Polarisierendes Sonntagskind

Ich bin an einem Sonntag geboren. Es heisst, das seien Glückskinder. Ich bin im Sternzeichen Steinbock. Es heisst, die seien pflichtbewusst, rational, ehrgeizig. Im Aszendent bin ich Fisch. Die sollen sensibel, gefühlvoll, hilfsbereit bis zur Aufopferung und schwer zu fassen sein. Im chinesischen Horoskop bin ich Ratte – was die sein sollen, weiss ich nicht, ihr alltägliches Bild geht von grässlich, scheusslich, „kreisch“ bis hin zu intelligent und treu. Dann entspreche ich in irgend einer Sicht der Tanne, auch da fehlt mir die Bedeutung, immerhin ist sie immergrün, was gerade im Grau des momentan winterlichen Alltags einen schönen Farbtupfer gibt.

Nach neurowissenschaftlichen Erkenntnissen gibt es mich gar nicht, alles reine Illusion von festgelegten Hirnverschaltungen. Nach westlich-philosophischen Erkenntnissen bin ich so vielfältig bestimmt – je nachdem, welchem Philosophen man nun folgen will -, dass ich nicht wirklich weiss, wer ich bin oder sein könnte. In östlichen Sprüchen bin ich wenig relevant, da ich nicht Welle, sondern Teil des Ozeans und damit nicht als Individuum relevant bin, sondern nur als Teil des Ganzen. In der Yogaphilosophie war ich keiner, sondern war einfach – blosses Sein. So gesehen auch da das Ich eine Illusion.

Wer also bin ich? Ich bin ein vergeistigtes Sensibelchen mit Helfersyndrom, das als Welle zugleich Ozean ist. Ich polarisiere, indem man mich entweder mag oder eben nicht, und spüre die Pole der Gegensätzlichkeiten auch in meinem eigenen Wesen und meinen Interessen. Wasser und Erde, Ost und West, alles ist drin in diesem Sammelsurium.

Daraus resultiert wohl ab und an eine Unstetigkeit, eine Sprunghaftigkeit und Spontaneität, andererseits auch eine Zerrissenheit und ein Hinterfragen von gut und schlecht, richtig und falsch. Aber sind wir nicht alle vielschichtig? Haben nicht alle Menschen mehrere Facetten?

Wir neigen ab und an dazu, Menschen in einen Topf zu werfen, sie aufgrund eines Kriteriums zu schubladisieren. Dabei vergessen wir, dass auch sie mehrere Facetten in sich tragen. Verallgemeinerungen werden der Realität nie gerecht. Sie vereinfachen das Leben im Moment, verschliessen aber oft den Blick auf das Ganze, das viel für einen bereit halten könnte, würde man sich nur trauen, über den Schubladenrand hinaus zu schauen.

Mein Weg

Ich suchte krampfhaft,
was ich soll,
forschte zweifelnd,
was ich will.
Mied gar gerne,
was ich muss,
wollt‘ doch wissen,
wer ich bin.

Ich ging den Weg,
ging ihn zurück,
probiert‘ den nächsten,
einen drauf.
Bog oft ab,
ging auch im Kreis.
Haltlos war ich,
in mir drin.

Ich lief und lief
und fand nie Ruh,
ich wollt‘ ein Ziel,
ich wollt‘ wo hin.
Ich trat am Ort,
kam nicht vom Fleck.
Und wollt noch mehr,
was mir vergönnt.

Langsam dämmert‘ mir,
was ich nie sah:
Der Ort war gut,
und ich in ihm.
Ich konnte bleiben,
konnte sein;
und kam zur Ruh‘,
kam in mir an.

Die Wolken wichen,
Licht ging an.
Ich sah vor mir,
was greifbar war.
Was ich gesucht,
ohn Rast, ohn Ruh,
lag einfach da,
für mich bereit.
Erst in der Ruh,
wurd‘ ich’s gewahr.

Bewusstes Handeln

Heute ist der erste Advent. Passend zum Feiertag erhielt ich eines von diesen üblichen Massen-SMS mit einem Standardspruch, ausser dem Namen des Absenders drunter war daran nichts persönlich, weder die Anrede noch der Text. Man merkte genau, man war einer unter vielen im Verteiler, die SMS ging wohl an die ganze Kontaktliste.

Was sagt diese Art der Mitteilung? Sie zeigt einem:

  • Du bist nichts Besonders.
  • Du warst weder persönlich gemeint, noch wurdest du persönlich angeschrieben.
  • Du bist eine unter vielen, eine Nummer in einer Adresskartei.

Diese Botschaft ist umso deutlicher, wenn man sonst von der absendenden Person nie etwas hört.

Woher kommt diese Art der Kommunikation? Der wirkliche Ursprung sind wohl Kettenbriefe. Meist wurde darin ein Gewinn versprochen, wenn man ihn nur oft genug verbreitete. Der virtuelle Anfang war dann wohl in Firmen, in welchen man Witzmails durch die Belegschaft schickte. Mit der Ausbreitung der Emails ins Private, kamen die Mails auch bis nach Hause. Beim Aufkommen der SMS zogen sie auch auf dem Handy ein. Ab und an auch da verbunden mit Heilsversprechen oder Unglücksdrohungen, wenn man sie nicht entsprechend weiter verbreitet. Oft einfach nur wild und bunt und eigentlich nichtssagend pseudowitzig.

Was soll diese Art der SMS-Kommunikation? Vermutlich entsteht sie aus einem Impuls heraus. Man findet etwas witzig, überlegt nicht, schickt weiter. Vielleicht denkt man auch, man müsse nun was tun, der Anlass sei grad da (Feiertag, etc.) und schickt mit wenig Aufwand und Phantasie ein Standardsprüchlein, wie es grad von irgendwo geschneit wurde, weiter. Meist trifft man auf Empfänger, die sich nichts dabei denken und einfach selber weiter schicken. Ist ja nichts dabei. Vor allem ist es nicht verwerflich, so scheint die heutige Gesellschaft kommunikativ zu funktionieren.

Vielleicht ist das Ganze aber auch ein Abbild der Gesellschaft allgemein. Vieles wird schnell dahin gesagt, der Aufwand für Persönliches wird gemieden. Jeder steckt in seinen Dingen, will sich nicht um den andern scheren. Man schickt belanglose Sprüche hin und her und denkt, seine Pflicht damit getan zu haben. Zurück bleibt ein schales Gefühl, wenn man das System hinterfragt.

Man kriegt dann ab und an zu hören, man denke zu viel, wenn man die Dinge so analysiert. Man messe den Dingen zu viel Wert zu und interpretiere Dinge hinein, die nicht da sind. Ich sehe das anderes. Die gedankenlose Aktionsgesellschaft in ihrer phantasie- und empathielosen Art führt zu nichts Gutem. Ich sage nicht, dass die Deutung, die ich hier unterlege, so gewollt ist, dazu hat man zu wenig nachgedacht beim Tun. Ich werfe höchstens vor, dass man nicht denkt, bevor man etwas sagt oder tut. Und damit (wenn auch unbewusst) Sendungen streut, die dem anderen eine Botschaft vermitteln. Die Botschaft kommt an, ob gewollt oder ungewollt. Darum wäre es vielleicht sinnvoller, nachzudenken, bevor man handelt und mal das eigene (Kommunikations-)Verhalten zu überdenken.

Weniger ist oft mehr. Wirklich gefühlte persönliche Botschaften, auch wenn sie holprig, unbeholfen und nicht bunt daher kommen, senden mehr Gefühl als jede noch so perfekte Standard- und Massensendung. Lieber nichts schicken als einfach eine hohle Nuss. Das Nichts ist neutral, die hohle Nuss im Grunde genommen ein Minus.

