Patricia Highsmisth: Suspense oder Wie man einen Thriller schreibt

Die Meisterin lässt sich in die Karten blicken

„Suspense fängt mit den Grundlagen an und wendet sich vor allem an junge Schriftsteller – obwohl natürlcih ein Anfänger fortgeschrittenen Alters ebenfalls ‚jung’ ist, was die Schriftstellerei betrifft, und die ersten Schritte für alle die gleichen sind. In meinen Augen sind auch angehende Schriftsteller oder Anfänger schon Schriftsteller, da sie willentlich das Risiko auf sich nehmen, ihre Gefühle, ihre Schrullen und ihre Weltanschauungen den prüfenden Blicken der Öffentlichkeit preiszugeben.“

Patricia Highsmith lässt sich in diesem Buch beim Schreiben über die Schulter blicken und zeigt auf, wie sie von der ersten Idee bis hin zum fertigen Manuskript voranschreitet. Sie zeigt dies anhand ihrer bekannten Bücher, leuchtet im Detail aus, wie viele Anläufe es ab und an brauchte, bis das fertige Buch in seiner endgültigen Fassung stand, welche oft von der ersten völlig abweichen konnte. Sie schildert dabei ihre Stolpersteine beim Schreiben, Punkte, über die sie kaum hinweg kam und erzählt auch von diversen Ablehnungen von Verlagen, von unveröffentlichten Manuskripten und fehlgeleiteten Geschichtsverläufen.

„Wenn man ein Buch schreibt, sollte es in erster Linie dem Autor gefallen. Hat man selbst während der Dauer des Schreibprozesses Spass daran, dann kann und wird es Verlegern und Lesern später ebenso gehen.“

Am Anfang steht eine Idee. Zwar gibt es viele Ideen, doch es existiert durchaus auch das Gefühl, keine Ideen mehr zu haben, welches oft dann eintritt, wenn zu viel Druck, zu wenig Raum, zu grosse Erschöpfung herrscht. Auch Gesellschaft kann hinderlich werden, vor allem, wenn es die falsche ist. Hat man die packende Idee aber erst gefunden, geht es darum, sie auszubauen, eine Geschichte darum zu spinnen, diese durch Handlungen und Nebenhandlungen zu erweitern, bis man einen Plot entwickelt, der schliesslich zu einer ersten Fassung führt.

„Ein Autor muss jederzeit ein Gefühl für die Wirkung haben, die er auf dem Papier schafft, für die Plausibilität dessen, was er schreibt. Er muss spüren, wenn da etwas schiefläuft, genauso schnell wie ein Mechaniker ein falsches Geräusch im Motor wahrnimmt, und er muss es korrigieren, bevor es schlimmer wird.“

An diesem Punkt fängt das Überarbeiten an, das Umschreiben, Verwerfen, Streichen – alles ab und an schmerzhafte Prozesse, die auch viel von einem Schriftsteller verlangen. Nicht selten heisst es, Passagen zu streichen, die einem eigentlich am Herz liegen.

Patricia Highsmith beschreibt auf eine sehr offene und persönliche Art ihre Herangehensweise ans Schreiben. Sie beleuchtet den Schreibprozess mit allen Höhen und Tiefen, mit den wichtigen Zutaten wie Disziplin, Emotion, Freude und Spass am Schreiben. Sie zeigt die Schwierigkeiten des Daseins als Schriftsteller sowie auch dessen schönen Seiten. Ein Buch, das genausoviel über Patricia Highsmith selber aussagt wie über ihr Schreiben und ein Bild von einer am Boden gebliebenen, authentischen und äusserst sympathischen Frau zeichnet.

Fazit:
Ein Werkstattbericht, der nicht Ratgeber sein will, sondern einen tiefen Einblick in das Schreiben und Wesen der Meisterin der Spannungsliteratur gewährt. Sehr empfehlenswert.

Zur Autorin
Patricia Highsmith wurde am 19. Januar 1921 in Fort Worth, Texas geboren. Ihre Eltern trennten sich schon vor ihrer Geburt, Patricia Highsmith wuchs die ersten Jahre bei ihrer Grossmutter auf. 1934 zog sie mit ihrer Mutter und ihrem Stiefvater nach New York, wo sie nach der High School am renommierten Barnard College Englische Literaturwissenschaft mit dem Nebenfach Latein studierte. Es folgten diverse Jobs und 1943 eine Stelle als Comic-Texterin und Geschichtenentwicklerin beim Verlag Fawcett in New York. Schon während der Schulzeit hat Patricia Highsmith erste Geschichten und Gedichte geschrieben, in der Studienzeit Erzählungen in der Studentenzeitschrift „Barnard Quarterly“ veröffentlicht. Ihr erster Romanversuch blieb unvollendet und unveröffentlicht. Einen ersten Erfolg erzielte sie mit ihrer Kurzgeschichte The Heroine, es folgte ein Stipendium für die Künstlerkolonie Yaddo, wo sie in Ruhe arbeiten konnte und erste Teile ihres grossen Erfolges Zwei Fremde im Zug schrieb. Patricia Highsmith starb am 4. Februar 1995 in Locarno, Schweiz. Sie hat 22 Romane und eine Vielzahl von Kurzgeschichten, unter anderem Zwei Fremde im Zug (1950; dt. 1967), Der Stümper (1954; dt. 1974), Der talentierte Mr. Ripley (1955; dt. 1961/1979), Suspense oder Wie man einen Thriller schreibt (1966; dt. 1990/2013), Ripley under Ground ((1970; dt. 1972), Ripley’s Game (1974; dt. 1976), Ediths Tagebuch (1977; dt. 1980), Elsies Lebenslust (1986; dt. 1986).

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 168 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (23. April 2013)
ISBN: 978-3257242034
Preis: EUR 9.99/ CHF 15.90

