Kleine Deutung – Paul Fleming: An sich

Sei dennoch unverzagt, gib dennoch unverloren,
Weich keinem Glücke nicht, steh höher als der Neid,
Vergnüge dich an dir und acht es für kein Leid,
Hat sich gleich wider dich Glück Ort und Zeit verschworen.

Was dich betrübt und labt, halt alles für erkoren,
Nimm dein Verhängnis an, lass alles unbereut.
Tu, was getan muss sein, und eh man dir’s gebeut.
Was du noch hoffen kannst, das wird noch stets geboren.

Was klagt, was lobt man doch? Sein Unglück und sein Glücke
Ist ihm ein jeder selbst. Schau alle Sachen an:
Dies alles ist in dir. Lass deinen eitlen Wahn,

Und eh du förder gehst, so geh in dich zurücke.
Wer sein selbst Meister ist und sich beherrschen kann,
Dem ist die weite Welt und alles untertan.

Schon am Anfang zeigt sich das Programm des Gedichtes. In einem kleinen Wort steckt schon so viel drin: Dennoch. Sei dennoch unverzagt. Selbst wenn alles nicht so läuft, wie das willst, wenn das Leben schwer ist, selbst dann sei unverzagt. Und gib dennoch nicht alles schon verloren, denn das ist es nicht. Hüte dich vor Neid dem Glücke anderer gegenüber und schau es nicht als Leid an, wenn dir selbst das Glück gerade nicht hold ist.

Was aber ist Glück und wie kommt man dahin? Wie kommt man mit einer Welt klar, in der die Dinge nicht immer so laufen, wie man sich das wünscht? Mit Gelassenheit, sagt Paul Fleming. Indem wir davon ausgehen, dass alles seine Bestimmung und seine Gründe hat, dass wir annehmen müssen, was ist. Und bei all dem sollen wir die Hoffnung nie verlieren, dass nach einem Unglück auch wieder bessere Zeiten kommen.

All die Klagen sind schlussendlich unnötig. Auch das Loben des Glücks ist es. Statt das Glück im Aussen zu suchen, solle man in sich gehen, denn: Alles ist schon da. Es liegt allein an mir selber, ob ich das Glück finde oder nicht, denn es liegt genau darin, was oben schon beschrieben ist: Annehmen was ist und sich nicht in Neid und Wehklagen zu verstricken. Dann ist man Herr seiner Gefühle, dann ist man Herr seiner selbst und steht damit über allem, was bedrücken könnte.

Paul Fleming hat dieses Gedicht 1641, also vor 380 Jahren geschrieben, in einer Zeit, die durch den 30-jährigen Krieg und die Pest stark gebeutelt war. Das Leben war kein sicherer Wert, es war jederzeit in Gefahr. Mit seiner Form (Sonett mit 14 Versen, aufgeteilt in zwei Quartette und zwei Terzette, mit sechshebigem Jambus (Alexandriner), abwechselnd weiblichen und männlichen Kadenzen sowie dem umarmenden, in den Terzetten durch zwei Paarreime unterbrochenen, Reim)  ist das Gedicht typisch für seine Entstehungszeit, den Barock. In der Lebensauffassung dieser Zeit bildeten sich Gegensätze wie «Carpe diem – Memento mori», «Diesseits – Jenseits» heraus, Gegensätze, denen immer die Vergänglichkeit des Lebens eingeschrieben war. Ebenfalls präsent war der Glaube an die Vorbestimmung eines Lebens, daran, dass dieses dem Menschen quasi vorgezeichnet ist und es kein Entrinnen gibt.

Diese Lebensauffassungen mögen heute nicht mehr gelten, dennoch hat das Gedicht nichts von seiner Aktualität und Wahrheit eingebüsst. Noch heute ist der Mensch in seinem Streben nach Glück gleich, noch heute wird er aber einsehen müssen, dass er nur eines selber in Händen hat: Wie er auf die Dinge reagiert, welche das Leben bereit hält. Wenn es da gelingt, aus einem Gleichmut und einer Gelassenheit heraus anzunehmen, was ist, dann stellt sich eine Ruhe ein und damit auch eine Art Glück.

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Paul Fleming, geboren am 5. Oktober 1609 in Hartenstein (Sachsen) und gestorben am 2. April 1640 in Hamburg, war Arzt und Schriftsteller und gilt als einer der bedeutendsten Lyriker der deutschen Barockliteratur. Er schrieb sowohl lateinische wie auch deutsche Gedichte, wobei nur wenige lateinische Gedichte schon zu Lebzeiten veröffentlicht wurden.

Katers Annäherung

Am ersten Tag war er noch scheu,

am zweiten schnuppert’ er, was neu.

Am dritten kam er zu mir hin,

am vierten wollt‘ er wieder fliehn.

Am fünften hoffte ich nun sehr,

er käm’ am sechsten wieder her.

Am siebten war er wirklich da,

am achten war es langsam klar.

