Verlegte er damit quasi nach Aussen, was er im Innern verloren hatte?

Möglicherweise. Das hängt davon ab, wer die Geschichte in welcher Verfassung liest. Jeder Leser findet in Daniel Taft etwas anderes, er ist eine Projektionsfläche. Mit seinen Ideenkarten findet er jedenfalls die ihm wichtige Gelegenheit, “von sich Reden zu machen”.

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Schriftsteller tragen Verantwortung, natürlich, aber das muss nicht notwendig eine politische sein. Dass sie aber hinsehen, beobachten, benennen – in anderer Sprache und Form als es die Journalisten tagtäglich tun – das liegt ihrer Arbeit meines Erachtens bestenfalls zugrunde.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Eine gute Geschichte und eine schöne, besondere Sprache.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Das sind vor allem zwei: Thomas Mann und Philip Roth. Aber ich lese auch sehr gern Maeve Brennan, Thomas Bernhard, John Cheever, Saul Bellow, Ingeborg Bachmann…

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Mir fallen nur zwei ein, die mir aber wesentlich erscheinen: Es ernst meinen und anfangen.

©Alexander Hörbe
©Alexander Hörbe

Hans Rath studierte Philosophie, Germanistik und Psychologie in Bonn. Er lebt mit seiner Familie in Berlin, wo er unter anderem als Drehbuchautor tätig ist. Mit der Romantrilogie Man tut, was man kann, Da muss man durch und Was will man mehr hat Rath sich eine große Fangemeinde geschaffen. Zwei der Bücher wurden bereits fürs Kino verfilmt. Sein Roman Und Gott sprach: Wir müssen reden! ist ebenfalls ein Bestseller.

Hans Rath hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu beantworten:

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich bin in einer niederrheinischen Kleinstadt aufgewachsen und hätte dort nach dem Abitur eine Banklehre machen sollen. Zum Glück konnte ich mich diesem Plan meines Vaters durch ein Philosophiestudium entziehen. Das hat mich aber auch erst auf Umwegen dazu geführt, es als freier Autor zu versuchen. Heute lebe ich mit meiner Familie in Berlin.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

In der Tat wollte ich schon immer Autor werden. Wie zuvor angedeutet, hat mich aber niemand dazu ermutigt, es zu versuchen. Deshalb brauchte es einige Jahre, bis ich es dann doch riskiert habe.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Das kommt sehr auf den Einzelfall an. Handwerk ist in der Tat nicht ganz unwichtig, und es kann einem viel Zeit ersparen, es zu erlernen, statt es sich durch Ausprobieren anzueignen. Mein Weg war geprägt von dem Prinzip Versuch und Irrtum. Ich habe deshalb sehr viel geschrieben, darunter zwei komplette Romane, bevor mein erstes Buch veröffentlicht wurde. Aber auch diese Routineübung hat etwas für sich.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich recherchiere sehr viel. Leider ergibt sich meistens beim Schreiben, dass ich nichts davon verwenden kann. Ich plane meine Bücher außerdem, allerdings nicht zu detailliert, denn sonst würde ich mich beim Schreiben langweilen. Der Weg ist also vorgezeichnet, aber vieles ergibt sich auch auf der Reise.

Wann und wo schreiben Sie?

Vorzugsweise Zuhause und tagsüber. Wenn ich es vermeiden kann, verzichte ich auf Wochenendschichten. Leider gelingt mir das nicht immer. Nachtschichten mag ich überhaupt nicht. Früher war das anders, aber inzwischen bin ich wahrscheinlich einfach zu alt für solche Anstrengungen – ich merke übrigens, dass das inzwischen auch für Partys und ähnliches gilt.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Das ist nicht ganz einfach. Ich muss mich schon anstrengen, abzuschalten. Meine Frau und mein Sohn helfen mir dabei. Die fordern schlicht Zeit mit mir ein. Ich werde also glücklicherweise zum Entspannen gezwungen.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Ich bin in der glücklichen Lage, mit meinen Traumjob ein gutes Leben zu führen. Manchmal ist das sehr anstrengend, oft lassen sich Dinge nicht so planen, wie man es sich wünscht und hin und wieder ist der Druck, den jeder Job mit sich bringt, auch in einem Traumjob deutlich spürbar. Aber am Ende des Tages möchte ich definitiv mit niemandem tauschen.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist Ihre Sicht der Dinge?

Ich müsste Ihnen jetzt ein Loblied auf den Rowohlt-Verlag im allgemeinen und das Rowohlt-Imprint „Wunderlich“ im besonderen singen, da ich mich dort bestens betreut und aufgehoben fühle. Die Probleme der Branche sehe ich natürlich, dennoch halte ich nicht viel davon, ständig das System für alle möglichen Missstände verantwortlich zu machen. Ich persönlich versuche, meine Energie anders einzusetzen.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Keine Ahnung. Ich habe keine Rituale, um meine inneren Quellen anzuzapfen, falls Sie das meinen. Allerdings gibt es auch fast nichts, was mich nicht interessiert. Vielleicht bringt es mich auf Ideen, wenn ich nicht gezielt nach Ihnen suche.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Hans Rath steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Ich glaube, dass ein Autor alle seine Figuren auf irgendeine Art mögen sollte. Deshalb habe ich Verbindungen zu allen Charakteren und keine spezielle Identifiaktionsfigur. Was den autobiographischen Anteil betrifft, so ist dass einerseits von Buch zu Buch verschieden und andererseits schwierig in Zahlen auszudrücken. Vom Gefühl her würde ich aber sagen, Fiktion und Realität halten sich insgesamt in etwa die Waage.

Ihr letztes Buch handelte von Gott, nun kam mit Manchmal ist der Teufel auch nur ein Mensch der Teufel ins Spiel. Was macht diese beiden Figuren spannend?

Gott und der Teufel stehen für den ältesten Konflikt der Menschheitsgeschichte. Und obwohl die Welt täglich komplizierter und undurchschaubarer wird, scheint das simple Prinzip von Gut und Böse sich nicht abzunutzen. Im Gegenteil. Ich stelle fest, das, sich schwierige Strukturen am Ende oft als simpler Dualismus entpuppen.

