Tagesgedanken: Nach eigenen Überzeugungen leben

Wenn man an Simone de Beauvoir denkt, steht einem oft das Bild einer starken, selbstbewussten Frau vor Augen, die eines der grossen Standardwerke für/über die Frau geschrieben hat: „Das andere Geschlecht“. Simone de Beauvoir ging ihren Weg, und sie wählte einen, der für Frauen damals nicht üblich war.

Sie studierte Philosophie an einer angesehenen Universität unter vorwiegend Männern, und sie schloss als eine der Besten ab. Sie wählte für sich ein Leben, das unabhängig und selbstbestimmt war, und sie widmete es dem, was sie tun wollte: dem Schreiben. Sie kämpfte für das, was ihr wichtig war, allem voran ihre Freiheit. Sie nahm sich das Recht heraus, ihr Leben als die, die sie sein wollte, zu leben, ohne Rücksicht auf Konventionen und gesellschaftliche Ansprüche. Dass sie damit immer auch aneckte, Argwohn und Kritik auf sich zog, liegt auf der Hand. Auch wurde sie als Frau oft nicht ernst genommen, stand als Philosophin mehrheitlich im Schatten ihres Lebensgefährten Sartre (dieser sah das nie so und verdankt bei Lichte betrachtet einige der ihm zugeschriebenen Gedanken Simone de Beauvoir) – das traurige Los vieler Frauen der (wirklich nur?) damaligen Zeit.

Doch da war eine andere Seite: Als sie sich in der Mitte ihres Lebens in den Schriftsteller Nelson Algren verliebte (wohl ihre grosse Liebe, auch wenn sie Sartre immer an erster Stelle in ihrem Leben behielt), wurde sie bei ihrem gemeinsamen Leben plötzlich zur fürsorglichen Frau, stellte ihm Apfelschnitze hin, sorgte für ein ansprechendes gemeinsames Liebesnest, übernahm also wie selbstverständlich die typischen Frauenaufgaben. Sie hörte damit nur dann auf, wenn Sartre sie plötzlich brauchte, dann liess sie alles stehen und liegen (eigenes Schreiben, Ferienpläne mit dem geliebten Mann, etc.) und folgte seinem Ruf.

Es scheint, ihr ging es wie vielen von uns im Leben: Wir wissen tief drin, was wir wollen, was wir fühlen, haben Ideale und Vorstellungen, Theorien und Ansprüche – und lassen diese im tatsächlichen Miteinander sausen, indem wir in althergebrachte Muster verfallen, patriarchische Rollenmuster übernehmen und leben. Wir wollen den eigenen Vater nicht vor den Kopf stossen, keinen Streit mit dem Partner, keine Diskussion mit dem guten Freund – und schlucken Dinge runter, die eigentlich für uns nicht in Ordnung sind, die dann wie ein Kloss im Magen sitzen und das Gefühl hinterlassen: Wieso bloss? Wieso lebe ich immer wieder entgegen meiner eigenen Überzeugungen? Und über allem steht die Frage: Wie reagiere ich das nächste Mal besser?

Tagesgedanken: Mein eigenes Gericht

Draussen rauscht das Meer, unruhig schlägt es an die Felsen. Ich merke diese Unruhe auch in mir, dieses Getriebensein, eine Form von Unrast, die auf dem Gefühl gründet, dass alles nicht schnell genug geht, ich nicht vorwärts komme mit meinen Projekten, ich meinen Ansprüchen nicht genüge. Und während ich das schreibe, fällt mir auf, wie grausam das eigentlich ist, da ich die einzige Person bin, die Ansprüche an mich stellen kann, welche ich nicht hinterfrage oder gar mit Empörung zurückweise. Käme ein anderer und würde mir sagen:

„He, das reicht alles nicht, du bist nicht gut genug!“

wäre ich verletzt, aber ich ginge in die Verteidigung. Ich würde aufzählen, was ich alles tue, würde zeigen, woran ich dran bin und argumentieren, dass alles seine Zeit braucht. Ich würde um meine Achtung kämpfen, an der meine Würde hängt. Aber mir selber glaube ich es. Hängt Würde nicht immer auch mit Selbstachtung zusammen? Sie ist wohl an einem kleinen Ort zu Hause. Was bedeutet das für mein Leben?

Was bedeutet das generell, in Würde zu leben? Der erste Artikel des Grundgesetzes besagt, dass die Würde des Menschen unantastbar sei. Was aber meint man, wenn man von Würde spricht? Und: Wann wird diese angetastet? Kann ich sie vor diesem Antasten schützen? Können oder müssen das andere tun? Wie müssen wir miteinander und jeder für sich leben, dass wir unsere Würde bewahren und die des anderen nicht antasten?