Am neunten folgt‘ er stetig mir,

am zehnten Tag warn wir ein Wir.

©Sandra von Siebenthal

#abcdeslesens – Erich Fried (6. Mai 1921 – 22. November 1988)

Er war wahrlich kein einfacher Zeitgenosse, er war streitbar, setzte sich ein für seine Überzeugungen und nahm kein Blatt vor den Mund. Der Übername Stören-Fried kam also nicht von ungefähr. Der dezidierte Linke hat polarisiert, er wurde attackiert und auch oft verschmäht. Das könnte dem ausgewiesenen Provokateur sogar gefallen haben.  Das Kämpferische kam schon früh, er war ein ernstes, nachdenkliches und auch frühreifes Kind. Dieses Gedicht stammt vom knapp sechseinhalbjährigen Erich Fried:

«Mir träumte jüngst von frohem Leben
Friedlichem Schaffen, freudigen Weben,
Dass es nicht Krieg noch Tücke gibt,
Dass jeder jeden andern liebt
Und keiner hungern, darben muss.
Jäh schrak ich auf, da fiel ein Schuss.»

Neben der überraschenden Sprachfertigkeit fällt das politische Weltbild auf: Schon damals träumte Erich Fried von einer Welt, in welcher Menschen harmonisch und ohne Not zusammenleben können. Dieses Hoffnung prägte auch noch den älteren Erich Fried und er benannte die Probleme der Zeit mit klaren:

«Wir leben in einer Zeit des Elends und des Verderbens. Hundertausende Arbeitslose schleichen hungernd, frierend durch die Strassen. Wer ist schuld daran? Die Giftschlange Politik.»

Das Anliegen lässt ihn auch später nicht los, wie man aus einem Brief aus dem Jahr 1954 entnehmen kann. Es sei, so Fried, wichtig, die drängenden Themen anzugehen, weswegen auch er sich «um die Lösung der Probleme unserer Zeit und die Schaffung einer gerechten Welt gekümmert habe». Neben den politischen Aktionen verarbeitete Fried die Themen seiner Zeit lyrisch, deutet auf Missstände im Zusammenleben und in der Politik.

Das Gedicht „Befreiung“ musste leider gelöscht werden, da der Verlag mit rechtlichen Schritten drohte bei einer Publikation hier. Es kann nachgelesen werden in „Erich Fried: Befreiung von der Flucht“

Auch wenn er viele Hoffnungen begraben musste, viele Projekte scheitern sah, aufgegeben hat er nie. Unermüdlich glaubte er an die gute Sache, unermüdlich kämpfte er weiter für eine gerechte Welt. Er wäre nicht Erich Fried, gälte sein ironischer und klarer Blick nur der Welt da draussen, er machte auch vor sich selber nicht Halt:

Das Gedicht „Lebensaufgabe“ musste leider gelöscht werden, da der Verlag mit rechtlichen Schritten drohte bei einer Publikation hier. Es kann nachgelesen werden in „Erich Fried: Gedichte“

Doch genug der Politik, haben wir es doch bei Erich Fried mit einem Lyriker zu tun, der neben all dem ein paar der wunderbarsten Liebesgedichte geschrieben hat, allen bekannt ist wohl dieses:

Das Gedicht „Was es ist“ musste leider gelöscht werden, da der Verlag mit rechtlichen Schritten drohte bei einer Publikation hier. Es kann nachgelesen werden überall im Internet“

Auch in der Liebe ist er kein Verklärer, pathetisch wogende Liebesgedichte sucht man bei Erich Fried vergebens. Es sind die kleinen Alltäglichkeiten, die kleinen Vertrautheiten, das, was die Liebe im Stillen ausmacht, das er hochhält. Er schärft den Blick für das Wesentlich fern der grossen Worte und Beschwörungen, er feiert die Liebe in den kleinen Gesten.

Das Gedicht „Nachtgedicht“ musste leider gelöscht werden, da der Verlag mit rechtlichen Schritten drohte bei einer Publikation hier. Es kann nachgelesen werden überall im Internet“ oder im Buch „Liebesgedichte“

Immer aber, in all seinen Gedichten, schaut Erich Fried genau hin auf das, was ist. Er will nichts beschönigen, er will nichts verklären, er will wahrhaftig sein – so auch in der Liebe. Denn so ist die Liebe:

Das Gedicht „Dich“ musste leider gelöscht werden, da der Verlag mit rechtlichen Schritten drohte bei einer Publikation hier. Es kann nachgelesen werden in „Erich Fried: Liebesgedichte“

Kleine Deutung – Mascha Kaléko: Das Ende vom Lied

Ich säh dich gern noch einmal wie vor Jahren
Zum erstenmal. Jetzt kann ich es nicht mehr.
Ich säh dich gern noch einmal wie vorher,
Als wir uns herrlich fremd und sonst nichts waren.

Ich hört dich gern noch einmal wieder fragen,
Wie jung ich sei, was ich des Abends tu.
Und später dann im kaum gebornen Du
Mir jene tausend Worte Liebe sagen.

