Tagesgedanken: Anfangen

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne – das sagte Hesse und es deckt sich oft nicht mit unserem Gefühl für den Montag. Vielleicht aber müssten wir ihn nicht als Ende des schönen Wochenendes sehen, sondern als Chance, etwas Neues zu beginnen? Ganz im Stil von Anais Nin, welche sagte:

„Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind, wir sehen sie so, wie wir sind.“

Der Montag ist nicht an sich schlecht, wir sind es, die ihn so bewerten. Diese Art von Bewertung zeigt sich in verschiedenen Bereichen des Lebens, auch in Bezug auf eigene Fähigkeiten: Wie oft denken wir, etwas nicht zu können, trauen uns die Dinge nicht zu, malen schwarz und den Teufel an die Wand? Das ist die beste Methode, sich von vornherein den Mut und die Motivation zu nehmen, und wir beherrschen sie gut. Und wenn wir es nicht selbst tun, findet sich sicher einer da draussen, der von unseren Vorhaben, Plänen, Wünschen, Ideen hört und uns sagt: „Das geht nie, das ist nicht realisierbar!“ – Und wir fangen an zu zweifeln oder noch schlimmer: Wir glauben es unbesehen und hören auf, an unsere Ideen zu glauben und sie umzusetzen, oder schlimmer noch: Wir fangen erst gar nicht damit an.

Mark Twain sagte einst:

„Sie wussten nicht, dass es unmöglich war, also haben sie es getan.“

Wenn wir die Dinge nicht angehen, wissen wir nie, was daraus werden könnte. Natürlich lässt sich nicht jede realisieren und nicht aus allem wird ein Erfolg. So werden wir wohl kaum allein mit unseren Ideen oder auch Taten die Weltarmut beseitigen, aber vielleicht können wir dazu beitragen, dass das Thema präsenter wird und mehr dahingehend passiert? Auch werden wir die Klimakatastrophe nicht alleine abwenden, aber wir können unseren Beitrag dazu leisten. Es mag sein, dass wir mit unseren Ideen nicht die Welt retten, aber vielleicht gelingt uns, Teil einer Bewegung zu sein, die gemeinsam versucht, das Leid auf dieser Welt zu mindern. Und das wäre doch ein schöner Anfang.

Tagesgedanken: Mein eigenes Gericht

Draussen rauscht das Meer, unruhig schlägt es an die Felsen. Ich merke diese Unruhe auch in mir, dieses Getriebensein, eine Form von Unrast, die auf dem Gefühl gründet, dass alles nicht schnell genug geht, ich nicht vorwärts komme mit meinen Projekten, ich meinen Ansprüchen nicht genüge. Und während ich das schreibe, fällt mir auf, wie grausam das eigentlich ist, da ich die einzige Person bin, die Ansprüche an mich stellen kann, welche ich nicht hinterfrage oder gar mit Empörung zurückweise. Käme ein anderer und würde mir sagen:

„He, das reicht alles nicht, du bist nicht gut genug!“

wäre ich verletzt, aber ich ginge in die Verteidigung. Ich würde aufzählen, was ich alles tue, würde zeigen, woran ich dran bin und argumentieren, dass alles seine Zeit braucht. Ich würde um meine Achtung kämpfen, an der meine Würde hängt. Aber mir selber glaube ich es. Hängt Würde nicht immer auch mit Selbstachtung zusammen? Sie ist wohl an einem kleinen Ort zu Hause. Was bedeutet das für mein Leben?

Was bedeutet das generell, in Würde zu leben? Der erste Artikel des Grundgesetzes besagt, dass die Würde des Menschen unantastbar sei. Was aber meint man, wenn man von Würde spricht? Und: Wann wird diese angetastet? Kann ich sie vor diesem Antasten schützen? Können oder müssen das andere tun? Wie müssen wir miteinander und jeder für sich leben, dass wir unsere Würde bewahren und die des anderen nicht antasten?

Diesen Fragen geht der bekannte Neurobiologe Gerald Hüther in seinem Buch „Würde. Was uns stark macht – als Einzelne und als Gesellschaft“ nach und erläutert anhand von Beispielen aus der Biologie, wie die Vorstellung der Würde beim Menschen überhaupt entstanden ist, weswegen wir eine solche Vorstellung brauchen und wie ein Bewusstsein für die eigene Würde entsteht. Ziel ist es, die Menschen wieder für den Begriff der Würde zu sensibilisieren und sie damit in die Lage zu versetzen, ein würdevolles Leben zu leben – für sich und miteinander.

„Wir alle wollen in Würde sterben, aber sollten wir nicht erst einmal in Würde leben?“

Vielleicht ist es ein guter Anfang, mir selber gegenüber mehr Gelassenheit und Freundlichkeit aufzubringen?

Tagesgedanken: Trost der Lyrik

Als ich während meiner Dissertation viel Literatur und Zeugnisse von Überlebenden des Holocaust gelesen habe, stiess ich immer wieder auf Aussagen, dass sie in der Lyrik, in der Literatur Halt und Trost gefunden hätten in diesen grausamen und menschenunwürdigen Zeiten. Beim Lesen von Hannah Arendts Biografie stiess ich auf diese eindrückliche und bewegende Geschichte:

Hannah Arendt und Heinrich Blücher mussten während des Zweiten Weltkrieges aus Deutschland fliehen und sie gingen nach Frankreich. Als die Deutschen Besatzungen Frankreich besetzten, war das Leben auch da nicht mehr sicher. Eines Tages kam der Befehl für Heinrich Blücher, er müsse, wie viele der Flüchtlinge damals, in ein Lager. Heinrich Blücher nahm ein Gedicht von Bertolt Brecht mit auf den Weg, es sollte sein Talisman sein. Das Gedicht hatte da schon eine lange Reise hinter sich: Walter Benjamin hatte es von einem Besuch bei Brecht aus Dänemark mitgebracht und Blüchers übergeben. Hannah Arendt lernte das Gedicht auswendig und gab das gedruckte Exemplar Blücher mit. Für Blücher enthielten diese Zeilen eine persönliche Botschaft, sie versprachen Hoffnung und gaben ihm Halt.

