Der Rose Abgesang

Es hängen die Köpfe,
die Blätter sind welk,
der Duft ist verflogen,
das Zartrot verblasst.

Das Leben geschwunden,
es lauert der Tod,
und doch ist da Schönheit
in letzter Not.

Ich schaue wehmütig,
mit schwerem Herz hin,
wie schnell doch das Leben
im Glase verrinnt.

Das nächste Mal lass ich
die Blüte wohl steh’n,
und will ihre Schönheit
von Ferne anseh’n.

Und irgendwann werde
auch ich einmal bleich;
ach gäb’ es für mich dann
ein Mittel dem gleich.

Das Leben ist endlich,
es nimmt seinen Lauf,
und kommt dann das Ende,
dann trinken wir drauf!

©Sandra von Siebenthal

#abcdeslesens – J wie Juan Ramón Jimenéz

50 Jahre hat er der Dichtkunst gewidmet, 50 Jahre hat er unermüdlich Gedichte geschaffen und die spanische Lyrik massgeblich mitgeprägt. Als 1900, Jimenez war gerade 18, sein erstes Buch erschienen ist, fiel das in eine für Spanien schwierige Zeit: Seit Generationen kam es immer wieder zu Aufständen und Bürgerkriegen, das in seinen Traditionen erstarrte Land stand einerseits Europa und andererseits einer sich immer weiter säkularisierenden Welt gegenüber. Kein Wunder, fand die jüngere Generation, dass eine Änderung nötig sei. Die einzige Möglichkeit sah sie in einer Abkehr von den sterilen Traditionen – und die Dichtung ging diesen Weg mit.

War Jimenez anfänglich noch sehr von Rubén Dario geprägt, versuchte Jimenez schon bald, seine Selbständigkeit zu wahren und studierte eifrig andere Dichter. Neben spanischen Romantikern auch Franzosen, Deutsche und Engländer. Später kamen die Symbolisten dazu und so weitete sich nach und nach sein Gesichtskreis, neue Möglichkeiten eröffneten sich ihm, die er in seiner Lyrik nach Spanien tragen wollte.

Todo el día tengo, amor,
tu corazón en mis brazos
– ¡oh blanca flor infinita! –
meciéndolo, acariciándolo.   De noche lo acuesto junto
a mi corazón romántico,
para que duerma en la gloria,
mientras velo desvelado
– ¡oh niño recién nacido,
amor! – por no lastimártelo.
Den ganzen Tag halt¨ich, Liebe,
dein Herz in meinen Armen,
es wiegend und kosend
– o weisse, ewige Blume! –   Nachts leg’ ich’s
an mein romantisches Herz,
damit es selig schlafe,
während ich in Sorge wache,
um es nicht zu verletzen
– o neugeborenes Kind, Liebe! –

Pries er in frühen Schriften all die europäischen Vorbilder, schalt er sich später, dass er zu sehr nach Aussen geschielt hätte, wo doch Andalusien so viel an Schätzen zu bieten gehabt hätte, man denke nur an die Dichtung der andalusischen Araber. Jimenez war der Ansicht, er hätte schneller zum Ziel kommen können. Es ist fraglich, ob er damit richtig lag, doch ist es eigentlich nicht wichtig, ist doch ein wunderbar vielfältiges Werk entstanden, das auf eine grosse Entwicklung des Dichters hinweist, sieht man die Veränderung und Steigerung seiner Dichtung über die Jahre. Immer mehr verlangte er seiner Dichtung ab, feilte an Worten und Inhalten. Das kontinuierliche Streben nach Steigerung endete nicht bei seinem Werk, auch bei seinem Wesen zielte er auf Selbstvollendung ab.

Creador segundo   Qué me importa, sol seco?
You hago la fuente azul en mis entrañas.   Nieve sin luz, ¿y qué?
Yo hago en mi corazón la fragua grana.       ¿Qué me im porta, amor humano?
Yo hago la eternidad de amor en mi alma.
Zweiter Schöpfer   Was kümmert mich die dürre Sonne?
Ich schaffe die blaue Quelle in meinem Innern.   Schnee oder Licht – was tut’s?
Ich schaffe in meinem Herzen die rotglühende Schmiede.   Was kümmert mich menschliche Liebe?
Ich schaffe der Liebe Ewigkeit in meiner Seele.

Juan Ramón Jimenéz hat sein Leben ganz in den Dienst der Dichtung gestellt. Über zwei Dutzend Gedichtbände erschienen in einer Zeitspanne von 50 Jahren. Er war einer der führenden Geister der spanischen Dichtung weg vom Traditionalismus hin in die Moderne, und er hat mit seinem Schaffen viele nachkommende Dichter geprägt. 1956 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen. Man ist versucht zu sagen: Wer, wenn nicht ihm.

Està tan puro ya mi corazón,
que lo mismo es que muera
o que cante.   Puede llenar el libro de la vida,
o el libro de la muerte,
los dos en blanco para él,
wue piensa y sueña.   Igual eternidad hallará en ambos.   Corazón, da los mismo: muere o canta.
Mein Herz ist nun so rein,
dass es gleichviel zählt, ob es stirbt,
oder singt.   Es kann das Buch des Lebens füllen
oder das Buch des Todes.
Beide sind unbeschrieben für mein Herz,
das denkt und träumt.   Gleichviel Ewigkeit wird es in beiden finden.   Herz, es zählt gleichviel: stirb oder singe.

#abcdeslesens – Hermann Hesse (2.7.1877 – 9.8.1962)

«Ich wollte ja nichts als das zu leben versuchen, was von selber aus mir herauswollte.»

Hermann Hesse wollte schreiben. Schon als Zwölfjähriger war ihm klar, dass er Dichter werden wollte, wobei er mit diesem Wunsch vergebens auf den Zuspruch seiner Eltern und Lehrer hoffte, welche selber zwar Dichtung sehr verehrten, den Berufswunsch für einen jungen Menschen ablehnten, zumal andere Pläne bestanden: Pfarrer sollte der Missionarssohn werden. Als Zwangsmassnahmen hin zu diesem Ziel scheitern, wird Hermann Hesse zur «Schande für die Eltern» erklärt, etwas, das auf ihm lastet, will er doch bei allen eigenen Träumen auch ein guter Sohn sein. Und so wurde er zerrissen zwischen den eigenen und fremden Ansprüchen an sein Leben, wobei er eingestand, dass er selber zu wenig an sich geglaubt hat und auch darunter leidet.

Es sollte nicht der letzte Konflikt bleiben, bei welchem er innerlich zerrissen wurde. Hesse absolvierte schliesslich eine Buchhändlerlehre, las daneben viel und veröffentlichte noch während der Lehre seinen ersten Gedichtband, kurz darauf die erste Prosasammlung – beides ein voller Misserfolg, was die Verkaufszahlen anbelangte. Zum Glück brachte ihn das nicht von seinem Wunsch zu schreiben ab.

Die nächste Zerreissprobe sollte seine Ehe sein, die wegen psychischer Probleme, welche sowohl bei Hesse wie bei dessen Frau verstärkt auftraten, und verschiedener Dissonanzen später auch geschieden wurde. Vom Kriegsdienst wurde er aus Krankheitsgründen befreit, trotzdem sollte dieser zu einem Wendepunkt in seinem Leben werden, wie Hesse einmal sagte: Nachdem er in der Neuen Zürcher Zeitung einen Artikel geschrieben hatte, in welchem er vor nationalistischer Polemik warnte, kam er unter die Räder. Er wurde von der Presse und von Lesern angegriffen, Freunde distanzierten sich. Als weitere Schicksalsschläge kamen kurz darauf noch der Tod seines Vaters und eine schwere Erkrankung dazu. Kurz: Es reichte und Hesse stieg aus, er zog allein in den Tessin. Siddharta entstand, eine neue Geliebte trat ins Leben, die seine zweite Frau wurde, was sie nicht lange blieb, weitere Werke entstanden, eine dritte Ehefrau trat auf.

