Tagesbild: Hello, it’s me

Ich
„
Sklaverei ertrag ich nicht

Ich bin immer ich

Will mich irgend etwas beugen

Lieber breche ich.

Kommt des Schicksals Härte

oder Menschenmacht

Hier, so bin ich und so bleib ich

Und so bleib ich bis zur letzten Kraft.

Darum bin ich stets nur eines

Ich bin immer ich

Steige ich, so steig ich hoch

Falle ich, so fall ich ganz.
(Ingeborg Bachmann)

Aristoteles plädierte für den mittleren Weg als guten Weg, ein Gedanke, der sich in vielen Philosophien findet. Extreme sollen vermieden werden, weil sie oft ein „zu“ in sich tragen, welches dann Unruhe oder gar Leid mit sich bringt. Leider musste ich über die vielen Jahre merken, dass ich für mittlere Wege irgendwie nicht das Naturell bin. Es wurde etwas milder mit den Jahren, doch es blieb dabei: Was ich bin, das bin ich ganz. Und so verschreibe ich mich den Dingen auch ganz, mag keine halben Sachen.

Würde ich es empfehlen? Nein. Ich stelle mir einen gemässigten, ruhigeren Weg sehr schön und friedlich vor. Es ist einfach nicht meiner. Wenn ich früher hörte, ich müsste das lernen, fühlte ich mich schlecht. Ich dachte, mit mir ist etwas nicht in Ordnung. Und ich habe gelernt. Nämlich: Das ist Quatsch. Den mittleren Weg finde ich zwar toll, es ist einfach nicht meiner.

Wie haltet ihr es? Ganz oder gar nicht oder aber die goldene Mitte?

Habt einen schönen Tag!

Eine Geschichte: Elternbesuchstag (XXIII)

Lieber Papa

Ich mochte vieles an der Schule nicht, ganz schlimm fand ich die Elternbesuchstage. Erinnerst du dich auch? Es muss einer der ersten gewesen sein. Meine Tischnachbarin sagte etwas zu mir, ich musste lachen. Die Lehrerin schaute uns an, machte weiter. Sie schimpfte nicht. Das machtest du dann zu Hause. Ich hatte mir solche Mühe gegeben den ganzen Tag. So vieles habe ich gut gemacht. Ich wurde sogar gelobt von der Lehrerin. Das war alles kein Thema mehr. Nur das eine Lachen. Das warfst du mir vor die Füsse. Alle anderen hätten sich benommen. Nur ich nicht. Alle anderen seien brav gewesen. Nur ich sei negativ aufgefallen. Wieder einmal. Ich. Nicht gut genug. Alle anderen. Nur ich nicht.

Als der nächste Elternbesuchstag anstand, war ich aufgeregt. Ich wollte mir noch mehr Mühe geben. Ich sass da. Machte mit. War brav. Alles lief super. Am Schluss mussten wir aufstehen und nach vorne gehen, wo wir noch ein Lied sangen. Zum Abschluss. Ich war froh. Es war gut gelaufen. Du wärst stolz auf mich. Endlich. Unser Klassenclown stellte sich neben mich. Er schnitt Grimassen. Ich liess mich davon nicht ablenken. Lachte nicht, auch wenn es mich innerlich fast zerriss. Er war zu komisch. Ich habe es geschafft. Und lief dir freudig entgegen. Wir sind schweigend nach Hause gelaufen. Ich wusste, etwas ist nicht gut. Nur was war es? Ich war doch das Mädchen gewesen, das du dir wünschst. Brav, aufmerksam, still. Wie falsch ich lag. Ausgerechnet ich hätte neben diesem Jungen stehen müssen, der auffiel. Das hast du mir vorgeworfen.

Ich glaube, du hattest dieses klare Bild im Sinn, wie ein Mädchen sein sollte. Wie «man» zu sein hatte, wenn man ein Mädchen war. Ich musste nur noch passend gemacht werden. Ich musste zu diesem «man» werden. Ich habe gnadenlos versagt. Gnadenlos war auch deine Reaktion immer wieder. Enttäuschung. Verachtung. Schweigen. Ich wurde inexistent, weil ich nicht war, wie ich hätte sein sollen. Weil ich nicht war, wie man war.

Wenn ich das schreibe, fühle ich noch tief in mir die Einsamkeit. Und die Hilflosigkeit. Und eine grosse Trauer. Allem voran aber auch eine Unsicherheit. Ich bin wohl noch heute nicht so, wie man sein sollte. Ich höre es immer wieder:

«Wieso tut sie das? Wieso ist sie so?»