Blücher sprach dem Gedicht magische Kräfte zu, indem er dachte, dass er die als Freunde erkennen würde, die dieses Gedicht verstehen. Bei dem Gedicht handelte es sich um Brechts „Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration“. Es brachte Heinrich Blücher nicht nur Gleichgesinnte und Kameradschaften, es hatte generell grosse Wirkung im Lager und wurde für viele ein Rettungsanker in der Hoffnungslosigkeit. Besonders eine Stelle mag gewirkt haben:

…dass das weiche Wasser in Bewegung
Mit der Zeit den mächtigen Stein besiegt.
Du verstehst, das Harte unterliegt.“

Es bringt wenig Gutes, im Angesicht von Problemen hart zu werden, die harten Bandagen sind selten das geeignete Mittel für eine gute Veränderung. Aus diesen Zeilen spricht die Hoffnung, dass im Zarten und Weichen die Lösung liegt, wir müssen diesem nur genug Raum und Zeit geben – und darauf vertrauen.

Tagesgedanken: Zweifel und Hoffnung

Die neue Woche hat uns wieder, das ist der Moment, an dem alles wieder neu anfängt und man sich voller Elan reinstürzen könnte. Leider geht mir der Elan gerade ab, es fühlt sich alles eher an wie ein mühseliger Kampf. In mir schreit es laut „ich will nicht“, „ich mag nicht“, und ich zwinge mich, es doch zu tun – liegen bleiben ist ja auch keine Option. Ich weiss jeweils nicht, was zuerst da ist: Diese grosse innere Müdigkeit, die dann Zweifel und Unsicherheiten in mir auslöst, oder aber die Zweifel und Unsicherheiten, die mich müde werden lassen. Auf alle Fälle kommen in solchen Momenten die grossen Fragen auf: „Was mach ich da eigentlich?“ „Wozu das Ganze?“ „Bin ich genug?“ „Werde ich je gut genug sein?“ „Für wen?“

Und dann schaue ich in die Welt hinaus. Und was ich sehe, ist auch nicht wirklich erfreulich. Und ich frage mich, was das mit mir zu tun hat. Haben mich die letzten zwei Jahre mit Corona doch mehr betroffen als ich wahrhaben wollte? Trifft mich der Krieg doch tiefer, als ich es zulassen will? Wird das alles auch mal wieder gut? Besser? Und was heisst das überhaupt, gut oder besser?

Ich sehe an so vielen Orten Leid und Elend, und wenn ich es anspreche und Lösungen finden will, kriege ich ganz schnell zu hören: Ach, das werden wir nie lösen, es wird immer Arme geben (925 Millionen Unterernährte, 884 Millionen ohne frisches Trinkwasser, 2 Milliarden ohne ausreichende Medikamente, jeden Tag sterben 50’000 Menschen aus Armut, davon sind 22’000 Kinder). Ein Zweiundvierzigstel der Konsumausgaben reicher Länder würde das alles beheben (alle Zahlen finden sich in Thomas Pogges Buch „Weltarmut und Menschenrechte“).

Und wenn ich die Zahlen so hinschreibe, merke ich: Ich kann das nicht einfach ruhen lassen. Ich muss weiterschreiben. Und ich muss weiter hoffen. Caroline Emcke hat das alles mal schön und für mich so passend in Worte gefasst:

„Am Anfang ist immer der Zweifel.
Manchmal wünsche ich, ich könnte ihn abstellen.
Aber damit wäre das schreibende Ich nicht mehr Ich.
Schreibend findet und erfindet es sich.“

Tagesgedanken: Haltung bewahren

Nach einer etwas nachdenklichen Phase, weil ich mit mir und dem Gefühl, (gewissen Ansprüchen) nicht zu genügen, haderte, kam ich zum Schluss, mir ein neues Motto zu setzen:

„Ich bin nicht auf dieser Welt, um so zu sein, wie du mich gerne hättest.“

Ich erkannte, dass diese Haltung die einzig heilende sein kann, denn ansonsten würde ich mich aufreiben an den von aussen gesetzten Ansprüchen und Forderungen, die bei Lichte betrachtet wenig mit mir persönlich zu tun haben, sondern mit verschiedenen Rollen, in die mich andere zwängen (wollen). Bei näherem Hinsehen, fiel mir auf, dass ich mit meinem Bestreben, es allen recht zu machen, zu gefallen, mich einzufügen, genau das mache, was von Frauen so oft erwartet wird und womit sie auch über Jahrhunderte klein gehalten wurden: Bloss nicht auffallen, nett lächeln, gefallen, sich kümmern, lieb und brav sein. Sonst wurde man schnell kritisch beäugt und mit netten Sprüchen wie „oho, die hat die Hosen an“, „Mannsweib“, „Emanze“ und ähnlichem bedacht (und das sind noch die harmlosen Formen).

Ich habe vor einiger Zeit (und damit eher spät in Anbetracht meines Alters) begonnen, mich mit Feminismus auseinanderzusetzen und erkannt, dass dies meine Themen sind, dass ich da einiges auch an eigenen Erfahrungen und Gedanken beizutragen habe. Ich war wenig erstaunt über die Reaktionen, die von Belächeln über abgedroschene Sprüche bis hin zu offener Ablehnung reichten. Und ich fing für mich an, Ausflüchte zu suchen und schlussendlich „gewichtigere Themen“ – im Nachhinein wohl, um die Konfrontationen zu umgehen und: gefälliger zu sein. Ich bin zum Schluss gekommen, dass es nun endlich reicht. Ich hoffe, in Zukunft mit einem gepflegten „scheiss drauf“ souveräner hinstehen und meine Sicht mit mehr Selbstvertrauen vertreten zu können. Wem das nicht passt, der kann das gerne äussern, ich muss lernen, damit umzugehen, frei nach Kant als mein eigener Gesetzgeber. Wem sonst sollte ich die Macht über mich und mein Denken und Tun übergeben?

