Wer klug ist, muss klug klingen

Liest man Sach- und Fachbücher, gerade im universitären Rahmen, findet man sich einer Flut unverständlicher Wendungen und hochgestochenen Kauderwelschs gegenüber. Jeder, der etwas auf sich hält, scheint das in hoch komplexen, verschachtelten, mit Fremdwörtern gespickten, möglichst langen Sätzen kundtun zu wollen. Oder er scheint zu denken, es zu müssen, damit auch alle gleich merken, dass da einer schreibt, der einer ist und nicht keiner. Wenn dann zu all den Verschachtelungen die an sich schon schwer genug zu lesen wären stünden alle Satzzeichen da  diese auch noch fehlen dann wird das Lesen zur Tortur und man sieht sich ständig suchend wo denn nun der Anfang war und wo das alles endet.

„Das wirklich Wichtige in Diagrammen befindet sich meist in den Pfeilen dazwischen.“

Oft sind die gelehrten Schreiber einsichtig und stellen ihren Text in vereinfachten Diagrammen dar. Das soll veranschaulichen, was vorher unverständlich geschrieben war. Damit es auch wirklich anschaulich wird, lässt man das eine oder andere weg, reduziert maximal und hat danach ein buntes und schönes Diagramm mit Pfeilen und Strichen, Balken und Kuchenstücken. Selbsterklärend ist das nicht, es wird noch eine Erklärung dazu brauchen. Dazu kommt, dass man nun nur einen Teil der Wahrheit kennt, der Rest wurde weg reduziert. Das passt dann auch zum Ausspruch:

„Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.“

Vereinfachungen sind selten befriedigend, gerade, wenn es um komplexe Gegenstände geht, die aus mehreren, nicht hierarchisch zu gliedernden Ebenen bestehen. Reduziert man die zu betrachtenden Punkte auf einige wenige, fallen die anderen, die durchaus Relevanz haben (für sich oder im Ganzen), weg, was zu einem verzerrten und damit falschen Bild führt. Zwar ist dieses Bild dann verständlich, aber es ist schlicht nicht richtig. Damit vermittelt man eine Sachlage, die Menschen als Faktum nehmen, welche aber als solche weder existiert noch irgendwelche Relevanz hat. Bauen dann Menschen auf dieser Sachlage auf, können nur wacklige Konstrukte entstehen.

„Ich habe die Sache zu wenig verstanden, um mich einfach auszudrücken“

Statt die Dimensionen zu reduzieren wäre es in meinen Augen sinnvoller, die ganze Bandbreite offen zu legen. Es müssen auch nicht immer markige Diagramme sein, oft reicht ein simpler Text aus. Beim Offenlegen der ganzen Breite sollte aber darauf geachtet werden, dass man sich sprachlich nicht zu sehr in einen abgehobenen Fachjargon flüchtet. Darin sehe ich die Hauptproblematik. Jeder denkt, er müsse die Lage noch abgehobener und mit noch komplexeren Sätzen und Fremdwörtern schildern, so dass am Schluss keiner mehr etwas versteht, aber alle weise nicken, weil keiner sich die Blösse geben will. Oft sagen die so gelehrt klingenden Sätze aber gar nichts aus, was man spätestens dann bemerkt, wenn man sie Wort für Wort entschlüsselt. Der Sache ist damit nicht gedient.

Will die Wissenschaft nicht vollends nutzlos im Elfenbeinturm verschwinden und sich gegenseitig Häppchen zuwerfen, wäre es an der Zeit, sich in einen Diskurs mit der Gesellschaft einzubringen. Dann erfüllt sie nämlich eine gute und wichtige Aufgabe und all die in stillen Kammern geschriebenen Bücher und Arbeiten werden plötzlich sinnvoll, weil praktisch wahrgenommen.

Als letztes Zitat, welches mir noch aus meiner Unizeit im Kopf schwebt (die oben genannten stammen auch aus meiner Studienzeit) fällt mir noch ein:

„Ich hatte keine Zeit mich kurz zu fassen.“

Und damit schliesse ich.

 

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Inspiriert zu diesem Thema wurde ich durch diesen Blogartikel auf michellebeyeler.ch: Neue Dimensionen für unseren politischen Raum?

Sex und der Postbote

Ab und an klingelt es hier und der Postbote hat wieder eine Paket-Ladung für mich. Das ab und an ist wohl eher ein „sehr oft“, denn der Postbote erkennt mich schon von Weitem auf der Strasse und grüsst mich mit Namen (mein Sohn fragte mich schon: Wieso kennt der dich?). Wir wohnen erst ein halbes Jahr hier. Da es kein Dorf, sondern Grossstadt ist und ich mir überhaupt keine Namen merken kann, gehe ich davon aus, dass es an der Paketflut liegen muss. So weit, so gut.

Heute hat er nicht geklingelt. Nicht einmal ein Mal. Trotzdem war der Briefkasten voll. Ich freute mich. Bücherpakete. Eines mit gelbem Kleber – von der Post wegen Überprüfung von was auch immer geöffnet und schön gelb wieder zugeklebt. Kein Thema, dachte ich so naiv. Ich packte die drei Pakete, ging in meine Wohnung, begann mit Auspacken. Ein Roman war schöner als der andere. Die Vorfreude aufs Lesen stieg förmlich an. Dann kam der Karton mit den gelben Klebern dran. Ich schnitt sie auf, schüttelte mühsam das Buch heraus, in freudiger Erwartung.

