Die tollsten Menschen sind immer etwas verrückt

Die tollsten Menschen sind immer etwas verrückt

Diesen Satz las ich gestern und fragte mich – wie immer, wenn ich so etwas lese, ich kann es ja nie einfach nur lesen und gut ist, nein, die Gedanken gehen weiter -, ob das stimmt. Und ich kam, wie so oft, zum Schluss, dass diese Frage der Klärung bedürfe, da man dabei zuerst definieren müsse, was verrückt bedeutet.

Als verrückt gelten Menschen dann, wenn sie der geltenden Norm oder der Norm der sie so bewertenden Menschen nicht entsprechen. Sie sind dann im wahrsten Sinne ver – rückt, von der Norm abgerückt, in eine Nebenstrasse abgebogen, die nicht zulässig ist – zumindest nicht als zulässig gesehen wird von denen, die werten. Je mehr Macht nun die Wertenden haben oder je grösser ihre uniforme Masse ist (was oft gleichbedeutend ist), desto schwieriger wird der Stand für den als verrückt erkannten Menschen. Er wird sich fortan ihren Blicken, ihrem Lachen, ihrer Verurteilung auf allen Ebenen ausgeliefert sehen. Im geringsten Fall ist das ein leises oder auch lauteres Belächeln, kann aber hin zu einem Verburteilen des ganzen Menschen führen oder gar zur Exklusion aus der Gesellschaft.

In früheren Zeiten wurden die weiblichen Exemplare verbrannt. Was nicht sein darf, darf nicht sein, weg damit und das radikal. Im Fegefeuer sollte dann wohl die Abartigkeit gleich mitverbrannt werden, nicht dass sie noch in Geisterform auf andere, am wenigsten bitte auf die ach so gesunde Gesellschaft übergreife. Danach wurde man menschlicher und steckte sie nur noch in Heime und Anstalten. Bis weit ins 20. Jahrhundert wurden sie verwahrt, von der Gesellschaft ferngehalten (oder diese von ihnen befreit, wie man den Blickwinkel auch richten wollte), in ganz schweren Fällen kastriert, damit auch ja keine Weiterverbreitung solchen Irrsinns passieren konnte.

Auch heute noch, wo man sich gar aufgeklärt und tolerant schimpft, sind die Normen starr. Es gibt Lebenswege, die als normal gelten und solche, die einfach verrückt sind, weil sie sich nicht in die ausgetretenen Pfade pressen lassen. Noch immer wird man beäugt, belächelt und argwöhnisch durchgekaut in den Kreisen der Normalen. „Wie kann der nur? Was denkt die sich? Hast du gesehen?“ Schon bei kleinen Kindern fängt es an. Sie müssen in ihrer Entwicklung in eine zeitliche Kurve passen, in der Grösse in eine Perzentile und im Gewicht proportional dazu. Tun sie das nicht, ist man mit einer Armee von Therapiemöglichkeiten (und oft –pflichten) bei Fuss, auch hier kann nicht sein, was nicht sein darf. Zwar sehe ich die Sorge um die Gesundheit unserer Kleinen ein, gewisse Entwicklungen sind ungesund und bedürfen der Hilfe, welche gut und wichtig ist, allerdings sollte man darüber den gesunden Menschenverstand nicht abschalten und im Auge behalten, dass Menschen durchaus langsamer und schneller sein können, dass nicht alle alles können, dass nicht jedes Sprachgenie zugleich auch Feinmechaniker sein muss oder kann und dabei Tonleitern über 4 Oktaven singt.

Eigene Wege zu gehen braucht Mut. Ab und an ist es auch der einzige Weg, den ein gewisser Mensch gehen kann, weil jeder andere für ihn noch schwieriger (oder unmöglich) wäre. Dann ist es doppelt schwierig, weil selbst ohne Mut keine Alternative bleibt.

