Max Frisch wird am 15. Mai in Zürich geboren, wo er die Schule besucht und studiert. Germanistik soll es sein, will Max Frisch doch Schriftsteller werden. Schon bald merkt er, dass ihm dazu das Studium herzlich wenig bringt. 1931 erscheint sein erster Artikel in der NZZ, nach dem Tod des Vaters weitet Max Frisch seine Tätigkeit im Journalismus aus, um zum Unterhalt der Mutter beizutragen. Daneben entsteht sein erster Essay mit dem Titel Was bin ich?, der bereits die Grundthemen späterer Werke in sich trägt. Noch immer belegt er vereinzelte Kurse an der Uni, schreibt für verschiedene Zeitungen und daneben Arbeiten, die sich allesamt um ein Thema drehen: Max Frisch und wer er sei.

1933 unternimmt Frisch eine Reise gegen Osten, Prag, Budapest, Belgrad und viele weitere Orte stehen auf dem Plan. Er verwirklicht damit einen von seiner Mutter lange gehegten Traum. Zu der Zeit entsteht Frischs Roman Jürg Reinhart, welcher sinnigerweise von einem Balkanreisenden handelt. Noch immer dreht sich also Frischs Denken und Schreiben um die eigene Person.

Politik ist für Frisch kein Thema, seine Haltung Deutschland und dem Nationalsozialismus gegenüber ist fast schon merkwürdig unbeteiligt. Dies ist wohl aber seiner Arbeit als Schriftsteller dienlich, kann er seine ersten Romane so problemlos bei der Deutschen Verlags-Anstalt veröffentlichen.

1937 erscheint Max Frischs zweiter Roman Antwort aus der Stille. Frisch selber äussert sich später vernichtend über das Werk, die übrigen kritischen Stimmen weisen eine grosse Bandbreite auf. Sicher ist es kein Meisterwerk, vereint aber auch wieder die für Frisch so typischen Themen der Selbstfindung und des Schwankens zwischen Bürgertum und Künstlertum. Max bezieht Stellung und entscheidet sich im Roman wie im Leben für das Bürgertum. Er verbrennt alle bisherigen Schriften und wendet sich einer solideren Materie als dem Schreiben zu: Der Architektur.

Die Würde des Menschen besteht in der Wahl.

Der Entschluss, das Schreiben zu beenden, hält nicht lange, schon 1938 gewinnt Frisch den Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis. Es folgt Militärzeit, die er verschriftlicht und unter dem Titel Aus dem Tagebuch eines Soldaten veröffentlicht. Das Architekturstudium gedeiht, durch eine Anstellung kann Frisch endlich aus der gemeinsamen Wohnung mit der Mutter ausziehen, lernt eine Frau (Gertrude Anna Constanze von Meyenburg) kennen, die er am 30. Juli 1942 heiratet.

1943 gewinnt Frisch einen Architekturwettberb für den Bau des Letzibads in Zürich. Wirklich viel baut er trotzdem nicht, die Schriftstellerein nimmt noch immer einen grossen Platz in seinem Leben ein. Es entstehen in der folgenden Zeit diverse Arbeiten, darunter literarische Tagebücher.

1954 schreibt er seinen Roman Stiller. Frisch nimmt das Thema der Unvereinbarkeit von Kunst und bürgerlichem Leben wieder auf, bezieht nun Stellung für die Kunst und übernimmt diese Haltung ins Leben, indem er sich von seiner Familie trennt. Nicht dass er vorher ein Kind der Traurigkeit gewesen wäre, einige Liebschaften säumen seinen Weg. 1955 schliesst er auch sein Architekturbüro, um fortan als freier Schriftsteller zu leben. Im selben Jahr beginnen die Arbeiten zu Homo Faber.

Die Frau ist ein Mensch, bevor man sie liebt, manchmal auch nachher; sobald man sie liebt, ist sie ein Wunder.

1958 folgt dann das wohl prägendste Erlebnis in Max Frischs Leben: Er lernt Ingeborg Bachmann kennen. Die beiden gehen eine Beziehung ein, in welcher Eifersucht, ein ausgeprägtes Nähe-Distanzproblemen, ausserdem die Problematik von zwei durch und durch gegensätzlichen Menschen unter einem Dach sowie grosse Liebe miteinander kämpfen. Die beiden Schriftsteller ziehen nach Rom, danach nach Zürich, wo die Beziehung zerbricht. Frisch wandelt weiter zu Marianne Oeller, Bachmann kann er aber zeitlebens nicht vergessen, sie spukt weiter durch seine Romane und damit wohl offensichtlich auch in seinem Kopf.

Marianne Oeller und Frisch heiraten, was Frisch nicht davon abhält, weiter über den Zaun zu grasen, Affären zu pflegen. Auch Marianne geht eine nebeneheliche Beziehung ein, welche Max Frisch in seinem Roman Montauk thematisiert. Diese Vermischung von Privatem und Öffentlichem führt zum Zerwürfnis zwischen den Eheleuten, die Scheidung folgt 1979.

Die Zeit verwandelt uns nicht. Sie entfaltet uns nur.

Frisch wird nicht jünger, gesundheitliche Probleme kommen und das Thema Alter zieht in Frischs Werk ein. Nach Abstechern nach New York und teilweisem Leben im Tessin zieht Max Frisch zurück nach Zürich, wo er am 4. April 1991 stirbt.

Das klare Todesbewußtsein von früh an trägt zur Lebensfreude, zur Lebensintensität bei. Nur durch das Todesbewußtsein erfahren wir das Leben als Wunder.

 

Max Frischs Schreiben

Max Frischs Schreiben dreht sich vor allem in den Anfängen um Max Frisch. Zu den frühen Veröffentlichungen gehören denn auch Tagebücher. Im Tagebuchstil findet er eine Art der Schilderung, welche Fakten und Fiktion vereint. In den ersten Tagebüchern finden sich Vorlagen für seine späteren Romane, die sich auch stilistisch noch immer am Tagebuchstil orientieren.  Max Frisch sieht sich dieser Schreibform ausgeliefert, denkt, keine Wahl zu haben, da nur diese Form ihm zugänglich sei. Dies mag sicher zu einem gewissen Teil so sein, kann vielleicht mit seinem nach wie vor sehr um sich selber kreisenden Denken und Sein zu tun haben.

Frisch feiert grosse Erfolge mit Theaterstücken, veröffentlicht daneben aber hauptsächlich Prosawerke, Romane, Erzählungen und Tagebücher. Zentrale Themen sind immer wieder die Künstler-Bürger-Thematik, die Identitätsfindung des Menschen und das Verhältnis zwischen den Geschlechtern. Wenn bei einem Autor das Diktum Goethes, dass alles Schreiben autobiographisch sei, zutrifft, dann sicher bei Max Frisch.

 

Ausgewählte Werke

  • Jürg Reinhart (1934)
  • Antwort aus der Stille (1937)
  • Tagebuch mit Marion (1947)
  • Tagebuch 1946 – 1949 (1950)
  • Graf Öderland (1971)
  • Stiller (1954)
  • Homo Faber (1957)
  • Mein Name sei Gantenbein (1964)
  • Tagebuch 1966 – 1971 (1972)
  • Montauk (1975)
  • Triptychon (1978)
  • Der Mensch erscheint im Holozän (1979)

 

 

 

Eine Liebe zwischen Intimität und Öffentlichkeit

Von Anfang an ist die reale Begegnung zwischen Bachmann und Frisch nicht zu trennen von den Worten, den Sätzen, die sie schreiben, schreiben werden, von ihren Texten, von den gegenseitigen Erfindungen.

Max Frisch, noch verheiratet, liest Bachmanns Gedichte, ist davon angetan und bittet um ein Treffen. Er ist erstaunt, nicht einfach ignoriert zu werden von dieser grossen Schriftstellerin, die auch als Diva bekannt ist. Da sitzen sie nun im Café, es ist schon da etwas zwischen ihnen. Vieles davon ist reine Spekulation, die Ingeborg Gleichauf sprachlich gekonnt in die Geschichte der zwei Schriftsteller einbaut. Frisch und Bachmann werden ein Paar, ziehen zusammen nach Zürich, dann nach Rom, reisen durch die Welt, oft getrennt, weil sie zu viel Nähe nicht aushalten, sich dann aber doch sehnen nach dem anderen – vor allem Max Frisch nach Ingeborg Bachmann.

Bachmann und Frisch sind Reisende und Bleibende in einem. Sie kennen Herkunfts- und Sehnsuchtsorte, -städte, -landschaften. Sie suchen Orte, an denen sie länger verweilen, ja vielleicht sogar für immer wohnen könnten. Und sie verlassen diese Orte, um auf ausgedehnte Reisen zu gehen. Und nie sind sie ganz da, wo sie gerade weilen, denn den eigentlichen Aufenthaltsort bestimmt schliesslich die Arbeit, das Schreiben.

Ingeborg Bachmann und Max Frisch sind ein Paar, wie es unterschiedlicher nicht sein könnte. Während sie die Freiheit sucht, unabhängig sein will, sucht er Struktur und Ordnung, sie will Liebe erfinden, als Kunstwerk gestalten, er muss sie leben. Sie abstrakt, er konkret, sie erfindet das Leben mit der Sprache, benutzt die Natur, um Gefühle zu versinnbildlichen, er erfährt das Leben, um darüber zu schreiben, liebt die Natur um ihrer selber willen. Die Beispiele wären unendliche mehr. Dies und der Umstand, dass beide mit einer ausgeprägten Eifersucht ausgestattet sind – Ingeborg Bachmann auf Frischs Schreiben, das diesem unermüdlich aus den Fingern fliesst, während es bei ihr öfters stockt, Frisch auf Bachmanns Verehrer und nie ganz abgelegte frühere Lieben, lässt die Beziehung immer anstrengender werden. Die Trennung bahnt sich wohl schon von Anfang an an, trotzdem ist es eine Liebe, die tief ist, die wohl nie ganz endet, die weiter wirkt, in den Werken der beiden, in den Herzen.

Er denkt häufig an sie, aber nicht mit einem Bewusstsein der Schuld, wohl aber mit dem Gefühl der Reue. Schuld wirkt endgültig, trennend, schafft eine letzte Realität. Reue hingegen bewahrt einen Zwischenraum aus ungelebten Möglichkeiten.

Ingeborg Gleichauf gelingt es, die zwei Persönlichkeiten Max Frisch und Ingeborg Bachmann einzufangen, lebendig werden zu lassen. Man taucht als Leser in eine Beziehung ein, wie sie spannender nicht sein könnte. Man lernt die jeweiligen Charakterzüge, Neigungen, Herangehensweisen ans Leben der beiden kennen und erhält dadurch auch immer wieder einen Zugang zu ihrem Werk, zur Motivation und zu den Hintergründen ihres Schreibens. Ab und an rutscht Gleichauf ins Pathetische ab, manchmal nimmt das Spekulative zu den Beziehungshintergründen und –gedanken der beiden ein wenig überhand, was aber dem Lesegenuss und dem Buch an sich keinen Abbruch tut. Es ist wunderbar, informativ, reich an Eindrücken und ein  Lesegenuss.

Fazit:
Ein wunderbares Buch über zwei spannende Menschen, geschrieben mit viel Hintergrundwissen, trotzdem leicht zu lesen. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Ingeborg Gleichauf
Ingeborg Gleichauf, geboren 1953 in Freiburg, studierte Philosophie und Germanistik und promovierte über Ingeborg Bachmann. Sie ist die Autorin erfolgreicher Bücher, u. a. von Biografien über Max Frisch, Hannah Arendt und Simone de Beauvoir, und lebt in Freiburg.

 

Angaben zum Buch:
GleichaufBachmannFrischGebundene Ausgabe: 224 Seiten
Verlag: Piper Verlag (1. Oktober 2013)
ISBN-Nr.: 978-3492054782
Preis: EUR  19.99 / CHF 32.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

 

 

 

 

Christian Otto Josef Wolfgang Morgenstern wird am 6. Mai 1871 in München in eine Malerfamilie geboren. Als Christian Morgensterns Mutter 1881 an Tuberkulose stirbt, wird Christian nach Hamburg zu seinem Paten geschickt, kehrt ein Jahr später zurück nach München und geht ab da ins Internat in Landshut, wo er züchtigenden Körperstrafen der Lehrer und Mobbing der Mitschüler ausgesetzt ist. Als sein Vater, mittlerweile neu verheiratet, nach Breslau an die Königliche Kunstschule berufen wird, zieht die ganze Familie um, Christian besucht da das Gymnasium. In diese Zeit fallen auch seine ersten Schreibversuche, das Trauerspiele Alexander von Bulgarien, die Mineralbeschreibung Mineralogia popularis (beide Texte sind nicht erhalten) und der Entwurf für eine Faustdichtung entstehen.

Ab dem Herbst 1889 besucht Christian Morgenstern die Militär-Vorbildungsschule, verlässt diese aber schon nach einem Jahr und kehrt aufs Gymnasium zurück. Es folgt das Studium der Nationalökonomie, währenddessen Morgenstern zusammen mit Freunden die Zeitschrift Deutscher Geist gründet, die unter dem Motto steht „Der kommt oft am weitesten, der nicht weiss, wohin er geht“ (Das Zitat wird Oliver Cromwell zugeschrieben).

Die Tuberkulose, Morgenstern hat sich offenbar als Kind bei seiner Mutter angesteckt, macht ihm mehr und mehr zu schaffen, so dass er zur Kur nach Bad Reinerz geht. Wieder zurück, kann er das Studium immer noch nicht fortsetzen, das Angebot von Freunden, eine weitere Kur in Davos zu bezahlen, wird von seinem mittlerweile von seiner zweiten Frau getrennten Vater abgelehnt, ebenso weitere Hilfsangebote. Das führt wohl auch zum Bruch mit demselben. Da Morgenstern das Studium nicht mehr aufnehmen kann, entscheidet er, fortan als Schriftsteller zu leben.

Im April 1894 zieht Christian Morgenstern nach Berlin, wo er dank des auf Versöhnung hoffenden Vaters eine Anstellung in der Nationalgalerie findet. Daneben schreibt er für verschiedene  Medien und befasst sich mit Friedrich Nietzsche und Paul de Lagarde. Im Frühling 1895 erscheint Morgensterns erster Gedichtzyklus In Phanta’s Schloss. Es folgen Reisen in den Norden und Auftragsübersetzungen, 1900 eine erneute Kur und weitere Reisen, dieses Mal im Süden Europas. Ab 1903 arbeitet Morgenstern als Lektor im Verlag von Bruno Cassirer, versucht immer wieder, in Kuren seine Gesundheit zu verbessern, was nicht den erwünschten Erfolg bringt, beschäftigt sich ausgiebig beruflich wie privat mit Literatur und Philosophie, darunter Dostojewski, Tolstoi, Hegel, Spinoza, Fichte und viele andere.