Ich denke, ein wenig mehr Bewusstsein für das eigene Tun würde oft helfen, Verletzungen zu vermeiden. Nicht dass ein SMS schon verletzt. Das wird grundsätzlich gelöscht und vergessen. Aber es ist die Spitze eines Eisberges von oberflächlichem Verhalten im Miteinander, das heute mehr und mehr Einzug hält. Es verletzt des Gegenüber, oft unbewusst, nicht gewollt, deswegen nicht ungeschehen. Bewusstsein hilft auf beiden Seiten: Das Bewusstsein über das eigene Tun „was tue ich eigentlich und was will ich damit erreichen, für mich, für andere?“ und das Bewusstsein „der andere handelt nicht immer bewusst, es ist nicht MEIN Problem, sondern SEINS“.

Vielleicht denke ich zu viel. Hinterfrage ich zu viel. In den Augen der anderen bestimmt. Nur ist das mein Wesen und ich mag es so. Ich habe bestimmt auch schon unbewusst gehandelt, zu spät gemerkt oder hinterfragt, was ich eigentlich tat. Ich arbeite an mir. Auf der anderen Seite halte ich mich fern von Floskeln. Sie bringen mir selber und meinem Leben nichts. Und Menschen, die nur solche streuen, werden nie die sein, die wirklich einen Platz in meinem Leben wollen. Wieso also soll ich ihnen einen Raum darin lassen?

Raum ist nicht unendlich. Man sollte sich bewusst dafür entscheiden, wem man diesen zugesteht und wem nicht. Oft neigen wir dazu, möglichst viel in den Raum hinein quetschen zu wollen, weil Quantität oft verlockender scheint als Qualität. Wenn es hart auf hart kommt, zählt die Quantität nichts mehr. Zurück bleiben eh nur die, welche wirklich da sein wollen. Wieso also nicht ihnen schon in guten Zeiten mehr Raum geben und den Rest aussen vor lassen?

Ausbrechen

Freddie Mercury sang „I want to break free“ und ich kann ihm so gut nachfühlen. Wenn immer ich mich eingeengt fühle, von aussen Druck oder Ketten spüre, kommt in mir erst langsam, dann immer deutlicher der Wunsch, auszubrechen, frei zu sein, alles hinter mir zu lassen, nach vorne zu stürmen. Der Käfig, der so einengt, wird schnell zu eng, fängt an zu erdrücken, bis ich es kaum noch aushalte, tobe, schreie, zapple, um irgendwie raus zu kommen.

Ich mag meinen Alltag, wie ich ihn mir gestalte. Termine, Einflüsse von aussen, Ferien, sonstige Störungen sind da höchst unwillkommen. Sie reissen mich aus meinem für mich stimmenden und passenden Rhythmus und bringen Unruhe, die mir nicht gefällt. Während andere Spannung, Hektik, Abwechslung zu suchen scheinen, bin ich darum bemüht, mein tägliches Einerlei zu bewahren und zu schützen. Ich versuche der Abwechslung zu entkommen und so viel Alltag wie möglich zu retten.

Ich bin in meinem Leben oft umgezogen. Widerspricht das meinem Hang zum ewig Gleichen? Nur auf den ersten Blick: Die Umzüge sind nicht wirklich Veränderung. Ich verbessere damit (vermeintlich?) nur meine Umgebung, bewahre aber überall, wo ich bin, meinen selbst gewählten Rhythmus. Ich ziehe nicht wirklich gerne um, fürchte vorher auch, dass es zu viel Veränderung mit sich bringen könnte. Denke dann aber, dass der neue Ort Vorteile bringt, die der alte nicht hatte, und gehe, um dann wieder in meinen mir passenden Rhythmus zu fallen. Ich selber strebe die Veränderung im Aussen an, in der Hoffnung, im Inneren noch zufriedener meinen eigenen Rhythmus leben zu können.

Was ist Freiheit? Freiheit ist grob gesagt, wenn man frei von (äusseren wie inneren) Zwängen sein Leben führen kann, wie man es gerne möchte. Eingeschränkt wird diese Freiheit durch die Freiheit des Nächsten, die man durch die eigene nicht tangieren sollte. Nun scheint es, dass ich sehr nach Freiheit strebe, mir selber aber durch diesen sehr gewollten alltäglichen Tramp Ketten auferlege, die mich im spontanen Sein zurückbinden. Diese Ketten ertrage ich deshalb gut, da sie meinen eigenen Bedürfnissen entspringen, von mir gewollt, fast schon gebraucht sind, um mich wohl zu fühlen. Die von aussen auferlegten Ketten sind jedoch Ballast; sie entfernen mich von mir selber, behindern mich im Ausleben dessen, was ich für mich als essentiell empfinde: Mein Leben so zu gestalten, dass es sich für mich gut anfühlt und das an einem Ort, der dies unterstützt.

Die vielen Umzüge der letzten Jahre haben die Ahnung wachsen lassen, dass es wohl keinen Ort gibt, der alles in sich vereint. Irgendetwas fehlt immer, irgendetwas ist immer gut und gewollt, so dass es einem fehlt, wenn man den Ort wechselt. Dies wissend kann man sich irgendwann denken, dass man auch da bleiben kann, wo man ist, da meistens vieles gut ist, man hatte sich mal mit guten Argumenten für den Ort entschieden. Würde man ihn wechseln, fehlte genau das, was letztes Mal für diesen Ort gesprochen hat.

Das ist die rational-sachliche Lösung. Emotional gehen ab und an die Pferde durch, die hadern, zaudern, hoffen, wünschen. Die Pferde, die das Joch loswerden wollen, um frei durch die Prärie galoppieren zu können, neue Felder, neue Stätten aufzusuchen. Zwar sagt ihnen eine leise Stimme: Du wirst dich da auch bald so fühlen, wie du dich hier nun fühlst. Und doch möchten sie galoppieren , der Freiheit entgegen, frei wie der Wind, mit Elan, so lebendig.

Bildung und andere Übel

Die Stadt Zürich hat ein Musikprojekt. Es gibt Bläser- und Streicherklassen. Das heisst, einige 4.- und 5.-Klässler kommen in den Genuss, ein Instrument zu spielen im Musikunterricht der Schule, das passende Instrument kriegen sie geliehen. Für die dem Projekt angeschlossenen Kinder ist das Ganze gratis. Den Steuerzahler kostet das pro Klasse und Jahr 20’000 Franken. Ausgeschrieben: Zwanzigtausend. Und es sind einige Klassen in Zürich, die Zahl habe ich leider vergessen, ich war wohl zu geschockt über die 20’000 pro Klasse und Jahr und spann meine Gedanken über die Sinnhaftigkeit des Unterfangens.

Ich höre schon die entsetzten Aufschreie, wieso ich ein so toll kulturelles, musisches Angebot in Frage stelle. Das hat Gründe. Am Elternabend, an welchem diese Zahl genannt wurde, kriegten die anwesenden Eltern nach einer ausführlichen Laufbahninformation der extra engagierten Musiklehrerinnen auch zu hören, dass dies vor allem für finanzschwache Familien toll wäre, da ihre Kinder so in den Genuss des Instrumentalunterrichts kämen. Das fand ich toll. Weniger toll fand ich aber, dass das Projekt nur 2 Jahre dauert, danach ist kein gratis Unterricht mehr da für die finanzschwachen Familien, und dass die Lehrerinnen sagten, nach diesen zwei Jahren könne kein Kind das gespielte Instrument spielen, der Schulunterricht ersetze sowieso den Einzelunterricht nicht. Also was nun? Da setzt also die Stadt Bildungsgelder für  Instrumentalunterricht ein, der a) nichts bringt und b) auf Scheinargumenten gründet?

