Gedankenvoller Jahresausklang

Das Jahr neigt sich dem Ende zu, heute ist der letzte Tag. Ich merke, wie ich stiller werde, wie ich beginne, das Jahr zu reflektieren, hinsehe, was war, wie mein Weg durch dieses Jahr aussah. Es sind nicht mal so sehr die Erlebnisse, die mich beschäftigen, eher die Gefühlswelten, die Interessenlagen, die Themen, die präsent waren. Und wenn ich diesen Weg ansehe, der doch ein sehr kurvenreicher war, kommt natürlich der Gedanke ans neue Jahr auf: Wie wird der Weg weiter gehen? Was sind meine Ziele, meine Wünsche, meine Möglichkeiten?

Max Frisch schrieb:

„Schreiben heisst, sich selber lesen.“

Ich merke, dass mir im Moment die Antworten fehlen, also fange ich an zu schreiben. Ich fülle Seite um Seite im Notizbuch und versuche, mich selbst zu finden, zu ergründen. Es ist ein stiller Prozess des Herantastens. Einst sagte ich, ich sei ein schreibender Mensch. Das bestätigt sich immer wieder. Schreibend versuche ich, die Welt und mich in ihr zu verstehen. Und manchmal komme ich beidem für einen Moment auf die Schliche. 

Lebenskunst: Den eigenen Weg finden

„Um Wasser zu finden, solltest du nicht überall kleine Löcher graben, sondern an einer einzigen Stelle bis auf den Grund bohren.“ (Nisargadatta Maharaji)

Die Welt bietet so viele Möglichkeiten, Dinge zu lernen. Alle sind sie reizvoll, alle sind sie inspirierend, in jedem Gebiet findet man Menschen, die einen beeindrucken in ihrem Tun und Können und Sein. So etwas würde man sich auch wünschen. Und so fängt man an, taucht in eine Sache ein, während man nebendran drei andere sieht, die auch toll wären. Und irgendwann wird es ein wenig harzig beim eigenen Weg und man sieht bei einem anderen, dass das einfacher wäre. Und wechselt. Das passiert vielleicht nicht nur einmal, sondern mehrere Male.


Das positive daran ist, dass man viel kennenlernt, viel mitnimmt auf dem Lebensweg. Auf der Strecke bleibt aber die wirkliche Tiefe in einer Sache. Man kratzt meist an der Oberfläche, taucht ein paar Meter, stösst dann zurück an die Oberfläche und kratzt an einer anderen Stelle. Das ist nicht grundsätzlich schlecht, im Gegenteil, es kann sehr befriedigend sein. Wenn man aber wirklich tief gehen möchte, dann wird dieser Weg nie dahinführen.

Wirkliches Eintauchen, wirklich einen Weg zu gehen, mit all seinen Hürden, Schwierigkeiten und Herausforderungen, bedeutet, sich diesem Weg zu verpflichten. Es bedeutet, die Herausforderungen zu meistern, um dann die Früchte zu ernten, die durch die intensive Auseinandersetzung wachsen.

„Mein lieber Freund, du solltest in deinem Leben einen Mittelweg finden zwischen Geben und Empfangen.“ (Bhagavad Gita)

Ich hatte in meinem Leben beide Phasen, die des tiefen Eintauchens und die des eifrigen Suchens, Findens, Verwerfens, neu Suchens. Jedes neue Finden war mit einem Schub neuer Energie verbunden, mit Begeisterung, mit Enthusiasmus. Es war wie Fliegen auf einem Strom von Energie, der mich trägt. Das hielt selten an. Es lässt sich vielleicht vergleichen mit der Liebe: Wenn die erste Verliebtheit schwindet, zieht man auf zu neuen Ufern, um wieder zu schwelgen, verliebt zu schwärmen, im Hochgefühl zu baden. Eine tiefe Liebe wird so nie entstehen. Dazu müsste man sich auf einen Menschen einlassen. Tief einlassen. Mit allem, was gut ist. Mit allem, was schwer ist. Gerade beim Schweren zeigt sich, ob die Liebe trägt. Ob man auch fähig ist, sich tragen zu lassen und mitzutragen, denn beides ist nötig.

„Die persönliche Pflicht im Leben sollte man als seine Verantwortung für das eigene höchste Selbst ansehen.“ (Bhagavad Gita)

Genauso sehe ich heute den Lebensweg: Es ist ein Einlassen auf etwas, das mir selbst entspricht. Mein Leben leben bedeutet für mich, meine Aufgabe zu erfüllen in dem Sinne, dass ich das, was in mir ist, lebe, mich ihm verschreibe, auch wenn es nicht nur einfach ist. Im Yoga gibt es dafür den Begriff Svadharma: Seiner Berufung folgen, die eigene Aufgabe in dieser Welt gut erfüllen. Dabei gibt es keine höheren oder tieferen Aufgaben, sie sind alle wichtig, sowohl für das eigene Leben wie auch für das Zusammenleben als Gesellschaft.

Was ist deine innere Pflicht? Wo siehst du deinen Weg?

Lebenskunst: Panta Rhei

«Wer in denselben Fluss steigt, dem fliesst ein anderes und wieder anderes Wasser zu.» Heraklit

Heraklits Lehre vom Wasser ist eine Lehre vom Leben. Es gibt nichts, was einfach ist und bleibt, alles bewegt sich, verändert sich fliesst weiter, ändert sich in seiner Form. Eigentlich wünschen wir uns oft Kontinuität, diese wird auch als wichtige Eigenschaft bewertet, weil sie Verbindlichkeit und eine Form von Sicherheit mit sich bringt. Wir wissen, woran wir sind, bei uns und bei anderen. Nur: Das ist nicht nur nicht möglich immer, es entspricht auch den Tatsachen nicht.

Wenn ich an etwas festhalte, mich selbst aber verändere, werden irgendwann ich und das von mir Festgehaltene nicht mehr zusammenpassen. Wenn ich mich dann krampfhaft daran klammere, weil ich nicht aufgeben will, wofür ich mich mal entschieden habe, entferne ich mich langsam von mir selbst. Ich klammere an einem Selbst, das ich nicht mehr bin und ignoriere das, was ich geworden bin. Dass dies mit der Zeit Leid mit sich bringen wird, liegt auf der Hand.

Nun ist auch eine Veränderung nicht immer ohne Leid. Oft werden wir auch von aussen auf das festgesetzt, was wir einmal waren. Sind wir nun plötzlich durch eine Veränderung anders geworden, verlieren andere Menschen den Faden, sie haben die Entwicklung nicht nur nicht durchgemacht, sie haben sie vielleicht auch nicht gewollt – vor allem, wenn ich mich auf eine Weise verändert habe, die sie tangiert, weil ich vielleicht selbstbewusster geworden bin, auch mal nein sage, meinen eigenen Kopf habe und dieser meinen Weg bestimmt Das mag schmerzhaft sein, zeigt aber auch viel: Wer nicht bereit ist, mit mir meinen Wandel mitzuleben, der will in einem leblosen Dasein verharren. So wenig, wie ich jemandem in den Tod folgen wollte, so wenig sollte ich ihm meine Lebendigkeit opfern, indem ich mich weiter in den vorgespulten Mustern bewege, denn: Sie sind nicht mehr ich, ich bin in ihnen nicht mehr zu Hause.