Ich würde mich so gerne wieder sehnen,
Dich lange ansehn stumm und so verliebt.
Und wieder weinen, wenn du mich betrübt,
Die viel zu oft geweinten dummen Tränen.

Das alles ist vorbei. Es ist zum Lachen!
Bist du ein andrer, oder liegts an mir?
Vielleicht kann keiner von uns zwein dafür. 
Man glaubt oft nicht, was ein paar Jahre machen.

Ich möchte wieder deine Briefe lesen,
Die Worte, die man liebend nur versteht.
Jedoch mir scheint, heut ist es schon zu spät.
Wie unbarmherzig ist das Wort: Gewesen!*

Doch: Das alles ist vorbei. Zum Lachen sei das. Mit Ausrufezeichen. Und schon beim Lesen werden die Worte Lügen gestraft. Zum Weinen ist es wohl, weil es nicht mehr ist. Es ist wohl also ein Lachen, das im Halse stecken bleibt, ein sarkastisches Lachen, ein leicht verzweifeltes Lachen. Und auf das Lachen folgen die Fragen nach dem Warum. Wieso ging das, was mal so schön war, auseinander? An wem lag’s? War’s schlicht der Lauf der Zeit?

Und dann versiegt das kurze Fragen und Hadern, die Sehnsucht drückt wieder durch. Wie gerne würde man all das nochmals erleben, wie gerne würde man wieder lieben. Und mit der Sehnsucht kommt die Einsicht: Das wird nie mehr sein.

Trotz des eigentlich traurigen Themas wohnt dem Gedicht etwas Versöhnliches, gar Tröstliches inne. Die Dankbarkeit über das Schöne, das Erinnern an das Gute bringt dies mit sich. Und in diesen Erinnerungen und in der Dankbarkeit lebt das Gute auch weiter. Wer weiss: Hätte man vielleicht früher schon, bei Streit, wenn das Schwere überwog, an die schönen Anfänge und das Gute und Schöne gedacht, wäre es gar nicht zum Ende gekommen, weil im Innern etwas Versöhnliches aufgetaucht wäre? So bleiben nur das «Gewesen!» und das sehnsüchtige Erinnern.

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* zitiert nach „Das lyrische Stenogrammheft“. Erstveröffentlichung dieser Ausgabe: 1956 Rowohlt Verlag, Hamburg © 2015 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München – zu kaufen direkt beim Verlag: HIER

Mein eigener Steuermann

Ich warf einen Stein und
dieser zog Kreise,
fast so wie im Leben
die Jahre hinzieh’n.

Vom Kleinen zum Grossen,
von mir zu euch andern,
so wächst sich das Leben
von innen heraus.

Doch wir schau’n nach aussen
und fühlen verloren
uns selber und mit uns
die Welt um uns auch.

Der Halt, den wir suchen,
und den wir verfluchen
so manches Mal, wenn er
gar starr und steif wirkt,

den brauchen wir oft doch,
selbst wenn wir nicht wollen,
denn ohne ein Halten,
da treiben wir fort.

Es droh’n viele Wellen
uns zu überfluten,
es droh’n viele Wogen,
uns unterzuspül’n –

ein Schiff nur im Wasser,
das uns nicht gewogen,
da hilft nur das Eine:
ans Steuer zu stehen!

©Sandra von Siebenthal

#abcdeslesens – Josef von Eichendorff (10.3.1788 – 26.11.1857)

Schon als Kind schrieb Josef Eichendorff, doch wählte er beruflich einen rationaleren Weg: Auf ein Jurastudium folgte Kriegsdienst, danach der Staatsdienst. Immer aber war die Liebe zu Kunst und Kultur präsent. Als er 1844 frühzeitig in den Ruhestand trat, nahm das Schreiben endlich den Hauptplatz in seinem Leben ein.

Josef von Eichendorff war einer der herausragenden Vertreter der deutschen Romantik, liest man seine Gedichte, eröffnet sich in ihnen das ganze Spektrum der Epoche: Leidenschaft, das eigene Erleben und Empfinden, die Gefühlswelten, vor allem auch da, wo es gequälte sind. Abgrenzen wollten sie sich von der so rationalen Aufklärung eines Immanuel Kant, aufbrechen wollten sie das Strenge der Antike und der Klassik. Die Romantiker sehen die Welt am Kranken, durch einen Bruch sei sie gespalten. Mit ihrer Kunst wollen diese nun heilen, als Sehnsuchtssymbol wird dafür immer wieder die blaue Blume zitiert:

Die blaue Blume

Ich suche die blaue Blume,
ich suche und finde sie nie,
Mir träumt, dass in der Blume
Mein gutes Glück mir blüh’.

Ich wand’re mit meiner Harfe
Durch Länder, Städt’ und Au’n,
Ob nirgends in der Runde
Die blaue Blume zu schau’n.

