Heute schon getrunken?

Trinken ist sozial. Trinken ist cool. Trinken schmeckt. Alles am Trinken ist toll, ausser das zuviel Trinken. Wo die Grenze ist, scheint schwammig. Folgt man den Regeln irgendwelcher Tests, sind die meisten Menschen arg kritisch und am Rande des Abgrunds. Schaut man auf die Gesellschaft, geht doch einiges rein an Schnaps, Bier, Wein. 

Alkohol ist die legale und sozial akzeptierte Droge Nummer eins. Man möchte fast sagen, es ist die sozial geforderte Droge. Feierabendbier, Wein zum Lesen, Whiskey zum Einschlafen, alles hat Platz, alles ist akzeptiert. Man geht zu Geschäftsessen und kann wählen zwischen Weiss- und Rotwein. Im Sommer auch mal Bier. Man nimmt Wasser? Da fängt der Erklärungsnotstand an. Frauen sind im Verdacht, schwanger zu sein oder auf Diät, Männer Zweiteres oder schon anonyme Alkoholiker? Einen Grund muss es haben, wenn man keinen Alkohol trinkt. Alkohol ist die Norm, kein Alkohol bedarf einer Rechtfertigung. 

Irgendwann schlägt diese gesellschaftlich fast geforderte Gewohnheit in ein ungesundes Mass um. Wo ist die Grenze? Was ist noch im Rahmen, was fällt hinaus? Die Grenzdiskussion mal aussen vor: Ist das Kind in den Brunnen gefallen, zeigen alle drauf: Wie kann man nur. War man vorher noch der Partylöwe und Stimmungskanone, ist man nun gefallener Engel und Versager.

In der Schweiz gibt es geschätzt über 300’000 Alkoholiker. Alles Versager? Die Dunkelziffer ist wohl noch höher, würde ich mal schätzen. Geht man davon aus, dass Sucht oft eine Bewältigungsstrategie ist, muss man sich wohl eher fragen, wo die Gesellschaft versagt, dass sie so viele an sich zerbrechen lässt. Wieso brauchen so viele Menschen eine Stütze, um durchs Leben zu kommen? Klar kann man sagen, dass mehr ohne klar kommen. Was aber machen wir mit den Betroffenen? Deckel drauf, sie saufen sich zu Tode? Oder doch mal hinsehen, ob die Lebensbedingungen, die wir in der heutigen Gesellschaft schaffen, wirklich noch menschenwürdig sind? Das Argument, dass viele nicht in den Alkoholismus abrutschen, zieht in meinen Augen sowieso nicht, denn dies ist nicht die einzige Sucht und auch nicht die einzige umweltbedingte Krankheit. Zählt man dann noch die dazu, die still leiden und weiter funktionieren, sind wir wohl bei einer viel höheren Zahl. 

Ein erster Anfang wäre es wohl, die offensichtlich leidenden zu unterstützen, statt sie zu verhöhnen. Man weiss nie, wann man selber einmal fällt. Dann wäre man auch froh um eine helfende Hand. Der zweite Schritt wäre das Überdenken der eingefahrenen Strukturen, in denen der einzelne Mensch nichts mehr zählt, auswechselbar ist. Denn durch diese Austauschmentalität kommt die Angst hoch, nicht gut genug zu sein. Es gibt wohl keinen bessern Boden für Süchte und ähnlich gelagerte Bewältigungsstrategien  als diesen. 

Der Hirnforscher Eric Kandel: Auf der Suche nach dem Gedächtnis

BildEric Sandel, kam als Kind des jüdischen Spielwarenhändlers Hermann Kandel und dessen Frau Charlotte 1929 in Wien auf die Welt. Schon bald bekam er die antisemitische Gesinnung Österreichs zu spüren, indem zuerst in der Schule keiner mehr mit ihm sprach und er eines Tages aus heiterem Himmel mit seiner Familie umgesiedelt wurde. 1939 emigrierte die ganze Familie nach Amerika, genauer nach Brooklyn. Hermann Kandel eröffnet wieder ein Spielwarengeschäft und Eric besucht die Schule, bewirbt sich bei Harvard und startet so seine Karriere, die ihn bis zum Nobelpreis bringen soll. Dieser ist zwar der Höhepunkt seines Schaffens, nicht aber dessen Ende. Mit ungeminderter Leidenschaft, mit Ehrgeiz und Einsatz forscht Eric Kandel Zeit seines Lebens über das Gedächtnis und dessen Grundlagen und Funktionieren.

Der Film begleitet Eric Kandel zurück nach Wien, lässt ihn seine eigenen Wurzeln suchen und finden. Kandel spürt seinen Erinnerungen nach, welche immer wieder Emotionen in ihm wachrufen. Kandel sieht seine Geschichte mitverantwortlich für seinen Einsatz für das Gedächtnis. Was ist das Gedächtnis, wie entstehen Erinnerungen, welche für die menschliche Identität so fundamental sind? Dieser Frage widmet er sein Leben.

Wer nun glaubt, einen trockenen Film über einen verbohrten Wissenschaftler anschauen zu müssen, der irrt sich gewaltig. Eric Kandel besticht durch ein herzliches Lachen, das er oft erklingen lässt. Mit viel Humor und Witz erzählt er über sich, sein Leben, seine Forschung, lässt es aber trotz all dem Witz nie an Tiefe und Substanz mangeln.

Der Film gibt Einblicke in den Laboralltag des Forschers, der 1000e mühseliger und erfolgloser Stunden mit Versuchen, Enttäuschungen und neuen Versuchen verbringt, bis – teilweise nicht mehr erwartet – der Durchbruch gelingt, passiert, was erhofft und zu beweisen versucht wurde.

Fazit:
Kurzweiliger, anregender und informativer Film. Kandel erreicht Herz und Hirn der Zuschauer. Absolut sehenswert.

Angaben zum Film:
Dauer: 95 Min.
Extras 25 Min.
Land/Jahr: D 2008 (arte edition)
Sprache: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Preis: EUR: 22.99 ; CHF 36.90
Auf der Suche nach dem…Gedächtnis. Der Hirnforscher Eric Kandel, Film von Petra Seeger, arte Edition.

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Ungarn auf dem Rechtstripp?

Ein Publizist in Ungarn ruft zur Vernichtung der Roma auf. Sie seien Tiere und man müsse sie mit allen Mitteln vernichten, da sie nicht existieren sollten. Die Regierung schweigt und dieses Schweigen trägt die Botschaft:

Rassistische Hetze ist erlaubt, wenn sie die richtige Minderheit trifft.

