11. Mai

„Wenn im Garten ein Baum krank ist, musst du dich um ihn kümmern. Übersieh dabei aber nicht all die gesunden Bäume.“ (Thich Nhat Hanh)

Ist es dir auch schon passiert, dass du einen schönen Tag hattest, dann passierte etwas und du hast dich nur noch darüber geärgert? Der ganze restliche Tag ist plötzlich verblasst, dein ganzes Denken drehte nur noch um dieses eine Erlebnis. Oder du hattest ein Problem und dachtest nur noch in Problemen. Kein fröhlicher Gedanke kam in deinen Kopf, da du damit beschäftigt warst, diesen wegen des Problems zu zerbrechen.

Wir neigen dazu, dem Negativen mehr Raum zu geben als dem Positiven. Das liegt wohl zum Teil daran, dass wir da Handlungsbedarf sehen. Zum anderen sind unsere Emotionen ungleich stärker bei Belastendem und Emotionen ziehen immer die Aufmerksamkeit auf sich. Dabei verpassen wir oft das Schöne, das auch noch da ist. Wir blenden all unsere guten Eigenschaften aus, weil das Problem drückt – dabei könnten gerade die dabei helfen, Lösungen zu finden. Wir vergessen das Schöne des Tages wegen eines unschönen Moments – dabei könnte gerade aus den schönen Momenten Kraft geschöpft werden für die weniger schönen.

Wenn dein Kopf wieder einmal um Negatives kreist, frage dich ganz bewusst: Ist da auch noch Positives? Und ich bin sicher, es findet sich ganz viel.

Lernen als Bedürfnis – mit Haltung zum Gelingen

Gleichheit und Gleichberechtigung sind Themen, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten viel diskutiert wurden und für deren Erreichen (auf verschiedenen Ebenen) grosser Einsatz geleistet wurde. Dies sicher zu recht. Allerdings wurde im Zuge dieser Aktionen aus einem Bestreben, die Menschen als gleiche zu sehen, eine Gleichmacherei. Man verwechselte die Gleichheit des Menschen qua seines Mensch Seins mit einer Ausmerzung jeglicher Unterschiede, mit einer Gleichförmigkeit.

Erich Fromm definierte Gleichheit folgerichtig:

Gleichheit bedeutete, dass jeder von uns die gleiche menschliche Würde besitzt trotz aller bestehenden Unterschiede;*

Sie bedeutet aber nicht, dass wir alle gleich sind im Hinblick auf unsere Anlagen, Eigenschaften, Bedürfnisse und Möglichkeiten. Geht man davon aus, kommt man zum Schluss, dass für jeden Menschen die gleichen Bedingungen geschaffen werden müssen, jeder Mensch denselben Weg einschlagen müsse, da es nur einen richtigen gibt. Das zeigt sich schon in den heutigen Schulsystemen, welche nach dem 7G-Prinzip funktionieren:

Gleichaltrige Schüler, haben beim gleichen Lehrer im gleichen Raum zur gleichen Zeit mit den gleichen Lehrmitteln die gleichen Ziele gleich gut zu erreichen.**

Daraus resultieren ganz viele Kinder, welche mit der Schule nicht klar kommen, welche es nicht schaffen, ihre Fähigkeiten zu entwickeln, welche sogar zu Lernkranken oder Lerninvaliden werden. Viel besser wäre doch, Kinder (und eben auch Erwachsene) in ihrer Individualität wahrzunehmen und auf sie abgestimmte Wege zu entwickeln. In der Schule könnte man von 8V-Unterricht sprechen:

Wir gelangen auf vielfältigen Wegen mit vielfältigen Menschen an vielfältigen Orten zu vielfältigen Zeiten mit vielfältigen Materialien in vielfältigen Schritten und mit vielfältigen Ideen in vielfältigen Rhythmen zu gemeinsamen Zielen.***

Dahinter steht eine Haltung: Menschen sind Menschen und als solche individuell. Zwar haben sie als Menschen gleiche Werte und Rechte und sollen auch die gleichen Möglichkeiten, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und die gleichen Chancen, die auszuleben, erhalten.**** Das Ziel eines jeden Menschen ist wohl, das eigene Leben zu meistern und es als ein gutes Leben zu empfinden. In der Schule haben wir einen Lehrplan mit Kompetenzen, die am Schluss der Schullaufbahn auf jeder Stufe erreicht werden müssen. Das sind die gemeinsamen Ziele. Nur: Die Wege dahin sind individuell, da Individuen sie gehen.

