Sex und der Postbote

Ab und an klingelt es hier und der Postbote hat wieder eine Paket-Ladung für mich. Das ab und an ist wohl eher ein „sehr oft“, denn der Postbote erkennt mich schon von Weitem auf der Strasse und grüsst mich mit Namen (mein Sohn fragte mich schon: Wieso kennt der dich?). Wir wohnen erst ein halbes Jahr hier. Da es kein Dorf, sondern Grossstadt ist und ich mir überhaupt keine Namen merken kann, gehe ich davon aus, dass es an der Paketflut liegen muss. So weit, so gut.

Heute hat er nicht geklingelt. Nicht einmal ein Mal. Trotzdem war der Briefkasten voll. Ich freute mich. Bücherpakete. Eines mit gelbem Kleber – von der Post wegen Überprüfung von was auch immer geöffnet und schön gelb wieder zugeklebt. Kein Thema, dachte ich so naiv. Ich packte die drei Pakete, ging in meine Wohnung, begann mit Auspacken. Ein Roman war schöner als der andere. Die Vorfreude aufs Lesen stieg förmlich an. Dann kam der Karton mit den gelben Klebern dran. Ich schnitt sie auf, schüttelte mühsam das Buch heraus, in freudiger Erwartung.

Raus kam: Sex total. Lebe deine Fantasien! Ein Rezensionsexemplar, von dem ich nicht wusste, es je angefordert zu haben. Ich blickte auf das Buch und in meinem Kopf startete der ganze Fragenkatalog: Wieso hatte die Post ausgerechnet dieses Paket geöffnet? Hätte es nicht das mit einem harmlos witzigen Roman sein können? Was denken die nun von mir? Und vor allem: was mache ich nun damit? Ich kann doch UNMÖGLICH ein solches Buch in meinem Blog rezensieren? Was denken all die Leser? In welche Schublade gerate ich da?

Ich wage einen Blick ins Buch. Die Bilder sind eigentlich meist ansprechend, negativ fällt mir nur auf, dass man die Frau in allen Posen und von allen Seiten mit (fast) allen Details nackt sieht, der Mann doch eher bedeckt bleibt. Nicht dass ich ihn selber hätte sehen wollen, aber ganz fair und richtig finde ich das nicht. Entweder alle oder keiner.

Auf der Umschlag-Innenseite finden sich die „Zehn Gebote für einfallsreiche Paare“. Nun wären einfallsreiche Paare wohl gar nicht darauf angewiesen, solche Gebote zu haben, geschweige denn, ein Buch zu konsultieren, insofern wären es wohl eher Gebote für einfallslose Paare.Da sich niemand so nennen lassen will, hat der Titel wohl Programm. Die Gebote selber sind durchaus gut, besagen, dass man sich selber annehmen und zu sich stehen, sich dem anderen mitteilen und ehrlich bleiben soll. Ob die Anlehnung an die Bibel (10 Gebote) sinnvoll ist, bleibe dahingestellt. Jeder wie er mag.

Das Buch glänzt mit Superlativen wie „den besten Stellungen“, „Sex für Experten“ und „Unwiderstehlicher Cunnilingus“ (ich lerne heute viel – was man als Philosophin und Literaturwissenschaftlerin an Lernpotential hat – enorm – und ich meinte das nun in Bezug auf die Begrifflichkeiten, damit hier kein Missverständnis aufkommt), es hat aber auch Tipps für schwierige Momente, wenn es eben nicht klappt, wie man sich das so vorstellt.

Fazit:
Nützt’s nicht, so schadet es auch nicht. Neues lernen ist immer schön, wenn man am Ende des eigenen Lateins steht, hilft ein Wörterbuch weiter.

 

Und so sitze ich hier, das Buch neben mir. Ich denke an den Postdienst, an die gelben Kleber, frage mich, was ich meinem Sohn sage, wenn er das Buch je findet und versuche nun, die rote Farbe wieder aus dem Gesicht zu kriegen.

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Für die, welche es interessiert:
Anna Costa: Sex total. Lebe deine Fantasie, südwest Verlag, München 2013.

5 Comments

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  1. Ein Beitrag ist immer dann gut, wenn er den Leser in Erinnerungen stürzt – also nach hinten führt – und zugleich eigene Sichtweisen zumindest abklopft – also auch nach vorne sieht. Bei dem Text hatte ich beides, wunderbar. Ich hatte mal eine Zeit, da hat mich der Döner-Mann auf der Straße gegrüßt. Also nicht, wenn ich am Laden vorbeiging, sondern in zivil. Hat mir zu denken gegeben. Oder ich ging in einen Spätkauf und der Mann sagt „2 Bier, eine Cola, wie immer?“. Hat mich total erschüttert, in meiner frühen wilden Großstädterzeit.
    Bei dem Postboten fällt mir, dem ebenfalls Vielbeschicktem, jener Paketmann ein, der keuchend mit 21 Paketen vor meiner Tür im vierten Stock stand und flehte, ich möge mir doch bitte endlich ein Postfach zulegen. Schöne Zeiten waren das, hach.
    Und die nackerte Frau und der semi-genackerte Mann? Ich hab das erst gestern gedacht, als mir mein Maildienstleister auf seiner Hauptseite einen klickbaren Artikel vorschlug: „Die heißesten Frauen der Oscar-Nacht“ – oder so ähnlich. Fand ich seltsam. ich meine, die Oscars schaut sich doch echt keiner an wegen eventuell erotischer Einblicke. Man mag die Veranstaltung kritisieren, aber für Erotik-Artikel ist sie denn doch zu honorabel. Wer, überlegte ich also, verzapft dann sowas? Wer verbiegt sich und uns so sehr, um sogar aus einer Filmpreisverleihung ein wenig Sex zu quetschen? Sind das alles nur Kerle in den Redaktionen? Könnte sein. Andererseits: Kerle wissen an sich, dass ne Oscar-Verleihung eher unerotisch ist…wer also schrob dein Buch. Ups…siehste: Schon ist es „dein“ Buch…

    Liebe Grüße, danke für die „Ideen“

    David/EAL

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  2. Danke für deine Gedanken zu „meinem Buch“. Meins ist es ja nun, es steht im Regal neben Ratgebern aller Art. Das ist nun quasi das Regal „hier werden sie geholfen“. Und das nun bald in allen Lebenslagen 🙂

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  3. Ein Schelm wer sich da was denkt… Aber irgendwie schon interessant was du hier beschreibst – die religiöse Post (10 Gebote und Sex und …, steht was über den neuen Pabst drin? Mann zu Mann?) oder bist du jetzt in der „Ausland-“ Datenbank fichiert – da sie ja für die „Inland-„Datenbank nicht alles aufzeichnen dürfen? Oder hab ich da was vermischt…

    Schöner Artikel – animiert zum schmunzeln 😉

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  4. Es würde mich brennend interessieren, ob und vor allen Dingen, WIE Dich der Postbote nun grüßt, liebe Cosima??? Liest er vielleicht diesen Blog? Und wenn nicht, hält er Dich nun für eine glückliche Ehefrau? Um es mal diskret auszudrücken …

    Es grüßt Dich freundlich die köstlich amüsierte Anemone mit eingebauten Kopfkino…

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    • Seit der Sache mit dem geöffneten Paket hat der Postbote gewechselt… Nun geht bei mir auch das Kopfkino los. Traut sich der alte nicht mehr? Oder hat er sich das Buch auch bestellt und liest nun fleissig, hat deswegen Urlaub genommen? Ein Schelm….

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