Ich wand’re schon seit lange
Hab’ lang’ gehofft, vertraut,
Doch ach, noch nirgends hab’ ich
Die blaue Blum’ geschaut.

In Eichendorffs Lyrik begegnen uns immer wieder ähnliche Motive, die Natur mit ihren Bäumen und Wäldern werden besungen, schöne Landschaften unter dem sich wölbendem Himmelszelt beschrieben. Wir lesen von der Nacht, von Sehnsüchten, vom Abschied und von der Liebe. Was so einfach daher kommt, ist es aber oft nicht, liegt in allem doch ein tieferer Sinn und mehr Bedeutungsspielraum, als es auf den ersten Blick scheint. Es ist aber wohl gerade die vordergründige Einfachheit und Schönheit der Bilder, die dazu führte, dass Eichendorff einer der meist vertonten und gesungenen Lyriker ist. Dass seine Gedichte schon beim lauten Sprechen wie ein Gesang anmuten, war sicher auch nicht abträglich.

Mondnacht

Es war, als hätt’ der Himmel
Die Erde still geküsst,
Dass sie im Blüten-Schimmer
Von ihm nun träumen müsst’.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternenklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

Es gibt wohl keinen Lyriker, der nicht auch die Liebe besang. Eichendorff war da keine Ausnahme. Er nutzte die ganze Klaviatur der Gefühle, schrieb über das Glück der Liebe, die einem Wunder gleich das Herz erfüllt:

Frühlingsnacht

Über’n Garten durch die Lüfte
Hört’ ich Wandervögel zieh’n,
Das bedeutet Frühlingsdüfte,
Unten fängt’s schon an zu blüh’n.

Jachzen möchte’ ich, möchte weinen,
Ist mir’s doch, als könnt’s nicht sein!
Alte Wunder wieder scheinen
Mit dem Mondesglanz herein.

Und der Mond, die Sterne sagen’s
Und in Träumen rauscht’s der Hain
Und die Nachtigallen schlagen’s:
Sie ist Deine, sie ist Dein!

Doch wehe dem, der die Liebe verliert. Er leidet, er fällt aus der Welt. Worauf er gehofft, wofür er gelebt, ist verloren. Er möchte fliehen, möchte weg von dem, was ihn an sie erinnert, er steht am Abgrund und möchte nur noch eines: Ruhe. Zum Glück steht die Folge des letzten Wunsches, dem zu sterben, im Konjunktiv, so dass dieser Wunsch wie auch die vorherigen lediglich Wunschträume sind, welche den bitteren Verlust ausdrücken sollen.

Das zerbrochene Ringlein

In einem kühlen Grunde
Da geht ein Mühlenrad,
Mein’ Liebste ist verschwunden,
Die dort gewohnet hat.

Sie hat mir Treu’ versprochen,
Gab mir ein’n Ring dabei,
Sie hat die Treu’ gebrochen,
Mein Ringlein sprang entzwei.

Ich möchte’s als Spielmann reisen
Weit in die Welt hinaus
Und singen meine Weisen
Und gehen von Haus zu Haus.

Ich möchte’s als Reiter fliegen
Wohl in die blut’ge Schlacht,
Um stille Feuer liegen
Im Feld bei dunkler Nacht.

Hör’ ich das Mühlrad gehen:
Ich weiss nicht, was ich will –
Ich möchte’ am liebsten sterben,
Da wär’s auf einmal still!

Hat man ein so gewaltiges Werk vor sich wie das von Josef von Eichendorff, ist es schwer, sich auf einige wenige Gedanken und Gedichte zu beschränken. Der Not geschuldet könnte zum Abschluss vielleicht noch dieses eine stehen:

Trennung ist wohl Tod zu nennen,
Denn wer weiss, wohin wir gehen,
Tod ist nur ein kurzes Trennen
Auf ein baldig Wiedersehn.

Und vielleicht ist das Ende hier der Schritt zu einem baldigen Wiedersehen mit Eichendorffs Lyrik an einem anderen Ort.

#abcdeslesens – Hilde Domin (27.7.1909 – 22.2.2006)

Die Not liess sie schreiben, das Schreiben liess sie überleben. Als alles verloren schien, sie aus der Heimat geflohen war, die Liebe des Mannes sich einer anderen zuwandte, die Mutter gestorben war, suchte Hilde Domin, damals noch Hildegard Palm, Zuflucht in der einzigen Heimat, die sie noch hatte: In der Sprache.

«Ich befreite mich durch die Sprache. Hätte ich mich nicht befreit, ich lebte nicht mehr. Ich schrieb Gedichte. Ich schrieb deutsch, natürlich.»

So natürlich war das Schreiben in deutscher Sprache allerdings gar nicht. Zwar war Deutsch ihre Muttersprache, es war aber auch die Sprache derer, welche sie aus der Heimat vertrieben hatten.