Bei einer Kur 1908 lernt Christian Morgenstern Margareta Gosebruch von Liechtenstern kennen. Im Jahr 1909 kommt er in Kontakt mit Rudolf Steiners Ideologie, es entsteht eine enge Freundschaft und Morgenstern reist zu dessen Vorträgen, schliesst sich der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft an. Nach einer schweren Bronchitis, bei der schon der bevorstehende Tod diagnostiziert wird, der glücklicherweise nicht eintritt, heiraten Christian und Margarete im Jahr 1910. Es folgen weitere Reisen, teils für Vortragsbesuche, teils des Reisens und Schreibens wegen. 1911 ein erneuter Krankheitseinbruch, von dem er sich wieder erholt und 1912 mit einer Spende der Deutschen Schillerstiftung weiter reist, kurt und schreibt.

Christian Morgenstern stirbt am 31. März 1914 in Meran.

 

Werk und Wirkung

Dem breiten Publikum ist mehrheitlich Morgensterns humoristische Dichtung, allen voran dessen Galgenlieder, bekannt. Die Galgenlieder waren eigentlich nicht zur Veröffentlichung bestimmt, hatten aber bei einer Lesung so grossen Erfolg, dass sich Morgenstern umentschloss – zum Glück, wie man sagen möchte. Zur Einleitung seiner 15. Auflage 1913 schreibt Morgenstern:

In jedem Menschen ist ein Kind verborgen, das heisst Bildnertrieb und will als liebstes Spiel- und Ernst-Zeug nicht das bis auf den letzten Rest nachgearbeitete Miniatür-Schiff, sondern die Walnussschale mit der Vogelfeder als Segelmast und dem Kieselstein als Kapitän. Das will auch in der Kunst mit-spielen, mit-schaffen dürfen und nicht so sehr bloss bewundernder Zuschauer sein. Denn dieses ‚Kind im Menschen’ ist der unsterbliche Schöpfer in ihm…

In diesen lyrischen Grotesken zeigt Morgenstern sein Können an liebenswürdigem, scharfsinnigem Sprachwitz

‚Der Werwolf’ sprach der gute Mann,
‚des Weswolfs, Genitiv sodann,
Dem Wemwolf, Dativ wie mans nennt,
den Wenwolf, – damit hats ein End.’

sowie an Beobachtungsgabe und bildhafter Umsetzung in knappe und prägnante Wortspielereien.

Man sieht vom Galgen die Welt anders an und man sieht andre Dinge als Andre. (Wie die Galgenlieder entstanden)

Dabei versteckt sich in diesen Spielereien keineswegs nur Nonsens, wie es auf den ersten Blick den Anschein haben mag, sondern auch ein tiefes Misstrauen gegen die Sprache, die Morgenstern als willkürlich empfindet:

Blitzartig erhellt sich dir die völlige Willkür der Sprache, in welcher unsere Welt begriffen liegt, und somit die Willkür dieses unseres Weltbegriffs überhaupt.

Zu guter Letzt lassen wir Morgenstern noch selber sprechen:

Wer denn?
Ich gehe tausend Jahre
um einen kleinen Teich,
und jedes meiner Haare
bleibt seinem Wesen gleich,

 
im Wesen wie im Guten,
das ist doch alles eins;
so mag uns Gott behuten
in dieser Welt des Scheins!

 

 

Das Mondschaf
Das Mondschaf sagt sich selbst gut Nacht,
d. h., es wurde überdacht
von seinem eigenen Denker:
Der übergibt dies alles sich
mit einem kurzen Federstrich
als seinem eigenen Henker.

 

Werke

Zu Lebzeiten Morgensterns erschienen

  • In Phanta’s Schloß. Ein Cyklus humoristischer-phantastischer Dichtungen. Taendler, Berlin 1895
  • Auf vielen Wegen. Gedichte. Schuster & Loeffler, Berlin 1897
  • Horatius Travestitus. Ein Studentenscherz. Schuster & Loeffler, Berlin 1897
  • Ich und die Welt. Gedichte. Schuster & Loeffler, Berlin 1898
  • Ein Sommer. Verse. S. Fischer, Berlin 1900
  • Und aber ründet sich ein Kranz. S. Fischer, Berlin 1902
  • Galgenlieder (mit Umschlagzeichnung von Karl Walser). Bruno Cassirer, Berlin 1905
  • Melancholie. Neue Gedichte. Bruno Cassirer, Berlin 1906
  • Osterbuch (Einbandtitel: ‚Hasenbuch‘). Kinderverse mit 16 Bildtafeln v. K. F. Edmund von Freyhold. Bruno Cassirer, Berlin 1908; Neuauflagen: Inselbuch 1960 und Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 1978 ISBN 3-937801-16-2
  • Palmström (mit Umschlagzeichnung von Karl Walser). Bruno Cassirer, Berlin 1910
  • Einkehr. Gedichte. Piper, München 1910
  • Ich und Du. Sonette, Ritornelle, Lieder. Piper, München 1911
  • Wir fanden einen Pfad. Neue Gedichte. Piper, München 1914

 

Es erschien eine Vielzahl von Werken in erweiterter oder veränderter Ausgabe postum, mehrheitlich herausgegeben durch Margareta Morgenstern.

Leben

Georg Philipp Friedrich Freiherr von Hardenberg, wie Novalis mit richtigem Namen heisst, wird am 2. Mai 1772 auf Schloss Oberwiederstedt (ehemaliges Rittergut in Wiederstedt, Sachsen-Anhalt) in ein altes niederdeutsches Adelsgeschlecht hineingeboren. Auf den anfänglichen Unterricht durch Hauslehrer folgt der Besuch der Prima des Gymnasiums Eisleben, ein Jahr unter der Obhut seines Onkels Friedrich Wilhelm Freiherr von Hardenberg auf dem Gutsholm in Lucklum und 1790 der Beginn des Jurastudiums in Jena. Im Zuge seines Studiums besucht Novalis 1791 Schillers Geschichtsvorlesung, zu dem während dessen Krankheitszeit ein enger Kontakt entsteht. Weitere Bekanntschaften dieser Zeit sind Johann Wolfgang von Goethe, Johann Gottfried Herder und Jean Paul sowie eine enge Freundschaft mit Ludwig Tieck, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und den Brüdern Friedrich und August Wilhelm Schlegel.

1794 schliesst Novalis sein Jurastudium mit bestem Examen ab und arbeitet zuerst als Aktuarius bei dem Kreisamtmann Coelestin August Jest. Er lernt die junge Sophie von Kühn kennen und verlobt sich an ihrem 13. Geburtstag 1795 mit ihr. Die Verlobung wird allerdings wieder aufgelöst. Die Jahre 1795/96 stehen im Zeichen der Naturwissenschaften, Novalis nimmt sein Studium an der Bergakademie in Freiberg auf und befasst sich mit Mathematik, Chemie, Bergwerkskunde, Grubenarbeit – ein Bildungsweg, der Tradition in seiner Familie besitzt.

1798 erscheinen erste literarische Fragmente unter dem Titel Blüthenstaub im Athenaeum (Zeitschrift von Friedrich Schlegel). Dabei benutzt er auch zum ersten Mal sein Pseudonym Novalis (der Name geht auf einen uralten Beinamen in der Familie zurück). Es folgt eine zweite Verlobung, dieses Mal mit der Tochter des Berghauptmanns und Freiberger Professors Johann Friedrich Willhelm von Charpentier, mit Julie von Charpentier. Novalis arbeitet ab 1799 in der Salinendirektion und wird im Dezember desselben Jahres in die Direktion derselben berufen. Der nächste Schritt in Novalis’ Lebenslauf ist 1800 die Ernennung  zum Supernumerar-Amtshauptmann im Thüringischen Kreis (vergleichbar mit dem heutigen Landrat). Novalis stirbt am 25. März 1801 an einem Blutsturz. Er litt schon seit 1800 an einer Lungenkrankheit, vermutlich hatte er sich bei Schiller angesteckt.

 

Werk und Wirkung

Novalis gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der Frühromantik. Er beginnt schon früh zu schreiben und kann dabei auf ein umfassendes Wissen in den Bereichen Naturwissenschaften, Recht, Philosophie, Politik und Wirtschaft zurückgreifen. Sein Beruf sowie die jeweiligen Themen, denen er sich zuwendet, inspirieren ihn in seinem Schreiben, er reflektiert es in seinen Schriften und bildet Zusammenhänge im Sinne einer allumfassenden Enzyklopädie der Künste und Wissenschaften.

Kern seines literarischen Schaffens ist das Streben nach einer Romantisierung der Welt. Die Verbindung von Wissenschaft und Poesie, von Philosophie und Dichtung, die er als der Philosophie übergeordnet erachtet, leiten sein Schreiben.

In den Jahren 1795/96 setzt sich Novalis mit Fichtes Wissenschaftslehre auseinander, welche ihn nachhaltig prägt. Aus Fichtes Abgrenzung des „Ich“ vom „Nicht-Ich“ entwickelt Novalis seine eigene Liebesreligion, aus dem „Nicht-Ich“ macht er ein „Du“, welches er als gleichwertiges Subjekt dem „Ich“ gegenüberstellt. Es folgt 1799/1800 die Beschäftigung mit der Religion. In dieser Zeit entstehen sein Aufsatz Die Christenheit oder Europa sowie die Geistlichen Lieder.

Die Christenheit muss wieder lebendig und wirksam werden und sich wieder eine sichtbare Kirche ohne Rücksicht auf Landesgrenzen bilden, die alle nach dem Überirdischen durstige Seelen in ihren Schoss aufnimmt und gern Vermittlerin der alten und neuen Welt wird.

Der Aufsatz erschien erst postum, weil die Reaktion darauf zwiespältig war. Vor allem Goethe riet von einer Veröffentlichung ab. Vor allem die enthusiastische Behandlung des Katholizismus stiess bei den Romantikern auf Skepsis. Wenn der Text auch immer wieder als politische Aussage und reaktionäre Rechtfertigung der Heiligen Allianz im frühen 19. Jh. gelesen wird, steht er tatsächlich in engen Zusammenhang mit Novalis selber entwickelten mystisch-romantischen Philosophie, die auf Glauben und Liebe basiert, auf dem von Fichtes „Ich“ und „Nicht-Ich“ abgeleiteten „Ich“ und „Du“. Nach der Ablehnung seiner Schrift verlagert Novalis sein Schreiben weg von der Weltveränderung durch philosophische Schriften hin zur Romanschreiberei.

Novalis’ zwei unvollendete Romane sind als Bildungsromane in die Weltliteratur eingegangen. Sie vermitteln den Grundgedanken des Lebens als stetigen Lernprozess, welcher den Menschen hin zu seinem angedachten Zustand bringen, in welchem er mit der Natur harmoniert. Novalis lässt sich für seine Romane von Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre sowie anderen Bildungsromanen inspirieren, setzt sich dann aber von diesen ab, indem sein Held sich zwar auch entwickelt, allerdings auf einen schon lange ursprünglich in ihm angelegten Punkt hin, so dass das Lernen schlussendlich ein Innewerden, ein Auffinden von etwas in sich Verschüttetem wird, kein Streben im Aussen.

Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns, oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft.

Als für seinen Roman erforderliche Mittel nennt Novalis

eine gewisse Altertümlichkeit des Stils, eine richtige Stellung und Ordnung der Massen, eine leise Hindeutung auf Allegorie, eine gewisse Seltsamkeit, Andacht und Verwunderung, die durch die Schreibart durchschimmert.

Novalis erlebt nur die Veröffentlichung der Blüthenstaub-Fragmente, der Fragmentsammlung Glauben und Liebe oder der König und die Königin und der Hymnen der Nacht. Seine unvollendeten Romane Heinrich von Ofterdingen und Die Lehrlinge von Salis sowie die Rede Die Christenheit oder Europa erschienen erst postum, herausgegeben durch Ludwig Tieck und Friedrich Schlegel.

Werke

Lyrik

  • Klagen eines Jünglings (1791 in Wielands Neuem Teutschen Merkur)
  • Geistliche Lieder (erschienen 1801)
  • Hymnen an die Nacht (entstanden 1799/1800, erschienen 1800)
  • Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren (Gedicht aus dem Romanfragment Heinrich von Ofterdingen)

 

Epik

  • Die Lehrlinge zu Sais (Romanfragment, 1802 postum erschienen)
  • Heinrich von Ofterdingen (Romanfragment, 1802 postum erschienen)

 

Philosophie

  • Blüthenstaub (1798 in der Zeitschrift Athenaeum von Friedrich Schlegel)
  • Glauben und Liebe oder der König und die Königin (1798)
  • Sammlung von Fragmenten und Studien, entstanden 1799–1800

 

Sonstiges

  • Europa (entstanden 1799, erschienen 1826 als Die Christenheit oder Europa)
  • Das Allgemeine Brouillon umfasst die enzyklopädistischen Materialien, die 1798/99 zusammengetragen wurden.

 

 

 

 

PProbstPhilipp Probst
Philipp Probst ist ein Schweizer Schriftsteller, Buschauffeur, Journalist, LKW-Fahrer – und noch einiges mehr. Bereits früh begann er zu schreiben, die ersten Geschichten entstanden während des Schulunterrichts. Im Alter von 16 und 17 Jahren schrieb er zwei Drehbücher, welcher auf Super-8 gleich selber verfilmte: Den Krimi Der Lebensretter und den Teenagerfilm Hoffnung, welcher zugleich Abschlussarbeit der Rudolf-Steiner-Schule war. Mit diesem Film gewann er in den 80er Jahren den zweiten Preis der Schweizer Jugendfilmtage. Nach einem kurzen Abstecher in den Buchhandel landete Philipp Probst im Journalismus, arbeitete für diverse Redaktionen und Medien und schrieb schliesslich 1994 sein erstes Buch Ich, der Millionenbetrüger Dr. Alder, welches 2009 unter dem Titel Der Fürsorger verfilmt wurde.  Von ihm erschienen sind daneben unter anderem Der Storykiller, Die Boulevard-Ratten und diverse Kurzkrimis .

 
Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich bin ein kreativer und tüchtiger Mensch mit Ecken und Kanten – und vielen Schwächen. Die Biographie würde ich als unterhaltenden Roman erzählen, gäbe eine nette Ferienlektüre.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Ich schreibe wegen dem Basler Autor Hans-Peter Hammel, alias –minu. Seine Geschichten in der Zeitung fand ich toll. Zuerst wurde ich allerdings Journalist und Lastwagenfahrer. Auf dem LKW habe ich dann angefangen, meinen ersten Roman zu schreiben. Die langen Fahrten auf der Autobahn haben mich inspiriert.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Schreiben zu lernen ist eine harte Ausbildung. Wichtig ist, einen guten Mentor oder Textchef zu haben. Dann ist es learning by doing. Und aus Fehlern lernen. Kritisch sein. Mutig. Grundsätzlich kann man Schreiben lernen. Talent hilft natürlich, doch das Wichtigste ist die Disziplin.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich schreibe einfach drauf los und versuche, so wenig wie möglich korrigieren zu müssen. Die Phantasie soll arbeiten!