Raus kam: Sex total. Lebe deine Fantasien! Ein Rezensionsexemplar, von dem ich nicht wusste, es je angefordert zu haben. Ich blickte auf das Buch und in meinem Kopf startete der ganze Fragenkatalog: Wieso hatte die Post ausgerechnet dieses Paket geöffnet? Hätte es nicht das mit einem harmlos witzigen Roman sein können? Was denken die nun von mir? Und vor allem: was mache ich nun damit? Ich kann doch UNMÖGLICH ein solches Buch in meinem Blog rezensieren? Was denken all die Leser? In welche Schublade gerate ich da?

Ich wage einen Blick ins Buch. Die Bilder sind eigentlich meist ansprechend, negativ fällt mir nur auf, dass man die Frau in allen Posen und von allen Seiten mit (fast) allen Details nackt sieht, der Mann doch eher bedeckt bleibt. Nicht dass ich ihn selber hätte sehen wollen, aber ganz fair und richtig finde ich das nicht. Entweder alle oder keiner.

Auf der Umschlag-Innenseite finden sich die „Zehn Gebote für einfallsreiche Paare“. Nun wären einfallsreiche Paare wohl gar nicht darauf angewiesen, solche Gebote zu haben, geschweige denn, ein Buch zu konsultieren, insofern wären es wohl eher Gebote für einfallslose Paare.Da sich niemand so nennen lassen will, hat der Titel wohl Programm. Die Gebote selber sind durchaus gut, besagen, dass man sich selber annehmen und zu sich stehen, sich dem anderen mitteilen und ehrlich bleiben soll. Ob die Anlehnung an die Bibel (10 Gebote) sinnvoll ist, bleibe dahingestellt. Jeder wie er mag.

Das Buch glänzt mit Superlativen wie „den besten Stellungen“, „Sex für Experten“ und „Unwiderstehlicher Cunnilingus“ (ich lerne heute viel – was man als Philosophin und Literaturwissenschaftlerin an Lernpotential hat – enorm – und ich meinte das nun in Bezug auf die Begrifflichkeiten, damit hier kein Missverständnis aufkommt), es hat aber auch Tipps für schwierige Momente, wenn es eben nicht klappt, wie man sich das so vorstellt.

Fazit:
Nützt’s nicht, so schadet es auch nicht. Neues lernen ist immer schön, wenn man am Ende des eigenen Lateins steht, hilft ein Wörterbuch weiter.

 

Und so sitze ich hier, das Buch neben mir. Ich denke an den Postdienst, an die gelben Kleber, frage mich, was ich meinem Sohn sage, wenn er das Buch je findet und versuche nun, die rote Farbe wieder aus dem Gesicht zu kriegen.

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Für die, welche es interessiert:
Anna Costa: Sex total. Lebe deine Fantasie, südwest Verlag, München 2013.

Im Kreis

Der Panther

Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

Rainer Maria Rilke, 6.11.1902, Paris

Das Leben zieht an einem vorbei, man sieht die alltäglichen Kleinigkeiten des Seins, wird müde dabei. Man folgt den ausgetretenen Pfaden, täglich, wöchentlich, monatlich, jährlich gleich. Ab und an durchbrochen durch herausragende Momente trauriger oder schöner Natur. Immer wieder zurückkehrend in denselben Trott. Hat der Trott die Sicherheit der Kontinuität, so hat er auch den zerstörenden Charakter für das Leben, das Lebendige in einem.

Man gibt nicht auf, spürt in sich den Willen, weiter zu gehen. Will den Tag, die Woche, die Monate und Jahre bezwingen, tief drin wissend, dass noch mehr da ist, es noch mehr gibt – geben könnte auch für einen selber. Ab und an, da sieht man es, spürt es förmlich. Sieht all die Möglichkeiten, die es zu ergreifen gäbe, wären nur die Arme lang genug. Und ab und an stellt man sich vor, sie wären es, spürt sie wachsen gar. Und merkt dann, dass es doch nicht so einfach ist, Arme selten wachsen und wenn, Ziele sich ändern oder gar verschwinden. Und so geht der Trott von Neuem los. Und man geht weiter in den ausgetretenen Pfaden, ab und an dankbar, sie zu haben, dann wieder müde von dem stetigen Gehen.

Bringt mehr Kinder um

Ein Bild mit toten Kindern aus dem Gaza-Streifen, getötet durch einen israelitischen Raketenangriff, soll Pressebild des Jahres 2012 sein. Diese Auszeichnung lässt mir das Blut in den Adern gefrieren.

Ist es wirklich angebracht, ein Bild mit toten Kindern auszuzeichnen? Heisst das nicht, dass bitte mehr tote Kinder her sollen, damit man noch mehr tolle Bilder schiessen kann? Hat sich die Presse so weit entwickelt, dass je blutiger, je grausamer, je auszeichnungswürdiger gilt? Ästhetisierung des Schreckens auf höchster Stufe. Man wird Argumente finden, klar, von wegen man müsse informieren, die Menschheit auf dem Laufenden halten. Mit Auszeichnungen für Bilder von toten Kindern?

Krieg wird seit je her ästhetisiert. Ausdrücke wie „fürs Vaterland sterben“, „sein Leben geben fürs Vaterland“ sind an der Tagesordnung. Bilder von Schlachten, niedergemetzelten Menschen, Leichenbergen gehen durch die Medien, früher wurden sie in Öl gemalt. Information ist gut. Sie ist sogar wichtig. Aber Auszeichnungen für besonders grausame Bilder zu verteilen erachte ich als dekadent. Eine Auszeichnung heisst, dass etwas besonders gut ist. Das Bild als solches mag nach Kriterien gut sein, doch könnte es dann nicht ebenso ein Blumenbild sein? Was zeichnet dieses Bild aus? Doch bloss der Schrecken. Der fällt hinter die Auszeichnung zurück. Es ist blosse Kunst. Ich schaue es an, denke wow, tolles Bild, gehe weiter im Alltag, kochen, bügeln, arbeiten, essen. Abgehakt.