Verarbeitet hat er vieles aus seinem Leben in seinen Romanen, sowohl die Mühen in den Schulanstalten wie auch die Suche des Menschen nach seinem Weg und nach Sinn auf diesem. Und so manches Gedicht klingt, als hätte da einer geschrieben, der genau wusste, was er braucht, wenn das Leben schwierig ist.

Hermann Hesse blieb zeitlebens ein Zerrissener, einer, der immer wieder hinschaute, sich durchleuchtete und nicht nur mit Schönem ans Tageslicht kam dabei. Er sah sich selber pendeln zwischen einerseits Mörder, Tier und Verbrecher und andererseits Moralist mit Streben nach Harmonie und Edelmut. Zwar erkannte er beide Seiten als durchaus wichtig, ging mit der Erkenntnis aber mit seiner Dichtung ins Gericht, die er als zu schön und harmonisch und damit verlogen deklarierte. So blieb er ein Mensch, der immer wieder den eigenen Weg suchte, was ihm wenig Glück gebracht zu haben scheint.

Glück

Auf den Text muss leider aus urheberrechtlichen Gründen verzichtet werden, man kann das Gedicht aber HIER nachlesen.

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*Gedichte zitiert nach Hermann Hesse: Die Gedichte, Suhrkamp Verlag.

#abcdeslesens – Stefan George (12.7.1868 – 4.12.1933)

Was will man über ihn sagen? Am besten nichts und gleichzeitig dazu aufrufen, alles, was bekannt ist, zu vergessen und sich den Gedichten zuzuwenden. Zwar stiessen auch diese auf Kritik, doch die war wohl auch oft Georges Leben und Unverständnis geschuldet, nicht den Gedichten selbst.

Leider fristen die Gedichte Stefan Georges ein eher ungelesenes Dasein, von ein paar eifrigen Germanistikstudenten und nach Neuem suchenden Literaturbegeisterten abgesehen, interessiert sich kaum jemand für diese eigentlich so wunderschöne Dichtung. Seine Heimatstadt Bingen versuchte eine Zeit lang, dem entgegenzuwirken und veröffentlichte jeden 15. des Monats eines seiner Gedichte auf der Homepage. Leider wurde das eingestellt und es bleibt nur noch ein sporadisch geöffnetes Museum. Und eben das wichtigste: Die Gedichte – mit ihrer eigenwilligen Schreibweise.

Komm in den totgesagten park

Komm in den totgesagten park und schau:
Der schimmer ferner lächelnder gestade –
Der reinen wolken unverhofftes blau
Erhellt die weiher und die bunten pfade.
Dort nimm das tiefe gelb – das weiche grau
Von birken und von buchs – der wind ist lau –
Die späten rosen welkten noch nicht ganz –
Erlese küsse sie und flicht den kranz –
Vergiss auch diese letzten astern nicht –
Den purpur um die ranken wilder reben –
und auch was übrig blieb von grünem leben
Verwinde leicht im herbstlichen gesicht.

Stefan George wollte sich abgrenzen. Abrenzen von althergebrachten Klischees, abgrenzen von der bekannten Spiesserlitertatur, abgrenzen von abgedroschenen Wendungen und offensichtlichen Reimen. Auch in den verwendeten Metaphern suchte er neue Wege, erschloss neue Bildwelten für seine Worte, was beim ersten Lesen wohl oft genau das auslöst, was beabsichtigt war: Ein Innehalten, ein genaues Hinsehen, weil man sich mit unbekannten Welten konfrontiert sieht, und die Aufgabe, sich diese lesend zu erschliessen. Stefan George setzte auf das Ungewöhnliche, auf das Neue, ab und an um den Preis, dass seine Dichtung dadurch schwer fassbar ist und auch zeitweise sperrig wirkt.

Teich der Erinnerung

Auf sehnsuchtvollem teiche der weissen erinnrung
Auf schlafenden fluten von angst und von wahn
Segl ich tief einsam in den stunden des seufzens
Auf nachtäugigen angedenkens kahn.

Ich gleite still und die schwäne der gefühle
Tauchen ferne von mir in das dunkel ein
Ich gleite wie in einer feudalen ballade
Mondlicht beleuchtet von der gedanken schein.

Ich segle schweigend – plötzlich aus klagenden fluten
Hebt sich die maid der raue in sagengrau
Und schluchzt die weissen lilienhände windend
Wie einsame quelle auf der verwitweten au.

Auf sehnsuchtsvollem teiche der weissen erinnrung
Auf schlafenden fluten von angst und von wahn
Swegl ich tief einsam in den drückenden nebeln
Auch nachtäugigen angedenkens kahn.

Neben der eigenen Dichtung hat sich Stefan George auch mit Übertragungen und Umdichtungen beschäftigt, neben Shakespeare, Dante und Mallarmé vor allem Baudelaires Blumen des Bösen. Der Vorwurf kam denn auch, er hätte seinen Tonfall bei Baudelaire entlehnt, was George vehement bestritt und auf Eigenständigkeit pochte. Die intensive Auseinandersetzung mag sicher ihre Spuren hinterlassen haben, doch selbst wenn, wäre das nicht verwerflich und keineswegs zum Schaden der Georgeschen Gedichte.

Neben dem Wunsch, sich abzugrenzen, Neues zu schaffen, ging es Stefan George immer um die Schönheit. Er stellte in seinen Gedichten den Sinn im Sinne eines Wortsinnes hinter die sinnliche Erfahrung des Ausdrucks. So hilft es beim Lesen, die strenge Rationalität auszuschalten zugunsten eines Aufnehmens mit allen Sinnen. Auf diese Weise steigt aus  den Worten plötzlich ein Erfahren, ein Erleben, das tiefer geht als es der Wortsinn je könnte.

Vogelschau

Weisse schwalben sah ich fliegen –
Schwalben schnee- und silberweiss –
Sah sie sich im winde wiegen –
In dem winde hell und heiss.

Bunte häher sah ich hüpfen –
Papagei und kolibri
Durch die wunder-bäume schlüpfen
In dem wald der Tusferi.

Grosse raben sah ich flattern –
Dohlen schwarz und dunkelgrau
Nah am grunde über nattern
Im verzauberten gehau.

Schwalben seh ich wieder fliegen –
Schnee- und silberweisse schar –
Wie sie sich im winde wiegen
In dem winde kalt und klar.

#abcdeslesens – Erich Fried (6. Mai 1921 – 22. November 1988)

Er war wahrlich kein einfacher Zeitgenosse, er war streitbar, setzte sich ein für seine Überzeugungen und nahm kein Blatt vor den Mund. Der Übername Stören-Fried kam also nicht von ungefähr. Der dezidierte Linke hat polarisiert, er wurde attackiert und auch oft verschmäht. Das könnte dem ausgewiesenen Provokateur sogar gefallen haben.  Das Kämpferische kam schon früh, er war ein ernstes, nachdenkliches und auch frühreifes Kind. Dieses Gedicht stammt vom knapp sechseinhalbjährigen Erich Fried:

«Mir träumte jüngst von frohem Leben
Friedlichem Schaffen, freudigen Weben,
Dass es nicht Krieg noch Tücke gibt,
Dass jeder jeden andern liebt
Und keiner hungern, darben muss.
Jäh schrak ich auf, da fiel ein Schuss.»

Neben der überraschenden Sprachfertigkeit fällt das politische Weltbild auf: Schon damals träumte Erich Fried von einer Welt, in welcher Menschen harmonisch und ohne Not zusammenleben können. Dieses Hoffnung prägte auch noch den älteren Erich Fried und er benannte die Probleme der Zeit mit klaren:

«Wir leben in einer Zeit des Elends und des Verderbens. Hundertausende Arbeitslose schleichen hungernd, frierend durch die Strassen. Wer ist schuld daran? Die Giftschlange Politik.»