Wann und wo schreiben Sie?

Meistens zu Hause am Esstisch. Aber unterwegs geht auch. Eigentlich völlig egal wo, es geht sogar auf dem Smartphone.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Wenn ich schlafe.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Die Freude ist, den Leserinnen und Lesern Freude zu bereiten. Als Autor zähle ich mich zur Unterhaltungsbranche. Ich stehe also nicht nur im Wettbewerb mit anderen Autoren, sondern auch mit Kino, TV, Internet und Games. Ein Buch zu schreiben macht Spass, es zu verkaufen ist pickelharte Arbeit.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

Da die Spielregeln der freien Marktwirtschaft gelten, gibt es wenig zu jammern. Ein Buch ist ein Produkt, das es zu vermarkten gilt. Ende.

Sie wohnen in der Schweiz, schreiben meist über Schweizer Schauplätze. Die Schweiz ist ein kleines Land mit einer kleinen Literaturszene. Wie sehen Sie Ihre Stellung innerhalb des deutschsprachigen Raums? Sehen Sie sich im Nachteil als Schweizer, gibt es Vorteile oder ist das irrelevant?

Kommt darauf an, ob man sich als Autor im Buchmarkt oder in der Literaturszene bewegt. Die Literaturszene hat etwas Elitäres und zählt auf staatliche Förderung. Wer da rein kommt, darf sich „von“ nennen, wird eingeladen und kann sich in den anderen subventionierten Literaturszenen des deutschsprachigen Raums bewegen. Alle anderen Schriftsteller kämpfen im Buchmarkt, also in der freien Marktwirtschaft.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Die Geschichte entsteht beim Schreiben. Am Anfang ist einfach eine Idee, die man im Leben aufschnappt. Ich lasse meinen Figuren und deren Handlungen grossen Freiraum: Manchmal machen sie das, was ich von ihnen erwarte, ab und zu überlisten sie mich aber auch. Dazu kommen plötzlich ganz neue Ideen, dann kommt die Geschichte halt anders heraus. Das ist aber egal, Hauptsache sie ist spannend und unterhaltend.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Philipp Probst steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Natürlich bestehen meine Figuren aus mir. Aber nicht nur. Da werden noch andere Menschen drin verpackt. Da die Geschichten für mich realistisch sein müssen, könnte ich sie selbst auch erleben. Viele Szenen in meinen Büchern habe ich auch erlebt. Allerdings ist das kein Verarbeitungsprozess, sondern die Möglichkeit, etwas hautnah zu erzählen. Da werde ich dann wieder zum Reporter.

Wieso schreiben Sie Krimis? Ist es das, was Sie auch am liebsten lesen oder kann man dabei die eigenen bösen Seiten ausleben, die man im realen Leben eher unterdrückt?

Ich fühle mich wohler mit dem Ausdruck Thriller. Nein, es geht nicht darum, das „Böse in mir“ auszuleben. Es geht nur darum, dass in einer Geschichte ja irgendetwas passieren muss. Sonst ist es keine Geschichte oder eben eine langweilige. Wenn ich lese, will ich eine Geschichte erleben. Das gilt auch beim Schreiben. Toll finde ich aber auch Liebesromane.

Ruhm, Ehre, Moral, ethische Prinzipien – deswegen wird in Ihren Krimis gemordet. Strebt (heute?) nicht jeder danach? Steckt in jedem Menschen ein Mörder, der über Leichen ginge, um das ihm höchste Ziel zu erreichen?

Nein. Viele Menschen sind zufrieden, sich im Mittelmass der Gesellschaft zu bewegen. Das bewundere ich.

Sie haben verschiedene interaktive Kurzkrimis realisiert, kürzlich haben Sie einen Fortsetzungskrimi für das Onlinemagazin buchmagazin.ch nach 35 Folgen beendet, bei welchem Sie Inputs von Lesern annehmen und damit die Geschichte weiter gesponnen haben. Was reizt Sie an diesem Vorgehen? Wie kamen Sie auf die Idee, solche Projekte in Angriff zu nehmen?

Das sind äusserst sportliche Projekte, die viel Phantasie und Disziplin abverlangen. Das Tolle daran ist, dass mit den neuen Medien viele neue Möglichkeiten entstanden sind, die im Buchmarkt und noch mehr in der Literaturszene überhaupt keine Anwendung finden. Heute kann man als Kunde beinahe jedes Produkt online mitgestalten – warum sollte man da nicht auch auf seine Lektüre Einfluss nehmen dürfen? Zudem sind solche Projekte Werbung für mich als Autor und meine Bücher. Eines meiner besten Projekte war ein SMS-Roman für eine Freundin. Brutal hart. Aber einfach toll. Hätte ich genügend Interessenten – ich würde einen Roman per SMS/WhatsApp liefern. Jeden Tag ein Stück …

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Nein. Aber er kann und darf und soll seine Meinung äussern. Da er aber heute praktisch gar nicht mehr nach seiner Meinung gefragt wird, muss er sich auch nicht damit beschäftigen. Da Medien ebenfalls nach den Regeln der freien Marktwirtschaft funktionieren, werden Prominente zu allem Möglichen befragt werden. Und falls es ein Schriftsteller zum Bestsellerautor schafft, trifft es automatisch auch ihn. Meistens allerdings zu Themen wie: „Kaufen Sie lieber im Coop oder in der Migros ein?“

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Es muss spannend sein. Jeder Schriftsteller bekommt bei mir die Chance von 50 Seiten. Falls ich dann nicht mitfiebere, bin ich weg!

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Ja, aber das sind so viele … Immerhin war ich mal Buchhändlerlehrling.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

  • Schreibe mal 100 000 Zeichen, die einen Sinn ergeben, innert weniger Tage. Falls du dich schwer tust damit, mache was anderes in deiner Freizeit.
  • Schreibe einem Freund oder einer Freundin einen Monat lang einen Fortsetzungsroman per SMS. Damit testest du deine Phantasie.
  • Treibe Sport oder schaff dir einen Hund an. So lernst du Disziplin.
  • Betrachte die Schreiberei als Hobby. Auch eine Modelleisenbahn ist toll!
  • Werde auf irgendeine Weise TV-Promi. Denn nur wer dich kennt, wird dein Buch kaufen.

Ich bedanke mich herzlich für diese Antworten!

MatisekMarieMarie Matisek führt einen chaotischen Haushalt mit Mann, Kindern und Tieren im idyllischen Umland von  München. Neben dem Muttersein und dem Schreiben pflegt sie ihre Hobbys: kochen, ihren Acker umgraben und Kröten über die Straße helfen. Ihre große Leidenschaft allerdings gehört der schönsten aller Inseln: Heisterhoog (die in Wirklichkeit ganz anders heißt, aber das ist geheim). Von ihr erschienen sind Mutter bei die Fische (2013) und Nackt unter Krabben (2013).

Marie Matisek hat mir einige Fragen zu ihrem Werdegang und ihrem heutigen Leben und Schreiben beantwortet. Sie hat das auf eine sehr authentische, frische und natürliche Weise getan, so dass sich beim Lesen ab und an ein Lächeln einschleicht.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich bin eine Frau, Mitte vierzig, verheiratet, zwei Kinder. Obwohl ich schon einige andere Sachen beruflich gemacht habe, würde ich rückblickend sagen, dass ich mich all die Jahre auf das Schreiben vorbereitet habe. Ich war am Theater und habe viele Jahre fürs Fernsehen geschrieben – so gesehen eine solide Ausbildung für die Schriftstellerei.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Ich habe immer schon gerne Geschichten erfunden, aber auch gelesen. Die Zeit am Theater war in dieser Hinsicht ein Traum: mit der  Beschäftigung mit Figuren und Stücken habe ich meine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Als ich dann zum Fernsehen wechselte, habe ich gelernt, meine Phantasien und Geschichten nicht nur zu Papier zu bringen, sondern sie auch so aufzuschreiben, dass sie ein größeres Publikum interessieren. Aber ich hätte mich NIEMALS an ein Buch getraut! Erst als die Agentin meines Mannes mich ansprach, habe ich mich an ein Exposé gewagt.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Wie oben schon erwähnt: Meine Grundlage war die Beschäftigung mit Dramen. Ich bin Dramaturgin und erkenne (bei anderen :-)) schnell, ob ein Spannungsbogen stimmt, wo ein Wendepunkt sein müsste, wie man am höchsten Punkt aus einer Szene geht etc. Das ist Handwerk und wie jedes Handwerk in vielen Jahren gereift, erprobt und professionalisiert. Dennoch glaube ich, dass man mehr braucht, um schreiben zu können. Empathie, Leidenschaft, Phantasie, Intuition… Und Durchhaltevermögen! Vor allem dann, wenn einen gerade alles verlassen hat: Handwerk, Empathie, Leidenschaft, Phantasie, Intuition…

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich habe eine Geschichte und die Figuren im Kopf. Dazu gibt es meistens eine drei bis fünf Seiten lange Skizze. Dann schreibe ich drauflos, völlig planlos und bekomme spätestens in der Mitte totale Panik, ob und wie ich das Buch fertig bringe. Und nehme mir fest vor, das nächste Mal wirklich einen genauen Plan zu machen. Aber dann… s.o.

Wann und wo schreiben Sie?

Wenn die Kinder zur Schule gehen, gehe ich mit dem Hund eine Stunde Gassi. Das ist eigentlich der Arbeitsbeginn. Ohne diese mentale Vorbereitung kann ich nur sehr schlecht schreiben. Sobald ich nach Hause komme, gibt es eine Kanne Kaffee, Obst und Schokolade. Das brauche ich zum Schreiben. Ebenso einen Strauß Blumen und eine Kerze. Das steht dann alles auf dem Esstisch, um mein Laptop drapiert. Ich gucke beim Schreiben in den Garten, höre das Schnarchen von Hund und Katze, dann geht es los. Es ist immer das gleiche Ritual, jeden Tag zur gleichen Zeit, außer am Wochenende. Ich brauche diese Gleichförmigkeit. Am Nachmittag, Abend oder Wochenende arbeite ich auch, aber nicht kreative Schreibarbeit. Dann werden E-Mails geschrieben, die Facebook-Seite gepflegt, recherchiert, redigiert, Fragebögen ausgefüllt…

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Ich trage immer Figuren und Geschichten mit mir herum. Ich höre aufmerksam zu, bekomme die Inspiration für meine Geschichten eigentlich von überall. Also arbeite ich genaugenommen zu jeder Zeit. Das Bedürfnis, abzuschalten habe ich eigentlich nicht. Entspannen kann ich aber durchaus! Geben Sie mir ein Sofa und ich schlafe ein.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Es ist für mich die Erfüllung schlechthin. Ich schreibe seit knapp vier Jahren. Seit einem Jahr ausschließlich, d.h. ohne mit etwas anderem Geld zu verdienen. Das ist nicht einfach, der Buchmarkt ist sehr schnelllebig geworden, die Halbwertzeit eines Buches ist leider kurz. Es gibt so viele Titel, man geht schnell unter. Das finde ich schwierig. Die äußeren Umstände – Vertrieb, Marketing, Anforderungen des Verlags – sind alle nicht einfach. Dafür habe ich beim Schreiben die größte Freiheit – und das lässt mich auch die Unannehmlichkeiten aushalten.

Autor sein bedeutet für mich: ganz bei sich sein. Es ist mein Traumberuf, ich möchte nichts anderes mehr machen bis ich eines Tages in Grab falle – an meine Tastatur gekrallt.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Alles! Alles! Alles! Es ist Selbsterlebtes, Gelesenes, Gehörtes, Gesehenes. Ich habe keine Notizbücher, schreibe nichts auf. Weil ich glaube, dass die Geschichten oder Figuren, Namen und Orte, die bei mir hängen bleiben, irgendwann den Weg in ein Buch finden. Manchmal gibt es nur einen Namen, manchmal eine Figur, die man im Kopf hat. Jahre später kommt eine andere Figur hinzu, eine Geschichte setzt sich zusammen. Es muss in mir lebendig werden, nur dann kann ich ein Buch daraus machen. Ich verbringe schließlich viel Zeit damit, da muss es stimmig sein.

Selfpublishing und E-Books haben den Buchmarkt in Aufregung versetzt. Man hört kritische Stimmen gegen Verlage wie auch abschätzige gegen Selfpublisher. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Ich kann gut verstehen, dass jemand, der entweder keinen Verlag gefunden hat oder mit seinem Ärger hatte, den Weg des Selfpublishing geht. Das ist richtig und es ist auch wichtig, dass es heute mit finanziell geringerem Aufwand möglich ist, als früher mit Books on Demand o.ä. Trotzdem wäre das für mich kein Weg. Der Verlag hält mir den Rücken frei und macht all die Sachen für mich, die ich nicht tun möchte. Ich muss mich (fast) nur mit dem Schreiben beschäftigen. Alles andere belastet mich und lähmt den kreativen Prozess. Die Vorstellung, dass ich ein Buch selbst vertreiben und bewerben müsste, wäre ein Horror für mich und würde Energien verbrauchen, die ich lieber ins Schreiben investiere. Außerdem bin ich existenziell auf die Vorschüsse der Verlage angewiesen – mein Mann ist ebenfalls Autor und wir müssen davon eine vierköpfige Familie durchbringen. Ein Buch komplett zu schreiben ohne dafür bezahlt zu werden, könnte ich mir gar nicht leisten. Insofern finde ich den Selfpublishing Markt auch etwas bedrohlich.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Marie Matisek steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Keine meiner Figuren ist autobiografisch, aber in jeder steckt Marie Matisek. Ich muss in die Rollen schlüpfen, um die Figuren schreiben zu können. Ich liebe sie alle! Auch die vermeintlich „Bösen“ wie Hubsi von Boistern.

Ihre letzten beiden Romane, Nackt unter Krabben und Mutter bei die Fische, handeln vom Leben auf einer Nordseeinsel, von Familienschwierigkeiten und Liebesdramen, alles aber immer mit viel Humor beschrieben. Ist Humor, wenn man trotzdem lacht oder was bewegt sie zu dieser kunterbunten Mischung?