Manchmal ist der Teufel auch nur ein Mensch ist eine moderne Form der Faustsage. Was reizte Sie an dem Stoff?

Ich finde, wenn man den Fernseher einschaltet, wird man schneller von der Existenz des Teufels überzeugt, als von der Gegenwart Gottes. Außerdem scheint auf den entfesselten Märkten nur wenig zu existieren, das nicht käuflich ist. Die Frage nach dem Teufel und der Käuflichkeit der Seele liegt also nahe. Der moderne Mensch hält sich gern für unbestechlich und autark, im Grunde sind aber nur die Methoden der Verführung subtiler geworden.

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Nein. Nicht zwangsläufig. Ich glaube, jeder Autor hat eine politische Verantwortung, aber die muss sich nicht darin äußern, dass man sich ständig zum Weltgeschehen meldet. Ich finde es im Gegenteil manchmal schwierig, wenn man den Eindruck gewinnt, dass bei manchen Autoren die politische Haltung zu einem Teil des Marketings geworden ist.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Och, nicht viel. Hinreißende Charaktere, eine grandiose Story, ein perfektes Erzähltempo, stilistische Brillanz und ein fantastischer Humor reichen schon.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Sehr viele, obendrein müsste ich noch eine Menge Filme aufzählen. Allerdings kann ich kein für mich ultimativ wichtigstes Kunstwerk nennen. Ich finde, es sind Momente, die Bücher oder Filme für einen persönlich wichtig machen. Deshalb tue ich mich auch immer schwer mit Hitlisten. Vielleicht soviel: Ich mochte den neuen Don Winslow, „Missing New York“ und halte viel von David Nicholls, weiß aber noch nicht, ob sein neuestes Buch auf meinem Nachtisch landen wird. Und wenn ich demnächst ins Kino gehe, dann wegen Liam Neeson oder wegen Denzel Washington.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Ich gebe angehenden Schriftstellern nur sehr ungern Tipps, weil es dafür Verlage, Agenten oder auch Schreibseminare gibt. Aber soviel: Wenn man schreiben will, dann ist es das Wichtigste, das auch zu tun. Ich kenne nicht wenige Leute, die von ihren Buchideen schwärmen, aber noch nie eine Zeile der betreffenden Story zu Papier gebracht haben. Deshalb ist das meiner Ansicht nach die wichtigste Regel: Wer wirklich schreiben will, der muss schlicht damit anfangen. Alles weitere wird sich dann finden.

Herzlichen Dank für diesen humorvollen, persönlichen und informativen Einblick!

Rolf_von_SiebenthalRolf von Siebenthal, Jahrgang 1961, ist ausgebildeter Sprachlehrer. Er arbeitete viele Jahre bei einer Tageszeitung und im Schweizer Verkehrsministerium, heute ist er selbstständiger Journalist und Texter. Er lebt mit seiner Familie in der Nordwestschweiz. Von ihm erschienen sind die beiden Kriminalromane Schachzug (2013) und Höllenfeuer (2014).

Rolf von Siebenthal hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu seinem Schreiben und seinen Romanen zu beantworten, worüber ich mich sehr freue.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich habe Jahrgang 61 und bin ausgebildeter Sprachlehrer, arbeitete lange bei einer Tageszeitung und ein paar Jahre im Bundesamt für Verkehr. Heute bin ich selbstständiger Journalist und Texter.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Das Schreiben fällt mir ziemlich leicht, Schriftsteller wollte ich nie werden. Auch heute noch betrachte ich mich eher als Journalist denn als Autor.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

In den 14 Jahren bei einer Tageszeitung habe ich meinen Schreibstil ständig verbessern können. Doch mit dem ersten Krimi tat ich mich schwer. Deswegen habe ich tatsächlich einen einwöchigen Schreibkurs in Norddeutschland besucht. Dort haben mir erfahrene Kursleiter geholfen, meine Stärken und Schwächen zu erkennen. Für mich hat sich das sehr gelohnt.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Bei „Schachzug“ probierte ich vieles aus, änderte, korrigierte, löschte – und fluchte. Bei „Höllenfeuer“ hatte ich von Anfang an einen ziemlich genauen Plot, an den ich mich dann auch hielt. Das ist für mich die bessere Variante.

Wann und wo schreiben Sie?

Früh am Morgen, der Ort spielt keine Rolle.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Ich kann einen Text zur Seite legen und mich mit anderen Dingen beschäftigen. Wenn ich aber am Schreiben bin, kreisen die Gedanken ständig um die Geschichte.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Journalist passt besser zu mir als Schriftsteller. Schreiben ist für mich ein Hobby, keine Berufung. Am Anfang hat mir das Krimischreiben keinen grossen Spass gemacht, meine Texte waren miserabel. Es hat zwei bis drei Jahre gedauert, bis ich meinen Stil gefunden hatte. Doch noch immer betrachte ich mich als Lehrling. Mit der Erfahrung nimmt auch die Freude zu.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

Ich habe eine Agentin in Berlin. Für mich ist sie ein Glücksfall, weil sie mir die Suche nach einem Verlag und die anschliessenden Verhandlungen abgenommen hat. Leider kann sie nichts daran ändern, dass sich mit Büchern kaum Geld verdienen lässt.

Sie wohnen in der Schweiz, schreiben meist über Schweizer Schauplätze. Die Schweiz ist ein kleines Land mit einer kleinen Literaturszene. Wie sehen Sie Ihre Stellung innerhalb des deutschsprachigen Raums? Sehen Sie sich im Nachteil als Schweizer, gibt es Vorteile oder ist das irrelevant?

Mein deutscher Verlag gibt sogenannte „Regionalkrimis“ heraus. Er schätzt es sehr, wenn die Schweiz in meinen Texten klar zum Vorschein kommt. Von deutschen Lesern höre ich das ebenfalls. Ansonsten könnten meine Geschichten aber überall spielen.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Häufig verstecken sich Geschichten in Gemeindeblättern, Vereinsheften, Anzeigern. Ich lese alles, was mir in die Finger kommt. Dann stelle ich mir immer die Frage: Was wäre, wenn? Ein Beispiel: Kürzlich hat der Gemeindepräsident von Wintersingen (BL) bei Grabungen in seinem Garten Knochen gefunden. Später stellte sich heraus, dass sie von einem jungen Mann stammen, der vor über 100 Jahren starb. Aber was wäre, wenn die Knochen nur 10 oder 20 Jahre alt wären?