Du hattest wohl recht mit allem. So ist man nicht. So anders. Und es tut auch oft weh. Und doch kann ich nicht anders sein. Ich bin so. Und will es auch sein. Weil ich mich so wohlfühle mit mir. Nur mit den anderen nicht. Mit denen, die mich auch gerne anders hätten, mehr als jemanden, weniger als mich. Vielleicht wolltest du mich nur davor schützen? Vielleicht hofftest du, mir diesen Schmerz ersparen zu können, wenn du mich frühzeitig «normal» machst. Ich versuchte lange, mich anzupassen, indem ich mich verbog. Passend machte. Was selten gelang. Vermutlich, weil es für mich auch nicht mehr stimmte. Heute weiss ich, dass vieles einfacher gewesen wäre, wenn ich schon früh gelernt hätte, dass jeder sein darf, wie er ist. Weil ich in mir hätte vertrauen können, dass ich liebenswert bin als ich. Dass ich geliebt werde. Das Vertrauen fehlte mir. Ich musste es lernen. Für mich.

«Was man tut» und «was sich gehört» sind wohl Kategorien, mit denen viele aufgewachsen sind. Das «man» war die Richtgrösse, an der wir gemessen wurden. Gefolgt wurden sie vom Spruch

«Was sollen bloss die Leute denken?»

Er geistert noch heute in meinen Hirnwindungen herum. Bei vielem, was ich tun will, kommt er mir in den Sinn: Was werden die Leute denken, wenn… Der Satz ist zu einer Prägung geworden, zu einem Prüfstein, an dem ich mich messe und meist für zu leicht befinde.

Das Schreiben hilft mir, diese Prägungen zu erkennen. Es hilft mir, die Enge, das Korsett, den Druck in der Brust zuzuordnen, wenn ich in meine Muster verfalle. Es hilft, den Atem wieder frei fliessen zu lassen. Sogar beim Schreiben fiel mir auf, dass ich ihn angehalten habe. Vermutlich schreibe ich auch darum: Um wieder frei atmen zu können.

(«Alles aus Liebe», XXIII)

Gedankensplitter: Authentisch sein

Viele kennen ihn wohl, den Satz: «Was werden bloss die anderen denken?» Dieser Satz war keine Frage, es war ein Hinweis darauf, dass etwas Ungehöriges im Gange war, und es gab eine richterliche Instanz: Die anderen, die die Stimme der Moral verkörpern. Sätze wie dieser haben die Angewohnheit, sich in einem festzusetzen. Fortan leben sie gemütlich im eigenen Sein, breiten sich aus und melden sich zu allen möglichen Gelegenheiten wieder zu Wort. Man möchte etwas tun, und zack: «Was werden bloss die anderen denken?»

Wir versuchen uns oft, anzupassen, wollen dazugehören, geben dafür Dinge auf, von denen wir denken, dass sie nicht genehm sind. Dass wir uns damit stückweise selbst aufgeben, nehmen wir in Kauf, wollen wir doch nicht Fremde sein und bleiben in dieser Welt, sondern einen Platz in ihr haben – es ist nicht nur ein Wollen, es ist ein Brauchen. Nur: Auch dann noch wird es Situationen geben, in denen wir in Konflikt geraten mit anderen Wertvorstellungen. Auch dann noch werden wir nicht allen gefallen. Nicht zu gefallen bei allem Bestreben, gefällig zu sein, ist ungleich schmerzhafter, weil man dann alles verloren hat: Sich selbst und das, was man damit erreichen wollte.

Vielleicht darf der Satz «Was werden die anderen denken?» bleiben, man darf ihm aber antworten. Zum Beispiel mit «Lass sie reden!» Wegzukommen von der Fremdbestimmung hin zu einer authentischen Lebensweise ist sehr befreiend. Das wird nie allen gefallen, nur: Wer soll der Massstab sein? Wer einen wegen seines So-Seins ablehnt, beweist damit nur die eigene Intoleranz, sagt aber nichts über einen selbst aus. Mit Humor geht das alles noch viel besser, Epiktet machte es vor:

«Wenn dir jemand mitteilt, dir sage jemand Böses nach, dann rechtfertige dich nicht, sondern antworte: Er kannte wohl meine anderen Fehler nicht; denn sonst würde er nicht nur diese hier erwähnen.»

Habt einen schönen Tag!

Lebenskunst: Die innere Burg

„Was ist also zu tun? Das Beste aus dem zu machen, was in unserer Macht liegt, und den Rest so zu nehmen, wie es von Natur aus geschieht.“ Epiktet

Als Menschen sind wir soziale Wesen und von anderen abhängig. Ohne sie entgeht uns alles, was uns zu Menschen macht, ohne Beziehungen bleiben wir und die Welt uns fremd. Nun reicht es nicht, dass da einfach andere Menschen sind, zwischen mir und diesen Menschen muss eine Verbindung entstehen, eine Beziehung, in der ich mich als mich angenommen fühle. Was, wenn das nicht klappt?

