Gier und Glück

Gier ist eine der Todsünden, sie wird als übersteigertes Streben nach Habenwollen, als Raffsucht bezeichnet. Sucht ist eine Krankheit, insofern müssten wir uns fragen: Ist unsere Gesellschaft wirklich krank? Einer Sucht verfallen, aus der sie nicht mehr herausfindet? Welche Therapie kann helfen? Abstinenz? Schicken wir sie einfach mal zu den AG – den Anonymen Gierigen, wo sie sich gegenseitig vorstellen und von Ihrem Streben erzählen können?

„Hallo, ich bin Karl. Ich habe schon Millionen, doch ich brauche mehr.“

Haben hat Sein ersetzt. Suchte man früher zu sein, denkt man nun, dieses sei nur über das Haben zu erreichen. Nicht mehr Sein oder Haben heisst es, sondern Sein durch Haben – vermeintlich. Und da niemand entdeckt, dass man nicht mehr als sein kann, will man immer noch mehr haben, um mehr zu sein. Doch mehr wovon? Wohlstandsbauch? Eher unsexy, wobei ab einem gewissen Haben ist das in gewissen Kreisen nicht mehr relevant, da fungiert das Haben als Kraft der Anziehung.

Fakt scheint zu sein: Haben macht nicht glücklich. Gemunkelt wird schon lange, dass zumindest Geld nicht glücklich macht, aber auch Haben insgesamt scheint es nicht zu tun. Denn wäre man glücklich, dann wäre man zufrieden, vor allem mit dem, was man hat. Doch man will mehr Haben. Man will krankhaft viel haben, verfällt einer Sucht, immer noch mehr haben zu wollen. Wie anders ist es zu erklären, dass gewisse Manager nach Millionensalären über Jahren noch goldene Fallschirme verlangen, im Wissen (und intelligent genug sind sie, sie müssen es wissen), dass das hohe Wellen schlagen wird? Das Wissen verleitet sie, zuerst alles abzustreiten, dann alles spenden zu wollen (wieso es dann überhaupt nehmen?) und am Schluss zu verzichten. Nicht etwa aus Grossmut, nein, weil fast keine andere Wahl blieb. Und weil sie wohl schon neue Wege zu neuem Haben vor sich sehen.

Wozu also das Haben? Es ist wohl der sicherste Wert, den man sieht. Das Sein wankt, es ist unsicher, man weiss nicht, wo sich orientieren, da zu viele Stimmen reden, wie es aussehen müsste. Eine innere, eine alte der Eltern, eine der Firma, eine von irgendwelchen Idealvorstellungen, eine weitere von Freunden, Umfeld, Feinden…wohin hören? Da scheint es einfacher, sich dem schnöden Haben zuzuwenden. Das hat man oder hat man nicht. Dass man das Sein trotzdem vermisst, nagt von tief drin nach aussen – immer neue Höhlen. Und jedes gefühlte Loch lässt die Sucht, mehr haben zu wollen, von Neuem grösser werden. Bloss nicht ins Loch fallen, es schnell zuschütten mit Haben. Daran kann man sich eine Weile halten, bis es nicht mehr reicht und neues Haben her muss. Um neue Löcher zu stopfen. Das Sein findet man so nie, wirkliche Freunde auch nicht. Aber immerhin gibt es Halt. Für kurz. Für einen selber. Rundherum fühlen viele Löcher im Bauch ob dieser Gier des Habenwollens. Doch darauf kann man keine Rücksicht nehmen. Man hat eigene Löcher zu stopfen.

1 Comment

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  1. „Haben hat Sein ersetzt.“ Das ist der zentrale Satz. Ja, die „Haben-Gesellschaft“ ist krank. Sie tanzt nicht mehr nur um das „Goldene Kalb“, sie glaubt, es selbst zu sein. Und weil alles Gold so kalt ist, sucht sie in einer Pseudo-Religiosität nach Wärme. Aber sie findet sie nicht, denn auch dort will sie nur die Bessere sein.

    Aber solange es noch Menschen gibt, die das erkennen, ist noch nicht alles verloren – hoffentlich!

    Gut, dass dieser Artikel geschrieben wurde! Er macht mir Hoffnung.

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