Am Anfang von „Höllenfeuer“ standen die Serien, die alle Zeitungen in der Sommerflaute bringen. Ein beliebtes Thema sind jeweils „Ungelöste Kriminalfälle“.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Rolf von Siebenthal steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Nein, ich identifizeire mich nicht mit den Figuren. Beim Journalisten Bollag spielt meine Berufserfahrung natürlich eine Rolle. Ich weiss aber nicht in jeder Situation, wie er reagieren würde. Das ist immer eine Annäherung und gilt auch für die anderen Figuren. Froh bin ich über Rückmeldungen von Testlesern, die eine Figur möglicherweise anders einschätzen.

Wieso schreiben Sie Krimis? Ist es das, was Sie auch am liebsten lesen oder kann man dabei die eigenen bösen Seiten ausleben, die man im realen Leben eher unterdrückt?

Es ist das, was ich selber gerne lese.

Ihr Krimi Höllenfeuer bewegt sich zwischen politischen und privaten Themen, vereint komplizierte Liebesgeschichten und Geschäftsbeziehungen, verknüpft alte und neue Fälle. Was reizt Sie an der Verbindung dieser verschiedenen Ebenen, am Knüpfen solcher komplexer Netze?

Beschreibungen von Menschen, Landschaften, Mittagessen etc. sind nicht meine Stärke. Meine Krimis leben vom Plot, es muss viel passieren. Deswegen stecke ich viel Zeit in die Planung. Danach fällt mit das Schreiben viel leichter.

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Nein. Wenn sich ein Autor äussern will, finde ich es in Ordnung. Aber hört ihm auch jemand zu?

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Tempo, Spannung, interressante Charaktere und eine abwechslungsreiche Geschichte.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Mir gefallen angelsächsische Autoren wie Michael Connelly oder Ian Rankin gut. Die haben Tempo, gute Plots und eine schöne Sprache.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Viel lesen und schreiben, die eigenen Stärken und Schwächen suchen, Texte den Stärken und Schwächen anpassen, Kritik nicht persönlich nehmen. Und nur schreiben, was man selber gerne lesen möchte.

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview!

Einfach drauf losschreiben hiess es. So gehe diese Schreibübung. Sie muss es ja wissen schliesslich hat sie schon 18 Romane geschrieben, ich keinen. Was masse ich es mir also an, ihren Rat zu hinterfragen, wie ich ja immer alles hinterfrage und dabei zu hören kriege, ich solle damit aufhören, alles zu hinterfragen, da dies erstens mühsam sei für die anderen und ich mich dabei selber blockiere. Zudem sei das Leben viel einfacher, wenn man sich nicht immer hinterfrage, sondern einfach mal lebe.

Einfach mal leben. Ja, das wäre schön. Doch um einfach mal zu leben, müsste man ja wissen, was es heisst zu leben, wie dieses einfach mal leben aussehen müsste. Erst dann könnte man es ja tun. Aber vermutlich gibt es Menschen, die leben einfach drauf los, wie die besagte Schreiblehrerin meinte, wir sollten drauflos schreiben. Und die, die einfach leben, haben also wohl ein Leben, wie diese Schreiblehrerin einen Roman hat, ich habe keines – und auch keinen Roman. Schreiben scheint wie leben zu sein. Dabei behauptete ich immer, mein Schreiben sei mein Leben. Wie aber kann mein Schreiben mein Leben sein, wenn ich nichts (zumindest nichts langes, sonstiges schreib ich ja ständig) schreibe und auch nicht lebe? Vielleicht ist mein Nichtschreiben mein Nichtleben und schreiben und leben unterliegen mathematischen Grundzügen, so dass Minus plus Minus Plus ergeben und damit die beiden „Nicht“ zu streichen sind und daraus Schreiben = Leben entsteht. Das ganze Leben ist kein Spiel, das ganze Leben ist pure Mathematik. Und das Schreiben auch. Nun ist aber bei der Mathematik auch nicht gleich das Ergebnis da und ich kann auch nicht wahllos und gedankenlos, ohne Plan, Formel und Vorwissen, Zahlen aneinanderreihen, um ein Ergebnis zu kriegen. Wäre dem so, wäre ich ein verkanntes Mathegenie, denn das hätte ich perfekt gekonnt. Wobei ich ja gestehen muss, dass ich Mathe mochte, weil sie so schön logisch war, ich sie verstand und damit klar kam. Viel besser eigentlich als mit dem Leben. Oder dem Schreiben. Wieso also bin ich nicht Mathematiker geworden? Ich hätte meiner Lebtage lang Zahlen aneinander reihen können, nicht wahllos, sondern mit System. Hätte mich mit logischen Abfolgen beschäftigt und nicht mit so undurchdringlichen, abgehobenen, undefinierbaren Dingen wie dem Leben und dem Schreiben. Damit wäre ich klar gekommen. Da hätte mir auch keiner gesagt: Mach einfach mal, lass das Denken sein, schreib einfach, was dir grad in den Sinn kommt. Zwei und zwei darf auch mal fünf ergeben. Kein Ding. Niemand weiss es so genau. Das wäre schön gewesen. Aber nein. Ich habe es nicht gemacht. Wäre ja zu einfach gewesen und ich ging noch nie den einfachen Weg.

Ich merke grad, ich hätte mal einen Absatz machen müssen. Das hätte den Text lesbarer gemacht. Da ich aber – auch das eine Vorgabe der Übung – nicht korrigieren darf lass ich es nun stehen. Ich habe aber die groben Tippfehler, ich gebe es zu, immer wieder verbessert, da es sonst zu peinlich wäre nur schon für meinen inneren Kritiker, geschweige denn vor einem etwaigen Leser – doch wer wollte das überhaupt lesen, ist es doch nur so ein gedankenloses Schreiben einer Schreibtante über ihr Schreiben – oder eben Nichtschreiben – und ihr Leben – oder eben Nichtleben –, die durch zwei „Nicht“ doch wieder „Doch“ werden und sich dadurch als Mathematik entlarven, obwohl sie jeglicher mathematischen Einfachheit und Logik widersprechen – sehr zum Leidwesen der armen Schreiberin, die sich so sehr nach Klarheit, Sicherheit und allem schönen Einfachen sehnte.

