#abcdeslesens – Hilde Domin (27.7.1909 – 22.2.2006)

Die Not liess sie schreiben, das Schreiben liess sie überleben. Als alles verloren schien, sie aus der Heimat geflohen war, die Liebe des Mannes sich einer anderen zuwandte, die Mutter gestorben war, suchte Hilde Domin, damals noch Hildegard Palm, Zuflucht in der einzigen Heimat, die sie noch hatte: In der Sprache.

«Ich befreite mich durch die Sprache. Hätte ich mich nicht befreit, ich lebte nicht mehr. Ich schrieb Gedichte. Ich schrieb deutsch, natürlich.»

So natürlich war das Schreiben in deutscher Sprache allerdings gar nicht. Zwar war Deutsch ihre Muttersprache, es war aber auch die Sprache derer, welche sie aus der Heimat vertrieben hatten.

«Da wird einer verstossen und verfolgt, ausgeschlossen von einer Gemeinschaft, und in der Verzweiflung ergreift er das Wort und erneuert es, macht das Wort lebendig, das Wort, das zugleich das seine ist und das der Verfolger.»

Diese Verfolger waren es, welche sie 1932 nach Rom, 1939 nach Grossbritannien und 1940 in die Dominikanische Republik vertrieben. Dem letzten Zufluchtsort ist auch ihr Pseudonym entlehnt. 1954 kehrte Hilde Domin nach Deutschland zurück, pendelte aber wegen des Berufes ihres Mannes noch für sieben Jahre zwischen Spanien und Deutschland. Schon in der Dominikanischen Republik hatte sie sich intensiv mit spanischer Lyrik beschäftigt, in Spanien nahm dieser Einfluss zu.

«Aber die Gedichte sind doch so sehr das Selbe wie ich…»[1]

Hilde Domins Gedichte sind sehr persönlich, der autobiographische Bezug ist immer offensichtlich. Dies war in der Originalfassung noch ausgeprägter als in der schliesslich gedruckten, da Hilde Domin für die publizierte Endfassung umfassende Überarbeitungen vornahm, zu Verräterisches strich, Gedichte umdatierte, um sie der eigenen Biographie entsprechender zu machen – und vor allem: Um teilweise auch den schönen Schein zu wahren, gerade, was ihre Beziehung zu ihrem Mann betraf.

Bei all dem Leid, das Hilde Domin in ihrem Leben erfuhr, fällt ihre Fähigkeit zu Vertrauen und die Hoffnung zu bewahren auf. Auch findet sich bei ihr kein Zug von Verbitterung, sondern immer nur der Blick nach vorne, der Glaube an Wunder, den sie in folgendem Gedicht so wunderbar beschrieb:

«Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.»

Hilde Domin hielt die Hand nicht nur leise hin, sie wurde zur regelrechten Apologetin: Sie trug den Wert der Lyrik in die Welt hinaus, sie setzte sich ein für mehr Vertrauen, weniger Hass und gegen Inhumanität. Sie setzte sich mit allem, was sie hatte, ein, nicht zuletzt mit ihrer Geschichte und vor allem mit dem Wort, das für Hilde Domin ein heiliges ist, eines, das über sich hinausweist. Das ist es aber nur, wenn es wahrhaftig ist:

«Wenn die Sprache nicht stimmt, so ist das, was gesagt wird, nicht das, was gemeint ist, so kommen die Werke nicht zustande; kommen die Werke nicht zustande, so gedeihen Moral und Kunst nicht, so trifft die Justiz nicht; trifft die Justiz nicht, so weiss das Volk nicht, wohin Hand und Fuss setzen. Also dulde man keine Willkür in den Worten.»

Dass sie die Justiz ins Feld führt, rührt nicht von ungefähr, war ihr ursprünglicher Berufswunsch doch Verteidigerin. Zwar musste sie das Jurastudium abbrechen, doch den Beruf übte sie zeitlebens doch aus: Als Verteidigerin der Lyrik, welcher sie zu ihrem Recht verhelfen wollte. Weil sie der Überzeugung war, dass Lyrik die Dinge beim Namen nennt, dass Lyrik hinschaut, der Wahrhaftigkeit verpflichtet ist. Und das braucht es in der Welt und das brauchen wir selber, denn:

«Lyrik lädt uns ein zu der einfachsten und schwierigsten aller Begegnungen, der Begegnung mit uns selbst.»[2]

Dieses sich selber begegnen, dieses Hinschauen bei sich und auch bei anderen drückt sich auch in diesem Gedicht aus:

Wege

Veilchen säumen den Weg,
Augen von Erdbeerblüten,
Maiglöckchen.
Der Kuckuck begleitet mich
Ruf um Ruf
auf einemWeg
der nicht der meine ist.
Ein blumenbestandener,
nur nicht der meine.
Nie habe ich die andern
so darauf angesehn
ob der weg unter ihren Füssen
der ihre ist.[3]


[1] aus einem Brief an den Verlagsleiter des S. Fischer Verlags, Rudolf Hirsch

[2] zit. nach Hilde Domin, Wozu Lyrik heute

[3] zit. nach Hilde Domin, Sämtliche Gedichte

5 Kommentare zu „#abcdeslesens – Hilde Domin (27.7.1909 – 22.2.2006)

  1. Ich habe die andere(n) Bücher (mehr als eins, nicht alle) von Marion Tauschwitz über Hilde Domin gelesen, würdest du dennoch die Biografie von Ilka Scheidgen empfehlen, falls du zufällig beide kennst?
    Vielen Dank für die Würdigung, ich mag Hilde Domin ebenfalls sehr. 😁👍
    Morgenkaffeegrüße 😁🌞☕🍩👍

    Gefällt 1 Person

    1. Ich würde eher zu den Büchern von Marion Taschwitz raten, wenn du einen objektiveren Blick haben willst. Das Buch von Ilka Scheidgen ist sehr persönlich gefärbt und damit werden gewisse Stationen des Lebens etwas geschönt. Das war aber wohl ganz in Hilde Domins Sinn.

      Liebe Grüsse zu dir
      Sandra

      Gefällt 1 Person

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