Thomas Sparr: Todesfuge. Biographie eines Gedichts

Inhalt

«Todesfuge

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete

er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne
er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith

wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr anderen spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen

Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus  Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus
Deutschland  
 
dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith»

In den Jahren 1944/45 entstand wohl eines der bekanntesten Gedichte deutscher Lyrik: Paul Celans «Todesfuge». Es fand Eingang in zahlreiche Anthologien und Schulbücher, wurde wieder und wieder zitiert und adaptiert. Paul Celan wiederlegte damit Adornos Ausspruch, dass nach Auschwitz keine Gedichte mehr geschrieben werden könnten, er zeigt aber auch, dass solche in einer neuen Sprache geschrieben sein müssen. Eine Sprache, die einen Bruch zeigt zu dem, was war, eine Sprache, die ermöglicht zu sagen, was eigentlich unsagbar ist.

Thomas Sparr geht diesem Gedicht in seinem Buch auf den Grund. Er zeigt, wie es entstanden ist, was die Beweggründe für die Entstehung waren und wie es später rezipiert wurde. Er schreibt damit nicht nur eine Biographie eines Gedichts, sondern er zeigt auch, dass die Biographie seines Autors tief in dieses eingeschrieben ist.

Weitere Betrachtungen
Das Buch erschien 2020, Paul Celan wäre in dem Jahr 100 Jahre alt geworden. Der Titel zeigt deutlich, dass es sich nicht um die Biographie des Lyrikers handelt, sondern um die des Gedichts. Folgerichtig lässt Sparr nur das aus Celans Biographie einfliessen, was für die Entstehung des Gedichts wichtig war, weil es in diesem verarbeitet wurde oder aber als Grundlage für die Entstehung diente.

Thomas Sparr wollte mit diesem Buch eine Lücke schliessen. Gilt die Todesfuge als eines der bekanntesten Gedichte, das oft zitiert und publiziert wird, ist über dessen Entstehung landläufig nur wenig bekannt. Es ist ihm gelungen, nicht nur ein gut fundiertes, ausführliches Bild der Hintergründe und der Entstehungszeit zu zeichnen, auch die Rezeption hat er gut herausgearbeitet und so quasi eine Lebensgeschichte eines Gedichts geschaffen. Gleichzeitig öffnet dieses Buch auch den Blick auf das Zeitgeschehen, die gesellschaftlichen Zustände in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg.

Indem Thomas Sparr dem Leser all diese Informationen liefert, lässt er diesem doch genug Spielraum für eigene Betrachtungen und Interpretationsansätze. Denn eines ist sicher: Es gibt für dieses Gedicht keine eindeutige und absolut gültige Interpretation. Die Sprache ist zu komplex, die Querbezüge auf andere Werke, die Metaphern und Bilder sind zu vieldeutig, die Gedanken und Brüche sind zu tief. Dies ist auch die Botschaft von Thomas Sparr, was sein Buch umso mehr auszeichnet.

Persönlicher Bezug
Auf Paul Celan stiess ich über Ingeborg Bachmann, die mich lange sehr intensiv beschäftigte und auch faszinierte. Natürlich war mir Paul Celan auch schon vorher ein Begriff gewesen, aber nie in der Tiefe, in welcher ich ihn danach kennenlernte. In diesem Gedicht vereinigen sich einige meiner Forscherleidenschaften: Lyrik, die Auseinandersetzung mit Sprache allgemein und die Beschäftigung mit dem Holocaust und dessen Folgen.

Fazit
Ein sehr informatives, kompetentes, aufschlussreiches und doch gut lesbares Buch über eines der wohl bekanntesten Gedichte der Deutschen Lyrik. Für Lyrikliebhaber, insbesondere für an Paul Celans Lyrik Interessierte ein Gewinn. Sehr empfehlenswert.

Zu Paul Celan
Paul Celan wird am 23. November 1920 in Czernowitz, Grossrumänien als Paul Antschel geboren. Celan lernt schon als Kind Gedichte auswendig, er liebt die deutsche Literatur, allen voran Hölderlin, Heine und Kafka. Es dauert nicht lange, dass eigene Gedichte aus seiner Feder fliessen. Er studiert zuerst Medizin, dann Romanistik mit Unterbruch wegen des Krieges. 1947 geht er nach Wien, 1948 nach Paris. Im selben Jahr lernt er auch Ingeborg Bachmann kennen – eine nicht lebbare Liebe. Er heiratet später eine andere, Gisèle Lestrange.