Ich merke grad so beim Schreiben, dass meine Sätze doch sehr lang sind. Da ich nicht nur nicht (diese beiden nicht heben sich nicht auf, da sie anderen Umständen zugehören – also sie sind nicht schwanger, aber… ach, egal) korrigieren darf, sondern auch nicht nochmals lesen, was ich geschrieben habe, sind lange Sätze enorm ungünstig, da ich plötzlich nicht mehr sicher bin, ob ich nun wirklich schon ein Prädikat im Satz hatte oder das erst am Schluss bringen wollte, ob ich das Subjekt noch richtig im Kopf habe oder ganz wo anders begonnen habe, als ich nun ende. Nun denn, sei’s drum, wird schon stimmen und wenn nicht hat es vielleicht der eventuell vorhandene Leser auch nicht gemerkt und liest fröhlich (oder schon verzweifelt?) weiter, was denn nun noch so kommt.

Die tägliche Übung soll 20 Minuten betragen. Ich habe mittlerweile… oh, ich habe nun vergessen, ob ich um Viertel nach begonnen habe oder aber später, auf alle Fälle scheine ich so gegen 10 Minuten zu haben. Fehlen also noch 10. Wem es bis hier schon zu viel wurde, der sollte besser zu lesen aufhören, denn ich kann nicht garantieren, dass das noch besser wird, da ich ja nicht vorgängig einen Plot, einen Ablauf schreiben durfte. Das hat mich, als mir das die Schreiblehrerin sagte, sehr erstaunt, habe ich doch viel Zeit darauf verwendet, Schreibprozesse anderer (nicht dass ich einer wäre) Schriftsteller zu analysieren (ich habe ja sogar drüber geschrieben – das aber klar strukturiert, wie ich es mag), und kam immer zu dem Ergebnis: Die planen sehr genau, was sie schreiben. Meistens jedenfalls. Thomas Mann hat Monate, teilweise Jahre damit verbracht, Recherche zu betreiben, Figuren zu entwerfen, Schauplätze, Geschichten zu strukturieren, auszumalen, vorzuzeichnen.

Vorzeichnen müsste man vor dem Ausmalen. Normalerweise würde ich das nun umdrehen, aber ich darf ja nicht. Ich habe mal alle meine Interviews mit Autoren durchgelesen, denen ich ja allen die Frage gestellt habe, wie sie denn schreiben. Meine Schreibautorin, die ich auch interviewt hatte, hat schon im Interview ihre Methode verraten. Ich hätte es wissen müssen. Praktisch alle anderen machen es anders. Ok, nicht ganz alle. Nun könnte ich ja einfach sagen, ach, pfeif drauf, wenn andere recherchieren, dann kann ich auch, sie macht es anders, ich bin anders als sie, ergo: Ich mach, was ich will. Punkt. Nur: Sie hat schon Romane geschrieben, ich nicht. Zudem schreibe ich meinen Blog nach genau dem Prinzip, das sie propagiert. Ich denke nicht nach, ich schreibe. Mir kommt eine Idee, ein Thema in den Sinn und ich schreibe drauf los. Das scheint also durchaus meine Schreibmethode zu sein. Aber damit schreibe ich immer nur kurze Texte, so ein Roman sollte ja irgendwo hin führen. Der sollte auf dem Weg dahin nicht einfach nur im Kreis drehen wie nun auch dieser Text schon wieder.

Über mir ist eine Linie grün unterstrichen. Es scheint also passiert zu sein. Ich möchte nachlesen, was ich falsch gemacht habe, doch ich darf nicht. Ich möchte es korrigieren, aber ich kann nicht, weil ich es nicht nochmals lesen darf, und ich könnte auch nicht, wenn ich es wüsste, weil ich es ja nicht darf.

Wieso bin ich eigentlich so folgsam? Mein Papa meinte doch immer, ich mache eh immer das Gegenteil davon, was man mir rät. Also müsste ich doch nun frisch fröhlich in die Recherche stürzen und ihr eine lange Nase zeigen. Aber nein, ich schreibe seit nunmehr 15 Minuten wohl (noch 5 Minuten wollen geschrieben sein) wild auf meiner Tastatur rum, sehe schwarze Zeichen auf dem weissen Blatt erscheinen, sehe nun eine rote Linie unter einem Wort, was bedeutet, dass ich wohl was falsch geschrieben habe. Vielleicht ist es wieder nur die doofe Autokorrektur, die mein Schweizer ss in ein ß verwandeln will, was ich aber nicht tun will, weil ich ja Schweizerin bin und bleibe, auch wenn meine Korrektur das nicht mag. Das ist wie mit dem Akzent beim Reden. Ich könnte den wohl wegkriegen, aber irgendwie ist mir gar nicht danach. Wozu denn? Damit mich keiner mehr als Schweizer erkennt? Ist das erstrebenswert? Sooo schlimm sind wir ja auch nicht. Gut, diese fast schon penetrant erscheinenden Schweizer Akzente, die man ab und an im Fernsehen bei unseren Politikern hört, die müssen auch nicht sein, da halte ich es mit Paracelsus: Alles mit Massen – wobei ich schon auch masslos sein kann bei Dingen, die ich wirklich will, weil ich sie will, und von denen ich viel will, weil sie so toll und wollenswert sind.

Das Wort wollenswert scheint es nicht zu geben. Es ist rot unterstrichen. Schade eigentlich, es gefällt mir. Ich lasse es stehen – haha, Witz gewesen, ich dürfte es ja gar nicht ändern. Aber ich würde es auch sonst stehen lassen, denn es ist ein wollenswertes Wort, das es ausdrückt, was es darstellt. Das Gewollte ist wert, gewollt zu werden, da es eben so ist, wie es ist und damit wertvoll genug, es zu wollen. Der Wille zu wollen ist damit nicht mehr zu hinterfragen und da ich sonst alles hinterfrage, könnte man sagen, dass alles, was wollenswert ist, eben dem Hinterfragen entkommt, weil es sich durch seine Wollenswertigkeit dem Hinterfragen entzieht.

