Die Schöne und das Biest (aka der alte Weisse Mann)

Als ich begann, mich mit dem Feminismus und den damit zusammenhängenden Themen zu beschäftigen, merkte ich, dass mich das Thema packte, inspirierte und ausfüllte. Ich las, was ich in die Hände kriegte und stiess dabei natürlich auch immer wieder auf Widersprüche – mehr noch: Auf gegenseitige Anfeindungen. Die jungen Feministinnen schimpfen auf die älteren, die schwarzen auf die weissen, die Frauen auf die Männer und diese zurück (zumindest auf die Feministinnen). Einige meinen, man könne nur darüber schreiben, was man selber erfahren hat, andere kritisieren, wenn man ein Thema nicht behandelt (aus mangelnder eigener Erfahrung oder einer anders lautenden Fragestellung). Es kommt so ein bisschen das Gefühl auf: Wenn du nicht alle Weltprobleme mit einem Schlag lösen kannst, lass es ganz bleiben.

Ich frage mich, wie man eine gerechtere und gleichberechtigtere Welt erreichen will, wenn man selbst das Gegenteil lebt, wenn man selbst statt miteinander nur in Frontenkriegen, Auf- und Abwertungen agiert? Als Pierre Bourdieu das Buch „Die männliche Herrschaft“* schrieb, wurde ihm von Feministinnen vorgeworfen, dass er sich als Mann feministischen Themen zuwandte. Wie konnte es ein „alter weisser Mann“ (gut, den Begriff hatten sie damals wohl nicht, aber heute würde es so klingen) wagen, einen feministischen Blick auf die Welt zu wagen und somit diese zu erklären? Dass sein Blick durchaus gut und tief und schlüssig war, stand nicht zur Diskussion. Dass dieser klare, intelligente Mensch der eigentlichen Sache diente, indem er Aufmerksamkeit darauf lenkte, die Notwendigkeit propagierte, wurde ignoriert. Man wollte sich nicht die Butter vom Brot nehmen lassen. So jedenfalls wirkt es, zumal es keine andere sachliche Erklärung gibt.

Einmal mehr frage ich mich: Sollte man nicht, statt gegeneinander zu kämpfen, sich zusammenschliessen und jeder seinen Beitrag zu einem Ganzen leisten? Können wir es uns leisten, auszusieben, wen wir genehm finden in unserem „Kampf“ und wer da keinen Platz hat? Vor allem: Geht es bei all dem wirklich um die Sache oder nicht doch auch um die eigene Profilierung als Experte?

Nachdem Bourdieu die Missstände der gesellschaftlichen Strukturen herausgearbeitet hat, kommt er zum Schluss, dass eine schlagartige Veränderung wohl nicht möglich ist, sondern diese fortwährender Arbeit bedürfe. Man müsse wegkommen von Kälte und Gewalt, hin zur Liebe und ihren Wundern:

„das Wunder der Gewaltlosigkeit, das durch die Herstellung von Beziehungen ermöglicht wird, die auf völliger Reziprozität beruhen und Hingabe und Selbstüberantwortung erlauben; das der gegenseitigen Anerkennung, die es gestattet, sich, wie Sartre sagt, „in seinem Dasein gerechtfertigt“, gerade in seinen kontingentesten oder negativsten Besonderheiten angenommen zu fühlen…“

Wenn wir dahin kommen, dann ist die Welt eine bessere. Davon bin ich überzeugt. Und ich bin genauso überzeugt, dass es machbar ist und eigentlich der Wunsch von vielen. Natürlich stehen Ängste da. Jeder fürchtet auch um seine Privilegien. Aber viele wären froh um Entlastung von Erwartungen. Männer wie Frauen. Und Rollenmustern, die erfüllt werden müssen. Männer wie Frauen. Und der eigenen Unsicherheit, wie man denn zu sein habe. Männer wie Frauen.

Wenn da ein alter weisser Mann kommt und mithelfen will, sollte man ihn mit lautem „Herzlich willkommen“ begrüssen und mit ihm diskutieren. Ihn auszuschliessen, nur weil er eben grad keine Frau, nicht schwarz, nicht schwul und erst noch heterosexuell ist, fände ich nicht nur höchst bedenklich, sondern schlicht daneben. Schlussendlich wollen wir ja genau das nicht: Menschen ausschliessen aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Hautfarbe, Religion, Herkunft, sexuellen Ausrichtung. Und ja: Auch ein weisser Mensch kann Rassismus erfahren, sowie ein Mann Opfer von Sexismus sein kann. Es mag nicht die Mehrheit sein, aber jeder einzelne Fall ist einer zuviel.


*Angaben zum Buch:

Pierre Bourdieu: Die männliche Herrschaft
Pierre Bourdieu entwickelt das Bild einer Gesellschaft, in welcher die männliche Dominanz in ökonomischer, wirtschaftlicher wie auch gesellschaftlicher Sicht eine symbolische Herrschaft darstellt. Die dadurch gesteuerte Sicht unterwirft die Frau und zwingt sie in vordefinierte Rollen. Bourdieu plädiert für eine soziale Revolution mit dem Ziel, die gesellschaftlichen Verhältnisse umzugestalten und der Frau ihre rechtmässige Position als gleichberechtigter Mensch einzuräumen.

Zum Autor:
Pierre Bourdieu, am 1. August 1930 in Denguin (Pyrénées Atlantiques) geboren, besuchte dort das Lycée de Pau und wechselte 1948 an das berühmte Lycée Louis-le-Grand nach Paris. Nachdem er die Eliteschule der École Normale Supérieure durchlaufen hatte, folgte eine außergewöhnliche akademische Karriere. Von 1958 bis 1960 war er Assistent an der Faculté des lettres in Algier, wechselte dann nach Paris und Lille und wurde 1964 Professor an der École Pratique des Hautes Études en Sciences Sociales. Es folgten diverse Lehraufträge, Forschungsaufenthalte und Lehrstühle sowie vielzählige Publikationen und Auszeichnungen. Pierre Bourdieu stirbt am 23. Januar 2002 in Paris.

Hannah Arendt: Denken ohne Geländer

‚Denken ohne Geländer’, das ist es in der Tat, was ich zu tun versuche.

Das vorliegende Buch beinhaltet zentrale Texte aus Hannah Arendts Schriften sowie Auszüge aus Briefen zu Themen, die Hannah Arendt bewegten und ihre Auseinandersetzung damit zeigen. Das Buch bietet damit eine Einführung in zentrale Gedankengänge, offenbart die klare Strukturiertheit von Hannah Arendts Denken und ihre Genauigkeit bei der Analyse von Zusammenhängen und Verwendung von Begriffen.

Denken ohne Geländer ist in fünf Teile gegliedert, von denen der erste die Philosophie allgemein behandelt. Es werden Fragen behandelt wie wo wir sind, wenn wir denken, was Denken überhaupt ist und wie es mit der Sprache zusammenhängt.

„Wer das Tiefste gedacht, liebt das Lebendigste“ – weil Denken Lebendigsein ist, so wie Arbeiten Leben ist.

Arbeiten – Denken – Lieben sind die drei Modi des schieren Lebens, aus denen nie eine Welt entstehen kann und die daher eigentlich welt-feindlich, anti-politisch sind.

Der zweite Teil ist Arendts politischem Denken gewidmet. Der historische Sinn des Politischen liegt, so Arendt, in der Freiheit. Der Staat als Gewaltmonopol ist dazu legitimiert, dieses zu nutzen um dieselbe für seine Bürger zu gewähren – als ein Nicht-beherrscht-Werden und Nicht-Herrschen. In der Gegenwart stellt sich allerdings eher die Frage, ob Politik überhaupt noch Sinn ergebe, was den Erfahrungen von Totalitarismus und Terror geschuldet sei. Die Auseinandersetzung mit den Begriffen Macht, Stärke, Gewalt, Kraft und Terror zeigen Arendts Wertlegung auf präzise Begrifflichkeiten.

Nirgends tritt das selbstzerstörerische Element, das dem Sieg der Gewalt über die Macht innewohnt, schärfer zutage als in der Terrorherrschaft, über deren unheimliche Erfolge und schliessliches Scheitern wir vielleicht besser Bescheid wissen als irgendeine Zeit vor uns. Terror und Gewalt sind nicht dasselbe. Die Terrorherrschaft löst eine Gewaltherrschaft ab, und zwar in den, wie wir wissen, nicht seltenen Fällen, in denen die Gewalt nach Vernichtung aller Gegner nicht abdankt.

Der dritte Teil über das politische Handeln widmet sich hauptsächlich der jüdischen Geschichte, der jüdischen Armee, dem Kampf gegen den Antisemitismus und der Eichmann-Kontroverse. Daneben findet sich ihr Artikel zu Little Rock, der Frage nach des gleichberechtigten Schulbesuchs von schwarzen und weissen Kindern in einer Schule in den USA.

Im vierten Teil finden sich Texte über die Situation des Menschen und das, was den Menschen als solchen ausmacht an Fühlen und Handeln. Lebensthemen wie die Liebe, Treue, Schmerz und das Alter werden feinfühlig und durchdacht behandelt.

…für die Meinung, dass nur die Liebe die Macht hat zu vergeben, spricht immerhin, dass die Liebe so ausschliesslich auf das Wer-jemand-ist sich richtet, dass sie geneigt sein wird, Vieles und vielleicht Alles zu verzeihen.

Den abschliessenden fünften Teil füllen Lebensgeschichten aus. Es finden sich neben Texten zu Rahel Varnhagen, Jaspers und Heidegger Briefausschnitte aus Arendts vielfältigen Briefwechseln mit Heinrich Blücher, Mary McCarthy und Gertrud und Karl Jaspers.

…wie ich auf Deinen Brief gewartet habe, kannst Du Dir gar nicht vorstellen. Das ist das Band, das mir immer wieder klarmacht, dass ich nicht verlorengehen kann. Denn wenn Du nicht da bist, bin ich gleich wieder so verletzbar wie früher.

Fazit:
Eine breite Zusammenstellung von Texten zu den verschiedensten Themen, die Hannah Arendt in ihrer klaren Art zu denken behandelt hat. Macht Lust auf mehr. Absolut empfehlenswert.