«Wir steigen in denselben Fluss und doch nicht in denselben, wir sind es und wir sind es nicht.» Heraklit

So hat sich über die Jahre auch bei mir immer wieder eine Veränderung angezeigt, Dinge kamen, Dinge gingen, Lebensinhalte wurden wichtig, schwanden wieder, um neuen Platz zu machen. Und manchmal kommt einer wieder hervor, der über lange Zeit prägend, tief und wichtig war, lebenswichtig: Yoga und die östliche Philosophie, die Meditation und der Buddhismus. Zwar waren sie nie ganz weg, aber sie haben sich über ein paar Jahre nun nur auf meine Übungen auf der Matte jeden Morgen beschränkt. Zwar wusste ich immer, wie viel mir fehlte, ich spürte immer diese Sehnsucht in mir, aber ich konnte all dem nicht nachgeben. Bis ich es nun wieder tat. Und da war es: Dieses Gefühl: Nun bin ich zu Hause Ich bin nicht mehr am selben Ort, wie ich aufhörte, ich bin nicht mehr dieselbe auf der Matte, Yoga hat eine neue Qualität bekommen, auch das ist nicht mehr dasselbe Es ist tiefer, es ist grösser, es ist noch wichtiger als je zuvor. Und fast will mir scheinen, dass diese Zeit dazwischen genauso zu meinem Yogaweg gehörte wie die intensive Zeit vorher und jetzt. Sie hat mich Dinge gelehrt, hat mir vieles gezeigt, hat mich wandeln und wachsen lassen.

Am Schluss ist es doch nur ein Leben, ein Selbst und ein Fluss. Und doch auch wieder nicht.

Lebenskunst: Gewaltlosigkeit

Vor einigen tausend Jahren lebte Patanjali, ein indischer Gelehrter und er schrieb neben anderen Werken auch das Buch, das noch heute einen grossen Stellenwert in der Yogaphilosophie hat: Die Yogasutras. 195 Sutras, welche den Weg hin zum Ziel des Yoga, hin zur Einheit mit allem zeigen, den Ort, an dem das geistige Kreisen und irdische Suchen und Irren und Hasten und sich Aufreiben ein Ende findet.

Patanjali beschrieb den Yoga als achtgliedrigen Pfad, an dessen Anfang ethische Prinzipien stehen: Die Yamas und die Niyamas, Prinzipien des Umgangs mit anderen und solche für den Umgang mit mir selbst. Das erste Yama, der erste Schritt auf diesem Weg also, heisst: Ahimsa. Landläufig wird es mit Gewaltfreiheit übersetzt, dem biblischen Gebot des «du sollst nicht töten» verwandt.

Bei so alten Schriften liegt die Frage immer nahe: Was hat das mit mir heute zu tun. Bei ahimsa liegt das auf der Hand: Wenn wir lesen, man soll gewaltfrei leben, weil Gewalt nur Leid schafft, wird wohl jeder gleich zustimmen und den tiefen Sinn und Wert darin erkennen. Doch was kommt nach dem Kopfnicken? Wo bleiben die Handlungen? Leben wir wirklich gewaltfrei? In die Welt geschaut, sieht man Krieg und Streit, man sieht Ausbeutung und Zerstörung. Gewaltfreiheit sähe anders aus, es hätte eher mit Frieden, mit Miteinander, mit Bewahrung und Aufbau zu tun. Aber ja, die grosse weite Welt und wir kleinen Wesen – was können wir schon tun.

Wir könnten hinschauen. Bei uns selbst. Leben wir wirklich gewaltfrei? Fleischkonsum ist das offensichtlichste Problem, das dem gegenübersteht: Indem wir Tiere töten, um sie zu essen, wenden wir Gewalt an. Wir könnten diese immerhin reduzieren durch einen bewussteren Konsum. Vielleicht muss es nicht täglich das Billigfleisch aus dem Discounter sein, das aus einer qualvollen Massentierhaltung stammt, sondern es reicht einmal die Woche ein Stück vom Biobauern?

Es geht aber noch weiter: Wie gehe ich mit mir um? Wie oft stehe ich vor dem Spiegel, kritisiere Falten, Speckröllchen, graue Haare, die zu grosse Nase, die schielenden Augen, die ungraden Zähne – und was es sonst noch alles gibt. Ich schelte mich über Verhaltensweisen, die vielleicht unglücklich waren, werfe mir Versäumnisse und Unkenntnis vor – die Liste liesse sich verlängern. Und: Meistens, wenn wir mit uns selbst so kritisch und destruktiv umgehen, ist unser Blick auf die anderen ebenso: Wir lästern über zu enge Hosen bei zu dicken Hintern, über zu junge Partner und zu alte Eltern, wir kritisieren Verhaltensweisen, die unseren Massstäben und Lebensmaximen widersprechen, belächeln zu naive Gedanken und dumme Fehler. Wir führen Krieg. Kleinkrieg gegen uns und andere.

Patanjali schreibt:

«Wer fest in der Gewaltlosigkeit gründet, in dessen Gegenwart lassen andere von Feindseligkeit ab.» (II.35)

Vielleicht sind wir gar nicht so klein? Vielleicht können wir was tun? Indem wir bei uns hinschauen, für und mit uns liebevoller werden, Gewalt aus dem Spiel lassen? Indem wir gegen andere milder werden, sie leben lassen? Und dann das alles ausstrahlen und in die Welt tragen? Vielleicht verändert sich was – wenn auch nur im Kleinen erst? Aber: Kleines zieht Kreise, wird gross.

Auch das ist Yoga. Das wichtigste steht im ersten Sutra:

«atha yoga-anusanam.»

Jetzt ist die Zeit für Yoga. Fangen wir mit der Gewaltlosigkeit an.

Lebenskunst: Ausdauer führt zum Ziel

«Nicht das Beginnen wird belohnt, sondern einzig und allein das Durchhalten.» Buddha

Seit vielen Jahren steige ich jeden Morgen auf meine Yogamatte und mache da die immer gleichen Übungen. Eine Freundin fragte mich mal, ob ich ihr Yoga zeigen könnte, etwas, das sie zu Hause für sich üben könne Ich zeigte ihr einen Sonnengruss, übte ihn mit ihr immer wieder und sagte dann, sie solle nun jeden Morgen diese Form des Sonnengrusses machen. Nach drei Tagen rief sie mich an und fand, das sei doch eher langweilig, jeden Morgen das gleiche zu machen, ob es nicht noch mehr gäbe. Das gibt es natürlich. Viel mehr.