Da ich also weiss, dass ich schreiben will, da ich das schreiben als wertvoll erachte für mich und mein Leben, das ich als ein schreibendes Leben erachte und will, ist das Schreiben für mich wollenswert und damit könnte ich aufhören, es zu hinterfragen. Mensch, ich habe mich grad selbst ausgetrickst. Worüber schreibe ich denn nun morgen, wenn ich das nun geklärt habe? Ist das der Punkt, an dem das Leben und all seine Fragen geklärt sind und ich wie der Held im Märchen glücklich bis ans Lebensende da sitze und schreibe? Ok, nein, das wird nicht so sein, denn ich weiss nun erst, dass ich schreiben will und das nicht mehr hinterfragen muss (ok, wusste ich auch schon vorher), aber wie weiss ich immer noch nicht. Hat sie nun recht? Oder nicht? Ich merke grad, ich habe zu oft „nun“ geschrieben. Wieso kommt mir das ausgerechnet jetzt in den Sinn?

Angeregt durch die Schweizer Autorin Milena Moser machte ich heute eine Schreibübung. 45 Minuten schreiben ohne nachzudenken, ohne Korrektur, ohne Plan, Konzept oder anderen leitenden Vorstellungen. Das Resultat war folgendes (immer noch unkorrigiert – die Korrektorin in mir schreit laut -, immer noch unlektoriert – die Lektorin in mir sieht viel Verbesserungswürdiges):

 

Der Wecker, also eigentlich das iPhone, fing zu singen an. Eigentlich war es nicht mal das iPhone, sondern Shirley Bassey, die Suddenly sang. Und genau so suddenly war ich wach, zumindest in der Vorstufe von wach, in der ich mich jeden Morgen fragte, ob ich mich nicht einfach nochmals umdrehen könnte, weiter schlafen. Ich machte mir diese Gedanken täglich und wusste immer schon beim Denken, dass ich beim letzten Wort des Gedankens aufstehen würde und den Tag starten. Im immer selben Morgentrott würde ich ins Bad laufen – wobei laufen noch sehr übertrieben war, schlurfen träfe es besser und mangels wirklich wachem Blick war es wohl sogar eher ein Tasten.

Jeder Tag war gleich. Nach der Badroutine folgte der Gang zur Kaffeemaschine, mit einem Kaffee ginge ich weiter, setzte mich mit Buch, Notizbuch oder Computer (wenigstens da schien eine kleine Variation möglich) hin und fing zu lesen oder schreiben an.

Das klingt nach Klage, ist es aber nicht, ich will es so. Gefragt nach meinem Wunschleben, wäre es genau das: schreiben, lesen, schreiben, lesen. Und doch überkommt mich immer wieder der Zweifel, ob das wirklich alles sein könne. Ich schimpfe mit mir, dass das kein normales Leben sei, man doch etwas Anständiges, etwas Sinnvolles tun müsse, wie Leben retten, in Kriegsgebiete gehen und den armen Kindern helfen. Ich las nicht mal die Zeitung, um zu wissen, was mit diesen armen Kindern passierte. Ich war nicht informiert über den Gang der Welt.

Am Schlimmsten waren die Selbstzweifel, wenn ich gefragt wurde, was ich denn täte. „Schreiben.“ Der Blick darauf war immer derselbe, gefolgt von Schweigen, dann von der Frage: „Kann man davon leben?“ Ich hasse die Frage nach meinen Tun, weil alle daraus ableiten, wer ich bin. Und ich bin niemand, wenn ich nichts tue, wovon denken, dass ich es tun sollte, weil man schliesslich täte, was sie als tunwert erachten.

Letzthin fragte mich wieder jemand, ob ich davon leben könne und ich antwortete nur, dass ich bislang nicht verhungert sei, er mir aber gerne ein Fresspaket schicken könne, wenn er sich sorge. Darauf war Stille. Es kam noch ein halbherziger Versuch seinerseits, man könne ja mal essen gehen, worauf ich keine Lust hatte, was ich aber nicht sagte, nagte doch in mir die nach aussen abgeschmetterte Frage: „Was machst du?“

Dabei interessiert kaum je, was man wirklich tut oder gerne tut, meist nur, womit man Geld verdient und davon bitte viel, da man nur damit jemand ist in dieser Welt. Es gibt zwar immer mehr Gegenbewegungen, die auf Sein statt Haben setzten. Von Revolution und Umdenken ist die Rede. Die Parolen werden in die Welt geschrien, als ob die Lautstärke für mehr Wahrheit stünde.

Vielleicht hatten ja alle recht. Suddenly kam mir diese Eingebung. Ich sollte etwas Richtiges tun, etwas Weltbewegendes. Ich könnte nochmals studieren, dieses Mal etwas sinnvolles, nicht brotlose Kunst, bei der mich jeder fragt, was man damit mal anfangen könnte, was ich denn mal sein möchte, wenn ich denn endlich mal fertig sei mit dem Studium. So ein Studium, das taugt, Juristerei zum Beispiel. Später würde ich als Anwalt all die armen Menschen vertreten, denen Unrecht geschehen ist, wobei die, wenn sie arm sind, nicht zahlen könnten. Wovon sollte ich dann leben? Vermutlich würde mich das dann aber keiner mehr fragen. Zudem wollte ich gar nicht mehr studieren, eigentlich war ich doch einfach nur so unsäglich müde von allem. Müde vom ständigen mich fragen, was ich überhaupt tun soll, damit ich die Fragen beantworten könnte danach, was ich denn täte, ohne ständig zu denken, dass die nun denken, was ich eigentlich täte und mir dabei dächte, dass das gar nicht – so wirklich überhaupt nicht – ginge, was ich tat. Das tat man nicht, schon gar nicht als Beruf.

Die Gedanken waren nicht wirklich dazu gut, wacher zu werden, und ich verfluchte Shirley Bassey, dass sie mich in den Tag gesungen hatte. Ich verfluchte mich, dass ich sie nicht einfach mal ignorieren konnte, und ich verfluchte die Welt, die mir solche Fragen stellte, auf die ich keine Antworten hatte, zumindest keine, die sie hörten wollte, keine, die mich in ihren Augen cool machten, zu einem Gewinner.

