Tagesgedanken: Zweifel und Hoffnung

Die neue Woche hat uns wieder, das ist der Moment, an dem alles wieder neu anfängt und man sich voller Elan reinstürzen könnte. Leider geht mir der Elan gerade ab, es fühlt sich alles eher an wie ein mühseliger Kampf. In mir schreit es laut „ich will nicht“, „ich mag nicht“, und ich zwinge mich, es doch zu tun – liegen bleiben ist ja auch keine Option. Ich weiss jeweils nicht, was zuerst da ist: Diese grosse innere Müdigkeit, die dann Zweifel und Unsicherheiten in mir auslöst, oder aber die Zweifel und Unsicherheiten, die mich müde werden lassen. Auf alle Fälle kommen in solchen Momenten die grossen Fragen auf: „Was mach ich da eigentlich?“ „Wozu das Ganze?“ „Bin ich genug?“ „Werde ich je gut genug sein?“ „Für wen?“

Und dann schaue ich in die Welt hinaus. Und was ich sehe, ist auch nicht wirklich erfreulich. Und ich frage mich, was das mit mir zu tun hat. Haben mich die letzten zwei Jahre mit Corona doch mehr betroffen als ich wahrhaben wollte? Trifft mich der Krieg doch tiefer, als ich es zulassen will? Wird das alles auch mal wieder gut? Besser? Und was heisst das überhaupt, gut oder besser?

Ich sehe an so vielen Orten Leid und Elend, und wenn ich es anspreche und Lösungen finden will, kriege ich ganz schnell zu hören: Ach, das werden wir nie lösen, es wird immer Arme geben (925 Millionen Unterernährte, 884 Millionen ohne frisches Trinkwasser, 2 Milliarden ohne ausreichende Medikamente, jeden Tag sterben 50’000 Menschen aus Armut, davon sind 22’000 Kinder). Ein Zweiundvierzigstel der Konsumausgaben reicher Länder würde das alles beheben (alle Zahlen finden sich in Thomas Pogges Buch „Weltarmut und Menschenrechte“).

Und wenn ich die Zahlen so hinschreibe, merke ich: Ich kann das nicht einfach ruhen lassen. Ich muss weiterschreiben. Und ich muss weiter hoffen. Caroline Emcke hat das alles mal schön und für mich so passend in Worte gefasst:

„Am Anfang ist immer der Zweifel.
Manchmal wünsche ich, ich könnte ihn abstellen.
Aber damit wäre das schreibende Ich nicht mehr Ich.
Schreibend findet und erfindet es sich.“

9 Kommentare zu „Tagesgedanken: Zweifel und Hoffnung

  1. Vielen Dank für den Text. Ich glaube, der Mensch braucht Zweifel. Zweifel sind die Katalysatoren für neue oder anregende Denkprozesse. Solange sie nicht zur Resignation führen und zur VERzweiflung, schätze ich sie, auch wenn ich sie nicht besonders mag. Ich Liebe die Gewissheit mehr und denke einfach, dass es das Eine ohne das Andere nicht gibt.

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  2. „Ich kann das nicht einfach ruhen lassen.“ So sehe ich das auch. Still vor sich hinleiden und sich zu sagen, daran könne man ja doch nichts ändern, ist keine Option! Schreiben kann helfen. Mit anderen sprechen kann helfen. Eigentlich wollen doch die meisten Menschen, dass es der Welt, ihnen selbst und auch allen anderen gut geht. Natürlich lässt sich nicht alles, was schon viele Jahre schief gelaufen ist, von heute auf morgen ändern. Aber oft wird an den Problemen bereits von verschiedenen Richtungen gearbeitet, um Verbesserungen zu erzielen. Manchmal denken wir, nur unsere Art der Herangehensweise könne helfen, und bemerken dann gar nicht, dass andere ebenfalls an Verbesserungen arbeiten. Nur eben auf eine ganz andere Art. Letztlich wirkt alles zusammen. Und vielleicht erscheint die Welt dir dann irgendwann gar nicht mehr so schlecht.

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  3. Ich finde das Schlechte am Schlechtfinden, dass man es schlecht findet. Die Welt sei schlecht, die Umstände seien schlecht, die Zeiten seien schlecht, der Tag sei schlecht und die Menschen dazu. Wo beleibt das Positive? Kästner meint: „Ja weiss der Teufel, wo das bleibt.“ Ich glaube zu wissen, wo das bleibt: In uns.

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