Diesen Fragen geht der bekannte Neurobiologe Gerald Hüther in seinem Buch „Würde. Was uns stark macht – als Einzelne und als Gesellschaft“ nach und erläutert anhand von Beispielen aus der Biologie, wie die Vorstellung der Würde beim Menschen überhaupt entstanden ist, weswegen wir eine solche Vorstellung brauchen und wie ein Bewusstsein für die eigene Würde entsteht. Ziel ist es, die Menschen wieder für den Begriff der Würde zu sensibilisieren und sie damit in die Lage zu versetzen, ein würdevolles Leben zu leben – für sich und miteinander.

„Wir alle wollen in Würde sterben, aber sollten wir nicht erst einmal in Würde leben?“

Vielleicht ist es ein guter Anfang, mir selber gegenüber mehr Gelassenheit und Freundlichkeit aufzubringen?

Tagesgedanken: Zweifel und Hoffnung

Die neue Woche hat uns wieder, das ist der Moment, an dem alles wieder neu anfängt und man sich voller Elan reinstürzen könnte. Leider geht mir der Elan gerade ab, es fühlt sich alles eher an wie ein mühseliger Kampf. In mir schreit es laut „ich will nicht“, „ich mag nicht“, und ich zwinge mich, es doch zu tun – liegen bleiben ist ja auch keine Option. Ich weiss jeweils nicht, was zuerst da ist: Diese grosse innere Müdigkeit, die dann Zweifel und Unsicherheiten in mir auslöst, oder aber die Zweifel und Unsicherheiten, die mich müde werden lassen. Auf alle Fälle kommen in solchen Momenten die grossen Fragen auf: „Was mach ich da eigentlich?“ „Wozu das Ganze?“ „Bin ich genug?“ „Werde ich je gut genug sein?“ „Für wen?“

Und dann schaue ich in die Welt hinaus. Und was ich sehe, ist auch nicht wirklich erfreulich. Und ich frage mich, was das mit mir zu tun hat. Haben mich die letzten zwei Jahre mit Corona doch mehr betroffen als ich wahrhaben wollte? Trifft mich der Krieg doch tiefer, als ich es zulassen will? Wird das alles auch mal wieder gut? Besser? Und was heisst das überhaupt, gut oder besser?

Ich sehe an so vielen Orten Leid und Elend, und wenn ich es anspreche und Lösungen finden will, kriege ich ganz schnell zu hören: Ach, das werden wir nie lösen, es wird immer Arme geben (925 Millionen Unterernährte, 884 Millionen ohne frisches Trinkwasser, 2 Milliarden ohne ausreichende Medikamente, jeden Tag sterben 50’000 Menschen aus Armut, davon sind 22’000 Kinder). Ein Zweiundvierzigstel der Konsumausgaben reicher Länder würde das alles beheben (alle Zahlen finden sich in Thomas Pogges Buch „Weltarmut und Menschenrechte“).

Und wenn ich die Zahlen so hinschreibe, merke ich: Ich kann das nicht einfach ruhen lassen. Ich muss weiterschreiben. Und ich muss weiter hoffen. Caroline Emcke hat das alles mal schön und für mich so passend in Worte gefasst:

„Am Anfang ist immer der Zweifel.
Manchmal wünsche ich, ich könnte ihn abstellen.
Aber damit wäre das schreibende Ich nicht mehr Ich.
Schreibend findet und erfindet es sich.“

Terry Eagleton: Der Sinn des Lebens

Inhalt

„Weil das Leben […] keinen vorgegebenen Sinn hat, ist der Weg für den einzelnen Menschen frei, ihm jeden Sinn zu geben, den er möchte. Wenn unser Leben einen Sinn hat, dann einen, den wir selbst ihm geben, und nicht einen, der fertig vorgegeben wäre… Wir [sind] Urheber und Autoren unserer selbst.“

Es gibt einige Fragen, die sind so alt wie die Menschen selber, sie haben Philosophen beschäftigt, seit es diese gibt. Die Frage nach dem Sinn ist eine davon. Aristoteles sah den höchsten Sinn des Lebens in der Glückseligkeit, die es zu erreichen gilt, nachfolgende Denker fanden die verschiedensten sinngebenden Dinge, bis hin zu Sartre, der im Leben gar keinen Sinn mehr sah ausser dem, den man diesem selber gibt.