Zur Autorin:
Hannah Arendt
(eigentlich Johanna Arendt)
Geboren am 14. Oktober 1906 in Linden bei Hannover als Tochter jüdischer Eltern. Obwohl sie sich keiner religiösen Gemeinschaft anschloss, sah sie sich immer als Jüdin.
Studium bei Martin Heidegger (die Liebschaft ist wohlbekannt) und später Promotion bei Karl Jaspers. 1933 Flucht nach Frankreich, 1940 Internierung im Lager Gurs, aus welchem ihr die Flucht gelang. 1941 Ankunft in New York. Verschiedene Tätigkeiten fürs Überleben und auch aus Überzeugung, daneben Publikation mehrerer Artikel. Später Lehrtätigkeit und mehrere für die Philosophie herausragende Werke (Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Eichmann in Jerusalem, Vita Activa). Sie stirbt am 4. Dezember 1975 in New York.

ArendtDenkenGeländer

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 272 Seiten
Verlag: Piper Verlag (6. Auflage 1. Oktober 2006)
ISBN-Nr: 978-3492248235
Preis: EUR 9.99; CHF 16.90

Susan Sontag (1933 – 2004)

Susan Sontag wird am 16. Januar 1933 als Susan Rosenblatt in New York City geboren. Die ersten Jahre verbringt sie bei den Grosseltern, weil ihre Eltern durch den Beruf des Vaters in China sind. Als Susan 5 Jahre alt ist, stirbt ihr Vater an Tuberkulose, Susan kriegt bald einen Stiefvater und mit diesem auch den Namen Sontag.

Beruflich weiss Susan Sontag schon früh, wo ihr Leben hinführen soll, auch wenn sie durchaus an sich und der Machbarkeit zweifelt:

Ich möchte schreiben – ich möchte in einer intellektuellen Atmosphäre leben – ich möchte in einem kulturellen Zentrum leben[1]

Der Wunsch nach Intellektualität, nach Kultur, nach Schreiben begleitet sie ein Leben lang. Vor allem in ihren jungen Jahren ist bei Susan Sontag eines zentral: Sich selber zu erschaffen, wie sie sich gerne hätte. Gerade die frühen Tagebücher zeugen von einer unerbittlichen Suche nach dem eigenen Selbst, nach dem Bild, das sie von sich haben will und ausfüllen kann. Immer wieder hinterfragt sie sich, analysiert sich, klagt sich auch an, um sich dann wieder aufzuraffen, Mut zu fassen, weiter zu gehen.

Es gibt nichts, nichts, was mich daran hindern würde, irgendetwas zu tun – ausser mir selbst … Nur die Zwänge meiner Umgebung, denen ich mich selbst unterwerfe und die mir immer allmächtig erschienen, so dass ich es nicht wagte, auch nur in Betracht zu ziehen, ihnen zuwiderzuhandeln…. Aber was hindert mich eigentlich daran?[2]

Wenig später ist sie überzeugt:

Jetzt fängt alles an – ich bin wiedergeboren[3]

Ab 1949 studiert Susan Sontag in Chicaco Literatur, Theologie und Philosophie. Mit 17 heiratet sie den Soziologen Philip Rieff, aus der Beziehung stammt Sohn David. Die Ehe geht nicht lange gut, was sicher auch an Susan Sontags Schwanken zwischen den Geschlechtern liegt. Bereits 1947 hat sie in ihr Tagebuch geschrieben:

Ich wollte mich unbedingt körperlich zu ihm hingezogen fühlen und wenigstens beweisen, dass ich bisexuell bin [am Rand: Wenigstens bisexuell – was für eine idiotische Idee][4]

Immer wieder kämpft Susan Sontag mit Krebs, schon in den 70er-Jahren muss sie sich einer aggressiven Chemotherapie unterziehen – sogar die Ärzte sehen kaum Hoffnung auf Erfolg. Sie kämpft aber auch gegen die Stigmatisierung dieser Krankheit, kämpft dagegen, nur als Kranke gesehen zu werden und nicht mehr als ganzer Mensch mit allen Facetten.

Ich für meinen Teil betrachte mich als Produkt meiner Geschichte. Mehr ist meine Wesensart nicht. – Und da ich erkenne, wie willkürlich meine Geschichte zum Teil ist, erscheint mir deren Produkt, meine Wesensart, logischerweise veränderbar, überwindbar.[5]

Susan Sontag ist zeitlebens eine Lernende, sie verschlingt Bücher, Filme, liebt Kunst und Musik. Ganze Listen legt sie an mit Titeln, die sie verschlungen hat oder noch lesen, sehen oder hören will. Sie ist in ihrem Schreiben und Urteilen aber kaum je dem Mainstream verpflichtet, sieht sich im Gegenteil als Revolutionärin im Ganzen:

Ich bin eine angriffslustige Schriftstellerin, eine polemische Schriftstellerin. Ich schreibe, um zu unterstützen, was attackiert wird, und um zu attackieren, was gefeiert wird.[6]

Allerdings resultiert diese Haltung nicht aus einer Art Trotz, vielmehr folgt sie unbeirrt ihrer Wahrnehmung und Einschätzung.

Ein grosses Thema von Susan Sontag sind immer wieder die Liebe und Beziehungen. Vieles geht in die Brüche, Susan Sontag leidet, hinterfragt sich und die verflossenen Lieben. In ihren Tagebüchern findet man viel von diesem Hadern und Leiden. In den späten 80er-Jahren scheint es ruhiger zu werden. Von 1988 bis zu ihrem Tod lebt Susan Sontag mit der Fotografin Annie Leibovitz zusammen.

Susan Sontag stirbt am 28. Dezember 2004 in New York City.

Ihr Werk
Susan Sontag ist vor allem für ihre Essays über Literatur, Kunst, Film und Fotografie bekannt, aber auch ihr Roman In Amerca stiess auf begeisterte Kritik und brachte ihr den National Book Award ein.  

Werke (u.a.)
Prosa

  • Der Wohltäter (1963)
  • Todesstation  (1967)
  • Ich, etc. (1978)
  • In Amercia (2000

Essays und andere Schriften

  • Kunst und Antikunst
  • Über Fotografie
  • Das Leiden anderer betrachten
  • Wiedergeboren. Tagebücher 1947 – 1963
  • Ich schreibe, um herauszufinden, wer ich bin. Tagebücher 1964 – 1980
  • The Doors und Dostojewski: Das Rolling-Stone-Ingterview

Weiterführende Literatur:

  • Benjamin Moser: Sontag. Die Biografie – Anhand von verschiedenen Themen nähert sich Benjamin Moser Susan Sontag und schafft so ein umfassendes, tiefgründiges und aufschlussreiches Porträt einer grossartigen Frau.
  • Daniel Schreiber: Susan Sontag. Geist und Glamour – ein gut recherchiertes, kritisches, distanziertes und doch auch bewunderndes Porträt einer spannenden Frau

[1] Susan Sontag, Wiedergeboren, Tagebücher 1947 – 1963, S. 27
[2] ebd., S. 46
[3] ebd., S: 52
[4] ebd., S. 28
[5] Susan Sontag: Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke. Tagebücher 1964 – 1980, S. 292
[6] ebd., S. 421

Julia Korbik: Oh, Simone!: Warum wir Beauvoir wiederentdecken sollten

Inhalt

«Auf Vorbilder kann sie… kaum zurückgreifen: Noch haben es nicht viele Töchter aus gutem Hause gewagt, ihren eigenen Weg zu gehen. Ihr Geburtsmilieu und die damit verbundenen Erwartungen hat Simone hinter sich gelassen – ohne allerdings zu wissen, worauf sie ihr Leben stattdessen aufbauen soll. .»

Simone de Beauvoir war wahrlich eine spannende Frau. Sie strebte nach Freiheit und Unabhängigkeit, sie wollte lesen, lernen, lieben, so, wie sie es wollte. Sie akzeptierte keine Einschränkungen, ging lieber den schwierigeren Weg als klein beizugeben. Und sie analysierte genau, was Frauen im Weg stand, genau dieses freie und unabhängige Leben zu leben. Sie lebte in einem anderen Jahrhundert, in anderen Zeiten und Umständen. Und doch auch wieder nicht.

Wieso sollte sie uns heute noch interessieren? Der Frage geht Julia Korbik in diesem Buch nach und kommt zum Schluss: es gibt viele Gründe dafür!

Weitere Betrachtungen

«Schon mit neunzehn Jahren war ich überzeugt gewesen, dass es dem Menschen zusteht, und nur ihm allein, seinem Leben einen Sinn zu geben, und dass er dieser Aufgabe gewachsen ist.»

Simone de Beauvoir wuchs in sehr kontrollierten Verhältnissen auf, in welchem grossen Wert auf Status und Etikette gelegt wurde. Die Bewegungsgrenzen waren entsprechend eng gesteckt, ausbrechen kam kaum in Frage. Das Schicksal der familiären Finanzkrise sowie ein eigenwilliges Wesen kamen ihr zu Hilfe.

«Es ergibt sich für jeden Einzelnen eine ethische Verpflichtung, an einer Welt mitzuarbeiten, in der alle Menschen die Möglichkeit haben, ihre Entwürfe in eine offene Zukunft hin zu verwirklichen. Eine Aktivität ist dann ‘gut, wenn sie darauf abzielt, für sich und andere […] die Freiheit zu befreien.’ »

Simone de Beauvoir wollte immer schreiben – und sie schrieb. Und sie dachte, frei und wild und tief. Sie hatte ihren Partner im Geiste, Jean Paul Sartre, mit dem sie eine langjährige Beziehung verband. In späteren Jahren begann sie auch zu kämpfen – für mehr Gerechtigkeit, gegen Unterdrückung. Und immer wieder stand sie ein für andere, half, unterstützte.

«Frei sein wollen bedeutet wollen, dass auch andere frei sind…»

Man ist nie allein, man kann ohne den anderen nicht leben. Simone de Beauvoir war sich dessen bewusst und dieses Wissen war wohl mit Antrieb, nicht nur für sich, sondern auch für andere zu schauen. Es gibt kein Gut für einen allein, ein wirkliches Gut ist es erst, wenn es ein geteiltes ist.

Julia Korbik ist ein gut lesbarer Überblick über Simone de Beauvoirs Leben und Schaffen gelungen, der nichts Neues, aber für den, der noch nichts von Simone de Beauvoir kennt, einen guten Einstieg bietet. Man kann zu Julia Korbiks Verteidigung sagen, dass Simone de Beauvoir selber so viel von ihrem eigenen Leben beschrieben hat, dass es wenig Neues gibt für einen Autoren, der über sie schreiben will. Die Analyse müsste sehr tief gehen, wie das einige Biographen durchaus taten. Das wäre eine zu grosse Erwartung an dieses Buch, die nicht erfüllt würde.