Wenn wir nun wollen, dass alle gleich sind, auf gleiche Weise handeln, dies im gleichen Tempo tun sollen, und so weiter: Dann pressen wir Menschen in Schemen, in die sie schlicht nicht passen. Nur:

Was ist die Alternative?

Und:

Wie soll das umgesetzt werden?

Die erste Reaktion in Schulen ist meist: Das klappt bei uns nicht, das können wir nicht leisten.

Bezogen auf die Philosophische Praxis heisst das, dass es nicht einen Weg gibt, sich selber zu erkennen, die eigenen Probleme und Unsicherheiten zu analysieren und Haltungen, damit umzugehen, zu entwickeln. Jeder Mensch hat andere Fähigkeiten und Stärken, baut auf anderen vorhandenen Ressourcen und Möglichkeiten auf. Es gilt, den einzelnen Menschen sich mit seinen Stärken und Anlagen kennenzulernen und dann gemeinsam einen Weg zu finden, der dem einzelnen Menschen entspricht.

Das geht auch in einem System, konkret in einer Schule. Es bedingt aber eines Umdenkens. Aus einem distanzierten Lehrer-Schüler-Verhältnis heraus funktioniert das nicht. Es bedingt eine Beziehung, ein „In-Beziehung-Treten“, bei welchem sich beide Seiten öffnen und vertrauen. Es funktioniert nicht mit Frontalunterricht, wo einer das Wort hat, die anderen nur zuhören. Es funktioniert dann, wenn neue Wege beschritten werden, Schüler in ihrer Autonomie als Menschen und als Lernende wahrgenommen und unterstützt werden, Lehrer keine Befehlshaber sondern Begleiter sind.

Immer mehr Kinder leiden. Sie entwickeln Ängste, Depressionen, bringen sich gar um. Es gibt Lernverweigerer, Schulverweigerer, so genannte Schulversager. Kinder fallen durch die Netze. Die alten Netze scheinen zu grosse Löcher zu haben. Wir müssen neue knüpfen, um wieder die auffangen zu können, um die es geht: Die Kinder. Sie sind es, die unsere Gesellschaft in die Zukunft führen.

Wie wollen wir diese Zukunft haben?

_______

* Erich Fromm, Der kreative Mensch
** Peter Fratton, Lass mir die Welt, verschule sie nicht
*** Peter Fratton, Lass mir die Welt, verschule sie nicht
**** Es sei hier auf die Gerechtigkeitstheorie Amartya Sens und auch Marthe Nussbaums verwiesen. Sie weiter auszuführen, würde den Rahmen hier sprengen.

10. Mai

„Viele gehen durch die Gassen, und nur wenige schauen zu den Sternen auf.“ (Oscar Wilde)

Wenn wir Probleme haben, neigen wir dazu, nur noch dieses Problem zu sehen. Unsere Gedanken drehen sich, rauben uns oft den Schlaf. Und indem die Welt so geprägt von diesen Problemen ist, erscheint sie uns dunkel, wir fühlen uns wie in einem tiefen Tal oder einer engen dunklen Gasse – im schlimmsten Fall gar Sackgasse.

Doch: Über jedem noch so tiefen Tal, über jeder noch so dunklen Gasse hängt ein Himmel. Tagsüber scheint die Sonne, nachts funkeln Sterne. Es gibt also Licht im Dunkel, wir müssen es nur sehen.

Wenn wieder einmal alles dunkel erscheint, schau, wohin du schaust. Vielleicht ändert nur schon eine Änderung der Blickrichtung deinen Eindruck.

Abschied

Heute vor einem Jahr ging ich ins Bett und ich wusste: Morgen wird nichts mehr sein, wie es mal war. Zwar war es lange schon nicht mehr genau so, wie es war – und vielleicht war es nie so, wie ich im Moment dachte, dass es gewesen wäre, aber: In dem Moment des Ins-Bett-Gehens war klar: In dieser Nacht passiert etwas, von dem ich immer dachte, dass ich nach diesem Einschnitt nicht mehr weiterleben könnte. Wollte. Möchte, Könnte.