Diese ganze Bilderflut, für welche auch noch Auszeichnungen verteilt werden, helfen nicht, den Schrecken des Krieges präsent zu halten. Sie helfe, ihn zum Alltag werden zu lassen. Und das Ganze wird noch ausgezeichnet. Wie alles wiederkehrt an Strömungen, hat die Dekadenz wohl grade Hochkultur.

 

Gier und Glück

Gier ist eine der Todsünden, sie wird als übersteigertes Streben nach Habenwollen, als Raffsucht bezeichnet. Sucht ist eine Krankheit, insofern müssten wir uns fragen: Ist unsere Gesellschaft wirklich krank? Einer Sucht verfallen, aus der sie nicht mehr herausfindet? Welche Therapie kann helfen? Abstinenz? Schicken wir sie einfach mal zu den AG – den Anonymen Gierigen, wo sie sich gegenseitig vorstellen und von Ihrem Streben erzählen können?

„Hallo, ich bin Karl. Ich habe schon Millionen, doch ich brauche mehr.“

Haben hat Sein ersetzt. Suchte man früher zu sein, denkt man nun, dieses sei nur über das Haben zu erreichen. Nicht mehr Sein oder Haben heisst es, sondern Sein durch Haben – vermeintlich. Und da niemand entdeckt, dass man nicht mehr als sein kann, will man immer noch mehr haben, um mehr zu sein. Doch mehr wovon? Wohlstandsbauch? Eher unsexy, wobei ab einem gewissen Haben ist das in gewissen Kreisen nicht mehr relevant, da fungiert das Haben als Kraft der Anziehung.

Fakt scheint zu sein: Haben macht nicht glücklich. Gemunkelt wird schon lange, dass zumindest Geld nicht glücklich macht, aber auch Haben insgesamt scheint es nicht zu tun. Denn wäre man glücklich, dann wäre man zufrieden, vor allem mit dem, was man hat. Doch man will mehr Haben. Man will krankhaft viel haben, verfällt einer Sucht, immer noch mehr haben zu wollen. Wie anders ist es zu erklären, dass gewisse Manager nach Millionensalären über Jahren noch goldene Fallschirme verlangen, im Wissen (und intelligent genug sind sie, sie müssen es wissen), dass das hohe Wellen schlagen wird? Das Wissen verleitet sie, zuerst alles abzustreiten, dann alles spenden zu wollen (wieso es dann überhaupt nehmen?) und am Schluss zu verzichten. Nicht etwa aus Grossmut, nein, weil fast keine andere Wahl blieb. Und weil sie wohl schon neue Wege zu neuem Haben vor sich sehen.

Wozu also das Haben? Es ist wohl der sicherste Wert, den man sieht. Das Sein wankt, es ist unsicher, man weiss nicht, wo sich orientieren, da zu viele Stimmen reden, wie es aussehen müsste. Eine innere, eine alte der Eltern, eine der Firma, eine von irgendwelchen Idealvorstellungen, eine weitere von Freunden, Umfeld, Feinden…wohin hören? Da scheint es einfacher, sich dem schnöden Haben zuzuwenden. Das hat man oder hat man nicht. Dass man das Sein trotzdem vermisst, nagt von tief drin nach aussen – immer neue Höhlen. Und jedes gefühlte Loch lässt die Sucht, mehr haben zu wollen, von Neuem grösser werden. Bloss nicht ins Loch fallen, es schnell zuschütten mit Haben. Daran kann man sich eine Weile halten, bis es nicht mehr reicht und neues Haben her muss. Um neue Löcher zu stopfen. Das Sein findet man so nie, wirkliche Freunde auch nicht. Aber immerhin gibt es Halt. Für kurz. Für einen selber. Rundherum fühlen viele Löcher im Bauch ob dieser Gier des Habenwollens. Doch darauf kann man keine Rücksicht nehmen. Man hat eigene Löcher zu stopfen.

Alles hat ein Ende

Vor nicht allzu langer Zeit stand meine Welt kopf. Mein Vater schwebte am Abgrund des Todes, alles hing am seidenen Faden. Ich sah mich selber vor dem Abgrund, es fehlte jeglicher Halt, vor mir nur gähnende Leere und Verzweiflung. Ohne ihn? Das ging nicht. Das war unvorstellbar. Natürlich hatte ich mir oft vorgestellt und rational bewusst gemacht, dass das wohl irgendwann kommen würde. 80 ist ein Alter, das das Ende möglich erscheinen lässt. Der Umstand, dass seine Mutter 106 wurde, hielt die Hoffnung auf viel Aufschub am Leben, den frühen Tod des Vaters verdrängte man bei den Berechnungen gerne.

Der Anruf kam, alles stand auf der Kippe – sein Leben, mein Halt. Der Zeiger ging auf die richtige Seite, er überlebte haarscharf, kämpfte sich mit Geduld (die ihm ebenso fehlt wie mir) zurück ins Leben. Er kam Stück für Stück zurück. Zuerst als Überlebender, dann als an ihn Erinnernder, schlussendlich als der, den ich kannte. Trotzkopf gegen fade Diät, Sturer in Bezug auf was gut und schlecht ist und schlussendlich als mein Papa, den ich so vermisste in der ganzen Zeit. Der Halt, der Pol, das, was einfach ist, mir so ähnlich, mich so verstehend, mich im Nichtverstehen so auf die Palme bringend. Einfach er.

Langsam wird ihm bewusst, wie nah am Tod er war. Er erlebt alles nochmals wieder, wird sich bewusst, was davon er wahrnahm, wo er abwesend war. Er sieht die Endlichkeit, die so drohend da war und weiss um das Glück, das er hatte.

Es hat nicht viel gefehlt. Fast hätte es Grossväterchen nicht mehr gegeben.