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Bücher 2021 – Februar

Gelesene Bücher

  1. Natascha Lusenti: Die Welt in meinen Farben
    „Die Welt in meinen Farben“ ist die Geschichte einer jungen Frau, die ihren Platz im Leben erst finden muss, weil sie ihn durch zu viele Verluste verloren hat. Die Geschichte fängt sehr langatmig, wird dann aber immer einnehmender, bis sie den Leser vollends in den Bann zieht. Emilia wirkt als Charakter so glaubwürdig, so authentisch in ihrem Denken, Fühlen, Tun, das sich in einer grossen Verletzlichkeit äussert, dass man sie als Leser ins Herz schliesst und weiter begleiten will.Alles in allem ist Natascha Lusenti eine kleine, feine Geschichte voller Zärtlichkeit, Nachdenklichkeit, Mit-Menschlichkeit gelungen, die von der Suche nach sich selbst, von Zugehörigkeit, von Liebe, Angst und Glück handelt. Wären der unbefriedigende Anfang und ein paar zu ausführliche Ausschweifungen später nicht, könnte man sie rundum wunderbar nennen. (Rezension)
  2. Dorothea Brande: Schriftsteller werden
    Dorothea Brande schrieb das vorliegende Buch 1934 und seit da gilt es als Klassiker. Wichtig ist, was einen Schriftsteller überhaupt zum Schriftsteller macht, die Antwort lautet: Er schreibt. Was so einfach klingt, ist es in Tat und Wahrheit aber nicht. Wie viel hält Schreibwillige oft von dem ab, was sie eigentlich tun wollen? Ganz verschiedene Ängste treten plötzlich auf und lassen zögern, blockieren gar. Schriftsteller werden“ ist keine strukturierte Anleitung hin zu einem Roman, es ist ein Buch über die Entwicklung des Menschen hin zu dem, was er sein will: Schriftsteller. Brande schöpft dabei aus ihrer Erfahrung als Autorin und Lehrerin für Kreatives Schreiben. (Rezension)
  3. Anselm Grün: Das kleine Buch vom guten Leben
    Anselm Grün geht in diesem kleinen Buch der Frage nach, was ein gutes Leben ist und wie wir dieses leben können. Er beruft sich dabei auf die Religionen und Philosophien aus aller Welt, zitiert literarische Werke und alte Weisheiten. Für ein gutes Leben, so Anselm Grün, braucht es nicht viel, ausschlaggebend ist die innere Haltung, das, wonach wir unser Leben ausrichten.Anselm Grün überzeugt durch eine tiefe Weisheit, durch eine Belesenheit und einen offenen Blick ohne religiöse, philosophische oder lokale Grenzen. (Rezension)
  4. Doris Dörrie: Alles inklusive
    „Alles inklusive“ ist die Geschichte verschiedener Menschen, die alle mit ihrem Leben hadern, daran verzweifeln, falsche Entscheidungen treffen, sich selber ins Unglück reiten. Alle wirklichen sie auf ihre Weise verrückt und doch auch wie Menschen mit ihren Abgründen und Hoffnungen. Es ist die Geschichte einer Mutter-Tochter-Beziehung, die nie eine wirklich gelebte und gefühlte war und doch Boden für viele Anschuldigungen mit sich bringt. Doris Dörrie gelingt es, ohne Moralkeule und hochgehobenen Zeigefinger menschliche Schwächen zu erzählen, trotz vieler Tiefschläge und auch verkorkster Lebensentwürfe driftet das Buch nie ins Schwere ab. Es ist wohl gerade die Leichtigkeit des Erzählens, die einen immer weiter lesen lässt, auch wenn die Geschichte ab und an etwas langatmig und gar abstrus wird. (Rezension)
  5. Steven King: Vom Leben und vom Schreiben
    Einer der erfolgreichsten Schriftsteller erzählt aus seinem Leben, das immer auch sein Schreiben mitbeinhaltet, macht es doch einen Grossteil seines Lebens aus. In diesem Buch lässt Steven King den Leser hinter die Kulissen schauen, zeichnet seinen Lebensweg nach und erläutert, was er für grundlegend wichtig hält, wenn jemand schreiben will: Ein Zimmer mit einer Tür, die man abschliessen kann, einen geregelten Tagesablauf mit festen Schreibzeiten, festgesetzte Tagesziele gehören ganz oben auf die Liste. (Rezension)
  6. Marco Missiroli: Treue
    Carlo und Margherita sind ein schönes und ein glückliches Paar, er Dozent für Literatur, sie Inhaberin einer Immobilienagentur. Als Carlo eines Tages auf der Universitätstoilette mit einer jungen Studentin erwischt wird, behauptet er, dieser nur nach einem Schwächeanfall geholfen zu haben. Der Vorfall bleibt als Stachel in der Beziehung. War wirklich alles nur ein Missverständnis? Oder ist entgegen der Behauptungen mehr passiert? Carlo und Margherita gehen unterschiedlich mit dieser Geschichte um, doch auf ihre Weise wird sie für beide eine Obsession. (Rezension)
  7. Jesse Falzoi: Creative Writing
    Ein Schreibkurs in 16 Lektionen, der sich damit befasst, das Handwerk des Autors zu vermitteln. Wie müssen Charaktere gestaltet sein, damit sich ein Leser mit ihm identifizieren kann, wo fängt eine Geschichte an und wie endet sie, was ist ein Thema der Geschichte und worauf baut der Plot auf? Welchen Stellenwert hat der Dialog, und womit beginnt man beim Schreiben einer Geschichte? Wann ist diese fertig? Diese und weitere Fragen behandelt Jesse Falzio und gibt immer auch Übungen vor, an denen man das Gelesene ausprobieren kann.
  8. Maxim Leo: Wo wir zu Hause sind
    Maxim Leos Berliner Familie ist sehr überschaubar, das, was man landläufig sonst als Familie bezeichnet, ist über den ganzen Erdenball verteilt, an spannenden Orten, wie Maxim als Junge denkt, während er im langweiligen Deutschland sitzt. Die Verteilung hatte ernste und tragische Gründe, die Machtübernahme der Nationalsozialisten liess der Familie keine andere Wahl, wollte sie überleben. Ein gelungenes Buch, ein Buch über Menschen, denen das Leben viel genommen hat, ein Buch über Menschen, die Opfer eines Unrechtsregimes wurden, ein Buch, das von den Sehnsüchten und Wünschen von Menschen handelt, welche ein Leben weit weg vom ursprünglichen Lebensentwurf suchen mussten, und ein Buch über Menschen, die dieses Leben fanden und lebten. (Rezension)
  9. Colum McCann: Briefe an junge Autoren
    Briefe an junge Autoren ist kein Schreibratgeber im üblichen Sinne. Column McCann sieht sich eher als Begleiter, als einer, der schreibt, dabei das ein oder andere über die Jahre gelernt hat und nun ein bisschen davon weitergeben will. Entstanden sind leicht lesbare, mit viel Humor und Selbstironie gewürzte kurze Texte rund ums Schreiben, Texte, die anregen, die Mut machen wollen, die dem verzweifelt vor dem leeren Blatt sitzenden jungen Autor sagen wollen: Wir waren alle an dem Punkt, wir kommen wieder an den Punkt, es gibt nur eines: Weiter schreiben. (Rezension)
  10. Ronald B. Tobias: 20 Masterplots
    Nach welchen Mustern ist eine Geschichte aufgebaut? Was steht im Zentrum der Geschichte? Figur oder Handlung? Wie muss ich meine Geschichte aufbauen, dass sie für einen Leser spannend ist? Ronald B. Tobias skizziert 20 verschiedene Möglichkeiten von Plots, ob es eine Liebesgeschichte, eine Suche nach Rache, eine Rettung oder eine Flucht sein soll, in allen Varianten zeigt er auf, wie und wieso sich ein Protagonist verändert und worauf das Augenmerk liegen muss, damit der Plot funktioniert.
  11. Doris Dörrie: Diebe und Vampire
    Diebe und Vampire ist ein Roman über das Schreiben, ein Roman über das Leben einer jungen Frau, die vom Traum, Schriftstellerin besessen ist, aber mehr Gründe dafür findet, nicht zu schreiben, als zu schreiben. Es ist ein Buch, das von den Ängsten und Nöten des Schreibens handelt, ein Buch, das auch autobiographische Züge trägt zumindest, was den Schreibprozess, den Akt des Schreibens betrifft. Es ist aber auch ein Buch über das Scheitern, das Älterwerden – schonungslos, offen, teilweise etwas abstrus, teilweise verwirrend, weil nicht klar ist, was real und was Phantasie der Protagonistin ist, dabei aber unterhaltsam und flüssig zu lesen. (Rezension)
  12. Clara Maria Bagus: Die Farbe von Glück
    Antoine ist sechs, als ihn seine Mutter verlässt. Verzweifelt und tieftraurig bleibt er im Haus zurück, wo ihn Charlotte findet und bei sich aufnimmt. Mit viel Liebe und Geduld schafft sie es, anstelle von Trauer und Verlassenheit durch Zuversicht und Lebensfreude zu ersetzen. Sie haben nicht viel, aber sie haben einander und das ist für beide das wichtigste. Und genau das gerät in Gefahr, als eines Tages Jules auf Charlotte bei ihrer Arbeit im Krankenhaus zukommt und von ihr verlangt, sein gerade geborenes kränkliches Kind mit einem gesunden zu tauschen. Sonst nähme er ihr Antoine. Ein Buch über Schuld, Verlust und Trauer, aber auch über Liebe, Vertrauen und Selbstverantwortung. Wenn auch teilweise langatmig und zu esoterisch, so doch empfehlenswert. (Rezension)
  13. Elisabeth Jacquet: Wir zwei
    Elisabeth Jacquet denkt sich in kleinen Häppchen durch das Leben zu zweit, auf das gefühlte und geteilte Miteinander. Sie zeigt, wie aus Dingen plötzlich gemeinsame Dinge werden, sogar die Welt wird zu einer geteilten. (Rezension)
  14. Inka Piepgras: Schreibtisch mit Aussicht. Schriftstellerinnen über ihr Schreiben
    Schriftstellerinnen über die Schulter geschaut: Was bedeutet es, zu schreiben? Wie sieht der Weg vom Gedanken hin zum Buch aus? Womit hat man dabei zu kämpfen? Vor allem als Frau? Das Buch konzentriert sich auf Frauen, da diese auch heute noch wenig präsent sind im Literaturbetrieb. Entstanden ist ein offenes und ehrliches Buch, das von Ängsten und Nöten spricht, vom Spagat zwischen Familie und Schreibtisch, von Schuldgefühlen und Zweifeln. (Rezension)

Abgebrochene Bücher:

  1. Julian Barnes: Der Mann im roten Rock
    „Die Kunst überdauert persönliche Launen, Familienstolz, gesellschaftliche Dogmen; die Kunst hat immer die Zeit auf ihrer Seite.“
    Ein schöner Satz aus einem sonst sehr schwierigen Buch für mich. Ich habe mit Julian Barnes’ „Der Mann im roten Rock“ begonnen und von Anfang an gekämpft. Ich liebe Barnes, vor allem „Vom Ende einer Geschichte“ war wunderbar, aber hier? Erzählt wird das Leben eines zu seiner Zeit bekannten Arztes (Gynäkologen). In Bruchstücken werden Beziehungen vorgestellt, Lebensabschnitte beleuchtet, wird das Bild eines Menschen und seiner Zeit gemalt. Das Buch ist wahrlich gut recherchiert, aus einem reichen Fundus von Hintergrundwissen heraus geschrieben, aber es spricht mich in seiner Form und Sprache gar nicht an. Mir fehlt die Geschichte, mir fehlt das wirklich erzählende Element. So ist es für mich zu wenig strukturiert, Sachbuch zu sein, zu wenig erzählt, um Roman zu sein.
  2. Carole Fives: Kleine Fluchten
    Eine alleinerziehende Mutter, ein bildschöner, kleiner Junge, und doch zu viel alles. Sie hadert, sie leidet, sie sucht Fluchten, denkt daran, ihn mit einer Weste zu ersticken, obwohl sie ihn liebt. Ein wichtiges Thema ein reales Problem. Und doch… es war zu viel. Zuviel an Dramatik, zu viel an Deprimierendem. Ich weiss wahrlich aus eigener Erfahrung, wie viel es sein kann… in einer Geschichte wäre weniger mehr gewesen. Für mich. Ich konnte nicht weiter lesen. Vielleicht war ich auch zu nah dran – wer weiss.
  3. Thea Dorn: Trost. Briefe an Max
    Eine Postkarte ihres alten Lehrers löst bei Johanna einiges aus. Die ganze Verzweiflung über Corona, den Tod ihrer Mutter, den Schmerz des Verlustes und vieles mehr bricht aus ihr heraus. Ich hatte vom Buch mehr Philosophie erhofft, in dieser Form und vor allem mit dem Inhalt sprach es mich leider gar nicht an. Gut möglich, dass es auch damit zusammen hängt, dass Corona aktuell schon zu viel Thema ist, ich möchte es wohl nicht auch noch lesen.
  4. Christine Girard: Mademoiselle Edith. Hymne an die Liebe
    Die Geschichte einer grossen Sängerin und einer Frau, die ihr Leben lang die Liebe sucht und viele Enttäuschungen erleben muss – bis sie auf den Einen trifft. Das Buch wechselt sprunghaft zwischen den Zeiten (etwas, das ich generell nicht mag, wenn es nicht dringend nötig ist), gewisse Rückblenden bringen dem Fortgang der Geschichte wenig. Auch sonst vermisste ich das Tempo in der Geschichte, zu viele Dialoge mit Geplänkel und Beschreibungen liessen den Lesefluss kaum in Gang kommen.
  5. Gillian Best: Martha und das Meer
    Martha braucht das Meer wie andere Menschen die Luft zum atmen. Als sie John kennenlernt und sie eine Familie gründen, steigt sie für 10 Jahre nicht mehr ins Meer, bis ihr bewusst wird, dass sie sich damit selber verloren hat – und sich wieder finden muss. Sie weiss, wenn sie nicht wieder ins Meer steigt, wenn sie nicht wieder schwimmt, wird sie dieses Leben so nicht weiter führen können…
    Das Buch klang so vielversprechend, doch es schleppte sich dahin, die Figuren waren zu schwach, als dass sie die fehlende Handlung hätten ausgleichen können.
  6. Moritz Heger: Aus der Mitte des Sees
    Als sein Freund aus der Abtei austritt und eine Familie gründet, sieht sich Lukas vielen Fragen ausgeliefert: Ist sein Weg wirklich noch der richtige? Als dann auch noch eine Frau in sein Leben tritt, steht er vor einer Entscheidung.
    Auch hier wäre das Thema wirklich spannend, doch ich fand nicht in die Erzählung rein. Die Figuren blieben unfassbar, es war für mich alles zu abgehackt und mir fehlte ein wirklicher Erzählfluss. Dem Buch gebe ich aber noch eine Chance.

Elisabeth Jacquet: Wir zwei. Reflexion über das Leben als Paar


„Eines Tages wurde aus einem Mann mein Mann.“

Was passiert, wenn man einen Menschen trifft, heiratet, das Leben gemeinsam bestreitet? Was verändert das in jedem von uns und aus uns als Paar? Worauf hat die Heirat sonst noch Einfluss?

Elisabeth Jacquet denkt sich in kleinen Häppchen durch das Leben zu zweit, auf das gefühlte und geteilte Miteinander. Sie zeigt, wie aus Dingen plötzlich gemeinsame Dinge werden, sogar die Welt wird zu einer geteilten:

„Ausserdem ist der Raum um uns herum zu einem Mischraum geworden.“

Das Teilen hört auch nicht auf, wenn einer von beiden nicht anwesend ist, er ist trotzdem dabei:

„Wo immer ich bin, ist plötzlich auch mein abwesender Mann.“

„Wir zwei“ handelt vom Leben als (Ehe-)Paar, von den sich einschleichenden Gewohnheiten, den geliebten Ritualen, von den Besonderheiten und den Veränderungen im Leben und in der eigenen Person. Das Buch zeigt, wie ein geteiltes Leben ein reicheres wird, da man sich gegenseitig so viel zeigt, was einer allein nicht gesehen hätte oder dem er sonst vielleicht weniger Bedeutung zugedacht hätte, wäre da keiner gewesen, dem man es hätte zeigen können.

Auf jeder Seite stehen ein bis zwei kurze Gedanken, oft nicht länger als ein Satz. Anfänglich sind diese Gedanken sehr originell, entlocken mal ein Lächeln, führen zu einem Aha-Erlebnis, dann werden sie etwas seicht und auch gesucht. Das Buch ist generell klein, die Seiten mehrheitlich weiss, es entsteht ein wenig der Eindruck über die Seiten hinweg, dass der Stoff doch nicht für ein ganzes Buch gereicht hat. Trotzdem ist es eine schöne Idee, der Umstand, dass das Buch bei mir auf der Gästetoilette liegt, ist keine Abwertung des Buches, sondern schlicht der für diese Form geeignete Lektüreort, wie ich finde.

Fazit:
Das Leben als Paar in kurzen Gedanken dargestellt – eine schöne Idee, wenn auch ein wenig mager ausgefallen. Empfehlenswert.

Über die Autorin
Elisabeth Jacquet, geboren 1963, hat als Drehbuchautorin, Werbetexterin und Lektorin gearbeitet, bevor sie selbst begann, Romane zu schreiben. In ihren Texten beschäftigt sie sich u.a. mit verschiedenen Formen des Erzählens und fragt sich dabei stets, wie man die Menschen in unserer durchtechnologisierten Zeit zum Lesen bewegen kann. Sie lebt mit ihrem Mann in Paris.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 144 Seiten
Verlag: Piper; 1. Edition (1. Februar 2019)
ISBN-Nr.: 978-3492058926
Preis: EUR 17.95 / CHF 28.90

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5 Inspirationen – Woche 8

Was ist mir diese Woche begegnet, hat mich diese Woche inspiriert?

  • Diese Woche hörte ich den Podcast „Hanser Rauschen“ mit Rafik Schami. Rafik Schami gewährt spannende Einblicke in sein Leben als Schriftsteller, er erzählt, was es für ihn bedeutet, seit vielen Jahren fern der Heimat zu leben, wie er sich sprichwörtlich in die deutsche Literatur hineinschrieb und wieso er das Geschichten-Erzählen so liebt.
  • Ein Artikel über das Schreiben von Tagebüchern (Anaïs Nin on Writing, the Future of the Novel, and How Keeping a Diary Enhances Creativity) hat mich diese Woche angeregt, wieder mehr in dieser Form zu schreiben. Zwar führe ich seit Jahren Notizbücher, die sicher auch mal persönliche Gedanken enthalten, doch mehrheitlich enthalten sie Gedanken zu Gelesenem, Notizen zu Gehörtem. Die Innenansichten nehmen je länger je mehr einen eher geringen Raum ein.

    „While we refuse to organize the confusions within us we will never have an objective understanding of what is happening outside.“

    Ich bin überzeugt, dass da viel Wahres dran ist, weswegen ich früher sehr intensiv Gedanken und Persönliches festhielt. Das möchte ich wieder vermehrt tun – bin noch nicht ganz schlüssig, ob ich fortan zwei Bücher verwenden soll dazu (was umständlich ist, da noch mehr immer dabei sein muss), oder alles in einem Platz hat.
  • Die Dokumentation auf Netflix „Joan Didion. Die Mitte wird nicht halten“ erzählt vom Leben und Leiden der grossen Schriftstellerin Joan Didion. In aktuellen Interviews wie auch mit Originalfilmen und -bildern aus der Vergangenheit wird das Bild einer mutigen Frau gezeichnet, die für ihre Umwelt genau beobachtete und in ihren Schriften ein schonungsloses Bild davon zeichnete. Die Dokumentation zollt dem insofern Tribut, als sie nicht nur die Darstellung eines Lebens ist, sondern dieses auch in die Zeit einbettet und damit zu einer Gesellschaftsstudie wird – vor allem vom Künstlermilllieu Kaliforniens in den 60er Jahren.
  • Auf Instagram stiess ich auf das Bild eines Briefeschreibers und dachte an meine Kindheit zurück, als ich eine Brieffreundin in den USA hatte. Auch später gab es nochmals eine Zeit, als ich mit einem Schriftstellerkollegen Gedanken zum Leben, Lesen und anderem austauschte. Das fehlt mir irgendwie. Immerhin habe ich neu eine eMail-Freundin gewonnen, was schon wirklich schön ist, aber das Briefeschreiben lässt mich nicht ganz los. Erstens wegen des Schreibens an sich, zweitens weil ich denke, dass in Briefen (das beinhaltet nun auch eMails) ein tieferer, weil durchdachterer Austausch möglich ist als in anderen Formen der Kommunikation.
  • Mut zur Unvollkommenheit – ich neige dazu, immer alles perfekt machen zu wollen. Die Angst, es nicht zu schaffen, blockiert mich manchmal so sehr, dass ich mit gewissen Dingen gar nicht anfange, weil ich denke, ich müsste zuerst noch etwas erreichen/tun, um dann der Aufgabe gewachsen zu sein. In einem Interview sagte Margaret Atwood, dass das wichtigste sei, die Geschichte einfach mal zu schreiben. Damit hätte man den Ausgangspunkt, mit dem man dann arbeiten kann. Ich denke, das ist in vielen Bereichen so: Nicht alles klappt auf Anhieb, aber wenn man nie anfängt, wird gar nichts draus.