Du bist, wie du bist und du bist nicht genehm
Du bist, wer du bist, und du wirst nicht geseh’n.
Du wirst ausgemessen und sorgsam geprüft,
man schaut nur von aussen, mehr will man nicht seh’n.

Das reicht schon zu wissen, ob du wirklich passt.
Du denkst dir nichts Böses, du möchtest nur sein.
Und merkst ganz tief drin, ich gehör’ hier nicht rein.
Du fühlst dich alleine, verlassen und leer.

Du fühlst dich verloren, und möchtest weggeh’n.
Du stellst dir die Frage: «Wo soll ich nur hin?
Wo ist der Ort bloss, für mich, wie ich bin?»

Allen werde ich nie gefallen, danach zu streben hiesse, mich immer wieder selbst zu verletzen durch falsche Hoffnungen und Erwartungen und die darauffolgenden Enttäuschungen. Es bleibt wohl nur eines: Ich muss mir immer wieder klar werden, wer ich bin und was ich will und brauche im Leben. Und dann muss ich sehen, ob ich das in solcher Form kriege an dem Ort, wo ich bin, oder ob ich vielleicht am falschen Platz bin. Gäbe es einen passenderen? Vielleicht reichen auch schon kleine Anpassungen aus, um einen Ort zu einem passenden zu machen.

Auch helfen könnte, mir ein Schutzschild zu errichten, eine innere Burg, in der ich für mich geborgen bin, wenn ich mich im Aussen nicht mehr zurechtfinde. Eine Möglichkeit, mich zurückzuziehen, in mich zu gehen, bis ich wieder zur Besinnung komme: Ich bin, wie ich bin, und das ist gut so. Und dann trete ich wieder hervor und schaue, ob das auch noch andere finden. Und wenn ich mich auf die konzentriere, statt immer jene im Blick zu haben, die mich ablehnen, stehe ich plötzlich in einer Welt, in der ich mich wohlfühlen kann.

Lebenskunst: Leben aus tiefstem Herzen

„Gunst suchen ist erniedrigend:
erschreckend, wenn sie erlangt ist,
erschreckend, wenn sie verloren geht.“
Laotse (Tao Te King, 13)

„Was denken wohl die anderen?“ Ein Satz, der oft auf Gedanken kommen, was man eigentlich machen möchte, sich aber nicht traut und drum verbietet, weil man fürchtet, von anderen abgelehnt, belächelt, gar verstossen würde. Wie oft trauen wir uns nicht, unsere Sehnsüchte und Wünsche zu leben, passen und über Gebühr an, um anderen Erwartungen zu entsprechen. Wir unterdrücken unser ureigenstes Sein für Anerkennung, Ruhm, Geld, Macht – alles Dinge im aussen, die einem zugesprochen werden, wenn man systemkonform lebt. Ansonsten – so fürchtet man zumindest – steht man am Rand, im Dunkeln, ausgeschlossen. Wie sagte schon Brecht so schön:

„Die im Dunkeln sieht man nicht.“

Und so streben wir oft zum Licht des schönen Scheins, vergessen dabei unser inneres, das unseres Seins. Im Tarot gibt es die Karte des Narren, die Null. Sie symbolisiert Unwissenheit, stellt einen Anfang dar. Sie steht dafür, unbedarft in die Welt zu gehen, aus sich selbst heraus sich darin einzurichten mit seinen eigenen Wünschen, Sehnsüchten, (Lebens-)Träumen. Dazu braucht es Vertrauen, Vertrauen in sich, in die Welt und das Vertrauen, dass man als Ich in dieser Welt seinen Platz hat und findet. Denn: er steht jedem Wesen zu.

Wieso soll ich mir also nicht die Narrenfreiheit nehmen, mit Mut und Entschlossenheit das leben, was ich tief in mir drin bin und will? Ganz im Sinne von Udo Jürgens Lied:

„Heute beginnt der Rest deines Lebens.“

Lebenskunst: Folge deiner Natur

«Das höchste Gut, sagen sie, sei es, in Einklang mit der Natur und in Harmonie mit ihr zu leben.» Cicero

Ich setze einen Apfelkern in den Boden und giesse die Stelle regelmässig. Langsam wächst ein kleiner Ast aus dem Boden, er trägt schon Blätter. Wenn ich dem noch kleinen Trieb gut schaue, wird er über die Zeit wachsen und ein Bäumchen entsteht. Es wird grösser und grösser und ich kann es kaum erwarten, dass die erste Frucht an meinem Baum hängt. Und eines Tages ist es soweit: Ein Apfel, noch klein, hängt an einem Ast. Ich schaue ihn an – und bin enttäuscht. Ich hätte mir eine Birne gewünscht.