In dieser Nacht würde mein Vater sterben.

Als im August 2017 die Diagnose Lungenkrebs feststand – mit allem drum rum – war mir sofort klar: Da kommen wir nicht mehr heil raus. Wie viel Zeit uns noch bleiben würde, stand offen, die Hoffnung war natürlich da, dass es viel wäre und sie – vor allem – für meinen Vater schön sei. Anfangs sah es gut aus. Ich besuchte ihn täglich, nutzte die 5 Stunden Reise zum Malen, Schreiben, Denken. Wir lachten zusammen, schwiegen zusammen, plauderten, hingen Erinnerungen nach. Es war wie immer, nur dass wir uns viel öfter sahen, früher telefonierten wir mehr, feierten die Treffen aber entsprechend mit einem guten Champagner und ebensolchem Rotwein. Wir wusste unser Zusammensein zu geniessen. Er feierte es offensichtlich und mir war es ein Fest.

Das Feiern und Festen fiel weg nach der Diagnose. Er vertrug keinen Alkohol mehr. Bald ertrug er immer weniger, da ihm die Kraft fehlte. Und das Lachen kam ihm abhanden. Anfangs tat er noch als ob. Dann fehlte sogar die Kraft dafür. Was vielleicht gut war und viel früher hätte passieren sollen. Vielleicht hätte er dann mehr Kraft für anderes gehabt. Aber darüber nun nachzudenken, ist müssig. Es war, wie es war. Er lebte sein Leben, wie er es konnte. Und wollte.

Wir waren nie viele in unserer Familie. Im engen Kreis waren es nur drei. Und mein Vater und ich waren der engste Kreis. Für mich. Meine Mutter warf mir ab und an vor, dass es auch für ihn so sei. Ich hatte deswegen ein schlechtes Gewissen. Und war auch ein wenig stolz. Und froh. Nicht ganz alleine zu sein. Drum kam wohl schon früh der Gedanke auf: Wenn ich ihn nicht mehr hätte, gäbe es kein Leben mehr.

Und nun standen wir also an dem Punkt. Alle Therapien hatten keinen Erfolg gehabt, der Krebs hatte alle Organe befallen, löste immer wieder neue Schlaganfälle aus, die Kraft schwand – mit ihr der Lebenswille. Aus einem einst fröhlichen, das Leben geniessenden, sozialen Menschen war ein stiller, in sich gekehrter Mensch geworden. Das war er – wenn man ihn kannte – schon vorher, nur wusste er es da noch zu überspielen. Und schon wieder sind wir an dem Punkt: Er war, wie er war, weil er es sein wollte. Er machte die Dinge mit sich selber aus. Mich liess er ab und an reinschauen. Weil er wusste, er kann es mir eh nicht verbergen – wir waren uns zu ähnlich. Und so wusste ich: Ich werde ihn gehen lassen müssen. Zwar redeten die Ärzte noch von Eventualitäten, die aber alle ein paar Wochen maximal bedeutet hätten.

Papa und ich schauten uns an. Und wir verstanden uns. Und wir verabschiedeten uns. Sagten: Wir überlegen uns all die Möglichkeiten noch bis zum Wochenende. Das war am Dienstag. Am Mittwoch Abend kam das Telefon: „Er wird die Nacht nicht überleben.“ Obwohl es klar gewesen war, traf es. Ein weiterer Schlag in dieser Zeit der immer neuen Schläge: Das vorher Vertraute hatte über die Zeit immer mehr abgenommen, war teilweise in eine Umkehrung der Rollen gegangen. Und nun also der endgültige Bruch. Ich war feige, ich schluckte eine Schlaftablette.

Am Morgen kam der Anruf meiner Mutter: „Papa ist gestorben.“ Und ja, es fühlte sich an wie ein eigener kleiner Tod.