Tagesgedanken: Neues wagen

Wieder beginnt ein neuer Tag, wieder besteht die Chance, neu anzufangen. So sah zumindest Hannah Arendt das Leben und mir gefällt der Gedanke, dass wir frei sind in unseren Entscheidungen, in unserem Tun, so dass wir auch entscheiden können, alte Pfade und Denkmuster zu verlassen und neue Wege zu beschreiten. In Hannah Arendts Worten klingt das so:

„Wir fangen etwas an. Wir schlagen unseren Faden in ein Netz von Beziehungen. Was daraus wird, wissen wir nie.“

Im letzten Satz schwingt eine Unsicherheit mit, die Angst machen kann: Was kommt dabei raus, wenn ich etwas Neues tue? Das Alte kenne ich schon, das ist – selbst wenn es nicht gut ist – vertraut und damit auf eine Weise sicher. Beim Neuen kommt ein Wagnis dazu, die Offenheit des Ausgangs und damit die Möglichkeit des Nicht-Gelingens. Damit sind Ängste verbunden, denn wir leben in einer Welt mit einer miserablen Fehlerkultur, so dass wir fürchten, für die unseren ausgelacht, verspottet zu werden. Da hilft nur das Vertrauen in die anderen Menschen:

„Wir sind alle darauf angewiesen, dass sie sagen: „Herr vergib ihnen, was sie tun, denn sie wissen nicht, was sie tun. Es ist ein Wagnis.“

Darin steckt die Botschaft, dass es allen so geht, dass damit auch alle Verständnis aufbringen können für das Tun (und auch mal Misslingen) von anderen. Wie traurig wäre es, aus Angst das Wagnis und die Freiheit des Neuen nicht zu geniessen? Frei nach Seneca:

„Nicht weil es schwierig ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwierig.“

Tagesgedanken: Das gute Leben

Was ist ein gutes Leben? Wohl eines, in dem wir als Menschen in Frieden zusammenleben können. Was so einfach klingt, scheint etwas vom Schwersten zu sein, schaut man in die Welt. Bringt es überhaupt, sich die Frage nach einem guten Leben zu stellen? Wir tun das als Menschen seit Jahrtausenden und scheinen doch nicht weiterzukommen in unserem Tun. Krieg, Rassismus, Sexismus – Unterdrückung wo man hinschaut. Diese Tatsachen können wir nicht negieren, und doch wäre es ein zu negatives Bild, wenn wir wirklich glaubten, wir hätten nichts erreicht. Wir sind durchaus an einem anderen Punkt, als wir noch im Mittelalter waren, wir haben durchaus eine gerechtere Gesellschaft mit weniger Ausschlüssen, als es damals noch der Fall war. Unsere Welt ist nicht perfekt, aber sie wurde über die Jahrhunderte doch eine bessere, wie ich finde. Aber es ist noch Luft nach oben und darum stellt sich auch die Frage nach dem guten Leben immer wieder, frei nach Aristoteles:

„Der ignorante Mann verkündet, der weise Mann hinterfragt und reflektiert.“

Martha Nussbaum hat sich die Frage nach dem guten Leben auch gestellt und sie kommt zum Schluss, dass wir ein gutes Lebe nur bestimmen können, wenn wir wissen, was der Mensch ist, was er braucht, um sein Menschsein zu leben: Was sind seine grundlegenden Bedürfnisse und Ansprüche? Was brauchen Menschen, um als Menschen mit Menschen zusammenleben zu können? Nussbaum kommt zum Schluss, dass es nicht reicht, ein ausreichendes Auskommen zu haben, sondern man dieses auch umsetzen können müsse, sprich: Wir müssen als Menschen die Möglichkeit haben, unsere Fähigkeiten in Tätigkeit umzusetzen, damit wir unser Leben gestalten und uns in die Gemeinschaft einbringen können. Dazu ist es wichtig, dass wir als Gleichberechtigte und Gleichwertige anerkannt sind, Ungleichbehandlungen aufgrund von Geschlecht, Rasse, Aussehen, etc. nehmen dem Menschen einen grundlegenden Teil seines Menschseins.

Nun ist Martha Nussbaum aber nicht so naiv zu glauben, dass solche Veränderungen einfach eintreten, weil sie für uns alle besser wären und schon gar nicht, weil sie für die (in unserem System machtlosen) anderenMenschen besser wären. Um eine Veränderung bewirken zu können, braucht es einen bewussten Einsatz und eine Organisation von Menschen, die gemeinsam erkennen, dass sie mit dieser Veränderung auch die eigenen Interessen schützen und das eigene Leben befördern. Dafür ist es wichtig, das Augenmerk mehr auf unsere Gemeinsamkeiten als auf das uns Trennende zu richten.

Zentral bei all dem ist es, zu erkennen, dass unsere Rollenmuster und Zuschreibungen soziale Konstruktionen sind und nicht natürlich gewachsen oder gar essentiell dem Menschsein inhärent. Unsere Gefühle werden in einer Gesellschaft, einer Kultur, bewertet nach da gültigen Massstäben.

„Die Gesellshaft gibt den Gefühlen eine bestimmte Bedeutung und Färbung.“ (Martha Nussbaum)

Emotionen werden geprägt von Überzeugungen. Wir müssen also hinschauen, worauf unsere Gefühle gründen, woher wir unsere Zuschreibungen nehmen, aufgrund derer wir unsere Gesellschaften mit allen ihren Strukturen aufbauen. So sind zum Beispiel Mütter nicht von Natur dazu geschaffen, mit ihren Kindern zu Hause zu bleiben, den Grossteil der Hausarbeit und Betreuung unentgeltlich zu übernehmen. Männer sind auch nicht per se die starken Kämpfer, die in den Krieg ziehen oder sich in Grosskonzernen um des Profits und finanziellen Wachstums Willen ausbeuten zu lassen. Nicht jede Frau ist fürsorglich und nicht jeder Mann rational. Wir formen unsere Welt durch unsere (oft eingeprägten, festgesetzten, darum aber nicht richtigen) Vorstellungen, was einen grossen Vorteil hat: Wir können diese ändern – und damit auch unsere gesellschaftlichen Strukturen.

Immer wieder stützt sich Nussbaum auf Aristoteles bei ihren Ausführungen und zeigt uns damit: Eigentlich wüssten wir alles seit langer Zeit, nun müssten wir es nur noch umsetzen. Das ist fast wie im wirklichen Leben: Wir wüssten, was für uns gut wäre, und doch… Wie sagte schon Aristoteles:

“Die Intelligenz besteht nicht nur im Wissen, sondern auch in der Fähigkeit, das Wissen anzuwenden.”

