Sterne am Himmel

Heute sass ich so da und träumte mich durch die Welt. Ich stellte mir vor, wo ich hin könnte und was ich da alles erleben, erreichen wollte. Ich malte mir mein Leben in der neuen Welt bunter aus, als es hier je werden könnte, sah all die Möglichkeiten, Schönheiten, Neuheiten, Abenteuer in den glänzendsten Farben und Lichtern. Wie Sterne glitzerten sie am Himmel. Sterne, die ich greifen wollte, erfassen wollte, an mich reissen, nie mehr loslassen.

Die Sterne erschienen verlockend und unerreichbar. Je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr fehlende Tritte auf der Leiter hin zu den Sternen sah ich. Ich sah sie da oben, mich hier unten, sah sie glitzern, während meine Welt sich immer mehr verdunkelte.  All die Wünsche, Pläne, Träume – unerreichbar? Ich an diese Welt gebunden, gekettet, darin eingesperrt?

Ich sah mich in einer Welt, in der so viel fehlte, das ich gerne hätte. Ich sah diese Welt, die so klein, so eng, so düster schien. Ich fühlte mich ihr ausgeliefert, gehalten nur von äusserlichen Ketten, da mich innerlich nichts an sie band. Zuhause, Heimat, Wurzeln – alles dieses hatte ich nie und fühlte ich nie. Nicht hier. Nicht jetzt. Nie und nirgends. Ich war nicht mal entwurzelt, ich war ganz und gar wurzellos und doch gebunden.

Was wäre, wenn ich einfach die Ketten sprengte, sie hinter mir liesse, ohne zurückzublicken drauf los liefe, den Sternen entgegen? Wenn ich mich befreite von all den Zwängen, all den Einengungen, mein Leben gestaltete, wie ich es mir wünschte? Die fehlenden Tritte auf der Leiter könnte ich bauen und so einen Schritt nach dem anderen näher an die Sterne gelangen, bis ich sie hätte, da wäre. Es wäre machbar.

Ich ging in mich und fragte mich, wieso ich das nicht schon längst gemacht hatte. Was hat mich gehindert? Andere? Ich? Ketten? Ängste? Vermutlich ein bisschen von allem. Und die Frage: Was, wenn die Sterne, bin ich erst da, wieder weiter weg hängen? Wenn sie quasi eine Fata Morgana meines eigenen Wunschdenkens sind und mir immer knapp vor der Nase hangen? Vielleicht sind Sterne ja dazu da, in der Ferne zu funkeln, um uns anzutreiben und zu schwelgen. Und wenn wir lange genug geschwelgt haben, besinnen wir uns wieder darauf zurück, was wichtig ist und was nur Illusion. Sterne am Himmel – was wäre noch, wären sie alle gepflückt? Der Himmel wäre schwarz und leer. Aber bräuchten wir die Sterne da oben noch, wenn wir alle für uns gewünschten in der Hand hielten? Wären wir dann glücklich?

Die tollsten Menschen sind immer etwas verrückt

Die tollsten Menschen sind immer etwas verrückt

Diesen Satz las ich gestern und fragte mich – wie immer, wenn ich so etwas lese, ich kann es ja nie einfach nur lesen und gut ist, nein, die Gedanken gehen weiter -, ob das stimmt. Und ich kam, wie so oft, zum Schluss, dass diese Frage der Klärung bedürfe, da man dabei zuerst definieren müsse, was verrückt bedeutet.

Als verrückt gelten Menschen dann, wenn sie der geltenden Norm oder der Norm der sie so bewertenden Menschen nicht entsprechen. Sie sind dann im wahrsten Sinne ver – rückt, von der Norm abgerückt, in eine Nebenstrasse abgebogen, die nicht zulässig ist – zumindest nicht als zulässig gesehen wird von denen, die werten. Je mehr Macht nun die Wertenden haben oder je grösser ihre uniforme Masse ist (was oft gleichbedeutend ist), desto schwieriger wird der Stand für den als verrückt erkannten Menschen. Er wird sich fortan ihren Blicken, ihrem Lachen, ihrer Verurteilung auf allen Ebenen ausgeliefert sehen. Im geringsten Fall ist das ein leises oder auch lauteres Belächeln, kann aber hin zu einem Verburteilen des ganzen Menschen führen oder gar zur Exklusion aus der Gesellschaft.

In früheren Zeiten wurden die weiblichen Exemplare verbrannt. Was nicht sein darf, darf nicht sein, weg damit und das radikal. Im Fegefeuer sollte dann wohl die Abartigkeit gleich mitverbrannt werden, nicht dass sie noch in Geisterform auf andere, am wenigsten bitte auf die ach so gesunde Gesellschaft übergreife. Danach wurde man menschlicher und steckte sie nur noch in Heime und Anstalten. Bis weit ins 20. Jahrhundert wurden sie verwahrt, von der Gesellschaft ferngehalten (oder diese von ihnen befreit, wie man den Blickwinkel auch richten wollte), in ganz schweren Fällen kastriert, damit auch ja keine Weiterverbreitung solchen Irrsinns passieren konnte.

Auch heute noch, wo man sich gar aufgeklärt und tolerant schimpft, sind die Normen starr. Es gibt Lebenswege, die als normal gelten und solche, die einfach verrückt sind, weil sie sich nicht in die ausgetretenen Pfade pressen lassen. Noch immer wird man beäugt, belächelt und argwöhnisch durchgekaut in den Kreisen der Normalen. „Wie kann der nur? Was denkt die sich? Hast du gesehen?“ Schon bei kleinen Kindern fängt es an. Sie müssen in ihrer Entwicklung in eine zeitliche Kurve passen, in der Grösse in eine Perzentile und im Gewicht proportional dazu. Tun sie das nicht, ist man mit einer Armee von Therapiemöglichkeiten (und oft –pflichten) bei Fuss, auch hier kann nicht sein, was nicht sein darf. Zwar sehe ich die Sorge um die Gesundheit unserer Kleinen ein, gewisse Entwicklungen sind ungesund und bedürfen der Hilfe, welche gut und wichtig ist, allerdings sollte man darüber den gesunden Menschenverstand nicht abschalten und im Auge behalten, dass Menschen durchaus langsamer und schneller sein können, dass nicht alle alles können, dass nicht jedes Sprachgenie zugleich auch Feinmechaniker sein muss oder kann und dabei Tonleitern über 4 Oktaven singt.

Eigene Wege zu gehen braucht Mut. Ab und an ist es auch der einzige Weg, den ein gewisser Mensch gehen kann, weil jeder andere für ihn noch schwieriger (oder unmöglich) wäre. Dann ist es doppelt schwierig, weil selbst ohne Mut keine Alternative bleibt.

Sind nun diese Menschen toll? Auch hier kommt es drauf an, was wir unter toll verstehen. Ein Mensch, der zu sich und seinem Weg steht, ihn geht, den Unbill der anderen auf sich nimmt und an sich festhält, ist toll (dass dieser eigene Weg niemandem schaden sollte und sich in gewissen gesetzlichen Normen bewegen sei vorausgesetzt, denn wenn ein Mörder sich plötzlich als Künstler und seine Toten als Werke sieht, wäre dieser Weg durchaus zu stoppen – früher hätte ich solche Einschübe weggelassen, heute nehme ich sie rein, weil sich immer findige Köpfe finden, die dann mit solchen Dingen kommen, die man offensichtlich nicht gemeint haben kann, wie ich denke). Ob er ein besserer Mensch ist, weiss ich nicht. Es gibt auch gute und tolle Menschen unter denen, die den Weg gehen, der als normal erachtet wird. Vielleicht ist es genau ihr Weg und er entspricht nunmal dem normalen oder aber sie fühlen sich mit ihm so wohl, dass dieses Wohlgefühl ausreicht, den Weg zu gehen, da der andere Weg sich schlechter anfühlte, auch wenn er besser entspräche. Dass etwas zur Norm wird, resultiert meist (im gesündesten Falle) daraus, dass es der Mehrheit entspricht.