Die Roma in Ungarn leben in grosser Armut. Arbeit kriegen sie nicht, Geld nur wenig. Von den politischen Parolen erfahren sie nichts, ihr einziges Interesse gilt dem puren Überleben. Vermutlich verdrängen sie den Rest, haben resigniert. Dieses Phänomen zeigte sich auch in der Zwischenkriegszeit, die österreichischen Soziologen Paul Lazarsfeld und Marie Jahoda beschrieben es folgendermassen:

Armut und Langzeitarbeitslosigkeit führen nicht zu Wut und Revolte, sondern zu Hoffnungslosigkeit und Apathie. Wer einmal in diesem Zustand ist, findet kaum mehr heraus.

Die Lebensbedingungen der Roma sind menschenunwürdig. Als verachtete Minderheit leben sie in Armut. Wenn nun öffentlich zu ihrer Ausrottung aufgerufen werden darf und die Regierung wortlos zuschaut, sind das bedenkliche Zeichen. Es sind Zeichen, die zeigen, dass man aus der Geschichte nichts gelernt hat und dass das, was den Armeniern in der Türkei 1915 oder den Juden im 2. Weltkrieg passierte, jederzeit wieder geschehen kann.

Rückt die Welt nach rechts? Sind es nur einzelne Staaten? Wer gebietet ihnen Halt?

Die Zitate zu diesem Artikel stammen aus „Die Ausgestossenen“, TA vom 02.02.2013

Erfolgreiche Kommunikation

Kommunikation findet in allen Bereichen des menschlichen Lebens statt. Das fängt morgens beim Frühstückstisch an, geht weiter in Schule oder Beruf, ruht dabei nicht in den Pausen und endet beim ins Bett gehen. Oft funktioniert alles reibungslos, man macht sich keine weiteren Gedanken, doch dann und wann kommt es zu Missverständnissen. Was im privaten Bereich schon ärgerlich genug sein, kann im Geschäftsleben weitreichende Konsequenzen haben.

Die zwischenmenschliche Kommunikation besteht aus einem Sender, der etwas mitteilen möchte und sein Anliegen in Sprache packt. Eine Nachricht entsteht. Der Empfänger sollte diese Nachricht nun wahrnehmen und erkennen. Meistens funktioniert das einigermassen gut, es kommt zu einer Verständigung. Ab und an kommt es zu Problemen, nämlich dann wenn der Empfänger etwas anderes versteht, als der Sender sagen wollte oder aber gar nichts versteht.

Beispiel:

Klaus und Gaby sitzen im Wohnzimmer bei offenem Fenster und lesen. Gaby sagt zu Klaus: „Es ist kalt hier drin.“

Klaus hat nun mehrere Möglichkeiten, unter anderem:

1)   Er schaut auf und sagt: „Es geht, mir ist ganz warm.“ Dann liest er weiter.

2)   Er steht auf, schliesst das Fenster.

Dieses Beispiel zeigt, dass die einfache Nachricht „Es ist kalt hier drin.“ Verschiedene Botschaften enthalten kann oder auch enthält. Der Empfänger kann nicht genau wissen, welche vom Sender gewollt waren, also interpretiert er etwas in die Nachricht hinein. Das Hineininterpretierte entspringt seinen Erfahrungen, seiner eigenen Geschichte und Natur. Je nachdem, wie gut und lange sich Gaby und Klaus kennen, kann die Übereinstimmung zwischen gewollter, gesendeter Aussage und interpretierter Nachricht grösser oder kleiner sein. Das lässt darauf deuten, dass eine Nachricht aus vielen verschiedenen Botschaften besteht.

Aspekte von Kommunikation

Wenn wir von Kommunikation und damit verbundenen Problemen sprechen, lassen sich diese auf die verschiedenen Botschaften zurückführen, die in einer Nachricht stecken. Es lassen sich vier Aspekte einer Nachricht herausschälen:[i]

1)   Sachaspekte

2)   Beziehungsaspekte

3)   Selbstoffenbarungsaspekte

4)   Appellaspekte

1. Sachaspekte

Der Sachaspekt einer Nachricht bezieht sich auf die Frage, worüber man überhaupt informieren will. Die Aussage „Es ist kalt hier drin.“ Ist an sich eine reine Information darüber, dass Gaby friert. Will sie aber Klaus dazu bewegen, das Fenster zu schliessen, hat sie die falsche Nachricht gewählt, denn das geht aus ihren Worten nicht hervor.

–>  Um Missverständnisse zu vermeiden, ist es also wichtig, die eigenen Worte klar zu wählen und wirklich das auszudrücken, was man sagen will.

2. Beziehungsaspekte

Eine Nachricht sagt etwas über die Beziehung von Sender und Empfänger aus. Diese Beziehungsebene steckt meistens im Tonfall und anderen nonverbalen Kommunikationsmittel. Dieser Aspekt einer Nachricht kann im Empfänger  Gefühle und Reaktionen hervorrufen, die so nicht beabsichtigt waren. Klaus könnte sich herumdirigiert fühlen, wenn Gaby in einem harrschen Ton spricht.

–>  Je nachdem, wie ich etwas sage, fühlt sich der Empfänger gut oder schlecht behandelt, erzeugt man im Empfänger Gefühle der eigenen Botschaft und auch sich selbst gegenüber.

3. Selbstoffenbarungsaspekt

Mit allem, was man sagt, gibt man auch Dinge von sich selber preis. Oft verschanzt man sich hinter Aufgaben und Zielen, stellt sich auf eine Weise dar, die man als erfolgversprechend erachtet. Der Empfänger nimmt dies wahr, spürt aber die Unstimmigkeit dahinter und bleibt verwirrt und mit schlechten Gefühlen zurück.

–>  Authentizität ist schlussendlich immer der Schlüssel zum Erfolg.

4. Appellaspekt

Meistens haben Nachrichten eine Funktion, sie sind nicht einfach so dahingesagt. Oft wollen sie auf den Empfänger in irgendeiner Weise Einfluss nehmen. Sehr wahrscheinlich wünschte sich Gaby in der Tat, dass Klaus das Fenster schliesst. Da sie es nicht so sagte, bleibt es an Klaus, das herauszuhören und zu handeln. Eine Nachricht dient also dazu, den Empfänger zu einer Handlung, einer Haltung zu bewegen.