Das sagte er mir heute am Telefon. Bei meinem Sohn entschuldigte sich der liebende Grossvater, dass er an Weihnachten nicht für ihn da war. ich bin unendlich glücklich, ist er noch/wieder da. Ich bin unendlich dankbar, musste ich den Schmerz nicht länger als ein paar ungewisse Tage/Wochen ertragen. ich bin noch viel dankbarer, einen solchen Vater zu haben. Einen Menschen, der mir so nah, so wichtig ist. Der so viel Liebe hat und gibt. Und vor allem dankbar, dass ich Menschen habe, die ich so lieben darf.

So soll es sein, so soll es bleiben.

Das sang einst eine deutsche Band, das ist, was wir uns alle wünschen. Das Gute soll bleiben, das Schlechte schnell vergehen. Leider haben wir es nicht in der Hand. Darum gibt es nur eines: Heute zu schätzen, was ist, es bewusst wahr- und anzunehmen. Selbst wenn es morgen nicht vorbei ist, ist es wert, heute genossen zu werden. Das Leben ist nicht selbstverständlich. Manchmal vergisst man das so leicht im Trubel des eigentlich belanglosen Streben nach noch Belangloserem.

Meine Liebe zur Literatur

Als ich ein kleines Mädchen war, ging meine Mutter mit mir in die Bibliothek in unserem Ortsteil. Jede Woche gingen wir ein bis zweimal dahin, holten neue Bücher, brachten alte zurück. Ich habe mich über die Jahre wohl durch grosse Teile der Kinder- und Jugendliteratur gelesen. Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke? Noch mehr Bücher (natürlich auch anderes). Die Schulzeit war eine harte Bewährungsprobe für meine Literaturliebe, doch sie überlebte. Dass ich danach Literaturwissenschaft studierte, war nicht wirklich erstaunlich. Die zweitschönste Zeit im Studium war die Vorbereitung auf die Zwischenprüfung. An die 100 Werke wollten gelesen werden. Ein halbes Jahr hatte ich Zeit. Die schönste Zeit war meine Masterarbeit. Ich lebte 9 Monate mit Thomas Mann. Hörte seine Musik, las seine Bücher, seine Biographien, seine Briefe, schaute Filme über sein Werk. Wo ich ging und stand – er war dabei, in mir, mit mir.

Immer wieder hörte ich in der Zeit des Studiums, vor allem bei meinem Masterthema, aber auch danach: Wie kann man das nur lesen? Das ist so öde, so langatmig alles, schwere Kost. Wieso las ich es und wieso mit so viel Freude? War das wirklich alles nur Schnee von gestern? Ich empfand es nie als schwere Kost und wenn, liess ich es sein, sie zu lesen. Lesen muss berühren, lesen muss mir was geben. Wenn ein Buch nicht gefällt, lass ich es sein, egal, wie sein Autor heisst. Es gibt Autoren, die ich liebe, aber eines ihrer Werke nicht lesen konnte, weil es mir nicht gefiel, es gibt auch sogenannt grosse Namen, die ich schlicht nicht lesen kann, weil mich ihr Stil nicht anspricht, mir ihre Bücher nichts geben und nur Zeit nehmen. Durch einige kämpfte ich mich durch, die meisten liess ich nach einigen Seiten links liegen.

Heute lese ich viel zeitgenössische Literatur. Verglichen mit meinen Klassikern ist sie oft wirklich sehr leichte Kost, wobei ihr die Leichtigkeit nicht wirklich als Qualitätsmerkmal gereicht. Darf ich sie kritisieren? Ist es als Rezensent meine Aufgabe, sie zu zerreissen und in die Tonne zu werfen? Tue ich damit nicht einem Schriftsteller unrecht, der sich Mühe gab, eine Idee hatte und sie auf seine Weise kreativ umsetzte? Gibt es objektive Qualitätsmerkmale von Literatur und wer setzt sie fest? Erhofft sich nicht jeder Leser etwas anderes von einem Buch und stellt damit andere Ansprüche, bei denen es oft nicht um literarische Qualität sondern um reine Unterhaltung, Ablenkung, Freude geht? Kann nicht jemand etwas ansprechend finden, das mir das Gesicht einschlafen lässt? Darf ich schreiben, dass es mir so geht oder schreibe ich besser gar nichts?

In vielen Bücherblogs lese ich, dass sie nur Bücher loben wollen, keine kritisieren. Bücher, die nicht gefallen, werden einfach nicht besprochen. Vielleicht auch mal ne Kritik verschluckt, wenn das Buch sonst ok war? Ich weiss es nicht, ich habe mich schon bei der Versuchung ertappt, weil ich niemandem auf die Füsse trampeln wollte, weder dem herausgebenden Verlag noch dem Schriftsteller (wobei ich nicht denke, dass die meine Rezension lesen, insofern wäre es ja eigentlich egal, könnte man meinen). Bislang verzichtete ich auf die Beschreibung eines Buches, das mir nicht gefiel, vor allem, da ich es vermied, es fertig zu lesen.

Kann ich ein Buch kritisieren, das ich nicht lesen konnte, weil es einfach nur zum Einschlafen war oder gänzlich schlecht? Kürzlich gab es eine Diskussion zu dem Thema und es war viel Entsetzen über dieses Vorgehen zu lesen. Man werde dem Buch dabei nicht gerecht. Das mag sein, doch wenn man deklariert, dass man nur einen Teil gelesen hat und sagt, wieso nicht mehr, dann ist das doch eigentlich die reine Wahrheit? Und auch eine Aussage, nämlich, dass das Buch es nicht schaffte, den Leser zu packen.