Das klingt merkwürdig, doch wenn man genau hinschaut: Ist es nicht das, was wir so oft im Leben machen? Wir wünschen uns etwas, das unserer Natur nicht entspricht und sind enttäuscht, wenn es nicht klappt oder wir damit nicht glücklich werden. Goethe sagte einst:

«Die grösste Freiheit ist es, das zu wollen, was man muss.»

Wir sind vielleicht nicht frei, alles zu sein und zu tun, was wir in jedem Moment wollen, aber wir sind frei, das zu mögen, was da ist, was geht. Ist es nicht schöner, in einen saftigen Apfel zu beissen, den wir selbst gezogen haben, als trübsinnig unter dem Baum zu hungern, weil keine Birne dranhängt? Und genauso ist es schöner, das zu tun, was uns wirklich entspricht, als und irgendwelchen Träumen und Wünschen hinzugeben, die bei genauerem Betrachten gar nicht in unserer Natur sind.

Lebenskunst: Ich sein – weil ich es darf!

Als Kind der (vor-?)letzten Generation bin ich mit Aufforderungen aufgewachsen, bloss nicht zu laut zu sein, bloss nicht aufzufallen, mich auch ja schön artig zu benehmen. Am besten war es, wenn man mich nicht wahrnahm, ich quasi als braver Mitläufer in dieser Welt existierte, der seine Leistungen gut und richtig (nach äusserem Massstab) erfüllte und wenn eine Wirkung, dann eine positive hervorrief. Unter allem lag die latente Botschaft: Sei nicht so (wie du bist). und bei Nicht-Gelingen sofort: „Du bist nicht gut genug.“

Leider nehmen wir solche Prägungen oft ins Erwachsenenleben, die Sätze setzen sich fest, sie werden Glaubenssätze, an denen wir unser Denken, Fühlen und Handeln ausrichten. Der Satz „Das kann ich nicht.“, die eigene Verurteilung „Ich bin nicht gut genug.“ und das harte Gericht mit uns selbst, wenn etwas misslingt, sind Zeugen davon. Sich davon loszusagen, erfordert Mut. Ja, man könnte anecken, ja, es könnte nicht jedem gefallen. Nur: „So what?“ Gefällt es dir, es nicht zu tun?

Es ist (auch) deine Welt, es ist (nur) dein Leben!

Lebenskunst: Was andere denken

Viele haben es wohl auch schon als Kind gehört: «Was denken die anderen, wenn du dich so verhältst.» Es war damit klar, dass ich nicht in Ordnung bin und mein Verhalten nicht nur von meinem Vater, sondern auch von denen rundum missbilligt würde. Es war ebenso klar, dass dies zu vermeiden sei. Als brave Tochter bemühte ich mich redlich, doch nicht nur das: Ich nahm den Satz mit in mein Leben und er sprach in vielen Situationen quasi aus dem Off zu mir. Da ich wie wohl alle Menschen angenommen und akzeptiert werden wollte, verkniff ich mir vieles lieber, als Ausgrenzung riskierte. Bloss nicht zu laut sein, bloss nicht negativ auffallen, es bloss allen recht machen, lautete die Devise. Doch wozu?

Indem ich mich immer zurücknahm, vergab ich mir nicht nur die Chance, aus vollem Herzen selbst zu leben, ich zeigte mich anderen auch nicht. Oft wirkte ich aus der eigenen Unsicherheit heraus eher arrogant, als wolle ich nicht mit anderen sprechen. Dass ich mich nicht traute aus der Angst heraus, einen Fehler zu machen, nahm keiner an. Die Strategie ging also nicht auf. Doch was dann?

Ich habe erkannt, dass es bei Lichte betrachtet egal ist, was andere denken, denn diese Gedanken haben weder einen Einfluss auf meine Gesundheit noch auf mein Wohlbefinden – das haben nur meine eigenen. Auch die Angst, dass sie mir etwas vorspielen, mich aber nicht mögen, ist unbegründet, denn wenn ich nichts davon merke, tangiert es mich nicht – auch das tun nur meine Gedanken. Zudem: Indem ich die ganze Zeit denke, was andere denken, und mich mit mir befasse, gehe ich ziemlich egozentrisch durch die Welt. Indem ich die Aufmerksamkeit mehr nach aussen auf die anderen richte, mich ehrlich für sie und was sie zu sagen haben, interessiere, trete ich in Beziehung. Und das ist es doch, was ich eigentlich will.

Und sollte mir doch mal zu Ohren kommen, dass jemand negativ über mich sprach, halte ich es mit Epiktet, da Humor immer eine gute Lösung ist:

«Wenn dir jemand mitteilt, dir sage jemand Böses nach, dann rechtfertige dich nicht, sondern antworte: Er kannte wohl meine anderen Fehler nicht; denn sonst würde er nicht nur diese hier erwähnen.»

Fragst du dich oft, was andere von dir denken?

Lebenskunst: Eigenarten

«Schön, ist es auf der Welt zu sein, sagt der Igel zu dem Stachelschwein.»