„Am Ende wird alles gut.“

Diese Worte hat mein Vater in seiner letzten Zeit immer wieder gesagt. Und ja, für ihn war es gut, wie es gekommen war. In dem Moment hielt ich mich daran. Und hoffte auch ein wenig für mich, dass es so kommen würde. Frei nach dem Motto:

„Am Ende wird alles gut. Und ist es nicht gut, ist es noch nicht das Ende.“

Ich werde morgen ein Schild mit seinem Namen, seinen Daten und diesem Spruch in meiner Herzensheimat Spanien auf einem Stein nah dem Meer platzieren. Und werde an den Menschen denken, der mein Leben lang bei mir war. Für mich war. Und dankbar sein. Ihn gehabt zu haben. Und ja, vielleicht wird auch morgen die eine oder andere Träne fliessen, wie sie es beim Schreiben dieses Textes tat. Wie schön wäre es gewesen, hätte er meinen Weg weiter begleiten können. Wie schön war es, dass er es so lange tat.

DANKE!

9. Mai

„Sprache kann schöpferisch oder zerstörerisch sein. Achtsames Sprechen kann wahres Glück bringen; unachtsames Sprechen kann töten.“ (Thich Nhat Hanh)

Wie oft reden wir miteinander und nehmen doch wenig davon wahr, was der andere wirklich sagt? Wir sind zu sehr mit unseren eigenen Gedanken zum Thema beschäftigt, sortieren unsere Argumente, statt die des anderen mit offenem Ohr und Geist zu prüfen. Reden ist so reiner Informationsaustausch, kein Dialog.

Wie viel entgeht uns da? Wir erfahren nicht nur nichts über den anderen, auch wir selber gewinnen keine neue Sicht auf die Dinge. Ein wirklicher Dialog ist mehr als nur ein Austausch von Informationen. Er ist das bewusste Zuhören und Wahrnehmen des anderen, er ist ein offener Umgang mit neuen Sichten. Im Dialog kommt es zu einer wirklichen Begegnung zwischen Menschen. Wir nehmen einander ernst mit allem, was wir denken, fühlen und sagen.

Wenn wir in einen Dialog treten, entsteht etwas Neues: In uns, im anderen und zwischen uns beiden. Achte beim nächsten Gespräch mal darauf, ob du wirklich zuhörst oder mehr mit dir selber beschäftigt bist. Und vielleicht ändert sich was in dir und in deinen Beziehungen zur Welt da draussen.

Herzblut

Erst wenn etwas in dir brennt,
und dich von allem andern trennt,
weisst du genau, was leben heisst,
weil dich dann etwas wirklich beisst

und weiter treibt und so gar sticht,
und es zu tun ist nicht mehr Pflicht.
Es ist Notwendigkeit sogar,
weil nie etwas so wichtig war.

Dann setze drauf und leb es aus,
und mach dem Rest schnell den Garaus,
denn nichts wird wirklich etwas werden,
das nicht das Wichtigste auf Erden.

Wo Herzblut trifft auf ein Talent,
sei keine Zeit mehr nur verschwendt
für anderes als dieses Eine,
von dem du weisst: „Das ist das Meine.“

©Sandra Matteotti

8. Mai

„Das Denken ist die Basis von allem. Es ist wichtig, dass wir jeden unserer Gedanken mit dem Auge der Achtsamkeit erfassen.“ (Thich Nhat Hanh)

Wie viele Gedanken rasen täglich durch unseren Kopf und wir nehmen sie nicht bewusst wahr? Das fällt einem spätestens dann auf, wenn wir uns sich ruhig hinsetzen und denken, mal nicht denken zu wollen – der Widerspruch in sich entlarvt sich sofort. Auch wer nicht meditiert, hat die unendlich schwirrenden Gedanken sicher schon kennengelernt: In schlaflosen Nächte, in denen man versucht, das Hirn abzuschalten und die Gedanken statt dessen immer schneller drehen.

Wenn wir mal bewusst hinschauen, was wir denken, sehen wir, wie wir die Welt wahrnehmen – und auch uns. Wie oft laufen innerlich Monologe ab, die nur dazu da sind, uns selber und die Welt um uns zu bewerten? Wie oft vergiften wir uns innerlich mit negativen Gedanken?

Wenn die Welt uns mal wieder düster vorkommt, wir mit uns hadern, haben wir ein wunderbares Mittel in der Hand, unsere Sicht auf die Welt zu ändern: Indem wir uns bewusst werden, was sich in unserem Kopf abspielt, welche Gedanken wir denken. Es sind selten die Dinge an sich, die sind wie sie sind, es ist unsere Haltung zu den Dingen. Die haben wir in der Hand.