Ich habe beschlossen, in Zukunft auch Bücher zu besprechen, die ich nicht mag, die mir nicht gefallen, gegen die ich Einwände habe. Habe ich vorher gedacht, es zu tun wäre vielleicht unfair dem Schriftsteller gegenüber, der es geschrieben hat, so denke ich heute, es zu unterlassen wäre unfair den Schriftstellern gegenüber, die gute Literatur schreiben, die wirklich lesenswert sind, die sich abheben von dem oft so ermüdenden Einheitsbrei, der sich durch besondere Originalität und abstruse Stilmittel von anderen abheben will und dabei nur noch langweiliger wird, weil die Geschichte in den Bemühungen untergeht.

Dabei bleibt immer zu bemerken, dass alles, was ich über das Gelesene schreibe, meine Meinung widerspiegelt und keinen Anspruch auf allgemeine Gültigkeit hat. Auf der Seele brennt mir dieses Thema schon eine Weile, es wird brennender, da ich seit Wochen an ein und demselben Roman lese (oder eben nicht lese), mittlerweile kämpfend bei Seite 117 angelangt bin und es mir graut, nur noch eine Zeile weiter zu lesen. Die Chance bestünde sicher, dass alles noch besser wird, beim blättern durch die verbleibenden über 200 Seiten sieht das aber nicht so aus. Man darf gespannt sein, was ich damit anstellen werde.

Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben (Der Film)

Marcel Reich-Ranicki wurde 1920 im polnischen Wloclawek als Sohn einer deutschen Jüdin und eines polnischen Juden geboren, verlebte seine Schulzeit in Berlin, wo er auch seine Liebe zur Literatur entdeckte. Aufgrund seines Judentums blieb ihm ein Studium in Deutschland verwehrt, 1938 wurde er nach Warschau deportiert, wo er 1940 im Ghetto landete. Verschiedene glückliche Zufälle, seine Tätigkeit als Übersetzer im Judenrat und die Hilfe von mitfühlenden Menschen liessen ihn und seine Frau Teofila, welche er am Tag der Ghettoräumung geheiratet hatte, die Schrecken der Naziherrschaft überleben.

1944 begann Marcel Reich-Ranickis Arbeit für die polnische Geheimpolizei, in welcher er eine Karriere machte, die jäh mit seiner Entlassung aus derselben endete. Zuvor wurde er unter Verdacht des Verrats (was nur ein Vorwand gewesen zu sein scheint, um sein Judentum nicht explizit als Grund nennen zu müssen) inhaftiert und verhört. In den 50er Jahren führt der Weg von Marcel Reich-Ranicki zurück nach Deutschland, wo er sich (unter anderem) als Literaturkritiker ganz seiner Liebe zur Literatur widmet.

Ein Leben als Ode an die Literatur. Literatur als Lebensinhalt, als Stütze, als Trost. Was mich beim Lesen des Buches so berührte, das als Grundlage dieses Filmes diente, war die Funktion der Literatur in Reich-Ranickis Leben, war das Aufzeigen der Funktion von Literatur in dieser Zeit generell. Das fällt im Film etwas mager aus. Wenige Szenen befassen sich mit der Literatur, die Hauptsache liegt auf dem Krieg, auf der Unterdrückung, auf der rohen Gewalt und auch auf den wohlwollenden Schicksalsweisungen, die das Leben Reich-Ranickis immer wieder retteten.

Wie hätten sie sich in der Situation verhalten?

Diese Frage, Marcel Reich-Ranicki stellt sie in einem Verhör bei seiner Inhaftierung, eröffnet eine grosse moralische Diskussion. Kann man aus heutiger Sicht verurteilen, wie sich die Menschen damals verhielten? Hätte man für ein zusätzliches Stück Brot nicht auch kooperiert? Die Verurteilung des Handelns der Menschen ist sicher einfach aus der sicheren Gegenwart und im Rückblick auf alles, was war. Auf der anderen Seite gibt es moralische Urteile und die lassen sich nicht einfach verbiegen, weil die Zeit es so fordert. Gerade das war es ja, was den Schrecken der Naziherrschaft ausmachte: Die Ausradierung der gängigen Moral zugunsten einer von oben diktierten, welche in der Folge auch wieder ausradiert wurde, um sie zu verurteilen. Ein zweifacher Bruch der Moral, welcher Moral als solches als unsicher, wankelmütig und willkürlich erscheinen liess.

Die Frage an sich ist, wie ich denke, nicht ehrlich zu beantworten, da man es schlicht nicht wissen kann, wenn man nicht in der Situation steckt.

Fazit:
Ein absolut sehenswerter Film, welcher aber weit hinter dem Buch zurück steht, welches mich wirklich sehr berührt hatte, als ich es las.

Krieg der Meinungen

Wir schlagen den anderen mit unseren Argumenten. Wir beabsichtigen, den anderen mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Wir siegen in Diskussionen nach Punkten und haben dazu schlagkräftige Argumente verwendet. Die Argumente haben wir ins Feld geführt wie Krieger und hofften, der andere gibt nach, gibt auf.

Man könnte meinen, wir befinden uns im Krieg aller gegen alle, wenn man die Wortwahl in Bezug auf Diskussionen analysiert. Kriegsmetaphorik wird dazu verwendet, einfache Gespräche darzustellen. Die Frage, die sich dabei stellt ist, ob man einen Freund gewinnt, wenn man ihn im Gespräch als Kriegsgegner hinstellt.

Die Frage beim Gespräch ist immer, was man dadurch zu erreichen hofft. Hofft man auf einen Austausch, ein Miteinander im Entwickeln von Gedanken oder will man auf Gedeih und Verderben den anderen von sich und seinen Gedanken überzeugen? Was hilft dieser verzweifelte Überzeugungsversuch? Als erstes wohl, dass man selber als ziemlich verbissener, kämpferischer und vehementer Verfechter der eigenen Sicht wahrgenommen wird. Selbst wenn die eigene Sicht danach angekommen ist, sympathisch ist man dadurch nicht geworden. Das hilft schlussendlich weder der Sache noch einem selber.

