Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben (Der Film)

Marcel Reich-Ranicki wurde 1920 im polnischen Wloclawek als Sohn einer deutschen Jüdin und eines polnischen Juden geboren, verlebte seine Schulzeit in Berlin, wo er auch seine Liebe zur Literatur entdeckte. Aufgrund seines Judentums blieb ihm ein Studium in Deutschland verwehrt, 1938 wurde er nach Warschau deportiert, wo er 1940 im Ghetto landete. Verschiedene glückliche Zufälle, seine Tätigkeit als Übersetzer im Judenrat und die Hilfe von mitfühlenden Menschen liessen ihn und seine Frau Teofila, welche er am Tag der Ghettoräumung geheiratet hatte, die Schrecken der Naziherrschaft überleben.

1944 begann Marcel Reich-Ranickis Arbeit für die polnische Geheimpolizei, in welcher er eine Karriere machte, die jäh mit seiner Entlassung aus derselben endete. Zuvor wurde er unter Verdacht des Verrats (was nur ein Vorwand gewesen zu sein scheint, um sein Judentum nicht explizit als Grund nennen zu müssen) inhaftiert und verhört. In den 50er Jahren führt der Weg von Marcel Reich-Ranicki zurück nach Deutschland, wo er sich (unter anderem) als Literaturkritiker ganz seiner Liebe zur Literatur widmet.

Ein Leben als Ode an die Literatur. Literatur als Lebensinhalt, als Stütze, als Trost. Was mich beim Lesen des Buches so berührte, das als Grundlage dieses Filmes diente, war die Funktion der Literatur in Reich-Ranickis Leben, war das Aufzeigen der Funktion von Literatur in dieser Zeit generell. Das fällt im Film etwas mager aus. Wenige Szenen befassen sich mit der Literatur, die Hauptsache liegt auf dem Krieg, auf der Unterdrückung, auf der rohen Gewalt und auch auf den wohlwollenden Schicksalsweisungen, die das Leben Reich-Ranickis immer wieder retteten.

Wie hätten sie sich in der Situation verhalten?

Diese Frage, Marcel Reich-Ranicki stellt sie in einem Verhör bei seiner Inhaftierung, eröffnet eine grosse moralische Diskussion. Kann man aus heutiger Sicht verurteilen, wie sich die Menschen damals verhielten? Hätte man für ein zusätzliches Stück Brot nicht auch kooperiert? Die Verurteilung des Handelns der Menschen ist sicher einfach aus der sicheren Gegenwart und im Rückblick auf alles, was war. Auf der anderen Seite gibt es moralische Urteile und die lassen sich nicht einfach verbiegen, weil die Zeit es so fordert. Gerade das war es ja, was den Schrecken der Naziherrschaft ausmachte: Die Ausradierung der gängigen Moral zugunsten einer von oben diktierten, welche in der Folge auch wieder ausradiert wurde, um sie zu verurteilen. Ein zweifacher Bruch der Moral, welcher Moral als solches als unsicher, wankelmütig und willkürlich erscheinen liess.

Die Frage an sich ist, wie ich denke, nicht ehrlich zu beantworten, da man es schlicht nicht wissen kann, wenn man nicht in der Situation steckt.

Fazit:
Ein absolut sehenswerter Film, welcher aber weit hinter dem Buch zurück steht, welches mich wirklich sehr berührt hatte, als ich es las.

2 Comments

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  1. Diese Rezension hat mir gut gefallen. Sie ist respektvoll dem Thema gegenüber und das ist der wohl größte deutschsprachige Literaturkritiker des vergangenen Jahrhunderts. Er hat übrigens nach meiner Meinung einen großen Anteil daran, dass die deutsche Literaturszene der Nachkriegszeit immer auch mit den bedeutenden Namen deutscher Kulturgeschichte verbunden blieb. Deutschland war eben nicht nur die Nazi-Zeit. Deutschland war nicht nur ein Wirtschaftswunder mit dem Problem der personellen „Altlasten“.

    Dass in der Besprechung auch noch der Frage nachgegangen wird, wie man sich wohl selbst verhalten hätte, wäre man dem Weg eines Reich-Ranicki ausgesetzt gewesen, berührt mich ganz besonders. Man kann diese Frage nicht beantworten, aber man muss sie respektvoll stellen. Allzu leicht wird heute geurteilt und auch verurteilt. Das geht, wenn man im bequemen Sessel sitzt. Und deshalb sind solche Urteile nicht wirklich etwas wert.

    Deshalb ist diese Rezension von besonderem Wert. Danke dafür!

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    • Ich danke dir für deinen Kommentar.

      MRR hat massgeblich dazu beigetragen, die deutsche Literatur immer und immer wieder auch einem breiteren Publikum bekannt zu machen. Dabei hat er durch seine Art sicher polarisiert, aber er war immer authentisch. Das und seine grosse Liebe zur Literatur haben mir immer imponiert.

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