Ich mag Menschen. Ich liebe gemeinsame Essen an grossen Tafeln mit angeregten Gesprächen, ich liebe die vertraulichen und tiefen Momente mit einer Freundin. Ich liebe auch spontane Begegnungen mit eigentlich fremden Menschen, mit denen plötzlich ein Austausch entsteht. Es gibt aber Momente, da mag ich keine Menschen um mich haben. Da suche ich die Einsamkeit, suche die Stille, die Zeit nur für mich. Ich mag in diesen Momenten nicht gestört werden, will versinken können in ihnen, um dann wieder wie frisch gestärkt aus ihnen zu steigen und mich unter die Menschen zu mischen. 

Manchmal finde ich es schwer, mir diese Zeit zu nehmen, weil ich merke, dass manche Menschen dieses Bedürfnis (in dieser Ausgeprägtheit) nicht verstehen. Ich habe ich oft gefragt, ob ich irgendwie eigenartig bin, komisch, nicht in diese Welt passend. Ich bin zum Schluss gekommen, dass ich in der Tat eigenartig bin – wie jeder andere auch. Der Wunsch, in dieser Eigenartigkeit akzeptiert zu werden, ist gross, aber ich kann es nicht erwarten. Mir deswegen aber zu versagen, nach meinen Bedürfnissen zu leben, ist der falsche Schluss, denn das wird zu nichts Gutem führen. Ich werde mich zunehmend unwohler und dadurch gereizter fühlen, nur um zu merken, dass ich mit einem Menschen, der mich mit meinen Eigenarten nicht akzeptieren kann, nie auf einer Linie sein werde. Zudem führt die so entstehende Unzufriedenheit oft auch zu Konflikten, weil ich aus ihr heraus reagiere und nicht mehr auf konkrete Situationen. 

Der Weg dahin war nicht leicht, er war manchmal schmerzhaft, aber wichtig. Es war ein Weg hin zu mir, zum Wissen, dass ich Grenzen setzen darf, dass meine Bedürfnisse etwas zählen und ich es (mir) wert bin, sie zu leben.

Fällt es dir leicht, zu deinen Bedürfnissen zu stehen? 

Lebenskunst: Ja zu mir

Kennst du das auch, dass du in eine Runde kommst und dazu gehören willst? Du wünschst dir, dass sich die anderen mögen und du strengst dich an, möglichst alle Erwartungen (die du nicht wirklich kennst, dir aber vorstellst) zu erfüllen. Ein entspannter Abend wird das wohl nicht, denn du fühlst dich unsicher und auf dem Prüfstand. Und du präsentierst dich als vieles, kaum aber als dich. Wieso denkst du, dich verstellen zu müssen, nicht der sein zu dürfen, der du bist, um angenommen zu werden?

Bei Brené Brown las ich mal den schönen Satz

„Lass los, was du glaubst, sein zu müssen, und umarme, was du bist.“

Das Gefühl, nicht zu genügen, ist wohl eines der Schwierigsten, wenn es darum geht, ein authentisches Leben zu führen. Es ist aber auch eines der Schwierigsten, wenn es darum geht, Beziehungen zu führen. Nimmt man sich nämlich nicht selbst an, wie man ist, ist man zu schnell dazu bereit, ja zu sagen statt nein. Man unterdrückt die eigenen Bedürfnisse und ist danach wütend auf sich – und ein wenig auch auf den anderen. Doch schauen wir genauer hin: Wenn ich meine Bedürfnisse ständig hintenanstelle, mich nicht traue, Wünsche zu äussern, was für eine Beziehung gestalte ich auf diese Weise selbst? Oft verhalten wir uns so, weil wir den anderen nicht verlieren wollen. Wir haben ihn gern, möchten ihn in unserem Leben behalten und versuchen, alles zu vermeiden, was das in Gefahr bringen würde.

Doch: Will ich so wirklich leben? Ist eine solche Beziehung wirklich befriedigend? Vielleicht solltest du das nächste „Ja“ überdenken, wenn es sich nicht gut anfühlt.

Lebenskunst: Grenzen setzen

Sagst du auch oft ja zu etwas, obwohl alles in dir nein schreit? Gibst du auch oft deine Wünsche auf, um die eines anderen zu erfüllen? Wie oft steckst du zurück und wieso? Ich las mal den Spruch:

«Ein Ja zu jemand anderem kann ein Nein zu dir selbst sein.»

Wo wir uns zu sehr verbiegen, in unseren Bedürfnissen übergehen, verneinen wir uns in unserem Sein selbst. Wir nehmen unsere Grenzen nicht wahr und ernst, überfordern und benachteiligen uns. Und oft leiden wir dann. Nicht selten geben wir sogar anderen die Schuld, fühlen uns nicht wahrgenommen, werfen ihm vor, seine Bedürfnisse immer erfüllt zu kriegen. Dabei haben wir das oft selbst so gesteuert. Wieso tun wir das?