Ich versuche auch im Leben, jeder Situation etwas Komisches abzugewinnen – ohne etwas lächerlich machen zu wollen. Brachialkomik kann und will ich nicht schreiben, Drama schon eher. Aber kaum habe ich eine zu Herzen gehende Szene geschrieben, schleicht sich schon wieder etwas Komisches ein, da kann ich gar nichts gegen machen.

Wieso schreiben Sie über die Nordsee, wieso erbte Falk einen Strandkorbverleih und keinen Münchner Biergarten?

Weil mein Mann und ich die Idee zu dem Buch bei einem Nordseeurlaub hatten. Im Strandkorb.

Gibt es neue Projekte? Bleiben Sie Ihrem Genre treu oder finden wir uns bald in einem Krimi von Marie Matisek wieder?

Marie Matisek ist nicht nur ein Name und eine Autorin, sondern auch eine Marke. Und die steht für Nordseegeschichten. Ich habe natürlich auch ganz andere Geschichten auf Lager, aber ein Genrewechsel ist für Autoren sehr, sehr schwer und wird von den Verlagen nicht gerne gesehen. Das wird dann unter anderem Namen sein müssen.

Im Moment habe ich den dritten Nordseeroman abgeschlossen, im nächsten Jahr schreibe ich Nummer vier. Was danach kommt – mal sehen.

Nackt unter Krabben spricht nebenbei die Lokalpolitik der Insel Heisterhoog an, wenn auch immer mit einem Augenzwinkern. Wollten Sie eine politische Botschaft vermitteln? Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich (nicht nur in ihrer Literatur) politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

 Nackt unter Krabben ist natürlich zuallererst Unterhaltung. Ich wollte damit keine politische Botschaft vermitteln, aber meine Haltung vermittelt sich indirekt. Ich habe sehr großen Respekt vor Autoren, die radikal gesellschaftspolitisch schreiben, man macht sich dadurch ja auch immer angreifbar. Und man darf die Kraft des Wortes nicht unterschätzen – wie viele Schriftsteller wurden und werden wegen ihrer Werke verfolgt! Tatsächlich sind aber oft gerade radikal persönliche Werke, in denen gesellschaftliche Realitäten einfach nur geschildert und nicht bewertet werden, sehr politisch. Ich glaube kaum, dass es einem Schriftsteller gelingt, seine Meinung vollkommen zu verbergen. Warum auch?

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Wumms.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Ich hatte immer Phasen, in denen ich alles verschlungen habe, was ein Autor geschrieben hat. Das fing mit Agatha Christie an, ging über Dostojewski zu Siegfried Lenz und Paul Auster bis zu Arne Dahl. Sie sehen schon: alles dabei!

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Nein, das kann ich nicht. Schriftstellerei ist etwas zutiefst Persönliches, es gibt so viele Werdegänge die dorthin führen, die unterschiedlichsten Biografien… Ich glaube, wer schreiben will, wird seinen Weg finden, so oder so.

Herzlichen Dank für dieses Interview!

PittlerAndreasAndreas P. Pittler wurde 1964 in Wien geboren, hat ebenda  Geschichte, Germanistik und Politikwissenschaft studiert. Schon früh bewegte er sich im Journalismus, veröffentlichte ab 1985 Sachbücher zu diversen Themen und über die verschiedensten Menschen, fungierte als Kritiker, verfasste eine satirische Geschichte Österreichs und gab einen Reiseführer über Europas Kurbäder heraus. 1990 kam der Sprung in die Belletristik, er publizierte in zahlreichen Literaturzeitschriften und Anthologien und liess 2000 seinen ersten Roman folgen. Neben seinem literarischen Schaffen betreut Pittler eine literarische Radiosendung, lehrt an der Donau-Universität Krems und gehört der Jury des Leo-Perutz-Preises der Stadt Wien an. Andreas P. Pittler ist verheiratet und wohnt – man ist geneigt zu sagen „wo sonst?“ – in Wien. Von ihm erschienen sind unter anderem Bruno Kreisky (1996), Rowan Atkinson, „Mr. Bean“ (1998), Tod im Schnee (2002), Samuel Beckett (2006), Tacheles (2008), Ezzes (2009), Tinnef (2011), Zores (2012), Der Fluch der Sirte (2013).

Andreas P. Pittler hat mir ein paar Fragen zu sich und seinem Schreiben beantwortet. Er tat das auf eine tiefgründige, sich und das Schreiben hinterfragende Weise, er legte dabei vieles offen und bot Einblicke – persönliche, sachliche, überlegte, anregende.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Die Frage „wer sind Sie?“ verleitet dazu, sich in Ausflüchten zu stürzen (also wenn man sie philosophisch auffasst und nicht damit beginnt, einfach einen Lebenslauf darzulegen). Mir fielen sofort zwei, drei Zitate ein, hinter denen ich mich verstecken könnte. „Wer bin ich?“ ist aber wohl die zentrale Frage menschlicher Existenz und das „Erkenne dich selbst“ vielleicht die spannendste Aufgabe im eigenen Sein. In der Tat glaube ich, mich durch mein Schreiben beständig ein bisschen mehr zu erkennen. Aber das ist wohl zeitlebens ein „Work in progress“.

Auch die Frage nach der Biographie ist keinesfalls einfach zu beantworten, denn diese setzt sich naturgemäß aus vielen kleinen Einzelteilen zusammen, von denen immer nur einige für eine gewisse Gruppe interessant sind. Würde ich mich etwa um eine Stelle bewerben, so würde es wohl kein Fehler sein, auf meine universitäre Laufbahn zu verweisen. Für meine LeserInnen ist diese jedoch vollkommen irrelevant.Wäre es mir hingegen darum zu tun, einem Mitmenschen aus meinem Leben zu berichten, so verwiese ich wahrscheinlich auf die Jugenderfahrungen, die dazu führten, dass ich jenen Weg einschlug, der mich eben ins Heute führte. Und vielleicht wäre „Er ging oft fehl, aber er kam ans Ziel“ ein schöner Spruch für meinen Grabstein.

Wofür steht das „P“ nach Andreas? Wieso steht es immer und wieso nie ausgeschrieben?

„P“ steht für Paul. Dies war der Vorname meines Großvaters. In der Schule, wo dieses zweite „P“ noch keine Rolle spielte, wurde ich gemeinhin „A.P.“ gerufen, woraus sich recht bald „APE“ und, daraus folgend, „Affe“ entwickelte (also „ape“ auf Englisch ausgesprochen). Nun finde ich heute die meisten Affen wirklich nett, aber als Pubertierender hat man doch seine Probleme mit einem solchen Attribut. Daher fügte ich das „P“ in meinen Namen ein und wurde zu „Apepe“, was sich (zumindest aus damaliger Sicht) schon besser anhörte. Und wie so vieles im Leben ist es mir bis heute geblieben, obwohl ich selbst es eigentlich gar nicht mehr verwende.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Als ich einmal im Rahmen eines Fragebogens diese Frage gestellt bekam, schrieb ich in jugendlicher Pose „Ich schreibe, weil ich nichts zu sagen habe“, was sich damals auf die Ohnmacht des Einzelnen in unserer Gesellschaft bezog, die einem keine Möglichkeit der (effizienten) politischen Partizipation lässt. Allerdings wäre es ein klein wenig unehrlich, meine Schreiblust allein auf diesen politischen Missstand zurückzuführen. Vielmehr war es wohl so, dass ich schon als kleiner Junge, als ich die Welt der Bücher entdeckte, so beeindruckt war, dass ich mir dachte, solche Werke will ich auch einmal schaffen. Und eines Tages war ich dann mutig genug, meine verbale Fabulierlust in Lettern zu gießen. Ein Prozess, der mit einem eigenen Tagebuch 1976 begann, sich mit Kurzgeschichten für die Schülerzeitung und pubertären Gedichten fortsetzte und seitdem ungebrochen anhält.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Ich denke, das Wichtigste ist, dass man seinen eigenen Stil findet. Man kann sich sehr viel von anderen AutorInnen, zumal von den Großen, abschauen, aber man wird nie selbst ein großer Autor, wenn man im Epigonenhaften stehenbleibt. Der Schlüssel zum guten Text scheint mir die Authentizität zu sein. Und vor allem muss man wissen, WAS man schreiben will. Für meine Krimis ist es mir z.B. von großer Wichtigkeit, in der Darstellung so realistisch und wirklichkeitsnah wie möglich zu sein. In anderen Genres wird es wiederum auf andere Besonderheiten ankommen.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Prinzipiell schreibe ich einfach darauf los. Ein Buch von ca. 300-400 Seiten schreibe ich in ca. zwei Monaten. Allerdings ist es bei mir so, dass ich quasi mein Leben lang recherchiere, da ich praktisch pausenlos lese. Dabei stosse ich immer wieder auf anregende Passagen, interessante Geschichten und faszinierende Details, ja selbst auf gelungene Formulierungen. Diese Dinge speichere ich, um bei Bedarf auf sie zurückgreifen zu können. Und es kommt natürlich auch vor, dass mir, wenn ich gerade nicht in der Nähe eines Schreibgeräts bin, ein schöner Gedanke kommt, dann halte ich den wie im vorigen Jahrhundert mit Kugelschreiber auf einem Notizzettel fest, um ihn später einbauen zu können. Bemerkenswert erscheint mir auch der Umstand zu sein, dass ich zu Beginn meiner Krimis selbst nicht weiß, wer der Täter/die Täterin ist. Ich schreibe mit offenem Endergebnis los, und wer sich im Laufe der Geschichte als wahrscheinlichster Täter herauskristallisiert, der wird es dann (meistens) auch. Außerdem macht es mir großen Spaß, in meine Geschichten kleine „Palimpseste“ zu verweben, Anspielungen auf große Werke der Weltliteratur, vielleicht sogar direkte Zitate, die ich unerkannt einer Figur unterschiebe. Hiezu hat mich quasi Umberto Eco angestiftet, der diese Vorgehensweise bei „Der Name der Rose“ erstmals in großem Stil anwendete. Ich habe bspw. in einem meiner Romane eine Seite, die ausnahmslos aus Anfangssätzen deutscher Romane aus der Zeit zwischen 1950 und 1980 besteht. Ich bin dann immer gespannt, ob das jemand merkt, ob jemand reagiert. Natürlich dürfen solche literarische „Manierismen“ den Lesefluss nicht stören. Es ist quasi ein Extra für den Insider, ohne den Rest damit zu irritieren.

Wann und wo schreiben Sie?

Da ich auch (noch) einen Brotberuf ausübe, nachts und an den Wochenenden. Als beste Zeit hat sich dabei für mich jene zwischen 22 Uhr und Mitternacht entwickelt, weil da schon allgemeine Ruhe herrscht, niemand mehr anruft oder sonstwie Kontakt aufnimmt und man daher ungestört arbeiten kann.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Wenn ich einen Roman abgeschlossen habe (wie jetzt gerade den sechsten „Bronstein“), dann lehne ich mich zurück und befinde mich für mich selbst im Urlaub. Allerdings bedeutet das nicht, dass ich nicht sofort an den Schreibtisch zurückkehre, wenn ich eine Idee habe, die nach Umsetzung schreit.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Autor zu sein empfinde ich als meine ureigene Berufung. Gerne wäre ich ausschließlich Autor, doch das ist in unserem System ökonomisch schwierig. Immerhin aber gibt mir die Schriftstellerei das Gefühl, etwas Sinnvolles zu machen, das mir zudem auch noch Freude bereitet (was ich von meinem Brotberuf in doppelter Hinsicht verneinen muss). Frustrierend sind für mich jene Momente, in denen ich erkennen muss, dass ich mich in einer Szene verrannt habe, so dass ich einen längeren Abschnitt einfach kübeln muss. Aber diese Emotion wiegt niemals die Freude auf, die ich empfinde, wenn ich einen neuen Roman fertiggeschrieben und dabei das Gefühl habe, eine Geschichte so gut wie mir möglich erzählt zu haben.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Ich habe das Gefühl, ich bin von Ideen nahezu umzingelt. Jedesmal, wenn ich die Zeitung öffne, springen mich drei, vier Themen an, aus denen man einen Roman machen könnte. Im Vorjahr las ich plötzlich eine kleine Notiz über einen libyschen Politiker, der tot aus der Donau gezogen worden war. Sofort und wie von selbst entstand in meinem Kopf eine Story rund um Verschwörung, Korruption, Unterschlagung und Mord. Die brauchte ich dann nur noch nach dem Diktat meiner Ganglien aufzuschreiben (mein aktueller Roman „Der Fluch der Sirte“). Ich kann das nicht wirklich begründen, aber in solchen Momenten sehe ich die handelnden Personen regelrecht vor mir und kann dabei auch hören, was sie sagen und wie sie es sagen.

Selfpublishing und E-Books haben den Buchmarkt in Aufregung versetzt. Man hört kritische Stimmen gegen Verlage wie auch abschätzige gegen Selfpublisher. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Persönlich habe ich überhaupts nicht gegen Selfpublishing einzuwenden. Ich würde nur (derzeit) jeder/jedem davon abraten, weil die Branche an dieser Stelle immer noch die Nase rümpft, sich der erhoffte Erfolg also nur allzu selten einstellt. Mit den E-Books tu ich mich persönlich auch nicht so leicht, weil ich in der Ära der Stand-PCs großgeworden bin, die für mich immer noch primär eine bessere Schreibmaschine sind. Ich will blättern, riechen und im Wortsinne be-greifen. Aber ich bin natürlich nicht unglücklich, dass es meine Romane auch als E-Book gibt, denn eine neue Generation hat ihre eigenen Medien und so mögen die Jungen eben scrollen, wo ich blättere.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel von Andreas P. Pittler steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Als ich vor über fünf Jahren meinen Ermittler David Bronstein erfand, ging ich davon aus, dass ich hier jemanden porträtiere, der rein gar nichts mit mir zu tun hat. Eine bewusste Antithese sozusagen. Und dann stellte ich im Laufe der einzelnen Bände mehr und mehr fest, wie dieser Bronstein Zug um Zug von mir annahm. Mittlerweile könnte ich mich schon fast mit ihm identifizieren. Allerdings bietet das Schreiben auch die perfekte Gelegenheit, sich gefahr- und folgenlos ein Alterego auszudenken, dass tun und lassen darf, was immer es will, womit man auch ein klein wenig die eigene Phantasie ausleben kann, indem diese Figur Dinge tut, die man selbst vielleicht gerne einmal ausprobiert hätte, die man sich selbst aus welchen Gründen auch immer versagt.

Ihr Weg führte vom Journalismus über Sachbücher hin zur Belletristik. Was hat sie immer weiter bewegt? Sind sie nun angekommen? Was zeichnet die Belletristik im Gegensatz zum Sachbuch aus? Gibt es etwas, das ihnen fehlt aus den Bereichen Journalismus und Sachbuch?

