ich bin manchmal schwer,
und oft ist’s nicht leicht.

ich leide dann sehr,
der boden durchweicht

von tränen und meer,
ganz tief, selten seicht,

ich wollte nichts mehr,
und nichts scheint erreicht.

ich mach’s mir oft schwer,
und dir selten leicht,

bemühst dich dann sehr,
doch alle müh weicht

dem uferlosmeer,
das keiner erreicht.

es geht kaum mehr mehr,
hast mich schon erreicht,

es fällt mir nur schwer,
und zu selten leicht,

dass, was schon da sehr,
nicht einbildung weicht,

die tiefdunkles meer,
real mehr als seicht,

stets tief beschwört mehr,
statt hafen erreicht.

©Sandra Matteotti

Heute Morgen stand ich vor dem Spiegel, schaute mich an und dachte plötzlich: Es geht mir gut. Eigentlich geht es mir wirklich gut. Schnell kam der Gedanke auf, dass dies nicht immer so war, ich dachte an viele schwierige Zeiten in meinem Leben, Zeiten, die mich heraus- und auch ab und an überfordert haben. Im gleichen Moment kam aber auch der Gedanke auf, dass selbst da, in diesen Zeiten, vieles auch gut war. In mir ratterte auch gleich eine Liste runter, was das alles gewesen ist. War mein Leben damals also gut oder nicht?

Meist denken wir dann, dass es uns gut geht, unser Leben ein gutes ist, wenn die Dinge so sind, wie wir sie uns wünschen. Wir haben ein gutes Leben, weil ist, was ist. Das als gutes definierte Leben hängt also von Gründen ab. Als Grund wiederum gilt das, was mit unseren Hoffnungen, Erwartungen, Wünschen übereinstimmt. Nur: Was passiert, wenn es nicht so läuft, wie wir uns das wünschen? Was, wenn wir gerne dünner, reicher, klüger wären, einen Mann hätten, einen loswürden, eine Prüfung bestünden? Wäre das Leben dann gut? Und was, wenn nicht? Ist es dann nicht gut?

Es gab einige Zeiten in meinem Leben, die schwer waren. Chronische Krankheiten, der Tod meines Vaters, unglückliche Beziehungen, die Schwierigkeiten als Alleinerziehende mit verschiedenen Hindernissen, die mir deswegen in den Weg gelegt wurden. Und doch: Wenn ich zurück schaue, gab es in all diesen Phasen auch immer gute Momente, gab es in diesen Zeiten auch immer Glück und Lachen und Freude. Und auch im Nachhinein kann ich sagen: Ich hatte in meinem Leben ganz viel Glück – trotzdem. Nicht weil. Es musste dazu nichts anders sein oder besser sein als es war, es konnte alles so bleiben (natürlich wünschte ich mir das alles nicht, aber ich konnte es nicht ändern in dem Moment), und doch: Ich hatte ein gutes Leben. Weil da auch noch mehr war. Und weil ich tief drin einen Sinn sah in diesem Leben, in meinem Leben.

Ich hatte Dinge, die mich erfüllten, hatte Menschen, die mich liebten und die ich liebte. Ich hatte Hoffnungen, Ziele, Träume, denen ich mich hingeben konnte, die mir Sinn ins Leben brachten, die mein Leben nicht zu einem sinnlosen weil leeren Leben werden liessen. Einer, der die Wichtigkeit von Sinn in seiner Theorie und Therapie immer wieder betont (und es auch in seinem eigenen Leben erfahren hat), ist Viktor Frankl. Er ist der festen Überzeugung, dass jeder Mensch in der je eigenen Situation nach Sinn sucht. Findet er diesen nicht, sucht er Ablenkungen und Kompensationen, gibt sich Bedürfnissen hin, welche von der Konsumgesellschaft als notwenig hingestellt werden, dabei erst von dieser produziert wurden. Es sind keine lebenstragenden Bedürfnisse, was vor allem daran sichtbar wird, dass selbst mit jeder Erfüllung eines aktuellen materiellen Bedürfnisses oft eine innere Leere, ein (wie Viktor Frankl es nennt) Existenz-Vakuum bleibt.