Wir sind Bindungswesen. Ohne Bindungen, ohne Beziehungen zu anderen Menschen, ohne das Gefühl, dazuzugehören und dies auch zu spüren, können wir nicht leben. Oft lernen wir schon als kleines Kind, dass wir auf eine Weise sein müssen, um in Ordnung zu sein. Unsere Grenzen werden schon von klein auf übergangen und wir lernen, dass das so läuft im Leben, und übernehmen das in unser Erwachsenenich.

Wenn wir oft genug gelitten haben, kommen wir an einen Punkt, wo wir denken:

«So nicht mehr!»

Was tun? Wichtig ist wohl einmal mehr: Hinschauen. Wo übergehe ich mich, wieso tue ich das? Das gelingt, wenn wir eine konkrete Situation anschauen, wo wir uns selbst wieder nicht ernst genommen haben, und unsere Grenzen überschritten wurden und wie das zuliessen. Was ist in der Situation passiert?

Oft sagte eine innere Stimme «nein». Der Verstand setzte ein und brachte viele vernünftig klingende Argumente, wieso doch. Im Körper regte sich was bei all dem. Meisten ignorieren wir den Körper, weisen die innere Stimme als unvernünftig in die Schranken und folgen unserem Verstand, da wir gerade in unserer westlichen Welt mehrheitlich Kopfmenschen sind, als solche erzogen und be-lehrt wurden. Und genau da liegt auch das Problem: Der Verstand speist sich oft aus äusseren Stimmen, hier werden die Forderungen aus dem Elternhaus, aus Erziehung und Bildung und auch die Erwartungen unserer Gesellschaft laut. Das Ich redet oft wenig mit, zumindest nicht aus sich selbst heraus. Erst wenn wir lernen, auf all unsere Kanäle zu achten: Körper, Intuition und Verstand, werden wir auch lernen, was wir wirklich wollen. Und wir werden lernen, darauf zu hören und es umzusetzen. Weil wir es uns wert sind.

Ignorierst du deine Grenzen oft?

Lebenskunst: Ich bin so frei

Jeder kennt wohl die Situation, dass es in einem brodelt, etwas raus will, man sich aber nicht getraut, es zu sagen. Was, wenn der andere dann enttäuscht, böse, traurig ist? Was, wenn das etwas zwischen uns verändert in einer Weise, die ich nicht will? Und so schweigen wir. Und manchmal hoffen wir dann insgeheim, der andere käme von selbst drauf, was wir wollen. Tut er das nicht, machen wir ihm das fast zum Vorwurf, sogar dann, wenn wir es selbst nicht so genau wissen.

Was ich wirklich will, kann nur ich selbst wissen. Und wenn ich es nicht weiss, weiss es sicher kein anderer.Aber: Ich kann dem auf die Schliche kommen, indem ich in mich hineinhöre: Was will ich wirklich? Oft sind dann verschiedene Stimmen in mir, alle wollen sie etwas anderes. Woher kommen sie? Wer spricht in und durch uns? Welches sind meine wirklichen Bedürfnisse und was ist nur anerzogen, angelernt, Erwartungen geschuldet?

„Das Schlimmste aber, wenn man ein Gefängnis mit unsichtbaren Mauern bewohnt, ist, dass man sich den Schranken nicht bewusst ist, die den Horizont versperren.“ Simone de Beauvoir

Wenn ich selbst nicht weiss, was ich will, oder aber wenn ich mir das, was ich will, versage aus Ängsten heraus, baue ich mir selbst ein Gefängnis, das ich von meinen Ängsten bewachen lasse. ich liefere mich diesen aus und versage mir, so zu leben, wie es mir entsprechen würde.

„Der Frau bleibt kein anderer Ausweg, als an ihrer Befreiung zu arbeiten. Diese Befreiung kann nur eine kollektive sein.“ Simone de Beauvoir

Wirklich authentisch zu sein, meine eigene Natur zu erkennen und zu leben, ist der einzige Weg, der wirklich glücklich macht, weil ich mich nur dann frei und damit auch leicht fühlen kann. Mich selbst hinter Gitterstäben zu halten ist nicht nur eine Unterdrückung von mir selbst, es ist auch eine Absage an erfüllende und bereichernde Beziehungen, da es unmöglich ist, eine gleichberechtigte, freie und zu gegenseitigem Wachstum anregende Beziehung zu leben, wenn ich all das bei mir selbst einschränke oder gar negiere.

Fällt es dir leicht, zu deinen Bedürfnissen zu stehen?