Sind nun diese Menschen toll? Auch hier kommt es drauf an, was wir unter toll verstehen. Ein Mensch, der zu sich und seinem Weg steht, ihn geht, den Unbill der anderen auf sich nimmt und an sich festhält, ist toll (dass dieser eigene Weg niemandem schaden sollte und sich in gewissen gesetzlichen Normen bewegen sei vorausgesetzt, denn wenn ein Mörder sich plötzlich als Künstler und seine Toten als Werke sieht, wäre dieser Weg durchaus zu stoppen – früher hätte ich solche Einschübe weggelassen, heute nehme ich sie rein, weil sich immer findige Köpfe finden, die dann mit solchen Dingen kommen, die man offensichtlich nicht gemeint haben kann, wie ich denke). Ob er ein besserer Mensch ist, weiss ich nicht. Es gibt auch gute und tolle Menschen unter denen, die den Weg gehen, der als normal erachtet wird. Vielleicht ist es genau ihr Weg und er entspricht nunmal dem normalen oder aber sie fühlen sich mit ihm so wohl, dass dieses Wohlgefühl ausreicht, den Weg zu gehen, da der andere Weg sich schlechter anfühlte, auch wenn er besser entspräche. Dass etwas zur Norm wird, resultiert meist (im gesündesten Falle) daraus, dass es der Mehrheit entspricht.

Wenn die Mehrheit dasselbe will, tut und kann dann geht man in einer statistischen Welt davon aus, dass dies der Normalfall ist, das andere die Abweichung. Darin liegt eine gewisse Logik. Ich denke aber, dass genau hier der Knackpunkt ist. So lange wir in Statistiken über normal und abnormal (verrückt) entscheiden, so lange werden wir Menschen nicht als Menschen wahrnehmen sondern als Statistiken füllende Punkte, aus denen am Schluss ein Diagramm entsteht, aus der wir unsere Welt abzulesen glauben. Schlussendlich sind es aber alles Menschen mit ihren Eigenarten, Wesen und Bedürfnissen. Und jeder soll sich seinen Weg selber suchen dürfen und ihn gehen, ohne dabei belächelt zu werden – weder die Verrückten von den Normalen (ich bleibe der Einfachheit halber bei diesem niemand treffenden Ausdruck) oder aber die Normalen von den Verrückten, die sich als mutiger, besser, weil anders sehen.

Wenn die Menschen einsehen, dass es zwar verbreitetere und weniger verbreitete Lebensweisen gibt, diese aber alle Menschen entsprechen, die sie leben, dann kommen wir vielleicht dahin zu sehen, dass jeder auf seine Weise toll ist. Ist das zu idealistisch?

13 Comments

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  1. Ist es wohl. Zum Menschen gehört auch sich sozialisiert Abzugrenzen. Eine Gruppe zu bilden in derer man sich wohl fühlen kann. Und wenn man auch noch den Beziehungshorizont hinzu nimmt, dann wird die Sache noch komplizierter.
    Vom Standpunkt meines Verrückt sein sehe ich in der Welt der Normalen und „Funktionierenden“ mehr verrücktes, abnormales und absurdes als in der Welt des so genannt abnormalen.
    Sehe ich das zu einfach?

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  2. Was würde sein, wenn wir sähen, dass jeder Mensch auf seine Weise toll ist?
    Würden sich dadurch unsere Kontakte zu den Menschen verändern? Wen wir belächeln und wen wir laut anzählen, der verhält sich auf seine Weise so, dass wir ihn nicht verstehen, erreichen, begreifen, vielleicht fürchten sich manche Menschen gar vor der Andersartigkeit. Jeder Mensch hat eine eigene Wertevorstellung in sich, die er für seine sozialen Kontakte unbedingt braucht. Wer nicht dahinein passt, der ist vielleicht gefährlich für ihn, da er zumindest diese mühselig erarbeitete oder aufoktruierte Wertevorstellung in Frage stellen könnte, und damit ihn. Das ist aber für die mehrheitlich nicht sehr in sich gefestigten Menschen bedrohlich.

    Ich meine, jeder solle -natürlich in den von Dir erwähnten, selbstverständlichen Grenzen- seine eigene Besonderheit in sich finden und leben dürfen, doch das begänne erst mal damit, dass ein jeder, der schon eine Ahnung davon erhalten hat, diese auch mal zulässt und sich nicht im Mainstream immer schön dicht unter der Wasseroberfläche hält, damit er ja nicht entdeckt wird! Da ist die Authentizität erst mal gefragt, oder? Die ist sowas von selten. Kämen dann auch nicht die Menschen besser mit dieser Art und Weise zurecht, wenn sie eine Konsistenz spüren könnten, die wahrhaftig zu diesem Menschen passt?