Ich habe noch im Ohr, dass es immer hiess, wir sparen bei der Bildung. Und immer regte ich mich darüber auf. Und dann sowas? Wäre es nicht sinnvoller, wirklich interessierten Kindern Musikunterricht mitzufinanzieren, statt einer Horde ein paar Geigen in die Hand zu drücken, auf welchen sie dann mehr schlecht als recht rumzupfen (nicht alle dürfen streichen, was wohl zum Schutz der hörenden Gesellschaft gedacht ist).

Heute las ich, dass die Stadt Zürich viele Sportvereine unterstützt und so begeisterten Jugendlichen die Möglichkeit gibt, gratis oder gegen kleines Entgelt einer Sportart nachzukommen. Eine tolle Sache, denn hier werden die unterstützt, die wirklich etwas tun wollen. Wenn man sieht, was das Leben mit Kind heute kostet, da jedes ein Hobby mindestens, besser zwei oder drei braucht und alles kostet, dann ist das eine sehr tolle Sache.

Nun möchte ich mir nicht den Vorwurf gefallen lassen, ich bevorzuge Sport gegenüber musischen und künstlerischen Dingen. Das Gegenteil ist der Fall. Ich denke aber, dass man Kinder da unterstützen sollte, wo ihre Stärken und Interessen liegen und sie nicht alle über einen Kamm scheren kann, der schlussendlich niemandem wirklich gerecht wird. Nicht wirklich spielen könnende Geiger nützen der holden Kunst gar nichts, im Gegenteil. Das verleidet eher noch die Freude an der Musik. Zudem will nicht jedes Kind Geiger werden (oder Bläser).

Ändern kann ich daran nichts, ich nehme es zur Kenntnis, rege mich ein wenig auf, höre entzückt bald dem Weihnachtskonzert auf kindlich gezupften Geigen zu und denke mir das Meine.

Fertig!

Heute ist so ein Tag. Meine Laune ist gelinde gesagt bescheiden. Das stimmt nicht ganz, es begann schon gestern. Mich regt alles auf, nervt alles und natürlich geht auch einiges daneben, so dass die schlechte Laune sich gut genährt  weiter erhält. Und so starre ich missmutig an meinem Computer vorbei ins Freie, von wo eine graue Suppe zurückblickt. Wir starren uns an, weder meine Laune noch der Nebel weicht. Beides sture Böcke. 

Vor dem Haus steht ein Umzugswagen. Es ist nicht meiner, ich bleibe. Im Moment würde ich gerade gerne tauschen. Egal wohin, einfach weg von allem, vor allem weit weg von dieser Laune. Die wäre bestimmt überall besser als sie es hier ist. Sähe ich ein paar Berge, den See, röche ich die Alpenluft oder wüsste mich in meiner Lieblingsstadt München – alles wäre besser als das hier.

Ich denke zurück an all die Wege, die ich hätte gehen können und die ich nicht gegangen bin, um nun hier zu landen. Alle erscheinen sie besser, schöner, leuchtender, weniger grau. Ich wäre heute Lehrerin in den Bergen, Referentin auf Reisen, Redakteurin verschiedener Blätter irgendwo in den Bergen. Wo könnte ich nicht überall wohnen, hätte ich mich nicht dagegen entschieden an einem Punkt meines Lebens. Nun sitze ich hier, wo ich mal hin wollte und starre mit dieser absolut miesen Laune ins Graue. 

Gut, ich hatte Gründe. Ich entschied an jeder Weggabelung relativ frei und war immer in der positiven Lage, von wenig äusseren Zwängen gesteuert zu werden. Grundsätzlich führe ich momentan auch das Leben, das ich eigentlich leben möchte, wenn ich nicht grad mies drauf bin und ins Graue starre. Und wären da nicht all die Menschen, die mich grad nerven (wobei ich es ihnen leicht mache, zum Objekt meines Nervens zu werden), könnte es eigentlich ganz ok sein dieses Leben. Sogar an diesem Ort hier, der bei Lichte (welches grad fehlt) betrachtet ein schöner und guter ist.

Mir kommt gerade diese nette ältere Nachbarin in den Sinn, welche auf der Strasse immer meinen Hund freudig knuddelt und heute unvermittelt meinte, sie würde ihn jederzeit hüten, wenn ich wen brauche. Mir fällt meine Freundin ein, mit der ich jede Woche zum Kaffee gehe, mir fällt mein Sohn ein, welcher Fuss gefasst und Freunde gefunden hat, den Knopf in der Schule geöffnet hat und freudig gute Noten bringt. Mir fallen meine anderen Freunde ein, welche immer da sind, auch mal kritisch, aber stets hinter mir und für mich da. Und mir fällt der Postbote ein, welcher mich schon von weitem erkennt und mir zuruft, er hätte ein Paket in meinen Briefkasten gelegt (und ich wohne nicht auf dem Dorf). Die ältere Frau mit dem süssen Hund, mit welcher ich plaudere auf dem Hundespazier und vieles mehr. 

Ich glaube, ich hake den November ein paar Tage früher ab und stürze mich in die Weihnachtszeit. 

Zusammen mit ein paar Kerzen, Kaffee und selbst gebackenen Weihnachtsplätzchen wird auch dieser Tag noch gut enden. Irgendwie geht es mir schon besser. 

Vertrauen ist gut…

…Kontrolle besser.

Nur wenn man kontrolliert, ist das Vertrauen meist dahin, denn würde man vertrauen, bräuchte man die Kontrolle nicht, man sässe da in seiner Sicherheit, dass alles so ist, wie es sein sollte, wie man denkt, dass es sei.

In einer Welt ohne Lügen gäbe es keine Zweifel. Leider ist eine solche Welt eine Utopie, wir begegnen wo wir gehen und stehen Lügen, belügen uns gar ab und an selber. Oft sogar unbewusst. Wenn wir also uns selber schon nicht immer und in allen Belangen trauen können, wem denn dann?

Beziehungen bauen auf Vertrauen. Fehlt es, obsiegt ein anderes Gefühl: Eifersucht. Ein Blick des anderen, ein Anruf, ein neues After Shake – alles könnte Anzeichen sein. Doch man will ja vertrauen. Könnte man lieben, wäre nicht wenigstens ein wenig Grund zu glauben, dass der andere ehrlich ist, dass er es ehrlich meint, sich an die gemeinsamen Regeln hält. Doch wenn das alle glauben, wo sind denn die vielen Fremdgänger? Sicher 50% müssen sich täuschen in ihrem Vertrauen.

Ist man im Wissen darum nicht naiv, wenn man denkt, dass ausgerechnet man selber verschont bleibt? Ist man nicht dumm, wenn man sich in Sicherheit wähnend zu Hause sitzt und den anderen tun lässt, was er nicht lassen kann, im Vertrauen darauf, dass es nichts ist, das er lassen sollte? Doch besser Kontrolle? Damit kommen wir zum nächsten Zitat:

Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft.

Kann man sich den Betrug auch herbeireden? Quasi eine selbsterfüllende Prophezeiung daraus machen, indem man so lange misstraut, bis es begründet ist, oft aus einer Frustration heraus, doch kein Vertrauen geschenkt zu kriegen? Was war zuerst? Das Huhn oder das Ei? Der Fremdgeher oder das fehlende Vertrauen in ihn?