Das Ende einer Freundschaft

Menschen kommen, Menschen gehen,
manche bleiben für ein Jahr.
Manche bleiben auch für länger,
das ist selten anfangs klar.

Zählen tut, was man erlebt
und nicht wie lang es dauert.
Wer weiss, wenn einer wirklich geht,
ob nicht der nächste bereits lauert?

So mancher Freund betritt dein Leben,
macht es reich und macht es schön,
doch wenn er wieder gehen will,
dann sage tschüss und lass ihn gehn.

Zurück bleibt die Erinnerung,
auch Wehmut, das ist klar,
doch noch viel mehr die Dankbarkeit
für das, was einmal war.

©Sandra Matteotti

7. Mai

„Achtsamkeit ist nichts anderes als Aufmerksamkeit. Eine Haltung des Gewahrseins voller Respekt und frei von Wertungen.“ (Jack Kornfield)

Es gibt das Sprichwort, dass man keine zweite Chance für einen ersten Eindruck hat. Ist der Eindruck mal da, das Urteil gefällt, findet selten eine zweite Überprüfung statt. So laufen wir durch die Welt, welche wir eingeteilt haben in gut und böse, hässlich und schön. Wir bewerten die Dinge danach, ob wir sie haben wollen oder meiden, rennen dem einen nach, vor dem anderen weg.

In vielen Fällen mag diese Haltung durchaus sinnvoll sein, da sie uns Zeit spart. Wir müssen nicht jedes Mal neu bewerten, ob die Herdplatte heiss ist, wir wissen es nach einem Versuch, und rühren sie nicht mehr an. In anderen Fällen entgeht und vielleicht viel Schönes, weil wir den Blick verschliessen und nicht mehr hinschauen. Vielleicht hatte ein Mensch beim ersten Treffen nur einen schlechten Tag, wäre nun ein wunderbarer Freund? Vielleicht war das Gemüse beim ersten Versuch nur schlecht gekocht, könnte nun unsere Lieblingsspeise werden? Erfahren werden wir es nur, wenn wir aufmerksam durchs Leben gehen, die Dinge mit offenem und neuem Blick sehen.

Digitalisierung und Bildung

Nutzte man früher Papieragenden, verwaltet man heute die Termine elektronisch. Papierbücher sehen sich in Konkurrenz mit eReadern, Bibliotheken mit Buchbeständen rüsten um. Der Liebesbrief weicht der eMail, Anrufe werden durch Whatsappnachrichten ersetzt. Wir sind angekommen – in der digitalen Welt.

Die oben genannten Veränderungen sind allerdings nur die Spitze des Eisbergs. Dass ich heute auf meinem iPad herumtippe, statt auf Papier zu kritzeln, heisst noch wenig. Digitalisierung geht weiter.

Anfänge der Digitalisierung
Anfänglich ging es in der Tat darum, analog verfügbare Daten digital zugänglich zu machen. Erstens sind digitale Daten einfacher zu teilen und von überall einzusehen, zweitens stellen sie auch eine Sicherung von teilweise dem Verfall ausgelieferten Beständen dar. Zudem ist es einfacher, in digitalen Dokumenten zu suchen als analog. Auch die Verarbeitung ist deutlich einfacher und auch umfangreicher möglich. Dass das Ganze noch zusätzlich Platz sparte, kam obendrauf. Digitalisiert wurden Texte, Bilder, Tondokumente, Filme.

Die Digitalisierung oben genannter Daten führte zu einer ständig verfügbaren, von überall und zu jeder Zeit zugreifbaren Masse an Wissen. Eine Gefahr für den Menschen. Was eine Maschine weiss, die systematisch mit Wissen gefüllt werden kann, übersteigt um ein Weites das, was ein Mensch sich merken kann. Die Maschine vergisst nicht (es sei denn, das System liegt ab, aber dafür gibt es Backups, die ja hoffentlich jeder regelmässig macht). Der Mensch vergisst nicht nur, er kann sich schon viel gar nicht merken. Schon gar nicht so schnell und schon gar nicht endlos und umfassend.