–> Wenn man etwas bewirken will, sollte man das auch aussprechen.

Gehen wir zurück zu Gaby und Klaus. Gaby war kalt, das Fenster war offen. Die einfachste Lösung wäre, das Fenster zu schliessen. Aus irgendeinem Grund wollte Gaby das nicht selber tun oder traute sich nicht, den Vorschlag zu machen. Sie stellte also einfach fest: „Es ist kalt hier drin.“ Einzig möglicher Empfänger war Klaus. Er hörte verbal nur die Botschaft: „Es ist kalt hier drin.“ Vielleicht war ihm warm, also war es nicht kalt im Raum, sondern nur Gaby fror. Als liebender Klaus wollte er Gaby nicht frieren lassen, also war die folgerichtige Lösung: Sie soll es warm haben. Wie kommt man dahin? Decke oder Fenster schliessen. Nun könnte das Gaby auch selber tun, nur tut sie es nicht. Sie informiert ihn nur über ihr Frieren. Entweder ist er ganz Gentlemen und schliesst das Fenster oder aber er fühlt sich kommandiert zum Fenster Schliessen. Bis hier hin hat Klaus schon sehr viel Interpretationsarbeit geleistet.  Und es gab ganz viele Möglichkeiten, etwas misszuverstehen.

Bewusste Kommunikation

Wenn wir kommunizieren, sollten wir uns bewusst werden:

1)   was will ich eigentlich sagen?

2)   Wie ist die Beziehung zwischen mir und dem Empfänger?

3)   Was gebe ich damit über mich preis?

4)   Was will ich damit erreichen?

Erfolgreiche Kommunikation funktioniert dann, wenn das, was man sagt, so verstanden wird, wie man es meint und die Früchte trägt, die man ernten will.


[i] Diese Theorie gründet auf Friedemann Schulz von Thuns Kommunikationspsychologie. Empfehlenswert in dem Zusammenhang auch: Ders.: Miteinander reden. Störungen und Klärungen, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2010.

litteratour goes denkzeiten

Bücherwelten zieht um. Ich habe beschlossen, all meine Tätigkeiten unter einen Hut zu bringen und werde fortan auf meinem Blog „Denkzeiten“ neben den philosophischen Themen auch Rezensionen und Gedanken zu Büchern und Literatur posten. 

Die Trennung zwischen Philosophie und Literatur fiel mir von jeher schwer, da in meinen Augen diese Welten nicht trennbar sind, sondern sich befruchten. Während die Philosophie versucht, in klaren und logischen Gedankengängen Theorien aufzustellen und Anleitung zur Verbesserung von Problemen zu geben, behandelt die Literatur diese Theorien und Probleme in einer spielerischen, künstlerischen Form. Oft setzt sie da an, wo die Philosophie an eine Grenze stösst, weil Worte allein nicht mehr reichen. Dafür kann die Philosophie helfen, gewisse Gedanken, welche in der Literatur unterschwellig mitlaufen, ans Licht zu bringen und zu durchleuchten. Wieso also die beiden trennen? 

Bis Anfang 19. Jahrhundert waren sämtliche Disziplinen wie Juristerei, Medizin, Literatur, Psychologie Teile der Philosophie. Danach fingen die einzelnen Disziplinen an, sich zu spezialisieren und abzugrenzen. Ich setze hiermit wieder mehr auf Interdisziplinarität. Nicht weil ich denke, dass eine Disziplin höher oder besser wäre als die andere, sondern im Gegenteil, weil ich denke, dass sie sich gegenseitig befruchten können. 

Es wäre schön, wenn mir die Leser dieses Blogs zu meinem neuen/alten folgen würden:

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Neue Gretchenfrage: Wie hält er es mit der Solidarität? – Alles Egoisten?

Sozialstaat und Wohlfahrt, soziale Gerechtigkeit, Umverteilung – Schlagworte der Zeit.  Vor allem, wenn die Zeiten schlechter werden, die Schere zwischen arm und reich sich weitet, hört man immer lautere Stimmen, die diese Werte und Ziele ausrufen. Als Argument dafür fällt bald einmal Solidarität. Aus Gründen der Solidarität müsse der Mensch für soziale Verhältnisse schauen, müsse auch den schlecht Gestellten ein Überleben, ein Leben sichern. 

 

Gehen Gerechtigkeit und Solidarität Hand in Hand? Sind es Gründe der Solidarität, die den Wunsch nach Gerechtigkeit laut werden lassen? Schaut man auf John Rawls‘ Theorie der Gerechtigkeit, kommen einem da Zweifel. Spätestens der Schleier des Nichtwissens zeichnet ein Bild von Vertrag schliessenden Egoisten, nicht von solidarischen Gemeinschaftswesen. Wieso braucht es den Schleier? Meist heisst es, aus Gründen der Unparteilichkeit. Weil man dann nicht wisse, wo im System man stehe und drum objektiv entscheide. Bräuchte man diesen Schleier, wäre man ein solidarisch denkender und handelnder Mensch? Würde man dann nicht im Wissen, wo man steht dafür schauen, dass es allen gut ginge? Den Schleier des Nichtwissens braucht es erst dann, wenn man nicht wissen darf, wo man steht, damit man aus Angst, man könne der schlechtest Gestellte sein, diesem möglichst viel Sicherheit für ein menschenwürdiges Leben gibt. Also ist nicht die Solidarität mit anderen der Grund für die so beschlossenen Gerechtigkeitsprinzipien, sondern der blosse Selbstschutz – Egoismus. 

 

Nun ist das nicht per se schlecht und jeder ist sich selber schliesslich der Nächste. Nur fragt sich dann, wo Solidarität überhaupt noch herrscht, ob es sie gibt oder ob sie nur ein Kunstprodukt moralisierender Utopisten ist. 

 

Ist Solidarität wirklich eine dem Menschen inhärente Eigenschaft oder aber ist sie ein Kunstbegriff zur moralischen Untermauerung von (sozial-)politischen Zielen? Kann Solidarität von Gesetzes wegen gefordert werden oder aber geschieht sie immer freiwillig, aus privaten, persönlichen Ein- und Ansichten? Was genau ist also Solidarität? Gibt es sie und wenn ja, wann greift sie? Kann man innerhalb von Gesellschaften und vor allem Staaten darauf zählen oder wird sie da nur instrumentalisiert, um staatliche Zwangsmassnahmen zu legitimieren und ihnen einen (breiteren) ethischen Boden zu geben?