«Da wird einer verstossen und verfolgt, ausgeschlossen von einer Gemeinschaft, und in der Verzweiflung ergreift er das Wort und erneuert es, macht das Wort lebendig, das Wort, das zugleich das seine ist und das der Verfolger.»

Diese Verfolger waren es, welche sie 1932 nach Rom, 1939 nach Grossbritannien und 1940 in die Dominikanische Republik vertrieben. Dem letzten Zufluchtsort ist auch ihr Pseudonym entlehnt. 1954 kehrte Hilde Domin nach Deutschland zurück, pendelte aber wegen des Berufes ihres Mannes noch für sieben Jahre zwischen Spanien und Deutschland. Schon in der Dominikanischen Republik hatte sie sich intensiv mit spanischer Lyrik beschäftigt, in Spanien nahm dieser Einfluss zu.

«Aber die Gedichte sind doch so sehr das Selbe wie ich…»[1]

Hilde Domins Gedichte sind sehr persönlich, der autobiographische Bezug ist immer offensichtlich. Dies war in der Originalfassung noch ausgeprägter als in der schliesslich gedruckten, da Hilde Domin für die publizierte Endfassung umfassende Überarbeitungen vornahm, zu Verräterisches strich, Gedichte umdatierte, um sie der eigenen Biographie entsprechender zu machen – und vor allem: Um teilweise auch den schönen Schein zu wahren, gerade, was ihre Beziehung zu ihrem Mann betraf.

Bei all dem Leid, das Hilde Domin in ihrem Leben erfuhr, fällt ihre Fähigkeit zu Vertrauen und die Hoffnung zu bewahren auf. Auch findet sich bei ihr kein Zug von Verbitterung, sondern immer nur der Blick nach vorne, der Glaube an Wunder, den sie in folgendem Gedicht so wunderbar beschrieb:

«Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.»

Hilde Domin hielt die Hand nicht nur leise hin, sie wurde zur regelrechten Apologetin: Sie trug den Wert der Lyrik in die Welt hinaus, sie setzte sich ein für mehr Vertrauen, weniger Hass und gegen Inhumanität. Sie setzte sich mit allem, was sie hatte, ein, nicht zuletzt mit ihrer Geschichte und vor allem mit dem Wort, das für Hilde Domin ein heiliges ist, eines, das über sich hinausweist. Das ist es aber nur, wenn es wahrhaftig ist:

«Wenn die Sprache nicht stimmt, so ist das, was gesagt wird, nicht das, was gemeint ist, so kommen die Werke nicht zustande; kommen die Werke nicht zustande, so gedeihen Moral und Kunst nicht, so trifft die Justiz nicht; trifft die Justiz nicht, so weiss das Volk nicht, wohin Hand und Fuss setzen. Also dulde man keine Willkür in den Worten.»

Dass sie die Justiz ins Feld führt, rührt nicht von ungefähr, war ihr ursprünglicher Berufswunsch doch Verteidigerin. Zwar musste sie das Jurastudium abbrechen, doch den Beruf übte sie zeitlebens doch aus: Als Verteidigerin der Lyrik, welcher sie zu ihrem Recht verhelfen wollte. Weil sie der Überzeugung war, dass Lyrik die Dinge beim Namen nennt, dass Lyrik hinschaut, der Wahrhaftigkeit verpflichtet ist. Und das braucht es in der Welt und das brauchen wir selber, denn:

«Lyrik lädt uns ein zu der einfachsten und schwierigsten aller Begegnungen, der Begegnung mit uns selbst.»[2]

Dieses sich selber begegnen, dieses Hinschauen bei sich und auch bei anderen drückt sich auch in diesem Gedicht aus:

Wege

Veilchen säumen den Weg,
Augen von Erdbeerblüten,
Maiglöckchen.
Der Kuckuck begleitet mich
Ruf um Ruf
auf einemWeg
der nicht der meine ist.
Ein blumenbestandener,
nur nicht der meine.
Nie habe ich die andern
so darauf angesehn
ob der weg unter ihren Füssen
der ihre ist.[3]


[1] aus einem Brief an den Verlagsleiter des S. Fischer Verlags, Rudolf Hirsch

[2] zit. nach Hilde Domin, Wozu Lyrik heute

[3] zit. nach Hilde Domin, Sämtliche Gedichte

Befreiung der Marionetten

Es stirbt der Mensch,
er wird zum Ding
an Fäden
dieser Welt.

Er wird zum Abbild
einer Norm,
die sagt, wir sind hier
uniform.

Doch ist der Mensch
nicht Opfer bloss,
er schwingt sich auf
und wird Gericht

für andre, die
im selben Zwang
dem eig’nen Leben
sind verlor’n.

So prägt ein jeder
seine Welt,
indem er tut,
was sich gehört.

So lebt ein jeder
seinen Tod,
und wird zum Mörder
an der Welt.

Es bräuchte einen,
der sich traut,
der aufbegehrt
und nicht wegschaut.

Der mutig sich
dagegen stellt,
im Wissen: «Das
ist meine Pflicht!