Also eigentlich gäbe es ohne meine Ausbildung zum Historiker die „Bronstein“-Reihe gar nicht. Im Laufe der Jahre habe ich festgestellt, dass meine Geschichtsbücher stets nur jene Leser fanden, die ohnehin schon Bescheid wussten. Wollte man also gewisse gesellschaftspolitische Fragen einem größeren Publikum bewusst machen, so schien es angezeigt, dies in einem Format zu tun, das dem Publikum geläufiger ist und zu dem es einen Zugang hat. Ich glaube, ich habe mit meinen Romanen als Historiker mehr bewegt als zuvor mit meinen Sachbüchern, die außerhalb der Fachkreise weitgehend unbeachtet blieben.

Sie sind Österreicher, genauer Wiener. Beeinflusst ihre Herkunft ihren Stand auf dem deutschsprachigen Markt?

Unbedingt. In meinem Fall sogar noch mehr als sonst, da ich recht umfangreich vom Wortschatz des Wiener Dialekts Gebrauch mache, den man nördlich von Nürnberg wohl kaum mehr versteht. Das ist vergleichbar mit Krimis, in denen sich die Menschen des „Züri-Dütsch“ bedienen, womit man in Hamburg oder Flensburg auch eher auf Unverständnis stoßen wird. Gleichzeitig habe ich aber die angenehme Erfahrung gemacht, dass die „eigenen“ Leute es sehr zu schätzen wissen, wenn man in ihrer Sprache schreibt, denn hier in Wien sind meine Romane konstant geschätzt, wie sich an den jeweiligen Verkaufszahlen ablesen lässt.

Wieso schreiben Sie Krimis? Ist es das, was Sie auch am liebsten lesen oder kann man dabei die eigenen bösen Seiten ausleben, die man im realen Leben eher unterdrückt?

An dieser Stelle sind wir jetzt wieder bei den Sachbüchern und bei meinem erlernten Beruf als Historiker. Ich habe einfach festgestellt, dass ich mit meinem historischen Abhandlungen stets nur jene Menschen erreichte, die ohnehin schon um geschichtliche Zusammenhänge wussten. Daher nahm ich mir einen Satz von Dashiell Hammett zu Herzen, der einmal sagte, dass ein guter Krimi mehr bewirkt als dutzende politische Pamphlete. Tatsächlich ist es so, dass mich die politische Entwicklung der letzten zwei Jahrzehnte persönlich sehr beunruhigt und ich als Historiker erschreckende Parallelen zu den späten 20er und frühen 30er Jahren sehe. Daher will ich mit meinen Geschichten nicht nur unterhalten, sondern auch vor den Folgen warnen, die einer Gesellschaft drohen, wenn sie zu lange der Willkür einzelner tatenlos zusieht.

Ihre Krimis spielen in der Zwischenkriegszeit. Wieso haben Sie sich auf diese Zeit konzentriert? Was gefällt ihnen oder packt sie an der Zeit?

Viele gehen davon aus, dass diese Zeit abgeschlossene Vergangenheit ist. Doch nimmt man sie genauer unter die Lupe, so stellt man mit Schrecken fest, wie viele Ähnlichkeiten die Jahre 1927 bis 1933 mit unseren Tagen aufweisen: Bankenkrach, Massenarbeitslosigkeit, untätige Politiker, Demagogen, Perspektivlosigkeit der Jugend, all das gab es schon einmal und wir wissen, wohin das nach 1933 geführt hat. Persönlich denke ich, dass der Schock der Jahre 1933 bis 1945 eineinhalb Generationen lang wirklich tief saß und alle, wo immer sie auch politisch standen, sich dahingehend einig waren, dass so etwas nie wieder geschehen dürfe. Seit etwa 1990 ist aber eine neue Generation herangewachsen, der die Ereignisse des Nationalsozialismus so fremd sind wie die Christenverfolgung der Antike und die Hexenprozesse des Mittelalters. Daher erscheint es mir geboten, der heutigen Sorglosigkeit gegenüber historischen Zusammenhängen etwas Bewusstsein entgegenzustellen – und die charmanteste Weise, in der man das tun kann, scheint mir im Rahmen einer spannenden Geschichte zu sein.

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Es ist jedenfalls keinen Nachteil, wenn er einen hat. Es ist allerdings kein Muss. Viele hervorragende Schriftsteller haben sich ausnahmslos mit Themen wie Liebe oder Spiritualität befasst, und ihre Werke sind dennoch großartig. Auch kann politischer Auftrag nicht heißen, Moralkeulen zu schwingen oder mit erhobenem Zeigefinger zu arbeiten. Der „Auftrag“ erfüllt sich, wenn die Leserschaft von sich aus zu dem Schluss kommt, dass eine Änderung beschriebener Missstände wünschenswert ist.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Es muss spannend und intelligent geschrieben sein. Es muss Dinge beinhalten, die mich selbst zu eigenen Gedanken anregen. Es muss meinen Horizont erweitern. Manchmal genügt es aber auch voll und ganz, dass es mich gut unterhält oder mich einfach nur köstlich amüsiert. Letztlich ist es auch stimmungsabhängig, welches Buch mich wann wie anspricht. Nach einem harten Tag kann auch „Hägar der Schreckliche“ die richtige Lektüre sein. Andererseits ist es eine sportliche Herausforderung, wieviele historisch-philosophisch-theologische Anspielungen man in Joyces „Ulysses“ findet.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Die gibt es nicht nur, sie werden laufend mehr. Die Palette reicht hier von Samuel Beckett und James Joyce über den frühen Christoph Hein und Thomas Bernhard bis zu den großen Russen wie Puschkin, Gorki oder Majakowski. Es ist auch schön, immer wieder Neues zu entdecken, wo man dann quasi den Werdegang eines Autors/einer Autorin von Werk zu Werk mitverfolgen kann. Das ging mir bspw. bei Thomas Brussig so, aber auch bei Tanja Dückers oder Juli Zeh. Als Krimiautor beeindrucken mich natürlich die Großen des Genres von Hammett, Chandler und Glauser bis hin zu Vazquez-Montalban, Camilleri, Marklund und Markaris. Und natürlich eine ganze Menge deutschsprachiger Krimi-AutorInnen, die ich hier aber nicht nenne, um mir nicht den Unmut jener zuzuziehen, die ich vielleicht zu nennen vergessen habe.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

* Finde heraus, was Du schreiben/erzählen willst. * Schiele nicht auf Marktauglichkeit oder auf Vorgaben, die vermeintlich schnelleren Erfolg versprechen. * Übernimm von anderen Schriftstellern, was dir gut erscheint, kopiere sie aber nicht. * Lasse dich von Rückschlägen nicht entmutigen. * Bleibe dir unbedingt treu – besser, der Text bleibt (vorläufig) unveröffentlicht, als es erscheint ein Buch unter deinem Namen, das nicht (mehr) dein Buch ist.

Ich bedanke mich ganz herzlich bei Andreas P. Pittler für diese Antworten.

Alfred Döblin wird am 10. August 1878 in Stettin in eine bürgerliche jüdische Familie hineingeboren. Der Vater, durch die frühe Verheiratung mit Alfreds Mutter nicht wirklich glücklich in dieser Ehe, wendet sich einer jüngeren Frau zu und verlässt seine Familie, indem er mit seiner neuen Liebe nach Amerika geht. Alfred zieht mit seiner Mutter nach Berlin, macht da 1900 sein Abitur und beginnt danach mit dem Studium der Medizin und der Philosophie. Er promoviert beim Psychiater Alfred Erich Hoche zum Thema der Gedächtnisstörungen  bei der Kosakoffschen Psychose und strebt eigentlich eine wissenschaftliche Laufbahn an, was ihm aber – vermutlich aufgrund seines Judentums – versagt bleibt. Neben seinem Studium und auch später schreibt Döblin immer mehr oder weniger fleissig, veröffentlicht Artikel in der mit Herwarth Walden gegründeten Zeitschrift Sturm sowie einen Roman (Der schwarze Vorhang).

Döblin arbeitet nach der Promotion in verschiedenen Irrenanstalten und Krankenhäusern und lässt sich nach seiner Heirat mit Erna Reiss, Tochter eines wohlhabenden jüdischen Fabrikanten, in Berlin als Arzt nieder – ein Schritt, der ihn nicht wirklich freut.

Nicht freiwillig. Ich hatte geheiratet, darum durfte ich nicht bleiben.

Die Selbständigkeit ist ihm eher unangenehm, er vermisst die Geborgenheit des Angestelltenverhältnisses. Er beginnt wieder vermehrt zu schreiben.

1911 musste er in die mich erst fürchterlich abstossende Tagespraxis. Von da ab Durchbruch oder Ausbruch literarischer Produktivität.

Im ersten Weltkrieg meldet sich Alfred Döblin freiwillig zum Kriegsdienst und arbeitet fortan als Zivilarzt der Infanteriekaserne in Saargmünd, Elsass.  Noch während des Krieges beginnt er mit der Arbeit an seinem Wallenstein. Auch in diese Zeit fallen viele Artikel, teilweise unter dem Pseudonym Linke Poot. Seine Schriften zeugen von gesellschaftskritischen Ansätzen, er zeichnet das Bild Berlins zur Weimarer Zeit. 1925 ist Döblin Mitbegründer einer Gruppe linksgerichteter Schriftsteller, die sich Gruppe 1925 nennt.

Nachdem ihm sein Judentum schon die wissenschaftliche Karriere verunmöglicht hat, wird die Lage in Berlin in den folgenden Jahren immer angespannter. 1933 flieht Döblin mit seiner Familie vor den Nationalsozialisten zuerst nach Zürich, dann nach Paris und übernimmt da die französische Staatsbürgerschaft. Nach Döblins anfänglicher Arbeit für das Propagandaministerium führt der Weg der Familie Döblin über Südfrankreich und Lissabon über den Teich in die USA. Trotzdem er sich da in guter Gesellschaft mit anderen Emigranten befindet, tut er sich schwer mit der Eingewöhnung und fühlt sich fremd. Er ist denn auch einer der ersten Rückkehrer nach Europa, am 15. Oktober 1945 erreicht die Familie Döblin Paris und später Deutschland.

Zurück in der alten Heimat ist Alfred Döblin Herausgeber der Zeitschrift Das Goldene Tor sowie Mitbegründer und Vizepräsident der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz. Döblin kann sich allerdings mit dem Klima in Deutschland nicht mehr anfreunden, er ist enttäuscht über die politische Restauration der Nachkriegszeit. Nachdem auch sein Revolutionsroman November 1918, welcher die Berliner Märzkämpfe thematisiert, wenig erfolgreich ist, emigriert er nach Frankreich. Seine Parkinsonkrankheit nötigt ihn zu wiederholten Aufenthalten in Sanatorien und Kliniken im Schwarzwald. Er stirbt am 26. Juni 1957 in Emmendingen. Seine Frau Erna folgt ihm am 14. September 1957 durch Suizid in den Tod.

Alfred Döblins Werk

Der bekannteste von Döblins Romanen ist sicherlich Berlin Alexanderplatz. Die Geschichte vom Franz Biberkopf, welcher zwischen 1927 und 1929 entstanden ist. Der Roman stellt einen der ersten und bedeutendsten Grossstadtromane dar und behandelt die Geschichte eines einstmaligen Berliner Transportarbeiters. Der kleine Arbeiter lässt sich von dunklen und nicht fassbaren Kräften  in der ständischen Abhängigkeit halten, befreit sich dann, indem er das alte Ich abstreift und sich auf die eigene Vernunft besinnt. Seinen Anspruch, im anrüchigen Berlin zwischen Zuhälterei, Flittermoral und Verbrechertum anständig zu bleiben, hält nicht lange an, immer wieder vertraut er auf die falschen Leute und so schält sich das Leitmotiv des Romans schnell heraus:

verflucht ist der Mensch, der sich auf Menschen verlässt.

Döblin ist mit diesem Roman eine herausragende Milieustudie gelungen, er besticht durch expressive Sprachgestaltung und spiegelt einen neuen Naturalismus wieder. In einer Art Montagetechnik zeichnet Döblin ein Miteinander von pausenlosen Monologen und assoziativen Bildern und Vorstellungen. Indem Döblin Biberkopf als typischen Mitläufer zeichnet, nimmt er ahnungslos den bald schon sich dem Nationalsozialismus unterwerfenden Menschentypus der kommenden Jahre vorweg.

Neben Berlin Alexanderplatz hat Alfred Döblin verschiedene Romane und Erzählungen veröffentlicht, die in ihrem Erfolg allerdings weit hinter dem Grossstadtroman zurückblieben.  In allen seinen Werken besticht Döblin durch eine Unmittelbarkeit, Gegenständlichkeit und Sachlichkeit. Döblin will die objektive Realität darstellen.

Sachlich sein; jedes Ding seine besondere Sachlichkeit, Zweckmässigkeit, nichts von aussen anbringen und ankleben.

Immer wieder entzündet sich Döblins Denken an den Polen Natur und Gesellschaft, er stellt einerseits den Determinismus und Monismus der Naturwissenschaften dem positiv gesetzten Recht des Machtstaates und der Klassengesellschaft gegenüber und widmet sich schon früh den kritischen Fragen der Gesellschaft. Er vertritt dabei die von Marx stammende Erkenntnis:

Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein,  sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.

Immer wieder reibt sich Döblin an den Gegensätzen Natur und Gesellschaft, sucht nach Lösungen und Antworten auf die Fragen, ob Weltsucht oder Entsagung, Aktion oder ruhige Betrachtung und Akzeptanz des Gegebenen die Lösung für ein Auskommen von Individuum und Gesellschaft seien,  und kommt zum resignierten Bekenntnis:

der eigentliche Prozess der Bestimmung und Feststellung erfolgte im Schreiben selbst. Das eigentümliche, Bittere, fatale ist dann: Jedes Buch endet (für mich) mit einem Fragezeichen. Jedes Buch wirft am Ende dem nächsten Buch den Ball zu.

EckertHorstHorst Eckert
Horst Eckert wurde am 7. Mai 1959 in Weiden/Oberpfalz geboren und wuchs in Pressrath auf. Er studierte in Erlangen und Berlin Soziologie und Politische Wissenschaften, jobte als Bierschlepper und Fahrstuhlführer, später als Hospitant im Berliner ZDF-Studio. Nach einem Umzug nach Düsseldorf 1987, die Liebe war Schuld, arbeitete er 15 Jahre lang als Fernsehreporter, seitdem ist er hauptberuflich als freier Schriftsteller tätig. Von ihm erschienen sind unter anderem Annas Erbe (1995), Finstere Seelen (1999), Ausgezählt (2002),Der Abrsprung (2006), Sprengkraft (2009), Schwarzer Schwan (2011), Schwarzlicht (kommt im September 2013).