Das Anliegen lässt ihn auch später nicht los, wie man aus einem Brief aus dem Jahr 1954 entnehmen kann. Es sei, so Fried, wichtig, die drängenden Themen anzugehen, weswegen auch er sich «um die Lösung der Probleme unserer Zeit und die Schaffung einer gerechten Welt gekümmert habe». Neben den politischen Aktionen verarbeitete Fried die Themen seiner Zeit lyrisch, deutet auf Missstände im Zusammenleben und in der Politik.

Das Gedicht „Befreiung“ musste leider gelöscht werden, da der Verlag mit rechtlichen Schritten drohte bei einer Publikation hier. Es kann nachgelesen werden in „Erich Fried: Befreiung von der Flucht“

Auch wenn er viele Hoffnungen begraben musste, viele Projekte scheitern sah, aufgegeben hat er nie. Unermüdlich glaubte er an die gute Sache, unermüdlich kämpfte er weiter für eine gerechte Welt. Er wäre nicht Erich Fried, gälte sein ironischer und klarer Blick nur der Welt da draussen, er machte auch vor sich selber nicht Halt:

Das Gedicht „Lebensaufgabe“ musste leider gelöscht werden, da der Verlag mit rechtlichen Schritten drohte bei einer Publikation hier. Es kann nachgelesen werden in „Erich Fried: Gedichte“

Doch genug der Politik, haben wir es doch bei Erich Fried mit einem Lyriker zu tun, der neben all dem ein paar der wunderbarsten Liebesgedichte geschrieben hat, allen bekannt ist wohl dieses:

Das Gedicht „Was es ist“ musste leider gelöscht werden, da der Verlag mit rechtlichen Schritten drohte bei einer Publikation hier. Es kann nachgelesen werden überall im Internet“

Auch in der Liebe ist er kein Verklärer, pathetisch wogende Liebesgedichte sucht man bei Erich Fried vergebens. Es sind die kleinen Alltäglichkeiten, die kleinen Vertrautheiten, das, was die Liebe im Stillen ausmacht, das er hochhält. Er schärft den Blick für das Wesentlich fern der grossen Worte und Beschwörungen, er feiert die Liebe in den kleinen Gesten.

Das Gedicht „Nachtgedicht“ musste leider gelöscht werden, da der Verlag mit rechtlichen Schritten drohte bei einer Publikation hier. Es kann nachgelesen werden überall im Internet“ oder im Buch „Liebesgedichte“

Immer aber, in all seinen Gedichten, schaut Erich Fried genau hin auf das, was ist. Er will nichts beschönigen, er will nichts verklären, er will wahrhaftig sein – so auch in der Liebe. Denn so ist die Liebe:

Das Gedicht „Dich“ musste leider gelöscht werden, da der Verlag mit rechtlichen Schritten drohte bei einer Publikation hier. Es kann nachgelesen werden in „Erich Fried: Liebesgedichte“

#abcdeslesens – Josef von Eichendorff (10.3.1788 – 26.11.1857)

Schon als Kind schrieb Josef Eichendorff, doch wählte er beruflich einen rationaleren Weg: Auf ein Jurastudium folgte Kriegsdienst, danach der Staatsdienst. Immer aber war die Liebe zu Kunst und Kultur präsent. Als er 1844 frühzeitig in den Ruhestand trat, nahm das Schreiben endlich den Hauptplatz in seinem Leben ein.

Josef von Eichendorff war einer der herausragenden Vertreter der deutschen Romantik, liest man seine Gedichte, eröffnet sich in ihnen das ganze Spektrum der Epoche: Leidenschaft, das eigene Erleben und Empfinden, die Gefühlswelten, vor allem auch da, wo es gequälte sind. Abgrenzen wollten sie sich von der so rationalen Aufklärung eines Immanuel Kant, aufbrechen wollten sie das Strenge der Antike und der Klassik. Die Romantiker sehen die Welt am Kranken, durch einen Bruch sei sie gespalten. Mit ihrer Kunst wollen diese nun heilen, als Sehnsuchtssymbol wird dafür immer wieder die blaue Blume zitiert:

Die blaue Blume

Ich suche die blaue Blume,
ich suche und finde sie nie,
Mir träumt, dass in der Blume
Mein gutes Glück mir blüh’.

Ich wand’re mit meiner Harfe
Durch Länder, Städt’ und Au’n,
Ob nirgends in der Runde
Die blaue Blume zu schau’n.

Ich wand’re schon seit lange
Hab’ lang’ gehofft, vertraut,
Doch ach, noch nirgends hab’ ich
Die blaue Blum’ geschaut.

In Eichendorffs Lyrik begegnen uns immer wieder ähnliche Motive, die Natur mit ihren Bäumen und Wäldern werden besungen, schöne Landschaften unter dem sich wölbendem Himmelszelt beschrieben. Wir lesen von der Nacht, von Sehnsüchten, vom Abschied und von der Liebe. Was so einfach daher kommt, ist es aber oft nicht, liegt in allem doch ein tieferer Sinn und mehr Bedeutungsspielraum, als es auf den ersten Blick scheint. Es ist aber wohl gerade die vordergründige Einfachheit und Schönheit der Bilder, die dazu führte, dass Eichendorff einer der meist vertonten und gesungenen Lyriker ist. Dass seine Gedichte schon beim lauten Sprechen wie ein Gesang anmuten, war sicher auch nicht abträglich.

Mondnacht

Es war, als hätt’ der Himmel
Die Erde still geküsst,
Dass sie im Blüten-Schimmer
Von ihm nun träumen müsst’.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternenklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

Es gibt wohl keinen Lyriker, der nicht auch die Liebe besang. Eichendorff war da keine Ausnahme. Er nutzte die ganze Klaviatur der Gefühle, schrieb über das Glück der Liebe, die einem Wunder gleich das Herz erfüllt:

Frühlingsnacht

Über’n Garten durch die Lüfte
Hört’ ich Wandervögel zieh’n,
Das bedeutet Frühlingsdüfte,
Unten fängt’s schon an zu blüh’n.

Jachzen möchte’ ich, möchte weinen,
Ist mir’s doch, als könnt’s nicht sein!
Alte Wunder wieder scheinen
Mit dem Mondesglanz herein.

Und der Mond, die Sterne sagen’s
Und in Träumen rauscht’s der Hain
Und die Nachtigallen schlagen’s:
Sie ist Deine, sie ist Dein!

Doch wehe dem, der die Liebe verliert. Er leidet, er fällt aus der Welt. Worauf er gehofft, wofür er gelebt, ist verloren. Er möchte fliehen, möchte weg von dem, was ihn an sie erinnert, er steht am Abgrund und möchte nur noch eines: Ruhe. Zum Glück steht die Folge des letzten Wunsches, dem zu sterben, im Konjunktiv, so dass dieser Wunsch wie auch die vorherigen lediglich Wunschträume sind, welche den bitteren Verlust ausdrücken sollen.

Das zerbrochene Ringlein

In einem kühlen Grunde
Da geht ein Mühlenrad,
Mein’ Liebste ist verschwunden,
Die dort gewohnet hat.

Sie hat mir Treu’ versprochen,
Gab mir ein’n Ring dabei,
Sie hat die Treu’ gebrochen,
Mein Ringlein sprang entzwei.

Ich möchte’s als Spielmann reisen
Weit in die Welt hinaus
Und singen meine Weisen
Und gehen von Haus zu Haus.

Ich möchte’s als Reiter fliegen
Wohl in die blut’ge Schlacht,
Um stille Feuer liegen
Im Feld bei dunkler Nacht.