Ich war immer noch müde, aber es half nichts, ich musste nun starten als die, die ich war, mit dem, was ich tat, weil es das einzige war, was ich tun konnte. Ich klappte den Computer auf, das weisse Blatte leuchtete mir schon erwartungsvoll entgegen, es schrie förmlich: „Beschreib mich!“ Und ich fing zu schreiben an:

 

[…hier stand ein Text einer Romanidee, die ich wirklich noch verfolge, drum löschte ich die hier nun… man darf gespannt sein, vielleicht gibt es das mal als Buch…who knows 😉]

 

Und ich wollte schreiben? Wenn mir nur solcher Mist in den Sinn kommt? Das ging ja wirklich nicht. Ich sollte doch mal ernsthaft über die Bücher und überlegen, was es sonst noch gäbe. Ich könnte zur Polizei – Freund und Helfer werden. Vielleicht erhielte ich da auch Ideen für einen Krimi. Oder ich ginge nach Afrika und hälfe (was ist eigentlich der Konjunktiv von helfen? Hülfe? Nein, hälfe, wobei das alles fürchterlich klingt, aber es muss wohl nicht schön klingen, es muss nur korrekt sein. Ich war mir immer noch nicht sicher). Vielleicht lernte ich in Afrika auch endlich den Mann meiner Träume kennen und suddenly wäre mein Leben aus den Angeln gehoben und aus der ideenlosen Schreibtante wäre eine Menschenretterin mit Traummann an ihrer Seite geworden. Ich könnte über die Geschichte ein Buch schreiben und es würde verfilmt mit Julia Roberts in der Hauptrolle. Nicht, dass ich so aussehe wie sie, aber wenn ich schon träume….

 

Sein Leben, seine Bücher

Ein Leben zwischen Unsicherheiten, Affären, Politik und immer wieder Schreiben

Man ist, was man ist. Man hält die Feder hin, wie eine Nadel in der Erdbebenwarte, und eigentlich sind nicht wir es, die schreiben; sondern wir werden geschrieben. Schreiben heisst: sich selber lesen. […] Wir können nur, indem wir den Zickzack unserer jeweiligen Gedanken bezeugen und sichtbar machen, unser Wesen kennenlernen, seine Wirrnis oder seine heimliche Einheit, sein Unentrinnbares, seine Wahrheit, die wir unmittelbar nicht aussagen könne, nicht von einem einzelnen Augenblick aus -.

In eher ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, studiert Frisch Germanistik, hält sich mit Artikeln für verschiedene Zeitungen über Wasser, mehr schlecht als recht. Er beschliesst, mit Hilfe eines vermögenden Freundes und auf Anraten seiner baldigen Ehefrau, doch noch etwas Lebenstüchtiges zu machen und studiert Architektur. Dem Schreiben schwört er ab, was nicht lange anhält. Sein erster Architekturwurf wird ein Erfolg, das von ihm entworfene Zürcher Freibad preisgekrönt. Trotzdem zieht es ihn zum Schreiben zurück. Immer wieder schreibt er Geschichten, die hauptsächlich von einem zu handeln scheinen: Ihm selber und seinem Leben zwischen Künstlertum und Bürgertum. Ein ständiges Hadern und Schwanken. Frisch ist nicht etwa der selbstbewusste Schriftsteller, als der er hätte scheinen mögen, er zerfrass sich teilweise mit Selbstzweifeln, suchte seinen Platz.

Neben dem Schreiben reiste Max Frisch viel und auch die Liebe und die Frauen kamen nicht zu kurz. Die Liebe ist ein Thema, dem sich Frisch immer wieder widmet:

Wir wissen, dass jeder Mensch, wenn man ihn liebt, sich wie verwandelt fühlt, wie entfaltet, und dass auch dem Liebenden sich alles entfaltet, das Nächste, das lange Bekannte. Vieles sieht er wie zum ersten Male. Die Liebe befreit es aus jeglichem Bildnis. Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, dass wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertig werden: weil wir sie lieben; solange wir sie lieben.

Fertig wurde Max Frisch vor allem mit einer Liebe nie, auch nach der Trennung von Ingeborg Bachmann durchstreift sie dessen Werk, ist Vorlage, Hintergrund, immer präsent – nicht nur im Schreiben, auch im Denken Frischs. Seine Reaktionen auf sie angesprochen bestätigen dies.

Volker Weidermann verschränkt Leben und Werk ineinander, geht chronologisch durch Frischs Sein und Schaffen. Er überzeugt durch Ausführlichkeit und Hintergrundwissen. Seine Sprache ist leicht lesbar, ab und an ein wenig flapsig. Volker Weidermann muss sich sicherlich nicht den Vorwurf gefallen lassen, seinen Biographierten verzärtelt zu haben, geht er doch oft hart mit ihm und vor allem mit dem Wert seines Werkes ins Gericht. Teilweise stimmt seine Kritik mit Stimmen aus den Literaturkritiken der zeitgenössischen Feuilletons überein, teilweise bewegt er sich auf eigenem Terrain und widerspricht gar Literaturprofis wie Peter von Matt. Wer nun recht hat mit seiner Werkeinschätzung soll hier nicht entschieden werden.

 

Fazit:
Flüssig lesbar geschrieben gibt das Buch ausführlich und kompetent, ab und an sehr kritisch dem Werk und dessen Wert gegenüber, Auskunft über das Leben und Schreiben Max Frischs. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Volker Weidermann
Volker Weidermann, 1969 in Darmstadt geboren, studierte Politikwissenschaft und Germanistik in Heidelberg und Berlin. Er ist Literaturredakteur und Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und lebt in Berlin. Von ihm erschienen bei Kiepenheuer & Witsch: Max Frisch. Sein Leben, seine Bücher (2010), Das Buch der verbrannten Bücher (2008) und Lichtjahre (2006).