Oft war zuerst ein Fremdgeher, dem man auf den Leim kroch. Das machte vorsichtig. Der nächste sollte das nicht mehr schaffen, er sollte einen nicht mehr auf dem falschen Fuss erwischen, man will die Augen offen halten. Zwar lässt man diesen dann unter den Taten des letzten leiden, doch das ist wohl ein Stück Weit der Evolution geschuldet: Man erkennt Gefahren, lernt daraus und versucht, sie in Zukunft zu vermeiden. In der Natur kann man nur so überleben. Würde man jedes Mal in die gleiche Falle laufen, wäre man schneller tot als man das Wort denken könnte.

Was also tun? Immer wieder auf 0 Stellen, neu vertrauen? Die vergangenen Wunden vergessen, neu starten? Kann man das? Haben wir Menschen einen Reset-Knopf, mit dem man sein System neu aufsetzen kann und all die guten Dinge wie Vertrauen, Liebe, Gelassenheit, Selbstsicherheit, Unversehrtheit neu installieren? Der Knopf ging wohl bei der Erfindung der menschlichen Maschine vergessen. Und so ist man dazu verdammt, Altes mitzuschleppen und den eigenen Rucksack zu füllen.

Das Leben wird damit nicht leichter, vieles auch ab und an als Ballast empfunden, den man gerne los würde. Gewisse Dinge kann man über die Zeit wieder abwerfen, gewisse begleiten einen durchs Leben. Damit muss man wohl leben und das Umfeld mit. Dieses hat immer die Möglichkeit, zu gehen, was dem eigenen Misstrauen Wasser auf die Mühlen werfen würde. Doch die Mühle betreibt man selber. Dessen sollte man sich immer bewusst sein. Man selber bleibt immer da. Entkommen ist nicht.

Das Leben ist kein Wunschkonzert

Clara. Ledig, Single, Anfang 50. Sie wünscht sich nichts sehnlicher als einen Mann. Jeder ihr ins Blickfeld kommende Mann wird als potentielles Objekt der Begierde abgecheckt. Das Zusammensein mit dem Mr. Right wird in schillernden Farben ausgemalt, sie lechzt förmlich danach. Selbst wenn sie ihn nur schnell im Supermarkt an der Kasse sah, weiss sie, dass er der Mann ihrer Träume sein könnte, mit dem sie gemeinsame Schaumbäder einlassen, in die Sterne schauen, den neusten Tatort diskutieren und die gemeinsame Zeit geniessen könnte. Sie sieht das Bild, wie sie zusammen durch die grüne Natur schlendern, an Konzerten abrocken, im Kino Taschentücher austauschen und auf der Parkbank Händchen halten vor sich. Jede freie Minute möchte sie mit ihm verbringen.

Doch er zahlt und geht. Aus den Augen, aus dem Sinn, denn in der Garage steht der nächste Anwärter, kurze braune Haare, blaue Augen, ein umwerfendes Lächeln. Mit dem würde das alles noch viel besser gehen. Die einsamen Abende wären Geschichte, die nutzlosen Sonntage ebenso. Das Leben wäre lebenswerter, angeregter, ausgefüllter, denn da wäre jemand, mit dem man es teilen könnte. Und alle Sehnsüchte werden in die potentiellen, immer wieder wechselnden, Objekte gepackt. Leider sind sie alle genauso schnell weg, wie sie kamen.

Damit sich Clara keine Blösse geben muss, propagiert sie das tolle Singleleben, schwärmt von interessanten Kontakten, hält hoch, keine Socken waschen und Hemden bügeln zu müssen. Und überhaupt, sie möchte gar keinen Mann, sicher in der nächsten Zeit. Bis – ja bis… der nächste auftaucht.

Susanne, Anfang 40, verheiratet, zwei Kinder. Es gab Zeiten, da genoss sie ihre Freiheit, flippte rum, war im Ausgang, verdrehte den Männern die Köpfe. Dann wieder Zeiten, da war sie in Beziehung. Nie ganz einfach, nie wirklich schlimm. Und dann waren da die Zeiten, da war sie alleine und hatte sich mit dem Alleinsein arrangiert, weil es ganz ok war. Sie tat, was ihr lag, meistens nicht viel Spektakuläres, sondern einfach nur das, was ihr und ihrem Rhythmus entsprach. Dieses völlige auf sich gestellt sein gefiel ihr gut. Es hätte ewig so weiter gehen können. Ab und an sah sie am Wochenende Paare gemeinsam einkaufen. Dachte, das wäre schön. Wünschte sich das kurzzeitig auch, um dann wieder die ruhigen Abende für sich zu geniessen. Und just da tauchte der Mann auf. Sie heirateten, kriegten Kinder. Der langgehegte Traum ging in Erfüllung. Was Susanne fehlte, waren die Momente für sich. Einfach mal nur sein, ohne Erklärung, ohne Rechenschaft. Mal alleine, sie für sich. Susanne hörte von Singlefreundinnen, die  Mädelsabend hatten, hörte von Abenden im Schaumbad mit Sekt und Buch, malte sich einen Abend im Gammellook vor dem TV aus. Sie schickte ihren Mann ab und an mit Kinderwagen auf Erkundungstour in die Stadt und stiess bei ihren Singlefreundinnen auf Unverständnis: Du bist nicht bei deinen Liebsten? Wieso das denn? Ich gäbe die Welt dafür. Susanne gab in dem Moment grad die Welt für ein paar Minuten durchatmen. Freiheit. Wenn auch auf Zeit.

Und immer scheinen die Trauben in Nachbars Garten süsser. Vermisst man im Singleleben die gemeinsamen Stunden, fehlen im gemeinsamen Leben die einsamen. Man neigt dazu, das Leben des anderen zu glorifizieren. Sieht in Einsamkeitsphasen nur, was einem fehlt, sieht ihn Zweisamkeitsphasen, was man mal hatte, damals nicht schätzte.

Das Leben ist nie perfekt. Man selber ist es nicht. Irgendwas fehlt immer und irgendwas ist immer zuviel. Vermutlich ist die Kunst, zu sehen, was man hat, dies zu schätzen, um dann das Zuviel und das Zuwenig zu ertragen. Ideal wäre ein Singleleben, in dem immer dann jemand da wäre, wenn man sich einsam fühlte, oder eine Beziehung, in welcher immer genau dann Abstand herrschte, wenn man diesen brauchte. Nur sind Menschen keine Batteriewesen und jeder hat seinen eigenen Rhythmus. Und so kommt es, dass man in Beziehungen oft dann alleine ist, wenn man es nicht möchte, dann zu zweit, wenn man Zeit für sich sucht. Alleine ist man oft dann einsam, wenn einem nach anderen Menschen ist, in Massen, wenn man sich verkriechen wollte.

Das mag nach einer pessimistischen Sicht aussehen. Ist es bei Weitem nicht. Zu sehen, was man Gutes hat, hilft, sich bewusst zu werden, was man braucht und sucht. Und wenn man das weiss, kann man sein Leben im Miteinander und im Alleinsein so einrichten, dass es genau das Leben ist, das einem gut tut. Geniessend, was ist, wissend, was fehlt, daran nicht verzweifelnd, sondern dankbar, dass es noch Ziele und Wünsche gibt, die das Leben vorantreiben. Im Wissen, dass man schon sehr viel hat, das gut ist. Und gewollt. Und gebraucht.