Hör’ ich das Mühlrad gehen:
Ich weiss nicht, was ich will –
Ich möchte’ am liebsten sterben,
Da wär’s auf einmal still!

Hat man ein so gewaltiges Werk vor sich wie das von Josef von Eichendorff, ist es schwer, sich auf einige wenige Gedanken und Gedichte zu beschränken. Der Not geschuldet könnte zum Abschluss vielleicht noch dieses eine stehen:

Trennung ist wohl Tod zu nennen,
Denn wer weiss, wohin wir gehen,
Tod ist nur ein kurzes Trennen
Auf ein baldig Wiedersehn.

Und vielleicht ist das Ende hier der Schritt zu einem baldigen Wiedersehen mit Eichendorffs Lyrik an einem anderen Ort.

#abcdeslesens – Hilde Domin (27.7.1909 – 22.2.2006)

Die Not liess sie schreiben, das Schreiben liess sie überleben. Als alles verloren schien, sie aus der Heimat geflohen war, die Liebe des Mannes sich einer anderen zuwandte, die Mutter gestorben war, suchte Hilde Domin, damals noch Hildegard Palm, Zuflucht in der einzigen Heimat, die sie noch hatte: In der Sprache.

«Ich befreite mich durch die Sprache. Hätte ich mich nicht befreit, ich lebte nicht mehr. Ich schrieb Gedichte. Ich schrieb deutsch, natürlich.»

So natürlich war das Schreiben in deutscher Sprache allerdings gar nicht. Zwar war Deutsch ihre Muttersprache, es war aber auch die Sprache derer, welche sie aus der Heimat vertrieben hatten.

«Da wird einer verstossen und verfolgt, ausgeschlossen von einer Gemeinschaft, und in der Verzweiflung ergreift er das Wort und erneuert es, macht das Wort lebendig, das Wort, das zugleich das seine ist und das der Verfolger.»

Diese Verfolger waren es, welche sie 1932 nach Rom, 1939 nach Grossbritannien und 1940 in die Dominikanische Republik vertrieben. Dem letzten Zufluchtsort ist auch ihr Pseudonym entlehnt. 1954 kehrte Hilde Domin nach Deutschland zurück, pendelte aber wegen des Berufes ihres Mannes noch für sieben Jahre zwischen Spanien und Deutschland. Schon in der Dominikanischen Republik hatte sie sich intensiv mit spanischer Lyrik beschäftigt, in Spanien nahm dieser Einfluss zu.

«Aber die Gedichte sind doch so sehr das Selbe wie ich…»[1]

Hilde Domins Gedichte sind sehr persönlich, der autobiographische Bezug ist immer offensichtlich. Dies war in der Originalfassung noch ausgeprägter als in der schliesslich gedruckten, da Hilde Domin für die publizierte Endfassung umfassende Überarbeitungen vornahm, zu Verräterisches strich, Gedichte umdatierte, um sie der eigenen Biographie entsprechender zu machen – und vor allem: Um teilweise auch den schönen Schein zu wahren, gerade, was ihre Beziehung zu ihrem Mann betraf.

Bei all dem Leid, das Hilde Domin in ihrem Leben erfuhr, fällt ihre Fähigkeit zu Vertrauen und die Hoffnung zu bewahren auf. Auch findet sich bei ihr kein Zug von Verbitterung, sondern immer nur der Blick nach vorne, der Glaube an Wunder, den sie in folgendem Gedicht so wunderbar beschrieb:

«Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.»

Hilde Domin hielt die Hand nicht nur leise hin, sie wurde zur regelrechten Apologetin: Sie trug den Wert der Lyrik in die Welt hinaus, sie setzte sich ein für mehr Vertrauen, weniger Hass und gegen Inhumanität. Sie setzte sich mit allem, was sie hatte, ein, nicht zuletzt mit ihrer Geschichte und vor allem mit dem Wort, das für Hilde Domin ein heiliges ist, eines, das über sich hinausweist. Das ist es aber nur, wenn es wahrhaftig ist:

«Wenn die Sprache nicht stimmt, so ist das, was gesagt wird, nicht das, was gemeint ist, so kommen die Werke nicht zustande; kommen die Werke nicht zustande, so gedeihen Moral und Kunst nicht, so trifft die Justiz nicht; trifft die Justiz nicht, so weiss das Volk nicht, wohin Hand und Fuss setzen. Also dulde man keine Willkür in den Worten.»

Dass sie die Justiz ins Feld führt, rührt nicht von ungefähr, war ihr ursprünglicher Berufswunsch doch Verteidigerin. Zwar musste sie das Jurastudium abbrechen, doch den Beruf übte sie zeitlebens doch aus: Als Verteidigerin der Lyrik, welcher sie zu ihrem Recht verhelfen wollte. Weil sie der Überzeugung war, dass Lyrik die Dinge beim Namen nennt, dass Lyrik hinschaut, der Wahrhaftigkeit verpflichtet ist. Und das braucht es in der Welt und das brauchen wir selber, denn:

«Lyrik lädt uns ein zu der einfachsten und schwierigsten aller Begegnungen, der Begegnung mit uns selbst.»[2]

Dieses sich selber begegnen, dieses Hinschauen bei sich und auch bei anderen drückt sich auch in diesem Gedicht aus:

Wege

Veilchen säumen den Weg,
Augen von Erdbeerblüten,
Maiglöckchen.
Der Kuckuck begleitet mich
Ruf um Ruf
auf einemWeg
der nicht der meine ist.
Ein blumenbestandener,
nur nicht der meine.
Nie habe ich die andern
so darauf angesehn
ob der weg unter ihren Füssen
der ihre ist.[3]


[1] aus einem Brief an den Verlagsleiter des S. Fischer Verlags, Rudolf Hirsch

[2] zit. nach Hilde Domin, Wozu Lyrik heute

[3] zit. nach Hilde Domin, Sämtliche Gedichte

#abcdeslesens – C wie Paul Celan (23.11.1920 – 20.4.1970)

Traumatisiert von den schrecklichen Erlebnissen des Krieges, sah sich Paul Celan Zeit seines Lebens als Opfer. Vor allem die Frauen in seinem Leben kriegten das zu spüren, denn sie wurden in die Schuldrolle gedrängt. Ingeborg Bachmann konnte diese Rolle zeitlebens nicht ablegen, sie war damit nicht allein. Paul Celan war ein Gefangener seiner Vergangenheit. Und er versuchte, diese zu bewältigen. Nicht einfach für einen, der in der deutschen Sprache verhaftet ist, in dem Sprachraum dringend Aufmerksamkeit und Erfolg sucht, sich aber davon abgrenzen will. Die Folge war eine immer mehr ins Unverständliche abdriftende Sprache. War das in dem Mass gewollt? Nicht anders gekonnt? Es bliebe reine Spekulation. Ebenso die Exegese. Natürlich finden sich Anhaltspunkte nach mehrmaligem Lesen, natürlich findet man, wenn man sucht.

Paul Celan selber wollte nicht helfen. Er zog sich mehr und mehr zurück, wurde gegen die ihm Nahem immer aggressiver, brach den Kontakt zu den anderen ab. Die Welt schien ihm immer fremder zu werden, die Menschen sah er mehr und mehr als Feinde. Wohin er auch geht, er findet nicht, auch seine letzte Reise nach Israel bringt ihm trotz herzlichem Empfang nicht das, was er sucht. 1970 entzieht er sich dem, was für ihn nicht mehr tragbar ist, er steigt in die Seine und ertrinkt. 50 Jahre nach seiner Geburt.