Ich freue mich, dass mir Horst Eckert Einblicke in sein Schreiben gewährt hat und sich Zeit nahm, mir einige Fragen zu beantworten. Herausgekommen ist ein sehr informatives und authentisches Interview.

 Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

 Aufgewachsen in der nordostbayerischen Provinz, Studium in Erlangen und Berlin, Fernsehjournalist, dann freier Schriftsteller. Wohne in Düsseldorf, bin verheiratet.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

 Mich interessieren die Tragödien, in die sich Menschen aus niederen Beweggründen oder hohen Idealen verstricken. Was Menschen einander antun. Wie sie ticken. So kam ich zur Kriminalliteratur, und als ich zu viele mittelmäßige Bücher gelesen hatte, nahm ich mir in meiner Hybris vor, es besser zu machen. Dabei habe ich Blut geleckt.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

 Am meisten habe ich von zweitklassigen Büchern gelernt, denn sie haben mir gezeigt, wie man nicht schreiben sollte. Meine Erfahrung als Journalist hat mir vielleicht geholfen. Schreibkurse helfen, denn es fallen keine Genies vom Himmel. Am wichtigsten ist: lesen, lesen, lesen.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

 Ich plane meine Figuren und den Plot, dann schreibe ich. Um die Geschichte authentischer erzählen zu können, recherchiere ich parallel.

Wann und wo schreiben Sie?

 Tagsüber an meinem Schreibtisch.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

 Ich muss nicht abschalten. Für einen Schriftsteller ist eine gute Idee die Krönung des Tags, egal zu welcher Zeit.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

 Es ist die schönste Arbeit, die ich mir vorstellen kann, aber ich muss auch kämpfen: jedes Mal, wenn ich einen neuen Roman beginne, um eine Geschichte, die mich wirklich bewegt.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

 Der Verlag ist der erste und wichtigste Partner, um die Leser zu erreichen. Ohne Lektorat, Titelgestaltung, Marketing und Pressearbeit gibt es kein erfolgreiches Buch, auch in Zeiten des Kindle-Selfpublishing. Natürlich denkt jeder Autor, sein Verlag könnte noch mehr für ihn trommeln. Aber Bestseller werden ohnehin von den Lesern gemacht, nicht von den Verlagen.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

 Die Wirklichkeit. Ein bisschen eigene Erfahrung und vor allem das, was Mitmenschen oder die Medien vermitteln. Und meine Fantasie macht eine Geschichte daraus.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Horst Eckert steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

 Es gibt kein Alter Ego in meinen Romanen und ich identifiziere mich mit keiner Figur. Aber beim Erzählen überlege ich ständig: Wie würde ich mich in dieser Situation verhalten? Insofern steckt Horst Eckert in jeder meiner Figuren, auch in den finstersten.

Wieso schreiben Sie Krimis? Ist es das, was Sie auch am liebsten lesen oder kann man dabei die eigenen bösen Seiten ausleben, die man im realen Leben eher unterdrückt?

 Krimis erzählen am treffendsten und unterhaltsamsten davon, was in uns oder zwischen uns nicht in Ordnung ist – kein anderes Thema bewegt uns so wie die menschlichen Abgründe. Der Krimi ist deshalb der Gesellschaftsroman von heute, wenn er gut ist. Warum sollte ich etwas anderes schreiben?

Ihre Krimis greifen oft Themen aus der Wirtschaft und der Politik auf. Wollen Sie damit eine Botschaft transportieren oder interessieren Sie die Bereiche einfach am meisten?

 Politik und Wirtschaft betreffen uns tagtäglich, ob wir wollen oder nicht. Ich will einladen, darüber nachzudenken, aber ich habe keine Botschaft und möchte niemanden belehren. Letztlich schreibe ich über die gleichen menschlichen Abgründe wie die Schriftsteller vergangener Jahrhunderte. Ich gebe der Geschichte nur ein aktuelles Gewand.

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

 Natürlich habe ich ein ganzes Bündel an Meinungen, aber als Autor ist es nicht mein Job, die Leser damit zu behelligen. Mein einziger Auftrag lautet: Niemals zu langweilen.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

 Glaubwürdige Figuren, komplexe Handlung, gute Sprache, ein aktuelles Setting und vor allem: Spannung.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

 James Ellroy hat mich zum Krimifan gemacht, aktuell schätze ich Don Winslow, Dominique Manotti und viele andere. Aber beim Schreiben muss ich letztlich meiner eigenen Fantasie und meinem Gefühl für Menschen und Sprache vertrauen.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Erzähl eine Geschichte, nicht ein Thema. Achte auf die Glaubwürdigkeit im Handeln jeder deiner Figuren und nimm die Einwände deiner Testleser ernst. Denk nicht über einen eigenen Sprachstil nach, sondern formuliere zweckmäßig. Schiele nicht auf den Markt, sondern vertraue der Geschichte, für die du brennst. Und überarbeite dein Manuskript, bis du an keinem Detail mehr zweifelst. Viel Spaß und Erfolg!

Ich bedanke mich herzlich bei Horst Eckert für dieses Interview!

(c) Peter Hassiepen
(c) Peter Hassiepen

Alex Capus
Alex Capus wird am 23. Juli 1961 in der Normandie als Sohn eines Franzosen und einer Schweizerin geboren. Die ersten fünf Lebensjahre lebt er mit seiner Familie in der Wohnung des Grossvaters in Paris, zieht nach der Trennung seiner Eltern mit seiner Mutter nach Olten in die Schweiz.  Neben seinem Studium der Geschichte, Philosophie und Ethnologie an der Universität Basel arbeitet er bei diversen Tageszeitungen als Journalist und ist während vier Jahren als Inlandredaktor einer  bei einer Schweizerischen Depeschenagentur in Bern beschäftigt. Zwischen 2009 und 2012 fungiert er als Präsident der Sozialdemokratischen Partei Oltens. Alex Capus lebt als freier Schriftsteller mit seiner Familie in Olten. Von ihm erschienen sind unter anderem Munzinger Pascha (1997), Der König von Olten (2009),  Léon und Louise (2011), Skidoo (2012), Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer (2013).

Alex Capus hat sich bereit erklärt, mir einige Fragen zu seiner Person und seinem Schreiben zu beantworten. Ich freue mich sehr über seine Antworten, die teilweise kurz und knapp, oft mit einem fast sichtbaren Schmunzeln gegeben sind.

 Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

1961 in Frankreich geboren als Kind viel zu junger Eltern. Scheidung der Eltern, Umzug mit Mutter und Bruder nach Olten. Erste Kurzgeschichten im Alter von sieben Jahren als Selbstvergewisserung. Eine Jugend im Gefühl, der einzige Erwachsene im Haus zu sein. Als junger Erwachsener die Suche nach dem echten, wahren, intensiven Leben. Deshalb ein eigensinniger Student, akademisch nicht zu gebrauchen. Weitere Kurzgeschichten. Journalismus aus Liebe zu den Menschen und Freude an der Form. Erstes Kind, erster Roman. Heirat mit meiner Gefährtin Nadja. Zweiter Roman. Zweites Kind. Dritter Roman. Drittes Kind. Vierter Roman. Viertes Kind. Bis dato fünf Kinder und fünfzehn Bücher.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Ich kann das ziemlich gut und mache das ziemlich gern. Darüber hinaus bestärkt mich erzählendes Schreiben im Glauben, dass alles in der Welt miteinander zusammenhängt und das Leben also einen Sinn hat.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Alles Quatsch. Schreiben ist wie alle Kunst letztlich ein Ausdruck von Gefühl. Wer’s hat, hat’s. Wer nicht, nicht.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen? Wann und wo schreiben Sie?

Ich recherchiere und mache mich kundig zum Thema meiner Betrachtung, bis ich satt und überzeugt bin, dass kein Mensch auf der Welt besser als ich Bescheid weiss darüber. Dann trage ich das ganze schwanger, bis sich die richtige Form herauskristallisiert. Das kann Monate oder Jahre dauern. Und dann setze ich mich hin und schreibe. From nine to five, sehr ordentlich.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Feierabend, Ferien? Niemals. Abschalten? Warum sollte ich das wollen?

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Als Autor singe ich mein Lied und tanze meinen Tanz. Jeder Mensch sollte das tun, die Zeit ist knapp. Und ich verdiene mein Geld damit, das ist ein grosses Glück.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

Autoren sollten nicht so viel jammern. Als Profi sucht man sich die richtigen Leute aus, mit denen man arbeiten will, dann ist man loyal zu ihnen und vertraut ihnen auch. Das ist im Fussballgeschäft nicht anders als im Waffenhandel, im Ölbusiness oder in der schönen Literatur.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Tja, Ideen. Die flüstert mir mein kleiner Finger ins Ohr.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Alex Capus steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Natürlich hat der olle Goethe recht. Ich bin alle meine Figuren.

Ihre Geschichten handeln oft von tatsächlichen Figuren aus der Vergangenheit, so auch Ihr neuster Roman Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer. Wie stossen Sie auf diese Figuren, was muss eine Figur haben, dass sie daraus eine Geschichte machen wollen?

Ich muss sie mögen.

Wo hört bei ihren Geschichten die tatsächliche Vergangenheit auf, wo beginnt die Fiktion?

Alles, was ich erzähle, ist immer wahr – wenn ich es doch sage!

 Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen?

Heute Abend lese ich gerade wieder mal Rock Springs von Richard Ford. Grossartig. Schönheit und Wahrhaftigkeit, darauf kommt’s an.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Erstens: Viel lesen.

Zweitens: Viel schreiben.

Drittens: Niemals zu früh mit sich zufrieden sein.

Viertens: Die ersten fünf Entwürfe immer wegschmeissen,

Fünftens: Niemals auf olle Ratschläge hören. Stay true to the idea, wie David Linch sagt.

Herzlichen Dank, Alex Capus, für dieses Interview!

Random House GoldmannAngélique Mundt
Angélique Mundt wurde 1966 in Hamburg geboren. Nach ihrem Studium der Psychologie arbeitete sie lange in der Psychiatrie, bevor sie sich 2005 als Psychotherapeutin mit einer eigenen Praxis selbstständig machte. Sie arbeitet ehrenamtlich im Kriseninterventionsteam des Deutschen Roten Kreuz, das Menschen bei potentiell traumatisierenden Ereignissen “Erste Hilfe für die Seele” leistet. Angélique Mundt lebt in Hamburg. Nacht ohne Angst ist ihr erster Roman und Start einer Serie um die Psychotherapeutin Tessa Ravens und Hauptkommissar Torben Koster.

Ich freue mich sehr, dass sich Angélique Mundt spontan bereit erklärt hat, mir ein paar Fragen zu beantworten. Sie tat dies auf eine tiefgründige Art und gewährt damit wunderbare Einblicke in ihr Schreiben:

1.  Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Ich habe als Psychotherapeutin einen emotional sehr anstrengenden Beruf und brauche ein Ventil. Ich brauche Ausgleich, ein Hobby und etwas das mich erfüllt. Schreiben hat mich schon immer interessiert und vor ein paar Jahren habe ich mich getraut, selber einmal etwas zu schreiben. Schreiben hilft mir, meine Gefühle zu sortieren oder mich auch wieder von ihnen zu distanzieren. Und es macht Spaß! Meistens jedenfalls.

2. Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Ich habe tatsächlich mit einem Volkshochschulkurs angefangen und danach war alles klar: Ich will Schreiben! Nichts anderes. Seitdem lerne ich. Und ich übe. Ich glaube, neben Handwerk und Talent, braucht es noch viel Engagement, um tatsächlich einen Roman oder eine Kurzgeschichte fertig zu schreiben.

 

3. Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen? Wann und wo schreiben Sie?

Am Anfang steht eine Idee. Etwas was mir am Herzen liegt, worüber ich schreiben möchte. Und diese Idee formt sich langsam zu einer Geschichte. Den Verlauf dieser Geschichte formuliere ich aus. Von Anfang bis Ende. Dann versuche ich einen Einstieg zu finden und plane den Szenenablauf. Der verfeinert sich zusehends und das Schreiben folgt dann diesem Plan.

Leider komme ich viel zu selten zum Schreiben! Wenn, dann am liebsten zu Hause – in aller Ruhe, mit einem Milchkaffee.

 

4. Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Ich brauche nicht abschalten, ich verlasse einfach den Laptop. Sollten mir dann noch Ideen kommen oder Korrekturen einfallen: Ist doch toll! Eine Notiz auf einem Zettel und fertig. Bearbeitet wird es dann am nächsten Tag.

 

5. Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Es ist tatsächlich eine Mischung aus Erlebtem, Gelesenem, Gehörtem. Dann überlege ich: Was fesselt mich so sehr? Warum kann ich es nicht vergessen? Welche Gefühle löst das Ereignis in mir aus. Meistens ist dann schon eine Idee geboren. Aber ob die Idee gut und tragfähig ist, stellt sich erst viel später heraus. Ich schreibe viele kleine Anekdoten und Begebenheiten, Emotionales und Bewegendenes auf. Mich interessiert, was der Tod mit den Überlebenden macht: mit den Angehörigen der Opfer, den Tätern und mit den Ermittlern. Darüber möchte ich schreiben.

 

6. Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Sie sind selber Psychologin, ihr Buch spielt in einer Universitätsklinik. Ist dieser Krimi eine Verarbeitung ihres Alltags?

 

Nicht so direkt, wie man es sich vielleicht vorstellt. Oft sind es die kleinen Begebenheiten am Rande einer Katastrophe, die stellvertretend für das Unfassbare stehen und mich nachhaltig beeindrucken. Das muss ich dann loswerden. Da ist zum Beispiel die Einkaufstüte, die neben der alten, alleinstehenden Dame liegt, die gerade an einem Herzinfarkt auf der Straße verstorben ist. Wer nimmt sich ihrer Einkäufe an? Was soll damit geschehen? Die Polizei steht ratlos mit der Tasche in der Hand. Eine Packung Milch, ein Toastbrot … schon bin ich berührt und machmal entwickelt sich daraus das Fragment, das vielleicht einmal eine Geschichte wird.

 

7. Sind Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Ich mag alle meine Figuren. Sie habe alle irgendetwas Liebenswertes, auch wenn sie schlimme Dinge tun. Natürlich liegt mir Tessa besonders am Herzen, da sie viel von mir hat und dann habe ich sie noch ausgestattet mit allem, was ich nicht bin, aber gerne wäre.

 

8. Wieso haben Sie diese Spannung zwischen Torben Koster und Tessa Ravens aufgebaut? Woher rührt sie? Was lässt Koster so ablehnend und grob reagieren anfangs?