 

Angaben zum Buch:
WeidermannFrischGebundene Ausgabe: 432 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & Witsch Verlag (10. November 2010)
ISBN-Nr.: 978-3462042276
Preis: EUR 22.95 / CHF 32.30

 

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

 

 

 

 

 

Michael Herzig

herzigmichaelMichael Herzig wird1965 in Bern geboren. Nach der Matur arbeitet er als Musikjournalist und Schallplattenverkäufer, träumt von einem Leben als Rockstar – ein Traum, der nicht in Erfüllung geht. 1998 bis 2014 arbeitet Michael Herzig im Sozialbereich und leitet u.a. niederschwellige, sozialmedizinische Einrichtungen für Drogen- und Alkoholabhängige, psychisch Kranke, Langzeitarbeitslose und Sexarbeiterinnen. 2007 veröffentlicht Michael Herzig seinen ersten Kriminalroman, danach folgen Kurzgeschichten in verschiedenen Anthologien und Zeitschriften sowie weitere Krimis. Für Töte deinen Nächsten erhält er die mit 10’000 Franken dotierte Zürcher Auszeichnung für herausragende literarische Neuerscheinungen. Im Grafit Verlag Dortmund sind von Michael Herzig bislang vier Romane mit der ebenso eigenwilligen wie leidenschaftlichen Stadtpolizistin Johanna di Napoli erschienen: Saubere Wäsche (2007), Die Stunde der Töchter (2009), Töte deinen Nächsten (2012), Frauen hassen (2014). Michael Herzig lebt in Zürich.

Michael Herzig hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu beantworten:

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich bin jemand mit vielen Interessen und arbeite sowohl gerne strukturiert betriebswirtschaftlich als auch kreativ chaotisch. Darum gehe ich diversen Beschäftigungen nach.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Mit Schreiben habe ich als Teenager begonnen. Damals habe ich vor allem amerikanische und französische Autoren der fünfziger bis siebziger Jahre verschlungen, die Beat Generation und die Existentialisten beispielsweise. Zusammen mit Punkrock hat mich das animiert, düstere und gewalttätige Kurzgeschichten zu schreiben. Einige dieser Texte habe ich 20 Jahre später in meine Krimis eingebaut.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

So simpel es klingt: mein Deutschlehrer war eine wichtige Motivationsquelle. Nach der Schule habe ich journalistische Erfahrung gesammelt und später in einer Weiterbildung die PR-Schreibe erlernt. Nur kreatives Schreiben habe ich nie gelernt. Mein Rezept: lesen, lesen, lesen.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich beginne strukturiert und höre chaotisch auf. Am Anfang steht eine Idee, anschliessend folgen in einem iterativen Prozess Recherche, Figuren und Plot. Beim Schreiben kommen mir dann meistens bessere Ideen, weshalb ich dreiviertel der Vorbereitung wieder über den Haufen werfe.

Wann und wo schreiben Sie?

Am liebsten unter einem Baum in einem blumigen Garten. Aber es geht auch im Zug oder in einem Wartezimmer.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Wie andere auch: mit Lesen, Musik, gutem Essen, Liebe oder was auch immer.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Für mich ist Autor kein Status, an dem ich hänge. Ich schreibe, weil ich den kreativen Prozess liebe. Das Drum und Dran interessiert mich weniger. Aber stehe ich natürlich vor demselben Berg, wie alle anderen auch.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

Ich habe vor allem mit dem Grafit Verlag in Dortmund zu tun, der mir keinen Grund gibt, zu jammern. Aber ich kriege schon mit, wie die Verlage kämpfen. Das Geschäft wird in den nächsten Jahren noch härter werden.

Sie wohnen in der Schweiz, ihre Romane spielen hauptsächlich an Schweizer Schauplätzen (mit Einsätzen im Ausland), die Figuren sind Schweizer. Die Schweiz ist ein kleines Land mit einer kleinen Literaturszene. Wie sehen Sie Ihre Stellung innerhalb des deutschsprachigen Raums? Sehen Sie sich im Nachteil als Schweizer, gibt es Vorteile oder ist das irrelevant?

Es ist ein kleiner Markt, in dem nur extrem wenige Autorinnen und Autoren vom Schreiben leben können. Darum bin ich froh, dass ich einen deutschen Verlag habe. In der Liga, in der ich spiele, würde ich sonst ausserhalb der Schweiz kaum wahrgenommen, vielleicht nicht einmal ausserhalb Zürichs.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Ich lasse mich von gesellschaftlichen und politischen Themen leiten, z.B. habe ich in „Töte deinen Nächsten“ die schweizerische Deutschenfeindlichkeit in einen Krimiplot gepackt und in der Kurzgeschichte „Tschingg“ die italienische Immigration in die Innerschweiz der Siebzigerjahre. Schreiben ist meine Auseinandersetzung mit der Gesellschaft, bloss für die Galerie mache ich das nicht.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Michael Herzig steckt in ihrer Geschichte? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Es ist immer eine Frage der Selbstreflexion. Aus der Verarbeitung eigener Erfahrungen ist schon manches spannende Buch entstanden. Fehlende Distanz des Autoren oder der Autorin zu sich selbst endet in narzisstischer Selbstdarstellung, was selten interessant ist und häufig bloss peinlich.

Wieso schreiben Sie Krimis? Ist es das, was Sie auch am liebsten lesen oder kann man dabei die eigenen bösen Seiten ausleben, die man im realen Leben eher unterdrückt?

Es ist ein soziologisches Interesse: Wenn Verbrechen geschehen, funktionieren die Gesellschaft schlecht. Diese Disfunktionalitäten sind spannend und die kann man mit Krimis wunderbar ausleuchten.

Frauen hassen spielt in der Rockerszene, des weiteren sind sie sehr nah an ihren Figuren dran – diese nehmen einen grossen Platz ein im Buch -, schildern die Atmosphäre im Polizeidienst. Wie recherchieren sie in den einzelnen Umfeldern?

Die Polizei kenne ich aus eigener beruflichen Erfahrung, andere Milieus recherchiere ich vor allem über Videos im Internet und wenn möglich über teilnehmende Beobachtung. Da ich sehr visuell funktioniere, bevorzuge ich Filme als Informationsquelle einem Buch oder Artikel. Nur bei den Rockern war das anders, da war ein wichtiger Teil meiner Recherche die Lektüre eines amerikanischen Ermittlers, der die Hells Angels unterwandert hat.