Ich hoffe, es war was für euch dabei, das euch angesprochen hat. Wenn ihr etwas habt, das euch diese Woche angesprochen, bewegt, inspiriert hat – ich würde mich freuen, wenn ihr davon berichten würdet. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und einen guten Start in die neue Woche!

Clara Maria Bagus: Die Farbe von Glück

„Antoines Geschichte beginnt zweimal. Einmal mit dem tag seiner Geburt. Und ein zweites Mal, sechs Jahre später, am Tag, an dem seine Mutter Marlene verschwand.“

Antoine ist sechs, als ihn seine Mutter verlässt. Verzweifelt und tieftraurig bleibt er im Haus zurück, wo ihn Charlotte findet und bei sich aufnimmt. Mit viel Liebe und Geduld schafft sie es, bei Antoine Trauer und Verlassenheit durch Zuversicht und Lebensfreude zu ersetzen. Sie haben nicht viel, aber sie haben einander und das ist für beide das wichtigste. Und genau das gerät in Gefahr, als eines Tages Jules auf Charlotte bei ihrer Arbeit im Krankenhaus zukommt und von ihr verlangt, sein gerade geborenes kränkliches Kind mit einem gesunden zu tauschen. Sonst nähme er ihr Antoine.

„Jeder schien an diesem Tag am falschen Ort gewesen zu sein. Jules und Charlotte hatten ins Schicksal eingegriffen, die Karten neu gemischt und anders verteilt, als es vorgesehen war. Das Schicksal würde sie verfolgen. Beide. Da waren sie sich sicher. Wann würde es kommen, sie einholen und Rache nehmen?“

Auch wenn der Beweggrund die eigene Verzweiflung und keine Böswilligkeit gewesen war, lastet diese Entscheidung fortan schwer auf allen. Und: Sie betrifft das Leben so vieler Menschen, die mit den Folgen leben müssen.

„Wie konnte es falsch sein, das Richtige zu tun? War es nicht ein Zeichen dafür, dass die Welt, in der sie lebte, verkehrt war?“

Was ist richtig im Leben, was falsch? Darf ich zum Schutz meiner Lieben anderen Leid zufügen? Womit kann ich leben? Wie gehe ich mit meiner Schuld um? Diese und weitere Fragen stehen philosophisch im Zentrum des vorliegenden Buches. „Die Farbe von Glück“ ist aber auch ein Buch über Liebe, Verantwortung, Fürsorge. Es ist die Geschichte eines kleinen Jungen, der von allem verlassen und ohne Halt im Leben wieder Zuversicht lernt und sieht, was Liebe ist. Es ist ein Buch, das immer wieder dazu aufruft, dass wir es selber sind, die unser Leben in der Hand haben, egal, wie die Umstände sind. Es ist ein Buch, das Mut machen will, das anhand von verschiedenen Geschichten aufzeigt, dass es unsere Entscheidungen sind, welche unser Leben prägen – in verschiedener Hinsicht.

Es ist ein wunderbares Buch mit authentischen Charakteren und einer mitreissenden und bewegenden Geschichte. Teilweise verliert sich diese leider in zu vielen Wiederholungen und Längen, manchmal geht sie fast unter in vorgetragenen, oft esoterisch anmutenden Lebensweisheiten, welche mehr an einen seichten Ratgeber als an einen Roman erinnern und ab und zu sehr kitschig erscheinen. Weniger wäre mehr gewesen, trotzdem überwiegt das Positive, da es der Autorin gelingt, die Geschichte mit einer grossen Zärtlichkeit zu erzählen, welche auf den Leser übergreift und ihn mit den Figuren in Kontakt treten und mitfühlen lässt.

Fazit:
Eine wunderbare Geschichte mit authentischen Figuren und ganz viel Zärtlichkeit. Ein Buch über Schuld, Verlust und Trauer, aber auch über Liebe, Vertrauen und Selbstverantwortung. Wenn auch teilweise langatmig und zu esoterisch, so doch empfehlenswert.

Über die Autorin
Clara Maria Bagus hat in den USA und in Deutschland Psychologie studiert und war einige Zeit in der Hirnforschung tätig. Ihr Lebensweg führte sie über zahlreiche Kontinente. Dort begegneten ihr immer wieder Menschen auf der Suche nach sich selbst. In einer Welt, in der Orientierung schwer zu finden ist, hat sie ihnen durch ihre berührenden Bücher geholfen, den roten Faden ihres Lebens wiederzufinden. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren Zwillingssöhnen in Bern.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 352 Seiten
Verlag: Piper; 5. Edition (2. November 2020)
ISBN-Nr.: 978-3492059954
Preis: EUR 18 / CHF 26.90

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Doris Dörrie: Diebe und Vampire

Ich hatte tatsächlich die nebulöse Vorstellung, ich müsse nur genug vor mich hin träumen, dann würden irgendwann die Gedankenfetzen, Bilder, Töne und Geschichten schon ihren Weg aufs Papier finden.

Alice weiss genau, was sie will: Schreiben, Schriftstellerin sein. Dieser Wunsch wird noch mehr bestärkt, als sie in einem Urlaub in Mexiko auf eine bekannte Schriftstellerin trifft, die genau das tut, was sie eben nicht tut: Schreiben. Jeden Tag zieht sich die Meisterin, so nennt Alice sie insgeheim, zurück und schreibt, während Alice keinen Buchstaben zu Papier bringt. Um Eindruck zu machen und Aufmerksamkeit zu erregen, setzt sie sich fortan mit einem Heft hin und schreibt vor sich hin.

Das Vorhaben gelingt, die Meisterin bemerkt sie. Als sie abreist, lässt sie Alice zurück mit der Aufforderung, weiter zu schreiben, nicht aufzugeben und sie bald zu besuchen in San Francisco. Das einzige, was Alice schreibt, ist der Meisterin einen Brief, ab und an telefoniert sie ihrem grossen Vorbild und fliegt eines Tages unangekündigt nach San Francisco, um vor Ort von der Meisterin zu lernen.

Diebe und Vampire ist ein Roman über das Schreiben, ein Roman über das Leben einer jungen Frau, die vom Traum, Schriftstellerin besessen ist, aber mehr Gründe dafür findet, nicht zu schreiben, als zu schreiben.

„Ich habe Angst zu scheitern, platzte ich heraus. Ich habe Angst, dass ich nie gut sein werde, nie eine richtig, richtig gute Schriftstellerin sein werde. Ich habe Angst, dass man mich fertigmachen und über mich lachen wird, dass ich einen Traum habe, der so lächerlich ist, als wolle eine Taube eine Nachtigall sein.“

Es ist ein Buch, das von den Ängsten und Nöten des Schreibens handelt, ein Buch, das auch autobiographische Züge trägt zumindest, was den Schreibprozess, den Akt des Schreibens betrifft. Es ist aber auch ein Buch über das Scheitern, das Älterwerden – schonungslos, offen, teilweise etwas abstrus, teilweise verwirrend, weil nicht klar ist, was real und was Phantasie der Protagonistin ist, dabei aber unterhaltsam und flüssig zu lesen.

Fazit:
Die Geschichte einer jungen Frau, von ihrem Traum vom Schreiben und den Schwierigkeit, es wirklich zu tun. Ein Buch, das trotz einiger Schwächen Spass macht beim Lesen. Empfehlenswert.