Unser Schulsystem
Schaut man auf unsere Lehrpläne, sieht man hauptsächlich eines: Was an Wissen muss in welchem Zeitraum in Kinderköpfe gepaukt werden. Man behandelt Kinder also wie Computer, indem man sie mit Wissen füttert, das sie dann auf Abruf wieder ausspucken müssen. Das mag kurzfristig bei Prüfungen noch gelingen (ob es sinnvoll ist, sei dahingestellt und wird hier nicht weiter thematisiert), mittel- und langfristig führt es nur zu einem: Wir bilden unsere Kinder zu Unterlegenen aus. Kein Kind wird je mit einem Computer mithalten können. Wenn das Kind mit all dem angehäuften Wissen aus der Schule kommt – und wir gehen vom Optimalfall aus, dass es noch alles weiss, nichts vergessen hat – , wird es nie mit der abrufbaren Informationsmasse eines Computers mithalten können.

Was heisst das? Überall, wo ein Computer Menschen ersetzen kann, wird der Mensch ersetzt. Wenn wir nun unseren Kindern das beibringen, was der Computer besser kann, setzen wir sie durch unsere Bildungsmassnahmen auf die Ersatzbank. Zwar können diese Kinder sicher nett im Smalltalk mit ihrer Allgemeinbildung brillieren, sie können das Brutverhalten von Singvögeln erklären, die Flüsse in den Kontinenten einzeichnen, wenn sie Humor haben, sogar unterhaltsam darlegen, wieso beim Aufeinandertreffen gewisser Chemikalien eine Explosion entsteht. Nur: Das wird ihnen im Arbeitsleben wenig helfen.

Was noch dazu kommt: Die Digitalisierung schreitet voran. Heute werden nicht mehr nur Daten und Fakten von analog auf digital umgestellt, heute ist es möglich, Simulationen von realistischen Situationen herzustellen. Computer sind in der Lage, auf Aussagen zu reagieren und sie antworten. Zu einem grossen Prozentsatz angepasst und kompetent.

Was nun?
Fassen wir zusammen: Computer speichern mehr Daten als sich ein menschliches Hirn merken kann. Computer können diese schneller abrufen. Sie sind zudem so vernetzt, dass von überall zu jeder Zeit auf die Daten und Fakten zugegriffen werden kann. Computer werden mehr und mehr interaktiv, auch sprachlich. Ich frage was, der Computer antwortet. So kann ich von Computern Wissen erfragen, Zimmer in Hotels buchen oder aber einen Tisch fürs Abendessen.

Die Forschung geht weiter. Es gibt mittlerweile Computer, die die Körpersprache lesen und darauf reagieren können. es existieren Roboter, die aussehen wie Menschen (auf Wunsch wie ein bestimmter Mensch mit den diesem typischen Ausdrucksweisen, seiner Stimme und mehr). Die Technik rüstet auf.

Wo bleibt der Mensch?
Mit Wissen werden wir keine Chance haben. Mit ganz viel anderem auch nicht. Die Maschine holt uns ein. Was bleibt sind Beziehungen, sind Werte, sind Fähigkeiten. Klar kann ein Computer von Liebe, Mitgefühl und Hingabe erzählen, er lebt sie nicht, er vermittelt sie nicht. Was menschlich bleibt, sind unsere tief inneren Qualitäten. Vielleicht will uns die Digitalisierung lehren, uns wieder darauf zu besinnen? Vielleicht wäre es an der Zeit, unsere Kinder auf das einzustimmen, was wirklich zählt, darauf, wo sie Experten sind und sein werden. Vielleicht ist es an der Zeit, zu merken, dass reines Faktenwissen anhäufen nicht lernen heisst. Und dass es vor allem nichts bringt.

Fazit
Die Digitalisierung ist unglaublich spannend, sie treibt unsere Welt in immer schnellerer Zeit zu immer neuen Ausgangslagen. Das macht Angst. Immer mehr übernehmen Computer Dinge, die mal von Menschen ausgeführt wurden. Menschen wurden ersetzt durch Maschinen, es werden mehr werden. Es wäre an der Zeit, umzudenken. Und wo müsste man damit nicht anfangen, wenn nicht in der Schule? Einfach neu iPads statt Notizblöcke zu verteilen reicht nicht aus, um mit der Digitalisierung mitzuhalten. Umdenken ist gefordert. Und dann sind iPads toll. Man kann damit auch spielen, kreativ sein. Nutzt man sie zur reinen Checkliste für erfolgte Leistungen, kann man auch zum Notizblock zurückkehren.