Das Leben per se hat keinen Sinn in sich. Es gibt auch keinen Sinn, der jedem übergestülpt werden und damit sein Leben zu einem erfüllten machen kann. Sinn ist individuell. Sinn ist situations- und menschenabhängig. Was gemeinsam ist, ist die Ausrichtung insofern, als sie sich auf ein Ding/Tun oder aber die Liebe zu einem Menschen bezieht. So stellt sich also immer wieder die Frage: Was gibt meinem Leben Sinn? Was fesselt mich so sehr, dass ich mich und die Zeit vergesse und eintauche? Was gibt mir so viel, dass ich es tun will und in diesem Tun ganz bei mir bin, dabei aber doch selbstvergessen? Gibt es einen Menschen, für den es sich zu leben lohnt? Wem bedeutet es etwas, dass ich auf dieser Welt bin? Nur schon das ist ein Sinn, weiter zu leben.

Es mag sein, dass nun ein „ja, aber…“ auftaucht. Was bringt mir dieser Sinn wirklich? Die wirkliche Frage ist aber wohl: Was fehlt, wenn er fehlt? In meinen Augen die Grundlage für ein erfülltes Leben, da dieses Leben immer nur auf kurzzeitigen Gründen, nicht aber auf einem stabilen Fundament gründet, welches aus einem selber und nicht von aussen begründet ist. Nur wenn ich meinem Leben aus meinem Sein heraus, aus meinem So-Sein heraus, Sinn verleihe, kann ich dieses Leben auch aus mir heraus leben und damit glücklich sein. Auch wenn die Zeiten mal schwer sind. Auch wenn die Dinge nicht immer ganz so liegen, wie ich sie gerne hätte. Denn: Mein Leben hat trotzdem einen Sinn. Wie sagte schon Nietzsche:

„Wer ein Warum hat zu leben, erträgt fast jedes Wie.“

du bist mir nie treu,
du bist es nur dir.

du nimmst mich nie ernst,
das nimmst’ auch dich nie.

du bist schlicht ein clown
mit tiefen in dir.

du bist komödiant,
ich dank’ dir dafür.

ich hadere oft,
mit mir, nicht mit dir…

du lachst dann spontan –
ich gönne es dir.

ich bin erst entsetzt,
dann find’ ich in mir,

den dank für die freud’,
die weg mir war schier.

du holst sie stets her,
aus ich wird ein wir.

ich trete dann aus,
bin nicht nur in mir,

bin auch nicht weit weg,
bin tief drin im wir.

das höher stets ist,
ein ich wär nie hier.

im wir zeigt sich ich,
so wie es sein wird.

©Sandra Matteotti

Vor 77 Jahren wurden die Geschwister Scholl verhaftet und hingerichtet. Die Studenten hatten zum Widerstand gegen das Nazi-Regime aufgerufen. Sie gelten bis heute als Vorbilder der Zivilcourage.*

Die Geschwister Scholl stehen bis heute für Widerstand und Zivilcourage. Sie lehnten sich gegen die Machenschaften unter Hitler auf und bezahlten ihren Einsatz schlussendlich mit ihrem Leben. Ihre Geschichte ist umso erstaunlicher, als sie zuerst mit den Nationalsozialisten sympathisierten, eine Karriere machten in dem System entgegen den Überzeugungen ihrer Eltern, welche dem System eher kritisch gegenüber standen. Die anfängliche Faszination für die Bewegung Hitlers wich nach und nach der Überzeugung, dass diese mit der eigenen Moral nicht konform ging. Doch: woher stammt diese innere Moral? Und wieso fehlte sie bei so vielen der anderen, die entweder mitmachten oder einfach schwiegen?