Denn leben tut
nur der allein,
der selber denkt –
kein andrer lenkt.


Und wer das sieht,
der wird gewahr,
dass, was vermeintlich
Leben war


so nicht mehr geht,
will er besteh’n,
weil Leben heisst
selbst hinzusteh’n.

Heisst gegen Normen,
gegen Fäden,
selber formen
sich, das Leben,

in der Welt
sich selber bleiben,
niemand soll
am andern leiden.

©Sandra von Siebenthal, 30. Mai 2021

#abcdeslesens – C wie Paul Celan (23.11.1920 – 20.4.1970)

Traumatisiert von den schrecklichen Erlebnissen des Krieges, sah sich Paul Celan Zeit seines Lebens als Opfer. Vor allem die Frauen in seinem Leben kriegten das zu spüren, denn sie wurden in die Schuldrolle gedrängt. Ingeborg Bachmann konnte diese Rolle zeitlebens nicht ablegen, sie war damit nicht allein. Paul Celan war ein Gefangener seiner Vergangenheit. Und er versuchte, diese zu bewältigen. Nicht einfach für einen, der in der deutschen Sprache verhaftet ist, in dem Sprachraum dringend Aufmerksamkeit und Erfolg sucht, sich aber davon abgrenzen will. Die Folge war eine immer mehr ins Unverständliche abdriftende Sprache. War das in dem Mass gewollt? Nicht anders gekonnt? Es bliebe reine Spekulation. Ebenso die Exegese. Natürlich finden sich Anhaltspunkte nach mehrmaligem Lesen, natürlich findet man, wenn man sucht.

Paul Celan selber wollte nicht helfen. Er zog sich mehr und mehr zurück, wurde gegen die ihm Nahem immer aggressiver, brach den Kontakt zu den anderen ab. Die Welt schien ihm immer fremder zu werden, die Menschen sah er mehr und mehr als Feinde. Wohin er auch geht, er findet nicht, auch seine letzte Reise nach Israel bringt ihm trotz herzlichem Empfang nicht das, was er sucht. 1970 entzieht er sich dem, was für ihn nicht mehr tragbar ist, er steigt in die Seine und ertrinkt. 50 Jahre nach seiner Geburt.

Zurück bleibt ein Werk, das an Tiefe, aber auch an Rätseln seinesgleichen sucht. Zurück bleiben Lesemomente, für die man sich Zeit nehmen muss, will man sie ausloten. Sicher ist: Man wird nicht enttäuscht. Da war ein Lyriker am Werk, der etwas zu sagen hatte. Da war ein Lyriker am Werk, der das Handwerk beherrschte, es auf eine einzigartige und bedeutsame Weise zu tun. Entstanden sind Gedichte, die auch so viele Jahre später nichts an Aktualität eingebüsst haben.

Celans Rezeption war nicht immer eindeutig. Man denke nur an die Todesfuge. Erst verstand man sie nicht oder wollte sie nicht verstehen, dann bejubelte man sie und nahm sie in den Schulkanon auf, später meldeten sich wieder Stimmen, die sie als zu lesebuchtauglich aburteilten. Was also war es wirklich? Mythos oder plakatives Offenlegen? Wohl keines von beiden. Celan selber schrieb seinem Lektor Klaus Reichert einmal:

«Im Sinne einer radikalen Entmythologisierung.»

Er wollte hinschauen, er wollte benennen. Aber er brauchte eine neue Sprache, eine, die sich von der althergebrachten Tätersprache abhob. Und die war für den Leser nicht mehr auf den ersten Blick verständlich. Peter von Matt schreibt dazu:

«Das Schreiben von Ingeborg Bachmann und Paul Celan, den repräsentativen Lyrikern jener Jahre, war der unablässige Versuch, einen Ausweg zu finden aus dem erlebten Korruptionszustand der deutschen Sprache. Leidenschaftlich erstrebten sie ein anderes Deutsch, ein Deutsch ohne den Makel der Lüge und das Brandmahl der Unmenschlichkeit.»

Vielleicht muss sie gar nicht so schnell verständlich sein. Damit man sich die Zeit nimmt. Und hinschaut. Und hinfühlt. Es sind wenige Zeilen, in denen sich aber so viel offenbart. Seine Gedichte zielen auf die Wunden der Zeit, auf die Abgründe der Geschichte. Und wenn Paul Celan an eines glaubte, dann an sich selber und an die Wichtigkeit seiner Gedichte. Die Welt sollte nicht wegschauen. Dieses Mal nicht. Er war wichtig und er hatte was zu sagen. Davon spricht auch eine Notiz, die sich in seinem Nachlass fand:

«Es muss ihn geben, es musste ihn geben – in der deutschen Gegenwartsliteratur. Dieser Verdrängte – genauer: einer dieser Verdrängten – bin ich.»