Verschiedene Meinungen sind gut und wichtig. Sie helfen, die Sichtweisen offen zu halten. Meinungen dürfen auch verschieden bleiben. Man kann auch Menschen lieben, die nicht immer alles gleich sehen. Wenn sie dabei authentisch und offen bleiben für fremde Sichten, sind sie umso liebenswerter. Es wäre vielleicht also angebrachter, sich mit Argumenten zu umgarnen, auf dem Tanzparkett der verschiedenen Meinungen verschiedene Rhythmen auszuprobieren, dabei im Miteinander den jeweils eigenen zu finden, dabei den anderen gelten zu lassen. Vielleicht bringt sogar das Akzeptieren der anderen Sicht als durchaus genauso möglich wie die eigene mehr Glück und Zufriedenheit, als der aggressiv kriegerische Versuch, sie zu ändern. Denn – und davon müsste man doch eigentlich überzeugt sein – wenn etwas wirklich gut und richtig ist, wird es durch die richtigen Argumente überzeugen, nicht durch ihren kriegerischen Einsatz.

Das Andenken an die Geschwister Scholl

Vor 70 Jahren wurden die Geschwister Scholl verhaftet und hingerichtet. Die Studenten hatten zum Widerstand gegen das Nazi-Regime aufgerufen. Sie gelten bis heute als Vorbilder der Zivilcourage.*

Die Geschwister Scholl stehen bis heute für Widerstand und Zivilcourage. Sie lehnten sich gegen die Machenschaften unter Hitler auf und bezahlten ihren Einsatz schlussendlich mit ihrem Leben. Ihre Geschichte ist umso erstaunlicher, als sie zuerst mit den Nationalsozialisten sympathisierten, eine Karriere machten in dem System entgegen den Überzeugungen ihrer Eltern, welche dem System eher kritisch gegenüber standen. Die anfängliche Faszination für die Bewegung Hitlers wich nach und nach der Überzeugung, dass diese mit der eigenen Moral nicht konform ging. Doch: woher stammt diese innere Moral? Und wieso fehlte sie bei so vielen der anderen, die entweder mitmachten oder einfach schwiegen?

Glaubt man Kant, steckt die Moral in jedem drin und jeder Mensch hätte (theoretisch) die Fähigkeit,  zu erkennen, was recht und was unrecht ist und auch nach danach zu handeln. Wenn dem so ist, wie kommt es dann, dass so viele Menschen sich in ein System einspannen liessen und sogar noch freudig mitmachten, das so offensichtlich nicht recht, nicht gut war? War es wirklich blosse Gedankenlosigkeit, wie Hannah Arendt sie bei Eichmann (wenn auch aufgrund falscher Voraussetzungen) feststellte oder steckt eine menschliche Boshaftigkeit dahinter, die jedem innewohnt? C.G.Jung hat darauf hingewiesen, dass jeder Mensch sowohl Licht wie auch Schatten in sich trägt. Als Schatten bezeichnete er die dunklen Seiten, die man selber verabscheut und auch unterdrückt. Und doch scheinen sie auch eine Anziehungskraft zu haben. Das Gute also blosse Unterdrückung des eigentlich reizvollen?

Der Mensch strebt nach dem Guten. Dessen waren sich die Philosophen zu allen Zeiten einig. Die Meinungen gingen aber auseinander, was dieses Gute sei. Nun lässt sich das Gute, das einer will, durch verschiedene Kriterien bestimmen. Es kann moralisch gut sein, es kann aber auch nur gut sein, weil es erstrebenswert scheint. Dazu bedarf es keiner moralischen Komponente, sondern einer individuell der aktuellen Begehrenssituation angepassten. Ob es wirklich gut und vor allem richtig sei, das zu wollen, was man in dem Moment will, ob dieses erstrebte Gut (moralisch) angebracht ist, steht auf einem anderen Blatt. Es steht einem immer frei, sich gegen das angestrebte zu entscheiden, wenn man es aufgrund der eigenen Abwägung über richtig oder falsch als falsch erkannt hätte. Dazu bedarf es aber des Insichgehens. Es bedarf der inneren Zwiesprache mit sich selber darüber, was Recht und Unrecht ist und was für ein Mensch man sein will. In vielen Fällen wird diese Entscheidung zugunsten des (moralisch) richtigen ausfallen. Der andere Fall findet aber auch statt. Und so findet sich kein Mensch, der nur gut oder nur böse ist. Es ist eine Entscheidung von Mal zu Mal. Gefährlich wird es da, wo das sich Fragen ausbleibt, man unbedacht handelt, ohne sich bewusst zu sein, was man tut und wieso – und vor allem, ob man das tun sollte, dürfte, kann.

Die Geschwister Scholl haben nachgedacht, haben nach ihrem eigenen Gewissen gehandelt und bezahlten das mit ihrem Leben. Sie liessen nicht ihr Leben für die Sache, denn sie wollten leben um für ihre Haltung gegen das Regime. Sie mussten sich aber bewusst gewesen sein, dass sie dieser Kampf eben dieses Leben kosten kann. Das Andenken an die Courage dieser jungen Menschen ist aus verschiedenen Gründen wichtig: Es ist ein Aufruf an das eigene Denken und Hinterfragen von von aussen Gegebenen. Selbst wenn man zuerst etwas gut hiess, ihm folgte, kann man seine Route jederzeit ändern, wenn man den eigenen Weg als falsch erkannt hat. Und man kann die eigene Kraft für das Gute einsetzen, statt sie dem Bösen zu widmen. Dazu bedarf es des eigenen Urteils, der eigenen Stellungnahme, denn nichts ist –  wie schon Hannah Arendt sagte – gefährlicher als blinder Aktionismus:

Diese Indifferenz stellt, moralisch und politisch gesprochen, die grösste Gefahr dar.**

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*http://www.dw.de/vorbilder-bis-heute-sophie-und-hans-scholl/a-16601656

**Hannah Arendt: Über das Böse

Welcher Autor ist etwas wert?