 

Schlussendlich ist es doch so: Der Mensch ist ein Egoist. Soll er kooperieren, tut er das nur, wo er eigenen Profit, eigene Vorteile sieht. Wenn dies zum Wohl aller dient, schlägt er damit zwei Fliegen mit einer Klappe und somit kann ein System von Egoisten durchaus ein gerechtes System sein. Egoismus ist dabei keine negative, sondern einfach eine natürliche Eigenschaft im Dienste des eigenen Überlebens. Wenn etwas mehr bleibt, reicht es gar zum Leben, mit noch einem Mehr zum guten Leben. Wo diese Grenzen gezogen werden müssen, ist schwammig. Mit Solidarität hat das alles noch wenig zu tun. Die findet meist im Privaten und auf emotionaler Basis, nicht auf rationaler staatlicher – schon gar nicht erzwungen – statt. 

 

Deckt sich das mit der Studie, die jüngst erforschte, dass Menschen aus dem ersten Impuls heraus altruistisch handeln, mit etwas Nachdenken aber auf die eigenen Interessen fokussiert agieren. Oder ist das ein Widerspruch zur vorher ausgeführten natürlichen Egoismushaltung? Der Verstand gilt als die den Menschen zum Menschen machende Grösse. Insofern scheint er eine natürliche Anlage im Menschen zu sein. Aus der neusten Hirnforschung wird uns sogar berichtet, dass alles nur Gehirn, damit reine Biologie, sprich Natur sei. Es ist allerdings einzuräumen, dass er durch kulturelle und andere Einflüsse geprägt, geformt werden kann. Insofern ist die Diskussion über Solidarität, das Hochhalten solcher Werte, durchaus sinnvoll, da es die Natur des Menschen mitprägt. Am Grundimpuls, das eigen Überleben als allererstes zu sichern, wird es aber nichts ändern. Es liefert nur eine Argumentationsgrundlage für gewisse Ziele, die schlussendlich allen Menschen zu Gute kommen sollen. 

Behinderung: Integration oder Gerechtigkeit?

Die heutige Welt zeigt sich gerne gerecht und offen für die Bedürfnisse der sogenannten Minderheiten und Schwächeren. Von Integration ist die Rede, von gleichen Möglichkeiten und Ausrottung von Diskriminierung und Herabwürdigung. Das sind gut gemeinte Ansätze, die aus einer ungerechten Welt eine gerechtere machen wollen. 

Es ist sicherlich sinnvoll, in realen Schritten hin zum Besseren zu schreiten, doch gelingt nicht mal das, wenn man die Begrifflichkeiten zu unsensibel wählt, nicht genau hinschaut, was man überhaupt versucht, wenn man etwas angeht. 

Nehmen wir das Thema Behinderung. Ich schrieb schon einmal darüber. 

Sicher ist es gut und wichtig, auf die Bedürfnisse und Ansprüche von Behinderten immer und immer wieder hinzuweisen. Behinderte sind immer noch Menschen in der zweiten Reihe. Zwar bemüht man, sie zu integrieren, versucht, die Möglichkeiten theoretisch zu verbessern. Die Realität ist noch weit von einer Gleichbehandlung und Gleichberechtigung entfernt. Gerechtigkeit eine Utopie in weiter Ferne scheinend. Das wird nicht ändern, wenn man nicht weiter Energie hinein steckt, da etwas zu ändern. Einen Versuch startet gerade im Blog quergedachtes mit seinem neusten Artikel „Ein #RufnachInklusion zum Umgang der Medien mit der Thematik Behinderung„.

Mich interessiert bei dieser Thematik nicht die Integration, denn ich denke, in dem Wort steckt schon eine Zweiklassengesellschaft: Es impliziert, dass wir eine normale Welt haben und und in diese nun die anderen integrieren. Mich interessiert eine Welt, in der Menschen verschiedener Möglichkeiten und Fähigkeiten zusammen eine Welt gestalten für Menschen mit verschiedenen Möglichkeiten und Fähigkeiten. 

Klar mag es nachher ein wenig besser sein als jetzt. Klar stehen den heute Behinderten dann vielleicht Möglichkeiten offen, die ihnen heute verschlossen sind. Dabei bleibt irgendwie der Beigeschmack, dass dies aufgrund von Goodwill der Normalen zu ihren Gunsten passierte. Sie sind die Objekte im Handeln der „Normalen“. So lange diese Konnotationen in den Lösungsansätzen bestehen, wird in der Praxis von wirklicher Gleichberechtigung und Gerechtigkeit noch lange nicht die Rede sein können. 

Innensicht /Aussensicht

Oft geben wir den anderen und ihren Gedanken über uns mehr Gewicht als unserem eigenen Glauben an uns.

Ich bin, wie ich bin. Wer das nicht hinnehmen will, soll es lassen und gehen. Ein starker und selbstbewusster Vorsatz. So gemeint, sicherlich, doch in der Umsetzung hapert es oft. Tief drin will man doch gefallen. Tief drin meldet sich das Kind in uns mit der Angst, alleine da zu stehen, wenn die anderen schlecht über einen denken. Man fürchtet, verlacht, verspottet, ausgestossen zu werden.

Früher hat man aus diesen Ängsten hinaus versucht, sich anzupassen. Man verhielt sich, wie man dachte, die anderen erwarten es von einem, man sagte oft, was gehört werden wollte. Man wurde oft auch so erzogen, wenn nicht explizit, so doch implizit. Irgendwann durchschaut man dieses Verhalten, sieht, dass man dabei selber oft auf der Strecke bleibt und die damit erhofften Vorteile nicht erzielt werden. Zumindest nicht zu einem Preis, den man zahlen will. Der Preis ist das eigene Selbst.

Man trifft den folgenschweren Entschluss: So nicht mehr. Ab heute bin ich ich. Und bleibe ich. Und gehe den Weg, den ICH gehen will. Nicht rücksichtslos, nicht über Leichen, aber auch nicht über mich selbst hinweg. Und man glaubt daran und will es auch, weil man die Mängel des zu sehr angepassten Wegs erkannt und für unpassend befunden hat. Eigentlich ist nun alles gut.

