Du kannst das nicht.

Sagt leise eine Stimme. In dir.

Du bist nicht gut genug.

Spricht sie weiter. Du würdest sie gerne stoppen, aber du denkst: Irgendwo hat sie recht. Es reicht wirklich nicht. Du siehst so viel um dich, das du nicht kannst. Wie sollte das, was du tust (und du redest noch nicht mal von Können) irgendwohin reichen?

Das ist toll!

Sagt einer. Du reisst die Augen auf und denkst:

Was sieht er?

Du glaubst ihm nicht. Aber du glaubst jedem, der etwas sagt, das man nur im entferntesten Sinne als Kritik auffassen könnte. Oder notfalls was hinein interpretieren.

Wieso eigentlich?

Mein Leben als Rosamunde-Pilcher-Film

Ich oute mich: Ich liebe Rosamunde Pilcher. Nicht die Bücher, die würde ich kaum lesen, ich liebe die Filme. Ich liebe es, mich vor den Fernseher zu legen und in diese Welt einzutauchen, die von schönen Bildern, wundervollen Landschaften, altvertrauten Schauspielern und dem ewig gleichen Lebensmuster geprägt sind. Ich liebe es, schon am Anfang zu wissen, wie es enden wird, und nie enttäuscht zu werden. Das ist ein Stück heile Welt, die trotz Höhen und Tiefen immer sicher ist, weil sie absehbar ist. Diese Absehbarkeit allein ist schon irgendwie beruhigend, dass es dabei immer auf das Gute hinausläuft, macht es umso besser.

Und ja, ich gestehe es: Ich würde gerne in einem Rosamunde-Pilcher-Film leben. Langweilig? Das würde heissen, dass man den Kitzel braucht, dass etwas in die Hose gehen kann, um im Leben Salz in der Suppe zu haben. Es ist ja nicht mal so, dass alles reibungslos läuft in den Filmen, es gibt immer Intrigen, immer Krisen. Aber: Sie lösen sich auf und am Schluss strahlen alle, mit denen man gehofft hat, und all die, welche falsches Spiel spielen, sind entlarvt und schauen in die Röhre. Und ich sitze vor dem Fernseher und strahle glücklich vor mich hin. Frau fühlt ja mit.

Leider ist das Leben kein Pilcher-Film. Leider wissen wir nicht, wie es ausgeht und können nicht drauf bauen, dass etwas so kommt, wie wir uns das wünschen. Das bringt Unsicherheiten mit sich und diese schüren Ängste. Angst ist nie ein guter Ratgeber und sie bewirkt selten etwas Gutes. Meist ist sie unbegründet oder baut auf Ahnungen, Vorstellungen, selten auf wirkliche Fakten oder tatsächliche Gefahren. Wenn wir uns von unseren Ängsten leiten lassen, bleibt es über kurz oder lang nicht aus, dass wir anfangen, gegen alles und jedes zu kämpfen, weil überall Gefahren lauern. Menschen können einen verletzen, Projekte können scheitern, Ziele können unerreichbar sein. Und weil dem so ist, wagen wir es nicht mal. Und noch schlimmer: Wir sehen überall Gründe oder Feinde, die uns im Weg sind, die mithelfen, dass wir scheitern (wobei wir noch nicht mal gescheitert sind, wir sind nicht mal losgegangen aus der Angst heraus, der Weg könnte abrupt enden).

Heute las ich einen Spruch:

Die Zuversicht springt über den Schatten der Angst. (Ernst Ferstl)

Im wahren Leben ist es leider so, dass man nicht immer schon weiss, ob man den Mann schlussendlich kriegt, ob man die Prüfung besteht, die eigenen Ziele erreicht. Man kann es sich wünschen, aber ein Risiko bleibt. Beziehungen scheitern, Prüfungen sind immer auch ein bisschen Glück und Tagesverfassung, Wege hin zu Zielen bergen immer das Risiko von Hindernissen (von aussen wie aus einem selber). Aus diesem Grund den Weg gar nicht erst zu gehen, weil die Angst übermächtig wird, wäre schade, denn dann gibt es garantiert keinen Erfolg. Der Mann wird von einer andern weggeschnappt (und man sagt sich: „Das habe ich mir doch gleich gedacht!“), die Prüfung ist nicht bestanden („Gut habe ich es gar nicht erst versucht!“) und das Ziel bleibt in weiter Ferne („Das hätte ich eh nie erreicht!“). Nur innerlich brodeln auch die Zweifel, die an einem selber: „Wäre es nicht doch möglich gewesen?“ „Habe ich nicht vielleicht einen Fehler gemacht?“

Auf diese Zweifel gibt es keine positive Antwort, denn: Sie sind absolut richtig. Niemand anders ist schuld, dass es nicht geklappt hat, als man selber. Dabei ist nicht gesagt, dass es geklappt hätte, aber die Chance wäre ungleich höher gewesen. Und wer weiss: Vielleicht hätte man bei diesem Versuch auch gemerkt, dass der Mann gar nicht passt, die Prüfung nicht so wichtig und das Ziel nicht das richtige ist. Sogar das wäre ein Happy End, denn zu wissen, was nicht passt, weil man es selber herausfand, ist immer ein Schritt nach vorne.