Zurück bleibt ein Werk, das an Tiefe, aber auch an Rätseln seinesgleichen sucht. Zurück bleiben Lesemomente, für die man sich Zeit nehmen muss, will man sie ausloten. Sicher ist: Man wird nicht enttäuscht. Da war ein Lyriker am Werk, der etwas zu sagen hatte. Da war ein Lyriker am Werk, der das Handwerk beherrschte, es auf eine einzigartige und bedeutsame Weise zu tun. Entstanden sind Gedichte, die auch so viele Jahre später nichts an Aktualität eingebüsst haben.

Celans Rezeption war nicht immer eindeutig. Man denke nur an die Todesfuge. Erst verstand man sie nicht oder wollte sie nicht verstehen, dann bejubelte man sie und nahm sie in den Schulkanon auf, später meldeten sich wieder Stimmen, die sie als zu lesebuchtauglich aburteilten. Was also war es wirklich? Mythos oder plakatives Offenlegen? Wohl keines von beiden. Celan selber schrieb seinem Lektor Klaus Reichert einmal:

«Im Sinne einer radikalen Entmythologisierung.»

Er wollte hinschauen, er wollte benennen. Aber er brauchte eine neue Sprache, eine, die sich von der althergebrachten Tätersprache abhob. Und die war für den Leser nicht mehr auf den ersten Blick verständlich. Peter von Matt schreibt dazu:

«Das Schreiben von Ingeborg Bachmann und Paul Celan, den repräsentativen Lyrikern jener Jahre, war der unablässige Versuch, einen Ausweg zu finden aus dem erlebten Korruptionszustand der deutschen Sprache. Leidenschaftlich erstrebten sie ein anderes Deutsch, ein Deutsch ohne den Makel der Lüge und das Brandmahl der Unmenschlichkeit.»

Vielleicht muss sie gar nicht so schnell verständlich sein. Damit man sich die Zeit nimmt. Und hinschaut. Und hinfühlt. Es sind wenige Zeilen, in denen sich aber so viel offenbart. Seine Gedichte zielen auf die Wunden der Zeit, auf die Abgründe der Geschichte. Und wenn Paul Celan an eines glaubte, dann an sich selber und an die Wichtigkeit seiner Gedichte. Die Welt sollte nicht wegschauen. Dieses Mal nicht. Er war wichtig und er hatte was zu sagen. Davon spricht auch eine Notiz, die sich in seinem Nachlass fand:

«Es muss ihn geben, es musste ihn geben – in der deutschen Gegenwartsliteratur. Dieser Verdrängte – genauer: einer dieser Verdrängten – bin ich.»

 Leider schaffte er es nicht, sich seinem Platz auch im Leben zu finden und sich darin einzurichten. Wie im Leben, soll es auch in der Liebe sein. Wirklich einlassen kann er sich nicht. Alles bleibt in der Schwebe. Und doch scheint tief drin der Wunsch und die Sehnsucht nach Geborgenheit, nach Ankommen zu sein. Ingeborg Bachmann ging tief, wie tief, konnte er erst knapp zehn Jahre nach dem ersten Treffen zugestehen, doch da war er schon mit einer anderen verheiratet und Vater eines Sohne. Daneben gab es verschiedene Affären, eine davon auch über Jahre. Dieses Gedicht stammt aus seinem Gedichtband Mohn und Gedächtnis:

Nachts, wenn das Pendel der Liebe schwingt

Nachts, wenn das Pendel der Liebe schwingt
zwischen Immer und Nie,
stößt dein Wort zu den Monden des Herzens
und dein gewitterhaft blaues
Aug reicht der Erde den Himmel.

Aus fernem, aus traumgeschwärztem
Hain weht uns an das Verhauchte,
und das Versäumte geht um, groß wie die Schemen der Zukunft.

Was sich nun senkt und hebt,
gilt dem zuinnerst Vergrabnen:
blind wie der Blick, den wir tauschen,
küßt es die Zeit auf den Mund.

Die Liebe ist nicht ewig, ihr Pendel schwingt zwischen immer und nie. Die tiefen Momente tragen immer das Versäumte in sich, der Blick in die Zukunft ist davon geprägt. Und am Schluss bleibt sie im Moment, ein Kuss auf den Mund der Zeit. Was für ein trauriger Mensch. Welch wunderschöne Lyrik.

#abcdeslesens – B wie Christine Busta (23.4.1915 – 3.12.1987)

„Ich möchte nicht gerne damit hausieren, aber ich hab’s immer reichlich schwer gehabt. Ich habe Gutes und Böses erfahren wie alle Menschen und schlimme Verstörungen erlitten, und könnte mir vorstellen, dass mir noch schlimmere nicht erspart bleiben werden, aber ich glaube dennoch, dass täglich und stündlich im wörtlichen Sinne des Wortes ‘namenlos’ viel Gutes geschieht, mehr Gutes, als die Lästerer wahrhaben wollen. Diesen Anonymen, die das ächzende Getriebe der Welt mit dem Öl ihrer unbedankten Ausdauer, Geduld, Treue und Hoffnung noch immer in Gang halten, gehört trotz unvermeidlicher Irritationen meine unwandelbare Liebe und Dankbarkeit, und auch in den heftigsten Krisen der Isolation hat mich kaum je das Bewusstsein verlassen, in vieler Schuld zu stehen.”

Christine Busta ist von Kind an das Kämpfen gewohnt, schon als Mädchen muss sie mit Nachhilfestunden das Familienkonto aufstocken. Das eigene Studium kann sie nicht abschliessen wegen finanzieller Sorgen, doch immer wieder stellt sie sich den Widrigkeiten und sucht ihren Weg. Erste Gedichte werden in Zeitungen veröffentlicht, sie gewinnt einen Literaturwettbewerb, kann in Anthologien veröffentlichen und 1950 ist es soweit: Der erste Gedichtband (Jahr um Jahr) erscheint und Busta ist als Dichterin etabliert.  Es sollen viele weitere folgen, daneben macht sich Christine Busta auch einen Namen als Verfassering von Kinderbüchern.

Kritiker warfen ihrer Lyrik oft das Bild einer zu heilen Welt vor, doch ist diese Leseart zu kurz gedacht und wird dem Werk nicht gerecht. Vielmehr sprechen aus den Zeilen durchaus Schmerz und Leid, aber auch ein versöhnlicher, ein hoffnungsvoller Ton dringt durch. Sie selber hat das so thematisiert:

Nie habe ich einer heilen Welt
das Wort geredet.
Immer nur einer verletzlichen,
um deren gefährdete Schönheit ich bangte –
schon auf Heilung bedacht.[1]

Christine Busta war sehr religiös, die Religion und auch die Mystik sind oft Gegenstand ihrer Lyrik, trotzdem ist diese weit davon entfernt, frömmelnd oder brav zu wirken. Bustas Poesie besticht vielmehr durch überraschende und bildhafte Wendungen, welche dem geschriebenen Wort eine Tiefe, Weite und fast fühlbare Schönheit verleihen.  Ein Beispiel dafür ist ihr wunderbarer Schneepsalm:

Heute nenn ich Dich Schnee,
Du unerschöpflicher Schöpfer
vergänglicher Sternkristalle,

der die nackten Äcker bekleidet,
den Wanderer weglos macht
und die ärmlichsten Hütten füllt
mit Geborgenheit und Einkehr.

Schwebender Du,
der den Bäumen Last wird,
der die tapferen Krähen auswirft in die Stille
und die Tiere aus den Wäldern den Menschen nahe bringt,
der die Hilflosen hilfloser macht
und die Hilfsbereiten bereiter.

Lautloser,
der das Vertraute entfremdet,
wird uns deine Fülle begraben,
werden Flüche das Lob ersticken?

Morgen vielleicht schon
wird uns Dein Weiß blenden,
und Du beginnst zu tauen.

Herrlicher!
Dann nenn ich Dich Sonne.