Persönlicher Bezug

«Die Philosophie stellt Fragen und vor allem hinterfragt sie vermeintlich natürliche Gegebenheiten… Bei der Philosophie, glaubt Simone, geht es um das Wesentliche: ‘Immer hatte ich alles erkennen wollen: Die Philosophie würde mir möglich machen, dieses mein Verlangen zu erfüllen…’»

Ich habe in diverse Fächer reingeschaut, bis ich meine schlussendliche Kombination hatte. Zwar war Philosophie im Gymnasium eines meiner liebsten Fächer, dies aber nur, weil ich nichts tun musste, es flog mir förmlich zu. Das lag wohl daran, dass mir die Philosophie lag, ich sie nie als Arbeit auffasste. Im Studium stiess ich per Zufall quasi auf die Philosophie – durch ein interdisziplinäres Seminar. Das war der Anfang einer grossen Liebe, weil ich nun wirklich merkte: Das liegt mir, da kann ich eintauchen, da geht es um verstehen, denken, lernen, analysieren –  da kann ich wachsen.

Beim Lesen von Simone de Beauvoirs Biographie habe ich so viele bekannte Gedanken entdeckt, so viele Lebensziele, -wünsche und auch die Zweifel am eigenen Sein und Tun. Sie ist aktuell, sie ist inspirierend, sie ist für mich eine sehr spannende Frau.

Fazit
Eine gute Einführung in das Leben und Schaffen einer spannenden Frau. Als Erstlektüre zu Simone de Beauvoir sehr empfehlenswert.

Autorin
Julia Korbik wurde 1988 im Ruhrgebiet geboren und arbeitet heute als freie Journalistin und Autorin in Berlin. Ihre journalistischen Schwerpunkte sind Politik und Popkultur aus feministischer Sicht, aber auch europäische und französische Themen – egal, ob politisch, gesellschaftlich oder kulturell. Korbik studierte European Studies, Kommunikationswissenschaften und Journalismus und pendelte dafür im Jahresrhythmus zwischen dem nordfranzösischen Lille und dem westfälischen Münster. Sie ist ehrenamtlich für das sechssprachige Europa-Onlinemagazin cafébabel aktiv, vor allem als Vize-Präsidentin von Babel Deutschland e.V. und als Vorstandsmitglied des Vereins Babel International. 2014 erschien ihr erstes Buch Stand Up. Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene (Rogner & Bernhard). 2016 rief Korbik den Blog Oh, Simone ins Leben, der einzige deutschsprachige Blog, der ganz Simone de Beauvoir gewidmet ist.

Angaben zum Buch
Herausgeber: Rowohlt Taschenbuch; 5. Edition (15. Dezember 2017)
Taschenbuch: 320 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3499633232

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort und online u. a. bei AMAZON.DE und ORELLFUESSLI.CH

Hilkje Hänel: Wer hat Angst vorm Feminismus

Warum Frauen, die nichts fordern, auch nichts bekommen

Inhalt

«Wir werden auch feststellen, dass die sozialen Rollen und die Plätze, die wir im Machtgefüge einnehmen können, viel damit zu tun haben, welches Geschlecht wir haben und/oder welches Geschlecht uns andere zuschreiben.»

Feminismus ist ein Reizwort, auch nach so vielen Jahren noch. In vielen Köpfen herrschen mehr Klischeevorstellungen als wirkliche Tatsachen, worum es geht. Damit will Hilkje Hänel aufräumen, indem sie aufzeigt, was Feminismus ist, ob es den EINEN Feminismus überhaupt gibt. Sie erklärt Zusammenhänge von Sexismus und Feminismus, beleuchtet die Hintergründe von strukturellem Sexismus und plädiert für einen Feminismus, der alle angeht, weil alle davon profitieren, weil das Ziel ist, eine gerechtere Gesellschaft ohne vorgefertigte Rollenmodelle und Rollenzwänge zu schaffen.

Weitere Betrachtungen

«Sexismus ist strukturell…Sexismus hängt an uns dran.»

Sexismus ist nicht einfach eine singuläre, individuelle Erfahrung, sie steckt tief drin in unserer Gesellschaft, im kollektiven Denken und Handeln. Durch die lange Zeit seiner Präsenz in unserer Gesellschaft sind wir ihn so gewohnt, dass er oft nicht mehr auffällt – oder aber damit abgetan wird, dass das doch immer so war.

«Sexuelle, sexualisierte und häusliche Gewalt sind soziale Praktiken, die in vielen Fällen mehr oder weniger akzeptiert sind. Je mehr die spezifische Gewalthandlung von dem abweicht, was – fälschlicherweise – als paradigmatische Vergewaltigung gilt (nämlich dem körperlich gewalttätigen Überfall durch einen Fremden), desto weniger löst diese Handlung Entsetzen in uns aus. Je weniger Empörung die Tat auslöst, desto weniger müssen die Täter rechtliche und soziale Konsequenzen fürchten. »

Sexuelle Gewalt ist an der Tagesordnung, vor allem in Familien und innerhalb der häuslichen Wänden kommt er oft vor, wird dabei aber (zu) selten belangt, weil häusliche Gewalt nicht dem entspricht, was man allgemein davon annimmt: Der böse Fremde hinter dem Baum, der wehrlose Frauen überfällt. Viel zu oft sind es die engsten Vertrauten, von denen diese Gewalt ausgeht. Wir dürfen nicht wegschauen, es darf nicht weiter passieren, dass diese Täter mehrheitlich straffrei davonkommen.

«Aussagen über sexuelle Gewalt nicht zu glauben bedeutet nicht einfach nur, nicht zu reagieren oder sich abzukehren. Es ist vielmehr die zweite erniedrigende Verletzung des Opfers.»

Sexuelle Gewalt ist belastend für die Opfer, die Tat selber und auch das Leben danach. Sie lässt sich nicht einfach abschütteln, sie hinterlässt einen Menschen, der hilflos und ausgeliefert war und dadurch in seiner Würde und Integrität verletzt wurde. Dies muss ernst genommen werden, das Opfer muss in seiner Verletzung wahr- und ernstgenommen werden. Dies nicht zu tun, hinterlässt den Menschen ein zweites Mal in einer Hilflosigkeit und macht ihn so zum zweiten Mal zu einem Opfer.

Womit ich wirklich Mühe hatte, war die Sprache des Buches. War es auf der einen Seite wirklich sachlich, stellte es sich auf der anderen zu gewollt cool dar mit Begriffen wie «sexistischer Kackscheisse». Überhaupt wurde das Wort «Kackscheisse» oft verwendet und das wäre schlicht nicht nötig gewesen. Es mag sein, dass gewisse Menschen so sprechen, lesen möchte ich das nicht zwingend.

Persönlicher Bezug

«Formen der Ungerechtigkeit und Ungleichheit können also nicht im Vakuum beobachtet oder einzeln bekämpft werden, sondern vielmehr in ihrem Zusammenspiel. Wir können nicht erst Sexismus, dann Rassismus und am Schluss noch Kapitalismus bekämpfen. Um wirkungsvoll zu sein, müssen wir die ismen in Interaktion wahrnehmen und angehen.»

Es gibt viel zu tun, packen wir es an – so oder ähnlich könnte man alles zusammenfassen. Zwar blickt die Frauenbewegung auf eine lange Zeit zurück, doch noch immer sind wir weit davon entfernt, eine Gesellschaft ohne Unterdrückung zu haben. Frausein ist dabei nicht das einzige Kriterium für Unterdrückung, auch die Hautfarbe, Religion, sexuelle Ausrichtung und vieles mehr tragen dazu bei, diskriminiert zu werden – in Kombination der nicht als Norm gesetzten Varianten exponentiell.

Gerechtigkeit war mir immer ein Anliegen, es gab Zeiten, in denen ich lieber schwieg, weil ich die Konfrontation fürchtete oder aber zu wenig Kraft dazu hatte. Das soll wieder ändern, denn ich bin des Zusehens müde. Als schreibender Mensch ist meine Tat der Wahl immer das geschriebene Wort. Wenn jeder seine Fähigkeiten einsetzen würde, könnte gemeinsam viel erreicht werden. Das wünsche ich mir. Dafür sind solche Bücher wichtig, denn sie helfen, zu verstehen, worum es geht.

Fazit
Ein informatives, sachliches Buch über Feminismus, was er bedeutet, was er will und wieso er wichtig ist. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Hilkje Charlotte Hänel, geboren 1987, hat ihr Psychologiestudium nach nur 14 Tagen abgebrochen und stattdessen begonnen, Texte fürs Theater zu schreiben. Später hat sie Englische Literatur und Philosophie in Göttingen, Berlin, Sheffield und Boston studiert. Heute lebt sie als feministische Philosophin und Schriftstellerin in Berlin.

Angaben zum Buch
Herausgeber: C.H.Beck; 1. Edition (18. März 2021)
Taschenbuch: 192 Seiten
ISBN-Nr.: ‎ 978-3406741814

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort und online u. a. bei AMAZON.DE und ORELLFUESSLI.CH

Ich und die Anderen

Kürzlich erinnerte ich mich daran, wie ich mal in Spanien war und tat, was ich immer tue: Lesen und Schreiben. Ich sass in meinem Zimmer, meine Bücher um mich, tauchte ein und fühlte mich wohl in der Welt. Ich stiess damit auf grosses Unverständnis: Wie kann man nur in Spanien sein und nicht an der Sonne liegen, baden, einfach nichts tun? Ich ertappte mich dabei, wie ich mich schlecht fühlte, unverstanden, anders, nicht passend – nicht in Ordnung. Es machte mich traurig. ich versuchte mich zu rechtfertigen, versuchte Gründe zu finden, die anerkannt und schlüssig klingen, Gründe, die in der normalen Welt, aus welcher ich mich durch diese Bemerkung geworfen fühlte, verstanden werden könnten. Und irgendwie machte mich das noch trauriger, weil ich mich dadurch so klein fühlte, dass ich mich verteidigen zu müssen glaubte. 

