Meine Liebe zur Literatur

Als ich ein kleines Mädchen war, ging meine Mutter mit mir in die Bibliothek in unserem Ortsteil. Jede Woche gingen wir ein bis zweimal dahin, holten neue Bücher, brachten alte zurück. Ich habe mich über die Jahre wohl durch grosse Teile der Kinder- und Jugendliteratur gelesen. Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke? Noch mehr Bücher (natürlich auch anderes). Die Schulzeit war eine harte Bewährungsprobe für meine Literaturliebe, doch sie überlebte. Dass ich danach Literaturwissenschaft studierte, war nicht wirklich erstaunlich. Die zweitschönste Zeit im Studium war die Vorbereitung auf die Zwischenprüfung. An die 100 Werke wollten gelesen werden. Ein halbes Jahr hatte ich Zeit. Die schönste Zeit war meine Masterarbeit. Ich lebte 9 Monate mit Thomas Mann. Hörte seine Musik, las seine Bücher, seine Biographien, seine Briefe, schaute Filme über sein Werk. Wo ich ging und stand – er war dabei, in mir, mit mir.

Immer wieder hörte ich in der Zeit des Studiums, vor allem bei meinem Masterthema, aber auch danach: Wie kann man das nur lesen? Das ist so öde, so langatmig alles, schwere Kost. Wieso las ich es und wieso mit so viel Freude? War das wirklich alles nur Schnee von gestern? Ich empfand es nie als schwere Kost und wenn, liess ich es sein, sie zu lesen. Lesen muss berühren, lesen muss mir was geben. Wenn ein Buch nicht gefällt, lass ich es sein, egal, wie sein Autor heisst. Es gibt Autoren, die ich liebe, aber eines ihrer Werke nicht lesen konnte, weil es mir nicht gefiel, es gibt auch sogenannt grosse Namen, die ich schlicht nicht lesen kann, weil mich ihr Stil nicht anspricht, mir ihre Bücher nichts geben und nur Zeit nehmen. Durch einige kämpfte ich mich durch, die meisten liess ich nach einigen Seiten links liegen.

Heute lese ich viel zeitgenössische Literatur. Verglichen mit meinen Klassikern ist sie oft wirklich sehr leichte Kost, wobei ihr die Leichtigkeit nicht wirklich als Qualitätsmerkmal gereicht. Darf ich sie kritisieren? Ist es als Rezensent meine Aufgabe, sie zu zerreissen und in die Tonne zu werfen? Tue ich damit nicht einem Schriftsteller unrecht, der sich Mühe gab, eine Idee hatte und sie auf seine Weise kreativ umsetzte? Gibt es objektive Qualitätsmerkmale von Literatur und wer setzt sie fest? Erhofft sich nicht jeder Leser etwas anderes von einem Buch und stellt damit andere Ansprüche, bei denen es oft nicht um literarische Qualität sondern um reine Unterhaltung, Ablenkung, Freude geht? Kann nicht jemand etwas ansprechend finden, das mir das Gesicht einschlafen lässt? Darf ich schreiben, dass es mir so geht oder schreibe ich besser gar nichts?

In vielen Bücherblogs lese ich, dass sie nur Bücher loben wollen, keine kritisieren. Bücher, die nicht gefallen, werden einfach nicht besprochen. Vielleicht auch mal ne Kritik verschluckt, wenn das Buch sonst ok war? Ich weiss es nicht, ich habe mich schon bei der Versuchung ertappt, weil ich niemandem auf die Füsse trampeln wollte, weder dem herausgebenden Verlag noch dem Schriftsteller (wobei ich nicht denke, dass die meine Rezension lesen, insofern wäre es ja eigentlich egal, könnte man meinen). Bislang verzichtete ich auf die Beschreibung eines Buches, das mir nicht gefiel, vor allem, da ich es vermied, es fertig zu lesen.

Kann ich ein Buch kritisieren, das ich nicht lesen konnte, weil es einfach nur zum Einschlafen war oder gänzlich schlecht? Kürzlich gab es eine Diskussion zu dem Thema und es war viel Entsetzen über dieses Vorgehen zu lesen. Man werde dem Buch dabei nicht gerecht. Das mag sein, doch wenn man deklariert, dass man nur einen Teil gelesen hat und sagt, wieso nicht mehr, dann ist das doch eigentlich die reine Wahrheit? Und auch eine Aussage, nämlich, dass das Buch es nicht schaffte, den Leser zu packen.