Geht man zurück zu Patanjali (er schrieb eines der Grundlagenwerke des Yoga), gab es gerade mal eine Yogaübung: Den Schneidersitz. Es ist die einzige Körperübung, die beschrieben ist und sie hat ausgereicht, um das Ziel des Yoga zu erreichen: Einheit – mit sich und der Welt. In dieser einen Haltung ist also alles, was es braucht, den Yogaweg zu gehen und zum Ziel zu gelangen. Etwas später kam man dann zum Schluss, dass diese Asana (so heissen die Stellungen im Yoga) nicht ausreicht, den Körper gesund zu erhalten, was nötig ist, um sich ganz der Konzentration, der Innenschau, der Versenkung und dem Erreichen der höchsten Ruhe zu widmen. Die Asanapraxis, der unseren heute ähnlich, wurde erfunden. Mittlerweile gibt es eine Unzahl von Asanas und es werden wohl noch immer auch neue erfunden.

Es stellt sich also die Frage: Warum um Gottes Willen mache ich jeden Morgen dieselben? Ich bin damit meistens ungefähr eine Stunde auf der Matte, die könnte ich sicher abwechslungsreicher gestalten, würde man meinen. Aber nein: Ich habe so schon genug Abwechslung. Dass meine Yogapraxis unterschiedlich lange dauert, hat verschiedene Gründe: Einerseits fliesst mein Atem nicht immer gleich. Bin ich aufgewühlt, aufgeregt, fliesst er schneller. Das lässt sich mit Atembewusstsein teilweise ausgleichen, aber nie über eine Stunde hinweg konstant. In solchen Zeiten dauert meine Praxis weniger lang, da die einzelnen Stellungen und Bewegungen sich dem Fluss des Atems anpassen. Dann gibt es immer wieder Erkenntnisse, die ich aufschreiben möchte, um später damit weiterzuarbeiten. Das Wichtigste aber scheint mir, dass ich durch die immer gleiche Praxis näher bei mir selbst bin. Ich vergleiche mich nicht mit anderen, sondern ich sehe, was bei mir gerade los ist. Jede einzelne Asana dient als Gradmesser für mein Befinden. Jede Asana hat eine bestimmte Wirkung, spricht etwas anderes in mir an – körperlich und geistig. Je nachdem, wie ich mich in einer Asana fühle, wie sie gelingt (zum Beispiel die Balanceübungen), merke ich, wie es mir geht, wo ich stehe an diesem Tag. Das wäre in viel kleinerem Ausmass der Fall, würde ich mir jeden Tag ein neues Programm ausdenken. Selbst dann ist viel an Innenschau und Erkenntnis möglich, aber für mich ist das so der beste Weg.

Jeder Mensch ist anders. Jeder Mensch hat andere Bedürfnisse. Was aber sicher immer gleich ist: Wenn du etwas erreichen willst, musst du dranbleiben. Pattabhi Jois sagte einst, Yoga sei 1% Theorie und 99% Praxis und Schweiss. Picasso sagte etwas ähnliches über die Kunst. Es kommt also nicht drauf an, für welchen Weg du dich entscheidest, wichtig ist, ihn dann zu gehen, nicht nur ein paar Schritte.  

Lebenskunst: Kraft tanken

Meine Grossmutter war eine sehr lebenstüchtige und weise Frau. Sie hatte viel Humor, dachte pragmatisch («Mir geht es gut denn wenn ich denke, es geht mir nicht gut, geht es mir nicht besser.») und war überhaupt nicht religiös. Umso mehr erstaunte mich, dass sie oft am Sonntag in die Kirche ging. Ich fragte sie mal, wieso. Sie meinte, wenn sie auf der Bank sitze, wisse sie, dass sie nun einfach eine Zeit Ruhe für sich hätte. Dann denke ich sie über sich und das Leben nach und tanke Kraft für die nächste Woche. 

Nun hätte sie das natürlich überall machen können. Eine einsame Bank irgendwo wäre noch ruhiger gewesen, da keiner predigt und niemand links und rechts sitzt. Aber für sie musste es die Kirche sein. Ich denke, dass da doch mehr dahinter steckte. Dass da eine Verbindung spürbar war zu etwas Grösserem, wie auch immer geartet.

Für meine Grossmutter war die Kirche ein Kraftort. Sie war ein Ort, an dem sie auftanken konnte für sich und für das Leben, das viel von ihr forderte. Andere Menschen haben andere Kraftorte. Für den einen sind es die Berge, der andere tankt am Meer auf, Bäume, Steine, alles können Kraftorte sein. Mein wichtigster Kraftort ist die Yogamatte. Egal, wie müde ich bin – körperlich oder geistig -, meine Zeit auf der Matte ist mir heilig. Die Zeit auf der Matte gehört nur mir. Hier atme ich, fühle ich, bin ich und finde immer viel über mich heraus. Mein Körper zeigt mir tagtäglich, wo ich stehe, wo meine Grenzen sind, womit ich auch kämpfe. Ich muss nur hinsehen.

Ich bin dankbar für diesen Ort. Ich bin dankbar dafür, Zeit für mich zu haben, mir die nehmen zu können. Und ich bin dankbar für all die Erkenntnisse, mit denen ich von der Matte steige. Das ist für mich zentral: Yoga findet nicht (nur) auf der Matte statt, es ist das, was ich von der Matte mit ins Leben mitnehme. Es gab in all den Jahren, die ich nun auf meinem Yogaweg bin, kaum einen Tag ohne Yoga. Das Schöne an der Yogamatte ist, dass man sie überall ausbreiten kann. Und manchmal muss es nicht mal eine Matte sein, es reicht schon ein Stück Boden und die Bereitschaft, sich die Zeit für sich zu nehmen.

Was ist dein Kraftort? Wo und wie tankst du wieder auf, wenn die Batterien leer sind?

Lebenskunst: Sehen, was ist

«Führe mich vom Unwahren zum Wahren, führe mich von der Dunkelheit ins Licht. Führe mich von dem, was tot ist, zu dem, was lebendig ist.» Upanishaden

Wenn ich durch die Strassen laufe, sehe ich Bäume, Häuser, Autos. Ich stecke alles in Schubladen, in die Schublade der Begriffe: Baum, Auto, Haus. Näheres Hinsehen erübrigt sich. Scheinbar. Ich sehe Menschen in ihren Kleidern, ihrer Mimik, ihrer Frisur. Und ich bilde mir ein Urteil, ich bilde mir ein, zu wissen, wer sie sind. Ich erlebe sie, wie sie etwas tun und bewerte es mit gut oder falsch. Auch da erübrigt sich das nähere Hinschauen. Scheinbar.