Eigentlich. Tief drin sitzt noch die Stimme, die ab und an ermahnt, dass man vielleicht doch nicht ganz so könnte, wie man gerade wollte. Da sitzt die Stimme, die bei einer Kritik einer anderen Person nicht erst hinterfragt, ob sie wirklich recht hat mit dem, was sie sagt und noch wichtiger, ob uns der Punkt überhaupt kümmert. Wir hören die Kritik, fühlen uns angegriffen und oft auch klein. Wir geben dieser Kritik eine Macht und eine Kraft, die uns bei genauerem Hinsehen selber stutzig macht. Umso stutziger, wenn die Kritik offensichtlich ins Leere greift, Unwahrheiten trifft oder schlicht daneben liegt. Irgendetwas nagt an uns. Was ist es?

Oft sind es die Muster von früher, die wir im Verstand zwar als überholt bewertet haben, die aber tief drin noch nachwirken. Wir wollen gefallen. Wir fürchten, alleine zu stehen. Fürchten, die Kritik der einen Person könnte auf andere übergreifen oder an die portiert werden und von da auf uns zurück fallen. Ohne dass diese die (fehlende) Wahrheit dahinter kennen. Oder vielleicht fühlen wir uns einfach auch nur ungerecht behandelt, ungerecht gesehen. Und das nagt. Trotz aller Vorsätze und allen Besserwissens.

Sich für die Sicht von aussen zu verschliessen wäre sicher kein guter Weg. Wahrheiten zeigen sich immer im Austausch, auch die Wahrheit über sich selber. Ein altes Sprichwort sagt: Vier Augen sehen mehr als zwei. Wie bei den meisten ist auch daran etwas dran. Oft verstricken wir uns in unseren eigenen Gedanken, sehen quasi den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Die Sicht von aussen kann helfen, wieder den Wald zu sehen, nebst all den Bäumen, die uns vorher verwirrten. Dabei ist aber nie sicher, ob sie wirklich auch den Wald im Blick hat, in dem wir stehen und ob der Wald zu dem Zeitpunkt überhaupt zählt und nicht doch nur ein Baum. Das können wir nur selber herausfinden, indem wir in uns hinein hören und ehrlich zu uns selber sind:

Wer bin ich?

Wie bin ich?

Hat der andere recht mit dem, was er sagt, auch wenn es schmerzt oder ist es eine Fehleinschätzung?

Wie will ich sein?

Kann ich das?

Was fehlt?

Hilft mir die Sicht des anderen, so zu werden?

Wenn uns die erst verletzende Sicht des anderen zu diesen Fragen leitet, haben wir für uns selber schon etwas gewonnen: Ein Blick ganz nach innen und ein Stück Bewusstsein für den Menschen, der wir sind. Und aus diesen Erkenntnissen formt sich ein Selbstbewusstsein, das von innen heraus zu sich zu stehen lehrt.

Wer sich nun am Ende glaubt und den Märchenschluss des „und so lebte sie fröhlich und glücklich bis ans Ende ihrer Tage“ erhofft, der wird leider enttäuscht. Das ist erst der Anfang. Die Zeiten ändern sich, man selber ändert sich. Die Fragen bleiben immer aktuell. Das Selbstbewusstsein bleibt nur bestehen, wenn man mit sich selber in Beziehung bleibt, ab und an mal wieder nachfragt, achtsam hinschaut. Und wenn nötig von Neuem an sich arbeitet.

Vasella, das System und die Menschlichkeit

Herr Vasella ist der Buhmann der Tage. Er hat zu viel verdient, hat überhaupt zu viel Geld, hat sich sein Konkurrenzverbot vergolden lassen und lebt nun „arbeitslos“ weiter in Saus und Braus. Was hat er gebracht? So wirklich? Kann überhaupt jemand so viel bringen, dass er so viel verdient – im Sinne des Wortes? Die Kommentare beim jüngsten Blickartikel häufen sich, die Buhrufe damit. Auf Twitter regnet es Spott und Häme,  kein gutes Haar bleibt dran am guten Mann.

Zuallererst muss ich mal sagen: Ich kenne ihn nicht. Ich habe Herrn Vasella nie getroffen, nie mit ihm gesprochen. Alles, was ich weiss, sind ein paar Nachrichten aus Zeitungen, nicht sehr viele, da ich die selten gelesen habe, und ein paar eher an den Stammtisch als an eine fundierte Diskussion erinnernde Argumente gegen ihn.

Ich darf es wohl kaum sagen, aber ich empfinde ihn in dem oben verlinkten Interview sympathisch und intelligent. Klar lässt er sich nicht tief in die Karten blicken, aber das Interview enthält ein paar Punkte, die ich nicht wirklich verwerflich finde:

  • Ihm liegt an seiner Familie und am Wohl seiner Kinder, denen er eine Zukunft ermöglichen will ohne Geldsorgen. Er kann es und er tut es – ich finde den Zug schön. Wer möchte diese Zukunft nicht selber gerne gehabt haben? Und klar kann man idealistischer Weise sagen, man hätte sich lieber alles selber erarbeitet als es in den Hintern geschoben gekriegt zu bekommen als Vatersohn/Vatertochter, wenn man nie in der Lage war – man hätte es sicher nicht ausgeschlagen, wäre es der Fall gewesen… (dass ich hier Protest als unglaubwürdig empfinde, entspringt meiner persönlichen Meinung und nicht einer empirischen Studie, die es nicht geben kann – und doch, ich habe alles im Leben selber erarbeitet.)
  • Er spendete und will das weiter tun. Klar kann man sagen, dass das das Mindeste wäre, was er tun könnte – nur: Er tat es. Viele haben mehr, als sie eigentlich bräuchten und tun es nicht. Klar gibt es immer einen, der mehr hat und es noch mehr müsste. Aber es gibt verdammt viele, die gar nichts haben und die Spenden brauchen könnten.
  • Er hat schon früh erlebt, was Krankheit und Tod bedeuten können. Er hat ein Medizinstudium auf sich genommen, sich seine Sporen als Assistenzarzt abverdient, was damals noch viel magerer und arbeitsreicher ausfiel als heute – und noch heute jammern viele. Er verfügt über die Erfahrung mit Krankheit und dem daraus resultierenden Leid und über die Kraft, den Ehrgeiz und den Einsatz, etwas dagegen tun zu wollen. Klar kann man sagen, wäre er mal Arzt, am Besten idealistischer Landarzt mit Schulden, einem offenen Ohr für die Mittellosen und Eiern als Lohn geworden statt Unternehmer. Nur: Besser geht immer, schlechter auch.
  • etc…

Ich denke nicht, dass sein Lohn angemessen war. Auch die Abfindung empfinde ich als überrissen und der heutigen wie überhaupt generell einer Wirtschaftslage angepasst. Wo er aber in meinen Augen recht hat: Wer würde das Geld nicht nehmen, kriegte er es angeboten? Es ist leicht, vom Stuhl dessen her zu verurteilen, der weiss, dass er nie in seinem Stuhl sitzen wird und nie so viel Geld erhalten wird. Es ist leicht zu sagen, nimm nur die Hälfte, wenn man selber nicht mal einen 10. dessen am Jahresende in der Steuererklärung stehen hat, was er im Monat verdient.

