Wer klug ist, muss klug klingen

Liest man Sach- und Fachbücher, gerade im universitären Rahmen, findet man sich einer Flut unverständlicher Wendungen und hochgestochenen Kauderwelschs gegenüber. Jeder, der etwas auf sich hält, scheint das in hoch komplexen, verschachtelten, mit Fremdwörtern gespickten, möglichst langen Sätzen kundtun zu wollen. Oder er scheint zu denken, es zu müssen, damit auch alle gleich merken, dass da einer schreibt, der einer ist und nicht keiner. Wenn dann zu all den Verschachtelungen die an sich schon schwer genug zu lesen wären stünden alle Satzzeichen da  diese auch noch fehlen dann wird das Lesen zur Tortur und man sieht sich ständig suchend wo denn nun der Anfang war und wo das alles endet.

„Das wirklich Wichtige in Diagrammen befindet sich meist in den Pfeilen dazwischen.“

Oft sind die gelehrten Schreiber einsichtig und stellen ihren Text in vereinfachten Diagrammen dar. Das soll veranschaulichen, was vorher unverständlich geschrieben war. Damit es auch wirklich anschaulich wird, lässt man das eine oder andere weg, reduziert maximal und hat danach ein buntes und schönes Diagramm mit Pfeilen und Strichen, Balken und Kuchenstücken. Selbsterklärend ist das nicht, es wird noch eine Erklärung dazu brauchen. Dazu kommt, dass man nun nur einen Teil der Wahrheit kennt, der Rest wurde weg reduziert. Das passt dann auch zum Ausspruch:

„Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.“

Vereinfachungen sind selten befriedigend, gerade, wenn es um komplexe Gegenstände geht, die aus mehreren, nicht hierarchisch zu gliedernden Ebenen bestehen. Reduziert man die zu betrachtenden Punkte auf einige wenige, fallen die anderen, die durchaus Relevanz haben (für sich oder im Ganzen), weg, was zu einem verzerrten und damit falschen Bild führt. Zwar ist dieses Bild dann verständlich, aber es ist schlicht nicht richtig. Damit vermittelt man eine Sachlage, die Menschen als Faktum nehmen, welche aber als solche weder existiert noch irgendwelche Relevanz hat. Bauen dann Menschen auf dieser Sachlage auf, können nur wacklige Konstrukte entstehen.

„Ich habe die Sache zu wenig verstanden, um mich einfach auszudrücken“

Statt die Dimensionen zu reduzieren wäre es in meinen Augen sinnvoller, die ganze Bandbreite offen zu legen. Es müssen auch nicht immer markige Diagramme sein, oft reicht ein simpler Text aus. Beim Offenlegen der ganzen Breite sollte aber darauf geachtet werden, dass man sich sprachlich nicht zu sehr in einen abgehobenen Fachjargon flüchtet. Darin sehe ich die Hauptproblematik. Jeder denkt, er müsse die Lage noch abgehobener und mit noch komplexeren Sätzen und Fremdwörtern schildern, so dass am Schluss keiner mehr etwas versteht, aber alle weise nicken, weil keiner sich die Blösse geben will. Oft sagen die so gelehrt klingenden Sätze aber gar nichts aus, was man spätestens dann bemerkt, wenn man sie Wort für Wort entschlüsselt. Der Sache ist damit nicht gedient.

Will die Wissenschaft nicht vollends nutzlos im Elfenbeinturm verschwinden und sich gegenseitig Häppchen zuwerfen, wäre es an der Zeit, sich in einen Diskurs mit der Gesellschaft einzubringen. Dann erfüllt sie nämlich eine gute und wichtige Aufgabe und all die in stillen Kammern geschriebenen Bücher und Arbeiten werden plötzlich sinnvoll, weil praktisch wahrgenommen.

Als letztes Zitat, welches mir noch aus meiner Unizeit im Kopf schwebt (die oben genannten stammen auch aus meiner Studienzeit) fällt mir noch ein:

„Ich hatte keine Zeit mich kurz zu fassen.“

Und damit schliesse ich.

 

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Inspiriert zu diesem Thema wurde ich durch diesen Blogartikel auf michellebeyeler.ch: Neue Dimensionen für unseren politischen Raum?

4 Comments

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  1. Hier schreibt wohl eine Person, die aus „Wissenschaft“ die Naturwissenschaft (also eigentlich Science an sich!) ausklammert. Du darfst gerne wortreich – und mit korrekter Interpunktion! (bin ich jetzt zu boshaft? …noch ein paar!!!) – die Aggregatszustände und Phasenübergänge aller Stoffe beschreiben – mit ein paar Formeln und Diagrammen ist das aber deutlich einfacher, präziser und lesbarer: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/0/00/Phasendiagramme.svg

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    • Ich schliesse die Naturwissenschaften sicherlich nicht aus, das ist eine Unterstellung. Dass in den Naturwissenschaften Formeln die einzig hinreichend aussagekräftige Darstellung gewisser Zustände und Abläufe sind, steht ausser Frage. Auch gewisse Diagramme sind durchaus sinnvoll. Wenn es aber darum geht, alle Gedankengänge auch noch in ein Diagramm zu packen, dann entbehrt das in meinen Augen jeglicher Nützlichkeit.

      Da auch in den Naturwissenschaften ab und an Text zur Beschreibung von Abläufen und Erklärung von Formeln verwendet wird, hoffe ich, auch da ein paar Interpunktionszeichen anzutreffen. Bei den Neurobiologen, die ich momentan hauptsächlich lese, bin ich da durchaus fündig geworden.

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  2. Zugegebenermassen übertreiben es einige Autoren_innen mit der Verwendung von Fachtermini und natürlich macht das einen Text weniger einfach lesbar. Trotzdem denke ich, dass Fachausdrücke immer dann angebracht sind, wenn sie eine Sachlage genauer oder genauso gut in einem Lexem (in einem Wort) ausdrücken können als in einem langem Phrasem (mehrere Wörter, ein Ausdruck).
    Und wenn ich gleich noch etwas Metakommunikation einbringen darf: Gerade in Bereichen, in denen man sich etwas besser auskennt bzw. Fachwissen erworben hat, sind „gewöhnliche“ Ausdrücke (wie eben z.B. „Wort“) einfach nicht mehr hinreichend – weil man sich dann immer wieder vor Augen führt, dass es hunderte Definitionen für „Wort“ gibt und man doch möchte, dass genau (oder wenigstens am genausten) die Bedeutung von Wort zum Leser/Zuhörer/… transportiert wird, die man gemeint hat.
    Schlussendlich bin ich auch der Meinung, dass die Beurteilung von Fachtexten, wie jene aller anderen Texte auch, immer Geschmackssache ist. Einige Menschen bevorzugen einen Text mit möglichst geringem Redundanzwert (also „Wiederholungen“), und damit ein solcher Text entstehen kann, braucht man nun einmal Fachbegriffe, welche leider meist sehr hochgestochen, elitär und fremd klingen. 😉

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