Bei Lichte betrachtet sehen wir so gar nichts, wir folgen nur unseren eigenen Vorstellungen davon, wie die Welt ist, kategorisieren die Welt nach mentalen Konstrukten wie gut und schlecht, und verschliessen uns so der Wirklichkeit, wie sie ist. Gut und schlecht sind keine Eigenschaften von irgendetwas, es sind blosse Zuschreibungen, die auf Erfahrungen, Konventionen, Einstellungen beruhen – also menschengemacht, subjektiv und von der Vergangenheit geprägt.

Auf diese Weise tue ich nicht nur anderen Menschen Unrecht, auch ich selber nehme mir die Möglichkeit, die Vielfalt und Schönheit der Welt zu sehen, wie sie ist. Ich nehme mir die Möglichkeit, auf das zu reagieren, was wirklich passiert, indem ich eigentlich noch aus der Vergangenheit heraus reagiere – was sehr oft zu leidvollen Situationen führt. Vielleicht wäre es ein erster Schritt, wenn ich das nächste Mal etwas in gut oder schlecht einteile, hinzusehen: Wieso ist das schlecht? Wer sagt das? Daraus könnte eine offener Sicht und damit auch ein lebendigeres Leben entstehen, weil nicht schon alles in praktischen Schubladen verpackt erscheint, sondern frei tanzen darf.

Und: Nur so sind wirkliche Begegnungen mit anderen Menschen möglich, da ich wirklich hinsehe, wer sie sind.

Christiane Wunderlich: 6 Schritte zur Achtsamkeit

Ein Stressbewältigungsprogramm für mehr Gelassenheit und Lebensfreude

Mehr Achtsamkeit im Alltag

„Präsenz zu entwickeln, heisst, mit der Aufmerksamkeit und den Gedanken bewusst im gegenwärtigen Moment zu sein, bei dem, was jetzt gerade ist oder was wir gerade tun.“ Christiane Wunderlich

Thich Nhat Hanh zitiert in seinen Büchern gerne einen Mönch, der Achtsamkeit folgendermassen beschreibt:

„Wenn ich gehe, gehe ich,
wenn ich esse, esse ich,
wenn ich trinke, trinke ich.“

Oft kommt dann der Einwand, dass man das doch auch tue. Doch ist es wirklich so? Denken wir beim gehen nicht schon ans Ankommen? Essen wir nicht schnell mal etwas im Stehen zwischendurch, um schnell weiter zu können? Planen wir nicht heute schon, was wir morgen machen?

Kürzlich las ich diesen schönen Satz:

„Geniesse deine Gegenwart, dann hast du in Zukunft eine schöne Vergangenheit.“

Leider haben wir genau das oft verlernt. Wir sind getrieben von eigenen und fremden Ansprüchen, denen wir allen gerecht werden wollen, und vergessen uns dabei oft selbst. Wie fühlen wir uns? Ist das wirklich das Leben, das wir leben wollen? Wem es so geht, dem sei das kleine Buch von Christiane Wunderlich empfohlen: „6 Schritte zur Achtsamkeit. Ein Stressbewältigungsprogramm für mehr Gelassenheit und Lebensfreude“

Christiane Wunderlich erklärt zuerst, was Stress ist und wie er sich auswirkt auf unseren Körper. Danach führt sie ins Thema Achtsamkeit ein und zeigt auf, wie diese helfen kann bei der Stressbewältigung. Sie hat ein Programm in sechs Schritten entwickelt, das hilft, den eigenen Stress zu erkennen und mit gezielten Übungen dagegen anzugehen, um das Leben gelassener und freudvoller zu gestalten.

Entstanden ist ein kleines, leicht lesbares Buch mit guten Anleitungen, die einzelnen Übungen gleich umzusetzen.

Fazit:
Ein lebenspraktisches Buch mit leicht anwendbaren Übungen für ein wichtiges Thema in der heutigen Zeit, das vielen Menschen Leid bringt. Empfehlenswert!

Die Autorin
Christiane Wunderlich ist Heilpraktikerin für Psychotherapie und Achtsamkeitstrainerin in eigener Praxis bei Nürnberg. Sie ist Dozentin in der Heilpraktikerausbildung für Psychotherapie und gibt Stressbewältigungs- und Achtsamkeitstrainings in Unternehmen. Daraus entwickelte Sie in den vergangenen Jahren ein großes Repertoire an Techniken zum Umgang mit stressvollen Gedanken sowie das Konzept »6 Schritte zur Achtsamkeit«, das bereits bei vielen Teilnehmern zu mehr Gelassenheit und Lebensfreude in ihrem Alltag geführt hat. http://www.christine-wunderlich-coaching.de

Angaben zum Buch
Herausgeber : Schirner Verlag; 1. Edition (20. Mai 2021)
Taschenbuch : 200 Seiten
ISBN-13 : 978-3843414784

Lebenskunst: Glück

«Das Glück ist keine leichte Sache: es ist sehr schwer, es in uns selbst, und unmöglich, es anderswo zu finden.» Arthur Schopenhauer

Aristoteles sah sie als oberstes Ziel eines gelingenden Lebens: die Glückseligkeit. Im folgten über Jahrtausende viele Menschen, alle auf der Suche nach dem Glück, danach, was das Leben zu einem schönen macht. Es wurden Thesen aufgestellt, Definitionen verfasst, Regale mit gefüllt mit vielen Büchern – und doch scheint es nicht gefunden worden zu sein, denn es entstehen ständig neue Bücher. Fruchten die Anleitungen nicht? Oder halten sich die Menschen einfach nicht dran?

Die buddhistische Sicht auf das Glück ist eine einfache: Glück ist in uns allen angelegt, wir erlangen es nicht, indem wir den Dingen im Aussen nachrennen. Glück ist ein Zustand innerer Erfüllung, nicht die Befriedigung des unerschöpflichen Verlangens nach äusseren Dingen.

Das ist natürlich sehr ärgerlich, haben wir doch die letzten Jahre und Jahrzehnte damit verbracht, genau das zu tun: Etwas zu wollen, etwas anzustreben, etwas zu kaufen. Zwar haben wir auch gemerkt, dass es mit dem Glück dann doch nicht weit her war. Im besten Fall zeigte es sich für einen kurzen Moment, doch auch dann war es schnell wieder weg. Doch es ist nicht zu spät:

Will man sich auf die Suche nach dem Glück machen, gilt es, die Sicht von aussen nach innen zu verlagern und den eigenen Geist zu schulen. Wir müssen erkennen, wie der Geist funktioniert und vor allem, was uns gut tut und was nicht. Das klingt einfach, ist aber eine langwierige Angelegenheit.