Gerecht ist das alles sicher nicht. Aber es ist real und entspricht dem Gang der Wirtschaft heute. Es entspricht dem unendlichen Profitstreben von Unternehmen, die nach Innen sparen, um vierteljährlich noch mehr Gewinn verzeichnen zu können. Es entspricht dem unmenschlichen Kampf auf dem freien Markt, der an sich sicher nicht per se schlecht ist, der aber Auswüchse zeigt, die auf Kosten des Menschen und der Menschlichkeit gehen. Herr Vasella hatte das Glück, auf der positiven Seite des Systems zu stehen. Das kann man ihm in meinen Augen nicht verübeln, da ich das Naturell des Menschen so einschätze, dass keiner gesagt hätte, er wolle freiwillig auf die negative wechseln, hätte er die Wahl gehabt. Wieso sich also an Individuen aufregen und sie zu Feindbildern stilisieren, wenn das System krankt? Da sehe ich als Motivation nur Neid, keine Argumente. Die können – in meinen Augen – nur in Bezug auf das System fallen.

Nun höre ich das Argument laut: Er hat sich bereichert. Er hat sich selber diesen Lohn gegeben, weil er die Position hatte, das zu entscheiden. Das mag moralisch fragwürdig sein. Wie viele KMU-Chefs tun das auch? Und oft noch nach Aussen kleiner, als nach Innen effektiv erhalten? Beispiele hörte man oft bei Alimenten- oder Steuerberechnungen.

Die Aufschreie mögen gross sein und ich hätte sicher mehr Freunde, täte ich auf den Herrn Vasella einschlagen und alles ganz gemein finden. Nur denke ich halt, dass das zu kurz greift. Moral kann nicht vom Menschen, wie er sein sollte, ausgehen, sondern vom Menschen, wie er ist. Und der Mensch nimmt, was er kriegen kann. Das schliesst nicht aus, dass er auch für andere sorgt, für andere da ist, einen guten und weichen Kern hat – individuell sind diese Kerne verschieden gross und verschieden ausgerichtet. Trotzdem würde kaum einer sich selber auf die negative Seite eines Systems schlagen. Kann man es also einem anderen vorwerfen, der das Glück hatte (und sicher auch das eine oder andere dafür getan hat), auf der positiven zu stehen?

Hinsehen ist wichtig, Lehren ziehen auch. Feindbilder nützen niemandem. Wieso nicht ihm gönnen, was er ehrlich (da unser System ist, wie es ist) gewonnen hat und zusehen, dass das System langsam aber sicher in eine Richtung ändert, die die Schere zwischen arm und reich wieder kleiner werden lässt und unverdienten Profit auf Kosten von Menschlichkeit verunmöglicht?

Findungen und anderes

Es gibt Tage, da verliere ich mich förmlich aus den Augen. Ich höre und schaue nach aussen, schnappe alles auf, versuche, darauf zu reagieren, finde, es klingt alles gut, halte es hoch, lobe es, stelle es über mich. Ich will danach handeln, denn ich denke, dass der, der es sagt, es wissen muss. Sicher besser wissen muss als ich es tue. 

Und irgendwann stehe ich da in all dem Erfüllenwollen und merke, es passt nicht. Merke, da stimmt etwas nicht. Sei es, dass der eine sich widerspricht, sei es, dass ich mehrere Wissende finde, die alle etwas anderes sagen und ich mich mitten drin sehe. Ich blicke wohl verwirrt und die Frage kommt: Was willst denn du? Was interessiert dich? 

Und da stehe ich dann und weiss es nicht. Vor lauter Hören, was andere gut finden und wollen, blieb das eigene Wollen irgendwo stehen und wurde ignoriert. Ich mass ihm weniger Wert zu als dem Wollen anderer, sah in deren Wollen mehr Sinn und Grund und Zweck, in meinem blosses Wunschdenken und Sinnlosigkeit. Mass den Wert, den ich ihnen statt mir zuteilte auch dem von ihnen Gewollten zu und wertete meines ab, erklärte es für nichtig.

Ich fange an zu suchen. Frage mich, wer ich bin und frage mich, wie ich so weit kommen konnte. Ich frage mich nach meinem Wollen und durchforste alles, was dahin führen könnte. Stosse überall auf Leere, jede Schublade, die ich öffne, jedes Buch – alles angefüllt mit Bedeutungslosigkeit, die ich einmal hineinlegte. Sie lacht mir förmlich entgegen und ich könnte weinen bei dem Anblick. Und ich tue es sogar. 

Ich verfluche mich, dass ich so doof war, verfluche meinen Hang zur Selbstzerstörung, schimpfe auf alles und jeden, suche Hilfe und stosse Anteilnahme zurück. Weise alle ab und fühle mich alleine. Und bin dann dankbar, wenn doch was kommt. Und langsam setzt sich alles wieder und ich sehe meine Fehler. 

Vielleicht wollten mich andere zu etwas überreden, das ich nicht war. Vielleicht wollten sie mir Dinge aufzwängen, die ich nicht wollte. Vielleicht wurde ich getäuscht, wurde ich manipuliert. Vielleicht auch allein gelassen. Vielleicht kleideten sie wenig in glänzende Hüllen, die überstrahlten, was ich so profan selber gedacht hatte. Aber ich liess es zu. Ich selber mass mir diesen geringen Wert zu und empfand alle als über mir stehend. Ich selber dachte, anderen etwas beweisen zu müssen und versuchte, mich zu verbiegen, bis ich nicht mehr ich war, sondern nur noch ein auf Erfüllung anderer Ansprüche getrimmtes Wesen. Ich selber verlor mich aus den Augen, indem ich andere im Blick hielt. 