Unlängst hat SteglitzMind einen Artikel mit dem Titel „Statt Schriftsteller ist man Schreib-maschine“ ins Netz gestellt. Die Kommentare waren zahlreich. Nun legte sie einen Artikel nach, in dem Angela Charlotte Reichel von ihren Gedanken zum Thema, ihren Zweifeln am Schreiben ohne Verlag, welche schlussendlich auch Selbstzweifel sind, erzählt. Ein sehr offener und nachdenklich stimmender Artikel: „Dabei will ich nur Bücher schreiben“

Was mich wundert? Wieso sich diese Zuschussverlage noch halten.

Was ist so unersetzlich bemerkenswert an einem sogenannten namhaften Verlag? Ich muss jetzt einfach mal aussprechen, wie sehr mich erschüttert, dass sich die Häupter des Suhrkamp öffentlich versuchen gegen selbst errichtete Mauern zu schlagen.

Bestimmt wirklich Geld was wie wann geschrieben wird?

Die Fragen, die ACR aufwirft, sind nicht neu, sie liegen auf der Hand und wurden so vermutlich auch von anderen schon gedacht. Und doch bleibt schlussendlich vieles beim Alten. Aber wie ist es wirklich? Bestimmt wirklich Geld und ein namhafter Verlag, ob etwas geschrieben wird oder nicht, ob etwas taugt oder nicht? Wenn ich all das lese, was momentan so den Markt überflutet, ist vor allem eines klar: Vieles, was von sogenannt namhaften Verlagen gedruckt wird, ist das Papier ( in meinen Augen) nicht wert, auf dem es steht und es ist vor allem meine Zeit nicht wert, die das Lesen mich kosten würde. Literarisch schwach, sprachlich noch schwächer, möglichst neumodisch geplottet und chronifiziert kommt eine Geschichte daher, die nie das hält, was die Kurzfassung zu versprechen scheint. Wer hat das lektoriert? Aus welchem Grund ging das durch die Schere durch und anderes wird zerschnitten, weggeworfen, ignoriert? Ich denke, da ist viel Glück dabei, viel von persönlichen Stimmungen und auch Vitamin B abhängig.

Schaut man auf früher, auf all die grossen Namen der Literatur, fällt auf, dass viele entweder einen Brotberuf hatten oder aber gar nicht etwa auf Rosen gebettet waren. Viele waren von Gönnern abhängig oder lebten am Rande des finanziellen Ruins. Wieso sollte das heute anders sein? Man verklärt das Ganze wohl auch und hält sich an ein paar wenige, die doch recht gut von ihren Büchern leben – oft steckt da auch noch anderes dahinter und sie konnten von einem finanziellen Polster aus losschreiben. Aber ja, die anderen gibt es immer und ab und an denke ich, sie sind wie Lottogewinne und Casinomillionen: Eher selten. Aber sicher machbar.

So oder so wünschte ich mir, dass jeder sich traut, zu schreiben, wonach ihm ist und dem Schreiben an sich den Wert beimisst, den es hat. Klar schreibt sich das hier leicht, denn leben muss jeder und überleben kostet in der heutigen (wie in der früheren) Welt doch was. Und da beisst sich die Ratte in den Schwanz und die Zweifel und Ängste kommen auf: Kann ich wirklich schreiben ohne Verlag? Was, wenn niemand es liest? Was, wenn niemand es kauft? Was, wenn mich alle verachten, weil kein Verlag mich haben wollte?

Eigentlich schade! Und doch so menschlich. Man denkt, wenn einen wer annimmt, dann ist man gut. Man gibt damit dem anderen mehr Wert und misst den eigenen an der Akzeptanz von aussen. Wer bräuchte die nicht? Identität und was wir darin sehen bestimmt sich immer auch durch die Resonanz von aussen. Und ein angesehener Verlag ist dabei nicht die schlechteste Resonanz, die man sich vorstellen könnte. Wie in jedem anderen Beruf auch, wo man auf die „Oberen“ schaut.

Ich hoffe sehr, dass nicht zu viele Bücher nicht geschrieben werden, weil sie ob der oft quälenden Fragen verworfen wurden.

Hauptsache, es klingt gut

BücherbergeKürzlich stolperte ich über einen Artikel über Empathie. Da mir das Thema sehr am Herzen liegt, war ich erfreut, dass es anderen auch so geht. Die Autorin bezeichnete sich denn auch als Expertin auf dem Gebiet der Empathie. Empathie, so meinte sie, sei ein Akt des gegenseitigen Verständnisses. Nun gut, das ist sehr kurz gefasst, aber nicht grundsätzlich falsch. Im Nächsten Satz fordert sie den Leser auf, Empathie für einen elektronischen Dienst aufzubringen, Empathie für all das Gute, das dieser Dienst für uns täte. Da wurde mir das Ganze schon mehr suspekt. Das wäre in etwa dasselbe, wie wenn ich morgens Empathie mit meinem Käsebrot verspürte, weil es meinen Hunger stillt.

Leider steht die gute Dame nicht allein mit dem, was sie tut. Werbung und Kommunikation lebt häufig von leeren Worten, die gut klingen. Man packt alles, was Klang, Rang und Namen hat, zusammen, mixt etwas peppig klingendes zusammen und spuckt es dem Kunden vor die Füsse. Vermeintliche Botschaft:

Wir sind cool, du hast nur auf uns gewartet.