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Buchtipp: Martha C. Nussbaum: Gerechtigkeit oder Das gute Leben, edition Suhrkamp, 7. Auflage, Frankfurt am Main 2012.

Tagesgedanken: Gemeinsam die Welt gestalten

Manchmal fühlt sich das Leben an, als wären die Dinge festgefahren und man selber habe keine Wahl als sie zu nehmen, wie sie sind. Nun kann man sicher nicht alles ändern im Leben, und doch besteht da doch ein Spielraum, den wir aber erkennen müssen, um ihn nutzen zu können. Festgefahren scheinen mir auch oft die Meinungen in Diskussionen: Es besteht wenig Offenheit für die Argumente des anderen, man bleibt in seiner Meinung verhaftet, versucht den anderen immer heftiger zu überzeugen oder aber grenzt ihn aus als falsch Denkenden. 

Bei Hannah Arendt gibt es zwei zentrale Begriffe: Pluralität und Natalität. Wir sind als Menschen in diese eine gemeinsame Welt geworfen und für Hannah Arendt bedeutet das, dass wir als Verschiedene und Vielfältige jeder von seinem Standort aus auf die Welt blicken und sie anders wahrnehmen. Erst im gemeinsamen Diskurs als Verschiedene aber mit gleichem Wert können wir die Welt als eine gemeinsame erschaffen, weil wir die Dinge auch von verschiedenen Seiten betrachten, Seiten, die wir alleine nie sehen würden. 

In der Natalität liegt der Gedanke des Neubeginns: Die Geschichte ist nicht einfach eine Folge von Gesetzmässigkeiten, sondern ein Zusammenkommen von vielen unvorhersehbaren Ereignissen, die dann zu unserer Geschichte werden. Mit jedem Ereignis, mit jeder Geburtsstunde, kommt etwas Neues in diese Welt. Wir selber als Menschen sind so in der Lage, neu anzufangen. Immer wieder. Wir sind nicht einfach auf einen vorherbestimmten Ablauf festgelegt. Ich mag diesen Gedanken sehr. Ich mag auch ihr freies Denken, das Denken ohne Geländer, von dem sie aber weiss: 

„Es gibt keinen gefährlichen Gedanken, das Denken an sich ist gefährlich.“

Man setzt sich damit auch gerne mal zwischen die Stühle – und da muss man sich dann einrichten. 

Tagesgedanken: Lesemonat März

Ich habe im März 14 Bücher gelesen, davon waren drei ganz dicke Wälzer (1275 Seiten war das Maximum), einige dick, einige normal und wenige dünn. Und nun? Weiss ich mehr? Ich weiss es nicht. Wohl schon, ich habe mich in die Wirtschaft hineinbegeben, mir Gedanken über Armut gemacht, ich bin mit Hannah Arendt in den zweiten Weltkrieg gegangen und geflohen, ich bin mit Martha Nussbaum der Frage nach Gerechtigkeit und deren Grenzen nachgegangen und habe mit Maja Göpel versucht, die Welt neu zu denken.

Und im Moment sitze ich grad hier und frage mich: Und nun? Wie weiter? So viele grosse Themen: Menschenrechte, Demokratie, Gerechtigkeit, Armut, Würde geistern durch meinen Kopf (und immer wieder Hannah Arendt), so viele Bücher liegen hier und wollen gelesen werden und alles scheint drängend und wichtig und interessant. Ich bin gespannt, wo mich meine Lesereise im April hinführt, welche Welten ich entdecken werde, welche Gedanken sich entwickeln. Manchmal wünschte ich mir die eine klarere Richtung, so dieses eine Thema, aber so bin ich nicht. Und vielleicht ist es auch mal an der Zeit, anzuerkennen, dass es verschiedene Menschen gibt und das gut ist – was bedeutet, dass auch ich gut bin, wie ich bin, mit all meinen Interessen, meiner Neugier, meinem Lernwillen, meinen Eigenarten.

Am Schluss halte ich es mit Goethe:

Da steh’ ich nun, ich armer Tor,
Und bin so klug als wie zuvor!
Heisse Magister, heisse Doktor gar,
Und ziehe schon an die zehen Jahr’
Herauf, herab und quer und krumm
Meine Schüler an der Nase herum –
Und sehe, dass wir nichts wissen können!

Und irgendwie ist das auch gut, dieses Nicht-wissen-Können, denn wo man nicht weiss, kann man offen neu erkunden und auf Neues stossen. Und das bereichert das Leben doch mehr als festgefahrene Glaubens- und Wissenssätze, die man runterbeten kann.

Tagesgedanken: Freiheit

Als Simone de Beauvoir jung war, gab es einen zentralen Wunsch: Sie wollte frei sein (und schreiben). Der Wunsch entsprang wohl vor allem dem Umstand, dass sie sehr eingeschränkt aufwuchs, mit vielen Verboten und Geboten, von aussen aufgestellte Mauern gegen die eigene freie Entfaltung. Es gibt aber auch die eigenen Schranken, die, welche man sich selber errichtet. Oft haben sie ihren Ursprung in eingeprägten Mustern, die aus der Kindheit stammen, sie äussern sich in Stimmen, die einen selber geformt haben. Das meint Simone de Beauvoir wohl mit diesem Satz aus dem Buch „Memoiren einer Tochter aus gutem Hause“:

„Das Schlimmste aber, wenn man ein Gefängnis mit unsichtbaren Mauern bewohnt, ist, dass man sich den Schranken nicht bewusst ist, die den Horizont versperren.“

Was heisst Freiheit? Ich würde sie so definieren, dass mir ein Leben möglich ist, in welchem ich meine Fähigkeiten nach meinen Wünschen und Absichten entwickeln kann, mir die Möglichkeiten dazu offenstehen. Vielen Menschen auf dieser Welt ist das nicht möglich, sie haben keinen Zugang zu ausreichender Ernährung, Bildung, Gesundheit. Noch immer sind es mehrheitlich Frauen, die darunter leiden. Auch wenn es in unseren Breitengrade sicher besser ist, so finden sich auch hier immer noch strukturelle Benachteiligungen von Frauen, Ungleichbehandlungen, die die Freiheit massgeblich einschränkten. Simone de Beauvoir sah uns hier in der Pflicht:

„Der Frau bleibt kein anderer Ausweg, als an ihrer Befreiung zu arbeiten. Diese Befreiung kann nur eine kollektive sein.“

Es geht nicht an, nur für uns selber zu schauen, denn Unterdrückung ist selten ein individuelles Problem, sondern ein strukturelles. Es ist ein Problem, das in den Köpfen der Menschen sitzt und da ersetzt werden muss durch eines der gleichberechtigten Mitmenschlichkeit oder wie Hannah Arendt es ausdrückt: Weltgestaltung. Schön wäre es, wenn wir uns dieses verinnerlichen würden:

„Das eigene Leben hat einen Wert, so lange man dem Leben anderer einen Wert zuschreibt.“ (SdB)

Tagesgedanken: Von Zahlen und Menschen

Das war meine Lektüre der letzten Tage. Ich muss gestehen, sie fiel mir nicht leicht und sie brachte mir keine gute Laune. Auf der einen Seite waren es schlicht viele Zahlen, Tabellen, Diagramme, technischen Fakten, auf der anderen Seite zeigten die Inhalte auf Missstände der heutigen Welt, die so vor Augen zu haben, bedrückten. Was ich schon lange dachte, nämlich, dass wir unser ganzes Leben der Wirtschaft unterordnen, dass demokratische Werte den ökonomischen geopfert werden, dass Mitmenschlichkeit gegen Profit verliert, wird in diesen Büchern durch den klaren Blick auf die globalen Zustände und die Mechanismen, die dahin geführt haben, offensichtlich.

Die Schere zwischen den Reichsten und den Ärmsten wird grösser, Armut ist ein Problem, das moralisch kaum mehr zu vertreten ist, wirtschaftlich aber weiter gepflegt wird, während die Reichen mit ihrem Reichtum zusätzlich einen Grossteil der ökologischen Sünden verursachen, unter welchem dann mehrheitlich die Ärmsten auf der Welt leiden. Und wir sitzen zu Hause im bequemen Sofa und wollen es offensichtlich so haben. Wir würden schon etwas ändern, wenn die Anderen in der Pflicht wären, aber mit uns hat das nichts zu tun. Dabei gäbe es Lösungen. Machbare.

Man weiss, dass ab einer gewissen Grösse des Einkommens/Besitzes das Glück nicht mehr zunimmt. Nehmen wir einen Millionär mit einem Vermögen von 100 Millionen. Er hat mit einem Bruchteil dieser Millionen zu tun, er braucht sie nicht alle. Er hat sie und definiert sich durch dieses Haben. Hätte er – sagen wir – nur 50, lebte er noch genauso wie jetzt. Und wenn es vielleicht eine Yacht weniger wäre – ich denke nicht, dass er massiv unglücklicher wäre. Wieso also keine progressive Steuer auf diese hohen Vermögen? Wieso keine Umverteilung von denen, denen es nicht weh tut, zu denen, denen das Nichthaben grosse Schmerzen bereitet? Darauf habe ich leider keine Antwort. Und genau das treibt mich um, da ich verstehen möchte. Immer. Ich bleibe dran (allerdings lieber wieder mehr philosophisch, weniger ökonomisch).

Michael J. Sandel: Gerechtigkeit. Wie wir das Richtige tun

Inhalt

„Es geht um die Frage, wie man die Einstellungen, Voraussetzungen und Charaktereigenschaften kultiviert, die in einer guten Gesellschaft wünschenswert sind.“

Der Philosoph Michael J. Sandel, Professor in Harvard, widmet sich in diesem Buch einer grundlegenden Frage, der der Gerechtigkeit. Anhand von aktuellen Ereignissen legt er die Konflikte dar, die entstehen können, wenn es darum geht, eine Entscheidung zu treffen, wie wir handeln sollen. Steht die Gemeinschaft zuvorderst und wir müssen nach dem grösstmöglichen Nutzen derselben trachten? Damit wären wir bei der Position der Utilitaristen. Auf der anderen Seite steht das Interesse des Individuums. Ist es legitim, ihm in Form von Steuern etwas wegzunehmen, um andere damit zu unterstützen?

Was ist gerecht und was zeichnet richtiges Handeln aus? Woher stammen die Kriterien, die wir anwenden, um dies zu entscheiden? Können wir rechtlich zur Solidarität verpflichtet werden oder müsste Hilfe immer ein freiwilliger Akt sein? Diese und weitere Fragen rollt Michael J. Sandel auf und analysiert die möglichen Antworten auf einer fundiert abgestützten Basis. Er legt gut verständlich die massgebenden Positionen von Kant, Rawls und Aristoteles dar, verweist auf die Utilitaristen Bentham und Mill, denen er die Position Nozicks entgegenstellt. Er vergleicht den voluntaristischen Entwurf der Person mit einem narrativen und entwickelt aus all dem eine Theorie des richtigen Handelns, wie es in einer nach Gerechtigkeit strebenden Gesellschaft gelebt werden sollte.

Weitere Betrachtungen
Sandel konstatiert generell, dass wir immer mehr materiellen statt moralischen Werten nachhängen, und propagiert eine Verschiebung zurück zu den Werten, weg von den Dingen. Damit negiert er nicht die Relevanz materieller Güter, im Gegenteil, er zeigt auf, wie die (fehlende) Verteilungsgerechtigkeit durchaus weitreichende Konsequenzen hat.

„Eine zu grosse Kluft zwischen Reich und Arm untergräbt die Solidarität, die für eine demokratische Bürgerschaft unerlässlich ist. Aufgrund der grossen sozialen Ungleichheit entfernt sich die Lebenswelt der Reichen zunehmend von jener der Armen.“

Damit zieht Sandel eine direkte Linie von der Ungleichverteilung der Güter hin zum Gemeinwohl. Die Ungleichverteilung lässt also nicht nur die Armen leiden, sondern sie hat Auswirkungen auf die ganze Gemeinschaft, welche die immer grösser werdende Kluft nicht nur im sozialen Miteinander, sondern auch in der Ausübung der Bürgerpflichten, welche für eine lebendige demokratische Gemeinschaft wichtig wären, spürt.