Während sich die Inhalte ihrer Gedichte über die Zeit nicht gross verändern, sie bleibt ihren Grundthemen treu, sieht man einen Wandel in der Sprache. Waren ihre ersten Gedichte noch sehr auf Melodie, Reim und Metrum angelegt, weicht dies immer mehr freieren Formen, welche fast schon aphoristischen Charakter haben. Als Beispiel mag folgendes Gedicht gelten:

Was ich brauche

Ich brauche keine öffentliche
Genehmigung, dich zu lieben.
Ich brauch keinen Ring, der mich berechtigt,
Ansprüche zu erheben.

Ich brauche nur deine Umarmung
als schlichter Ring um mein Leben.
Er macht mich nach innen glänzen.[2]


[1] zit. nach KLG, Lexikonartikel von W. Wiesmüller «Christine Busta»

[2] zit. nach Christine Busta, Inmitten der Vergänglichkeit

Theodor Fontane: Zuspruch

Such nicht immer, was dir fehle,
Demut fülle deine Seele,
Dank erfülle dein Gemüt.
Alle Blumen, alle Blümchen,
und darunter selbst ein Rühmchen,
haben auch für dich geblüht.

Das Gedicht besteht mehrheitlich aus 4-hebigen Trochäen, dieser Rhythmus wird nur in der dritten und in der letzten Zeile durchbrochen. So entsteht ein fliessender Rhthmus, der beim Gemüt stoppt, dann weiter geht. Dadurch kommt dem Gemüt eine herausragende Bedeutung zu, auf ihm liegt die Aufmerksamkeit. Der Reim unterstützt das zusätzlich, indem auf einen Paarreim ein umschliessender Reim folgt, der die dritte und die letzte Zeile noch näher zusammenrückt, in Beziehung bringt. (aabccb).

Am Anfang steht eine Aufforderung: „Such nicht immer“. Fontane fordert den Empfänger dieses Gedichts auf, nicht immer nach dem zu suchen, was ihm fehlt. Hinter dieser Suche liegt ein Anspruch, welcher zu gross ist und nie zu Zufriedenheit führt, da immer etwas fehlt im Leben. Statt dieser Anspruchshaltung soll der Leser lieber demütig sein. Und hier kommt das Gemüt. Dank soll es erfüllen (dafür, was ist).

Das Gemüt beinhaltet alle vom Seelischen und vom Gefühl ausgehenden Kräfte und Empfindungen eines Menschen. Dass diese mit Dankbarkeit gefüllt sein sollen, ist die zentrale Aussage, die er daraufhin begründet. Er tut dies wieder in fliessendem Rhythmus, verweist auf alle Blumen und Blüten, die auch für den hier Angesprochenen geblüht haben. Hier endet das Gedicht, eng bezogen durch Takt und Reim aufs Gemüt.

Das Gedicht ist überschrieben mit „Zuspruch“. Es soll also jemandem, der klagt, Trost bringen, ihm gut zureden und ihm zeigen, dass alles nicht so schlimm ist, wie er es aktuell beklagt. Den Grund zur Klage sieht Fontane in der Suche nach Fehlern, die Lösung des Problems in einer Veränderung der Perspektive: Statt die Konzentration auf den Mangel zu legen, soll man besser schauen, was ist, sich daran freuen und dafür dankbar sein.

Wer mit ein wenig mehr Achtsamkeit durch die Welt geht, sieht die Blumen am Wegesrand. Und selbst wenn der Weg ab und an holprig und mit Hindernissen bestückt ist, so blühen sie trotzdem und erfreuen den, welcher sie sieht.

Rose Ausländer (11. Mai 1901 – 3. Januar 1988)

Rose Ausländer wurde als Rosalie Beatrice Scherzer am 11. Mai 1901 in Czernowitz, Österreich-Ungarn in einen liberal-jüdischen und kaisertreuen Haushalt geboren. Zwar hatte man sich vom streng orthodoxen Ostjudentum distanziert, trotzdem waren die wichtigen jüdischen Traditionen wichtig und wurden gelebt.

Czernowitz war eine Mischung aus verschiedenen Völkern und damit auch Sprachen, 60 Prozent der Bevölkerung waren Juden, die Umgangssprache war Deutsch. Deutsch wurde als Kultursprache und als Sprache des Aufstiegs angesehen. Paul Celan sprach von Czernowitz in einer Rede von einer «Gegend, in der Menschen und Bücher lebten». Literatur und Kultur genossen einen hohen Stellenwert in Czernowitz.  

«Bukowina II

Landschaft die mich
erfand

Wasserarmig
Waldhaarig
die Heidelbeerhügel
honigschwarz

Viersprachig verbrüderte
Lieder
in entzweiter Zeit

Ausgelöst
strömen die Jahre
ans verflossene Ufer»

1916 musste die Familie nach Budhapest fliehen, weil Czernowitz von den Russen besetzt wurde. Von da ging es 1919 weiter nach Wien und 1920 zurück nach Czernowitz. Rose Ausländer arbeitete in einer Rechtsanwaltskanzle und studierte nebenher als Gasthörerin Literatur und Philosophie. Sie beendete das Studium nie.

1921 wanderte Rose mit ihrem Studienfreund Ignaz Ausländer in die USA aus, den sie 1923 heiratete und von dem sie sich bereits 1926 wieder trennte (1930 erfolgte die Scheidung). Im gleichen Jahr erhielt sie die amerikanische Staatsbürgerschaft. 1927 erschienen ihre ersten Gedichte im Amerika-Herold-Kalender, im gleichen Jahr kehrte sie in die Bukowina zurück, um ihre kranke Mutter zu pflegen. Dort lernte sie den Kulturjournalisten Helios Hecht kennen, mit dem sie 1928 nach New York reiste. Es erschienen weitere Gedichte von ihr.

«Warum schreibe ich?

Vielleicht, weil ich in
Czernowitz zur Welt kam,
weil die Welt in
Czernowitz zu mir kam.
Jene besondere Landschaft.
Die besonderen Menschen.
Märchen und Mythen
Lagen in der Luft,
man atmete sie ein.»

1931 kehrten Ausländer und Hecht zurück nach Czernowitz, es folgten weitere Gedicht- und Aufsatzveröffentlichungen in Zeitungen und Anthologien, daneben arbeitete sie als Englischlehrerin und Lebensberaterin in einer Zeitung. 1934 wurde ihr die amerikanische Staatsbürgerschaft aberkannt, da sie dem Land zu lange ferngeblieben war. 1935 kam es auch zur Trennung  von Hecht.

1939 erschien Rose Ausländers erster Gedihtband «Der Regenvorgen», welcher beim Publikum trotz guter Kritiken nicht ankam. Nach einem kurzen Aufenthalt in New York pflegte sie in Czernowitz ihre kranke Mutter, als 1940 sowietische Truppen einfielen. Ausländer wurde verhaftet, kam nach vier Monaten wieder frei. 1941 besetzten mit Deutschland verbündete rumänische Truppen die Stadt. Ausländer kam ins Ghetto der Stadt, wo sie Paul Celan kennenlernte. In einem Kellerversteck überlebte sie, weil sie der Deportation entgehen konnte. Die Erkenntnis, dass all die Verbrechen damaliger Zeit von Menschen begangen wurden, setzt Rose Ausländer zu. Sie verarbeitete diesen Schrecken in Gedichten:

Noch ist das Lied nicht aus

Noch ist das Lied nicht aus, noch lebt im Leid
der immerdar Verfolgte und Beraubte.
Er weiss: sein Schicksal ist dem Tod geweiht,
und immer schwebt ein Schwert ob seinem Haupte.