Das hatte sicher Gründe, nichts ist ohne Grund. Und sicher habe ich es nicht bewusst und absichtlich gemacht, das wäre mehr als doof und selbst wenn ich ab und an sage und auch denke, dass ich es bin, so glaube ich doch, es nicht vollkommen zu sein, sondern nur ab und an ein wenig verblendet und zu unsicher in Bezug auf mich selber.

Während andere Wasser predigen und Wein trinken, rate ich allen immer, ihrem Herzen zu folgen, zu sich zu stehen, zu sehen, wie wunderbar sie sind und daran zu glauben, dass das reicht, es nicht mehr braucht. Und ich glaube das und die Ratschläge kommen aus ganzem Herzen, weil ich es so meine. In Bezug auf die anderen. In Bezug auf mich selber hapert es dann bei der Umsetzung. 

Und da ich das nun erkannt habe, gehe ich in mich, versuche, meine Ungeduld zu zügeln, lasse setzen, was war und warte, bis sich mein Ich wieder in Ruhe und klar zeigt. Einige Ahnungen habe ich, die werde ich vertiefen, anderes ist noch schwammiger. Irgendwann lichtet sich der Nebel und die Sonne des Frühlings wird wieder leuchten, in der Neues erblüht – Meines. Und das werde ich packen und nicht mehr loslassen. Loslassen muss ich nur die Verklärung anderer, die ich auf Sockel hebe und mein Licht unter selben stelle. 

Es gibt so Tage…

Heute hatte ich meinen Papa am Telefon. Er wagt wieder erste Schritte, es gehe aufwärts, meinte er. Eigentlich eine tolle Botschaft, eine, die so sehnlich erwartet war. Er klingt müde, schwach. Aber er klingt. 

Und ich merke, wie sehr er mir fehlt. Der Mann, der so stark war, voller Energie. Der Mann, zu dem ich gehen konnte, wenn was war. Grad jetzt würde ich ihn brauchen. Aber ich kann nichts sagen. Er soll gesund werden. Ich möchte für ihn da sein. Er soll sich nicht sorgen. 

Und irgendwie sind alle beschäftigt mit sich. Und überall bin ich da und rate, stütze, helfe. Und überall denke ich, dass Meines keinen Platz hat, denn überall ist es schon voll. Das Gefühl der Einsamkeit macht sich breit. Ich, die ich so gerne alleine bin, fühle mich grad erschlagen von dem Nichts, das um mich ist. Könnte toben, wüten, alles kurz und klein schlagen und einfach weinen. Und niemand ist da, der mich auffängt. Ich möchte wieder klein sein, nur für einen Moment, bis die Beine nicht mehr schwanken. Aber ich bleibe gross. Und an mir klebt all die Last der Verantwortung, die ich so ernst nehme.

„Du bist so stark“ – wie oft hörte ich das. Blieb mir je eine Wahl? Ich wurde gegen Wände geknallt, verbal zu Kleinholz geschlagen, mir wurden Gerechtigkeit und Fairness versagt. Ich war meist allein mit allem und suchte mir meinen Weg. Fand ihn immer, aber einfach war das nicht. Das kümmerte niemanden. Entweder kämpfte ich gegen Vorurteile, Dinge nicht hinkriegen zu können, oder aber ich war mit dem Stempel der ach so Starken versehen, da war Jammern eh nicht angebracht. 

Das macht einsam. Verdammt einsam. Ich suchte nach Halt, nach Geborgenheit – und war immer wieder neu am Kämpfen. Und vermutlich sollte man solche Blogs nicht schreiben. Und ich werde mich ohrfeigen dafür. Doch wie viele Menschen sitzen da draussen und niemand schaut hin? Niemand kümmert es, wie es ihnen wirklich geht, da sie ihr Bild schon gemacht haben? Wie viele trauen sich nicht, zu sagen, was ist, weil das neue Unwort vom „Opfer-Abo“ kursiert. Und wer will schon Opfer sein? Damit hat man gleich doppelt die Arschkarte gezogen.

Ups, pardon, ein Unwort. Das sagt man nicht. Man drückt sich gewählt aus. Das kann ich auch, keine Frage. So gewählt, dass keiner mehr versteht, was gemeint ist. Das macht man heute so. Blosser Schein, wohin man schaut. 

Ich mein‘ ja nur…

Mit Meinungen ist das so eine Sache. Jeder hat eine eigene und steht dahinter. Dabei sollte man die des anderen akzeptieren und gelten lassen. Das ist ein guter Ansatz und in der Meinungsäusserungsfreiheit steckt drin, dass auch jeder seine ganz frei äussern können muss. Prima. 

Nur: was gelten Meinungen, wenn jeder eine andere hat? Und jeder sagt dem andere, deine ist ganz prima, find‘ ich toll, dass du die hast. Und jeder denkt sich, dass die eigene aber besser ist. Das liegt in der Natur der Sache, sonst hätte er sie ja nicht. Nur sagen kann er es nicht, sonst wäre er ja intolerant und das geht ja gar nicht. Man übt sich in Toleranz und Offenheit, hört mit hochgezogener Augenbraue zu, nimmt den Finger nachdenkend an den Mund, schaut prüfend, sagt zögerlich „ja“ und dass das interessant klinge – und bleibt bei seiner Meinung. 

Das ist auch gut und recht, denn was wäre eine Meinung, würde sie jede Minute ändern, wie ein Fähnchen im Wind schwanken? Man würde verlacht, verachtet, man wäre der ohne eigene Meinung, der sich immer nach der gerade vorherrschenden richtete. Und das will man ja nicht. Man will ja wer sein und was gelten und eine Meinung haben. Und dazu stehen. Aber nie auf Kosten anderer. Nach aussen, im Innern denkt man natürlich, dass die alle mal einsehen könnten, dass die eigene eigentlich die wahre ist. Die einzig wahre Meinung. Eigentlich meint man nicht mehr, man weiss schon. Und sagt das auch dann und wann. Mit Feuer und mit Argumenten. Schliesslich hat man sie nicht nur einfach so, man hat sie erarbeitet. Man kämpft für sie und bringt sie dar, auf allen Wegen und mit allen Mitteln. Und besinnt sich dann an die Tugend des gelten Lassens, lenkt nach aussen ein. Bleibt nach innen stur. 