Empfangenes Gefühl:

Die denken, ich bin dumm, was wollen die von mir?

Ich denke kaum, dass die Rechnung wirklich langfristig aufgeht. Das gerade aktuelle Zugpferd Empathie lässt sich nicht beliebig einsetzen, schon gar nicht, wenn es offensichtlich nicht verstanden wird. Auch wenn die mehrfache Nennung des Schlagwortes und die ebenso offensive Verwendung des Produktenamens dazu führen werden, den Link weit nach oben in den Google Rankings zu bringen, wird ihm ausser vielleicht einigen Klicks wenig zuteil werden.

Auch hier wäre mehr Inhalt und weniger Schein schlussendlich mehr gewesen. Das hätte dann von Empathie mit dem Kunden gezeugt.

Die Wissenschaft, die einer treibt

Wissenschaftliches Arbeiten erfordert die Einhaltung von gewissen Maximen, allen voran die Kenntlichmachung von fremden Zitaten. Es ist unwissenschaftlich, Passagen abzuschreiben oder auch nur schon in abgeändertem Wortlaut zu übernehmen, wenn man nicht offen legt, woher man die Gedanken hat. Das wird als Plagiat verschrien und führt zur Aberkennung der durch solche Arbeiten erlangten Titel.

Wie gut, war Thomas Mann kein Wissenschaftler. Er müsste seinen Titel als Schriftsteller zurückgeben. Thomas Mann arbeitete mit grossen Notizkonvoluten. Er schrieb oft Geschichte, die ein anderer schon mal geschrieben hatte. Tristan und Isolde, Der Erwählte, Doktor Faustus, Jakob – alles keine neuen Ideen, neu war nur seine Umschreibung, seine Adaption des Themas. Dadurch, dass er vor allem seinen Arbeitsprozess am Doktor Faustus sehr genau dokumentierte, wurde ersichtlich, dass in diesem Werk sehr vieles nicht neu war, sondern teilweise sogar Wort für Wort abgeschrieben. In der Literaturwissenschaft trägt dieses Vorgehen den Namen Montagetechnik. Thomas Mann schrieb ganze Passagen aus dem Volksbuch ab, bediente sich bei Nietzsche, bemühte Theodor Adorno um musiktheoretische Ausführungen, die er fast Wort für Wort undeklariert übernommen hat. Daraus entstand, was man heute als letzten grossen Roman Thomas Manns bezeichnet.

Nun könnte man denken, dass der arme Herr Nietzsche einfach ungefragt seiner Ideen beraubt wurde. Der hätte sich aber gar nicht wehren dürfen, tat er es doch selber gleich. Er schrieb unter anderem bei seinen zweiten Unzeitgemässen Betrachtungen bei Schopenhauer, Wagner, Schiller und Grillparzer ab. Auch da oft wortgenau. Während er andere Autoren offensichtlich und kenntlich zitierte, erschien das Gedankengut der oben genannten annektiert und als quasi eigener Gedankenfluss. Wie gut, kann ihm kein Titel mehr aberkannt werden. Er sässe bitterlich weinend in Sils Maria und sähe die Menschen mit Finger auf ihn zeigen. Man könnte in Anbetracht auf seine geistige Verfassung vermuten, dass es ihm egal wäre und ihn nur zu einer weiteren bitterbösen und doch treffenden Tirade gegen die Zustände der Welt verlockte.

Kürzlich diskutierte ich mit meinem Sohn über Shakespeare. Er fand es gemein, dass man munkelt, dieser hätte seine Werke nicht selber geschrieben. Der sei nun tot und als grosser Mann bekannt, man solle ihm den Ruhm lassen. Wäre es in der heutigen Zeit so, wäre er aber auch dafür, dass man den rechtmässigen Schreibern den Ruhm ihres Tuns zuteil werden liesse, diesen dem sich mit falschen Federn Schmückenden aberkenne. Dieses Denken scheint  im Menschen von klein auf angelegt.

Die undeklarierte Aneignung fremden Gedankenguts ist alles andere als eine Lappalie. Indem man ehrlich kundtut, wer Gedanken ursprünglich hatte, respektiert man dessen Leistung und geht ehrlich mit dem Eigentum anderer um. Niemand erfindet das Rad neu und dass man sich dann und wann auf andere beruft, um eigene Gedanken zu stützen, liegt in der Natur der Sache. Während man bei den Grossen wie Thomas Mann und Friedrich Nietzsche gewillt ist, grossmütig die Augen zu schliessen und ihren Ruf unangetastet lässt, zumindest ihre Grösse nicht schmälert, geht man mit Menschen unserer Zeit sehr hart ins Gericht. Wieso? Weil man es kann? Weil sie noch leben? Rachebestreben einer auf Gerechtigkeit pochenden Gesellschaft? Und wieso war es den Abschreibenden so wichtig, einen Titel zu erhaschen, wenn sie ganz offensichtlich nicht gewillt waren, die formalen Anforderungen zu erfüllen? Geltungssucht? Opportunismus, Machtstreben? Wo liegen die Gründe?

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Um allen Regeln gerecht zu werden, sei darauf verwiesen, dass ich beim Schreibprozess Thomas Manns aus meiner eigenen Schrift zitierte (die immerhin 554 Fussnoten auf 128 Seiten verteilt und somit alles zugeordnet hat, was nur irgendwie zuzuordnen war) und bei Nietzsches Schreibprozess den Artikel von Thomas Fries und Glenn Most, Von der Krise der Historie zum Prozess des Schreibens: Nietzsches zweite Unzeitgemässe Betrachtung, im Hinterkopf hatte.