Terry Eagleton schafft es auf humorvolle, kurzweilige Art, die Sinnfrage neu aufzurollen und sie auf Herz und Nieren zu prüfen. Eine abschliessende Antwort findet er nicht, aber er liefert höchst unterhaltsam Einblicke und Gedankenanstösse. Als Fazit könnte vielleicht folgendes gelten:

„Der Sinn des Lebens ist nicht die Lösung eines Problems, sondern eine bestimmte Art, zu leben. Er ist nicht metaphysisch, sondern ethisch. Er ist … das, was das Leben lebenswert macht, d.h. eine bestimmte Qualität, Tiefe, Fülle und Intensität des Lebens.“ „Sinn ist .. ein auf Dauer unabgeschlossener Prozess.“

Weitere Betrachtungen

„Es gibt einen häufig genannten Grund, weshalb manche Denker die Frage nach dem Sinn des Lebens selbst für eine sinnlose Frage halten: Sinn sei eine Sache der Sprache und nicht der Dinge. Er sei keine Eigenschaft von Dingen wie etwa die Textur, das Gewicht oder die Farbe, sondern habe damit zu tun, wie wir über Dinge reden…. Nach dieser Theorie können wir dem Leben durch unser Reden einen Sinn geben, aus sich selbst heraus kann es keinen haben.“

Der Mensch denkt, so lange er lebt. Das merkt man, wenn man denkt, nicht mehr denken zu wollen, zum Beispiel bei einer Meditation. Dann erst fällt einem auf, was einem die ganze Zeit meist unbewusst durch den Kopf schiesst. Leben ohne zu denken ist ein Ding der Unmöglichkeit, da wir die Welt nur denkend – und das ist durch Sprache – erfassen. Erst wenn wir sie denken können, befinden wir uns in der Welt. Erst wenn wir sie benennen können, haben wir eine Beziehung zu derselben.

Insofern ist Sinn immer auch ein sprachliches Phänomen, eines der eigenen sprachlichen Verortung in der Welt.

„Über die Welt nachzudenken ist Teil unserer Art, in der Welt zu sein.“

Persönlicher Bezug

„Die grosse Sinnfrage taucht meist in Zeiten auf, in denen wir bislang als gesichert geltende Rollen, Überzeugungen und Konventionen in eine Krise geraten.“

Wenn das Leben gut läuft, keine Probleme aufwirft, ist die Sinnfrage wohl selten sehr präsent – ausser man stellt sie sich als Philosoph quasi beruflich. Im alltäglichen Leben taucht sie dann auf, wenn die Dinge nicht mehr laufen, wie man sie gerne hätte, wenn Unglück oder Leid über einen hereinbricht und man sich fragt: Wozu das Ganze, warum? Man sucht einen Sinn in allem, was passiert, um es dann einordnen und dadurch besser damit umgehen zu können.

Wenn wir etwas Sinn zusprechen, können wir es besser annehmen, weil es eine Bedeutung bekommt, mit der wir etwas anfangen können. Dann haben wir eine Art, die Dinge zu fassen und gewinnen dadurch eine Hoffnung, damit umgehen zu können. Sinn ist also auch etwas, das hilft, das Leben zu leben, weil es dieses fassbar macht und ihm dadurch gefühlt etwas von der Willkür nimmt, die man sonst fürchten müsste.

Fazit
Ein unterhaltsames, differenziertes und gut lesbares Buch über den Sinn des Lebens, wieso es ihn nicht gibt und wir ihn trotzdem finden können. Sehr empfehlenswert.

Autor
Terry Eagleton ist Professor für Englische Literatur an der University of Manchester und Fellow der British Academy. Der international gefeierte Literaturwissenschaftler und Kulturtheoretiker hat über 50 Bücher verfasst. Auf Deutsch liegen u.a. vor Der Sinn des Lebens (2008), Das Böse (2011), Warum Marx recht hat (2012) und Hoffnungsvoll, aber nicht optimistisch (2016).

Angaben zum Buch
Herausgeber: List Taschenbuch; 6. Edition (13. Januar 2010)
Taschenbuch: 160 Seiten
Übersetzung: Michael Bischoff
ISBN-Nr.: 978-3548609430

Verantwortung für mich und andere

„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust…“, so klagte Faust. Jeder hat das wohl schon erlebt, dass in ihm verschiedene Stimmen im Konflikt lagen, oft ist es eine Auseinandersetzung zwischen dem, was man will und dem, was man soll (oder zu sollen glaubt). Das ist unproblematisch bei Dingen wie der Entscheidung für oder gegen ein drittes Eis (es schmeckt, ist aber ungesund). Geht es darum, ob man lieber authentisch bleibt und damit vielleicht aneckt, oder aber sich dem Umfeld anpasst auf Kosten des eigenen Seins, wird es schwieriger, zumal dieses eigene Sein ja auch nicht in Stein gemeisselt ist und man auf die Gemeinschaft angewiesen ist.