„Einrichtungen, die einst Menschen zusammenbrachten und als informelle Schulen staatsbürgerlicher Tugenden dienten, werden immer seltener. Die Aushöhlung des öffentlichen Raums erschwert es, die Solidarität und den Gemeinschaftssinn zu pflegen, von denen eine demokratische Zivilgesellschaft abhängt.“

Gerechtigkeit. Wie wir das Richtige tun ist ein sehr fundiertes, klar durchdachtes und leicht lesbares Buch, welches die vielleicht wichtigste Frage des individuellen wie des sozialen Lebens verständlich an aktuellen Beispielen aufrollt und analysiert. Sandel stellt die unterschiedlichen philosophischen Ansätze des liberalen Egalitarismus, des Libertarianismus, des Utilitarismus sowie die Moralkonzeption Kants und Aristoteles’ fair nebeneinander, erläutert ihre Vor- und Nachteile und schält so langsam einen Begriff der Gerechtigkeit heraus. Schlussendlich präsentiert er seine eigene Position, welche an Aristoteles und Alasdair McIntyre anlehnt und am amerikanischen Kommunitarismus orientiert ist. Kernpunkt dieser Theorie ist sicher der am Gemeinwohl orientierte Dialog aller Menschen, die einander als Menschen verpflichtet sind.

Persönlicher Bezug
Es gibt wenige Bücher, die auf so gut lesbare Weise so viel Tiefe und fundiertes Denken an den Tag legen. Michael J. Sandel gelingt es, anhand von vielen anschaulichen Beispielen die grundlegenden Fragen danach zu stellen, was wir tun sollen, wie wir leben sollen, um ein gutes Leben zu ermöglichen für alle. Er legt den Finger in die Wunden der heutigen Gesellschaften, bespricht die fehlende Bereitschaft zur Teilhabe an der Demokratie, wodurch die Mittel fehlen, die nötig wären, das Land zu gestalten und die Frage, was wir tun sollen und können, mit zu beantworten.

Er zeigt, was es bedeutet, wenn einige immer mehr und andere immer weniger haben. Nicht nur leiden die Armen unter ihrer Situation, diese Ungleichheit hat einen massgeblichen Einfluss auf das ganze System: Es driftet auseinander, und das nicht nur finanziell, sondern auch in der Haltung. Wie soll man Solidarität mit jemandem empfinden, der so weit von einem weg ist? Wieso sich kümmern, wenn man gar keinen Bezug mehr hat? Und wenn ein Problem ansteht, das alle miteinander betrifft, kämpfen sie in Lagern gegeneinander, statt solidarisch miteinander für die wichtige Sache. Es ist Zeit, aufzuwachen und diesen Riss zu kitten, der sich durch die Gesellschaft bahnt. Gerechtigkeit ist der Leim dazu.

Fazit
Ein sehr fundiertes, gut strukturiertes, gut verständlich geschriebenes Buch zu einem grossen und schwierigen, nichtsdestotrotz wichtigen Thema.

Zum Autor:
Michael J. Sandel, geboren 1953, ist politischer Philosoph. Er studierte in Oxford und lehrt seit 1980 in Harvard. Seine Vorlesungsreihe über »Justice« machte ihn zum weltweit populärsten Moralphilosophen.

Tagesgedanken: Freiheit des Tuns

Carolin Emcke schrieb in ihrem Buch „Journal“ den wunderbaren Satz, in dem ich mich so gut wiederfinde:

„Ohne die Sprache, ohne das Schreiben, fühle ich mich wie ein Obdachloser ohne Heimat.“

So fühlte es sich an, als ich von einem Tag auf den anderen meine Sprache und mein Lesen verloren hatte. Ich stand zwischen all meinen Büchern und fand keinen Zugang mehr. Ich war wie ausgeschlossen aus einer Welt, die so eigentlich die meine war, doch sie blieb mir verschlossen. Jeder Versuch, hineinzukommen, scheiterte. Ich begann zu malen. Es klingt ein wenig wie ein Klischee und vermutlich entspricht es genau dem. Frau, mittleren Alters auf der Suche nach sich selbst.

Es war der verzweifelte Versuch, eine neue Heimat zu finden. Ich malte wie besessen, jeden Tag, für Stunden. Ich wollte „es richtig machen“, es sollte nicht einfach ein kleines Hobby am Rand sein, sondern ein neues Zuhause werden, mein neues Ich. Und da es sich nicht so anfühlte, war ich unsicher und interpretierte jede Äusserung von aussen als Abwertung meines Tuns und Seins. Und vermutlich war ich die einzige, die beides abgewertet hat innerlich. Weil ich zweifelte. Am Tun. An mir. An allem. Es fühlte sich nichts richtig an, es fühlte sich nichts richtig gut an.

Vieles gelang, vieles machte auch Freude. Einmal sagte mir jemand, ich müsse meine Sprache finden. Die Antwort war sofort klar: Ich habe keine Bildsprache, meine Sprache sind die Worte, doch die sind mir ausgegangen. Ich habe viele Sprachen ausprobiert, mich in vielen auch ein wenig wohl gefühlt für eine kurze Zeit, doch nie auf Dauer und nie so ganz. Und immer fehlte etwas, immer war da eine innere Unruhe, ein inneres Ziehen, ein Suchen, eine Unsicherheit in und mit mir.

Das alles war mir nicht so bewusst damals, ich erkenne es im Rückblick. Seit einiger Zeit bin ich endlich wieder zurück in meiner Heimat. Ich merke, wie ich in mir mit meinem Tun sicherer bin und mich darum nicht mehr so schnell in Frage gestellt fühle. Ich zweifle sicher noch immer ab und zu an mir, aber das eher situativ als in einem mich im Ganzen erschütternden Mass. Dafür bin ich dankbar.

Ich bin aber auch dankbar für den (Um-?)Weg. Er hat mich viel gelehrt. Und es sind einige Bilder entstanden, die mir sehr am Herzen liegen, auf die ich stolz bin, die mir viel Freude gemacht haben und weiter machen. Auch hat mir dieser Weg eine Zuflucht gewährt in einer Zeit, in der ich sie so sehr brauchte und suchte, in der so viel Unsicherheit und Haltlosigkeit lag. Ab und zu denke ich, damals war ich irgendwie freier, weil das Malen nicht so tief in mir war wie das Schreiben. Es hing nie so viel daran, es war nicht so eminent wichtig. Ich konnte auch mal nicht malen. Beim Schreiben ist das schwerer. Es ist ab und zu ein regelrechter Kampf, mich dazu zu entscheiden, mit Schreiben Lesen zu pausieren und mich anderem zu widmen. Aber vielleicht ist genau das die grösste Freiheit: Tun zu können, was einem so sehr Bedürfnis ist.