Traumatisiert von den schrecklichen Erlebnissen des Krieges, sieht sich Paul Celan Zeit seines Lebens als Opfer. Vor allem die Frauen in seinem Leben kriegen das zu spüren, denn sie werden in die Schuldrolle gedrängt. Paul Celan ist ein Gefangener seiner Vergangenheit. Und er versucht, diese zu bewältigen. Nicht einfach für einen, der in der deutschen Sprache verhaftet ist, in dem Sprachraum dringend Aufmerksamkeit und Erfolg sucht, sich aber davon abgrenzen will. Die Folge ist eine immer mehr ins Unverständliche abdriftende Sprache.

Paul Celan zieht sich mehr und mehr zurück, wird gegen die ihm Nahem immer aggressiver, bricht den Kontakt zu den anderen ab. Die Welt scheint ihm immer fremder zu werden, die Menschen sieht er mehr und mehr als Feinde. 1970 entzieht er sich dem, was für ihn nicht mehr tragbar ist, er steigt in die Seine und ertrinkt. 50 Jahre nach seiner Geburt.

Autor
Thomas Sparr, Jahrgang 1956, war nach dem Studium der Literaturwissenschaft und Philosophie in Marburg, Hamburg und Paris von 1986 bis 1989 an der Hebräischen Universität in Jerusalem tätig, anschließend im Deutschen Literaturarchiv in Marbach. Von 1990 bis 1998 leitete er den Jüdischen Verlag, war Cheflektor des Siedler Verlags und arbeitet heute als Editor-at-Large im Suhrkamp Verlag in Berlin. Er ist mit Arbeiten zu Paul Celan hervorgetreten. Zuletzt erschien von ihm »Grunewald im Orient. Das deutsch-jüdische Jerusalem«.

Angaben zum Buch
Herausgeber: ‎ Deutsche Verlags-Anstalt; Originalausgabe Edition (10. März 2020)
Taschenbuch: ‎ 336 Seiten
ISBN-13: ‎ ‎ 978-3421047878

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4 Kommentare zu „Thomas Sparr: Todesfuge. Biographie eines Gedichts

  1. Auge der Nacht

    Dies ist in uns
    das Auge der Nacht
    nicht zu übertönen
    vom Tag

    es weiss
    die Geschichte
    der Hand
    der Sünde
    den Fingern entlang

    Staub
    aus dem Auge
    innen
    auf die Haut

    die Ahnen wimmern
    unter gefallenen Sternen
    im Traum

    zimmern
    an ihren Knochen
    der Welt
    den Tod
    im Gleichklang

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  2. Adorno hat sich später selbst korrigiert. Brecht und Adorno waren wohl so kurz nach der Befreiung von und Zerschlagung des Hitleregimes zu mitgenommen, um nicht alles Kulturelle unter Generalverdacht zu stellen. Das Buch hört sich interessant an. Passend zum Gedicht auch Bachmanns „Unter Mördern und Irren“.

    Gefällt 1 Person

    1. Bachmanns Gedicht ist grossartig, sie hat auch eine Kurzgeschichte zu dem Thema verfasst, ebenfalls sehr lesenswert.

      Adorno war mit dem Gedanken ja nicht allein, die Dichter gingen dann aber oft dahin, sie zu ergänzen, indem sie sagten: Es ist nicht mehr in derselben Form wie vorher möglich. Dazu suchten sie dann eine neue Sprache, um durch den Sprachbruch den Kulturbruch zu signalisieren. Manche trieben es soweit (Celan war dabei), dies soweit zu treiben, dass die Gedichte auf den ersten Blick nicht mehr verständlich waren – manchmal auch auf den zweiten nicht oder sich einer eindeutigen Interpretation ganz verschlossen.

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      1. Stimme komplett überein. Ich mochte dennoch die emotionale Intensität Adornos. Sie findet in der Übertreibung die Wahrheit, die ein Weiter eröffnet. Ich werde mal ins Buch hineinschauen!

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