Der Strassenhund

Ein scheuer Blick von Weitem nur,
schon dreht er ab und geht.
Was mag ihm widerfahren sein?
Wo führt sein Leben hin?

Bei Sonne, Hagel, Schnee und Sturm,
ist stets die Strasse sein Zuhaus’.
er kennt die Härten dieser Welt,
kennt Hunger, Durst und Einsamkeit.

Statt Liebe kriegt er Steine ab,
er nimmt sie schweigend hin.
Im Blick ein wenig Sehnsucht noch,
im Herz ein leises Zieh’n.

©Sandra Matteotti

 

6. Mai

„Lebenskunst heisst, jedem Augenblick gegenüber sensibel zu sein, ihn als neu und einzigartig zu betrachten, während der Geist offen und empfänglich bleibt.“ (Alan Watts)

Tagtäglich wiederholen sich gewisse Abläufe, wir gehen gleiche Wege, erledigen ähnliche Dinge, gehen durch die immer gleiche Welt. Und schauen oft gar nicht mehr wirklich hin. Wie sieht der Baum aus, der gleich neben der Busstation steht? Welche Haarfarbe hat die Verkäuferin, die uns täglich bedient? Was für einen Pullover trug der eigene Partner am Morgen?

Durch die immer gleichen Abläufe stumpft sich nach und nach oft der Blick ab. Wir sind gefangen in unseren Automatismen und sehen nicht mehr, was um uns vor sich geht. Wir merken nur vielleicht eine sich steigernde Unzufriedenheit, weil wir uns gefangen fühlen in Mechanismen, weil wir unter der Eintönigkeit des Alltags zu leiden beginnen.

Wieso nicht mal etwas Neues probieren? Wieso nicht mal einen anderen Weg zur Arbeit nehmen? Oder wieso nicht mal bewusst beschliessen, den alltäglichen Ablauf mal ganz genau und mit offenem Blick wahrzunehmen? Den Baum wirklich zu sehen? Wieder zu staunen über alles, was da ist, als sähe man es zum ersten Mal (und vielleicht tut man das sogar in der Tat).

5. Mai

„Es gibt keine Methode, es gibt nur Achtsamkeit.“ (Jiddu Krishnamurti)

Wenn wir Neues lernen, sind wir schon aus der Schule gewöhnt, dass es jemanden gibt, der uns das vermittelt, und eine Methode, wie man es am besten lernt. So gedrillt haben wir etwas Grundlegendes verloren: Den eigenen Blick auf die Welt, die eigene Neugier, Dinge zu entdecken. Wirklich lernen werden wir nie durch Autoritäten. Wirklich lernen können wir auch nicht über Methoden. Lernen gelingt nur über den eigenen Blick auf das, was ist. Nur wenn ich sehe, was auf dieser Welt vor sich geht, kann ich mir davon ein Bild machen – eines, das sich mir erschliesst.

Lernen ist immer mit Achtsamkeit verbunden. Nur wenn wir auf unsere eigene Neugier bauen, wenn wir uns selber vertrauen, werden wir wirklich lernen. Alles andere ist reine Wissensanhäufung – und das meist nicht auf Dauer. So war es schon in der Schule, so bleibt es im Leben.

Also: Augen auf!

Ein Kopf voller Ideen

Zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust?
Ach wären’s doch nur deren zwei.
Ein ganzes Rudel scheint zu hausen,
scheint sein Unwesen zu treiben.
Alle rufen durcheinander,
jeder will der Chef der andern sein.

So zieht mal dieser, dann mal der,
und allen folgen fällt oft schwer.
Ich gehe hier hin, dann auch dort,
versuche mich in Bild und Wort,
schreibe in Versen und auch klar,
bin mal fiktiv und oft auch wahr.

Zücke dann den Lichtbildkasten,
will damit die Welt abtasten,
mal in Farbe, mal schwarzweiss,
lebe meine Träume aus.
So lebe ich mit dieser Schar,
und finde sie auch wunderbar.

©Sandra Matteotti