Ich habe beschlossen, in Zukunft auch Bücher zu besprechen, die ich nicht mag, die mir nicht gefallen, gegen die ich Einwände habe. Habe ich vorher gedacht, es zu tun wäre vielleicht unfair dem Schriftsteller gegenüber, der es geschrieben hat, so denke ich heute, es zu unterlassen wäre unfair den Schriftstellern gegenüber, die gute Literatur schreiben, die wirklich lesenswert sind, die sich abheben von dem oft so ermüdenden Einheitsbrei, der sich durch besondere Originalität und abstruse Stilmittel von anderen abheben will und dabei nur noch langweiliger wird, weil die Geschichte in den Bemühungen untergeht.

Dabei bleibt immer zu bemerken, dass alles, was ich über das Gelesene schreibe, meine Meinung widerspiegelt und keinen Anspruch auf allgemeine Gültigkeit hat. Auf der Seele brennt mir dieses Thema schon eine Weile, es wird brennender, da ich seit Wochen an ein und demselben Roman lese (oder eben nicht lese), mittlerweile kämpfend bei Seite 117 angelangt bin und es mir graut, nur noch eine Zeile weiter zu lesen. Die Chance bestünde sicher, dass alles noch besser wird, beim blättern durch die verbleibenden über 200 Seiten sieht das aber nicht so aus. Man darf gespannt sein, was ich damit anstellen werde.

5 Comments

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  1. Schön, dass eine Rezensentin so offen über sich berichtet. Das ehrt sie, denn es ist nicht selbstverständlich. Neben allen handwerklichen und sonst noch wichtigen Aspekten ist es mir als schlichtem Leser wichtig, die Seele eines Buches zu spüren. Das hat nichts mit Spannung zu tun. Wenn ich spüre, dass hinter einem Text ein Mensch steckt, dem das, was da geschrieben steht, wichtig ist, dann lese ich es mit Vergnügen und manchmal bin ich auch berührt. Nicht jedes Buch hat so eine Seele. Manche sind auch als Bestseller nicht mehr als Kommerz und damit wirklich Zeitverschwendung.

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    • Stimmt, die Seele – das trifft es gut.

      Manchmal denke ich, ich bin zu offen. Doch auf der anderen Seite: Wenn mir daraus jemand einen Strick drehen will, soll er das tun. Zumindest hängt der Strick an der Wahrheit dran.

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  2. Auf jeden Fall solltest Du auch die schlechten Bücher kritisieren – sogar gerade die! Denn wenn man schon seine kostbare Lebenszeit an sie verschwendet hat, ist es geradezu eine Pflicht, andere vor demselben Fehler zu bewahren. Natürlich ist so etwas immer subjektiv, wie eigentlich immer bei Kunst. Aber wenn ich mir als Leser einer Rezension dessen bewusst bin, kann sie mir trotzdem als Hilfe bei der Entscheidung helfen. Ich lese ja (vielleicht aus ähnlichen Gründen wie Du ;-)) praktisch keine Belletristik mehr, weil mir aufdringliche Stilmittel, langweilige Geschichten („über Menschen, die im Bett liegen und Bücher schreiben über Menschen, die im Bett liegen und Bücher schreiben …“ 😉 einfach uninteressant erscheinen. Aber bei meiner Lektüre von Sachbüchern, wobei sich berufliche und private Interessen überschneiden bzw. fast eins sind, werde ich oft so wütend über gelegentlich sogar unlautere Argumentation, schlechte bis fehlende Logik und nicht zuletzt auch schlechten Stil, dass ich einfach eine Warnung loslassen muss – finde ich. Schließlich ist Lebenszeit das Kostbarste, was wir haben, daher sollten wir ihre Verschwendung vermeiden. Es gibt zu viel Schönes auf der Welt (nicht nur in der Kunst, auch in Musik, Natur, Mitmenschen … Welt eben …), als dass man sich mit Schlechtem die Zeit hier verderben sollte.
    Und noch ein Aspekt: Ich finde gerade die „subjektiven“ Rezensionen z.B. bei Amazon hilfreich: Nicht nur findet man dort oft Hinweise und Zusatzinformationen von „Laien“, die einem die Spezialisten nicht geben (können oder wollen), sondern die meist klar erkennbare Subjektivität ist mir auch viel lieber als die Scheinobjektivität der vorgeblich „ewigen Massstäbe grosser Kunst“, die manche „Grosskritiker“ suggerieren (wollen): Bei denen ist es dann eher schon so, dass ich ihre Rezensionen auch als verlässliche Empfehlung nehmen kann: Was von XY gelobt wird, KANN mir gar nicht gefallen … 😉

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