Über die Autorin
Doris Dörrie, geboren in Hannover, studierte Theater und Schauspiel in Kalifornien und in New York, entschloss sich dann aber, lieber Regie zu führen. Parallel zu ihrer Filmarbeit (zuletzt der Spielfilm ›Kirschblüten und Dämonen‹) veröffentlicht sie Kurzgeschichten, Romane, ein Buch über das Schreiben und Kinderbücher. Sie leitet den Lehrstuhl ›Creative Writing‹ an der Filmhochschule München und gibt immer wieder Schreibworkshops. Sie lebt in München.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 224 Seiten
Verlag: Diogenes; 2. Edition (23. November 2016)
ISBN-Nr.: 978-3257243659
Preis: EUR 12 / CHF 17.90

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Marco Missiroli: Treue

„Deine Frau ist mir gefolgt.“
„Meine Frau.“
„Bis hierher.“ Sofia sah ihn an: „Professore?“
Er warf eien Blick auf die Tür des Seminarraums.
„Sie ist im Hof, glaube ich.“
Carlo Pentecoste trat ans Fenster und erkannte Margheritas amarantroten Mantel, den sie seit dem zweiten warmen Frühlingstag trug.“

Carlo und Margherita sind ein schönes und ein glückliches Paar, er Dozent für Literatur, sie Inhaberin einer Immobilienagentur. Als Carlo eines Tages auf der Universitätstoilette mit einer jungen Studentin erwischt wird, behauptet er, dieser nur nach einem Schwächeanfall geholfen zu haben. Der Vorfall bleibt als Stachel in der Beziehung. War wirklich alles nur ein Missverständnis? Oder ist entgegen der Behauptungen mehr passiert?

Carlo und Margherita gehen unterschiedlich mit dieser Geschichte um, doch auf ihre Weise wird sie für beide eine Obsession. Und sie löst Fragen aus: Nimmt eine Affäre dem Ehepartner etwas weg? Ist eine unterdrückte Leidenschaft nicht schädlicher als das Ausleben derselben? Muss man etwas wirklich leben, um es loswerden zu können, oder kann man es auch sonst aus dem Leben verbannen? Wo fängt ein Seitensprung an, was ist wirklich Betrug?

„Was konnte ein neuer Körper ihrer Ehe überhaupt anhaben?“

Marco Missiroli stellt die grossen Fragen der Liebe. Wie viel Freiheit ist erlaubt, wie viel Geheimnis erträgt sie, wo hört sie auf? Woher kommt die Sehnsucht nach Neuem, wenn man doch glücklich ist? Er erzählt die Geschichte von zwei Menschen, die trotz ihrer gegenseitigen Liebe mit dem Wunsch nach Neuem kämpfen, die sich und die Beziehung hinterfragen und sich den Herausforderungen, welche dadurch entstehen, stellen müssen. Indem er diese Geschichte immer wieder aus anderen Perspektiven erzählt, sieht man als Leser hinter die Kulissen des reinen Geschehens, man nimmt teil an den Gedanken und Abwägungen jedes Einzelnen. Das macht das Buch spannend und hintergründig, wird ab und zu aber auch etwas chaotisch, da die Perspektiven oft mitten im Absatz wechseln, so dass man sich als Leser wieder zurechtfinden muss, wo man sich im Zusammenspiel der Figuren gerade befindet.

Treue ist ein Roman ohne grosse Höhen und Tiefen, er plätschert ruhig dahin und lässt dadurch Zeit und Raum für die Gedanken der Protagonisten. Missirolis Sprache ist einfach und gut lesbar, sie passt sich dem Lauf der Geschichte an, in einzelnen Passagen vergreift er sich allerdings im Wort, bezeichnet er doch die Sexualität als vögeln (was aber auch der Übersetzung geschuldet sein kann und dann nicht dem Autor zugeschrieben werden dürfte), was irgendwie nicht zum restlichen Sprachduktus passen will. Trotz vieler Innensichten bleiben die Figuren merkwürdig fremd, es fällt schwer, sich mit ihnen zu identifizieren, was aber nicht bedeutet, dass die Fragen, die sie sich stellen, nicht zu eigenen Fragen werden. Als Leser wird man oft auf sich zurückgeworfen, der eigene Blick auf die Fragen der Protagonisten wird herausgefordert.

Fazit:
Die Geschichte von zwei Menschen, die trotz Eheglück mit den Verlockungen der Abwechslung und mit geheimen Sehnsüchten kämpfen. Teilweise etwas chaotisch, aber durchaus empfehlenswert.

Über den Autor
Marco Missiroli, 1981 in Rimini geboren, lebt in Mailand und schreibt für den Kulturteil des »Corriere della Sera«. Er ist Verfasser mehrerer Romane wie »Obszönes Verhalten an privaten Orten« (2017), die Publikum und Kritik gleichermaßen begeisterten. Mit »Treue« gewann Missiroli 2019 den Premio Strega Giovani und stand auf der Shortlist des Premio Strega. »Treue« erscheint in über 30 Ländern, eine auf dem Roman basierende Netflix-Serie startet 2021.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: Wagenbach, K (28. Januar 2021)
ISBN-Nr.: 978-3803133304
Preis: EUR 23 / CHF 35.90

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Doris Dörrie: Alles inklusive


„Ich war einsam, meine Mutter war einsam, und wir wussten es voneinander, das war das Schlimmste.“

Ingrid versucht an einem Hippiestrand in Spanien für sich und ihre Tochter Apple den Lebensunterhalt durch den Verkauf von selbstgemachtem Schmuck zu verdienen. Ingrid ist unglücklich, Apple ist unglücklich, und beide fühlen sich allein. Als Ingrid auf Karl trifft, geht sie mit ihm eine Affäre ein, wobei sie insgeheim hofft, dass er ihre Zukunft sein könnte. Karl, selber verheiratet und Vater von Tim, sieht in Ingrid auch eine Rettung und eine Flucht. Am Ende stehen alle vor den Scherben eines Unglücks, das ihr aller Leben für immer verändern wird: Karls Frau ertränkt sich im Pool. Wie sollen Sie mit diesem Schicksal weiter leben?

30 Jahre später ist Ingrid wieder in Spanien und trifft zufällig auf Karl.

„Ich möchte mir vorstellen, dass einfach nichts weiter geschehen ist zwischen damals und jetzt, als sässen wir an den gegenüberliegenden Enden eines langen Tisches, mit einem unbefleckten weissen Tischtuch zwischen uns, das wir nun langsam von beiden Seiten her zusammen rollen.“

„Alles inklusive“ ist die Geschichte verschiedener Menschen, die alle mit ihrem Leben hadern, daran verzweifeln, falsche Entscheidungen treffen, sich selber ins Unglück reiten. Alle wirken sie auf ihre Weise verrückt und doch auch wie Menschen mit ihren Abgründen und Hoffnungen. Es ist die Geschichte einer Mutter-Tochter-Beziehung, die nie eine wirklich gelebte und gefühlte war und doch Boden für viele Anschuldigungen mit sich bringt. So sagt Ingrid einmal über ihre Tochter:

„Hauptberuflich nimmt sie mir mein Leben von damals übel.“

Doris Dörrie gelingt es, ohne Moralkeule und hochgehobenen Zeigefinger menschliche Schwächen zu erzählen, trotz vieler Tiefschläge und auch verkorkster Lebensentwürfe driftet das Buch nie ins Schwere ab. Es ist wohl gerade die Leichtigkeit des Erzählens, die einen immer weiter lesen lässt, auch wenn die Geschichte ab und an etwas langatmig und gar abstrus wird. Kleine Heiterkeiten wie ein Hund namens Dr. Freud oder launige Beschreibungen und Assoziationen entlocken beim Lesen immer wieder ein Schmunzeln, durch das man gerne über kleine Schwächen hinwegliest.

Fazit:
Nicht die beste Leistung der Autorin, aber durch die Leichtigkeit des Erzählflusses und den klaren Blick auf die menschlichen Kuriositäten durchaus ein Lesevergnügen. Empfehlenswert.

Über die Autorin
Doris Dörrie, geboren in Hannover, studierte Theater und Schauspiel in Kalifornien und in New York, entschloss sich dann aber, lieber Regie zu führen. Parallel zu ihrer Filmarbeit (zuletzt der Spielfilm ›Kirschblüten und Dämonen‹) veröffentlicht sie Kurzgeschichten, Romane, ein Buch über das Schreiben und Kinderbücher. Sie leitet den Lehrstuhl ›Creative Writing‹ an der Filmhochschule München und gibt immer wieder Schreibworkshops. Sie lebt in München.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 256 Seiten
Verlag: Diogenes; 5. Edition (26. Februar 2013)
ISBN-Nr.: 978-3257241938
Preis: EUR 12 / CHF 27.90

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Bücher 2021 – Januar

Meine Lesereise im Januar auf einen Blick – Eine Liste der Bücher, die ich im Januar 2021 gelesen habe:

  1. Blake Gopnik. Andy Warhol
    Angefangen bei seiner Kindheit in Pittsburgh als Sohn einer armen Bauernfamilie erzählt Gopnik auf mitreissende und nie langweilig anmutende Weise Warhols Lebensweg, lässt den Leser daran teilhaben, wie die einzelnen Etappen Warhols späteres Schaffen beeinflusst haben könnten. Nach einem sehr erfolgreichen Start in der Werbe- und Textilindustrie entschied sich Warhol für ein Leben als Künstler, nahm dabei aber viel seiner früheren Arbeit mit.
  2. Doris Dörrie: Leben, schreiben, atmen – eine Einladung zum Schreiben
    Doris Dörrie schreibt mit diesem Buch wohl eines der persönlichsten, das sie bislang geschrieben hat. Es ist ein Buch über ihr Leben, über ihre Erinnerungen an einzelne Momente dieses Lebens. Ein wunderbares Buch, das zum nachdenken, weiterdenken, sich erinnern und schreiben animiert.
  3. Santiago Amigorena: Kein Ort ist fern genug
    Die Geschichte eines polnschen Auswanderers, der im fernen Argentinien mit dem Leid seiner zurück gebliebenen Mutter im Krieg konfrontiert ist und sich Fragen nach Identität, Schuld und Verantwortung stellt. Ein tiefes, bewegendes, mitreissendes Buch, das zum nachdenken, weiterdenken, sich und das Leben hinterfragen anregt.
  4. Bas Kast: Das Buch eines Sommers
    Bas Kast erzählt sehr fein und leise die Geschichte eines Mannes, der sich selber wieder finden muss, weil er sich vor Jahren von sich entfernt hat – ohne dies selber zu merken. Es ist eine Geschichte einer Liebe, die Geschichte vom Erfolg, aber auch eine Geschichte über Verlust und Aufgabe. Ein wunderbares Buch, das einen an die Hand nimmt und auf eine Reise mitnimmt, die im besten Fall zu einem selber führt.
  5. Ilona Hartmann: Land in Sicht
    Ilona Hartmann schreibt mit „Land in Sicht“ die Geschichte einer jungen Frau auf der Suche nach ihren Wurzeln. Sie begibt sich auf eine Reise, wo sie ihren Vater trifft, ohne den sie aufgewachsen ist. Jana trifft auf dieser Reise nicht nur ihren Vater, sie wird auch mit vielen eigenen Vorurteilen, Vorstellungen konfrontiert, die sie revidieren muss. Und sie wird immer wieder auf sich selber zurück geworfen, erkennt, was sie nicht wahrhaben wollte.
  6. Hera Lind: Die Frau zwischen den Welten
    Als Kind einer Deutschen und eines Tschechen erfährt Ella schon als kleines Kind, wie es ist, zwischen den Stühlen zu sitzen. Das Schicksal will es, dass ihre Familie immer auf der falschen Seite steht und das machthabende Regime gegen sich hat. Die Frau zwischen den Welten ist ein bewegendes Buch über eine Frau, die vom Schicksal mehr als auf die Probe gestellt wurde. Als sie auf die Liebe ihres Lebens trifft, scheint endlich alles gut zu werden – doch hält das Glück an?
  7. Ray Bradbury: Zen in der Kunst des Schreibens
    Das Buch versammelt 11 zu unterschiedlichen Zeiten geschriebene Essays, welche sich mit verschiedenen Aspekten von Bradburys Schreiben befassen. Dabei kann der erste als grundlegend für die anderen gelten, heisst er doch „Die Freude am Schreiben“. Einblicke in das Schreiben eines Autoren, auf humorvolle und unterhaltsame Weise vermittelt. Kein Schreibratgeber im üblichen Sinne, aber ein Buch, bei der die Freude am Schreiben aus allen Zeilen tropft.
  8. Delphine de Vigan: Dankbarkeiten
    Früher unabhängig und stolz auf ihre Fähigkeit, mit Sprache umzugehen, verliert Michka nach und ach, was ihr mal wichtig war: Wörter. Eins ums andere lässt sich nicht mehr finden, sie taucht vergeblich danach oder ersetzt es durch ein anderes, ähnlich klingendes. Delphine de Vegan erzählt auf stille und fast zärtliche Weise die Geschichte einer Frau, die damit konfrontiert ist, immer mehr zu verlieren. Dankbarkeit ist ein Buch über das Altern, über den Verlust, aber auch ein Buch über das Leben, die Dankbarkeit und die Kraft des Mitgefühls, des Mit- und Füreinanders.

Was ist gute Literatur?


Kürzlich stellte ich ein Bild meiner aktuellen Lektüre ins Netz. Und ich erntete prompt Naserümpfen, hochgezogene Augenbrauen (nicht gesehen, nur aus jedem Buchstaben tropfend) und Nachfragen:

„Du liest DIE Autorin????“

Das „wie kann man nur!!!!!!!“ klang förmlich mit. Ja, mir war sie auch von früher als eher seicht bekannt, doch: Als ich im Regal im Laden stöberte, fiel mir das Buch auf, der Klappentext überzeugte der Geschichte wegen – ich habe es gekauft und das nicht bereut.

Es wäre wohl alles anders gelaufen. Hätte ich gelesen, wer die Autorin ist. Die fiel mir schon mal negativ auf, die les ich nicht. Die schreibt eh nur Schund, das ist unter meinem Niveau. Etwa so klangen ja auch die Kommentare. Ich dachte: Die Geschichte klingt gut, die interessiert mich, ich gebe dem Buch eine Chance. Und mir damit eine auf unterhaltsame Zeit.

Und: Ich wurde belohnt. Das Buch hat mich gepackt, ergriffen, mitgerissen. Ich bin nun knapp über der Hälfte und ich kann es kaum erwarten, weiter zu lesen. Jeder, der hier liest, hat irgendwie Glück, denn: ich könnte nun lesen, aber ich schreibe….wieso?

Weil es mir am Herzen liegt. Ich habe Literaturwissenschaften studiert. Alte und neue Literatur. Und ja, ich habe alles mit „summa cum laude“, Note 6 (in der Schweiz das höchste) abgeschlossen. Schreibe ich das, um mich irgendwie gross zu machen? Nö. Es bringt mir im Leben nichts. Aber so ganz und gar gar nichts. Ausser: Ich beherrsche das Fach. Das wurde mir mehrfach bestätigt.

Ich wurde oft gefragt, wieso ich keine Verrisse schriebe. Ich schreibe Rezensionen nur dann, wenn mir das Buch gefiel. Denn: Nur dann lese ich es zu Ende. Und mich kümmert dabei überhaupt nicht, wer der Autor war. Ich könnte klar sagen, wieso mir etwas nicht gefiel. Vielleicht fange ich damit doch mal noch an. Aber zu sagen: Lest das ja nicht??? So viel, das ich nicht lesen konnte/wollte, gefiel andern. Und das ist doch wunderbar. Und so ein Buch zu schreiben ist unglaublich viel Aufwand, Zeit und Herzblut. Schon das achte ich als Leistung. Auch ich bin der Meinung, dass ganz viel Müll da draussen zwischen Buchdeckeln rumgeistert. Aber: Das ist meine bescheidene Meinung. Wenn jemand das toll findet, darum liest, sich darum besser fühlt? Wunderbar.

Und so bleibe ich dabei: Ich werde keine Verrisse schreiben. Vielleicht fange ich an, zu schreiben, wieso ich Bücher nicht weiter lesen konnte. Das waren dann meine Gründe. Ganz persönlich. Wenn ich aber eine Rezension schreibe, kann man davon ausgehen: Ich habe das Buch gelesen und das ist meine Meinung. Auch ganz persönlich! Was ich dabei spannend fände – immer: Wie sieht das ein anderer?

Ich bin überzeugt: Nicht nur der Autor macht das Buch, der Leser hat auch einen Anteil. Und der interessiert mich immer auch.

Ilona Hartmann: Land in Sicht


„Willkommen an Bord. Das hier müssen Sie noch ausfüllen.“ Sie schiebt ein Klemmbrett mit einem Formular und einem Kugelschreiber über den Tresen. Mit klammen Fingern greife ich danach und trage zittrig einen Namen ein, von dem ich hoffe, dass es meiner ist. Jana Bühler, wahrscheinlich 24 Jahre alt, wohnhaft irgendwo, Adresse vergessen.

Jana wächst alleine mit ihrer Mutter auf, einen Vater vermisst sie nie, im Gegenteil, es ist ihr nicht ganz klar, was so ein Mann im Leben überhaupt tun könnte, zumal ihre Mutter ja schon alles macht. Väter kennt Jana nur aus Filmen und von Freundinnen – aus diesen baute sie sich ihr Vaterbild zusammen. Und irgendwann kommt doch die Sehnsucht in ihr Leben, den eigenen Vater kennenzulernen.

Ich muss meinen Vater finden und kennenlernen, sagte ich mir, sonst bleibe ich vielleicht für immer nur halb – halb ich, halb da, halb am Leben.

Kurze Zeit später findet sich Jana auf einem Kreuzfahrtschiff auf der Donau wieder unter lauter älteren Menschen, dem üblichen Publikum solcher Schifffahrten. Ihr Vater ist der Kapitän und sie hat nun sechs Tage Zeit, ihn näher zu betrachten…. und dann? Wird sie sich zu erkennen geben? Was könnte das schlimmste sein, was passiert? Was das beste?