Tagesgedanken: Was kümmert mich die Welt?

Ich lese aktuell drei Bücher: eines über die Geschichte des Kapitalismus, eines über Philosophie und Armut, eines über Moral und Politik. Ich lese Zeitungen, sehe, was passiert auf dieser Welt und es erschüttert mich. Wir haben es geschafft, aus dieser Welt ein Schlachtfeld zu machen, einen Tummelplatz der Schädigungen, die alle auf dem eigenen Profitdenken fussen. Nun kann man einfach sagen: Ich selber habe ja nichts gemacht, ich lebe ja nur mein Leben – doch ich denke, das ist zu einfach gedacht.

Wir frönen dem Konsum, während andere Menschen auf der Welt verhungern. Woher rührt die Gleichgültigkeit, die mangelnde Aufregung, die fehlende Empörung? Ist das Thema zu wenig präsent? Zu wenig konkret? Hätten wir nicht die Pflicht, zu helfen? Worauf gründen überhaupt Pflichten? Wer steht in der Verantwortung? Wofür? Auf welche Weise?*

Versuchen wir es mit einer Analogie zur Veranschaulichung (das Beispiel ist von Peter Singer): Ein Mann geht an einem Teich vorbei, darin ertrinkt gerade ein Säugling. Der Mann hilft dem Kind nicht, weil er seinen teuren Anzug nicht ruinieren will. Das löst bei den meisten vermutlich Empörung aus. Man ist sich wohl mehrheitlich einig, dass der Mann dem Kind hätte helfen müssen. Es wäre hier um eine Güterabwägung gegangen, bei welcher das Leben eines Kindes mehr Gewicht gehabt hätte als ein Anzug. Wir sehen hier also den Mann in der Pflicht. Zudem sind wir uns mehrheitlich sicher, dass wir geholfen hätten.

Kann man diese Sicht analog auf das Armutsproblem anwenden? Dort sterben Menschen, hier sitzen wir, könnten helfen (wie wäre noch konkret zu klären) und tun es nicht. Wieso sehen wir uns hier nicht in derselben Hilfspflicht wie beim ertrinkenden Kind? Es gibt einige Unterschiede zwischen den beiden Fällen:

Im Teichbeispiel haben wir einen einzelnen Mann und ein Opfer. Die Hilfe ist einmalig und danach ist alles wieder gut, das Kind in Sicherheit. Im Falle der Armut haben wir es mit 800 Millionen Menschen zu tun, das kann kein Einzelner bewältigen. Eine Spende wäre sicher eine Gewissensberuhigung, aber noch keine ausreichende oder gar nachhaltige Hilfe. Armut ist kein individuelles Problem, es reicht nicht, allen etwas zu essen zu geben, einen Einzelnen von einer Krankheit zu heilen. Die nächste Krankheit wird kommen und der nächste Hunger auch. Armut ist ein strukturelles Problem, es rührt daher, dass Menschen keinen Zugang zu Gütern für ihre Grundversorgung (Nahrung, medizinische Versorgung, Bildung, etc.) haben. Da müsste man ansetzen. Es gibt einige sehr sinnvolle globale NGOs, die in grösserem Masse helfen und die auf Unterstützung angewiesen, allerdings müsste das Problem auch auf politischer Ebene und in noch umfassenderem Rahmen angegangen.

Sind wir also doch fein raus aus der Pflicht? Können wir weiterleben wie bisher, unserem Vergnügen frönen und die Probleme dieser Welt vergessen, da wir nichts tun können? Ich denke nicht. Mit unserem Konsumverhalten fördern wir die Ungleichheiten auf dieser Welt. Indem wir uns mit Kleiderbergen aus wenig nachhaltiger und ausbeuterischer Produktion eindecken, stärken wir Systeme, die so produzieren. Der Verzicht auf diese Produkte würde nicht den Menschen dort die Arbeit nehmen (so wird der eigene Kaufrausch oft gerechtfertigt), sondern die Firmen dazu anhalten, andere Bedingungen zu schaffen (natürlich nicht von heute auf morgen und das ist nur ein Schritt von vielen).

Ein weiteres Problem: Unsere Regierungen unterstützen die Politiker in den von Armut betroffenen Ländern, sie tun das für unseren Profit. Sie kaufen Rohstoffe aus Verbrecherstaaten, der Gewinn kommt nur der jeweiligen Regierung, nie dem Volk zugute. So werden die Ressourcen ganzer Länder geplündert, das Volk bleibt in Armut und die machthabenden Gauner bereichern sich.

Das geht uns nichts an? Wir haben damit nichts zu tun? Auch hier kommen wir nicht so leicht davon: Wir haben unsere Regierungen gewählt und wir wählen die Bedingungen in unserem Land durch Wahlen, Abstimmungen und durch unser Verhalten. Wir verschwenden Ressourcen, da sie ja endlos vorhanden zu sein scheinen (die Bedingungen dafür ignorieren wir). Wir sind nicht mal im eigenen Land bereit, zu einer gerechteren Umverteilung beizutragen, um hier die Armut, die durchaus existiert, zu bekämpfen. So stimmen wir zum Beispiel immer wieder gegen höhere Besteuerung, weil wir nicht wollen, dass man uns etwas wegnimmt. Helfen ja, aber nicht auf unsere Kosten… Es würde sonst nicht mehr für das tägliche Fleisch und das 12. Paar Schuhe reichen.