Ich bin schön

Heute las ich einen Artikel über Models, die sich die kleinen Zehen amputieren lassen, um besser in Stöckelschuhe zu passen. Kürzlich sah ich ein Finalbild eines Modelcontests und die Siegerin war Haut und Knochen. Die Mutter gab noch an, sie hätte ihrer Tochter geholfen, ein paar Pfunde zu verlieren im Hinblick auf diesen Wettbewerb. Dass das gute Kind schon vor der Abnahme nach gesundheitlichen Massstäben untergewichtig war, schien sie nicht zu kümmern. Alles für die Schönheit, alles für den Erfolg.

Die Modelwelt hat Schönheitsideale, die Gesundheitsaspekte ignoriert. Sie stellt Menschen aufs Podest, die sich diesem Diktat unterordnen auf Kosten ihrer Gesundheit, auf Kosten jeglicher Vernunft. Wozu? Für die paar Jahre Rampenlicht? Für das Geld, das lockt, wenn man wirklich on the top ist (drunter hat man nur die gesundheitlichen Risiken und hangelt sich von Casting zu Casting). Ist die Verheissung von Ruhm und Ehre so gross, dass der eigene Körper und dessen Wohlergehen nichts mehr zählt?

Man muss gar nicht so weit gehen. Schon im realen Leben (weit ab vom Scheinwerferlicht der Modelmärchenwelt) hat der Schönheitswahn Einzug gehalten. Frau muss schön sein. Sie muss gefallen. Sie will gefallen. Dafür ordnet sich alles unter, auch die eigene Gesundheit.

Schaut man auf Singlebörsen, sieht man Männer, kaum hübsch zu nennen, ein paar Kilos zu viel, ein paar Jahre über dem Zenit, die junge, schlanke, sexy Frauen suchen. Mit welchem Recht? Wieso denkt ein abgehalfterter Grufty, er könne sich gehen lassen, dürfe sich aber eine Frau an seiner Seite wünschen, die, um ihm zu gefallen, grossen Aufwand betreibt? Und wieso lässt sich Frau drauf ein? Sind wir nicht in einer emanzipierten Zeit, wo Frau gleiche Rechte hat wie Mann? Auf dem Papier schon, in den Köpfen nicht. In beider Geschlechter Köpfen nicht.

Kämpft Madame Feministin zwar auf allen Parketten der Genderdiskussion, geht sie danach heim, zieht den Lippenstift nach und pudert das Näschen, zwängt sich in Highheels (hoffentlich mit 5 Zehen pro Fuss) und stöckelt dann durch die Strassen, neben ihr der Mann in Jeanslook und Turnschuh. Er darf das, sie wäre damit out. Besteht sie auf Schlabberlook und Ökobluse, unterliegt sie neben all den anderen, die sich dem Diktat unterwerfen. Die stöckeln mit hohen Schuhen, roten Lippen und Kriegsbemalung (denn es herrscht Krieg in der Frauenwelt; jede sieht die andere als Rivalin im Kampf um den ach so begehrten Mann und dessen Aufmerksamkeit) daher, lächeln vornherum nett und spannen hintenrum den Mann aus. Die Schlampen, die, ruft die Unterlegene aus. Nun gut, jedes Spiel hat Verlierer.

Man könnte ketzerisch sein und sagen: Die (menschliche) Frau ist die Unterlegene im Evolutionsspiel. Plustert sich im Tierreich das Männchen auf, um dem Weibchen zu imponieren und es abzukriegen, hat sich im Menschendasein das Ganze gedreht. Frau muss sich verbiegen, um im Kampf der weiterzugebenden Gene zu obsiegen.

Ich erinnere mich an einen Einkaufsbummel mit meinem geliebten Vater. Das muss nun 24 Jahre her sein. Er schimpfte mit mir, weil alle  anderen Mädchen nette Jupes und Kleidchen trugen, ich ungeschminkt in Jeans daher kam. Ich solle mal was aus mir machen, meinte er. Ich erwiderte ihm, dass mich der, welcher mich möge, so nehmen müsse, wie ich sei.

Ich erinnere mich an ein Modelangebot in Jugendtagen. Mein Dad hätte meine Setcard arrangiert. Von seinem Umfeld im Winterthurer Landboten hatte er die Kontakte, auch zu Fotographen. Ich liebäugelte damit, war geschmeichelt. Sagte dann, dass ich es nicht mögen würde, auf mein Äusseres reduziert zu werden. Mein Inneres sei wichtiger.

Die Aussagen klingen cool. Sie klingen selbstbewusst. Das war und bin ich bei Weitem nicht. Ich zweifle oft. Sehe all die zurecht geschminkten Wesen in den Strassen. Wünschte mir ab und an, eines von Ihnen zu sein. Finde sie schön, mich blass. Sehe ihre Fotos auf Facebook und Twitter und lösche alle von mir, weil sie hässlich sind, wie ich finde. Doch ab und an schaue ich in den Spiegel und denke „so schlecht bist du auch nicht“.

Wo ist die Lösung? Ich habe keine Ahnung. Ich kann leider auf hohen Schuhen nicht gehen. Lippenstift mag ich nicht, fühlt sich so fremd an. Was ist schön? Wer legt den Masstab fest? Die Wirtschaft geht flöten, in den Zeitungen werden Ideale propagiert, die ungesund sind, jeder will der Schönste sein, am Meisten haben. Das Streben nach Erfolg und Ruhm ist die erste Priorität geworden. Dieses Streben lässt Werte wie Moral, Gesundheit, Natürlichkeit als Witz dastehen. Dass die Menschen daran kranken, nimmt man wahr, erörtert es in Boulevard-Medien und gesellschaftskritischen Aufsätzen, kämpft vor der Kamera für gleiche Rechte der Geschlechter, um sich hinter selbiger die Lippen nachzuziehen.

Bin ich böse? Vielleicht schon. Bin ich frustriert? Nicht grundsätzlich. Ich habe alle Zehen, darf in Turnschuhen gehen und zu Hause meine Schlabberhosen tragen. Ab und an beneide ich die überschminkten Schönheiten in Kosmetikabteilungen in Warenhäusern. Im morgendlichen Stress mit Schulkind bin ich froh, nicht den Aufwand betreiben zu müssen. Wo ist die Lösung? Ich bezweifle, dass es eine gibt. Die Welt nimmt ihren Gang. Man muss entscheiden, wo man sich einordnen will. Und dann damit leben.

Nabel der Welt

Wenn man alles persönlich nimmt, alle Argumente auf sich bezieht, sich angegriffen fühlt, sich wehrt, schiesst, trifft, verletzt. Selber verletzt ist.

 

Wenn man alles ernst nimmt, hinterfragt, durchleuchtet, abwägt, widerlegt, einschnappt. Sich verschliesst.

 

Wenn man Angriffe unterstellt, Verletzungen, Beleidigungen, Abwertungen, getroffen ist. Und selber trifft.

 

Wenn man interpretiert, heraushört, hineinliest, dichtet, neu erfindet, unterstellt. Und selber klagt.

 

Wenn man hadert, zürnt, schreit, schimpft, tobt, anklagt. Weil man’s selber glaubt.

 

Sollte man sehen, einsehen, merken, wissen, glauben, sich dran halten. Man ist nicht der Nabel der Welt.  

 

 

Die ganze Welt bei mir daheim

Wir leben in einer wunderbaren Zeit. Ohne das Haus zu verlassen kriegen wir die ganze Welt nach Hause geliefert. Ob Zeitung, TV, Internet, Informationen und das, was sich dafür hält, fliesst herein in die gute Stube, der Bewohner der selbigen sitzt da und staunt. Meine heutige Reise durch die mediale Welt war eine abwechslungsreiche.