Wenn die Mehrheit dasselbe will, tut und kann dann geht man in einer statistischen Welt davon aus, dass dies der Normalfall ist, das andere die Abweichung. Darin liegt eine gewisse Logik. Ich denke aber, dass genau hier der Knackpunkt ist. So lange wir in Statistiken über normal und abnormal (verrückt) entscheiden, so lange werden wir Menschen nicht als Menschen wahrnehmen sondern als Statistiken füllende Punkte, aus denen am Schluss ein Diagramm entsteht, aus der wir unsere Welt abzulesen glauben. Schlussendlich sind es aber alles Menschen mit ihren Eigenarten, Wesen und Bedürfnissen. Und jeder soll sich seinen Weg selber suchen dürfen und ihn gehen, ohne dabei belächelt zu werden – weder die Verrückten von den Normalen (ich bleibe der Einfachheit halber bei diesem niemand treffenden Ausdruck) oder aber die Normalen von den Verrückten, die sich als mutiger, besser, weil anders sehen.

Wenn die Menschen einsehen, dass es zwar verbreitetere und weniger verbreitete Lebensweisen gibt, diese aber alle Menschen entsprechen, die sie leben, dann kommen wir vielleicht dahin zu sehen, dass jeder auf seine Weise toll ist. Ist das zu idealistisch?

Grosse und kleine Welten

Die Welt ist schlecht und sie ist laut. Alle denken, je lauter sie schreien, desto besser werden sie gehört. Die leisen Töne sichern ungehört ins Nirgendwo, fast als wären sie nie gesprochen worden. Pessimisten unken, dass das immer so war und immer so sein würde. Der Mensch ist träge und faul, er geht lieber mit der Masse, folgt dem, der am lautesten die Parolen verkündet, weil den die meisten hören und ihm auch folgen. So geht die Masse im Gleichschritt, unhinterfragt, unbedacht, unbewusst – wie Marionetten.

Dass die Welt so sein mag, die Geschichte das belegt, die Gegenwart es bestätigt, mag stimmen. Dahinzugehen und die ganze Welt und alle Menschen ändern zu wollen, wäre ein Anspruch, der mit dem Kampf gegen Windmühlen vergleichbar wäre. Was aber immer in unserer Macht liegt, ist im Kleinen anzufangen, bei sich selber und in seinem Umfeld. Es ist nie zu spät, hinzuhören, wie man selber agiert und hinzuhören, was andere sagen. Man kann auch genauer hinhören, wenn man nur leise Töne hört, sie annehmen, aufnehmen, hinterfragen. Man kann mit einem neuen Bewusstsein ans Leben und ans Miteinander gehen und damit den leisen Tönen und ihren Verkündern wieder eine Plattform bieten. Und dabei entwickelt man vielleicht auch ein Bewusstsein für sich selber und dafür, was man im Leben will, wie man dieses gestalten will und wem oder was man wirklich Platz einräumen will, was draussen bleiben soll.

Nicht immer hat der recht, der am lautesten ruft, oft ist er nur am besten gehört. Wenn man im Kleinen anfängt, auf den Inhalt zu hören statt sich der Bequemlichkeit anheimzugeben, kann man im eigenen Leben sicher einige Weichen umstellen – für sie und seine Nächsten. Glaubt man der Yogaphilosophie, dann wird sich dieses Verhalten auch verbreiten. Vielleicht nicht im Sauseschritt, aber in kleinen nachhaltigen Schritten. Bewusstsein zieht Bewusstsein nach sich, das Erfahren von Dingen im Umfeld setzt sich im Inneren nieder und verändert da die Strukturen des eigenen Denkens, Handelns und Fühlens. Dass die Welt von heute auf morgen revolutioniert ist, wäre utopisch, aber wieso will man immer gleich die Welt ändern?

Meist ist der Anspruch, das Grosse anpacken zu wollen und alles zu lassen, wenn das nicht geht, eine Flucht vor der eigenen Verantwortlichkeit. Das unmögliche Grosse gibt einem die Rechtfertigung, das Kleine zu lassen. Man muss sich nicht drum kümmern, weil man belegen kann, dass es eh nichts bringen wird, die Welt dieselbe bleibt. Für die ganze Welt mag das (sicher kurz- und mittelfristig) so sein, für die kleine Welt stimmt das in meinen Augen nicht. Wir haben sehr viel in der Hand, wir müssen es nur wahrnehmen und uns dessen bewusst werden. Oft sind die vielen kleinen Schritte für das eigene Sein unendlich heilsam, weil sie eine neue Qualität bringen. Wo vorher Geschrei und Gleichschritt herrschte, könnten plötzlich leise Klänge und Eigenverantwortung stehen. Und damit könnte ein Weg sich öffnen, den man selber gewählt hat, statt ihn nur blind mitzugehen. Man muss nur den ersten Schritt machen.

Israel und Palästina

Mein Sohn fragte mich, was passieren müsste, dass die Palästinenser und die Israeli friedlich leben könnten, dass der Krieg da beendet würde. Ich sagte, dass sie einsehen müssten, dass es genug Platz hätte für beide, dass sie einen Weg finden müssten, in einem Land miteinander leben zu können, jeder die Andersartigkeit des jeweils Anderen akzeptierend.

Mein Sohn meinte darauf, dass es aber vielleicht wirklich nicht genug Platz hätte für beide. Dass vielleicht wirklich einer weichen müsste, sich zumindest einschränken. Wie könnte man dann friedlich einfach miteinander wohnen? Wie war es zu dieser Situation gekommen?

Eines Tages suchten die Alliierten eine Lösung für die Juden nach dem Zweiten Weltkrieg. Man einigte sich ziemlich schnell, sah sich im Recht und errichtete den Staat Israel. Man berief sich auf historische Tatsachen, die Juden waren schon mal hier, die gehören hier her. Dass auch die Araber hier gewesen wären, vielleicht schon früher, war irrelevant. Dass schon vor Vertragsbeschluss Unheil angekündigt wurde, ignorierte man. Man brauchte eine Lösung, fand auf dem Papier eine und setzte sie um.

Es kam, wie es kommen musste. Die schon Dagewesenen öffneten nicht einfach freudig die Türen, sondern sie liessen die Eindringlinge missmutig kommen. Der Platz wurde rarer, verschiedene Anspruchsrechte trafen aufeinander. Was soll daraus resultieren als Konflikt? Natürlich stellt man sich eine heile Welt vor, in der Blumen vom Himmel fallen und man die verlorenen Brüder willkommen heisst. Dieses Willkommen war aber keines, weil niemand von Brüdern wusste, keiner die daher Kommenden als solche sah. Man sah nur, was sie einem nahmen. Plötzlich sollte der Staat ihrer sein. Auch wenn es auf dem Papier von einem zweigeteilten Staat hiess – was schon schlimm genug war – Thema war nur immer der eine. Und der eine existierte nur, weil man dem anderen etwas weggenommen hatte.