Eine Lebensweise zu pflegen, durch die man dauerhaftes Glück erreicht, ist eine Kunst. Es erfordert ständiges Bemühen, eine unablässige Schulung des Geistes und die Entwicklung einer Reihe von menschlichen Qualitäten wie etwa Geistesruhe, Achtsamkeit und selbstlose Liebe. Darin sind sich die westliche und die östliche antike Philosophie einig. Bei den Stoikern ist das oberste Ziel im Leben, zu einer gelassenen Haltung, einer inneren Ruhe zu kommen. Ist dies erreicht, ist das Glück automatisch da. Glück ist danach also nicht etwas, das wir anstreben sollen, sondern es ist das Nebenprodukt einer eigenen Haltung, eines Seins.

Dies deckt sich sowohl mit dem yogischen Denken wie auch dem buddhistischen, es wird von der neuen wissenschaftlichen Forschung untermauert. Das Schöne daran: Man muss es nicht einfach glauben, man kann es erfahren, indem man etwas dafür tut. Wenige Minuten der Bewusstwerdung, der Meditation, des Zur-Ruhe-Kommens reichen, um nach und nach zu einer Veränderung führen hin zu einem Gefühl von mehr Ruhe, mehr Wohlbefinden – und sogar Glück.

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Buchempfehlung zu dem Thema:

Matthieu Ricard: Glück

Ricard versteht es, ein grosses Thema auf eine verständliche, tiefgründige und gut lesbare Art zu vermitteln. Er greift bei seinen Darlegungen auf ein immenses Wissen westlicher und östlicher Philosophie zurück, er zitiert die neue wissenschaftliche Forschung und legt die buddhistische Sicht dar, die sich in vielen Punkten mit wissenschaftlichen Erkenntnissen deckt. Dabei bleibt er nicht in der trockenen Theorie, sondern erläutert diese mit anschaulichen persönlichen Erlebnissen.

Neben den theoretischen Erklärungen finden sich auch Anleitungen für die eigene Meditation zu Hause, so dass man sich gleich hier und jetzt auf den Weg zum eigenen Glück machen kann. Ein wahrlich wunderbares Buch, das in keinem Regal fehlen sollte!

Zum Autor: Matthieu Ricard
Matthieu Ricard arbeitete als Forscher auf dem Gebiet der Molekularbiologie, ehe er seine Berufung zum Buddhismus erkannte. Seit 25 Jahren lebt er als buddhistischer Mönch in den tibetischen Klöstern des Himalaya. Er übersetzt Werke aus dem Tibetischen und ist der offizielle Französischübersetzer des Dalai Lama.

Lebenskunst: Dinge achtsam tun

«Unser Leben ist nicht schön, weil wir perfekt sind. Unser Leben wird schön, weil wir unser Herz in alles stecken, was wir tun.» Sadhguru

Oft denken wir, wenn wir nur schöner, reicher oder erfolgreicher wären, wäre unser Leben schön. Selbstoptimierung ist ein modernes Wort für diese Sicht: Werde das perfekte Du und die Welt liegt dir zu Füssen – und wenn sie schon da liegt, wie könnte dann das Leben nicht schön sein? Nur, bei Lichte betrachtet: Nehmen wir an, ich wäre nun wunderschön. Was an meinem Leben wäre genau schöner? Kopfschmerzen hätte ich wohl immer noch dann und wann. Vielleicht würden sich ein paar mehr Männer nach mir umdrehen, aber das wäre auch nicht die Welt – die würde sich wohl genauso wenig um mich kümmern wie vorher, zumal ich nicht die einzige wäre, die wunderschön durch sie läuft. Vielleicht wäre der Blick in den Spiegel ein erfreulicherer – zumindest für eine kurze Zeit, denn die Chancen wären gross, dass mir bald etwas Neues auffiele an mir, das mir nicht gefällt – und alles ginge von vorne los.

Was aber bringt mir dann das schöne Leben? Ich denke, das kann nur aus mir selbst heraus entstehen. Nicht dadurch, was ich bin, sondern was ich tue – und vor allem: Wie ich es tue. Wenn ich beiläufig oder gar widerwillig Dinge verrichte, wird das sicher schwer mit dem schönen Leben. Tue ich Dinge, die mir Freude bereiten, aus vollem Herzen, fühlt sich das schön an. Wenn sie sogar gelingen, noch schöner – wobei das zweitrangig sein sollte, denn das Tun an sich ist schon befriedigend, weil ich in ihm aufgehe.

«Wenn ich stehe, stehe ich, wenn ich gehe, gehe ich, wenn ich sitze, sitze ich, wenn ich esse, esse ich.»

Nun können wir meist nicht nur Dinge tun, die uns Spass machen, es gibt auch alltägliche Verrichtungen und Pflichten, die auf uns warten. Thich Nhat Hanh rief immer wieder dazu auf, alles, was wir tun, bewusst zu tun. Sei es abspülen, Wäsche waschen, den Boden kehren: Tue es bewusst und sei mit deiner Aufmerksamkeit ganz dabei, was du tust.

Nehmen wir das Abwaschen: Wir nehmen einen Teller in die Hand, halten ihn unter den Wasserstrahl, fühlen, wie das Wasser über unsere Hände läuft, drehen den Teller in unseren Händen und reinigen sorgfältig seine Oberfläche vom Dreck. Wir drehen ihn weiter und trocknen ihn sorgsam ab, das Tuch in unseren Händen spürend, gewahr, wie die glänzenden Wasserflächen langsam trocken werden. Dann stellen wir ihn achtsam in den Schrank zurück, ohne das übliche Geklirr, sondern sorgsam still. Wie viel anders sich das anfühlt, als den Teller zu nehmen, innerlich genervt vom Tun schon an das nächste denkend, ihn gedankenlos hin und her zu drehen, abzutrocknen und mit Geklirr zu verräumen. Wer nun denkt, er hätte eine Geschirrspülmaschine, das werde also nichts mit dem achtsamen Tun: Das geht auch mit Zähne putzen, Betten machen, Boden wischen, etc.

Vielleicht dauert es ein wenig länger auf diese Weise, aber dieses Tun wird in dir ein Wohlgefühl auslösen. Und was wäre ein schönes Leben anderes, als ein Leben, in dem wir uns mit uns und dem, was wir tun, wohl fühlen?