 Leider schaffte er es nicht, sich seinem Platz auch im Leben zu finden und sich darin einzurichten. Wie im Leben, soll es auch in der Liebe sein. Wirklich einlassen kann er sich nicht. Alles bleibt in der Schwebe. Und doch scheint tief drin der Wunsch und die Sehnsucht nach Geborgenheit, nach Ankommen zu sein. Ingeborg Bachmann ging tief, wie tief, konnte er erst knapp zehn Jahre nach dem ersten Treffen zugestehen, doch da war er schon mit einer anderen verheiratet und Vater eines Sohne. Daneben gab es verschiedene Affären, eine davon auch über Jahre. Dieses Gedicht stammt aus seinem Gedichtband Mohn und Gedächtnis:

Nachts, wenn das Pendel der Liebe schwingt

Nachts, wenn das Pendel der Liebe schwingt
zwischen Immer und Nie,
stößt dein Wort zu den Monden des Herzens
und dein gewitterhaft blaues
Aug reicht der Erde den Himmel.

Aus fernem, aus traumgeschwärztem
Hain weht uns an das Verhauchte,
und das Versäumte geht um, groß wie die Schemen der Zukunft.

Was sich nun senkt und hebt,
gilt dem zuinnerst Vergrabnen:
blind wie der Blick, den wir tauschen,
küßt es die Zeit auf den Mund.

Die Liebe ist nicht ewig, ihr Pendel schwingt zwischen immer und nie. Die tiefen Momente tragen immer das Versäumte in sich, der Blick in die Zukunft ist davon geprägt. Und am Schluss bleibt sie im Moment, ein Kuss auf den Mund der Zeit. Was für ein trauriger Mensch. Welch wunderschöne Lyrik.

#abcdeslesens – B wie Christine Busta (23.4.1915 – 3.12.1987)

„Ich möchte nicht gerne damit hausieren, aber ich hab’s immer reichlich schwer gehabt. Ich habe Gutes und Böses erfahren wie alle Menschen und schlimme Verstörungen erlitten, und könnte mir vorstellen, dass mir noch schlimmere nicht erspart bleiben werden, aber ich glaube dennoch, dass täglich und stündlich im wörtlichen Sinne des Wortes ‘namenlos’ viel Gutes geschieht, mehr Gutes, als die Lästerer wahrhaben wollen. Diesen Anonymen, die das ächzende Getriebe der Welt mit dem Öl ihrer unbedankten Ausdauer, Geduld, Treue und Hoffnung noch immer in Gang halten, gehört trotz unvermeidlicher Irritationen meine unwandelbare Liebe und Dankbarkeit, und auch in den heftigsten Krisen der Isolation hat mich kaum je das Bewusstsein verlassen, in vieler Schuld zu stehen.”

Christine Busta ist von Kind an das Kämpfen gewohnt, schon als Mädchen muss sie mit Nachhilfestunden das Familienkonto aufstocken. Das eigene Studium kann sie nicht abschliessen wegen finanzieller Sorgen, doch immer wieder stellt sie sich den Widrigkeiten und sucht ihren Weg. Erste Gedichte werden in Zeitungen veröffentlicht, sie gewinnt einen Literaturwettbewerb, kann in Anthologien veröffentlichen und 1950 ist es soweit: Der erste Gedichtband (Jahr um Jahr) erscheint und Busta ist als Dichterin etabliert.  Es sollen viele weitere folgen, daneben macht sich Christine Busta auch einen Namen als Verfassering von Kinderbüchern.

Kritiker warfen ihrer Lyrik oft das Bild einer zu heilen Welt vor, doch ist diese Leseart zu kurz gedacht und wird dem Werk nicht gerecht. Vielmehr sprechen aus den Zeilen durchaus Schmerz und Leid, aber auch ein versöhnlicher, ein hoffnungsvoller Ton dringt durch. Sie selber hat das so thematisiert:

Nie habe ich einer heilen Welt
das Wort geredet.
Immer nur einer verletzlichen,
um deren gefährdete Schönheit ich bangte –
schon auf Heilung bedacht.[1]

Christine Busta war sehr religiös, die Religion und auch die Mystik sind oft Gegenstand ihrer Lyrik, trotzdem ist diese weit davon entfernt, frömmelnd oder brav zu wirken. Bustas Poesie besticht vielmehr durch überraschende und bildhafte Wendungen, welche dem geschriebenen Wort eine Tiefe, Weite und fast fühlbare Schönheit verleihen.  Ein Beispiel dafür ist ihr wunderbarer Schneepsalm:

Heute nenn ich Dich Schnee,
Du unerschöpflicher Schöpfer
vergänglicher Sternkristalle,

der die nackten Äcker bekleidet,
den Wanderer weglos macht
und die ärmlichsten Hütten füllt
mit Geborgenheit und Einkehr.

Schwebender Du,
der den Bäumen Last wird,
der die tapferen Krähen auswirft in die Stille
und die Tiere aus den Wäldern den Menschen nahe bringt,
der die Hilflosen hilfloser macht
und die Hilfsbereiten bereiter.