    LG

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    • ich denke, das ist das Wichtige, das Tolle in sich zu erkennen und sich dann danach zu verhalten. Authentisch und ehrlich. Oft haben wir ja auch Angst, unser Gesicht zu verlieren, anzuecken. Sehen uns selber als nicht so toll und denken, besser sein zu müssen. Authentizität ist gefragt und wichtig.

      LG

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  3. Mir macht es zunehmend Spaß, den Ruhestand dazu genutzt zu haben, zunehmend „verrückt“ zu werden. Ich schaue gelassen zu, wie die einen es als Provokation empfinden und die anderen es kopfschüttelnd wahrnehmen. Gelegentlich stoße ich auf Zustimmung.

    Meine frühere enge Kollegin und Sekretärin sagte mir einmal: „Jetzt bist du endlich da angekommen, wo du immer schon sein solltest – bei dir!“

    Treffender als sie kann man es wohl nicht ausdrücken.

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  4. Sehr schöne Ansichten. Ich bin nämlich auch nicht normal 🙂 Ich denke, dass viele Menschen Angst vor dem Anderssein haben und in der Normalität eine gewisse Beständigkeit suchen, etwas das ihnen Halt sowie Sicherheit gibt. Die Mehrheit entscheidet dann, was richtig und was falsch ist. Leider!

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    • Ja, das ist leider so, sie entscheidet und man hat die Wahl, sich dem entgegen zu stellen oder eben nicht. Und manchmal fehlt der Mut und die Kraft, sich dagegen zu stellen. Leider.

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  5. Ehrlich gesagt finde ich nicht, dass die Mehrheit entscheidet, was für mich richtig oder falsch ist! Sondern ganz alleine ich, so lange ich noch alle meine Sinne beieinander habe. Und da ist mir die Mehrheit ehrlich gesagt schnuppe, auch wenn ich dann manchmal alleine da stehe.

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    • Die mehrheit kann nicht entscheiden, was für DICH richtig ist, ja. Sie entscheidet, was sie für die Gesellschaft als richtig erachtet, was in dieser Gesellschaft als Norm gilt. Schlussendlich entscheidest du, ob du dich dem beugst, es dir entspricht, oder ob dein Weg ein anderer ist. Die Problematik liegt in der Frage, wie frei wir wirklich sind in unseren Entscheidungen. Oft sind wir geprägt von vielen Einflüssen, Ängsten und auch gehemmt durch mangelnde Kraft oder Mut. Und dann ist die Entscheidung vielleicht auch diesen geschuldet und nicht ganz frei. Und oft sieht man dann auch keine Möglichkeit, sich gegen die Norm zu stellen.

      Schön, wenn du für dich deinen Weg gefunden hast, der unabhängig von der Mehrheit ist und er für dich stimmt. Das wünscht sich wohl jeder und so sollte es auch eigentlich für jeden möglich sein.

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      • Liebe Cosima, wie alle anderen Menschen habe ich natürlich auch eine Vergangenheit, die mich geprägt hat, und eine Gegenwart mit mehr oder weniger sinnvollen aber wichtigen gesellschaftlichen Regeln für das tägliche Miteinanderumgehen. Wäre auch schlimm, wenn es nicht so wäre. Aber mir gehts ähnlich wie Gerhard, dass ich mich mit zunehmendem Alter von Konventionen zunehmend freimache, was ganz sicher auch damit zu tun hat, dass ich keine beruflichen Kämpfe mehr durchstehen muss und nicht unter existenzieller Not leide. Deswegen kann mir auch ziemlich viel egal sein und ich mein Leben größtenteils selbst bestimmen – ein wahrer Luxus in unseren Breiten. Im luftleeren Raum lebt keine/r von uns. So habe ich das gemeint. (Meine Eltern waren noch bestimmt von „Was denken denn dann die Leute?“ Ich fand das immer furchtbar einengend, es bestimmte aber trotzdem weite Teile meines Lebens und das zu lange.) Und ich „gönne“ mir das nun als meine persönliche Freiheit, weil ich viel erlitten und überlebt habe, sozusagen als Lohn dessen. Das macht schon ein Stück weit unabhängig. Liebe Grüße von Doris

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