Luvvie Ajaye Jones: Handbuch für Unruhestifterinnen. Feier deine Stärken – und zwar laut

Sei mutig und wild, sei du selbst

Inhalt

„Es geht vielmehr darum, ein waches Bewusstsein entwickeln. Zu wissen, dass wir genauso auf die Erde gehören wie jede und jeder andere auch.“

Als Kind der letzten Generation bin ich mit Aufforderungen aufgewachsen, bloss nicht zu laut zu sein, bloss nicht aufzufallen, mich auch ja schön artig zu benehmen. Am besten war es, wenn man mich nicht wahrnahm, ich quasi als braver Mitläufer in dieser Welt existierte, der seine Leistungen gut und richtig (nach äusserem Massstab) erfüllte und wenn eine Wirkung, dann eine positive hervorrief. Unter allem lag die latente Botschaft: Sei nicht so (wie du bist). und bei Nicht-Gelingen sofort: „Du bist nicht gut genug.“

„Denn was wir für möglich halten, hat Einfluss darauf, wie weit wir gehen.“

Leider nehmen wir solche Prägungen oft ins Erwachsenenleben, die Sätze setzen sich fest, sie werden Glaubenssätze, an denen wir unser Denken, Fühlen und Handeln ausrichten. Der Satz „Das kann ich nicht.“, die eigene Verurteilung „Ich bin nicht gut genug.“ und das harte Gericht mit uns selbst, wenn etwas misslingt, sind Zeugen davon.

„Gewöhnt euch daran, euch unbeliebt zu machen.“

Und immer versuchen wir, es anderen recht zu machen. Wir verbiegen uns, passen uns an und vergessen uns darüber nicht selten selbst. Luvvie Ajayi Jones sagt in ihrem Buch: „Stopp!“ Sie ruft auf, an sich zu glauben, sich ernst zu nehmen, sich den Wert zuzuschreiben, der einem zusteht. Sie macht Mut, sich selbst zu entdecken und auszuleben, an sich zu glauben.

„Dein Leben ist keine Zirkusvorstellung und nicht alle Menschen haben das Recht auf eine Eintrittskarte.“

Das ist nicht immer einfach, denn es wird nicht jedem gefallen, nur: Es gefällt nie allen, und wer mich so, wie ich wirklich bin, nicht mag, der ist vielleicht in meinem Leben am falschen Platz.
Ich kann nicht aufhören zu wachsen, nur weil es einem anderen Menschen mehr behagen würde. Es ist nicht meine Aufgabe, es den Menschen behaglich zu machen.“

Aus diesem Grund ist es Jones Botschaft: Sei du selbst. Sei es in deinem Sein, in deinem Sprechen und in deinem Tun. Traue dir was zu, riskiere auch mal ein Scheitern, es gehört dazu und ist kein Weltuntergang. Vertraue auf dich und feuere dich selbst immer wieder an. Und vor allem: Setze deine Grenzen. Bestimme selbst, was du willst, wen du in deinem Leben willst, und wo ein Nein die bessere Wahl ist. Das wird dich verändern und diese Veränderung wird nicht jedem gefallen, denn du wirst nicht mehr das bequeme Objekt für die Erfüllung von fremden Erwartungen sein. Sei stolz darauf!

„Anstatt es als Beleidigung aufzufassen, wenn uns Veränderung attestiert wird, sollten wir einfach sagen: „Danke fürs Bemerken, ich hab auch schwer an mir gearbeitet.““

Fazit
Ein inspirierendes Buch, das Mut machen will, das Leben in die Hand zu nehmen und die zu sein, die man ist. Empfehlenswert.

Zur Autorin
Luvvie Ajayi Jones ist Bestsellerautorin, Podcasterin und eine gefragte Rednerin an der Schnittstelle von Humor, Medien und Gerechtigkeit. Ihre hochgelobten Bücher Professional Troublemaker: The Fear-Fighter Manual and I’m Judging You: The Do-Better Manual schafften es auf Anhieb auf die New York Times Bestseller List. Als Speakerin tritt sie regelmäßig auf Bühnen rund um den Globus auf, unter anderem bei Großunternehmen wie Google, Facebook, Amazon und Twitter. Ajayi Jones ist zudem Mitegründerin der Initiative #SharetheMicNow und hat ihren eigenen Podacst: Professional Troublemaker.

Angaben zum Buch
Herausgeber : Rowohlt Taschenbuch; 1. Edition (13. September 2022)
Sprache : Deutsch
Taschenbuch : 336 Seiten
ISBN-13 : 978-3499008542
Originaltitel : Professional Troublemaker: The Fear-Fighter Manualar-Fighter Manual: Lessons From a Professional Troublemaker
Übersetzung: Viola Krauss

Lebenskunst: Mich im anderen finden

«Sage mir, mit wem du umgehst, so sage ich dir, wer du bist; weiss ich, womit du dich beschäftigst, so weiss ich, was aus dir werden kann.»

Goethe greift hier in seinem Wilhelm Meister eine tiefe Wahrheit über unser Sein auf: Wir sind geprägt durch unsere Umwelt – und dies mehr, als uns wohl oft bewusst ist. Menschen brauchen andere Menschen, um eine Identität auszubilden. Erst im Umgang mit anderen erfahren wir, wer wir sind, weil wir anhand ihrer Reaktionen auf unser Verhalten merken, wie sie uns sehen. Das alles fängt gleich nach der Geburt an und hört das ganze Leben nicht mehr auf.

Schon Babys reagieren auf das Verhalten ihrer Umgebung. Wenn jemand lächelt, lächeln sie zurück. Wenn sie etwas tun und eine entsprechende Reaktion erhalten, verinnerlichen sie diese und lernen, wie sie sich künftig zu verhalten haben. Das Verinnerlichen von Verhaltensmustern, von Wertmassstäben, die Reaktionen aus dem Umfeld zugrunde liegen, bilden ein inneres Diagnoseprogramm aus. Die Gesellschaft mitsamt ihren Erwartungen und Werten tritt quasi in mich ein und wirkt nun von innen heraus, indem ich selbst mein eigenes Verhalten bewerten kann anhand der erlernten Massstäbe. Indem ich einerseits handle als Ich, andererseits dieses Handeln selbst beurteilen kann, bildet sich ein Selbst-Bewusstsein, und damit meine Identität.

George H. Mead hat sich intensiv mit dem Thema Identität und Gesellschaft befasst. Er kam zum Schluss, dass sich Identität nur dann ausbildet, wenn wir uns in andere hineinfühlen können, wenn wir in der Lage sind, fremde Perspektiven einzunehmen. Mead spricht damit an, was im Buddhismus als Mitgefühl bekannt ist: Mit-Fühlen, was der andere fühlt.

«Wir müssen an der Fähigkeit arbeiten, uns einzufühlen, uns berühren zu lassen und uns unseren eigenen Schmerzen und Schwierigkeiten oder denen anderer Menschen empathisch zuzuwenden.»[1]

In Verbindung treten durch mein empfundenes Verständnis für sein Sein und Fühlen. Damit ist Mitgefühl eine wichtige Eigenschaft im Umgang mit anderen, und es ist auch für unsere eigene Selbsterkenntnis fundamental. Nur wenn ich mich dem anderen öffne, ihn wahrnehme, mich in ihn hineinfühle, kann ich zu einem Verständnis meiner selbst kommen. Und so kommen wir uns alle etwas näher, gegenseitig und für uns selbst. 