Lautloser,
der das Vertraute entfremdet,
wird uns deine Fülle begraben,
werden Flüche das Lob ersticken?

Morgen vielleicht schon
wird uns Dein Weiß blenden,
und Du beginnst zu tauen.

Herrlicher!
Dann nenn ich Dich Sonne.

Während sich die Inhalte ihrer Gedichte über die Zeit nicht gross verändern, sie bleibt ihren Grundthemen treu, sieht man einen Wandel in der Sprache. Waren ihre ersten Gedichte noch sehr auf Melodie, Reim und Metrum angelegt, weicht dies immer mehr freieren Formen, welche fast schon aphoristischen Charakter haben. Als Beispiel mag folgendes Gedicht gelten:

Was ich brauche

Ich brauche keine öffentliche
Genehmigung, dich zu lieben.
Ich brauch keinen Ring, der mich berechtigt,
Ansprüche zu erheben.

Ich brauche nur deine Umarmung
als schlichter Ring um mein Leben.
Er macht mich nach innen glänzen.[2]


[1] zit. nach KLG, Lexikonartikel von W. Wiesmüller «Christine Busta»

[2] zit. nach Christine Busta, Inmitten der Vergänglichkeit

Mördergrube


Ein leiser Hauch,
ich spür ihn kaum,
wischt alles weg –
war mal was da?

Worauf noch bau’n?
worauf vertrau’n?
Heisst immer nicht
im Grunde nie?

Heisst ach so sehr,
im Grunde nicht,
ich lieb dich grad
so wie auch die?

Ist Liebe nur
ein Zauberwort,
Gefühlter Hort und
Schmerzensort?

Ist Liebe mehr
erhofftes Gut,
die kurze Glut,
dann wird es schwer?

Am tiefsten trifft dich
jener Keil,
der ungeschützt
dein Herz zerteilt.

©Sandra von Siebenthal

#abcdeslesens – A wie Ilse Aichinger (1.11.1921 – 11.11.2016)

In einem Interview sagte Ilse Aichinger mal, dass die glücklichste Zeit ihres Lebens die im Krieg gewesen sei. Da hätte man immerhin gewusst, woran man sei, wer Freund und wer Feind sei. Zudem wäre es eine Zeit voller Hoffnung gewesen. Diese Worte aus dem Mund einer Kriegsüberlebenden, einer Frau, die als jüdisches Mädchen nur mit Glück den zweiten Weltkrieg überlebte, da einen grossen Teil der eigenen Familie verloren hat, machen nachdenklich.

Ilse Aichinger begann schon 1945 mit dem Schreiben gesellschafts- und politikkritischer Werke. 1951 wurde sie in die Gruppe 47 eingeladen, deren Preis sie bereits 1952 gewann. Gefragt, wieso sie schreibe, sagte sie einst:

„Ich schreibe, weil ich keine bessere Form des Schweigens finde.“

Sieht man Fotos von damals, lacht Ilse Aichinger immer. Man sieht eine schöne junge fröhliche Frau. Leise rührt sich die Frage, wo die oft tieftraurigen, verbitterten Aussagen ihren Anfang nahmen, die man in späteren Interviews von ihr hörte. Hat sie diese damals überspielt? Sind sie dem Leben geschuldet, welches ihr 1972 den Mann nahm, 1998 den Sohn? Oder wirkte die Kriegszeit zeitlebens nach? Worauf bezieht sie sich, wenn sie sagt:

„Man überlebt nicht alles, was man überlebt.“

Ihr grösster Erfolg war wohl der 1948 erschienene Roman «Die grösste Hoffnung», es folgten verschiedene Erzählungen auch Gedichtbände. Es fällt auf, dass ihre Sprache sich immer mehr verdichtet – in allen Formen. Das hatte seinen Grund auch darin, dass Ilse Aichinger Sprache immer mehr auch als Ausdrucksmittel unbrauchbar empfand, da diese zu sehr der Konvention, dem fraglosen Bezeichnen anheimfiel. Ihre Konsequenz war eine «Poetik des Schweigens», etwas, mit dem sie übrigens nicht alleine war, auch bei Paul Celan finden sich solche Ansätze.

Das folgende Gedicht spricht in meinen Augen von all dem:

Ortsanfang

Ich traue dem Frieden nicht,
den Nachbarn, den Rosenhecken,
dem geflüsterten Wort.
Ich hörte,
daß sie die Häute an die Schlinge legen,
daß sie die Bänke kippen vor dem Winter,
ihre Jauchzer flogen
zum Schlaf gerüstet
durch Schul- und Kirchenhäuser
auf und fort.
Wer erwartet noch die Vögel,
die bleiben,
den Rauch übers kurze Gras?
(aus Verschenkter Rat, 1978)

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#abcdeslesens ist eine Aktion, die ich auf Instagram durchführe. Ich lese mich anhand des Alphabets durch mein Bücherregal und stelle einzelne Autoren vor.