Tessa und Koster sind irgendwie seelenverwandt, wenn ich das Wort mal benutzen darf. Sie verstehen sich ohne viele Worte. Gerade das macht es für die beiden auch sehr schwer, denn ihre Gefühle und ihr Kopf gehen nicht miteinander im Gleichschritt, sie sind nicht im Einklang. Sie haben ein schlechtes Timing.

 

9. Wieso haben Sie einen Krimi geschrieben? Ist es das, was sie auch am liebsten lesen oder ist es die Freude, die bösen Seiten ausleben zu können, die man im realen Leben eher unterdrückt?

Ich mag das Rätsel und die Spannung. Als Autor mag ich Krimis, weil ich zunächst so tun kann, als ob gut wirklich gut und böse wirklich böse wäre. Aber ich habe in meiner KIT-Arbeit festgestellt, dass das Böse gar nicht so böse ist und das Gute gar nicht so gut. Darüber versuche ich zu schreiben. Ich möchte wissen, was ein Verbrechen mit den Opfern, Angehörigen und Augenzeugen macht?

 

10. Wird es eine Fortsetzung mit den Protagonisten geben? Planen Sie andere Bücher?

Ja, unbedingt. Tessa und Koster zwingen mich dazu, weiterzumachen. Aber mal sehen, ob der Leser das auch so sieht J

Es gibt tatsächlich einen Plan für ein ganz anderes Buch, aber darüber darf ich leider noch nichts verraten!

11. Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen?

Ich mag Kriminalromane, die dicht an der Realität sind und nicht so sehr „ver-rückte“ Psychothriller. Ich mag sehr viele Schriftsteller aus sehr unterschiedlichen Gründen. Zum Beispiel: Bernhard Jaumann, Jan Costin Wagner, Harlan Coben, Elisabeth George …

 

12. Wenn Sie sich mit drei Worten beschreiben müssten, welche wären das?

Engagiert, sensibel, interessiert.

Herzlichen Dank für dieses Interview!

Ernst Jandl wird am 1. August 1925 in Wien geboren. Das künstlerische Interesse seiner Eltern, eines wenig ambitionierten Bankangestellten und einer ausgebildeten Lehrerin, färbt früh auf Ernst ab und so entdeckt er schon mit neun Jahren die Schriftstellerei. Mit 12 Jahren veröffentlicht er sein erstes Gedicht mit dem Titel Hochwasser. Jandl besucht das Gymnasium in Wien und wird nach der Matur ins Militär einberufen, wo er als Dolmetscher arbeitet und durch seine Englischkenntnisse in Kontakt mit englischsprachigen Autoren kommt, welche sein Leben stark beeinflussen sollen: Ernest Hemmingway und Gertrude Stein.

1946 beginnt Ernst Jandl in Wien das Studium der Germanistik und Anglistik, verlobt sich ebenda mit einer Mitstudentin, Roswitha Birthi, welche er nach kurzem Verlobungsunterbruch auch heiratet. Er verfasst neben einem Probejahr am Gymnasium seine Dissertation zum Thema Die Novellen Arthur Schnitzlers und tritt 1950 seine erste Gymnasiallehrerstelle an. Das Schreiben nimmt einen immer grösseren Platz in seinem Leben ein und Jandl veröffentlicht Gedichte in verschiedenen Organen.

1953 führt der Weg der Jandls nach England, wo er und seine Frau beide als Lehrer arbeiten. In dieser Zeit lernt Ernst Jandl Erich Fried kennen und beschliesst unter dessen Einfluss, der Literatur noch mehr Gewicht zu geben und des Weiteren einen anderen Umgang mit der Sprache zu versuchen, indem diese nicht mehr bloss Ausdrucksmittel, sondern Arbeitsmaterial wird. 1954 erfolgt die Rückkehr nach Wien und Jandl übernimmt eine neue Gymnasiallehrerstelle ebenda. In dieser Zeit lernt er Friederike Mayröcker kennen, die junge Autorin arbeitet ebenfalls als Lehrerin. Die gemeinsamen literarischen Bestrebungen führen die beiden zusammen, sie lassen sich von ihren Ehepartnern scheiden und leben ihre geistige und gleichgesinnte Beziehung, zuerst in einer Wohnung, dann in getrennten Revieren, die ihren unterschiedlichen Arbeitsrhythmen besser Rechnung tragen.

Im Jahr 1956 findet Jandl eine neue Schreibmethode, welche er in prosa aus der flüstergalerie präsentiert und die nach eigenen Worten die „erste mir gelungen erscheinende Assimilation von Techniken des Jahrhundertgenies Gertrude Stein“ darstellt. Es folgen produktive Jahre, Jandl tobt sich exzessiv im Bereich der experimentellen Lyrik aus, Sprechgedichte wie schtzngrmm erscheinen. Jandls Spiel mit der Sprache ist dabei nie Selbstzweck, er bezieht die Sprachwahl immer auf das darzustellende Moment seiner Gedichte.

wien : heldenplatz[1]
der glanze heldenplatz zirka
versaggerte in maschenhaftem männchenmeere
drunter auch frauen die ans maskelknie
zu heften heftig sich versuchten, hoffensdick
und brüllzten wesentlich.

verwogener stirnscheitelunterschwang
nach nöten nördlich, kechelte
mit zu-nummernder aufs bluten feilzer stimme
hinsensend sämmertliche eigenwäscher.

pirsch!
döppelte der gottelbock von Sa-Atz zu Sa-Atz
mit hünig sprenkem stimmstummel.
balzerig würmelte es im männechensee
und den weibern ward so pfingstig ums heil
zumahn: wenn ein knie-ender sie hirschelte.

Mit seiner unkonventionellen Art stösst Jandl nicht nur auf Begeisterung beim Publikum. Es wird ihm „kulturelle Provokation“ vorgeworfen und geunkt, ob er als Lehrer nicht die Jugend verderbe. Er wird zur Persona non grata in Österreich, an weitere Veröffentlichungen ist nicht zu denken.

kennen du ernsten jandeln?
ihn du kennen nicht dürfen
du sein guten jungen!
(an einen grenzen)

Die Aufregung legt sich nach einigen Jahren und es folgen in den 60er Jahren wieder erste kleine Publikationen in Zeitschriften, Lesungen führen ihn zu einer allmählich wachsenden Anerkennung.

1970 erreicht Jandl mit seinem Gedichtband Der künstliche Baum den grössten Verkaufserfolg. Das Buch vereint Sprechgedichte und visuelle Gedichte.

ottos mops
ottos mops trotzt
otto: fort mops fort
ottos mops hopst fort
otto: soso
otto holt koks
otto holt obst
otto horcht

otto: mops mops
otto hofft
ottos mops klopft
otto: komm mops komm
ottos mops kommt
ottos mops kotzt
otto: ogottogott

Jandl sieht sich immer mehr im Zwiespalt zwischen Schreiben und Lehrersein, da ihn sein Brotberuf zu sehr am schreiben hindert, er ihn aber für das finanzielle Überleben braucht. Er nimmt mehrfach unbezahlten Urlaub, erkrankt zwischenzeitlich, was zu noch mehr Absenzen vom Schulunterricht führt. Verschiedene Stipendien helfen zu überleben. Als er schliesslich in den Schuldienst zurück will, gelingt das nicht und er lässt sich aus gesundheitlichen Gründen frühzeitig pensionieren.

Ernst Jandl widmet sich nun voll und ganz der Kunst, nimmt immer mehr Einfluss auf den Kulturbetrieb Österreichs. Verschiedene Gedichte Jandls werden mit Jazzmusik untermalt, er beschreitet mit der Kombination Musik und Lyrik neue Wege. Ernst Jandl stirbt am 9. Juni 2000 an Herzversagen in Wien. Er liegt auf dem Wiener Zentralfriedhof (Gruppe 33 G, Nummer 29).

ich werde dir erscheinen

wie stets ich erschienen dir bin
und du wirst weinen
denn ich bin dahin[2]

Sein Werk

Ernst Jandl hat neben Hörspielen, Theaterstücken, Übersetzungen, Rezensionen und Vorträgen mehr als zwanzig Gedichtbände veröffentlicht. In seinem Werk vereint er experimentelle und konventionelle Texte in englischer und deutscher Sprache. Jandls Werk besticht durch eine grosse Vielfalt an Formen und Themen. Er behandelt Alltagserfahrungen, Familiensituationen, Liebe, Tier- und Dingbeschreibungen, lässt sich über den Krieg und die gesellschaftlichen Konventionen aus und thematisiert immer wieder auch das schreibende Ich selbstreflexiv.

er habe immer etws zu sagen gehabt und er habe immer gewusst, dass man es so und so und so sagen könne; und so habe er sich nie darum mühen müssen, etwas zu sagen, wohl aber um die art und weise dieses sagens. denn in dem, was man zu sagen hat, gibt es keine alternative.; aber für die art und weise, es zu sagen, gibt es eine unbestimmte zahl von möglichkeiten. es gibt dichter, die alles mögliche sagen, und dies immer auf die gleiche art und weise. solches zu tun habe ihn nie gereizt; denn zu sagen gebe es schliesslich nur eines; dieses aber immer wieder, und auf immer neue weise.


[1] Das Gedicht bezieht sich auf eine persönliche Erfahrung Jandls als Vierzehnjähriger bei einer Kundgebung zu Ehren Hitlers.

[2] zwei erscheinungen (aus dem Gedichtband idyllen), abgedruckt in der Todesanzeige Ernst Jandls.

Franz Kafka (*3. Juli 1883)

Franz Kafkas Biographie lässt sich kurz und knapp zusammenfassen: Er wird am 3. Juli 1883 in Prag geboren, wo er nach fast einundvierzig Jahren auch begraben wird. Kafka bewegt sich in seinem ganzen Leben sowohl lokal wie auch in Bezug auf Menschen in kleinen Kreisen, kommt kaum je aus seinem Wohnkreis heraus:

Hier war mein Gymnasium, dort in dem Gebäude, das herübersieht, die Universität und ein Stückchen weiter links hin mein Büro. In diesen kleinen Kreis – ist mein ganzes Leben eingeschlossen.

Er pflegt nur wenige Kontakte,  nimmt nicht an literarischen Gesprächen teil, lebt sehr zurückgezogen und still. Sein Freundeskreis ist eng, aber langjährig konstant. Es ist nicht viel bekannt von Kafkas Leben. Das ändern auch die zahlreich vorhandenen Briefe und Tagebücher nicht, welche von Max Brod, Freund und Editor Kafkas, herausgegeben wurden, allerdings stark zensiert. Brods Anliegen war es, Kafkas Bild als Heiligen zu bewahren, alles, was dieses Bild trübte, wurde gestrichen.

Kafka besucht in Prag die Deutsche Knabenschule, wechselt dann ans humanistische Staatsgymnasium. Er interessiert sich schon in seiner Jugend für Literatur, schreibt erste Erzählungen. Leider sind diese frühen Werke verschollen, vermutlich mitsamt den frühen Tagebüchern vernichtet – dasselbe Schicksal sollte auch vielen späteren Werken blühen, hätte Max Brod sich nicht gegen den Wunsch Kafkas gestellt und diese veröffentlicht.

Nach dem Gymnasium startet Franz Kafka mit einem Chemiestudium, wechselt kurz darauf zu Jura. Ein kurzer Abstecher in die Germanistik und Kunstgeschichte – einmal der eigenen Neigung und nicht dem Diktat des Vaters folgend – endet bald und Kafka schliesst schlussendlich Jura mit Promotion ab. Nach einem unbezahlten Gerichtspraktikum tritt Kafka – wieder ganz dem Wunsch des Vaters folgend – die Versicherungslaufbahn an. Er arbeitet 14 Jahre als Prokurist einer Versicherung (reiner Broterwerb) und schreibt nebenher: hauptsächlich nachts, allein, diszipliniert und in Stille.

Ich brauche zu meinem Schreiben Abgeschiedenheit, nicht ‚wie ein Einsiedler’, das wäre nicht genug, sondern wie ein Toter. Schreiben in diesem Sinne ist ein tiefer Schlaf, also Tod, und so wie man einen Toten nicht aus seinem Grabe ziehen wird und kann, so auch mich nicht vom Schreibtisch in der Nacht. […] Ich kann eben nur auf diese systematische, zusammenhängende und strenge Art schreiben und infolgedessen auch nur so leben.

In seinen Werken erfindet Kafka Träume und schafft Metaphern, er erzählt Geschichten, die oft abstrus klingen, aber sehr tief in die Zustände des Lebens seiner Zeit passen, diese offen legen und auch ein Stück weit Kafkas Leiden an ihnen widerspiegeln. Saul Friedländer schreibt in seiner Biographie über Franz Kafka:

In erster Linie war Franz Kafka ein Dichter seiner eigenen Verwirrung.

Kafka kämpft an vielen Fronten und er leidet. Er leidet an seiner Beziehung zu Frauen, leidet an seinem Gefühl von Scham und Erbsünde, er fühlt sich schmutzig und ist anorektisch. Auch sein Verhältnis zu seinem Vater ist problemgeladen. Es gibt fast keinen Lebensbereich, der keine Leiden generiert. Seine Sicht auf die Welt (ausserhalb seines Geistes) ist denn auch eine düstere:

Es gibt nichts anderes als eine geistige Welt; was wir sinnliche Welt nennen ist das Böse in der geistigen und was wir böse nennen ist nur eine Notwendigkeit eines Augenblicks unserer ewigen Entwicklung.

Im August 1917 erleidet Franz Kafka einen nächtlichen Blutsturz, man stellt bei weiteren Untersuchungen eine Lungentuberkulose fest. Ende desselben Jahres schreibt Kafka:

Der Mensch kann nicht leben ohne ein dauerndes Vertrauen in etwas Unzerstörbares, wobei sowohl das Unzerstörbare als auch das Vertrauen ihm dauernd unbekannt bleiben können.

Kafkas Leben könnte man wohl als dauernde Suche und Sehnsucht nach diesem Unzerstörbaren, nach diesem Vertrauen bezeichnen. Diese Sehnsucht nach Werten und Halt spiegelt sich auch in seinem Werk wieder, wobei seine Figuren bei  ihrem Streben und Suchen immer wieder scheitern.

Nach kurzer gesundheitlicher Besserung holt ihn eine Grippe ein, eine Lungenentzündung folgt und danach gesundheitliche Abbau Jahr für Jahr. Am 3. Juni 1924 stirbt Franz Kafka im Alter von 40 Jahren.