Wer bin ich also? Ich bin die Summe meiner Erfahrungen und der daraus verinnerlichten sozialen Erwartungshaltungen, die sich in meinem Verhalten ausdrücken. Ich werde zu dem, der ich bin, durch das, was ich im Aussen erfahre und verinnerliche. Im Wissen darum ist es umso wichtiger, denke ich, das für einen passende, einem entsprechende Umfeld zu finden, denn nur damit wird es gelingen, zu dem Ich zu werden, das man sein will.   


[1] Gilbert & Choden: Achtsames Mitgefühl. Ein kraftvoller Weg, das Leben zu verwandeln

Andreas Salcher: Die grosse Erschöpfung und die Quellen der Kraft

Dem Leben mit mehr Kraft begegnen

Inhalt
Immer mehr Menschen klagen über Erschöpfung, immer mehr Menschen fallen in ein Burnout. Schaut man in die Welt, scheint der Grund dafür klar: Die immer grösseren Belastungen durch den Leistungsdruck, die Klimakatastrophe, Pandemien und Kriege – die Welt scheint nicht mehr sicher, das eigene Überleben wird immer herausfordernder. Der Umstand, dass diese äusseren Umstände viele Menschen betreffen, davon aber nicht alle erschöpft sind, deutet darauf hin, dass die Gründe tiefer liegen müssen, dass sie beim Menschen selbst gesucht werden sollten.

Andreas Salcher geht der Frage nach diesen Gründen nach und er beruft sich dabei immer wieder auf drei Menschen: Viktor Frankl, der trotz seinen grausamen Erfahrungen als Überlebender Sinn im Leben sah, Mihaly Csikszentmihalyi, der sein Leben der Erforschung des Glücks gewidmet hat, und den Benediktinermönch David Steindl-Rast, der zu Innehalten und Ruhe für die richtige Entscheidung zum Tun aufrief.

Zu lernen, mit Frustration und Ablehnung umzugehen, ist ein Schlüssel zu einem gelungenen Leben. Unsere Einstellung ist unsere grösste Freiheit, die wir uns von niemandem nehmen lassen sollten.“

In vielen, oft wie zusammengewürfelt erscheinenden Beispielen, Gedankengängen und Geschichten kreist Andreas Salcher sein Thema ein, beleuchtet es von den verschiedensten Seiten und fördert so einem Goldschürfer gleich Erkenntnisse ans Tageslicht. Er zeigt auf, wie falsche Erwartungen, zu viel Fremdbestimmung und zu wenig Selbstverantwortung regelrecht krank machen können, und nennt wirkungsvolle Werte und Haltungen, besser mit den Herausforderungen des Lebens umzugehen.

„Du bist für dein Denken und Handeln, deine Sicht auf die Welt und deren Konsequenzen selbst verantwortlich.“

Der Weg zum Glück ist kein einfacher, er braucht Disziplin, den Mut, genau hinzuschauen und den Willen, etwas zu tun. Wichtig dabei ist, zu entscheiden, was wirklich selbstgewolltes und passendes Tun ist und wo wir äusseren Erwartungen und Zwängen unterliegen. Die nächste Herausforderung ist, für das eigene Tun die Verantwortung zu übernehmen, im Wissen, dass es unsere Wahlfreiheit war, die dieses Tun bewirkt hat. Und bei all dem dürfen wir nicht vergessen, dankbar zu sein für das, was uns möglich ist und für das Gute, das wir oft zu schnell übersehen.

Fazit
Andreas Salcher ist es gelungen, ein wichtiges Thema unserer Zeit aus verschiedenen Blickrichtungen zu beleuchten, es anschaulich und verständlich zu präsentieren und lebenspraktische Herangehensweisen für eine Verbesserung der eigenen Lebensqualität zu skizzieren. Ein Buch, das ich sehr empfehlen kann.

Lebenskunst: Stark werden

«Kein Baum wird kräftig und entwickelt tiefe Wurzeln, wenn er nicht häufig von starken Winden geschüttelt wird.» Seneca

Kürzlich sass ich mit einer Freundin zusammen und wir redeten über unsere jeweilige Vergangenheit. Es gab viel Schönes zu erzählen, wir lachten viel, doch auch die schwierigen Zeiten kamen zur Sprache. Wir kamen zum Schluss, dass vieles damals schwer zu tragen gewesen ist, dass es auch schmerzhaft war, wir es uns sicher anders gewünscht hätten. Aber wir würden wohl nicht heute als die hier sein, die wir sind, hätten wir all das nicht erlebt.

Die Stoiker gehen soweit zu sagen, dass der unglücklich sei, der nie eine schwierige Zeit erlebt habe, denn es sei einfach, grosse ethische Theorien zu verkünden, wenn man nie auf dem Prüfstand ist, sie auch im Leben zu praktizieren. Von dem, der nie durch Schweres gehen musste, wisse man nie, ob er wirklich ein vortrefflicher Mensch sei. Nietzsche interessierte ein anderer Punkt am Leiden:

«Was uns nicht umbringt, macht uns stärker.»

Wenn ich zurückblicke, steckt da viel Wahres drin. Ich bin wohl sicher in den schwierigen Zeiten gefühlt über mich hinausgewachsen. Stand ich vor Bergen, die nicht zu bezwingen schienen, kam ich doch jedes Mal an den Punkt, ihn überwunden zu haben. Nicht dass ich auf dem Weg dahin nicht auch gehadert, geklagt hätte, nicht dass ich auch fast verzweifelt wäre – teilweise ganz. Aber ich habe es geschafft. Und das Wissen darum, wozu ich fähig bin, das Wissen darum, dass es immer weiter geht, ist eine Lebensschulung, es ist eine Stärkung des eigenen Selbst-Vertrauens.

Im Buddhismus entwickelt sich aus dem eigenen Leid das Mitgefühl mit anderen. Das eigene Erleben öffnet das Herz, indem man aus diesem heraus spürt, wie es dem anderen gehen muss, wenn er leidet. Indem wir leiden und unser Leiden nicht nur ertragen, sogar daran wachsen, lernen wir also nicht nur für uns, sondern es ist auch eine Basis für ein Miteinander. Zu wissen, dass wir alle gleich fühlen, dass wir als Menschen trotz aller Verschiedenheit auch gleich sind.

So oder so bleibt Leid schlussendlich leidvoll, nur werden wir es im Leben nie vermeiden können. Vielleicht hilft es, dann und wann hinzusehen und zu denken: Wer weiss, wozu es gut sein wird – irgendwann. Sicher hilft es, zu wissen, dass man schon oft gelitten hat im Leben, und man es tragen konnte. Und irgendwann – ging es vorbei. So wird es auch dieses Mal sein. Dann sitzen wir lachend unter Freunden als die, die wir geworden sind.