Angefangen hat alles mit Kartoffelbauer Clemens. Der gute Mann wohnte auf einem Hof so gross wie ein Schloss mit Land drumrum, das von blossem Auge nicht mehr zu überblicken war. Heute kriegte er Besuch von seiner Hofdame Sandra. Leider war das nicht ich, denn der Hof hätte mir auch gefallen. Ich sehe mich schon bildlich vor meinem geistigen Auge, wie ich im Liegestuhl sonnend selbst gebackene Chips esse und dem netten Bauer beim Ernten zusehe. Kleiner Makel: Kartoffeln machen dumm und treu. Treu ginge ja noch, aber dumm??

Weiter ging es mit Herrn Hitzfelds Sperre. Der gute Mann hatte den Stinkefinger gezeigt und das geht ja gar nicht. Ich erinnere mich, am Morgen noch etwas über „Caca in meine Hose“ von einem anderen Fussballer gelesen zu haben, Name und Gegebenheit habe ich vergessen. Weltbewegend scheint der Scheiss nicht gewesen zu sein. Lothars Trennung spielte auch noch dazwischen. Egal, nun ist Herr Hitzfeld also gesperrt wegen eines Fingers, Knigge hält Einzug auf dem Platz. Ich hoffe, auch in den Rängen. Dafür soll ein Alkoholverbot sorgen, das zumindest auf den billigen Plätzen ausgesprochen wird. Die VIP-Besucher dürfen weiter ihrer Cüplilust frönen, schliesslich sind sie ja die Privilegierten. Das sollen sie auch am Spielfeldrand spüren. Manche sind vor dem Gesetz halt doch gleicher als andere.

Weiter ging die Informationsflut mit dem begehrenswertesten Single der Schweizer TV-Welt. Der knutscht sich grad durch die Frauenreihen, badet in der Wanne mit Badehose, was ihm den Besuch einer mit Bikini bekleideten Um-die-Gunst-Bewerberin bescherte. Seien wir froh, hatte er die Hosen an, denn sonst hätte er sich den zweiten Korb in Serie eingefangen, kriegte er doch den ersten letzte Woche, als ihn eine Rosenempfängerin derbe abblitzen liess, da er weder intellektuell noch optisch ihrem Beuteschema entsprach. Wir sind froh, das Ego hat überlebt, die Sendung geht weiter. Wer am Schluss die endgültig Geküsste sein wird, steht noch aus. Ich werde es wohl nicht am TV mitkriegen, aber auch diese Info findet ihren Weg in mein Zuhause.

Den krönenden Abschluss machte die Meldung einer Frau, die Sex mit Skeletten hatte und deswegen unter Anklage steht. Ich fragte mich kurz, wie das aussehen könnte, beschloss dann ziemlich unmittelbar, mir das nicht wirklich vorstellen zu wollen (vielleicht aus Schutz, da ich sonst gemerkt hätte, dass meine Phantasie begrenzt ist). Zwar hat mir diese Nachricht offensichtlich nicht die Sprache verschlagen, doch ich frage mich, was sie mir genau bringt, wie krank die Welt eigentlich ist (sie zeigt keine abnormalen Tendenzen oder sonstigen psychischen Beeinträchtigungen) und ob es eigentlich noch irgend etwas gibt auf dieser grossen weiten Welt, das nicht möglich ist.

Damit gehen meine Gedanken wieder zurück zum Kartoffelkönig mit dem Schloss. Ich spinne gedanklich Phantasien von Mord an der anderen Sandra. Das Skelett könnte ich zur dahingehenden Fetischistin schicken und danach auf dem Liegestuhl an Sandras Stelle Platz nehmen. Den treuen (wir erinnern uns: Die Kartoffeln) Bauern nähme ich dann auch, die Doofheit (immer noch die Kartoffeln) kämen mir entgegen: Ich wäre zufrieden, tagein, tagaus neben einem ungeliebten Bauern im Liegestuhl zu liegen und Chips zu essen.

Besinnliche Weihnachtszeit

Die Weihnachtszeit steht vor der Tür. Eine besinnliche Zeit soll es sein, eine Zeit der Liebe, die im Fest der Liebe gipfelt. Schaut man in die Welt hinaus, ist von Besinnlichkeit wenig zu spüren. Im Osten fliegen Raketen, im Westen gibt es nichts Neues und das, was ist, hat mit Besinnlichkeit wenig gemein.

Sieht man mal von der ganzen Geschenkerennerei ab, bleibt die Organisation der Festtage. Bei wem feiert man wann und wieso? Wie teilt man die Tage auf, um allen gerecht zu werden, wer ist dabei, wer darf fehlen? Aus diesen Abwägungen heil herauszukommen und am Schluss keine Erwartungen zu verletzen, erscheint als hohe Kunst. Die eigenen Erwartungen wollen wir nicht mal erwähnen, die würden das Fass des Konfliktpotentials zum Überlaufen bringen.

Erwartungen sind wohl im zwischenmenschlichen Bereich die grösstmögliche Konfliktquelle. Einerseits die eigenen Erwartungen an andere, die, wenn nicht erfüllt, zu grossen Enttäuschungen führen, andererseits die Erwartungen anderer an einen, die  Stress bei einem selbst bewirken. Und als ob das noch nicht genügte, kommen noch die angenommenen Erwartungen der anderen. Ich denke, der andere erwarte etwas von mir und versuche, diese angenommene Erwartung zu erfüllen, ohne zu wissen, ob meine Annahme realistischen Charakter hat.

Erwartet meine Mutter meine Anwesenheit an Weihnachten? Muss es noch ein Geschenk sein? Sollte sich das in einem bestimmten Rahmen bewegen? Ich kann mutmassen. Dazu habe ich Anhaltspunkte aus meinen Kenntnissen ihrer Person, wobei auch die grossenteils auf eigenen Interpretationen beruhen. Die Annahmen von Erwartungen kommen nicht aus dem Nichts. Sie gründen auf Erfahrungen aus der Vergangenheit. Unterlassene Handlungen, welche erwartet worden waren, führten zu Reaktionen. Man merkte sich diese und leitete Erwartungshaltungen daraus ab. Und da steht man nun im Dschungel von Erwartungen, Annahmen, Enttäuschungspotential und Überforderung. Und denkt sich leise „Oh du fröhliche Weihnachtszeit“.

Wo bleibt man eigentlich selber in dem Ganzen? Man könnte von sich auf die Anderen schliessen und denken, die kümmern sich dann alle darum, was man von ihnen erwartet und erfüllen es bestmöglich. Ich wage dies zu bezweifeln. Wieso also tue ich mir diesen Stress an? Wieso mache ich mir die Gedanken? Wohl, weil ich niemanden verletzen möchte. Dabei übersehe ich, dass ich mich selber verletze, indem ich mich einem derartigen Stress aussetze. Ich könnte einfach fragen: Was erwartet ihr von mir? Was wollt ihr von mir an Weihnachten? Und dann danach handeln. Doch weiss ich schon vor der Frage, was käme: „nichts“… und ich könnte es nicht glauben und verführe gleich, wie ich ohne nachfragen agiere.

Stille Nacht, heilige Nacht, alles schläft… kein Wunder, nach all dem Stress.