Mein Sohn und ich stellten uns so vor, wie wir uns fühlen würden, wenn plötzlich jemand an der Tür klingelte und sagen würde, die Schweizer Regierung hätte beschlossen, dass unsere Vormieter wieder in unsere Wohnung dürften. Sie wären vor uns dagewesen und aus national wichtigen Gründen sähe man eine solche Massnahme als wertvoll an, zumal sonst das Problem bestünde, dass diese Familie auf der Strasse wäre, kein Zuhause hätte, was nach dem ganzen Leid, das sie und Ihresgleichen in den letzten Jahren hatten, nicht zumutbar wäre und man ihnen als Zeichen des Respekts von Staates Wegen helfen wolle, helfen müsse.

Die Not leuchtet ein: Da muss ein Zuhause her. Zuhause bildet sich aus Erinnerungen, aus Werten, die sich überliefern im Zusammenhang mit einem Volk. Was  also sollte Israel im Norden Kanadas? Da waren die Juden nie gewesen, da hatten sie keine Wurzeln. In Israel schon. Nur sassen da nun andere. Worte von Miteinander und Nächstenliebe sind toll, die fühlt man und findet man gut. Nur wenn sie einem das Zuhause streitig machen, wird das wohl schwieriger.

Und so sitze ich noch immer hier und frage mich: Wie soll man das lösen? Wer ist im Recht? Opfer sind sie alle irgendwie. Und Opfer schlagen um sich, weil sie sich verteidigen wollen. Und beide Seiten haben einen Wunsch: Ihr Zuhause zu bewahren, eines überhaupt zu haben. Wer ist hier also der Böse? Wer der Gute? Und wie will man da von aussen kommen und Stellung beziehen? Vom warmen Zuhause aus lässt sich das gut entscheiden. Man steckt nie drin und fühlt nie mit. Man hat Theorien, die blumig und gut klingen. Sie mögen sogar viel Wahres in sich tragen. Das Menschliche Leben besteht nicht nur aus Faktenlagen und theoretischen Argumentationsketten. Beschlüsse von aussen können noch so überlegt sein, sie vernachlässigen oft das elementar Wichtige: Die menschlichen Befindlichkeiten, die Bedürfnisse, Schwächen und Gefühle.

Gibt es eine Lösung? Ich weiss es nicht. Ich möchte nicht urteilen wollen, würde mir aber Frieden wünschen. Denn bei allem Verständnis für beide Seiten, verlieren durch diese Auseinandersetzung schlussendlich beide mehr, als sie überhaupt noch gewinnen können.

Wiedergutmachung

Kürzlich kam es zu einer Diskussion darüber, ob die Schweiz den ehemaligen Verdingkindern Geld zahlen müsse, ob es mit einer Entschuldung nicht getan sei. Die Stimmen wurden gleich laut, dass man natürlich nur mit Geld aufwiegen könne, was je passiert ist. Das Unrecht war gross, keine Frage, die damaligen Kinder litten, viele haben die Narben in die Gegenwart (oder schon in den Tod) mitgenommen. Macht Geld da was gut? Wiegt es etwas auf? Ist dann alles wieder gut?

Heute las ich den Entsetzensschrei über eine geforderte Steuererhöhung für höhere Einkommen. Die dies Fordernden wurden als Neidhammel bezeichnet, die den besser gestellten den Lohn nicht gönnen. Wie man in der heutigen Zeit noch mehr Steuern fordern könne.

Zurück bleibt die Frage: Wer soll alles bezahlen? Keiner will Steuern bezahlen, Unecht soll mit Geld abgegolten werden, die Infrastrukturen ausgebaut, alles muss funktionieren. Lebt man in einem EU-Staat, muss man noch andere Staaten sanieren (sofern man nicht saniert wird, dann kümmert man sich wohl auch weniger um das Gestern, sondern kämpft mit dem Heute).

Geld regiert die Welt. Am Besten fliesst es vom Himmel, denn es muss einfach da sein, sonst geht gar nicht. Ein „es tut mir leid“ reicht nicht, es muss Geld fliessen. Geld zahlen will aber keiner. Es ist irgendwie verdammt einfach, vom Moralstandpunkt aus zu sagen, wo Geld hinfliessen soll, wenn man das Geld nicht selber zahlt. Täte man das, sähe es sicher anders aus. Moral ist ein verdammt zweischneidiges Schwert. In der Theorie glänzen wir alle drin. Haben Theorien, Ideale. Sehen uns als Widerstandkämpfer im Dritten Reich und Rächer der Opfer im Heute. Praktisch bleiben es leere Worte, die die Handlung anderen zuschreiben.

Nun kann man sagen, mit dem Wort fängt der Kampf an. Zuerst muss etwas benannt sein, bevor es sich setzt, Wirkung zeigt, Handlungen folgen. Nur müsste beim Aussprechen des Wortes in meinen Augen schon die Tragweite der geforderten Handlung miteinbezogen werden. Nur zu fordern, ohne zu sehen, wo die Forderung hinläuft, könnte böse Abstürze zur Folge haben. Aber für den Fall gibt es sicher wieder genug, die in der Theorie alles besser gewusst hätten oder aber einfach nur die Folgen ohne die dahinter liegenden Forderungen anschauen und sie verurteilen.

Gibt es Widergutmachung? Nein, nicht im kollektiven Rahmen. Im Einzelfall kann man geschehenes Unrecht nach Normen abgelten. Gut ist es dann noch nicht, aber das Unrecht wurde sanktioniert. Das ist das Prinzip des Rechts angewendet auf den Einzelfall. Bei kollektivem Unrecht im Stile eines Kriegs, eines Völkermords kann man sicher auch allgemein gültige Gesetzeslaute formulieren. Aber nur da, wo es um allgemeine Forderungen geht. Und auch dann ist nicht alles wieder gut. Wieder gut wird es nie. Man kann es nur in Zukunft besser machen. Und die Fehler der Vergangenheit einsehen. Und beide Seiten müssen lernen, damit umzugehen.

Zu feste Bänder

Eines Morgens wachte sie auf und merkte, dass sie im falschen Film war. Der Film ging schon lange, es war nicht mehr ganz ersichtlich, wann er begonnen hatte, sich in eine Richtung zu entwickeln, mit der sie eigentlich nicht übereinstimmte. Sie war in diesem Film langsam vom Regisseur zum Statisten geworden. War sie je Regisseur gewesen? Sie hatte es bis vor kurzem meistens gedacht. Oder vielleicht hatte sie auch gar nicht gedacht, sondern hatte sich treiben lassen. Schon da nicht Fährmann, eher treibendes Holz.

Sie sitzt im Bett und träumt von neuen Ufern. Von Ufern, die anders wären als die Festung, in der sie gerade sass. Sie sah Landstriche, die hell und sonnig waren, die ein Gefühl von Freiheit in sich trugen. Sie sah ein neues Leben an einem neuen Ort vor sich und sie zeichnete dieses Leben in den buntesten Farben, in allen Formen, auf alle Weisen. Sie griff in die Farbtöpfe, kleckerte, klotzte ab und an gar. Weg mit den Hindernissen, weg mit den Hemmnissen. Sie dachte an all ihre Träume und Wünsche, dachte an das Leben, das sie mal leben wollte und sah hin, wo sie gelandet war. Und die Schere dazwischen liess sie in Abgründe blicken.

Sie beschloss, dass es nicht so weiter gehen konnte, dass die gemalten Bilder nicht nur Bilder bleiben sollten, sondern Realität werden. Sie wollte es angehen, wollte endlich auch im Leben aufwachen, nicht nur am Morgen nach einer wenig erholsamen Nacht. Sie wollte endlich leben, nicht nur überleben. Sie machte sich auf, voller Tatendrang, ging in den Tag hinein, im Hinterkopf die neuen Ziele, die neuen Welten. Sie wollte Neues finden, Aufregung, Abwechslung, sie wollte ihr Leben finden, es ausfüllen, nicht als Füllmittel für die Leben anderer dienen.