Wer bin ich? Wie werde ich der, welcher ich sein will? Bin ich schon wer, wenn ich auf die Welt komme oder werde ich erst dazu? Bin ich noch die gleiche wie vor zwanzig Jahren? Der Wunsch, ganz ich zu sein oder zu werden, ist ein tiefer. Mascha Kaleko hat ihn in einem wunderschönen Gedicht „Kurzes Gebet“ geäussert:

„Herr, lass mich werden, der ich bin
In jedem Augenblick.
Und gib, dass ich von Anbeginn
Mich schick in mein Geschick…“

Sartre übergibt das Ich-Sein keinem Gott, er nimmt sich selbst in die Pflicht:

„…der Mensch ist nichts anderes als das, wozu er sich macht.“

Wer also will ich sein? Simone de Beauvoir wusste nur soviel: Sie wollte frei sein und sie wollte alles vom Leben. Auf unsere Frage nach dem eigenen Sein angewendet, bedeutet das: Ich-Sein und doch Teil der Gemeinschaft sein als dieses Ich. Dazu bedarf es der Toleranz. Toleranz für andere, für das Anderssein, für einem fremde Lebensentwürfe. Diese Toleranz wünschen wir uns für uns selber, wir möchten die sein können, die wir sind und sein wollen, und wir wünschen uns, dass die anderen uns so sehen und akzeptieren und annehmen.

Wenn wir uns aber eine Welt wünschen, in der wir in unserem Sein Anerkennung erfahren, was bedeutet das für uns selber? Erfüllen wir diesen Anspruch der Anerkennung des Andersseins ebenfalls? Wenn wir jemanden sehen, der unseren Vorstellungen nicht entspricht, der einen uns fernen Lebensentwurf, eine fremdartige Erscheinung, ein keinen gängigen Rollenmustern entsprechendes Auftreten hat – was geht in uns vor? Ist da eine wirkliche Akzeptanz des Andersseins, müssen wir uns diese zuerst zurechtlegen oder spüren wir doch eine Irritation oder schlimmer noch: eine innere Abwehr? Ist unsere Reaktion die, welche wir uns auch für uns wünschen würden?

Oft wissen wir sehr genau, was wir uns wünschen, wir wissen, wie eine Welt aussehen müsste, in welcher wir uns wohl fühlen, und wir können definieren, was es in dieser Welt brauchen würde. Was wir gerne vergessen ist, dass auch wir Pflichten haben, diese Welt zu gestalten, dass unsere Wünsche nicht nur eingleisig in die Welt gestellt, sondern auch selber erfüllt werden sollten. Das meinte wohl auch Gandhi, wenn er sagte:

„Sei die Veränderung, die du in der Welt gerne sehen würdest.“

Wir haben eine Verantwortung uns selber gegenüber, indem wir sind, wie wir sein wollen, was wohl sicher auch heisst, dass wir dem entsprechen wollen, was wir von anderen erwarten. Wir haben aber auch eine Verantwortung anderen Menschen gegenüber, dass wir dazu beitragen, dass auch sie in einer Welt leben können, in der sie auf Resonanz stossen, in welcher sie sich zuhause und anerkannt fühlen können.

Roxane Gay: Hunger

Inhalt

«Dieses Buch ist kein Motivationsbuch. Ich habe nicht herausgefunden, wie man einen unbändigen Körper und unbändige Gelüste kontrolliert. Meine Geschichte ist keine Erfolgsgeschichte. Meine Geschichte ist einfach eine wahre Geschichte.»

Roxane Gay erzählt die Geschichte ihres Körpers, den sie anwachsen liess, um sich und ihn zu schützen. Sie erzählt die Geschichte von einem traumatischen Erlebnis, welches sie zum Schweigen brachte und einen Kreislauf von immer mehr Leid und Isolation auslöste, was zu immer mehr Leere führte, die dann gefüllt werden musste – durch Essen, das den Körper wachsen liess.

«Dieses Buch erzählt von meinem Körper, von meinem Hunger, und letztich erzählt es vom Verlorengehen und Verschwinden und von der Sehnsucht, der wirklich starken Sehnsucht, gesehen und verstanden zu werden.»