Lesemonat November – Ein Rückblick

Der November war grau zu mir – vor allem, was das Wetter anbelangte. Sonst schaue ich sehr dankbar auf einen Monat zurück, der gut tat, der von Zufriedenheit, Freude, Energie und schönen Momenten geprägt war. Zu den letzteren gehörten auch einige Lesemomente. Es war ein guter Monat, wenn auch ein paar Bücher nicht ganz dem entsprachen, was ich mir davon erhofft hatte.

Ich habe mich dem Osten zugewandt, hauptsächlich Yoga, Ayurveda und Buddhismus. Es waren Bücher, die nicht zwischen Buchdeckeln stecken bleiben wollen, sondern ins Leben greifen. Es waren Bücher, die dazu anregten, das Gelesene in der Praxis umzusetzen, Bücher, die zu mehr Bewusstsein für das eigene Sein und Tun aufriefen. Das meiste war zwar nicht neu für mich von den Gedanken her, aber manchmal helfen verschiedene Anläufe und Ansätze, Dinge besser zu verinnerlichen, so dass sie dann von innen heraus ins Leben wirken.

Hier die vollständige Leseliste:

Anna Trökes: Yoga der Verbundenheit. Die Kraft des Herzens wahrnehmen und entfaltenWenn wir von uns sprechen, sprechen wir von unserem Herzen, denn da sitzt unsere Essenz, das, was uns ausmacht. Oft haben wir diesen Zugang verloren, was sich im Leiden an uns selbst und im Umgang mit anderen Menschen zeigt. Anna Trökes zeigt Wege zurück an, hin zu einer Verbundenheit mit dem eigenen Herzen, mit sich und der Welt. Verschiedene, praktisch umsetzbare, teilweise auf einer CD angeleitete Übungen sollen dabei helfen. 5
Thich Nhat Hanh: Alles, was du tun kannst für dein GlückViele einfach zu praktizierende Übungen, die mehr Glück ins Leben bringen sollen. Glück entsteht dann, wenn der Geist im Körper präsent ist und so im Hier und Jetzt achtsam den Augenblick lebt, dann ist der Mensch lebendig und glücklich. Ein Buch, das aufruft, nach innen zu schauen, die eigenen Gefühle und Muster zu erkennen, das eigene Leid anzunehmen, und mit Liebe, Güte und Achtsamkeit anderen Lebewesen und der Welt zu begegnen. 4
Gertrud Hirschi: Yoga 7×7abgebrochen – zu oberflächlich und zu einfach, hat mich nicht angesprochen
Remo Rittiner: Im Einklang mit dem Herzenabgebrochen – zu esoterisch, der Schreibstil hat mir nicht entsprochen. Es wirkt noch zu wenig ausgegoren, er hätte wohl seinem Kopf folgen sollen und das Buch erst in einem Jahr schreiben
Marion Küstenmacher: Wo die Seele Atem holtZu oberflächlich, zu wenig Tiefgang, mit der Zeit wirkt es ein wenig beliebig
Elena Lustig: Pro Age Life. Das Yoga-Praxisbuch für gesundes ÄlterwerdenÄlter-Werden ist verbunden mit Einschränkungen, Abbau und vermehrt Krankheiten. Wir werden das nicht ganz beseitigen können, aber wir haben viel in der Hand, gesünder älter zu werden und dem Abbau etwas vorzubeugen. Mit vielen Tipps zu Ernährung, Lebenshaltung und Yogastellungen gelingt es, dem Älter-Werden auch positive Seiten abzugewinnen. Das Rad wurde nicht neu erfunden, vieles ist bekannt und auch banal, doch es ist ein informatives und schön gestaltetes Buch.4
Ryan Holiday: Mut. Das Glück ist mit dem Tapferenabgebrochen – zu viele und lange Erzählungen und Geschichten, zu wenig Substanz und Aussage. Die vereinzelten guten Sätze muss man förmlich suchen in all dem Text.2
Michael Stone: The Inner Tradition of YogaYoga wird heute häufig nur auf der Matte als Asanas praktiziert, doch ohne die zugrunde liegende Philosophie ist es kein Yoga, sondern Turnen. Michael Stone zeigt, wie elementar die philosophischen Quellen für die heutige Praxis sind, er beschreibt Yoga als einen Weg auf und neben der Matte, als Haltung von innen heraus mit dem Ziel, sich für die Verbundenheit mit sich, den Menschen und der Welt zu erfahren. 4
Eckard Wolz-Gottwald: Yoga-Weisheit leben. Philosophische Übungen für die PraxisEin Blick auf historische Hintergründe des Yoga, den Weg des Yoga an sich, die Philosophie, die hinter der Übungspraxis liegt und weitere Themen des Yoga. Jedes Thema wird mit einer Übung zur Selbstreflexion und der Hinterfragung der eigenen Praxis abgerundet. Ein inspirierendes Buch mit leider zu vielen Wiederholungen und sprachlichen Fehlern. 4
Dr. Andrea Klemmer: Die faszinierende Welt der Hormone. Wie winzige Botenstoffe unseren Körper steuern und was wir für unsere Hormonbalance tun könnenInformatives, umfassendes und verständliches Buch über unser Hormonsystem. Was sind Hormone, wo werden sie gebildet und wie wirken sie? Was passiert bei einer Störung und wie kann man eine solche vermeiden oder beheben? Diesen Fragen geht die Autorin nach. Das Buch eignet sich auch als Nachschlagewerk. Gefehlt haben veranschaulichende Bilder und Schemen.4
Anjali und R. Sriram: Yoga und Gefühle. Mit allen Sinnen lebenEin Aufruf, unsere Gefühle ernst zu nehmen und zu leben. Mit Hilfe von Atemübungen und Meditationen sollen Blockaden gelöst werden und der Zugang zu den eigenen Gefühlen geöffnet. Es gilt, sie anzunehmen und auszuleben, dies aber immer mit dem Bewusstsein, woher sie kommen und wie sie gut eingesetzt sind. Wichtig ist, dass es keine guten oder schlechten Gefühle sind, erst unser Umgang mit ihnen entscheidet, wie sie sich auswirken in unserem Leben. 4
Anna Trökes: Yoga der EnergieEin überblick über den Yogaweg, die philosophischen Schriften und Lehren, die tantrischen Hintergründe und darüber, was Yoga bewirken kann. Eine Einführung in den Yoga der Energie mit den wichtigen Übungsabfolgen, sowie die Erläuterung der verschiedenen Wirkungen auf den unterschiedlichen Ebenen des Seins bei ausgewählten Übungen. 5


Die Highlights des Monats waren die beiden Bücher von Anna Trökes. Zwar las ich in beiden nichts Neues, vieles vom Geschriebenen findet sich auch in anderen Büchern derselben Autorin, und doch finde ich es immer wieder schön, eine Autorin so aus dem Herzen, so fundiert und so verständlich schreibend zu lesen.

Was waren eure Lesehighlights des Monats? Was hat euch generell im November gefreut?