Und sie traf auf Menschen, fühlte sich endlich wieder frei und unbeschwert. Sie fühlte sich beflügelt, spürte, wie ihr Herz vor Aufregung Salti schlug. Sie spürte das Kribbeln im Bauch, fühlte sich verliebt in dieses neue Leben. Dass auch ein Mensch in ihren Blick kam, der dieses Gefühl verstärkte, liess das neue Leben noch besser werden.   Sie sah, dass es möglich war, sah, dass ihre Träume lebbar waren, das Leben mehr bereit hatte als sie in ihrem Gefängnis lebte. Sie sah, dass sie ihr Leben selber in die Hand nehmen und wieder fühlen konnte, wieder lebendig sein durfte und Wünsche Erfüllung finden können.

Sie müsste nur noch die letzten Bänder zum alten Leben abschneiden und nach vorne in das neue Leben gehen. Ein Schnitt und sie wäre frei und könnte ganz hineingehen. Nochmals neu anfangen. Sie blickte zurück und sah, was alles nicht gut war. Sie schaute nach vorne, sah, was alles lockte. Und doch: sie schaffte es nicht, die Bänder zu zerschneiden. „Was, wenn alles nur Schein ist und zerbricht? Was, wenn alles eine Illusion?“ Das Schlechte kannte sie, das hatte sie lange gelebt und sich dabei nicht nur schlecht gefühlt. Es war zwar nicht ihr Wunschleben, aber es war die Sicherheit des Bekannten. Sie versuchte eine Zeit lang, beides parallel laufen zu lassen. Doch der Spagat zehrte an allen Sehnen und Nerven. Und so legte sie sich zurück ins Bett, zog die Decke über den Kopf, verabschiedete sich von dem neuen Leben und flüchtete sich in die Dunkelheit der Nacht.

Allein

Da sass sie nun, ein Glas Wein vor sich, eine Schale mit Nüssen daneben. Sie dachte an die letzten 24 Stunden und wie Schritt für Schritt das bisherige Leben sich verabschiedet hatte. Sie sah zurück auf das erste Unverständnis, als klar war, was kommen würde, fühlte den Kloss im Magen wieder, der sich damals ausbreitete, sie in den Boden zu drücken schien, immer schwerer wurde, kaum zu tragen war. Sie spürte noch den trockenen Hals, räusperte sich beim Gedanken daran, wusste aber nichts zu sagen – zu wem auch, da war niemand. Mehr.

Sie blickte auf den Wein, rot und samtig schmiegte er sich an die Wand des Glases, füllte es aus, sie hatte zuviel eingeschenkt. Doch wieso kleinlich sein, sie musste nicht teilen und war nur noch müde. Sie hoffte, der Wein würde sich in ihr genauso anschmiegsam zeigen und ihr den Wunsch, sich selber irgendwo anzuschmiegen, anzulehnen, geborgen zu sein, nehmen.

Ich gehe. Die Worte hallten nach. Ich muss es tun. Wie Messerspitzen trafen sie. Und ich? Hatte sie gefragt. Ein Blick, ein Schulterzucken. Es ist nicht gegen dich. Ich kann nicht anders. Du bist so stark. Sie wollte nicht stark sein. Sie konnte nicht mehr. Immer nur stark sein, es von allen Seiten hören, es immer wieder neu beweisen müssen, weil keine andere Wahl blieb. Sie schickte sich rein, sie würde es eh nicht ändern können. Ab und an begehrte sie wieder auf, suchte nach anderen Wegen. Hoffte auf Lösungen. Stritt, schrie, weinte. Beruhigte sich. Resignierte.

Die Tage gingen dahin. Der Tag kam näher. Ein Zurück gab es nicht. Sie nahm es ihm übel. Sie fühlte sich übergangen, verraten, belogen, betrogen um ein Leben, das sie anders im Blick gehabt hatte. Fallen gelassen, auch wenn beteuert wurde, das sei nicht wahr. Es fühlte sich so an. Immer noch. Immer mehr.

Der Tag war da. Er packte. Er ging. Sie blieb zurück. Tränen hatte sie keine. Ab und an wollte ein Kloss wachsen. Sie verdrängte ihn. Sie musste funktionieren. Gute Miene zum Spiel machen. War es ein böses? War es überhaupt Spiel? Es fühlte sich verdammt ernst an. Sie fühlte sich leer. Wo war das Leben, das mal greifbar schien? Wo die Zukunft, die erhofft? Wozu hatte man all das auf sich genommen? Wieso war man den Weg so weit gegangen, wenn man am Schluss sowieso alleine war?

Das Gefühl wurde stärker, dass man schlussendlich immer alleine ist. Egal, wo man ist, mit wem. Egal, was gesagt und beteuert, was beschworen und in schöne Worte gekleidet wird. Am Schluss sind erst die Nächsten dran und ganz am nächsten ist sich jeder selber. Selbst wenn jeder gerne besser wäre, gerne anders wäre, vielleicht sich sogar in seinem sich selber der Nächste Sein anders sieht, es für sich in bessere Gewänder, schönere Worte, beschwichtigende Argumente kleidet: Am Schluss ist man alleine, weil jeder für sich selber schaut. Weil jeder, der es mal erlebt hat, weiss, dass die anderen es ebenso tun. Und er es drum auch tut. Den Letzten beissen die Wölfe, wer wollte das sein?

Und so sass sie da, nahm das Glas, schaute nochmals versonnen in das tiefe Rot und setzte es an. Der fruchtige Geruch des Rioja drang ihr in die Nase, beim ersten Schluck füllte das samtige Gefühl des Weines den Mund, eine leichte Schärfe zog in die Nase, Wärme glitt den Hals hinab. Was war, das war. Zurück blieb Leere. Sie wird sich irgendwann füllen. Irgendwie. Vielleicht.Allein

Verantwortung fürs eigene Leben

Wir leben in einer Zeit, in der alles möglich ist. Tabus werden gesprengt, Grenzen ebenso. Wir kommen immer höher, weiter, tiefer. Der Mond wird erforscht, der Ozean ebenso. Wir haben Bilder von den Vorgängen im Gehirn und wissen, was im menschlichen Gehirn abgeht, wenn er handelt. Der Schritt dahin, das Gehirn so zu verändern, dass der Mensch handelt, wie er soll (von wem immer auch bestimmt), ist ein kleiner. Der Mensch ist eine Marionette. Wenn nicht schon, dann bald.

Alles ist möglich. Du kannst alles erreichen, wenn du nur dran glaubst. So oder so ähnlich klingen all die markigen Sprüche der Aussteigerbewegungen. Seien es Religionen, Sekten, Philosophien – alle predigen sie den Ausstieg aus dem Hamsterrad des als unsinnig deklarierten Allgemeinen der Gegenwart. Der Mensch schaut hin, verzweifelt ob der oft als unmenschlich wahrgenommenen Realität und denkt sich aufgehoben in neuen Werten. Diese Werte orientieren sich immer an den aktuellen Strömungen und formulieren Gegenwerte. Sie sind nie unabhängig, nie selber stehend. Ihr Fundament ist immer das, was sie bekämpfen. Der Mechanismus ist ein wirklicher: wir sind dagegen. Fällt die Basis des Bekämpften, fällt auch das Dagegen. Es gibt wieder nur Verlierer.