Ich und die Anderen. Ein Konstrukt, über das ich in letzter Zeit oft nachdenke. Im Singular ist es einfach: Der Andere ist der Andere, weil er nicht ich ist. Sobald es aber mehrere sind auf beiden Seiten, kommt ein neues Element dazu: Um als Gruppe zu bestehen und sich von anderen Gruppen zu unterscheiden, reicht nicht mehr nur die individuelle Existenz, sondern es gibt verbindende Elemente, die eine Gruppe ausmachen. Daraus entsteht in der Folge ein Wir-Gefühl, das die eigene Gruppe von der anderen abgrenzt. Man setzt diese Gruppen bestimmenden Eigenschaften in Kontrast zu denen der anderen Gruppe, meist in einer Form der Hierarchie: Wir sind besser als ihr. An diesem Punkt wird aus dem «Anders» ein «Schlechteres», weil die Anderen der eigenen Norm nicht entsprechen, ihr unterlegen sind. 

Jeder Mensch lebt in einer Welt mit anderen und bildet mit diesen Gemeinschaften. Kein Mensch kann sich völlig aus der sozialen Umgebung herausnehmen. Würde man versuchen, durch totale Einkehr und unter Ausschluss der Welt, sich selber finden zu wollen, wäre das eigentlich ein Gang ins Leere, da wir als Menschen immer Mitglieder einer sozialen Gemeinschaft sind, die uns prägt und die wir wieder prägen. Daraus folgt, dass wir die Anderen brauchen, um Ich zu sein. Es folgt weiter, dass die Anderen nur in unseren Augen die Anderen sind, in Ihren sind sie ihr eigenes Ich und wir die Anderen. Daraus, dass jedes Ich immer auch ein Anderer ist, stellt sich die Frage der Macht des Einen über den Anderen. Eine Vormachtstellung kann es nur geben, wenn sich einer diese zuspricht. Mit welchem Recht?

Nun passieren diese Dinge natürlich meist unbewusst, sie sind unter anderem auch Resultat der Gesellschaft und deren prägenden Werte und Normen. Indem wir in dieser Gesellschaft leben, nehmen wir diese Werte und Normen in uns auf, stellen uns dazu und verhalten uns entsprechend. Gibt es nun in einer Gesellschaft höher bewertete Eigenschaften und Merkmale, so sind die Menschen, welche diese aufweisen, in einer machtvolleren Stellung als andere, denen diese fehlen. An der Stelle fängt die Abwertung des anderen an, worauf Diskriminierung folgt. Aufgrund von vordefinierten Massstäben kommt es also zum Ausschluss derer, die über weniger Privilegien aufgrund von (sachlich gesehen willkürlich) festgelegten Eigenschaften verfügen.  

Wollen wir Diskriminierung jedwelcher Form den Kampf ansagen, gilt es, das Ich als gleichwertig zu sehen wie den Anderen, im Wissen, dass er genauso ein Ich ist wie ich, ich genauso ein Anderer wie er. Die Einsicht, dass die Andersartigkeit nur eine Vielfalt von Möglichkeiten aber keine Hierarchie darstellt, hilft, (strukturelle und individuelle) Abwertungen zu vermeiden, da sie als willkürliche Handlungsweisen, die keinem realen und sachlich gültigen Massstab entsprechen, enttarnt wurden. Das Bewusstsein all dessen ist der erste Schritt. Der zweite ist, die gesellschaftlichen Strukturen daraufhin zu analysieren, wo sie diese Hierarchien befeuern und zu sehen, was wir aktiv dagegen tun können – als Einzelne und als Gemeinschaft.

Svenja Gräfen: Radikale Selbstfürsorge Jetzt!

Eine feministische Perspektive

Inhalt

«Anhaltende Unterdrückung und Diskriminierung wirken sich direkt auf die mentale wie psychische Gesundheit aus – weshalb es bereits eine Form von Widerstand darstellt, sich um genau diese zu kümmern.»

Einfach mal innehalten, durchatmen, zu sich schauen – ist das egoistisch? Müsste man, statt sich Ruhe zu gönnen, nicht besser an forderster Front kämpfen oder zumindest die anstehenden Aufgaben des alltäglichen Seins erfüllen? Svenja Gräfe dachte lange so, kommt nun aber in dem Buch zu dem Schluss: Nein! Gerade in anstrengenden Zeiten ist es wichtig, gut zu sich zu schauen, das eigene Wohlbefinden und die eigene Gesundheit wichtig zu nehmen.

Sie geht sogar noch weiter: Es ist sogar ein feministischer Akt, Selbstfürsorge zu praktizieren, denn man distanziert sich damit von all den Erwartungshaltungen und Rollenzuschreibungen des ständig genügen Müssens, des immer im Einsatz sein Sollens.

Weitere Betrachtungen

«Für Menschen, die von Diskriminierung und struktureller Gewalt betroffen sind, geht es also darum, die eigene Widerstandsfähigkeit zu bewahren und zu stärken»

Kämpfen ist anstrengend, vor allem, wenn man denkt, an allen Fronten kämpfen zu müssen. Genau das passiert Menschen, die unterdrückt werden, wenn sie sich das nicht einfach gefallen lassen wollen und können, sondern aufstehen und aufbegehren. Dass diese Anstrengungen Kraft kosten, liegt auf der Hand. Umso wichtiger ist es, zu den eigenen Kräften zu schauen, damit sie ausreichen für den Kampf und dieser nicht auf Kosten der Gesundheit ausgefochten wird.

«Denn ironischerweise funktionieren wir in unserer Gesellschaft genau dann ‘absolut richtig’, wenn wir uns an diesen Apell halten. und uns bemühen, uns auch ja nichts anmerken zu lassen von unseren Gefühlen und einfach so weiterzumachen, als wäre nichts.»

Oft denkt man, man sei schwach, wenn man Ruhe braucht, mal nicht funktioniert, wie andere es erwarten. Und Schwäche ist das letzte, das man zeigen will, man müsste sich schämen. Genau darauf bauen viele Systeme, die Menschen ausnutzen: Sie rechnen damit, dass sie Menschen bis ans Limit und darüber bringen, sie förmlich ausquetschen können. Sich das nicht gefallen zu lassen, ist eine Form des Widerstands. Er zeugt von Stärke, nicht von Schwäche.

«Aber wir funktionieren eben innerhalb eines Systems, das uns ausbeutet, in dem Kapital und Profit einen höheren Stellenwert haben als das Wohlergehen der Menschen und das deswegen auch zutiefst ableistisch ist. Der Wert der Person wird an ihrer körperlichen und intellektuellen Leistungsfähigkeit festgemacht, an ihrer psychischen Immunität.»

Es gilt also, die systemischen Mechanismen zu durchbrechen, ein realistischeres Menschenbild zu schaffen, eines, das davon lebt, dass Menschen nicht Rädchen im System und Objekte des Marktes sind, sondern Wesen mit Rechten und Bedürfnissen.

Leider fehlen dann doch wirkliche Strategien oder Tipps, das Ganze kommt in ziemlich bekannten Lebensweisheiten und einer oft sehr flapsigen, für mich etwas zu schnoddrigen Sprache daher. Trotz alledem ist das Thema wichtig, dass das Bewusstsein darauf gelenkt wird, nötig.

Persönlicher Bezug

«Dich mit deinen Bedürfnissen zu befassen. Dich um dich selbst zu kümmern. Das bedeutet nämlich in erster Linie, dass du dir selbst Raum zugestehst, der dir von der Gesellschaft nicht unbedingt auf dem Silbertablett serviert wird. Schon ihn dir einfach zu nehmen, kann eine Form von Protest sein. Kann feministische Praxis sein.»

Jede alleinerziehende Mutter kennt es wohl, dass man einfach funktionieren muss. Da ist keiner, der dir etwas abnimmt, es hilft nichts, wenn du krank bist, es muss alles weiterlaufen wie immer. Ich habe das perfektioniert, ich war nie krank und wenn, zeigte ich es nicht. Ich funktionierte wie das sprichwörtliche Rädchen im System mit Kind, mehreren Jobs und Studium. Dass das nicht gesund war, ist keine Frage.

Ich bin schon früh damit aufgewachsen, dass man Erwartungen erfüllen muss, um nicht unterzugehen. Ich hörte immer, dass ich keine Schwäche zeigen dürfe, das wolle keiner sehen, das interessiere «im wirklichen Leben» nicht – also galt das schon als Kind, schliesslich musste ich ja vorbereitet werden. Ich hörte auch oft, was sich für ein Mädchen gehört und was nicht, wo ich nicht ins normale Rollenbild passte und dergleichen mehr. Selbstfürsorge befand sich nicht in meinem Wortschatz und damit auch nicht im Handlungsrepertoire. Der Preis ist zu hoch.

Wenn wir etwas an diesen Strukturen und Rollenbildern ändern wollen, müssen wir darauf aufmerksam machen. Nur wenn die Missstände im Bewusstsein sind, man Worte dafür hat, was falsch läuft, und Strategien, wie man all das durchbrechen kann, wird etwas ändern.

Fazit
Ein wichtiges Thema für all die, welche sich in den alltäglichen Kämpfen des Alltags zu schnell selber vergessen und über ihre Grenzen gehen. Locker und leicht lesbar geschrieben, allerdings ohne wirkliche Hinweise auf konkrete Veränderungsmöglichkeiten. Empfehlenswert.

Autorin
Svenja Gräfen, geboren 1990, lebt in Leipzig und ist Autorin für Prosa, Essays und Drehbücher. Sie veröffentlichte bisher zwei Romane, »Das Rauschen in unseren Köpfen« und »Freiraum«, sowie Texte in diversen Anthologien und Literaturzeitschriften. Für ihr Schreiben hat sie bereits zahlreiche Stipendien erhalten. 2018 wurde sie zum Klagenfurter Literaturkurs eingeladen und war Alfred-Döblin-Stipendiatin der Akademie der Künste Berlin. 2019 war sie Stipendiatin des Stuttgarter Schriftstellerhauses. Sie leitet außerdem Schreibkurse und arbeitet als freiberufliche Redakteurin, Lektorin und Kreativberaterin.

Angaben zum Buch
Herausgeber: ‎ Eden Books – ein Verlag der Edel Verlagsgruppe; 1. Edition (8. April 2021)
Taschenbuch: 200 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3959103329

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort und online u. a. bei AMAZON.DE und ORELLFUESSLI.CH

Simone de Beauvoir: «Ich möchte vom Leben alles»

Am 9. Januar 1908 kam eine der bekanntesten Philosophinnen zur Welt: Simone de Beauvoir. Mit „Das andere Geschlecht“ schrieb sie ein Werk, das bis heute Gültigkeit hat, mit ihrem Lebens- und Liebeswandel erregte sie Gemüter, als lebenslange Begleiterin Sartres (der ebenso ihrer war) wurde sie bekannt, oft verkannt, manchmal verpönt.