Jeder wie er kann

Die Gesellschaftsvertragstheorie erklärt die Legitimation des Staates. Herrschte ursprünglich der Naturzustand mit einem Recht aller auf alles, welches so gesehen ein Recht auf nichts war, stellte der Staat Regeln des Miteinander auf, die dem Individuum zwar die absolute Freiheit nahm, ihm aber eine bürgerliche Freiheit sowie Schutz von Leben und Eigentum zusicherte. John Rawls erarbeitet in seinem Werk „Theorie der Gerechtigkeit“ folgende Grundsätze eines gerechten Staates:

Erster Grundsatz

Jedermann hat gleiches Recht auf das umfangreichste Gesamtsystem gleicher Grundfreiheiten, das für alle möglich ist.

Zweiter Grundsatz

Soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten müssen folgendermaßen beschaffen sein:

(a)  sie müssen unter der Einschränkung des gerechten Spargrundsatzes den am wenigsten Begünstigten den größtmöglichen Vorteil bringen, und

(b)  sie müssen mit Ämtern und Positionen verbunden sein, die allen gemäß fairer Chancengleichheit offenstehen.[1]

Andere Gerechtigkeitstheorien greifen die Gedanken Rawls auf. Aufgabe des Staates in einer Demokratie ist es, allen die gleichen Rechte zu gewähren. Jeder muss die Chance haben, in Ämter gewählt zu werden und muss vor dem Gericht gleich behandelt werden. Zudem sollen Minderheiten geschützt werden und die Armen der Gesellschaft mitgetragen – soziale Gerechtigkeit. Diese soziale Gerechtigkeit versteht sich immer als Gerechtigkeit auf staatlicher Ebene. Sie setzt da ein, wo die Menschen im Staate stehen. So gesehen behandeln wir hier eine künstliche Gerechtigkeit, insofern sie einer natürlichen Gerechtigkeit gegenüber steht. Was wäre eine natürliche Gerechtigkeit in Analogie zur künstlichen? Es wäre die Gleichverteilung der natürlichen Anlagen in jedem Menschen. Nun liegt auf der Hand, dass dies weder zu beeinflussen ist noch von der Natur vorgesehen oder gar verwirklichst. Menschen kommen mit verschiedenen Anlagen und damit auch mit verschiedenen Entfaltungsmöglichkeiten zur Welt. Diese Verschiedenheit prägt denn auch den Weg, den sie im Leben gehen und damit massgeblich, nicht immer linear und unausweichlich, so doch mit grosser Wahrscheinlichkeit, wo sie im Staat stehen.

Betrachten wir noch einmal die Gesellschaftsvertragstheorie, so zeigt sich, dass es dabei (auch) darum ging, das Recht des Stärkeren zu Gunsten von gleichen Rechten für alle auszuhebeln. Anhand von staatlicher Sicherung von Leib und Leben sollte auch der Schwächere sicher leben können in der Gemeinschaft. Bei Lichte betrachtet hat man die Ungerechtigkeit damit nur verschoben. Man hat die Körperkraft durch Geisteskraft ersetzt. Der geistig stärkere hat in der heutigen Welt die besseren Möglichkeiten, eine höhere Position zu erlangen, weil er die höheren Bildungswege beschreiten kann. So wird er in den meisten Fällen ein höheres Einkommen erzielen, hat  meistens das höhere Ansehen innerhalb der Gesellschaft und damit auch eine bessere Stellung.

Die Argumentation, das sei eine naturgegebene Ungerechtigkeit, die man nicht beeinflussen kann, stimmt nur teilweise. Die natürliche Verteilung von Fähigkeiten und Anlagen können wir in der Tat nicht beeinflussen, wohl aber unseren Umgang damit. Stellen wir uns vor, wir wollen ein Haus bauen. Wir haben zwei Freunde, der eine Architekt, der andere Maurer. Wir beauftragen beide damit, das Haus für uns zu erstellen. Das Haus würde nie stehen, wäre der Maurer nicht da. Der Architekt hätte weder die Kraft, die Steine aufeinander zu beigen in stundenlanger Knochenarbeit, noch die nötige Ausbildung, sie so zu verbinden, dass sie auch halten. Der Maurer wiederum hätte nicht das Wissen, die Statik so zu berechnen, dass die Mauern am Schluss das Dach tragen. Wir brauchen beide für unser Haus. Der Unterschied liegt darin, dass der Architekt in der Berufshierarchie höher steht, das höhere Gehalt erhält, der Maurer tiefer mit niedrigerem Gehalt. Ist das fair?

Man kann argumentieren, der Architekt hätte längere Ausbildungswege gehabt, man könne nichts dafür, dass dem Maurer diese verschlossen waren. Unterm Strich bleibt dasselbe: Die beiden mögen von der Natur unterschiedliche Anlagen gehabt haben, der eine mehr Körperkraft, der andere mehr Geisteskraft. Wer will das werten? Wieso werten wir hier? Beide haben ihre Fähigkeiten voll ausgenutzt, sind ihren ihnen möglichen Weg gegangen und bringen das in die Gesellschaft ein, was sie einbringen können. Wieso ist die Leistung des einen mehr wert als die des anderen?

In meinen Augen krankt hier das System. Wir teilen Menschen nach ihren von uns und unseren Massstäben bewerteten Fähigkeiten in Schubladen ein, die einen tiefer, die anderen höher. Und setzen erst dann die Gerechtigkeit an, indem wir versuchen, diese Schubladen so zu bedienen, dass am Schluss alle geölt laufen, keine klemmt und zu bleibt.


[1] Rawls, Eine Theorie der Gerechtigkeit

DANKESCHÖN

Oft hadert man mit seinem Leben. Sieht, was man gerne hätte und erachtet es als aussichtslos. Man wünscht sich mehr Geld, um in die Ferien zu fahren, sich was zu gönnen, statt immer zu verzichten. Man wünscht sich einen Partner, mit dem man den Alltag und das Spezielle teilen kann, statt alles alleine machen zu müssen oder es gar nicht zu machen, weil es alleine keinen Spass macht. Man wünscht sich Freunde, mit denen man was erleben kann, Spass haben, statt von Spieleabenden und Beizentouren nur zu troumen. Man wünscht sich einen Beruf, in dem man aufgeht, statt sich unter einem üblen Chef Tag für Tag abzukämpfen. Man wünscht sich mehr Anerkennung für das, was man tut, statt sich immer zu fragen, ob gut ist, was man tut und das Leben so einen Sinn ergibt.

Und so verbringt man sein Leben mit der Sehnsucht nach dem, was man nicht hat, lässt sich ab und an davon runterziehen und hadert. Man sieht die anderen, die glücklich strahlend Hand in Hand gehen, sieht Gruppen von lachenden Freunden, liest von Freude im Beruf und Erfolg, man sieht das grosse Glück und leidet am Fehlen desselben bei sich. Die anderen scheinen es immer ein wenig besser zu haben, bevorzugt zu sein, während man selber mit dem Leben kämpft, frei nach dem Motto: Irgendwas fehlt ja immer.

Und dann gibt es Tage, die rücken das eigene Bild wieder in die richtige Relation. Ein gesundheitliches Problem aus dem Nichts und die Welt, die vorher noch so beklagt wurde, wird plötzlich das Wertvollste, was man hat und man möchte sie nicht verlieren. Man spürt die Liebe des Mannes in seiner Sorge um einen, man spürt die Liebe zu diesem Menschen, wenn man sieht, was er für einen zu tun bereit ist und hofft nur, dass man sie auch weiter leben darf. Man fühlt den eigenen Wert beim Kind, wenn man seine Angst spürt, und ärgert sich im Angesicht von so viel Liebe und Liebenswürdigkeit, dass man ab und an so hart war und schimpfte, hofft, die Gelegenheit zu haben, es besser zu machen.