Ist wirklich alles möglich? Kann man einfach dem eigenen Herzen folgen, nur noch tun, was grad beliebt, erreichen, was man gerade im Sinn hat? Klar klingt das verlockend, ich denke aber nach wie vor, dass es unrealistisch ist. Alles im Leben hat seinen Preis. Und das Leben des Einzelnen ist nie unabhängig. Wenn es das ist, ist der Lebende eine arme Sau. Er ist verdammt einsam. Sobald da nur schon ein Mensch ist, besteht eine Abhängigkeit. Die muss nicht mal definiert sein, sie kann ganz einfach in irgendwelchen emotional begründeten, verbal nicht fassbaren Komponenten bestehen. Und schon geht nicht mehr alles. Man muss Rücksicht nehmen. Muss sich einschränken. Sind da mehr als nur ein Mensch, mehrere Menschen, werden die Rücksichten grösser.

Dann kommt da noch die ganze vermaledeite Gesellschaft dazu. Man will sich lossagen. Findet, die sei überbewertet, alter Zopf. Aber man steckt drin. Wuchs drin auf. Hat die Werte verinnerlicht. Das rigorose Nein dazu wäre auch nur von ihr selber genährt, weil man all das, was sie sagt, verneint. Wozu könnte man noch nein sagen, schwiege sie? Und wo wäre man, gäbe es sie nicht? Wo wäre man, gäbe es all die nicht, wegen denen  man Rücksicht nehmen musste, Dinge nicht verwirklichen konnte?

Es ist nie alles möglich. Die Illusion, es wäre so, führt ins Verderben – zumindest in die unendliche Unzufriedenheit. Alles im Leben hat seinen Preis. Wichtig ist, zu wissen, was man wirklich will und was man bereit ist, dafür zu bezahlen. Ist der Preis zu hoch, war der Wunsch zu klein. Ist der Wunsch gross, nimmt man den Preis in Kauf. Allen macht man es nie recht. Die Frage ist: Ist man sich selber so viel wert, dass man alle andern den eigenen Wünschen opfert, wiegen die doch mehr, dass man mal zurücksteht? Schlussendlich liegt die Entscheidung bei einem selber. Die Verantwortung auch. Es ist zu einfach, dem anderen die Schuld für die eigenen Entscheidungen zuzuschieben.

Damit alles seine Ordnung hat

Andächtig hörend sitzen Menschen vor dem Rednerpult, an dem ein Vorleser das von ihm Gelesene intoniert. Vermutlich ist er allen ausser mir bekannt, doch das stört mich nicht. Ich bin nicht seinetwegen hier, ich möchte das Werk hören. Vermutlich ist das nicht immer so. Ich kriegte davon eine Ahnung, als ich mal als Fan und Leser bezeichnet wurde. Mir war diese Bezeichnung fremd, da ich mich nie als solchen bezeichnet hätte, nicht mal bei dem Schriftsteller, mit dem ich 9 Monate verbrachte, als ich über ihn schrieb, als ich alles aufsog, was er je zu Papier gebracht hatte, in sein Leben und Schreiben eintauchte. Ich hätte es als Neugier und Forschungsdrang bezeichnet. Nun war ich plötzlich Fan von Schriftstellern, die ich nie gelesen hatte. So schnell kann es gehen.

Der Raum ist klein. Er ist durch provisorisch wirkende Wände von der Buchhandlung, in der er angesiedelt ist, abgetrennt. Immer wieder dringen Geräusche herein, Lachen von Kunden des Ladens, Gespräche beim Eingang zum Leseraum, Kindergeschrei, vermutlich, weil ein Buch nicht gekauft wurde oder aber das Kind lieber Eis statt Bücher gehabt hätte. Unbeirrt liest der Lesende weiter. Stockt ab und an, da das Vorzulesende Schweizerdeutsch, er selber dessen nicht mächtig, es nicht mal verstehend ist. Es macht ihn sympathisch, gibt der Lesung eine gewisse Würze.

Bei jedem Geräusch von ausserhalb sieht man einige Zuhörer sich entsetzt umdrehen. Wie kann es angehen, dass die Welt da draussen weiter dreht und nicht stumm steht? Was ist so ein Eis in einer Kinderwelt wert gegen Kulturgenuss? Die hochgezogene Augenbraue soll wohl diese Haltung unterstützen. Dass weder das weinende Kind noch dessen Mutter sie sieht, ist unbeachtetes Detail. Dass es wohl selbst im andern Fall wenig genützt hätte – das Kind will nun mal einfach schreien, es hat seine Gründe, die in seiner Welt gross und richtig sind und hat Absichten, die es auf diese Weise zu erreichen denkt, was über allem steht – ebenso.

Ich gönne mir eine Pause, schlendere durch die Stadt. Ich denke an all die geschenkte Zeit, zu Hause ein Babysitter (mein lesefauler Sohn liest das zum Glück nicht, da er sich sonst über das Baby beim Sitter erzürnen würde), hier nichts zu tun. Ich beschliesse, shoppen zu gehen, das tun Frauen schliesslich so. Ich laufe zuerst durch alle Abteilungen der Buchhandlungen (denke dabei an die über 2 Meter zu lesende Bücher zu Hause), danach in die Papeterie (Notizbücher sind immer gut), danach in ein Schuhgeschäft (eigentlich sind meine Turnschuhe noch gut und ich zieh eh nur die an, ausser heute, da trage ich die schwarze Schuhe meines Sohnes, die mal meine waren, die ich ihm dann aber gegeben habe, die nun verlockend bequem aussehen und die er eh nie trägt) und denke dann, dass ich nochmals in die Lesung gehen könnte, shoppen ist nicht meines.

Ich gehe also zurück in die Buchhandlung, frage mich, ob die mich nicht alle gesehen haben, als ich so zögerlich, nicht wissend, was ich eigentlich wollen könnte, sollen müsste (sowas ist mir ja noch nie passiert in einer Buchhandlung) durch die Regale streifte, und bemühe mich, zügig zum Leseraum vorzustossen. Ich gehe auf Zehenspitzen hinein. Setze mich auf den ersten freien Stuhl. Bin froh, es geräuschlos geschafft zu haben. Der Lesende liest.

Plötzlich kauert eine Frau neben mir, legt ihre Hand auf meine Schulter. Ich schaue sie an. Sie flüstert mir zu, das sei eine Lesung, die aufgezeichnet werde. Man dürfe hier keine Geräusche machen. Das sei live. Es gebe Pausen, man solle diese beachten. Ich solle nicht vorher rausgehen. Bitte sagt sie noch. Ich schaue sie in Gedanken an all das Kindergeschrei, Gelächter, Geplauder von vorher (es ist immer noch da) verständnislos an. Sie wiederholt alles, etwas lauter flüsternd, wobei man schon das erste Mal sicher gut hörte auf der Liveaufnahme. Ich lächle freundlich, frage, ob ich wieder gehen soll. Sie meint, nein (klar, die Pause ist noch nicht da, man darf ja nur zwischen den Blöcken gehen. Selbst wenn man mich nicht hören würde, ihr Nein hört man durchaus).

Ich bin ordnungsgemäss nach der Sequenz gegangen. Damit auch alles seine Ordnung hatte.

Zuhause

Ich bin in meinem Leben oft umgezogen, wohnte an vielen Orten, kreuz und quer über die Schweiz verteilt. Oft stiess ich damit auf Unverständnis, hörte was von Nomadentum, von zuviel Wechsel. Die Wechsel des Ortes sind unbestritten, die sind sogar in Zahlen auszudrücken. Und doch kommt mir das Leben nicht wirklich wechselhaft vor. Ich sehe viel Konstanz darin.