Glaubt man Kant, steckt die Moral in jedem drin und jeder Mensch hätte (theoretisch) die Fähigkeit, zu erkennen, was recht und was unrecht ist und auch nach danach zu handeln. Wenn dem so ist, wie kommt es dann, dass so viele Menschen sich in ein System einspannen liessen und sogar noch freudig mitmachten, das so offensichtlich nicht recht, nicht gut war? War es wirklich blosse Gedankenlosigkeit, wie Hannah Arendt sie bei Eichmann (wenn auch aufgrund falscher Voraussetzungen) feststellte oder steckt eine menschliche Boshaftigkeit dahinter, die jedem innewohnt? C.G.Jung hat darauf hingewiesen, dass jeder Mensch sowohl Licht wie auch Schatten in sich trägt. Als Schatten bezeichnete er die dunklen Seiten, die man selber verabscheut und auch unterdrückt. Und doch scheinen sie auch eine Anziehungskraft zu haben. Das Gute also blosse Unterdrückung des eigentlich reizvollen?

Der Mensch strebt nach dem Guten. Dessen waren sich die Philosophen zu allen Zeiten einig. Die Meinungen gingen aber auseinander, was dieses Gute sei. Nun lässt sich das Gute, das einer will, durch verschiedene Kriterien bestimmen. Es kann moralisch gut sein, es kann aber auch nur gut sein, weil es erstrebenswert scheint. Dazu bedarf es keiner moralischen Komponente, sondern einer individuell der aktuellen Begehrenssituation angepassten. Ob es wirklich gut und vor allem richtig sei, das zu wollen, was man in dem Moment will, ob dieses erstrebte Gut (moralisch) angebracht ist, steht auf einem anderen Blatt. Es steht einem immer frei, sich gegen das angestrebte zu entscheiden, wenn man es aufgrund der eigenen Abwägung über richtig oder falsch als falsch erkannt hätte. Dazu bedarf es aber des Insichgehens. Es bedarf der inneren Zwiesprache mit sich selber darüber, was Recht und Unrecht ist und was für ein Mensch man sein will. In vielen Fällen wird diese Entscheidung zugunsten des (moralisch) richtigen ausfallen. Der andere Fall findet aber auch statt. Und so findet sich kein Mensch, der nur gut oder nur böse ist. Es ist eine Entscheidung von Mal zu Mal. Gefährlich wird es da, wo das sich Fragen ausbleibt, man unbedacht handelt, ohne sich bewusst zu sein, was man tut und wieso – und vor allem, ob man das tun sollte, dürfte, kann.

Die Geschwister Scholl haben nachgedacht, haben nach ihrem eigenen Gewissen gehandelt und bezahlten das mit ihrem Leben. Sie liessen nicht ihr Leben für die Sache, denn sie wollten leben um für ihre Haltung gegen das Regime. Sie mussten sich aber bewusst gewesen sein, dass sie dieser Kampf eben dieses Leben kosten kann. Das Andenken an die Courage dieser jungen Menschen ist aus verschiedenen Gründen wichtig: Es ist ein Aufruf an das eigene Denken und Hinterfragen von von aussen Gegebenen. Selbst wenn man zuerst etwas gut hiess, ihm folgte, kann man seine Route jederzeit ändern, wenn man den eigenen Weg als falsch erkannt hat. Und man kann die eigene Kraft für das Gute einsetzen, statt sie dem Bösen zu widmen. Dazu bedarf es des eigenen Urteils, der eigenen Stellungnahme, denn nichts ist – wie schon Hannah Arendt sagte – gefährlicher als blinder Aktionismus:

Diese Indifferenz stellt, moralisch und politisch gesprochen, die grösste Gefahr dar.**

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*http://www.dw.de/vorbilder-bis-heute-sophie-und-hans-scholl/a-16601656

**Hannah Arendt: Über das Böse

ich kann dich lieben
ach so sehr,
wenn ich’s nicht zeig,
fällt glauben schwer.

du kannst mich lieben,
noch viel mehr,
wenn ich’s nicht glaub,
fällt’s beiden schwer.

die liebe ist nicht
einfach oft,
sie fordert viel
von einem paar.

die liebe ist zwar
sehr gewollt,
doch so gelebt,
sehr schwer, weil zwar

meist beide wollen,
jeder tut,
und jeder fühlt,
was er grad kann.

das deckt sich oft nicht
wirklich gut,
so dass am schluss
zwei menschen steh’n,

die lieben zwar
ein jeder sehr,
nur keiner fühlt
den andern mehr.

so wirklich lieben
kann wohl nur,
wer sich auch erst
mal selber liebt.

dann geht er hin und
liebt noch mehr
den anderen
grad ach so sehr.

da dieser nun
sich selber liebt,
glaubt er nun schlicht,
dass dieses geht.

nur so liebst du und
liebt auch er
und beide fühlen:
es ist gut!