Sie sagten einst, sein Gott sei nicht so gut
wie ihrer, so musste er es büssen.
Fest liegt die Schuld in seinem bösen Blut,
und sie zertraten es mit ihren Füssen…

1944 befreite die Rote Armee schliesslich die wenigen überlebenden Juden, so dass Ausländer über Rumänien nach New York auswandern konnte, wo sie als Fremdsprachenkorrespondentin arbeitete und Gedichte schrieb – ausschliesslich auf Englisch.

1957 traf sie in Paris auf Celan. 1964 zog sie nach Wien, 1965 nach Düsseldorf. Als verfolgte des NS-Regimes bezog sie eine Rente, der ihr das finanzielle Überleben sicherte, so dass sie sich ihren Gedichten widmen konnte. 1965 erschien ihr zweiter Gedichtband «Blinder Sommer», welcher beim Publikum ankam und ihr endlich zum literarischen Durchbruch verhalf.

Als ich
aus der
Kindheit floh
erstickte
mein Glück
in der Fremde

Als ich
im Ghetto
erstarrte
erfror
mein Herz
im Kellerversteck

Ich Überlebende
des Grauens
schreibe aus Worten
Leben

In den folgenden Jahren reiste Rose Ausländer viel in Europa, auch nochmals kurz nach USA, uns trat 1972 ins Nelly-Sachs-Haus, ein jüdisches Altenheim in Düsseldorf. Ein Unfall 1977 führte bei ihr zum Entschluss, das Zimmer nicht mehr zu verlassen, so dass sie die restlichen 11 Jahre, die ihr noch blieben, nur noch Gedichte schrieb und veröffentlichte. Ihr lyrisches Werk schliesst sie mit folgenden Worten ab:

«Gib auf

Der Traum
lebt
mein Leben
zu Ende»

Rose Ausländer starb am 3. Januar 1988 und liegt auf dem jüdischen Friedhof in Düsseldorf.

Paul Celan (23. November 1920 – 20. April 1970)

Paul Celan wird am 23. November 1920 in Czernowitz, Grossrumänien als Paul Antschel geboren. Celan lernt schon als Kind Gedichte auswendig, er liebt die deutsche Literatur, allen voran Hölderlin, Heine und Kafka. Es dauert nicht lange, dass eigene Gedichte aus seiner Feder fliessen.

Nach seiner Schulzeit studiert er zuerst Medizin, später Romanistik, was er aber wegen der Massnahmen des Nazi-Regimes abbrechen muss. 1941 wird Czernowitz von den Deutschen besetzt, die jüdische Bevölkerung wird in Ghettos gezwungen, von wo Paul Celans Eltern deportiert werden. Kurz nach der Deportation stirbt sein Vater an Typhus und seine Mutter wird erschossen. Daraus entsteht für Paul Celan ein Schmerz, der ihn nie mehr loslässt. Zudem quält ihn die Überlebensschuld, wie sie viele Überlebende des Zweiten Weltkriegs fühlen. Paul Celan verarbeitet dies immer wieder in seinen Gedichten.

„Der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau“
(aus der Todesfuge)

1944 kann Celan sein Studium wieder aufnehmen, für den Lebensunterhalt arbeitet er als Lektor und Übersetzer. 1947 verlässt er seine Heimat und reist über Wien schliesslich 1948 nach Paris (er erhält 1950 die französische Staatsbürgerschaft). 1948 lernt Paul Celan Ingeborg Bachmann kennen, mit der ihn eine tiefe Liebe verbindet, die dreimal kurz gelebt werden kann, ansonsten nur in Briefen stattfindet. Das Band der beiden ist tief, gegenseitige Bezüge durchziehen beider Werk.

Dieses Gedicht widmet Paul Celan Ingeborg Bachmann im Mai 1948:

Ägypten

Du sollst zum Aug der Fremden sagen: Sei das Wasser.
Du sollst, die du im Wasser weißt, im Aug der Fremden suchen. 
Du sollst sie rufen aus dem Wasser: Ruth! Noemi! Mirjam!
Du sollst sie schmücken, wenn du bei der Fremden liegst. 
Du sollst sie schmücken mit dem Wolkenhaar der Fremden.
Du sollst zu Ruth und Mirjam und Noemi sagen: 
Seht, ich schlaf bei ihr!
Du sollst die Fremde neben dir am schönsten schmücken.
Du sollst sie schmücken mit dem Schmerz um Ruth, um Mirjam und Noemi.

Du sollst zur Fremden sagen: 
Sieh, ich schlief bei diesen!“ 

1951 lernt er Gisèle Lestrange kennen, die er ein Jahr später auch heiratet, 1955 kommt der gemeinsame Sohn Eric zur Welt. 1952 kann Paul Celan durch die Vermittlung von Ingeborg Bachmann bei der Tagung der Gruppe 47 lesen, was allerdings kein Erfolg wird, da die Art von Celans Vortrag bei den Anwesenden auf wenig Verständnis stösst, was diesen wiederum verletzt. Zwar hält sich der Kontakt zu einigen der Mitglieder, doch es fehlt ihm das wirkliche Vertrauen zu ihnen mehrheitlich.

Nicht leicht zu verstehen ist sicher Celans Interesse an und seine freundschaftliche Beziehung zu Martin Heidegger, den in der Tat herausragenden und tiefgründigen Denker mit NS-Vergangenheit. An Ingeborg Bachmann schreibt Paul Celan, dass er der Letzte sei, welcher über die «Freiburger Rektoratsrede und einiges andere hinwegsehen» könne. Trotzdem bevorzuge er einen, welcher «an seinen Verfehlungen würgt» als «patentierte Antinazis». Heideggers Würgen scheint allerdings sehr versteckt zu sein, da er sich nie von seinen Aussagen distanziert .

Ausschlaggebend für diese Beziehung ist für Celan wohl Heideggers Hochachtung der Dichtung, welche in seinem philosophischen Werk einen hohen Stellenwert hat. Zudem steht Heidegger neben Jünger, Hölderlin, Rilke und anderen für einen Ausdruck des Deutschen im Guten (als Gegensatz zur Tätersprache), welcher sich Celan verbunden und wodurch er eine Art Geistesverwandtschaft fühlt. Mit dem Land Deutschland und den Deutschen sonst gelingt ihm das nie, er fühlt sich nie wohl oder zuhause da.

Die dramatischen Erlebnisse durch den Krieg haben Paul Celans psychische Stabilität schon früh angegriffen, eine innere Zerrissenheit macht ihm zeitlebens zu schaffen. In den 60er-Jahren kommen mehrfache Depressionsschübe dazu, die oft auch von aggressiven Ausbrüchen begleitet sind. Dies führt zu mehreren Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken. Am 20. April 1970 nimmt sich Paul Celan das Leben, indem er sich am Pont Mirabeau in Paris in die Seine stürzt. Zwar findet sich nie ein Abschiedsbrief, doch Celan war ein guter Schwimmer, so dass ein Unfall fast auszuschliessen ist. Auf seinem Schreibtisch findet sich zudem eine aufgeschlagene Hölderlin-Biografie mit folgender unterstrichener Stelle:

«Manchmal wird dieser Genius dunkel und versinkt in den bitteren Brunnen seines Herzens.»

Werk
Paul Celans Werk zeigt eine deutliche Entwicklung von den frühen zu den späten Gedichten. Während die frühen noch eher traditionell erscheinen, verändert sich die Sprache immer stärker. Er steht damit nicht alleine, da viele Autoren der Nachkriegsliteratur damit befasst waren, die durch das Unrechtsregime und die damit einhergehenden Gräueltaten korrumpierte deutsche Sprache zu verlassen und eine neue Form zu finden. Paul Celans Weg war der, dass er die Worte zwar verwendete, sie aber in einer Weise setzte, dass sie sich dem Leser quasi wieder entziehen durch ihre kryptische Verwendung. So klingen die Verse zwar beim Lesen, verschliessen sich aber dem einfach zu erfassenden Sinn. Damit will Celan den Wörtern ihre Gewalt nehmen, die dadurch entsteht, dass sie den Leser durch den Akt des Verstehens unterwerfen. Daraus resultiert aber keine dem Sinn enthobene Sprache, denn dieser erschliesst sich durchaus beim näheren Betrachten, dies allerdings erst durch die eigene Auseinandersetzung mit den Wörtern, was den Leser zu einem Eroberer macht.