Ich gehe nicht gerne in die Ferien. Damit stosse ich oft auf Unverständnis. Neue Orte, neue Kulturen, neue Strukturen. Einfach mal ausbrechen, ein neues Leben auf Zeit haben. Das klingt sicher spannend, ich mag es nicht. Wieso? Ich mag keine Wechsel. Ich bin am liebsten zu Hause.

Wenn man diese beiden Punkte gegenüber stellt, könnte man einen Widerspruch erkennen und das tun auch die meisten. Ich sehe darin viel Logik. Die Auflösung liegt im Wort Zuhause. Was ist Zuhause? Wo ist es? Ich bin an einem Ort aufgewachsen, habe im nächsten studiert, das dritte gefiel mir sehr, ich verband damit viel, zum vierten Ort kam ich aus äusseren Gründen – und so kam ein Ort zum anderen. Und überall war ich zu Hause – und auch nicht.

Es gibt für mich keinen Ort, den ich Zuhause nennen würde, keine Stadt, kein Dorf. Zuhause ist meine Wohnung, ist mein Leben, der Ablauf desselben. Das ist mein geschützter Rahmen, innerhalb dessen ich mich wohl und gut fühle. Ich baue ihn auf, ich gestalte ihn, er ist alles, was ich für mich brauche, für mich will. Er riecht nach mir, er sieht nach mir aus, ist mit allem angefüllt, was mir gehört, mir wichtig ist. Ziehe ich um, nehme ich ihn mit. Gehe ich in die Ferien, muss ich ihn zurück lassen. Ich kann nur gewisse Teile davon mitnehmen und meist ist es das falsche. Das Buch passt nicht zur Leselaune, die Kleider nicht zum Wetter, der Tagesablauf nicht zu meinen Gewohnheiten. Und ich will nur eins: nach Hause. Zurück zu all meinen Dingen, zurück in meinen Alltag, zurück zu meinem Tagesablauf.

Ab und an dachte ich, so ganz normal ist das nicht. Ein fremdes Parfum, von aussen auferlegte Termine, fremde Räume, Ferien gar – ein Graus. Mein Gefühl von Zuhause, von Halt, von Meins sind am Wanken. Ich werde verdrängt und Fremdes nimmt Einzug. Ich mag das einfach nicht. Und ich denke, es ist eigentlich egal, ob das nun normal ist oder nicht, es ist, wie es ist. Jeder hat wohl Seiten, die er nicht mag an sich, Seiten, an denen er nagt, die an ihm zehren. Klar kann man versuchen, sich zu ändern, kann versuchen, sich gewissen Forderungen anzupassen. Trotzdem sollte man nie ignorieren, wer man ist, wie man ist und man sollte sich nicht dafür schämen oder sich gar dafür verurteilen.   Schliesslich und endlich gibt es viele andere, einen selber gibt es nur einmal.

Frau P.

Ich habe einen Hund. Wie es sich für Hunde so ziemt, muss der zu geregelten Stunden sein Bein heben können (er ist ein Rüde, sonst würde sie sich hinkauern, was Rüden ab und an auch tun, wenn sie kastriert sind, ich hatte mal so ein Exemplar, welches das Beinhebepinkeln nie lernte, was aber weit von meinem jetzigen Rüden entfernt ist, der von klein auf sein Bein gen Himmel streckte, anfangs beim Hochrecken umpurzelte und auf dem Rücken landete, was erneute Beinhochstreckpinkelversuche nicht vereitelt hat).

Wir leben hier in der Grossstadt (für die Schweiz ist Zürich gross, im internationalen Vergleich wäre es ein Dorf, was es von der Mentalität her auch hier ist, auch wenn gewisse die Nase in die Luft streckende Exemplare der Gattung Mensch das gerne anders darstellen würden), so dass niemand niemanden kennt (aber man weiss doch alles über die andern, weiss, welche Pyjamas sie tragen, weiss, wann sie ihre Hunde ausführen, dass ihr Freund jedes Wochenende kommt, sie sich gerade getrennt haben, das Kind endlich gekommen ist und die Frau noch immer kugelt – und es soll mir niemand sagen, das sähe nur ich, weil  mein Schreibtisch so steht, dass ich alles im Blick habe und das im Blick befindliche auch förmlich aufsauge, die andern wären nicht im Bild).

Eines Tages gehe ich also mit besagtem Hund raus, er hebt in seiner mühsam erlernten Manier sein Bein, pinkelt sich dabei nicht mal ins Fell (oft hebt er das Bein so hoch, dass das Pinkeln nur über sein eigenes Fell runter passieren kann – Gravitationskraft lässt grüssen) und wir machen uns wieder auf den Heimweg. Schon von weitem sehe ich eine ältere Dame, sie hat etwas Distinguiertes an sich (das Wort distinguiert passt so schön zu ihr, ich hätte ja herausgeputzt gewählt), goldene Ketten, toupierte Haare. Sie sieht meinen Hund, ein Lächeln zeigt sich auf ihrem Gesicht.

Kaum ist sie in greifbarer Nähe (damit ist die Distanz zwischen ihren Armen und meinem Hund gemeint) bückt sie sich nieder, krault den vor Freude sich fast in einen Salto werfenden Hund, spricht mit ihm, ich sehe nur noch den gebeugten Rücken und die von hinten toupierten Haare, warte geduldig, dass sie sich wieder aufrichtet. Das tut sie in der Tat irgendwann, schaut mich an, entschuldigt sich, findet, Tiere seien aber auch zu toll, vor allem, wenn man Menschen kennt (das denke ich auch ab und an, frage mich dann aber, ob ich das so sagen kann und ob es nicht zu abgedroschen und pessimistisch klingt) und stellt sich als Frau P. vor (ich schreibe den Namen aus Personenschutzgründen nun nicht aus, mir ist er natürlich bekannt, da besagte Dame im Haus neben mir wohnt, was nicht heisst, dass ich den Namen daher kenne, aber sie hat ihn mir ja genannt).

Fortan sehe ich Frau P. öfters, stets begrüsst sie erst meinen Hund, den sie seit dem ersten Treffen „Schätzeli“ nennt (was umso verwunderlicher ist, als sie Deutsche ist und –li eine typische Schweizerendung), danach mich. Ich trage es ihr nicht nach, zumal ich meinen Hund selber als unwiderstehlich und zuckersüss empfinde und ich es des weiteren einfach nur toll finde, in dieser so anonymen Grossstadt nun Frau P. zu kennen, die sich spontan als Hundesitterin angeboten hat und die bei jedem Treffen ein Lächeln auf mein Gesicht zaubert.

Das eigene Leben leben

So, es reicht. Ich habe mich immer redlich bemüht, lieb und nett zu sein, es allen recht zu machen. Ich habe Kohlen aus dem Feuer geholt, den Kopf hingehalten, Dinge gerade gerückt, die andere verbockt haben und am Schluss selber eins auf den Deckel gekriegt. Ich stand schon als Kind brav beim Examen, um dem Vater keinen Kritikpunkt zu liefern, wurde dann dafür gescholten, dass ich neben dem stand, der doof tat. Irgendwas ist immer, irgendwas stösst an. Allen macht man es nie recht.

Wieso will man eigentlich auf Gedeih und Verderb gefallen? Irgendwann hat man mal gelernt, dass man nur gut genug ist, wenn man das tut, was von einem erwartet wird. Die Problematik an dem Unterfangen ist nur, dass man

  1. nie genau weiss, was erwartet wird, das unterliegt der eigenen Findungsgabe, es erraten,
  2. nie weiss, wie der andere interpretiert, was man tut, das unterliegt, seiner Wahrnehmung,
  3. alles oft ganz anders kommt, als man sich das ausmalt.