Mich frustriert das im Moment sehr. Auch das Wissen, dass ich mir in der Vergangenheit viel zu wenig Gedanken darüber gemacht habe, frustriert mich. Ich werde die Welt nicht retten können, aber ich möchte zumindest hinsehen, was passiert und meinen Beitrag zu einer möglichen Verbesserung leisten. Da ich als Philosophin ein denkender und schreibender Mensch bin, werden das meine vorrangigen Mittel sein zur Bewusstmachung des Problems. Ich will und darf nicht mehr schweigen, wenn ich Missstände sehe, und ich will und muss auch mein eigenes Verhalten überdenken. Frei nach Gandhi:

„Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“


*Das sind nur Gedanken und soll keine abschliessende Abhandlung darstellen. So liegt es in der Natur der Sache, dass vieles Erwähnenswerte keinen Eingang fand und die perfekte Lösung des Problems noch aussteht. Man möge es mir nachsehen.

Die Würde des Menschen

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

So lautet der erste Absatz des ersten Artikels des Deutschen Grundgesetzes. Neu ist der Begriff der Würde nicht, er lässt sich historisch durchaus zurückverfolgen, Was ich hier aber nicht ausführlich tun möchte. Nur noch soviel: In der Aufklärung schrieb der Naturrechtsphilosoph Samuel von Pufendorf:

„Der Mensch ist von höchster Würde, weil er eine Seele hat, die ausgezeichnet ist durch das Licht des Verstandes, durch die Fähigkeit, die Dinge zu beurteilen und sich frei zu entscheiden, und die sich in vielen Künsten auskennt.“

Er verknüpft die menschliche Würde mit der Vernunft und der (Entscheidungs-)Freiheit, eine Verbindung, die sich auch in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948 findet:

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.“

Kürzlich hörte ich eine Sendung über Menschenwürde. Im Grundgesetz gilt diese – wir sahen es oben – als unanstastbar und zwar für alle Menschen ohne Unterschied allein aufgrund ihres Mensch-Seins. Ferdinand von Schirach hat diese Unantastbar bezweifelt und ein Buch mit dem Titel „Die Würde des Menschen ist antastbar“ geschrieben, in dem er ausgeführt, sie würde täglich angetastet durch unsere gesellschaftlichen Umstände, welche mehr auf Profit als auf Mitmenschlichkeit ausgerichtet sind.

Die Würde wird oft herbeigeholt, wenn es darum geht, Argumente für etwas zu finden, manchmal für verschiedene Standpunkte. Man denke zum Beispiel an die Sterbehilfe: Beide Seiten argumentieren mit der menschlichen Würde, um ihre Position zu begründen. Und manchmal kommt es mir so vor, als wäre die Würde ebenso ein Konjunktiv wie das entsprechende Verb in der Form: Sie würde schon jedem zukommen, die Würde, aber darum können wir uns gerade nicht kümmern…

In dieser Sendung wurde argumentiert, dass Würde nur bei entsprechenden kognitiven Fähigkeiten verletzt werden könne, da jemand, der eine Erniedrigung nicht als solche empfinde, könne gar nicht verletzt werden. Schlimmer noch: Mangels dieser kognitiven Fähigkeiten und auch der Möglichkeit auf freie (politische) Entscheidungen sprach man Babies und Kleinkindern, zudem entsprechend Behinderten und Dementen Würde ab (was nicht hiess, dass man sie nicht trotzdem gut behandeln müsse). Und ich merkte, wie sich alles in mir sträubte.

Auf den ersten Blick könnte man denken, diese Argumentation stimmt überein mit Pufendorf und in der Menschenrechtserklärung, wo Würde mit Vernunft und freier Entscheidung zusammenfällt. Sich auf Pufendorf zu berufen, wäre in meinen Augen keine hinreichende Begründung für das Absprechen von Würde in der heutigen Zeit. Pufendorf attestiert dem Menschen durchaus Würde aufgrund einer Seele, welche er als vernunftbegabt und zu Entscheidungen fähig sieht. Wenn man allerdings die rassistische und frauenabwertende Sicht der Philosophen der Aufklärung kennt, ist mit einer solchen Begründung wohl auch Schwarzen und Frauen eine entsprechende Seele und damit die Würde abgesprochen worden. In der Menschenrechtserklärung heisst der erste Satz ganz klar:

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“

Alle. Frei und gleich geboren. Mit Würde und Rechten. Die nachfolgende Beschreibung macht das nicht rückgängig. Sie ist auch nicht als nachträglich einschränkende Bedingung formuliert. Insofern behält der erste Satz seine Gültigkeit. Das muss so sein, denn: Könnte man Würde all denen absprechen, die keine ausgebildete Kognitionsfähigkeit zum Erfassen der eigenen Würde haben, wäre Würde eine reine Zuschreibung. Diese erfolgte aufgrund verschiedener Fähigkeiten und Möglichkeiten und wäre in der Form eher beliebig, da Fähigkeiten und Möglichkeiten in unterschiedlichen Kulturen und zu unterschiedlichen Zeiten verschieden bewertet werden.

Würde hat aber eine tiefere Bedeutung. Würde ist etwas dem Menschen immanentes, das schreibt keiner nach irgendwelchen Kriterien zu. Wir haben uns Wesen gegenüber so zu verhalten, dass ihre ihnen eigene Würde nicht verletzt wird – egal, ob sie von ihrer Würde wissen oder eine Verletzung derselben empfinden (können). Wenn wir Würde von individuellen Befindlichkeiten abhängig machen, siegt die Willkür, was dazu verleiten kann, moralische Pflichten des (eigenen) Verhaltens zu vernachlässigen – man kann sich immer darauf berufen, dass man nicht hätte ahnen können, wie der andere etwas empfindet und sich mit Unabsichtlichkeit herausreden: „Mich würde das nicht stören, man wird ja wohl noch sagen/tun dürfen…“

Ich möchte es vorläufig mit Schiller halten:

„Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben, bewahret sie! Sie sinkt mit euch! Mit euch wird sie sich heben!“

Die Würde steht jedem Menschen zu. Es ist an jedem Einzelnen, Menschen dementsprechend zu behandeln. Menschen verlieren ihre Würde nicht durch fehlende Fähigkeiten oder Möglichkeiten, andere Menschen sprechen sie ihnen ab durch ihr falsches, unwürdiges, entwürdigendes Verhalten – und das tun sie zu Unrecht. Jeder Mensch besitzt eine Würde und wir haben uns Menschen gegenüber so zu verhalten, dass diese gewahrt ist. Weil sie Menschen sind und damit wie wir das Recht darauf haben.