In meinen Augen eine grossartige Frau, eine intelligente Denkerin, ein fühlender Mensch, ein hinterfragender, nicht zuletzt sich selber, noch dazu.

Ich hebe heute mein Glas für diese grossartige Frau!

Avatar von Sandra von SiebenthalDenkzeiten - Philosophie in Theorie und Praxis

Das schrieb Simone de Beauvoir dem Schriftsteller Nelson Algren, einer ihrer Zufallslieben, wie Sartre und sie die Beziehungen nannten, die sie nebenher hatten. Und sie fährt fort:

«Ich möchte eine Frau, aber auch ein Mann sein, viele Freunde haben und allein sein, viel arbeiten und gute Bücher schreiben, aber auch reisen und mich vergnügen, egoistisch und nicht egoistisch sein. Sehen Sie, es ist nicht leicht, alles, was ich möchte, zu bekommen. Und wenn es mir nicht gelingt, werde ich wahnsinnig zornig.»

Eine Frau, die weiss, was sie will, und die es nicht beim Träumen belassen möchte. Sie wollte es bekommen und tat alles, was dafür nötig war, auch wenn sie wusste, dass andere darunter litten (zum Beispiel auch die Zufallslieben, die im Stellenwert immer hinter Sartre standen).

„Mein Unternehmen war mein Leben selbst.“

Eine interessante Aussage, verweist sie doch auf das Leben zurück als Zentrum, nicht auf das Streben im…

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Anne Ameri-Siemens: Die Frauen meines Lebens

Frauen erzählen von ihren Heldinnen, Vorbildern und Wegbereiterinnen

Inhalt

«[Der Prozess der Gleichberechtigung] muss vorangetrieben werden. Zum Beispiel, indem man über Vorbilder und Wegbereiterinnen spricht, über die Freiheit, die Frauen haben sollten, wenn sie ihren Weg gehen.»

Wie wird man, wer man ist? Neben Veranlagungen und kulturellem Umfeld gibt es oft auch Menschen, die einen beeinflussen, weil sie ihr Leben auf eine Weise meistern, die beeindruckt. Davon handelt dieses Buch: Von Frauen, die auf ihrem Lebensweg von Frauen beeindruckt wurden, Frauen, die andere Frauen als Wegweiser und auch Mutmacher hatten und die nun über diese weiblichen Wegbereiterinnen und Wegbegleiterinnen sprechen.

Anne Ameri-Siemens hat in diesem Buch Lebenserzählungen von Frauen wie Senta Berger, Jutta Allmendinger, Nina Ruge, Katharina Schulze und weiteren zusammengetragen. Entstanden ist ein inspirierendes Buch mit spannenden Lebensgeschichten.

Weitere Betrachtungen

«…dass Gleichberechtigung nur erreicht werden könne, wenn sie auch Männersache sei – und als gemeinsames Ziel von Männern und Frauen verstanden werde. (Jutta Allmendinger)»

Der Kampf um die Gleichberechtigung der Frau, dauert schon lange, und noch immer sind wir nicht am Ziel. Noch immer sind Frauen in vielen Bereichen untervertreten und benachteiligt. Damit das nicht so bleibt, gilt es, nicht aufzuhören mit dem Einsatz, sondern weiter zu kämpfen. Dies wird aber nur Erfolg haben, wenn Frauen nicht allein und schon gar nicht gegen Männer kämpfen, sondern wenn dieser Kampf zu einer gemeinsamen Sache wird.

«Unsere Realitäten werden sich aber nur ändern, wenn Frauen aktiv gegen die genannten Zuschreibungen angehen – und gegen das frühe Antrainieren von Rollenbildern.» (Stephanie Caspar)

Damit ein System sich verändert, das über so viele Jahrzehnte gewachsen ist, braucht es neben den Forderungen für gerechtere Bedingungen auch einen Befreiungsschlag. Wir müssen uns lösen von tradierten Rollenbildern. Wir müssen diese Rollenbilder erkennen und bewusst darauf achten, dass wir sie nicht übernehmen oder gar in der Erziehung an die nachfolgende Generation weitergeben.

Die Geschichten dieser spannenden Frauen, die in dem Buch zu Wort kommen und über ihre Prägungen sprechen, zeigen, dass man als Frau erfolgreich seinen Weg gehen kann, dass man dabei auch auf Vorbilder schauen kann und das Rad nicht neu erfinden muss.

«Das Bedauern, es nicht versucht zu haben, ist später sicher schwerer auszualten , als wenn man auch mal scheitert oder nicht mit allem Erfolg hat. (Gisa Pauly) »

Vieles erscheint schwierig und kaum erreichbar, die fehlende Chancengleichheit kann als abschreckende Hürde wirken, der Umstand, dass man als Frau oft auch sonst benachteiligt ist und gegen Klischeevorstellungen ankämpfen muss, kann demotivieren. Und doch: Wenn man nicht wagt, aufzustehen, auszubrechen aus eingefahrenen Pfaden und Neues anzugehen, wenn man es nicht wagt, die eigenen Ziele und Wünsche zu erfüllen, wird man es wohl irgendwann bereuen.  

Persönlicher Bezug

«Aus Zurückhaltung entsteht nichts Neues, kann nichts Gutes erwachsen.» (Jutta Allmendinger)

Als Mädchen wächst man oft mit der Forderung auf, möglichst gehorsam zu sein, nicht aufzufallen, sich zu fügen in das, was Mädchen zusteht. Eltern, Schule, das weitere Umfeld – oft sind sich alle einig darin und das prägt, prägt mit der Zeit so sehr, dass man viel aus dem Blick verliert: die eigenen Wünsche und auch sich selber. Unser patriarchalisches System ist darauf angelegt, es erhält sich so selber am Leben. Und wenn wir uns nicht wehren, geht es so weiter.

Ich habe in den letzten Wochen viel darüber nachgedacht, habe die prägenden Abwertungen meiner Vergangenheit gesehen, aber auch gemerkt, dass ich für mich doch oft Wege fand, aus solchen Mustern auszubrechen, mir meine eigenen Wege zu suchen – es ging nicht ohne Gegenwehr und Verletzungen, teilweise schmerzhaften.  Ich würde mir wünschen, dass wir weiter gehen, dass wir diese alten Muster durchbrechen können, dass nachfolgende Generationen es leichter haben werden. Dazu müssen wir nicht ständig von vorne beginnen, wir können an das anknüpfen, was Frauen vor uns schon erkämpft haben. Es gibt in der Vergangenheit spannende, mutige, kämpferische, tolle Frauen, die den Weg zu ebnen begannen. Machen wir weiter.

Fazit
Ein inspirierendes Buch von Frauen über Frauen, davon, dass man als Frau seinen Weg mit Erfolg gehen kann und dabei Wegbereiterinnen hat, die einen prägen. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Anne Ameri-Siemens, geboren 1974 in Frankfurt am Main, arbeitet als Journalistin für das Feuilleton der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung» und die «Frankfurter Allgemeine Quarterly». Für ihren «Spiegel»-Bestseller «Für die RAF war er das System, für mich der Vater» wurde sie 2007 u. a. mit dem Internationalen Buchpreis Corine ausgezeichnet. Mit der Verfilmung des Buchs, der Dokumentation «Wer gab euch das Recht zu morden?», war sie 2008 für den Grimme-Preis nominiert. Zuletzt erschien «Ein Tag im Herbst. Die RAF, der Staat und der Fall Schleyer» (2017).

Angaben zum Buch
Herausgeber: Rowohlt Berlin; 1. Edition (19. Oktober 2021)
Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3737101271

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort und online u. a. bei AMAZON.DE und ORELLFUESSLI.CH

Alte weisse Frau

Ich bin ein Unmensch. Der zweitgrösste im System. Ich bin zwar eine Frau und damit eigentlich eine Unterdrückte im patriarchalischen System, aber ich bin weiss. Und damit bin ich nach dem alten weissen Mann die zweitgrösste Unterdrückerin und Rassistin. Allein meine Hautfarbe macht mich dazu. Der Rassismus ist mir durch die Geschichte und die mir gehörenden Privilegien, als weisse Frau in einem Land wie der Schweiz leben zu können, eingeschrieben. Wenn ich behaupte, nicht rassistisch zu sein, sondern im Gegenteil sogar gegen Rassismus zu schreiben, mich einzusetzen, ignoriere ich nur die Fakten, heisst es. Ich schaue nicht hin. Und ich habe mich nicht genug informiert.

Da sitze ich nun mit dem Stigma «weisse Frau» und frage mich, ob das nicht auch eine Form des Rassismus ist: Ich werde nicht als Individuum wahrgenommen und bewertet, sondern als Teil einer Gruppe schubladisiert und angeprangert. Aber auch darauf haben die selbsternannten Kämpferinnen (es sind mehrheitlich, wenn nicht fast ausschliesslich Frauen) eine Antwort: Es kann kein Rassismus sein, da ich nicht auf eine Jahrhunderte alte Geschichte der Unterdrückung zurückblicken kann. Ich war durch die Geschichte hinweg als weisser Mensch immer privilegiert. Den Feminismus, die Unterdrückung der Frau ignorieren wir nun mal, denn das ist zweitrangig. Ich bin in meinem Opferstatus – wir sind alle per se definierte Opfer – weniger wert als eine schwarze Frau. Es steht mir nicht zu, auf Missstände hinzuweisen, die ich in der Gesellschaft sehe, da diese allesamt viel weniger ins Gewicht fallen als die, mit welchen schwarze Menschen, allen voran schwarze Frauen zu kämpfen haben.

Nun möchte ich keineswegs behaupten, es gäbe keinen Rassismus und es gäbe keine Menschen, die ihn am eigenen Leib auf grausamste Weise erfahren müssen. Er existiert und jeder Fall ist einer zu viel. Auch sitzt er sicher in vielen Köpfen fest, manifestiert sich in deutlichen und weniger deutlichen Zeichen. Dass dies thematisiert werden muss, steht ausser Frage. Es steht auch ausser Frage, dass wir hinschauen müssen als Nicht-Betroffene und zuhören müssen, wenn Betroffene davon erzählen. Sie müssen eine Stimme haben und gehört werden. In meinen Augen wäre es sinnvoll, wenn wir dann gemeinsam hinstehen und etwas dagegen tun würden. Ich bin der Überzeugung, dass man mit vereinten Kräften mehr erreicht als allein, dass man mit Blick auf das Verbindende statt immer auf das Trennende weiter kommt auf dem Weg hin zu einer (sozial) gerechten Welt.