Eines der bekanntesten Gedichte Paul Celans ist wohl die Todesfuge:

Todesfuge

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete

er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne
er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith

wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr anderen spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen

Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus  Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus
Deutschland  
 
dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith

Kleine Deutungen – Erich Fried: Nachtgedicht

Erich Fried (1921 – 1988)

Das Gedicht musste leider gelöscht werden, da der Verlag mit rechtlichen Schritten drohte bei einer Publikation hier. Es kann nachgelesen werden in „Erich Fried: Liebesgedichte“

Wenn man an Erich Fried denkt, fällt einem wohl zuerst seine politische Lyrik ein, welche im Einklang steht mit seinem politischen Engagement. Er war kein einfacher Zeitgenosse, er sagte seine Meinung und er tat dies klar und pointiert. Dass man ihn – vor allem in rechten und konservativen Kreisen – auch gerne als «Stören-Fried» bezeichnete, zollt dem Rechnung. Doch dies ist nur eine der vielen Seiten von Erich Fried.

Fried war auch ein Sprachakrobat, er wusste, die Sprache einzusetzen, damit zu spielen. Mit dieser Fähigkeit gelang es ihm, die Werke Shakespeare in einer diesen gebührenden Weise zu übersetzen, etwas, das vor ihm so noch keinem gelungen ist. Auch andere Dichter hatten das Glück, im deutschen Sprachraum durch seine Feder bekannt zu werden: Sylvia Plath, T. S. Eliot, Dylan Thomas, um nur einige zu nennen.

Und nicht zuletzt schrieb er Liebesgedichte. Er tat dies in der ihm eigenen Art:

  • Was ist Liebe? Ganze Regale könnten gefüllt werden mit Romanen und Abhandlungen zu dem Thema, es beschäftigt die Menschen wohl seit es sie gibt. Erich Fried braucht in diesem Gedicht nicht viele Worte, und doch ist alles da.
  • Liebe ist ein Ich, das ein Du hat. Sie ist ein Zusammensein, das Teilen von Tisch und Bett.
  • Liebe ist das Hinschauen, wie es dem anderen geht und das Hineinfühlen, was er braucht, was ihm gut tut. Liebe ist die Sorge um den anderen, der Wunsch, es möge ihm gut gehen. Und sie ist der Wunsch, das Mögliche dazu beizutragen.
  • Liebe ist, dem anderen den Raum zu geben, den er braucht, und doch dazusein. Liebe ist die Nähe, die man den anderen immer wieder spüren lässt, und ihm damit zu zeigen, er ist nicht allein.
  • Liebe ist Zärtlichkeit, sind die lieben Worte und Gesten, in welchen sie sich ausdrückt.
  • Liebe ist der immer wieder neue Wunsch, den anderen zu sehen, zu entdecken, ihn kennenzulernen.
  • Liebe ist die Lust, die sich am anderen entzündet.

Erich Fried gelingt es wie kaum einem anderen, Worte für eigentlich nicht Sagbares zu finden, durch die das Gefühl hindurch scheint. Man liest die Zeilen und findet zwischen ihnen ganze Geschichten. In kurzen Versen erschliesst sich so eine ganze Welt, die über sich hinausweist, die Gefühle sprechen lässt. Und als Leser sitzt man da, liest die Worte, erlebt die Geschichte und fühlt sie tief in sich mit.   

William Wordsworth (7. April 1770 – 23. April 1850)

William Wordsworth wurde am 7. April 1770 in Grossbritannien geboren. Er war einer der bekanntesten englischen Dichter der Romantik und vor allem durch seine an der Natur orientierten Gedichte bekannt. Allerdings verschloss er sich auch nicht der Schönheit anderer Orte, unter anderem jener der Stadt London. In seinem Gedicht Composed upon Westminster Bridge glänzt diese in voller Pracht:

Composed upon Westminster Bridge, September 3, 1802
Earth has not anything to show more fair:
Dull would he be of soul who could pass by
A sight so touching in its majesty:
This City now doth, like a garment, wear
The beauty of the morning; silent, bare,
Ships, towers, domes, theatres, and temples lie
Open unto the fields, and to the sky;
All bright and glittering in the smokeless air.
Never did sun more beautifully steep
In his first splendour, valley, rock, or hill;
Ne’er saw I, never felt, a calm so deep!
The river glideth at his own sweet will:
Dear God! the very houses seem asleep;
And all that mighty heart is lying still!”

Schönheit zu sehen braucht Zeit, die man sich nehmen soll. Wenn man einfach blind durch die Strassen rast, wird man zu viel übersehen. Das Gleiche gilt für Gedichte: Wordsworth verschafft dem Leser durch die Setzung der Interpunktionen immer wieder Atempausen, er lenkt den Fluss unter der Brücke des Blickes durch. Aus jeder Zeile steigt die Schönheit auf, erstreckt sich zwischen Erde und Himmel. Die Stille des Anblicks und der noch schlafenden Stadt spiegelt sich im ruhigen Fluss der Sprache.

Es fällt auf, dass die Stadt menschenleer ist, wodurch sie aber durch sich selber lebend erscheint. Sie trägt des Morgens Schönheit, wie ein Mensch Kleider trägt. Die Häuser, Schiffe, Tempel, Kuppeln, sie alle tragen zum Bild und zum Leben bei. Nicht mal als Schöpfer tritt der Mensch ins Bild, an seiner Stelle wird Gott angerufen, fast, als hätte er durch den Menschen hindurch eine Stadt erschaffen, welche nun, einem Naturschauspiel gleich, in ganzer Schönheit vor unseren Augen liegt.

Hier noch eine deutsche Übersetzung:

Verfaßt auf der Westminster-Brücke,
3. September 1802

Die Erde hat nicht Schöneres zu zeigen:
Stumpf wär’ ein Mensch, der hier vorübergeht
und nicht erlebt des Anblicks Majestät:
Die große Stadt hat heute sich gekleidet
in des Morgens Schönheit! Still da liegen
Dom, Theater, Türme, Schiffe, Kran,
frei gehn die Blicke zu der Wolken Bahn.
Niemals sah ich, fühlt’ ich solchen Frieden,
und niemals hat der frühen Sonne Scheinen
vergoldet reicher Hügel, Fels und Tal.
Der Fluß, wie sanft er will, dahin kann gleiten:
Mein Gott! die Häuser liegen all’ im Schlaf,
die Stadt hält an, so möcht’ man meinen,
des großen, mächt’gen Herzens Schlag!“

Lebenssinn?

Wird die Raupe je gefragt,
was sie im Leben will?
Ist einzig nur der Schmetterling
der Raupe ganzer Sinn?

Zählt Werden mehr,
als Sein je wird?
Wo geht man hin,
wenn man mal stirbt?

Kommt schliesslich dann das Paradies,
ist Leben hier nur leben bis?
Ist Streben das, was wirklich zählt?
Und wer hat dieses so gewählt?

Was ist genug,
was wird’s nie sein?
Bin ich speziell,
oder gemein?

Es drängt so manche Frag’ sich auf,
meist nimmt das Schicksal seinen Lauf,
bevor die Antwort sich dir zeigt,
und fast bin ich dazu geneigt,

zu sagen, dass das ständig Fragen,
zu nichts taugt in diesem Leben,
Denn die Antwort ist und bleibt:
„So ist es halt im Leben eben.“

©Sandra von Siebenthal