Ilona Hartmann schreibt mit „Land in Sicht“ die Geschichte einer jungen Frau auf der Suche nach ihren Wurzeln. Sie tut dies in einer klaren, präzisen Sprache, mit lapidaren Untertönen, hingeworfenen Witzen, schonungslos ehrlichen Beobachtungen, die sie in ebensolche Worte packt. Auf diese Weise gelingt es ihr, Jana lebendig werden zu lassen, man glaubt als Leser, sie zu kennen, so stimmig, so fassbar tritt sie einem entgegen durch diese so authentisch wirkende Sprache.

Jana trifft auf dieser Reise nicht nur ihren Vater, sie wird auch mit vielen eigenen Vorurteilen, Vorstellungen konfrontiert, die sie revidieren muss. Und sie wird immer wieder auf sich selber zurück geworfen, erkennt, was sie nicht wahrhaben wollte. Das Buch sticht nicht wirklich tief, es bleibt immer ein wenig an der Oberfläche, auch wenn man Tiefen zwischen den Zeilen spüren (oder vermuten) kann. Dadurch bleibt es kurzweilig und gut lesbar, eine unterhaltsame Lektüre, die einen doch auch dann und wann mit Fragezeichen zurück lässt.

Fazit:
Ein kurzweiliges, gut lesbares Buch über die Suche einer jungen Frau nach ihren Wurzeln und auch nach sich selber. Sehr empfehlenswert.

Über die Autorin
Ilona Hartmann ist freie Autorin und Texterin. Geboren 1990 bei Stuttgart zog sie direkt nach dem Abitur erst nach Leipzig und dann nach Berlin, vor allem aber ins Internet, wo sie bis heute lebt. “Land in Sicht” ist ihr erster Roman. Texte von ihr finden sich regelmäßig auf ZEIT Online, in Der Freitag und auf Twitter. Instagram @ilona_hartmann Twitter @zirkuspony  

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 160 Seiten
Verlag: Blumenbar(21. Juli 2020)
ISBN-Nr.: 978-3351050764
Preis: EUR 18 / CHF 27.90

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Bas Kast: Das Buch eines Sommers

Werde, der du bist

„Was an ihm war es, das mich so faszinierte? War es die schlichte Tatsache, dass er Schriftsteller war und ich das damals selbst auch so gern werden wollte?

In jungen Jahren war es klar: Nicolas wollte Schriftsteller werden wie sein skurriler Onkel, der von seinem Vater belächelt, von ihm verehrt wurde. Als er nach dem Abi quasi die Welt offen hatte, auf Reisen gehen wollte, versank er im Liebeskummer und die Reise führte ihn schliesslich zu seinem Onkel aufs Land, wo er einen Sommer verbrachte. Schriftsteller wird er dann doch nicht, sondern er übernimmt pflichtbewusst das Geschäft seines Vaters, heiratet, wird Vater, wenn auch ein durch die Arbeitslast eher abwesender. Auch die Liebe läuft mehr nebenher, ist Nicolas doch hauptsächlich damit beschäftigt, das Familienunternehmen erfolgreich zu führen.

Plötzlich klingelt das Telefon, seine Frau: Valentin ist gestorben. Die kleine Familie bricht auf, um sich vor Ort um die Beerdigung und andere Formalitäten zu kümmern. Aus dieser Reise wird für Nicolas eine Reise zu sich selber. Ist er wirklich der geworden, der er sein will? Hat er seinen Traum verraten? Ihm fällt auf, dass er in den letzten Jahren nur noch durchs Leben gehetzt ist.

„Wer oder was hetzte mich eigentlich? Woher kam dieser Drang, jeden Moment bloss so schnell wie möglich hinter mich bringen zu müssen, nur, um zum nächsten Moment zu eilen, als würde dieser das grosse Glück für mich bereithalten?“

Doch: Hatte er eine Wahl gehabt? Wirklich? Wie viel an eigenen Idealen und Wünschen steckt in seinem jetzigen Leben? Ist das, was er führt, ein gelungenes Leben?

Nach seinem sehr erfolgreichen Sachbuch „Der Ernährungskompass“ ist „Das Buch eines Sommers“ Bas Kasts erster Roman und: Es ist ihm damit ein grossartiges Buch gelungen. Bas Kast erzählt sehr fein und leise die Geschichte eines Mannes, der sich selber wieder finden muss, weil er sich vor Jahren von sich entfernt hat – ohne dies selber zu merken. Es ist eine Geschichte einer Liebe, die Geschichte vom Erfolg, aber auch eine Geschichte über Verlust und Aufgabe. Nie wird psychologisiert, nie moralisiert, nie über Gebühr philosophiert, es wird erzählt. Und in diesem Erzählen wird der Leser mitgenommen auf eine Reise – im besten Fall auch zu sich selber.

Fazit:
Ein wunderbares Buch, das einen an die Hand nimmt und auf eine Reise mitnimmt, die im besten Fall zu einem selber führt. Sehr empfehlenswert.

Über den Autor
Bas Kast, geboren 1973 in Landau, Pfalz, ging in den Niederlanden, Deutschland und Kalifornien zur Schule, studierte Psychologie und Biologie unter anderem am MIT in Boston. Ursprünglich wollte er Hirnforscher werden oder zumindest etwas Vernünftiges tun, wandte sich dann aber dem Schreiben zu. ›Der Ernährungskompass‹ wurde ein Weltbestseller, den allein in Deutschland über eine Million Menschen gelesen haben. ›Das Buch eines Sommers‹ ist sein erster Roman und erschien 2020 im Diogenes Verlag. Kast schreibt herzzerreißend schön und mit großer Sachkenntnis.

Mehr Infos unter: baskast.de

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (23. September 2020)
ISBN-Nr.: 978-3257071504
Preis: EUR 22 / CHF 33.90

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Santiago Amigorena: Kein Ort ist fern genug

Nein, angemessen auf das Masslose zu reagieren, das war unmöglich. Und wer das von den Opfern verlangt, der müsste auch von dem an den Strand geworfenen Fisch verlangen, dass er sich prompt Beine wachsen lasse, um in sein feuchtes Element zurückzuspazieren. (Günther Anders, Wir Eichmannsöhne)

Vicente Rosenberg, ein polnischer Jude, welcher im ersten Weltkrieg tapfer für sein Land kämpfte, beschliesst im Jahr 1928, dieses zu verlassen und mit seinem Freund nach Argentinien auszuwandern. Das Leben ist schön. Vicente hält sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser, lernt seine Traumfrau kennen, heiratet, Kinder kommen. Als liebevoller Vater, gut eingebundener Freund und durch den Schwiegervater zu einem Möbelhaus gekommener Geschäftsmann geht er durch die Tage und Jahre.

Polen ist weit weg, irgendwie vergessen – damit auch seine Familie da. Dann und wann nagt ein schlechtes Gewissen, er schreibt halbherzig Briefe und fordert die Mutter auf, auch nach Argentinien zu kommen zumal sich die Lage in Europa zuspitzt, Krieg ausbricht, die Juden mehr und mehr unter Druck sind. Irgendwann ist es zu spät, an ein Ausreisen ist nicht mehr zu denken. Die Briefe der Mutter kommen spärlicher, in Vicente regt sich immer mehr das Gewissen und Fragen stellen sich: Wer ist er eigentlich? Pole? Argentinier? Jude?

Nie hatte er sich als Jude gefühlt, diese Identität war ihm erst durch die Nazis auferlegt worden.

Wie alle Juden hatte Vicente geglaubt, vieles zu sein, bis die Nazis ihm zeigten, dass ihn tatsächlich nur eines charakterisierte: sein Jüdischsein. […] Wie viele Juden verstand Vicente allmöhlich, dass der Antisemitismus Semiten braucht, um existieren zu können, er begriff allmählich, dass ein Antisemit, der sich als solcher definiert, nicht dulden kann, dass ein Semit sich nicht selber so definiert.

Vicente zieht sich immer mehr zurück. Von allen Nachrichten, von seinen Freunden, von seiner Familie – und am Schluss von der Sprache. Er schweigt.

Kein Ort zu fern“ ist ein Buch über Identität, über Krieg, über den Umgang mit eigenem Leid, mit Schuld und mit dem eigenen Überleben, wenn andere sterben. Es ist ein Buch, das in die Tiefe geht, das Fragen stellt, wo es keine Antworten mehr gibt. Was soll man noch sagen im Angesicht des Unaussprechlichen? Was kann man sich noch vorstellen, wenn die Welt unvorstellbar und grausam wurde? Was ist ein Leben wert? Und darf einer ein Leben haben, wenn der andere es verliert? Und: Es ist eine wahre Geschichte, es ist die Geschichte von Santiago Amigorenas Grossvater.

