Verantwortung fürs eigene Leben

Wir leben in einer Zeit, in der alles möglich ist. Tabus werden gesprengt, Grenzen ebenso. Wir kommen immer höher, weiter, tiefer. Der Mond wird erforscht, der Ozean ebenso. Wir haben Bilder von den Vorgängen im Gehirn und wissen, was im menschlichen Gehirn abgeht, wenn er handelt. Der Schritt dahin, das Gehirn so zu verändern, dass der Mensch handelt, wie er soll (von wem immer auch bestimmt), ist ein kleiner. Der Mensch ist eine Marionette. Wenn nicht schon, dann bald.

Alles ist möglich. Du kannst alles erreichen, wenn du nur dran glaubst. So oder so ähnlich klingen all die markigen Sprüche der Aussteigerbewegungen. Seien es Religionen, Sekten, Philosophien – alle predigen sie den Ausstieg aus dem Hamsterrad des als unsinnig deklarierten Allgemeinen der Gegenwart. Der Mensch schaut hin, verzweifelt ob der oft als unmenschlich wahrgenommenen Realität und denkt sich aufgehoben in neuen Werten. Diese Werte orientieren sich immer an den aktuellen Strömungen und formulieren Gegenwerte. Sie sind nie unabhängig, nie selber stehend. Ihr Fundament ist immer das, was sie bekämpfen. Der Mechanismus ist ein wirklicher: wir sind dagegen. Fällt die Basis des Bekämpften, fällt auch das Dagegen. Es gibt wieder nur Verlierer.

Ist wirklich alles möglich? Kann man einfach dem eigenen Herzen folgen, nur noch tun, was grad beliebt, erreichen, was man gerade im Sinn hat? Klar klingt das verlockend, ich denke aber nach wie vor, dass es unrealistisch ist. Alles im Leben hat seinen Preis. Und das Leben des Einzelnen ist nie unabhängig. Wenn es das ist, ist der Lebende eine arme Sau. Er ist verdammt einsam. Sobald da nur schon ein Mensch ist, besteht eine Abhängigkeit. Die muss nicht mal definiert sein, sie kann ganz einfach in irgendwelchen emotional begründeten, verbal nicht fassbaren Komponenten bestehen. Und schon geht nicht mehr alles. Man muss Rücksicht nehmen. Muss sich einschränken. Sind da mehr als nur ein Mensch, mehrere Menschen, werden die Rücksichten grösser.

Dann kommt da noch die ganze vermaledeite Gesellschaft dazu. Man will sich lossagen. Findet, die sei überbewertet, alter Zopf. Aber man steckt drin. Wuchs drin auf. Hat die Werte verinnerlicht. Das rigorose Nein dazu wäre auch nur von ihr selber genährt, weil man all das, was sie sagt, verneint. Wozu könnte man noch nein sagen, schwiege sie? Und wo wäre man, gäbe es sie nicht? Wo wäre man, gäbe es all die nicht, wegen denen  man Rücksicht nehmen musste, Dinge nicht verwirklichen konnte?

Es ist nie alles möglich. Die Illusion, es wäre so, führt ins Verderben – zumindest in die unendliche Unzufriedenheit. Alles im Leben hat seinen Preis. Wichtig ist, zu wissen, was man wirklich will und was man bereit ist, dafür zu bezahlen. Ist der Preis zu hoch, war der Wunsch zu klein. Ist der Wunsch gross, nimmt man den Preis in Kauf. Allen macht man es nie recht. Die Frage ist: Ist man sich selber so viel wert, dass man alle andern den eigenen Wünschen opfert, wiegen die doch mehr, dass man mal zurücksteht? Schlussendlich liegt die Entscheidung bei einem selber. Die Verantwortung auch. Es ist zu einfach, dem anderen die Schuld für die eigenen Entscheidungen zuzuschieben.

2 Comments

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  1. Ein aufrüttelndes Plädoyer für die eigene Verantwortung und ein Hinweis auf die gesellschaftlichen Verflechtungen des Einzelnen in seinem Habitat. Ich meine ebenfalls, dass die Strömungen des Egoismus in ihre Grenzen verwiesen werden sollten. Wenn ich Deine Worte richtig verstanden habe, dann sagst Du, dass immer der Wunsch oder das Verlangen nach bestimmten Gütern oder Zuständen uns als Antrieb für jedwede Handlung dient. Auch meiner Ansicht nach liegt der entscheidende Faktor in der persönlichen Erkenntnis jedes Einzelnen dessen, was im Leben wichtig ist, und vor allem dessen, was im menschlichen Zusammenleben als konsumorientierter überflüssiger Ballast uns nur berauscht und lähmt.
    Danke für Deine anregenden Worte. 🙂

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    • Danke für deinen ausführlichen Kommentar. Ja, ich sehe es wie du. Purer Egoismus führt nicht ins Glück, wir sind keine Einzelkämpfer, die autark und unabhängig existieren können. Das ständige Vernachlässigen der Bedürfnisse anderer wird einen nicht auf lange Sicht glücklich machen. Wichtig ist, zu unterscheiden, was wirklich wichtig ist – für einen selber, für andere, für das Miteinander, in dem jeder sich selber bleiben kann – und wo man sich Dinge auferlegt, die nicht nötig wären – für einen selber, für die anderen und für ein gesundes Miteinander. Wenn man sich selber einschränkt aus selber aufgestellten Handlungsmaximen und Gedanken daran, was andere von einem erwarten könnten oder wie man anderen genügen könnte, dann darf man dieses Verhalten nicht den anderen anlasten. Man selber hat sich so entschieden. Davon zu unterscheiden ist aber das Handeln nach Maximen, die einem fairen und liebevollen Miteinander geschuldet sind – von sich und anderen.

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