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Jede öffentliche Äusserung ist letztlich politisch. Die Frage ist bloss, wie bewusst ein Autor oder eine Autorin sich dessen ist.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Tempo und Esprit. Wenn die Form überzeugt, finde ich die Geschichte zwar nicht irrelevant, aber doch weniger wichtig.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Ian Rankin, A.L. Kennedy, Sarah Gran, Cormac McCarthy, Charles Bukowski, Friedrich Glauser

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Sorry, da muss ich passen. Ich bin selbst noch viel zu unerfahren, als dass ich anderen Tipps geben kann. Höchstens: Leidenschaft muss der Antrieb sein und Herzblut das Benzin.

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview!

Fanny_Gräfin_zu_ReventlowFranziska zu Reventlow wird am 18. Mai 1871 im Schloss Husum geboren. Fanny erfährt eine strenge Erziehung, teils durch die Familie, teils durch das Altenburger Magdalenenstift, ein Mädchenpensionat in Thüringen. Schon früh zeigt sich ihr rebellisches Wesen, welches nach nur einem Jahr in der Pension zu ihrem Rauswurf führt. Es folgt ein privates Lehrerinnenseminar, eine nicht wirklich typische Ausbildung für eine junge Adlige.

Mittlerweile in Lübeck wohnend schliesst sich Reventlow dem Ibsen-Club an, beschäftigt sich mit gesellschaftskritischer Literatur und Nietzsche. Eine entdeckte Liebschaft führt zu Fannys Verbannung aufs Land, die Familie ist darauf bedacht, den guten Ruf der ungezügelten Tochter zu wahren, was diese nicht so einfach geschehen lässt und aus ihrem Exil flieht. Diese Geschichte führt zu einem lange währenden Zerwürfnis der Familie.

Fanny lernt den Hamburger Gerichtsassessor Walter Lübke kennen und heiratet ihn. Er finanziert ihr den Aufenthalt an einer Malschule, allerdings zeigt Fanny wenig Dankbarkeit, sondern flieht aus dem bürgerlichen Eheleben in die Freiheit, welche arm und von Krankheiten und Fehlgeburten betroffen ist. Sie hat nur noch verächtliche Worte für die strukturierten Lebensentwürfe der bürgerlichen und höheren Gesellschaft.

Es ist jetzt kein Zweifel mehr. Ich bin froh und ruhig. So elend, dass ich kaum durchs Zimmer gehen kann. Und denke nichts andres mehr. Ein Kind. Ein Kind. Mein Gott.

Sohn Rolf wird geboren, der Vater spielt keine Rolle, wird namentlich nicht mal genannt. Das finanzielle Überleben sichert sich Fanny zu Reventlow mit Übersetzungsarbeiten und kleinen Texten für Zeitschriften und Tageszeitungen sowie einem – wenn auch eher kurzen – Engagement am Theater am Gärtnerplatz. Auch Jobs wie Prostituierte, Köchin, Sekretärin finden sich in ihrem Lebenslauf. Übernamen wie „heidnische Madonna“ oder „Wiedergeburt der antiken Hetäre“ zeugen von einem bewegten Leben, welches Fanny literarisch teilweise mit viel Selbstironie verarbeitet.

Franziska zu Reventlow wohnt in München in Schwabing, nennt den Stadtteil selber Wahnmoching, was sowohl zu ihr selber wie auch zur Szene, in der sie sich bewegt, passt.

[…] eine geistige Bewegung, ein Niveau, eine Richtung, ein Protest, ein neuer Kult oder vielmehr der Versuch, aus uralten Kulturen wieder neue religiöse Möglichkeiten zu gewinnen. (Aus: Herrn Dames Aufzeichnungen)

Die grosse Wahnmochinger Bewegung hat sich schon überlebt – noch ehe sie eigentlich das Licht der Welt erblickt hat. (ebd.)

Zahlreiche Exponenten der Münchner Künstlerszene säumen ihren Weg: Rainer Maria Rilke, Marianne von Werefkin, Erich Mühsam, Frank Wedekind, Theodor Lessing – um nur einige zu nennen. Fanny unternimmt Reisen in den Süden, zieht 1910 ins Tessin nach Ascona, schreibt da ihre Schwabinger Romane, geht eine Scheinehe ein und zieht schliesslich nach Muralto, wo sie am 26. Juli 1918 an den Folgen eines Fahrradsturzes stirbt.

Fanny zu Reventlow wird nur 47 Jahre alt, allerdings darf man mit Fug und Recht behaupten, dass sie in diese 47 Jahre wohl mehr Leben packte als so mancher in die doppelte Zeit. Allerdings wäre es verfehlt zu denken, man hätte es hier mit einer lebenslustigen, leichtsinnigen und leichtfertigen Frau zu tun. Fanny zu Reventlow ist eine Suchende, sie verzweifelt ab und an beinahe am Leben, fällt in dunkle Löcher, aus denen sie sich nur mühsam wieder herausarbeitet. Sie leidet an sich und der Welt, sehnt sich nach Liebe und Glück und findet es nicht. Wenn sie es doch findet, hält es nur kurzfristig, als ob sie es nicht länger ertrüge – Ein Hin und Her zwischen Freiheitsdrang und Liebesglück.

Wie bin ich einsam und wie bin ich glücklich.

 

Werk und Wirkung

Der grosse Ruhm blieb Fanny zu Reventlow versagt, trotzdem werden ihre Romane bis heute (zu Recht) verlegt und gelesen. Ihr Schreiben ist ein Abbild der damaligen Zeit, mit Humor und klarem Blick zeichnet sie ein Bild der Schwabinger Bohème. Ihre Übersetzungsarbeiten haben ihren eigenen Schreibstil sicher massgeblich geprägt, welcher sich durch einen Plauderton auszeichnet. Reventlows Texte sind gesellschaftskritisch, durchleuchten die Geschlechterrollen und –bilder und offenbaren immer wieder einen Blick hinter die Fassade, in ihr eigenes Leben und Denken, das so bewegt und vielschichtig war wie es ganze Bibliotheken nicht bunter beschreiben könnten.

 

Ausgewählte Werke

  • Was Frauen ziemt (Essay, 1899)
  • Erziehung und Sittlichkeit (Essay, 1900)
  • Ellen Olestjerne (Roman, 1903)
  • Von Paul zu Pedro (Amouresken, 1912)
  • Herrn Dames Aufzeichnungen oder Begebenheiten aus deinem merkwürdigen Stadtteil (Roman, 1913)