Man erlebt von Freunden Hilfsbereitschaft, erfährt von Firmenchefs Verständnis und Mitgefühl, kriegt sogar von Lehrern Hilfsangebote und denkt sich, dass die Welt eigentlich wunderbar ist. Und man schwört sich, dass man dies in Zukunft mehr im Blick haben möchte. Und so wird eine solche Situation zur Gelegenheit, das eigene Leben zu überdenken. Die Situation wird zu einem Bilanzziehen und zu einem abwägen dessen, was wirklich zählt und was eigentlich völlig belanglos ist. Mir hat es (einmal mehr) gezeigt, dass ich eigentlich ein Glückspilz bin und zwar auf der ganzen Linie. Ich habe das Leben, das ich mir immer wünschte, habe die Möglichkeit, das zu tun, was ich tun will, was mir am Herzen liegt. Ich habe Menschen um mich, die mich mögen, für mich da sind und die ich nicht missen möchte.

Klar gibt es immer Dinge, die man gerne hätte, die fehlen. Sei es Geld, Zeit, Kraft – von allem mehr wäre nie verkehrt, denkt man. Nur was wäre der Preis dafür? Im Leben hat alles seinen Preis. Und wenn ich meine Bilanz ansehe, muss ich sagen: Sie geht mehr als auf. Ich bin sehr dankbar dafür und für die Menschen, die mein Leben auf diese Weise bereichern.

Und da ich dies nun alles eingesehen habe, hoffe ich, dass auch die gesundheitlichen Probleme wieder gehen – ich habe meine Lektion gelernt. Ein Danke auch an meinen Körper, dass er mir immer mal wieder die Gelegenheit gibt, das Leben ins richtige Licht zu rücken und dass er mich trotz dem ab und an betriebenen Raubbau zuverlässig und treu durchs Leben führt.

Kampf der Geschlechter

Genderdebatten, Gleichberechtigung, Emanzipation, Feminismus – Schlagwörter, die die letzten Jahre und Jahrzehnte dominierten. Die Frau soll weg aus ihrer unterdrückten und benachteiligten Lebensrolle und hinein in die grosse weite Welt mit all ihren Möglichkeiten. Sie soll sich nicht länger dem Mann unterordnen. Patriarchat war gestern, vorgestern, aber sicher nicht heute. Heute steht die Frau ihren Mann, zeigt allen, was in ihr steckt  – sie macht alles selbst, sie ist nun gross, sie kann das. Die Frau am Herd hat ausgedient, heute sitzt sie am Bürotisch und ist gleich dreimal so toll dadurch.

Deutschland stimmte unlängst im Parlament darüber ab, ob auch Familien Anspruch auf Betreuungsgeld haben sollen, deren Kinder zu Hause betreut werden. Ein Aufschrei ging durch die Reihen, viele distanzierten sich eigentlich davon, trotzdem kriegte die Lösung ein Mehr (blosse Zugeständnisse hiess es…). Das sei ein Rückschritt, ein Schlag ins Gesicht der Frauen und ihrer Vorkämpferinnen. Die Frauen könnten so lieber bei den Kindern bleiben, statt ihr Recht zu Arbeiten wahrzunehmen. Welch ein Fluch, welch eine Schande, welch ein Verlust?

Früher herrschte der Mann, er hatte das Sagen. Frauen konnten lange nicht studieren, hatten keine politischen Rechte und konnten kaum arbeiten; wenn, dann in Dienstbotenverhältnissen und damit am unteren Ende der Gesellschaft. Viele starke Frauen und deren Mitstreiter haben es geschafft, diese demütigende und unhaltbare Situation zu verändern. Frauen kriegten Zugang zu allen Bereichen des Lebens, sie wurden zu vollwertigen Mitgliedern der Gesellschaft, des Staates. Ein Sieg, eine Notwendigkeit! Gleiche Rechte für alle – unter diesen Allen waren nun auch Frauen, vorher waren es nur mündige männliche Bürger.

Was ist ein Recht? Ein Recht ist die Möglichkeit, etwas zu tun, weil man es tun darf. Ich habe das Recht zu schweigen, wenn ich mich mit einer Aussage selber belaste. Ich habe das Recht auf Bildung. Bis zu einem gewissen Alter sogar die Pflicht, sie wahrzunehmen, danach ist es ein blosses Recht. Schaut man auf die Frauenfrage, wurde aus dem Recht ein Zwang, eine Pflicht. Das Recht auf Arbeit wurde zum „du musst nun arbeiten, gib endlich deine Kinder ab“. Die Frau, die sich erdreistet, zu Hause bleiben zu wollen, ist das Heimchen am Herd, welches die Früchte der Emanzipation verrät. Sie sieht sich täglich den Fragen „was machst du eigentlich den ganzen Tag?“ und „wann gehst du wieder arbeiten?“ ausgesetzt. Das Recht wurde zur Plage. Wo früher Männer unterdrückten, tun es heute die Frauen mit anderen Vorzeichen. Wo ist da die Freiheit? Wäre nicht sie das eigentliche Ziel der Emanzipation? Ein Recht auf alles mit der Freiheit, sich individuell zu entscheiden?

Ist es nicht eigentlich frauenfeindlich, die Dinge so zu sehen? Schauen wir auf die Forderung „Kein Betreuungsgeld für Mütter, die ihre Kinder selber betreuen“. Wertet man damit nicht die Leistung von Müttern ab? Eine Krippenaufsicht kriegt einen Lohn, niemand würde ihn ihr absprechen, die Mutter soll es gratis tun? Und wenn sie es tut, hat sie das Nachsehen, weil sie von anderen Frauen verachtet wird, ihre Arbeit nichts zählt, da sie nichts einbringt und sie am Schluss hören muss, sie hätte die ganzen Jahre nichts getan, obwohl sie tat, wofür andere eine Lehre machen und dann Lohn beziehen? Ist es heute wirklich eine Schande, für seine Kinder sorgen zu wollen? Wenn man das von Herzen gern und mit Liebe und Einsatz tut – wo genau liegt das Problem?

Kindererziehung zu Hause ist heute Fronarbeit und zählt nichts. Genauso ist es mit der Betreuung und Pflege von familiären alten Menschen. Reiner Liebesdienst ohne Anerkennung, ohne Wertschätzung. Menschen, die sich diesen Diensten verpflichten sind die Verlierer im System. Sie werden argwöhnisch betrachtet, als Schmarotzer und Profiteure gesehen und nach ihrem (ökonomischen) Beitrag zur Gesellschaft gefragt. Kannst du dir das leisten? Wovon lebst du eigentlich? Das sind die Fragen, die sie hören. Kann sich ein Bankdirektor leisten, Steuern zu hinterziehen, indem er sich im falschen Kanton anmeldet und damit durchkommt, weil er es geschickt genug tut? Klar, er ist ein angesehener Mann mit Ruhm und Ehre durch einen zu diesen führenden Beruf.

Vielleicht sollten wir weniger am Spiel Mann gegen Frau arbeiten, sondern mehr an unserer Wertschätzung dem Menschen gegenüber. Vielleicht wäre die Zeit reif, zu sehen, was wirklich zählt im Miteinander und wie man das tragen kann. AHV und andere Sozialversicherungen gehen langsam vor die Hunde. Wann, wenn nicht heute wäre die Zeit da für ein wirkliches Miteinander an Stelle eines Kampfes an immer wieder unterschiedlichen Fronten?