Nun gibt es im Netz auch Stimmen, die finden, ich hätte gefälligst zu schweigen zu Rassimus, da er mich nicht betreffe. Ich müsste mich – so diese Stimmen – still und voll Scham über meine Hautfarbe und Schuld wegen meiner Herkunft in die Ecke setzen und reuig die Anschuldigungen anhören. Ich müsse mich entschuldigen dafür, dass ich weiss bin und damit Teil eines unterdrückenden Systems. Das allerdings werde ich nicht tun. Ich bin in diese Welt geworfen worden wie jeder andere Mensch auch. Ich habe mir weder Herkunft noch Hautfarbe ausgesucht, habe versucht, mit allem, was ich kann, bin und will, ein guter Mensch zu sein. Ich habe mich für Gerechtigkeit eingesetzt, stehe hin, wenn ich Unrecht sehe, helfe, wenn ich kann. Es ist sicher so, dass auch mir Fehler unterlaufen sind, dass auch ich unsensibel gehandelt oder gesprochen habe. Ich bin froh, wenn man mich darauf aufmerksam macht, ich lerne gerne dazu. Ich schätze den offenen Dialog, höre gerne andere Argumente, prüfe sie, ändere meine, wenn ich mich im Irrtum sehe. Ich möchte das gleiche Recht aber auch haben.

Ich wünsche mir eine Welt von Menschen unter Menschen. Ich möchte eine Welt, in der jedes Individuum gesehen wird, wie er ist, nicht was er ist. Wir alle haben uns nicht ausgesucht, wo und womit wir auf die Welt kamen, wir haben es dann aber – mehr oder minder – in der Hand, der zu werden, der wir sein wollen. Wir sind in erster Linie nicht weiss, schwarz, schwul, Frau, Mann oder Juden, wir sind in erster Linie existierende Wesen, Menschen. Würden wir uns als das begegnen, müssten ganz viele Kämpfe wohl nicht ausgefochten werden.

Nun weiss ich auch, dass wir davon weit entfernt sind. Nur: Wir werden nie dahin kommen, wenn wir immer wieder neue Fronten aufmachen, wenn wir neue Gegensätze bilden, wenn wir uns gegen immer wieder andere abgrenzen. Das Verbindende wird uns zu Menschen unter Menschen machen, nicht das Trennende. Im Wissen, dass die Energie immer der Aufmerksamkeit folgt, sollten wir unseren Fokus darauf legen.

Carsten Henn – Nachgefragt

Carsten Henn wurde 1973 in Köln geboren, studierte zuerst Völkerkunde bis zum Magister, 1997 in Adelaide/Australien neben Völkerkunde auch Yoga und Weinbau. Danach war er erst Radiomoderator, betrieb eine wöchentliche Comedy-Show und arbeitet heute als freier Weinjournalist für nationale und internationale Magazine und prämiert als Mitglied verschiedener Jurys Weine. Daneben schreibt er in diversen literarischen Genres.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biografie erzählen?

Ich bin ein Autor und eigentlich war ich nie etwas anderes. Als ich noch nicht schreiben konnte habe ich mir miserabel gereimte Liedtexte ausgedacht und meine Familie damit malträtiert. In der Grundschule habe ich dann im Alleingang eine Schülerzeitung geschrieben – und selbst kopiert.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen konkreten Auslöser?

Kurzfristig wollte ich auch Astronaut, Detektiv und Koch werden, aber Schriftsteller kam direkt danach. Das Gute am Schriftstellerdasein: auf eine gewisse Art kann man dabei alles sein, was man will. Und die Weltraumforschung wie auch Restaurantgäste sind sicher froh, dass ich diesen Weg eingeschlagen habe.

Sie haben in verschiedenen Genres geschrieben, unter anderem Krimis, darunter auch kulinarische Kurzkrimis oder Sachbücher und sie machten „literarische Ausflüge“, wie sie es selber nennen. Daneben entdecken sie Wein, sind selbst Besitzer eines Weinbergs und schreiben journalistisch über Wein und Genuss. Wäre es nicht einfacher, immer im gleichen Gewässer zu fischen oder brauchen Sie die Abwechslung, um sich nicht selbst zu langweilen? Und: Reichen 24-Stunden-Tage, das alles unter einen Hut zu bringen?

Es wäre sicher einfacher immer im selben Gewässer zu fischen, aber auch langweiliger. Ich bin neugierig und folge konsequent meinen Leidenschaften. Und erst hinterher schaue ich in meinen Terminkalender. Allerdings ist es irgendwie schon dasselbe Gewässer, aber ein großes: dass des Genusses. Darin finden sich zum Beispiel Weine, Whiskys, oder gutes Essen aber auch Bücher. Und in diesem Gewässer bin ich sehr, sehr gerne Fisch.

Woher holen Sie Ihre Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt und sieht man viel, aber wie wird eine Geschichte daraus?

Wenn ich wüsste, wo die Ideen herkommen, würde ich jeden Tag hingehen, um mir ein paar zu holen. Ich weiß es nicht, und irgendwie ist genau das auch das Schöne daran. Sie kommen irgendwoher, man muss nur bereit sein, wenn sie anklopfen.

Wenn Sie auf Ihren eigenen Schreibprozess schauen, wie gehen Sie vor? Mit Papier und Stift oder am Computer? Entsteht zuerst ein durchdachtes Gerüst oder aber schreiben Sie drauf los und schauen, wo das Schreiben hinführt? Variiert das in den verschiedenen Genres?

Ich schreibe am Computer, denn ich mag die Möglichkeit Dinge hin- und herschieben zu können, Leerstellen zu lassen, die ganze Freiheit, die man hier hat. Das Grundgerüst jeden Romans steht vor dem Schreiben, bei Krimis detaillierter als zum Beispiel bei Liebeskomödien. Aber mir ist ganz wichtig während des Schreibprozesses wahrzunehmen, wie ein Roman sich entwickelt und die Figuren an der langen Leine zu lassen. Sie sollen ja ein Eigenleben entwickeln, und das verändert dann automatisch den Plot. Insofern: plotten ist extrem wichtig, aber ich hänge nicht sklavisch daran.

Wie gehen Sie mit Schreibblockaden um? Gibt es diese überhaupt?

Bei mir sind es gottseidank nur kleinere, die nie länger als drei Tage dauern. Eine solche Blockade ist immer ein Zeichen für eine unbeantwortete Frage. Die sollte man dringend klären. Insofern sind solche Blockaden hilfreich, denn sie weisen einen auf ein Problem hin, etwas das man nicht genug durchdacht hat.

Ich hörte mal, der größte Feind des Schriftstellers sei nicht mangelndes Talent, sondern die Störung durch andere Menschen. Brauchen Sie zum Arbeiten Stille und Einsamkeit, oder stören Sie andere Menschen nicht? Wo schreiben sie bevorzugt?

Andere Menschen stören mich nicht per se, in der Bahn kann ich zum Beispiel sehr gut schreiben. Menschen, die mit mir reden wollen, sind dagegen tatsächlich problematisch. In der Regel schreibe ich allein, nur mit meinen Katzen.

Hat ein Schriftsteller je Ferien oder Feierabend oder sind Sie ständig „auf Sendung“? Wie schalten Sie ab?

Während eines Romans bin ich potenziell immer „auf Sendung“. Wenn ich keinen Roman schreibe, sind meine Antennen auf Empfang gestellt. Die Idee für einen Roman kann jederzeit kommen. Richtig Feierabend oder Ferien gibt es deshalb nicht. Das will ich aber auch genau so.

Goethe sagte einst, alles Schreiben sei autobiographisch. Wie viel von Carsten Henn steckt in Ihren Büchern, zum Beispiel in Ihrem neusten Roman „Der Buchspazierer“?

Die Hauptfiguren sind von meinem Vater und meiner Tochter inspiriert. So klare Inspirationen sind aber eher ungewöhnlich für mich. Ich versuche auch grundsätzlich nicht zu hinterfragen, wie viel von mir in einer Figur steckt, das nimmt dem Schreibprozess seine Unschuld und auch sein Mysterium. Mir fällt deshalb manchmal erst Jahre später auf, was ich alles über mich preisgegeben habe, ohne es selbst zu wissen.

„Der Buchspazierer“ ist eine feinfühlige, herzerwärmende Geschichte über den Bücherfreund Carl, der seine Kundschaft mit für ihre Situation passenden Bücher versorgt. Gibt es Bücher, die Sie geprägt haben, die Ihnen wichtig sind? Gibt es Bücher, die Sie ans Herz legen möchten, weil sie diese als besonders wertvoll erachten?

Viele. Und in jeder Lebensphase andere. Eine der großartigen Sachen bei Büchern ist, wie viele verschiedene es davon gibt. Für jeden ist etwas dabei. Und das Suchen und Auswählen ist Teil des Genusses, und auf eine gewisse Weise auch schon Teil des Lesens.

Welche fünf Tipps würden Sie einem angehenden Schriftsteller geben?

Schreiben. Lesen. Nicht auf den Erfolg hinschreiben, sondern das schreiben, was einen bewegt und interessiert. Guten Kaffee trinken. Katzen anschaffen. Mindestens zwei.

Rebecca Solnit: Unziemliches Verhalten: Wie ich Feministin wurde

Inhalt

«Ich fühlte mich eingeengt, gejagt. Wieder und wieder wurden Frauen und Mädchen angegriffen, und zwar nicht wegen irgendwas, was sie getan hätten, sondern weil sie gerade zur Stelle gewesen waren…sondern dafür, was sie waren. Was wir waren. Tatsächlich allerdings deshalb, weil er war, was er war: ein Mann, der das Verlangen und, wie er meinte, auch das Recht hatte, Frauen etwas anzutun.»

Aufgewachsen in einem gewaltsamen Umfeld, ist Gewalt an Frauen für Rebecca Solnit an der Tagesordnung in der Umgebung, in welcher sie später lebt. Alles, was sie über Übergriffe an Frauen liest, könnte auch ihr passieren. Frauen haben weniger Rechte, sind schutzlos, müssen sich einschränken, um nicht zum Opfer zu werden und werden, wenn sie es werden, nicht ernst genommen. Nichts davon wird hinterfragt, es wird hingenommen in einer Gesellschaft, die diese Mechanismen seit Jahren und Jahrzehnten so vervollkommnet hat. So kann es nicht weiter gehen.