Franz Kafkas Werk:

  • Grosser Lärm (1912)
  • Das Urteil (1913)
  • Die Verwandlung (1915)
  • Der Landarzt (1918)
  • In der Strafkolonie (1919)
  • Der Brief an den Vater (1919)
  • Der Hungerkünstler (1924)

Romanfragmente:

  • Der Process (1925)
  • Das Schloss (1926)

[…] geboren in einem Pfarrhaus aus Lehm und Balken, erbaut im siebzehnten Jahrhundert, von einem Schafstall nicht zu unter-scheiden.[1]

So beschreibt Gottfried Benn sein Geburtshaus, in dem er am 2. Mai 1886 in Mansfeld, Brandenburg das Licht der Welt erblickt. Ein halbes Jahr später zieht die Familie nach Sellin in die Neumark, wo sie neben dem Pfarramt des Vaters einen kleinen Hof bewirtschaften, um finanziell über die Runden zu kommen. Das Verhältnis Gottfried Benns zu seinem Vater ist angespannt, er nennt ihn einen „grossen Zelot und Fanatiker“, der alles mit Gott verknüpfe, dem Irdischen aber fremd bleibe. Zu seiner Mutter hat Benn ein besseres Verhältnis.

1887 bis 1903 besucht Benn das Friedrichs-Gymnasium in Frankfurt an der Oder, danach will er Medizin studieren, was dem Vater nicht genehm ist, welcher ihn als Nachfolger in seinem Pfarramt sieht und zudem vor den Kosten für ein Medizinstudium zurückschreckt. Gottfried Benn beginnt mit dem Theologie- und Philosophiestudium in Marburg, wechselt später nach Berlin zum Philosophiestudium und wird 1905 wegen „Unfleiss“ exmatrikuliert. An der Kaiser-Wilhelms-Akademie für das militärärztliche Bildungswesen beginnt er ein Medizinstudium, verpflichtet sich da für ein fast kostenfreies Studium, später als Militärarzt zu dienen. 1911 folgt das Staatsexamen, 1912 die Promotion. Schon während der Ausbildung erscheinen erste literarische Werke Benns.

Ab 1912 dient Benn als Arzt in einem Pionierbataillon in Berlin Spandau, muss aber 1913 aus gesundheitlichen Gründen den Militärdienst quittieren und wechselt in die Pathologie eines Berliner Krankenhauses. Es folgen eine Stelle als Schiffsarzt und eine Chefarztstelle im Fichtelgebirge sowie die Ehe mit Edith Brosin, aus welcher die Tochter Nele stammt. 1914 wird Benn in den Kriegsdienst eingezogen, 1917 demobilisiert (die Gründe dafür sind nicht bekannt) und er eröffnet eine eigene Praxis. Er bezieht eine Wohnung im gleichen Haus wie die Praxis, Frau und Kind wohnen in einer Familienwohnung, in welcher er nur sporadisch zu Besuch ist. Benn schreibt neben seinem Arztsein immer noch und braucht dafür Unabhängigkeit und Freiheit. Zudem beflügeln erotische Abenteuer sein Schreiben, welche um Frau und Kind wohl schwer zu haben wären. Trotz allem ist Benn nicht nur der draufgängerische Lebemann, er neigt zu Depressionen, die sowohl auf die eher unerfreuliche Ehe wie auch auf die schlecht gehende Praxis zurückzuführen sind:

Es ist kein Leben dies tägliche Schmieren u. Spritzen u. Quacksalbern u. abends so müde sein, dass man heulen könnte. […] Sinnlosigkeit des Daseins in Reinkultur und Aussichtslosigkeit der privaten Existenz in Konzentration.[2]

1922 erscheinen Benns Gesammelte Schriften. Im selben Jahr stirbt seine Frau, die Tochter wächst in der Folge bei der Opernsängerin Ellen Overgaard auf. In den folgenden Jahren erscheinen viele Gedichte, der Ton derselben wird im Vergleich zum früher sehr radikalen sanfter.

Gottfried Benn fühlt sich zuerst vom Faschismus angezogen, wendet sich dann aber entschlossen dagegen, was zum Ausschluss aus der Reichsschrifttumskammer und zum Schreibverbot führt. Trotzdem tritt er zurück in den Militärdienst (bis heute ist nicht ergründbar, wieso er mit dem Regime zusammenarbeitete), was ihn nach Landsberg an der Warthe führt, wo er in der Kaserne kritische Essays zur Lage der Nation verfasst. 1938 heiratet Benn seine Sekretärin Herta von Wedemeyer, welche sich am 2. Juli 1945 das Leben nimmt. Im selben Jahr kehrt Benn nach Berlin zurück und nimmt seine Tätigkeit als Arzt in der eigenen Praxis wieder auf.

1946 heiratet Gottfried Benn die Zahnärztin Ilse Kaul. Noch immer ist er mit einem Schreibverbot belegt, er darf erst ab Herbst 1948 wieder in Deutschland publizieren. Er verschweigt oder verdrängt dabei seine Kooperation mit dem Regime des Dritten Reichs nicht, sondern thematisiert sie offen. Seine literarische Karriere erlebt einen Aufschwung, 1949 erscheinen vier Bücher, 1951 erhält er den Georg-Büchner-Preis, 1953 das Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

Am 7. Juli 1956 stirbt Gottfried Benn an den Folgen eines zu spät diagnostizierten Knochenkrebs in Berlin.

Gottfried Benn über sich

Geboren und aufgewachsen in Dörfern der Provinz Brandenburg. Belangloser Entwicklungsgang, belangloses Dasein als Arzt in Berlin.[3]

So lauten die lakonischen Zeilen Benns, als er gebeten wird, für die expressionistische Lyrikanthologie Menschheitsdämmerung. Symphonie jüngster Dichtung einen kurzen Lebenslauf beizusteuern. Auch die Zeilen aus seiner Autobiographie Doppelleben lassen seinen Unmut der eigenen Biographie und bürgerlichen Herkunft gegenüber deutlich werden:

Herkunft, Lebenslauf – Unsinn! Aus Jüterburg oder Königsberg stammen die meisten, und in irgendeinem Schwarzwald endet man seit je.[4]

Der Titel Doppelleben spricht denn auch seine Zerrissenheit zwischen Bürgertum und Künstlerdasein an. Die Seele sei nie eine Einheit, oft spreche man anders, als man denke, konstatiert Gottfried Benn. Er sieht sich gar aufgefressen von den Bürgerlichen Zwängen, nennt das Leben ein Speibecken, sieht sich von ihm aufgefressen mit Haut und Haar.

Verhülle dich (1950/51)
Verhülle dich mit Masken und mit Schminken,
auch blinzle wie gestörten Augenlichts,
lass nie erblicken, wie dein Sein, dein Sinken
sich abhebt von dem Rund des Angesichts.

Im letzten Licht, vorbei an trüben Gärten,
der Himmel ein Geröll aus Brand und Nacht –
verhülle dich, die Tränen und die Härten,
das Fleisch darf man nicht sehn, das dies vollbracht.

Die Spaltung, den Riss, die Übergänge,
den Kern, wo die Zerstörung dir geschieht,
verhülle, tu, als ob die Ferngesänge
aus einer Gondel gehn, die jeder sieht.[5]

Werke Gottfried Benns u.a.:

  • Söhne. Neue Gedichte (1913)
  • Gehirne. Novellen (1916)
  • Schutt (1924)
  • Der neue Staat und die Intellektuellen (1933)
  • Kunst und Macht (1934)
  • Satirische Gedichte (1948)
  • Doppelleben (1950)
  • Probleme der Lyrik (1951)
  • Destillationen. Neue Gedichte (1953)
  • Altern als Problem für Künstler (1954)

[1] Gesammelte Werke (Dieter Wellershoff), Band I, S. 231
[2] Gottfried Benn: Ausgewählte Briefe, Wiesbaden 1957, S. 15, 19
[3] Sämtliche Werke (Stuttgarter Ausgabe), Band III, S. 448
[4] Gesammelte Werke (Dieter Wellershoff), Band IV, S. 164
[5] Gesammelte Werke (Dieter Wellershoff), Band III, S. 248

©Phyllis CHristopher
©Phyllis CHristopher

Jojo Moyes wurde 1969 geboren und wuchs in London auf. Nach verschiedenen Jobs studierte sie Journalismus und arbeitete danach für The Independent und ein Jahr für die Morning Post in Hongkong. Seit 2002 konzentriert sie sich beruflich aufs Schreiben. Sie lebt mit ihrem Mann und drei Kindern auf einer Farm in Essex.  Auch von ihr erschienen sind Ein ganzes halbes Jahr (2013), Der Klang des Herzens (2010), Dem Himmel so nah (2008), Suzannas Coffee-Shop (2007), Das Haus der Wiederkehr (2005), Die Frauen von Kilcarrion (2003).

Jojo Moyes hat sich bereit erklärt, mir einige Fragen zu Ihrem Schreiben zu beantworten, worüber ich mich sehr freue.

Wieso schreiben Sie? Gibt es einen speziellen Grund, einen Auslöser dafür?

Ich habe schon als Kind geschrieben, trotzdem dachte ich nie, dass ich Schriftstellerin werden könnte – dieser Beruf schien irgendwie nichts mit mir zu tun zu haben. Ich habe zehn Jahre für Zeitungen geschrieben und sah rund um mich Leute Bücher schreiben, bis ich eines Tages dachte: Wieso ich nicht?

Es gibt diverse Angebote, Kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Ich habe mir das Schreiben selber beigebracht. Ich habe drei Romane geschrieben, die nie publiziert wurden. Sie haben mich gelehrt, wie ich an Charaktere herangehen und sie aufbauen kann, wie ich einen Plot gestalten muss. Ich hätte sehr gerne einen Kurs in Kreativem Schreiben besucht, hatte aber nie die Zeit dazu, da ich voll arbeitete, ein Baby hatte und daneben noch versuchte, in der spärlichen Freizeit meinen eigenen Roman zu schreiben. Ich denke, solche Kurse können einem viel beibringen, doch es muss ein gewisses Talent vorhanden sein, um wirklich mit dem Schreiben zu beginnen. Ich glaube nicht, dass jeder ein Buch in sich hat, wie es ein Sprichwort sagt. Vielleicht hat jeder eine Geschichte in sich, ab und an ist es aber vielleicht besser, diese einen anderen schreiben zu lassen.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen? Wann und wo schreiben Sie?

Meist werde ich durch eine Idee inspiriert – ein Zeitungsartikel, jemandem, den ich kenne, passiert etwas – ,welche sich mit anderen Dingen vermischt, die in meinem Kopf rumschwirren. Langsam, meist noch unbewusst, fange ich dann an, daraus einen Plot zu konstruieren. Wenn ich dann wirklich zu schreiben beginne, bin ich strukturierter. Ich schreibe einen ungefähren Plan meines Plots, schreibe die einzelnen Geschichten meiner Hauptcharaktere, so dass ich eine Idee davon habe, wie diese sind, bevor es losgeht.

Ich schreibe an den verschiedensten Orten – zu Hause, in einem kleinen Büro, das ich gemietet habe, im Zug, in einem kleinen Apartment, das ich in Paris teile. Alles, was ich brauche, sind ein paar freie Stunden ohne Unterbrechungen und meinen Computer.

Was waren die Inspirationsquellen Ihrer letzten Bücher?

Meine letzten beiden Bücher – The Girl Left Behind und Me Before You (Ein ganzes halbes Jahr) – sind beide durch Zeitungsartikel inspiriert worden. Oft passiert es, dass ich etwas höre oder lese und ein Bild oder eine Frage bleibt hängen, lässt mich nicht mehr los. Im Falle von Ein ganzes halbes Jahr(EGHJ) fragte ich mich immer wieder: Was braucht es, um Eltern davon zu überzeugen, ihr Kind in eine Klinik für begleiteten Selbstmord zu bringen. Und: Wie würdest du leben, wenn dir alles, was dich ausmacht, genommen würde.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

 Ich habe gerade dieses Wochenende festgestellt, dass ich meine letzten zwei freien Tage am Stück im Januar hatte. Ich habe wenig freie Zeit im Moment, weil ich versuche, ein Buch fertigzustellen, zwei weitere in verschiedenen Ländern promote und daneben noch ein Drehbuch von EGHJ für MGM schreibe. Um mich zu entspannen unternehme ich Ausflüge mit meinen Kindern oder reite mit meinem Pferd übers Land. Aber ich muss gestehen, ich denke eigentlich immer übers Schreiben nach, selbst wenn ich es nicht tue, vor allem, wen ich ein neues Buch entwickle. Manchmal denke ich, es muss mühsam sein, mit mir zu leben.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Sind Aspekte von Ihnen in Ihrem Roman EGHJ?

Ich denke, alle erschaffenen Charaktere sind auf eine Art Erweiterungen des Schriftstellers, seiner Person. Bezogen auf EGHJ sind da einige Themen, mit denen meine Familie konfrontiert war, so dass das bestimmt in meinem Kopf war, als ich diese Geschichte schrieb.

Es gibt einige Gemeinsamkeiten Ihres Romans mit dem Film Intouchable. War das je ein Problem für Sie? Haben Sie Philippe Pozzo di Borgos Geschichte gekannt, als Sie zu schreiben begannen?

Ich wusste nichts von Intouchables bis ich mein Buch beendet hatte. Ich war vor allem sehr verärgert, als ein Filmdirektor, der sich zuerst für das Buch interessiert hatte, sich zurückzog, als er von Intouchables hörte. Eines Tages sah ich den Film selber im Flugzeug und ich fand ihn wundervoll. Ich denke, die beiden Geschichten sind unterschiedlich genug, so dass die Leute beide geniessen können (auf alle Fälle hoffe ich das!).

[Achtung: Die nächste Frage nimmt das Ende von EGHJ vorweg – wer das Buch noch nicht gelesen hat, sollte sie vielleicht überspringen]

Liebe hat viel Kraft. Wieso ist sie in Ihrem Roman unterlegen? Wieso ist der Tod mächtiger?

Ich wollte zeigen, dass Liebe manchmal nicht genug ist. Und manchmal sind auch Happy Ends, die wir als solche sehen, in Tat und Wahrheit keine. Ich hätte ein Ende schreiben können, bei dem Will und Lou zusammen geblieben wären, aber das hätte nicht zu seinem Charakter gepasst, das hätte Will nicht entsprochen.

Was muss ein Buch mit sich bringen, dass es Sie anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen?

 Ich habe viele Lieblingsautoren – Barbara Kingsolver, Michael Chabon, Nora Ephron, Marian Keyes, Stieg Larsson. Bei sehr literarischen Büchern bin ich oft frustriert, weil sie für mich zu wenig Plot haben. Ich habe gemerkt, dass ich immer weniger tolerant mit Büchern bin. Wenn Sie mich nach 50 Seiten nicht gepackt haben, neige ich dazu, mich etwas anderem zuzuwenden.

Wenn Sie sich mit drei Worten beschreiben müssten, welche wären das?

Hartnäckig, loyal, glücklich!

Ganz herzlichen Dank für diese offenen Antworten, die einen schönen & persönlichen Einblick gewähren.