Lebenskunst: Ausbrechen

«Why do you stay in prison
When the door is so wide open?” Rumi

Da ist dieser eine Wunsch, den du gerne erfüllt hättest, das Bedürfnis, das dir ein Anliegen ist, doch du sagst nichts, du schweigst. Du denkst, es steht dir nicht zu, es wäre vermessen, du hättest es nicht verdient. Du denkst, deine Bedürfnisse würden die anderer tangieren und verzichtest von vornherein. Du behältst deine Bedürfnisse für dich und bist traurig, dass sie nicht beachtet werden. Nur: Es weiss keiner davon.

Du arbeitest schon lange in der gleichen Firma, bist zuverlässig, machst deine Sache gut. Eine Lohnerhöhung wäre in deinen Augen längst angebracht, doch: Es passiert nichts. In dir wachsen Wut und Trauer, du fühlst dich nicht wertgeschätzt, nicht richtig wahrgenommen, übergangen. Nur: Es weiss keiner davon.

Du bist in einer Beziehung, die dich nicht glücklich macht. Schon lange ist der Wurm drin, aus Streitereien ist ein stilles Nebeneinander geworden, Verbindungen und Verbindlichkeiten sucht man vergebens. Du würdest gerne gehen, weisst aber nicht wohin und was dich da erwarten könnte. Du leidest still vor dich hin und bleibst doch, wo du bist. Du würdest gerne etwas ändern, denkst, der andere müsste das doch auch spüren und wollen. Nichts passiert, denn: Es weiss keiner davon.

«You must ask for what you really want.» Rumi

Wie oft schweigen wir, wenn es um unsere Bedürfnisse und Anliegen geht? Wie oft harren wir lieber aus, egal, wie leidvoll die Situation ist, statt etwas zu ändern? Wie oft unterdrücken wir unsere Wünsche, um die anderer zu erfüllen? Wie oft stecken wir zurück, damit andere den Vorrang haben? Wie oft gestehen wir uns selbst nicht den Wert zu, uns selbst ernst zu nehmen?

«Jeder Mensch gilt in der Welt nur so viel, als er sich selbst gelten macht.» Adolph Knigge

Wenn wir uns selbst nicht ernst nehmen, nicht für uns einstehen, unsere Bedürfnisse nicht wahrnehmen und ansprechen, können wir nicht erwarten, dass andere das tun. Erstens wissen sie oft nichts von alldem, zweitens müssen sie davon ausgehen, dass es nicht so wichtig ist, wenn wir nichts sagen, drittens ist es schlicht nicht ihre Baustelle – es wäre unsere. Die Käfigtür wäre offen, doch wir sitzen als Wächter davor, machen uns zu unseren eigenen Gefangenen und treten nicht in die Welt hinaus. Oft geben wir dann den Umständen die Schuld, schimpfen auf Menschen, die uns nicht wahrnehmen, oder hadern mit Situationen, die ungünstig sind. Dabei gibt es nur einen, der wirklich was tun könnte, der es in der Hand hätte: Wir selbst.

Tagesgedanken: Nein sagen lernen

„Wenn du damit beginnst, dich denen aufzuopfern, die du liebst, wirst du damit enden, die zu hassen, denen du dich aufgeopfert hast.“ (George Bernhard Shaw)

Kennst du das, dass es dir schwerfällt, nein zu sagen? Die Schule will einen Kuchen für ein Fest, die Nachbarin Kaffee trinken, der Mann will einen Ausflug machen. Und eigentlich möchtest du nicht, denkst aber, diese Wünsche nicht abschlagen zu können. Du stellst dir die Enttäuschung beim anderen vor, wenn du nein sagst, und erfüllst dann die Wünsche – wenn auch mit innerlichem Grummeln.

Für den Moment scheint das eine gute Strategie, bei der alle (ausser dir) zufrieden sind. Du bist es dann insofern, als du „alles richtig gemacht hast“. Auf den zweiten Blick stellt sich aber heraus, dass aus diesem Verhalten auf Dauer wenig Gutes wächst. Indem du dich immer wieder zu wenig ernst nimmst mit deinen Bedürfnissen, indem du diese immer wieder hintenanstellst und die eines anderen erfüllst, wächst in dir eine Unzufriedenheit heran – über dich und über den anderen. Du fängst an, ihm übel zu nehmen, was du für ihn gegen deine Überzeugung tust.

Die Unfähigkeit, nein zu sagen, kommt daher, dass wir es anderen recht machen wollen. Wir wollen unser Miteinander in Harmonie leben und scheuen davor zurück, anzuecken, Anlass zur Auseinandersetzung zu werden. Wir pflanzen unsere Vorstellung vom Verhalten des anderen in dessen Kopf und glauben dann, dass dieses auch wirklich da ist. Wir stellen uns seine Reaktion auf unser Nein vor, und reagieren dann auf die von uns vorgestellte Reaktion. Wie oft sind wir erstaunt, wenn doch mal ein Nein gelingt, dass die Reaktionen weit weg von der sind, die wir ängstlich voraussagten?