Wenn es aber doch klappt, dann – ja dann – haben wir es, das:

HAPPY END

Und dann ist das Leben für einen Moment fast wie ein Pilcher-Film. Ich hol’ schon mal das Taschentuch für die Tränchen der Rührung.

Es gibt so Tage, an denen will nichts gelingen. Und während du da sitzt und entweder gar nicht in die Gänge kommst oder aber probierst und probierst und alles versandet, zerrinnen die Stunden und die Selbstzweifel kommen. Wie böse Dämonen sitzen sie in deinem Hirn und sprechen zu dir:

„Was machst du da überhaupt?“
„Du kannst doch eh nichts!“
„Andere können alles viel besser!“

Das sind nur einige der schönen Dinge, die sie dir zuflüstern und du neigst dazu, ihnen zu glauben. Vor allem an solchen Tagen. Und du schimpfst mit dir und schiltst dich eine dumme Kuh, die irgendwelchen Träumen nachhängt, statt etwas Sinnvolles zu leisten. Andere retten die Welt, heilen Menschen, erforschen gerade das Weltall. Du sitzt hier und willst Kunst machen. Und du machst es nicht mal gut. Ok, das eine oder andere Stück gefällt dir ganz gut, aber im Ganzen ist keine Linie, ist kein Stil, ist keine Konstanz. Es sind Anfängerwerke von einem Anfänger, der nicht weiss, ob er je mehr sein wird als ein Anfänger – oder eben einer, der lange übte und doch nirgends hinkam.

Also aufgeben? Das geht nicht. Denn: Nie hast du etwas gehabt in deinem Leben, das dir mehr bedeutete, das dir mehr gab, mit dem du dich – ausgenommen an solchen Tagen – besser fühltest. Nie gelang es dir sonst, dich in etwas so zu verlieren und dich damit gut zu fühlen, wie jetzt.

Es bleibt also nur eines: Weiter machen. Im Wissen, dass immer wieder solche Tage kommen werden. Und wenn die Zweifel gar zu gross sind, hilft es, auf den Weg zurückzublicken, den du schon gegangen bist. Wo hast du angefangen, was hast du seit da erreicht? Und du wirst Fortschritte sehen und wirst sehen, was du alles schon gemacht hast – Tolles gemacht hast.

Ja, du bist vielleicht noch nicht da, wo du hinwillst und du weißt vielleicht nicht mal genau, wo das genau sein wird. Du weißt aber, dass es der Weg ist, den du gehen willst und du hast Vorstellungen vom Ziel – nicht immer gleich klar, aber sie sind da und sie fühlen sich schön und richtig an. Vielleicht ist heute einer der Tage, an denen gar nichts klar ist, an denen die Dämonen rufen, zanken, schimpfen, dich auch auslachen. Aber: Der Tag geht vorbei und ein nächster kommt.

Es gibt ein Zaubermittel gegen die Dämonen, die dir sagen wollen, dass du gar nicht kannst, was du tust: Tu es und sie werden schweigen.

Wir haben nie nach uns gesucht – wie sollte es geschehen, dass wir uns eines Tages fänden? (F. Nietzsche, Genealogie der Moral)

„Wer suchet, der findet“ heisst es so schön im Volksmund. Manchmal findet man auch etwas, das man nicht gesucht hat. Des Weiteren gibt auch die Momente, in denen man sucht und sucht – die Nadel im Steckhaufen, doch sie bleibt verborgen. Alles Suchen scheint ins Leere zu laufen, höchstens vorübergehende Funderfolge zu liefern, keine überdauernden. Das mag ab und an frustrieren, wollen wir doch als Menschen alles wissen, alles kennen, über allem stehen. Wir sehen uns als Beherrscher der Welt, der Natur, stehen gerne über den Dingen und auch über anderen Menschen. Wer zuoberst steht, der hat gewonnen.