©Sandra Matteotti

Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)

Wie sagte Johann Wolfgang von Goethe so schön: Man sollte jeden Tag ein Gedicht lesen. Ich stimme ihm hier zu und möchte euch heute eines schenken – vom Meister selber.

Freudvoll
Und leidvoll,
Gedankenvoll sein,
Langen
Und bangen
In schwebender Pein,
Himmelhoch jauchzend,
Zum Tode betrübt;
Glücklich allein
Ist die Seele, die liebt.

Johann Wolfgang von Goethe (Klärchens Lied, aus Egmont, 3. Aufzug, 2. Szene)

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man liebt

Es gibt ein Gedicht für jede Lebenslage, es gibt ein Gedicht für jede Gefühlslage. Ich bin der Überzeugung, dass Lyrik helfen kann, weil sie Raum gibt, weil sie Worte findet, weil sie Sinn über die Worte hinaus vermittelt. Darum auch mein Projekt „Lyrische Helfer“.

 

„Erinnere dich daran, dass das, was dich wie an unsichtbaren Fäden hin- und herzieht, in deinem Innern verborgen ist.“ (Marc Aurel)

Ist es dir auch schon mal passiert, dass du auf etwas reagiert und dich im Nachhinein gefragt hast: „Was hat mich da geritten?“ Dann fallen dir spontan mehrere Möglichkeiten einer besseren Reaktion ein – alles Möglichkeiten, die du nicht gewählt hast, weil du aus dem hohlen Bauch heraus, ohne innezuhalten oder nachzudenken, spontan reagiert hast.

Was also hat dich geritten? Tief in unserem Unbewussten schlummern unterdrückte Gefühle, verdrängte Erfahrungen, ignorierte Emotionen. Wir haben etwas erlebt, das schmerzhaft oder unerfreulich war, haben beschlossen, das aus unserem Bewusstsein zu verbannen, weil wir nicht mehr weiter leiden wollten. Wir haben es verdrängt. Nur: Alles, was wir verdrängen, ist nicht einfach weg. Es tobt fortan in unserem Unterbewusstsein weiter. Und es kommt just dann wieder hervor, wenn etwas passiert, das in irgendeiner Weise Ähnlichkeiten hat mit dem, was wir verdrängen. So passiert es, dass wir in aktuellen Situationen nicht auf das reagieren, was wirklich ist, sondern darauf, was wir in die Situation hineinlesen aufgrund vergangener Erfahrungen.

Mögen Gefühle, Emotionen und Erfahrungen auch noch so schmerzvoll sein: Es bringt nichts, sie zu verdrängen, weil wir sie auf diese Weise nicht los werden. Im Gegenteil: Sie bringen von da, wo sie sind, nur noch viel mehr Leid und Schmerz, da sie uns immer wieder neu in Situationen bringen, in denen wir das nochmals erleben, was wir eigentlich verdrängen wollten. Erst wenn wir uns dem Ganzen stellen, wenn wir hinschauen, analysieren, akzeptieren und verarbeiten, können wir frei werden davon. Nicht immer ein einfacher Weg, schon gar nicht der des geringsten Widerstandes, aber einer, der auf mittel- und langfristige Sicht Heilung und Wachstum mit sich bringt. Nur wenn wir uns bewusst sind, was in uns vorgeht, nur wenn wir genau hinschauen, können wir auf Situationen reagieren, wie sie sind, anstatt immer wieder in alte Muster zu verfallen und von neuem zu leiden.