Vor fünfundzwanzig Jahren habe ich begonnen zu schreiben, um das Schweigen zu bekämpfen, an dem ich seit meiner Geburt fast ersticke. Die Seiten, die Sie hier in Händen halten, liegen diesem mehrteiligen literarischen Projekt zugrunde.

Zu sagen, es sein ein wunderbares Buch, wäre zwar insofern richtig, als es tief geht, berührt, bewegt, gefühlvoll geschrieben ist, ohne weinerlich, psychologisierend oder moralisch zu werden. Da das Thema des Buches aber so aufwühlend, so verstörend ist, indem es die dunkelsten Zeiten der Vergangenheit, die grausamsten Seiten des Menschseins aufzeigt, wäre das Wort irreführend. Es bleibt zu sagen, dass es ein Buch ist, das von der ersten bis zur letzten Seite mitreisst und anregt – zum Denken, Hinterfragen, Mitfühlen.

Fazit:
Ein tiefes, bewegendes, mitreissendes Buch, das zum nachdenken, weiterdenken, sich und das Leben hinterfragen anregt. Sehr empfehlenswert.

Über den Autor
Santiago Amigorena, 1962 in Buenos Aires geboren, lebt und arbeitet in Paris. Er ist Autor, Drehbuchautor und Filmemacher. „A few Days in September“ (2006) mit Juliette Binoche, die seine Partnerin war, und Nick Nolte wurde international gefeiert. Sein Roman „Kein Ort ist fern genug“ wurde in Frankreich zum Bestseller, war u. a. für den Prix Goncourt nominiert und erscheint in zwölf Ländern weltweit.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 184 Seiten
Verlag: Aufbau Verlag (21. Juli 2020)
ISBN-Nr.: 978-3351038311
Preis: EUR 20 / CHF 31.90

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Doris Dörrie: Leben, schreiben, atmen

Eine Einladung zum Schreiben
„Dieses Buch ist eine Einladung zum Schreiben über sich selbst. Wenn man schreibt, schreibt man immer über sich selbst. Es ist abwechselnd wunderbar, schmerzhaft, narzisstisch, therapeutisch, herrlich, befreiend, tieftraurig, beflügelnd, deprimierend, langweilig, belebend.“

Doris Dörrie schreibt mit diesem Buch wohl eines der persönlichsten, das sie bislang geschrieben hat. Es ist ein Buch über ihr Leben, über ihre Erinnerungen an einzelne Momente dieses Lebens. Es ist ein Buch über das Erinnern generell. Ich erinnere mich.

„Schreibend halte ich mich am Leben und überlebe. Jeden Tag wieder. Ich schreibe, um diese unglaubliche Gelegenheit, am Leben zu sein, ganz genau wahrzunehmen und zu feiern. Ich schreibe, um einen Sinn zu finden, obwohl es am Ende wahrscheinlich keinen gibt.“

Dieser Satz führt wie ein roter Faden durch das Buch, das einen mitnimmt auf eine Reise sowohl durch Doris Dörries Leben wie auch auch durch das eigene. Denn an jede Anekdote dieses erinnerten und erzählten Lebens ist eine Aufforderung geknüpft. Nun ist der Leser dran. An welche Kleider der Kindheit erinnert er sich? An welche Ausflüge? Freunde? Erste Momente? Verluste? Gerüche? Gefühle?

„Schreibend erforsche ich die Welt. Meine Welt. Was beeindruckt mich? Was merke ich mir? Was erschüttert mich? Was erheitert mich? Was begeistert mich? Woran erinnere ich mich?“

Leben, schreiben, atmen“ ist nicht nur eine Aufforderung zu schreiben, es ist auch eine Aufforderung, das eigene Leben bewusst zu beleuchten. Wo komme ich her? Wer bin ich? Wie bin ich der geworden, der ich heute bin? Es ist ein Buch, das zu Fragen anregt, das einen auffordert, die eigene Geschichte neu aufzurollen und genau hinzusehen. Habe ich bislang die richtige Geschichte über mich erzählt? Gefällt mir diese Geschichte? Könnte ich meine Geschichte auch anders erzählen? Wäre ich dann ein anderer Mensch?

Doris Dörrie hat nicht einfach einen neuen Schreibratgeber geschrieben. Es geht weder um das Schreiben von Verkaufsschlagern noch um das von geschliffenen und korrekten Sätzen. Es geht um das Tiefer tauchen in den eigenen Erinnerungen, um das bewusste in die Zukunft gehen durch das Wissen um die Vergangenheit. Herausgekommen ist ein inspirierendes, bewegendes, mitreissendes, tiefgründiges und wunderbares Buch. Man möchte als Leser laut danke sagen dafür!

Fazit:
Ein wunderbares Buch, das zum nachdenken, weiterdenken, sich erinnern und schreiben animiert. Sehr empfehlenswert.

Über die Autorin
Doris Dörrie, geboren in Hannover, studierte Theater und Schauspiel in Kalifornien und in New York, entschloss sich dann aber, lieber Regie zu führen. Parallel zu ihrer Filmarbeit (zuletzt der Spielfilm ›Kirschblüten und Dämonen‹) veröffentlicht sie Kurzgeschichten, Romane, ein Buch über das Schreiben und Kinderbücher. Sie leitet den Lehrstuhl ›Creative Writing‹ an der Filmhochschule München und gibt immer wieder Schreibworkshops. Sie lebt in München.

Hier eine Leseprobe: Leben, schreiben, atmen – Leseprobe

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 176 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (2019)
ISBN-Nr.: 978-3-257-07069-9
Preis: EUR 18 / CHF 27.90

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Husch Josten: Land sehen

Der Anruf kam im Juni des Sommers, da man viel vom Bienensterben sprach und Mücken nicht totzukriegen waren. Kurz nach Fronleichnam, von einem unbekannten Anschluss, gegen drei Uhr morgens.

Hora, eigentlich Horand Roth, Literaturprofessor und eher zurückgezogen, staunt nicht schlecht, als eines Morgens das Telefon klingelt und sein lange verschwundener Onkel Georg am Draht ist. Hora erinnert sich noch an gemeinsame Stunden am Klavier, an das wilde Leben des Onkels, an seine unkonventionellen Ansichten. Nach einem kurzen Austausch, bei welchem Georg eröffnet, dass er als Mönch einem Orden beigetreten ist, Hora aber mit dieser Information und vielen offenen Fragen zurück lässt, verspricht Georg, sich wieder zu melden, was er drei Wochen später auch tut und vor der Horas Universität steht. Die Überraschung ist gross, als Georg eröffnet, dass er eine Weile in der Gegend bleiben will.

Es entsteht eine enge Beziehung zwischen den beiden Männern, bei regelmässigen Treffen reden sie über Themen wie Glaube, was er ist, über die Liebe, das Leben. Sie erinnern sich an die Vergangenheit und doch erfährt Hora weniger, als er gerne erfahren würde. Er ist auf der Suche nach Antworten, die nur zögerlich kommen. Und doch fügt sich langsam, Stein für Stein, das Mosaik der Vergangenheit zusammen, Familiengeheimnisse kommen ans Licht – und lassen alle Beteiligten nicht unberührt.

Ein sehr feinfühlig geschriebener Roman über die Liebe, über Familien, über Familiengeschichten und die eigenen Muster, die man aus diesen zieht. Ein Buch über die Liebe, über den Glauben, ein Buch über Freundschaft und Loyalität.

Nach einer langen Leseflaute war dies das erste Buch, das mich wieder packte. Wie gerne hätte ich noch lange weitergelesen. Das Ende des Buches war ein Abschied, mir durch die Erzählung ans Herz gewachsene Menschen verschwanden wieder aus meinem Leben.

Fazit:
Nachdenklich, dicht, sprachlich und inhaltlich packend. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Husch Josten
Husch Josten, geboren 1969, studierte Geschichte und Staatsrecht in Köln und Paris. Sie volontierte und arbeitete als Journalistin in beiden Städten, bis sie Mitte der 2000er-Jahre nach London zog, wo sie als Autorin für Tageszeitungen und Magazine tätig war. 2011 debütierte sie mit dem Roman »In Sachen Joseph«, der für den Aspekte-Literaturpreis nominiert wurde. 2012 legte sie den vielgelobten Nachfolger »Das Glück von Frau Pfeiffer« vor und 2013 den Geschichtenband »Fragen Sie nach Fritz«. 2014 erschien »Der tadellose Herr Taft« sowie zuletzt die Romane »Hier sind Drachen« (2017) und »Land sehen« (2018) im Berlin Verlag. Jüngst wurde ihr der renommierte Literaturpreis der Konrad Adenauer Stiftung (2019) verliehen. Husch Josten lebt heute wieder in Köln.

Angaben zum Buch:
Gebundene Auagabe: 240 Seiten
Verlag: Berlin Verlag (1. August 2018)
ISBN-Nr.: 978-3827013798
Preis: EUR  20 / CHF 31.90

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