Als junge Frau findet sie ihre Stimme, schafft sich Raum zum Denken, zum Schreiben, um Aufmerksamkeit zu erlangen für das, was vorher im Verborgenen stattfand: Unterdrückung und Unrecht.

«Unziemliches Verhalten» ist ein eindrücklicher Bericht über eine Frau, die nicht länger hinnehmen wollte, was nicht sein darf.

Weitere Betrachtungen

«Sexuelle Belästigung ist der männliche performative Akt schlechthin, die Handlung, durch die ein Mann sein Objekt nicht nur davon überzeugen will, dass er die Macht hat – was stimmt –, sondern auch, dass seine Macht und seine Sexualität ein und dasselbe sind.»

Die männliche Machtstellung innerhalb der Gesellschaft ist über Jahrzehnte gewachsen, die Marginalisierung der Frau hat also System. Ein solches zeigt sich auf verschiedenen Ebenen des Lebens, unter anderem auch in der Sexualität, in welcher einer Rechte hat, der (die) andere quasi in der Pflicht steht. Dem Mann steht es nach dieser Logik zu, sich zu nehmen, was er will, während die Frau dieses geben muss.

«Sie waren Kultur: bestimmte Personen und ein System, das ihnen freie Hand liess, wegschaute, erotisierte, entschuldigte, ignorierte, abtat und trivialisierte. Diese Kultur und somit die Verhältnisse zu verändern schien mir die einzig angemessene Reaktion. Und das sehe ich noch genauso. »

Es hängt von der Stellung im System ab, wie sicher man in diesem leben kann, davon, zu welchem Geschlecht, zu welcher ethnischen Kultur man gehört, welche sexuelle Orientierung man hat. Dieses System zu ändern sollte das Ziel sein. Aber es gibt auch etwas bei sich selber, das man ändern kann, das man entwickeln kann, um diesem System und den Übergriffen, die in diesem passieren, entgegenzustehen:

«Vertrauen in dich selbst und deine Rechte, Vertrauen in deine Version, deine Wahrheit, deine Reaktionen und Bedürfnisse. Vertrauen darauf, dass da, wo du stehst, dein Platz ist. Vertrauen darauf, dass du wichtig bist.»

In einer Gesellschaft, in welcher man durch das eigene Geschlecht benachteiligt ist, in welcher einem weniger geglaubt wird, weil man eine Frau ist, in der man weniger Rechte und Möglichkeiten hat, ist es wichtig, an sich selber zu glauben und sich nicht in die untergebene Rolle zu fügen. Nur wenn man als einzelne Frau und als Frauen zusammen hinsteht und den eigenen Platz behauptet, sich dafür einsetzt, dass dieser nicht unter dem des Mannes ist, sondern diesem gleichwertig, gibt es eine Chance auf eine Veränderung der Lebensumstände hin zu einer Welt, in welcher Frauen und Männer als gleichwertige Menschen leben können.

Persönlicher Bezug

«Unsere Glaubwürdigkeit hängt nicht zuletzt davon ab, welches Bild von uns in der Gesellschaft vorherrscht, und es hat sich wieder und wieder gezeigt, dass eine Frau, mag sie objektiv gesehen auch noch so glaubwürdig und ihre Aussage durch Zeug*innen, Beweise und unser Wissen um hinlänglich dokumentierte Verhaltensmuster geschützt sein, bei all jenen, die Männer und ihre Privilegien schützen wollen, keinen Glauben finden wird. Im Patriarchat rechtfertigt die Definition der Frau per se schon ihre Ungleichbehandlung, und das betrifft auch ihre Glaubwürdigkeit.»

Beim Lesen dieses Buches ist mir einmal mehr bewusst geworden, womit ich als Frau oft lebe, ohne es wirklich zuordnen zu können, nur mit der leisen Ahnung, dass etwas daran nicht in Ordnung ist. Wie oft wird mir weniger Glauben geschenkt, wenn ich etwas wusste. Dinge, sogar aus meinem Fachgebiet, mit welchem sich der andere – wie er selber zugibt – noch wenig auseinandergesetzt hat, werden automatisch in Zweifel gezogen, man(n) muss sie nochmals nachprüfen. Wie oft, wenn ich es anspreche, werde ich obendrauf belächelt, weil der Mechanismus wohl so tief sitzt, dass er dem, der ihn lebt, wohl selber nicht auffällt. Und genau da liegt das Problem:

Es ist so viel so tief in unseren Köpfen verankert, dass wir ein eigentlich krankes System, welches verschiedene Gruppen (es sind ja nicht nur Frauen, es sind auch Schwarze, Behinderte, Homosexuelle und mehr) aufgrund verschiedener Kriterien unterdrückt und ausschliesst, nicht mehr als solches erkennen, dass wir unseren eigenen Beitrag dazu nicht wahrnehmen. Es gilt, hier mehr Bewusstsein zu schaffen, den Finger drauf zu halten und dafür einzustehen, dass sich etwas ändert. Nur so können wir den Weg hin zu einer gerechteren Welt gehen.

Fazit
Ein eindrückliches, persönliches und doch auch sachliches Buch darüber, was es heisst, in einem patriarchalischen System Frau zu sein, über die aus diesem Frausein entstehenden Missstände, und die Notwendigkeit, diese anzugehen für eine gerechtere und gleichberechtigtere Welt. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Rebecca Solnit, Jahrgang 1961, ist eine der bedeutendsten Essayistinnen und Aktivistinnen der USA. Sie ist Herausgeberin des Magazins Harper’s und schreibt regelmäßig Kolumnen für den Guardian. Für ihre Werke erhielt sie zahlreiche Preise und Auszeichnungen. Bei Hoffmann und Campe erschienen unter anderem ihre Bände Wenn Männer mir die Welt erklären (2015) und Die Dinge beim Namen nennen (2019). Rebecca Solnit lebt in San Francisco.

Angaben zum Buch
Herausgeber: HOFFMANN UND CAMPE VERLAG GmbH; 1. Edition (1. September 2021)
Taschenbuch: 272 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3455009521

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Jahresrückblick in Büchern – meine Highlights

Ein Jahresübergang bietet sich immer an, zurückzuschauen auf das, was war. Bücher haben in meinem Leben natürlich eine grosse Rolle gespielt. Es war ein sehr abwechslungsreiches Jahr, das einer Reise glich. Ich startete sehr intensiv mit Lyrik, konzentrierte mich dann bald auf die dichtenden Frauen – und auf Rilke. Es folgte eine Zeit, die hauptsächlich Ingeborg Bachmann gewidmet war, ich las ihre Gedichte, Biographien, Kurzgeschichten – und ich war fasziniert von dieser Frau, mit der ich doch in verschiedenen Punkten Parallelen zu haben schien.

Dann verschob sich der Fokus langsam hin zu Romanen, erst noch bunt gemischt, dann immer mehr darauf blickend, wer das Buch geschrieben hat. Ich kann nicht mal sagen, woher diese Ausrichtung kam. Es kamen verschiedene literaturtheoretische Bücher dazu und dann bewegte ich mich weiter auf meiner Reise, der Feminismus kam in den Fokus und er hat mich gepackt – mit allen Themen, ohne die er kaum zu denken ist: Sexismus, Rassismus, Patriarchat, Klasse – Intersektionalität also. Da bin ich noch, die Reise führte mich also hin (oder zurück, wie man es auch sehen könnte) zur Philosophie, daneben auch mit einer Faszination für Soziologie (und einem kleinen Bedauern, das damals nicht studiert zu haben – bleibt das Selbststudium, das mir sowieso am meisten liegt).

Zu meinen Lesehighlights, dies ohne den Anspruch, dass es wirklich die besten Bücher waren, aber es sind die, welche mir spontan im Sinn waren, als ich danach suchte:

  • Rainer Maria Rilke: Gesammelte Gedichte – Rilke ist wohl mein Lieblingsdichter, wenn man eine Rangliste machen wollte. Ich habe im Frühjahr dieses ganze Buch durchgearbeitet, habe mich mit der Interpretation einzelner Gedichte und deren Verbindung zum Leben Rilkes beschäftigt. Eine sehr spannende Zeit.
  • Mascha Kaléko: Mein Lied geht weiter – ich liebe diese Lyrikerin für ihre Melancholie, ihren versteckten und teilweise auch offensichtlichen Witz.
  • Edgar Rai: Ascona – einer der ersten Romane, mit denen ich in die nächste Phase stieg. Edgar Rai ist eine packende Romanbiographie über Erich Maria Remarque gelungen, die von der ersten bis zur letzten Seite spannend zu lesen ist und Lust auf Remarque macht.
  • Erich Maria Remarque: Drei Kameraden – das war dann das Resultat, für mich eine Entdeckung, da ich zwar den Namen kannte, aber noch nie etwas von ihm gelesen hatte. Diese Geschichte über drei Freunde und eine Liebe hat er in Edgar Rays Roman geschrieben – ein grossartiges Buch mit sehr viel Witz, Tiefe und Zeitkolorit.
  • Kate Kirkpatrick: Simone de Beauvoir – ein fundierter Einblick in Leben und Werk einer inspirierenden Frau, die mich ziemlich in ihren Bann zog, ich las viel von ihr und über sie danach, auch Alois Prinz’ Biographie, die ich ebenfalls empfehlen kann.
  • Franziska Schutzbach: Die Erschöpfung der Frau – ein wichtiger Einblick in die Situation der Frau in der heutigen Gesellschaft, ihre Kämpfe, ihre Rollen, ihre Erschöpfung, die daraus resultiert. Ein deutliches Bild, dass wir noch nicht erreicht haben, wonach wir schon so lange streben: Gleiche Rechte, gleiche Entlöhnung, gleiche Chancen, gleiche Sichtbarkeit, gleiche Anerkennung.
  • Nicole Seifert: Frauenliteratur – ein Blick auf die Welt der Literatur, auf die Frauen, die vergessen gingen, auf die, welche nicht berücksichtigt werden, auf die Abwertung, Ignoranz, die ungerechte Verteilung von Sichtbarkeit und Bewertung.
  • Daniel Schreiber: Allein – sehr persönliche Einblicke in ein zwiespältiges Lebensmodell, sein Ruf in der Gesellschaft und das persönliche Erleben.
  • Alice Schwarzer: Lebenslauf – durch ein Interview wurde ich auf sie aufmerksam und war in ihren Bann gezogen. Ich hatte sie vorher völlig anders, falsch eingeschätzt und lernte durch das Interview, vor allem aber auch durch dieses Buch eine grossartige Frau, die mit Mut und Leidenschaft ihren Weg ging und geht, kennen. Den zweiten Band werde ich sicher auch noch lesen (Lebenswerk).
  • Gisèle Halime: Seid unbeugsam – aufgewachsen in Tunesien merkte sie schon bald, dass für Mädchen andere Regeln gelten als für Jungen. Da sie das nicht wollte, begehrte sie auf – mit Erfolg. Sie ging ihren Weg gegen alle Widerstände: Eine beeindruckende Frau, die dafür kämpfte, als Frau Rechte zu haben – für sich und für andere.