Manchmal geht man dann nach Hause und denkt nochmals nach und merkt, dass vielleicht doch was dran war an der anderen Meinung. Und denkt, dass man vielleicht doch was übersehen haben könnte. Nur mal so theoretisch, wäre ja möglich. Aber das kann man nicht zugeben, denn schliesslich ist da ein Gesicht und das will man nicht verlieren. Was dächten die anderen sonst. Wo man so vehement die eigene Meinung vertrat oder aber sicher durchschimmern liess. Man hat ja einen Ruf zu verlieren. Und selbst wenn nicht, man mag nun nicht hingehen und sagen, dass man sich täuschte. Und selbst wenn: was ist denn nun mit dieser eigenen Meinung? Was zählt die noch, wenn die ständig fällt und sich entwickelt? Wo kommen wir da hin und woran halten wir uns noch? 

Es gibt nur eine Welt

Spannender Artikel zum Thema Menschen mit Behinderung:

Süddeutsche Zeitung: Schluss mit getrennten Welten

Behinderte Menschen werden in Deutschland immer noch benachteiligt. Dagegen hilft nach Ansicht von Experten Teilhabe am ganz normalen Leben. Doch gerade jene Altersgruppe, von der das künftig am meisten abhängt, hegt Zweifel.

Blogartikel zu dem Thema:

Die Rechte als Mensch

Der Mensch hat Rechte. Diese stehen im zu aufgrund seines Menschseins. Das Menschsein hört nicht auf, wenn der Mensch krank oder beeinträchtigt ist. Krank und beeinträchtigt kann er auf verschiedenen Ebenen und in verschiedenem Ausmass sein. Geistig, körperlich, von Geburt an, durch Unfall oder einfach auch durchs Alter. Wann hat der Mensch eine Stimme? Wann ist er voll zählendes Mitglied der Gesellschaft? Ist ein Mensch mit Beeinträchtigungen wirklich weniger wert als ein “normaler”? Hat er weniger Rechte und ist dem guten Willen der anderen ausgeliefert? Fair ist das nicht. Und menschenwürdig schon gar nicht. Wer Menschen mit Beeinträchtigung gering schätzt verkennt die Tatsache, dass schon morgen er selber in ihren Schuhen gehen könnte. Die Zeit nagt an jedem, wer heute gesund lebt, kann morgen krank oder beeinträchtigt sein und damit auf andere angewiesen.

Eigentlich wäre es so einfach…

Das Leben könnte so einfach sein, merkte man, wie sehr man jemanden liebt, wenn er da ist, schätzte man, was er tut, so lange er es tut, lobte man, was gut ist, so lange es noch gut ist und wäre dankbar für das, was ist, so lange es ist, statt zu zürnen, was nicht ist. 

Irgendwann ist der nicht mehr, den man gering achtete, tut er nicht mehr, was einem gut tat, ist nicht mehr gut, was mal war und ist überhaupt alles ganz anders. Und man denkt plötzlich zurück und sieht, was man eigentlich hatte, aber zu wenig schätzte. Und man bedauert, nicht früher hingeschaut zu haben, denn oft ist es zu spät, es gibt keine zweite Chance. 

Das Leben ist kein Ponyhof und selten kriegt man alles, was man sich so sehr wünschen würde. Man sieht es immer deutlicher vor sich, denkt, wie schön es wäre, es zu haben. Man malt sich aus, wie das Leben wäre, wenn die Umstände rosiger, das Licht heller, der Erfolg grösser wäre. Man sieht die vielen positiven Aspekte des so sehr gewünschten und sehnlichst vermissten Abwesenden. Wie klein wirkt dagegen das, was da ist, wie langweilig, profan.

Und man fängt an zu zürnen, zu hadern, schimpft auf das, was ist, weil man es als Grund dafür sieht, nicht zu haben, was sein könnte. Man misst das Sein am Sollen und sieht es gleichzeitig als Hindernis hin zu diesem. Und verstrickt sich so selber in den Netzen der unendlichen Unzufriedenheit. Auf Dauer helfen da auch Zigaretten, Alkohol und Essen nicht mehr, der Schmerz des Nichterreichten nagt. 

Und plötzlich ist alles anders. Man hat sich vom Hindernis getrennt oder aber es fiel einfach weg. Und mit ihm das alte Leben. Alles neu. Alles frisch. Man fühlt sich frei, man fühlt sich… leer. Das vorher Gewünschte ist noch immer nicht da, das gering geschätzte aber weg. Und plötzlich merkt man, was es alles war. Viel mehr als man gesehen hatte. Viel mehr, als man in Worte fassen konnte. Es war nicht nur öde Langweiligkeit und fader Alltag. Es war das eigene Leben. All die kleinen Dinge, all die Puzzleteile des funktionierenden Lebens – sie sind weg. Und nun fehlt viel mehr als das, was man so erstrebenswert fand, weil es Luxus bedeutete. Nun fehlt die Basis. Das, auf dem das Leben fusste, das, aus dem man Kraft schöpfte. 

Zu spät….

Es ist nie zu spät. Nie zu spät, hinzuschauen, was ist, was man wirklich braucht im Leben, was wirklich zählt im Leben. Es ist nie zu spät, zu schätzen, was gut ist und gut tut. Und es zu sagen. Es ist nie zu spät für Dankbarkeit. Und jeder, der hier denkt, das sei gar kitschig und abgehoben, darf sich fragen, wieso er das so sieht. Und ja, vielleicht ist es auch klitschig, aber es ist, was momentan grad wahr und wichtig scheint. Manchmal ist Loslassen wichtig. Weil man sonst das wirklich Wichtige verpasst. Manchmal verkennt man das Wichtige, weil man vielen Kleinigkeiten nachtrauert. 

Bewusstsein ist das Zauberwort. Für das, was war, ist und sein soll. Aus diesem Grund habe ich das Wochenfazit eingeführt. Was war gut die Woche, was schlecht, was wünsche ich mir für die nächste. Und selbst wenn es keine hochtrabenden Dinge sind, sie lassen mich hinschauen zu den Wünschen, Träumen und Dankbarkeiten sie lassen mich hinsehen, was ich denke, fühle, will.

Mein Fazit für heute?

Schlecht war ein Abschied.

Gut ist das Wissen, dass Liebe existiert und so unendlich tief und schön ist, dass es fast weh tut – nein, dass es weh tut.

Wünschen tue ich mir nur, dass ich immer weiter schätzen kann, was ich habe und mich nicht in den Unendlichkeiten der eigentlich nichtigen Wünschen verliere.