Das Resultat beim Gefallenwollen sind meist Frust, Trauer, Wut – zumindest nichts Gutes und das bei allen betroffenen Seiten. Und trotzdem macht man weiter. Man denkt, dass es irgendwann gelingen muss, man sich nur nicht richtig angestellt, sich nicht genug bemüht hat. Und läuft immer wieder ins selbe Aus.

Wozu eigentlich? Hätte ich damals in der Schule mit dem Nachbarsbub die Sau rausgelassen, hätte ich wenigstens Spass gehabt. So wurde ich für etwas getadelt, wofür ich nichts konnte und hatte noch das ständige Gefühl, was zu verpassen.

Wieso soll ich den netten Mann von nebenan nicht anflirten, wenn er eine Frau hat? Ist er treu, ist es ein Spiel, ist er’s nicht, kriegte ihn sonst die Dritte, die sich traut, was ich aus sogenannt moralischen Rücksichtnahmen unterlasse. Wieso soll ich mein Glas Wein nicht trinken und das zweite noch dazu? Spiesser nennen es ungesund, ich habe Spass. Und wer von uns zuerst die Kurve kratzt, das zu entscheiden liegt eh nicht wirklich in unserer Hand – und auch sonst bei keinem, der uns nicht gerade mutwillig umbringt. Das Leben hat seine ungeschriebenen Gesetze, die menschlichen Versuche, denen auf religiösem, wissenschaftlichem oder esoterischem Wege beizukommen, sind eher der Sinn suchenden Verzweiflung denn dem Glauben an Erfolg gewidmet.

Ich denke an all die Menschen, die frisch fröhlich durchs Leben gehen, sich nehmen, was sie wollen, lügen, betrügen, opportunieren, wenn es ihnen in den Kram passt. Ich denke, was für eine Freude im Leben sie haben müssen, können sie tun und lassen, wie ihnen beliebt, wie es ihnen nützt, ohne Rücksicht auf Verlust. Frei nach dem Motto „Mir gehört die Welt und ich nehme sie mir“. Sollten sie je vom hohen Ross fallen, haben sie den Ritt bis dahin genossen, bleiben sie im Sattel, überspringen sie sämtliche Hürden.

Kürzlich sah ich einen Vortrag eines Neurowissenschaftlers und Psychologen. Er erzählte von einem Experiment, in welchem aufgezeigt wurde, dass kleine Babies zu altruistischem Verhalten neigen (sie neigen nicht nur, sie sitzen voll und ganz drin in dem Altruistentopf), erst das Wahrnehmen der Aussenwelt, die Adaption von Vorbildern dazu führe, egoistische Tendenzen auszubilden, sie sich anzueignen. So gesehen wäre jeder Altruist, der auf puren Egoismus verzichtet, schlicht lernresistent. Er hat es verpasst, sich von der Aussenwelt die überlebensnotwendigen egoistischen Tendenzen abzuschauen, die es später erleichtern, über Leichen zu gehen.

Was also tun? Pflicht oder Kür? Der Wunsch nach der Emanzipation vom Urteil von aussen, die Sehnsucht nach der eigenen Grösse, das zu tun, was gerade beliebt, ist gross. Einfach mal die Sau rauslassen, einfach mal den eigenen Weg gehen, fernab von allen Konventionen, Zwängen, Erwartungen. Im Wissen, immer noch geliebt zu sein, akzeptiert zu sein, wenn man ist, wie man ist und sein will. Einfach mal da stehen und wissen, man ist gut, wie man ist, und wer das nicht sieht, kann gehen. Man selber bleibt. Genau so. Der Wunsch bleibt, er fühlt sich gut an. Und doch hat er Grenzen. Sie sind da, wo andere leiden. Wirklich leiden. Nicht weil ihre überzogenen Erwartungen, die nur eigenem Egoismus entsprangen, verletzt werden, sondern weil man ohne Rücksicht auf wirkliche Verluste in ihre Welt eindrang, diese verletzte.

Also doch bleiben, was man zögerlich ist, der ständige Versuch, zu gefallen? Bei Weitem nicht. Augen auf und hinschauen lautet die Devise. Wer bin ich und wo will ich hin? Wieso soll das jemand anders für mich entscheiden? Es ist mein Leben, ich habe nur das eine. Andere geben Tipps und behaupten, alles besser zu wissen, leben lassen sie es doch mich. Wieso nicht gleich das tun, was ich will, wenn ich es sowieso selber tun muss? Dabei aber nie vergessen, dass jeder Mensch ein Recht auf sein Glück hat und mein Weg nicht zwangsläufig durch das Gebiet des andern gehen muss. Glücklich sein, weil andere leiden kann man nur, wenn man die Augen verschliesst vor dem wirklichen Leben. Ich muss mein Leben nicht nach den Erwartungen anderer richten, kann aber auch nicht erwarten, dass sie mein Leben durch ihr Leid mittragen. Würde jeder so denken, entstände ein Miteinander von selbstbestimmten, das eigene Ich lebenden Menschen.

Friede? Mit sich und den anderen? Alles blosses Hirngespinst und Utopie? Nachtgedanken einer heillosen Idealistin?

8. April – Holocaust-Gedenktag

Fast 70 Jahre sind vergangen seit der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. Traurige Opferbilanz dieses Krieges waren geschätzte sechs Millionen Juden, Sinti, Roma und alle, die dem nationalsozialistischen System nicht genehm oder wohlgesinnt waren. Neben dieser immensen Zahl gibt es eine grosse Zahl von Mitbetroffenen, von Überlebenden, die Zeit ihres Lebens gezeichnet und geprägt sind durch diese Ereignisse.

Immer wieder werden Rufe nach einem Schlussstrich laut. Es müsse auch mal gut sein, man solle wieder nach vorne schauen. Man wolle nichts mehr von Schuld und Wiedergutmachung hören, die Last der Vergangenheit ablegen. Begreiflich, denn sie drückt – auf allen Seiten. Und doch kann man sie nicht einfach abstreifen wie eine abgestorbene Haut. Sie ist da und sie hat ihre Äste bis in die heutige Zeit ausgestreckt, wirkt noch immer nach. Noch immer gibt es Überlebende, die Zeugen dieses historischen Unrechts waren. Noch immer gibt es Menschen, in denen die Erinnerung daran nachwirkt. Und wenn sie alle gestorben sind, lebt die Geschichte in ihren Nachkommen weiter. Eine Vergangenheit, die nie vergeht, nie vergehen soll und darf.

Ein Unrecht, das so gross war wie die systematische Vernichtung von als unwerte Menschen Betrachteten darf nicht einfach vergessen werden. Nicht nur hat der Zweite Weltkrieg mit seinen Todesmaschinerien eine Grössenordnung und Systematik angenommen, die selten ist, er hat durch seine Grössenordnung auch innerhalb Europas, sogar darüber hinaus, neue Weichen gesetzt. Völkermord wurde definiert (vor kam er schon früher, man denke an Armenien), Menschenrechte formuliert und verabschiedet, Konventionen ins Leben gerufen. Die nationalen Gesetze wurden um Grundrechte erweitert, die dabei helfen sollten, Menschengruppen nicht mehr solchen vereinheitlichenden Verurteilungen und Unterdrückungen auszusetzen.