Ich freue mich auf mein Lese-Jahr 2022, viele Bücher liegen schon bereit, die thematische Ausrichtung wird da ansetzen, wo das Jahr 2021 aufhörte: Die Gesellschaft und die darin vorherrschenden Verteilungen, Intersektionalität, (soziale) Gerechtigkeit – und sicher werden auch der eine oder andere Roman und ein paar Gedichte Platz finden. Ich hoffe, ihr begleitet mich weiter durchs 2022.

Was waren eure Buchhighlights?





Juliane Frisse: Feminismus

Inhalt

«Feminismus (von lateinisch ‘femina für Frau):
umfasst als Oberbegriff alle politischen, geistigen, gesellschaftlichen und akademischen Strömungen, die sich kritisch mit Geschlechterordnungen auseinandersetzen und die für die Gleichberechtigung der Frau sowie gegen Feminismus eintreten.»

Zwar würde ich die Definition etwas anders schreiben, den Begriff «Frau» durch einen weiteren, die ganze Menschheit in all ihren Ausprägungen inkludieren wollen, aber er bringt doch gut zur Geltung, worum es geht – in diesem Buch und beim Feminismus.

Juliane Frisse hat eine gut verständliche und leicht lesbare, dabei trotzdem fundierte und aufschlussreiche Einführung in ein noch heute aktuelles Thema geschrieben. Neben der Klärung einschlägiger Begriffe stellt sie Feministinnen und Frauenrechtlerinnen vor, richtet den Blick auf die einzelnen Geschlechter und die jeweiligen Zuschreibungen, aus welchen (unter anderem) Rechte, Pflichten und Stellung resultieren und richtet den Blick auf verschiedene Themen im privaten wie öffentlichen Leben: Quoten, Liebe und Sexualität, Gewalt, und mehr.

Das Buch richtet sich an ein jugendliches Zielpublikum, ist aber auch für Erwachsene durchaus ein Gewinn.

Weitere Betrachtungen

«Denn dass unsere und andere Kulturen zwischen verschiedenen Geschlechtern unterscheiden – oft zwischen genau zwei Geschlechtern, Männern und Frauen -, beeinflusst viele Dinge: wie wir als Menschen leben, wie wir handeln, wer Macht hat und wer nicht.»

Der Begriff ‘Feminismus’ legt es nahe, dass es dabei um die Frau geht. Ihre Anliegen sollen behandelt werden, Missstände in der Gesellschaft, die sie betreffen, beseitigt werden. Dabei ist, auch darauf weist das Buch gut hin, zu sagen, dass es nicht nur einen Feminismus gibt, sondern deren viele. Sie unterscheiden sich in der Ausgangslage, indem sie Geschlechterzuschreibungen anders sehen, und auch im Hinblick auf die Ziele und die Methoden, die zu erreichen. Nun ist aber das biologische Geschlecht nicht der einzige Grund, weswegen es zu Diskriminierungen kommen kann, es ist darf folgendes nicht vergessen werden

«…, dass Menschen aus vielen Gründen Benachteiligung erfahren, nicht nur wegen ihres Geschlechts, sondern beispielsweise auch wegen ihrer Staatsangehörigkeit, ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Religion. »

Auch mit der Intersektionalität, der Begriff für die Betrachtung verschiedener Gründe für Diskriminierung, befasst sich das Buch. Daneben werden Begriffe wie Patriarchat, Bodyshaming, Rape Culture, Queer und einige mehr ausführlich behandelt und in einem Glossar am Schluss des Buches nochmals kurz definiert. Die verwendeten Quellen werden im Anhang aufgeführt und bieten so die Möglichkeit der Überprüfung oder auch der vertiefenden Lektüre. Ein wirklich informatives Buch für eine solide Einführung in ein aktuelles und wichtiges Thema.

Persönlicher Bezug

«Feminismus ist die radikale Auffassung, dass Frauen Menschen sind.»

Was so offensichtlich klingt, ist es in Tat und Wahrheit nicht und vor allem noch nicht lange. War früher in Büchern vom Menschen die Rede, waren Männer gemeint, meist wurde sogar das noch mehr eingegrenzt und es waren nur freie und weisse impliziert. Es gab zu allen Zeiten Frauen, die sich dagegen auflehnten, manchmal konnten sich einzelne auch durchsetzen, doch in der Gesellschaft verfestigte sich nach und nach eine Struktur der männlichen Dominanz, die sich in alle Bereiche des täglichen Lebens ausbreitete. Das zu ändern ist das Hauptanliegen des Feminismus: Eine Gesellschaft aus gleichwertigen und gleich freien Menschen zu schaffen, denen die gleichen Chancen und Möglichkeiten offenstehen, sich ihr Leben einzurichten und zu leben – unabhängig vom Geschlecht, von der Hautfarbe, Herkunft, Religion oder sonstigen individuellen oder auch kollektiven Zuschreibungen. 

Ich habe lange nicht gemerkt, wie sehr mich das Thema betrifft – auf persönlicher wie auch auf sachlicher Ebene. War Gerechtigkeit schon immer ein Thema, das mir am Herzen lag (im Leben und in der Forschung), so habe ich Missstände unserer Gesellschaft am eigenen Leib erfahren müssen durch die Jahre hindurch. Ich bereue, mich dem Thema nicht früher angenommen zu haben, denke aber: Besser jetzt als nie!

Fazit
Eine Einführung ein immer noch aktuelles Thema, gut lesbar, informativ und aufschlussreich. Nicht nur für junge Menschen. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Juliane Frisse hat in Berlin Soziologie und Politikwissenschaft studiert und wurde an der Deutschen Journalistenschule in München ausgebildet. Seit September 2017 ist sie Redakteurin bei ZEIT ONLINE. Davor hat sie beim Bayerischen Rundfunk, bei jetzt.de und beim DUMMY VERLAG gearbeitet, zuletzt als redaktionelle Leitung für fluter.de. Für ein Radiofeature über das Frauenbild im Film wurde sie mit dem Juliane Bartel Medienpreis ausgezeichnet.

Angaben zum Buch
Herausgeber: Carlsen; 4. Edition (22. März 2019)
Taschenbuch: 208 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3551317445

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort und online u. a. bei AMAZON.DE und ORELLFUESSLI.CH

Julian Barnes: Vom Ende einer Geschichte

Was kann man vom eigenen Leben wissen?

„Das letzte Bild habe ich nicht wirklich gesehen, aber am Ende ist das, was man in Erinnerung behält, nicht immer dasselbe wie das, was man beobachtet hat“.

Tony Webster denkt über sein Leben nach, reist in der Zeit zurück bis zu seiner Schulzeit, der Zeit, in der Adrian Fynn in seine Klasse gekommen ist und sich ihm und seinen beiden Freunden anschloss, aus dem Dreier- in Vierergespann machte. Oder haben sich die drei Adrian angeschlossen? Wer war Ziehender, wer Gezogener? Die Geschichte scheint nicht so eindeutig, wie man sie gerne hätte. So oder so veränderte sich mit Adrian vieles im Leben der Jugendlichen.

„Natürlich waren wir prätentiös – wozu ist Jugend sonst da?“

Neben der Ausbildung, den Auseinandersetzungen mit Geschichte

„Geschichte ist ein Sandwich mit rohen Zwiebeln, Sir. […] Sie stösst einem immer wieder auf, Sir. Sie rülpst.“

Literatur und vielem mehr, was den Weg Jugendlicher säumt, spielen Sex und mögliche und unmögliche Beziehungen eine grosse Rolle im Leben der drei.

„Gewöhnlich verspricht die erste Liebe, selbst wenn sie nicht gut ausgeht – vielleicht gerade wenn sie nicht gut ausgeht -, dass wir nun endlich wüssten, was das Leben lebenswert macht und rechtfertigt.“

Nach der Schule trennen sich ihre Wege, bis eines Tages die Nachricht von Adrians Selbstmord die ehemaligen Freunde ereilt und neue Fragen aufwirft. Allen voran immer wieder die nach der eigenen Erinnerung, nach dem, was man eigentlich vom eigenen Leben weiss und wissen kann.

Auf sehr engem Raum entwickelt Julian Barnes eine tiefgründige Geschichte, die nachdenken lässt, mehr Fragen als Antworten liefert und Abgründe menschlichen Seins und Tuns offen legt. Ein packendes Buch, ein tiefes Buch, eines, das man schnell lesen möchte und dabei doch immer wieder innehält, in Gedanken versinkt, weiter liest und am Schluss ergriffen ist, weil die Geschichte nach der letzten Seite noch nicht zu Ende ist – zumindest nicht die eigene Auseinandersetzung damit.

Dazu passt ein Zitat von Max Frisch:

„Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält, oder ein ganze Reihe von Geschichten.“

Fazit:
Nachdenklich, dicht, sprachlich und inhaltlich packend. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Julian Barnes
Julian Barnes, 1946 geboren, arbeitete nach dem Studium moderner Sprachen als Lexikograph, dann als Journalist. Von Barnes, der zahlreiche internationale Preise erhielt, zuletzt den David-Cohen-Prize, liegt ein umfangreiches erzählerisches und essayistisches Werk vor, darunter die Romane „Flauberts Papagei,“ „Eine Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln“ und „Darüber reden“. Julian Barnes lebt in London. Gertraude Krueger, 1949 geboren, lebt als Dozentin und freie Übersetzerin in Berlin. Zu ihren Übersetzungen gehören u.a. Sketche der Monty-Python-Truppe und Werke von Julian Barnes, Alice Walker, Siri Hustvedt, Jhumpa Lahiri und E.L. Doctorow.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & WitschVerlag (1. Dezember 2011)
ISBN-Nr.: 978-3462044331
Preis: EUR  18.99 / CHF 29.90

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