Nein sagen hat nichts mit Egoismus zu tun, sondern mit Selbstsorge. Nur, wenn wir gut zu uns selbst schauen, können wir auch eine ebenbürtige Beziehung führen. Nur wenn wir uns den Wert zuschreiben, den wir auch dem anderen geben, leben wir auf Augenhöhe. Oft stecken hinter dem Verhalten, alles richtig zu machen, Ängste: Die Angst, nicht zu genügen, die Angst, nicht geliebt zu werden, die Angst, etwas kaputt zu machen, das uns viel bedeutet. Diese Ängste haben ihren Ursprung meist in der Kindheit, es sind Prägungen unseres Kinder-Ichs, die immer wieder hervorbrechen. Wenn wir uns dessen bewusst werden, können wir uns immer wieder sagen, dass wir nun selbst gross sind, dass es uns zusteht, für uns einzustehen, dass wir auch mal nein sagen dürfen. Für uns selbst und schlussendlich auch fürs Miteinander.  

Tagesgedanken: «Sei mal normal!»

„Es gibt keine Normen. Alle Menschen sind Ausnahmen einer Regel, die es nicht gibt.“ (Fernando Pessoa)

Als Kind sagte mein Vater oft zu mir: «Sei mal normal, sei mal so wie die anderen.» Er fand immer Kinder, die besser waren, die die Dinge besser machten als ich. Und ich stand da und fühlte mich hilflos und traurig. Ich wäre gerne so gewesen, wie er mich haben wollte, doch irgendwie schien ich das nie ganz zu erreichen. So, wie ich war, schien ich auf alle Fälle nie ganz richtig zu sein und schon gar nicht normal. Nur: Wer bestimmt eigentlich, was normal ist? Wer bestimmt, wie Menschen zu sein haben, wer setzt den Massstab und mit welchem Recht?

Was ist genau normal? Vermutlich das, was der, welcher einen anderen als nicht normal bezeichnet, für sich als dieses definiert. Die Frage ist nun, welchen Wert ich dieser Zuschreibung beimesse und wie tief sie bei mir geht. Menschen, die mit einem Selbstvertrauen ausgestattet sind, werden damit weniger Mühe haben als die, welchen dieses fehlt. Leider bildet sich das Selbstvertrauen meist in der Kindheit aus – oder eben nicht. Wenn ich aufwachse mit dem Gefühl, geliebt zu werden, wie ich bin, egal, was ich tue, leiste oder schaffe, werde ich ein Vertrauen in mich und andere Menschen aufbauen können. Fehlt das aber, wird mir immer vermittelt, ich muss was leisten, um geliebt zu werden, ich muss «gut» sein, um der Liebe des anderen würdig zu sein, dann gräbt sich ein Satz tief und tiefer:

«Ich bin nicht genug.»

Und dann wirst du erwachsen und stehst auf eigenen Füssen. Und dein Vater sagt dir vielleicht nicht mehr so oft, dass du dich anders verhalten oder gar anders sein müsstest. Nur: Der Satz hat sich als Glaubenssatz eingebrannt und er wirkt von innen heraus weiter. Wenn du dann auf Situationen stössst, in denen du dich unwohl fühlst, in denen du das Gefühl hast, abgelehnt oder ausgegrenzt zu sein, ist er da und zeigt seine Wirkung. Manchmal als wirklicher Satz, der in dir dreht, manchmal in einer kompensierenden Handlung, die nach aussen (im Innern nicht gefühlt) demonstrieren will, dass du durchaus genug bist, und die dann übers Ziel hinausschiesst.

Kurz bevor mein Vater starb, hatten wir ein schönes Gespräch. Da sagte er mir:

«Du warst schon immer anders als andere, hast schon immer dein Ding gemacht.»

Es klang fast wohlwollend. Wie gut hätte mir das als Kind getan? Wie viel stärker wäre ich aus einer Kindheit gekommen, die mir das Gefühl vermittelt hätte, gut genug zu sein? Zum Glück ist es nie zu spät. Im Wissen um diese inneren Mechanismen kann ich lernen, in Situationen, in denen ich vielleicht überreagiere oder in denen das Gefühl, nicht zu genügen aufkommt, hinzuschauen: Was ist passiert? Was hat die Situation in sich, dass ich so fühle und reagiere? Und ich kann bewusst dagegen steuern. Ich kann mir sagen, dass ich genug bin, dass ich gut bin, wie ich bin. Vielleicht bin ich damit beim anderen Menschen nicht «normal». Es ist an mir, ob ich mich anpassen kann und will oder nicht. Beides hat Konsequenzen, die ich dann tragen muss. Das ist die Krux beim Erwachsensein: Man trägt die Verantwortung für das, was man tut.