Perfekt ist die Welt nicht geworden, vieles wurde auch wieder vergessen. Manche möchten heute lieber schweigen, manche nicht mehr dran denken, was mal war. Man hat genug gebüsst, man hat genug gedacht. Einige streiten sogar ab, dass überhaupt mal was war, sie leugnen schlicht die Vergangenheit. In meinen Augen ein Schritt zurück und die Weiterführung der Taten damals. Wenn wir nicht mehr erinnern, was war, töten wir die Menschen ein zweites Mal, denn wenn sie auch in der Erinnerung ausgelöscht sind, haben diese quasi nie existiert. Ein Verschweigen dessen, was damals war kommt einem erneuten Unrecht gleich. Man nimmt einem Volk seine Identität, die zu einem grossen Teil auch aus diesem historischen Unrecht besteht. Geschichte ist immer Basis der personalen sowie der kollektiven Identität. Die Geschichte zu verschweigen oder gar zu verleugnen greift genau diese Identität und damit den Kern des Menschen und dessen Zugehörigkeit an.

Ein Tag, sich all dessen wieder bewusst zu werden. Und es im Bewusstsein zu behalten.

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Vgl. dazu auch Moralische und rechtliche Folgen von Genozidleugnung

 

Wände

Ab und an verreisen meine Gedanken einfach. Ferien machen sie dabei nie, im Gegenteil, sie laufen auf Hochtouren. Sie drehen sich um die Themen, die bewegen, laufen dabei nie rund, sondern ecken an. Und immer, wenn sie wieder stocken, drehen sie noch mehr, weil sie diesen Stau überwinden wollen, sich nicht damit abfinden können, dass es nicht weiter geht. Und man sitzt drin im Strudel und sieht ihn drehen und fragt sich wo er endet. Und ab und an sieht man das Ende, das man haben will und sieht den Weg nicht und sieht das Drehen und fragt sich, wie es aufhören könnte und einfach auf das Ziel zugehen, das richtig wäre.

Doch die Gedanken sind frei und will man sie packen, entziehen sie sich, wie Fische mit glitschigen Schuppen, wie Schmetterlinge im grossmaschigen Netz. Man weiss, man kann sie nicht aufhalten und alles Beschwichtigen  hilft nicht. Alles Ablenken wird nicht zur Erleichterung, sondern zur Qual, weil man den Weg des Drehens als noch länger sieht durch die Unterbrechung. So schwer das Drehen fällt, so wichtig ist es, weil man das Ziel will, das so fern scheint und doch so präsent. Und man denkt sich die  verschiedenen Möglichkeiten und sieht sie klar, so klar, dass man sie nur noch ergreifen müsste und doch kann man es nicht, weil man gegen unsichtbare Wände prallt.

Die Wände sind alt, sie sind errichtet durch die Zeit. Die Zeit der Entbehrungen, die Zeit der Entfremdungen, die Zeit der Abwertungen durch einen selber, durch die anderen, durch niemanden als Gefühle, die als nicht genügend werteten, als nicht ausreichend, nicht fähig, unfähig. Es sind Wände, die den Fluss der Gedanken stoppen und den Weg zum Ziel versperren. Wände, die so hoch sind, dass sie unüberwindbar scheinen und doch will man nicht aufgeben, weil man weiss, dass auf der anderen Seite eigentlich das wäre, was man will, was man muss, ohne das man nicht ist, was man sein will, sein kann, ist. Wäre wenn. Man sie überwände. Die Wände.

Rollenspiele

Wer bin ich, was macht mich aus? Diese Frage ist wohl eine der zentralen im Leben. Oft kann man sie nicht abschliessend beantworten und beruft sich auf einzelne Rollen, die man spielt. Man ist Mutter, Hausfrau, Leseratte, Frau, Buchhalterin, Polizistin, heisst Corinne, vielleicht auch Chantal. Vielleicht ist man auch Mann und heisst Paul, ist Versicherungsvertreter, homosexuell oder Buddhist. Oder alles miteinander? Und was davon ist nun das Ich? Was zählt in all dem, worauf liegt der Schwerpunkt?

 

Wir alle entwerfen für uns selber ein Bild von uns, wie wir uns sehen und noch eines, wie wir gerne wären. Problematisch wird es, wenn die beiden Bilder weit auseinander klaffen und ebenso schwierig ist es, wenn eine der von uns als zentral erachteten Rollen wegfällt. Wenn die Arbeit aufhört, die Kinder ausfliegen – die Welt gerät ins Schwanken und man hat sich selber verloren mit dem Wegfall der Rolle. Was bleibt, wenn das Zentrale weicht?

 

Das nächste Bild, das wir zeichnen, ist das nach aussen. Wir stellen uns dar, geben gewisse Dinge preis, andere eher nicht. Wir stellen uns vor und zeigen uns dann von „unserer guten Seite“ – oder gerade umgekehrt, wenn wir im Sturm-und-Drang-Alter sind voller Rebellion und Aufstand. In irgendeiner Form positionieren wir uns zur Welt und machen so oder so immer dasselbe: Wir reagieren auf das Aussen in einer Form, die wir diesem Aussen angemessen erachten.

 

Im Zeitalter des Internets sind diese eingenommenen Rollen noch viel relevanter geworden. Man tummelt sich auf Plattformen und wird überall gefragt, wie man heisst, was man arbeitet, was man mal gearbeitet hat, ob man eine Beziehung hat und sogar, ob die schwierig ist. Man presst sich in Rollen, um dadurch in die dazugehörige Schublade zu passen. Wenn das eigene Bild nicht nach aussen soll, nimmt man sich ein Pseudonym und schreibt nicht mehr als Charlotte, sondern als Susanne. Von aussen erscheint ein neuer Mensch. Es lebe die Welt des Rollenspiels. Was echt ist, was nicht, die Grenzen sind schwimmend. Worauf kann man noch vertrauen? Sind wirklich alles nur noch gespielte Rollen? Schöne neue Welt.

 

Rollen geben Halt und bieten wohl auch Schutz. Indem ich mich zu einer Rolle bekenne, mich mit ihr identifiziere und mich nach aussen in ihr zeige, gebe ich den anderen etwas in die Hand, woran sie mich messen können. Ich weiss dadurch, was sie von mir erwarten, weil sie sich auf diese eine Rolle stürzen und mich als diese nehmen. Oft schmerzt das mit der Zeit, weil man sich nur einseitig wahrgenommen sieht und merkt, wie viel von einem selber dabei auf der Strecke bleibt. Auch Dinge, die einem wichtig wären, die aber nicht mehr zum Tragen kommen. Es kann auch schwierig sein, wenn man sich der eigenen Rolle dann und wann nicht gewachsen fühlt oder fürchtet, man könnte sie irgendwann nicht mehr ausfüllen. Was dann? Wer wird einen dann noch wahrnehmen? Das war doch das einzige, was man nach aussen kundtat, so wurde man gesehen. Was also, wenn die Schublade nicht mehr passt, man herausfällt? So gesehen können Rollen auch Druck erzeugen, sie können förmlich erdrücken. Schlussendlich ist jede Schublade auch nur eine bessere Holzkiste und man schafft sich damit quasi selber den Sarg, der irgendwann im selbst geschaufelten Grab versinkt.

 

Wer also bin ich? Sicher immer mehr als meine Teile und sicher etwas anderes als ein durch wenige Stichworte oder Rollen beschriebenes Bild. So lange ich mich hinter einer Rolle verstecke, mich mit Namen oder Berufsbezeichnungen verkaufe oder gar profiliere, muss ich mich nicht wundern, wenn keiner mich wirklich sieht. Das mag ab und an toll sein, oft gar eine Ahnung von Versteckspiel, Schauspielerei, vielleicht sogar Überlegenheit vermitteln, ob das tief drin wirklich ausfüllt, bleibt dahin gestellt.