Der Mensch ist begrenzt, alles, was er findet, muss im Rahmen seiner Möglichkeiten – vor allem der sinnlichen – liegen. Zwar können wir die so wahrgenommenen Dinge weiter denken, sie durch unsere Gedanken weiter entwickeln, daraus Schlüsse ziehen, die über das direkt Wahrgenommene hinausgehen. Aber auch dieses Denken hat Grenzen, natürliche Grenzen. Der Mensch ist nicht auf die umfassende Wahrheit ausgerichtet, sondern darauf, zu überleben. Das weiss man spätestens seit Darwin, das war aber auch vorher schon immer wieder Thema und Theorie. Viele Philosophen wollten den Menschen über allem stehend sehen, ihn quasi zum Übermenschen erklären. Nietzsche hat den Menschen als Tier gesehen, der sich selber ständig überschätzt und überstilisiert. Schopenhauer hat dem Menschen seine Begrenztheit vor Augen geführt, indem dieser die Welt nur sieht, wie er sie wahrnehmen kann. Nie objektiv, immer durch die eigene Brille. Kant hat sich der subjektiven Weltsicht angeschlossen, in dem er fragte, ob man sicher sein kann, ob etwas grün ist oder nur das Auge eine grün gefärbte Glasscheibe, die den Gegenstand grün erscheinen lässt.

Was wissen wir von der Welt, woher nehmen wir so oft die Sicherheit, alles richtig zu sehen und zu wissen, wie der sprichwörtliche Hase läuft? Grundsätzlich können wir es nicht wissen, wir können es im allerbesten Fall ahnen, es uns ausmalen, aus schlüssigen Argumenten zu einer Meinung kommen, die eher Glaube als Wissen ist. Wir nennen es Wissen, weil wir unserer Argumentation glauben wollen und weil wir uns über Wissen definieren. Wissen ist Macht. Wer mehr weiss, wird es weiter bringen. Die, welche Nichtwissen zugeben, zaudern, werden den Fuss nie auf die höchste Stufe der Leiter bringen. Sie sind die ewigen Zauderer, die, welche es eben nicht wissen. Dass sie im Grunde genommen recht haben, ist dabei irrelevant.

Das mag alles stimmen, doch bleibt auch zu sagen, dass man sich für Dinge entscheiden muss, will man überleben – und nur darauf kommt es an in der Evolution. Wenn ich 5 Tage überlege, ob ich nun besser ein Brot oder einen Apfel esse, dabei nichts esse und das Trinken vergesse ob all des angestrengten Nachdenkens, wird die Frage irrelevant, da ich schlichtweg verdurstet bin. Das eigene Überleben fordert von uns Entscheidungen und die treffen wir nur dann, wenn wir das, wofür wir uns entscheiden wollen und sollen, als wahr und richtig erkennen und ihm aus diesem Grund folgen wollen und können. Dass wir dies können bedarf, dass wir wissen, wer wir sind und was wir wollen. Und schon haben wir das nächste Problem.

Klar kann man einfach tun, was von anderen für richtig gehalten wird. Sie werden schon Recht haben und da sie alle überlebt haben (zumindest die heutigen Entscheidungsträger bis jetzt) kann ihr Entscheid so falsch nicht sein. Zumindest nicht tödlich und überleben ist schon mal die halbe Miete. Um aus Überleben Leben zu machen, braucht es aber eine Nuance mehr – nämlich das eigene Zutun. Wer bin ich und wer will ich sein? Das ist bei der „Brot oder Apfel“-Frage nicht wirklich relevant, bei tiefer gehenden Fragen wie „Wie gehe ich mit meinen Mitmenschen um?“, „Welcher Zweck heiligt welche Mittel?“, „Wo liegt die Grenze des Erlaubten? Wo die des Gewollten? Wo die des Gekonnten?“ wird es schon wichtiger.

Wir werden uns nie ganz erkennen können, dazu ist unser Denken und Sein zu beschränkt. Die moderne Hirnforschung kommt zu immer neuen Schlüssen, will aufdecken, wer der Mensch ist, wie er funktioniert. Sie behauptet ab und an, es gäbe gar kein „Ich“ im Menschen, alles sei blosse Aneinanderreihung von chemischen und physikalischen Prozessen. Auch sie bleibt die letzte Antwort schuldig, so wird es nach der hier vertretenen Auffassung auch immer bleiben. Das ist aber kein Beinbruch, denn die umfassende Wahrheit ist in meinen Augen nicht nötig. Wir leben gut mit der Meinung, dass es uns als „Ich“ gibt und wir über einen freien Willen verfügen, der es uns ermöglicht, die Dinge in Frage zu stellen, uns selber damit. Wir leben gut damit, zu glauben, dass wir wissen und wir uns an diesem Wissen orientieren können. Selbst wenn das alles eine Illusion sein sollte, wenn wir also keine freie Wahl haben, so bleibt doch eine Tatsache, dass es immer zwei Möglichkeiten gibt, zu entscheiden: Dafür und dagegen. Welche wir treffen, liegt irgendwie bei uns und damit an der Frage, wer wir sein wollen, wenn wir entscheiden, wie wir handeln sollen.