Roxane Gay erzählt von allen Versuchen, die sie unternommen hat, ihren Körper wieder unter Kontrolle zu bringen. Sie erzählt von ihren Ängsten, Hoffnungen, ihrer ganzen Verzweiflung.

Weitere Betrachtungen
Zu sagen, dieses Buch sei schwere Kost, träfe den Nagel auf den Punkt und wieder auch nicht. Es ist ein Buch, das berührt, erschüttert, den Atem stocken lässt, traurig macht. Es erzählt die Geschichte eines jungen Mädchens, dem etwas widerfährt, das das ganze Leben prägen wird. Es ist die Geschichte eines Missbrauchs, der nicht nur den Körper versehrt, sondern auch die Seele krank macht. Es ist die Geschichte einer Frau, die von Schuld und Scham geplagt ist, die das Vertrauen in sich und die Menschen verloren hat und sich nach nichts mehr sehnt, als nach Liebe, derer sie sich nicht würdig scheint.

«Ich war schon immer anders. Meine wahre Liebe galt und gilt noch immer den Büchern, dem Schreiben von Geschichten, dem Tagträumen.»

Wenn die Welt kalt und gefährlich erscheint, bleibt die Flucht nach innen. So ist «Hunger» auch die Geschichte eines Menschen, der in Büchern und im Schreiben einen Weg gefunden hat, dem Schrecken zu entkommen. Schreiben wurde zudem ein Weg, der in eine Zukunft führte, auch beruflich.

Persönlicher Bezug

«Ein Grund, warum Beziehungen und Freundschaften so schwierig für mich werden können, ist, dass ein Teil von mir immer glaubt, alles richtig machen zu müssen. Ich muss die richtigen Dinge sagen und die richtigen Dinge tun, sonst mag und liebt man mich nicht länger. Das ist anstrengend. Ich will unbedingt die beste Partnerin oder Freundin sein, und gerade durch diese ungeheure Anstrengung entferne ich mich immer weiter von der, die ich eigentlich bin: jemand mit einem guten Herzen, die aber vielleicht nicht immer alles richtig macht.»

Ich habe noch selten ein Buch gelesen, das eine Passage beinhaltet, die so gut auf mich passen könnte wie diese. Auch in vielen anderen Gedanken von Roxane Gay erkannte ich mich wieder, in all den Minderwertigkeitskomplexen, all dem Leiden an Stigmatisierungen und Zuschreibungen. Ich erkannte mich wieder in ihrer Flucht ins Lesen und Schreiben, in ihrer Einsamkeit, in ihrem Wunsch und ihrer Sehnsucht nach Liebe und Zugehörigkeit.

Ich bin als Kind den umgekehrten Weg gegangen. Sie fütterte sich fast zu Tode, ich hungerte in die andere Richtung – fast mit Erfolg. Ich war eine derer, welche sie im Buch bewunderte als die, welche die Kontrolle hatten, Disziplin. Disziplin habe ich gehabt, was für eine, aber keine Kontrolle, die hatte schon lange etwas in mir übernommen.

Die Zerstörung des Körpers steht hinter beiden Methoden. Ich hoffe, Bücher wie dieses öffnet vielen Menschen die Augen: Denen, die leiden, und denen, die durch ihre Reaktion noch zusätzlich zu dem Leiden der Betroffenen beitragen.

Leider gibt es an dem Buch etwas zu bemängeln. Ein guter Lektor hätte dies mit einem Schlag ausräumen können. Das Buch weist sehr viele Wiederholungen auf. Einige kann man damit rechtfertigen, dass sie die Scham, das Zögern, die inneren Kämpfe widerspiegeln, selbst dann sind es sehr viele. Andere wirken schlicht überflüssig, sehen nach unsorgfältigem Redigieren und fahrlässigem lektorieren aus. Das Buch wäre wohl nur halb so lang, aber doppelt so wirksam geworden. Es wäre schade, wenn das Buch deswegen aus der Hand gelegt würde, was ich oft gerne getan hätte, da ich mich wirklich ärgerte.

Fazit
Ein wichtiges Buch! Ein offenes und schonungslos ehrliches Buch über die Folgen traumatischer Erlebnisse, über das Stigma des Dickseins und der damit verbundenen Selbstzweifel, Selbstanklagen bis hin zum Selbsthass. Ein Buch, das hoffentlich hilft, Augen zu öffnen. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Roxane Gay, geboren 1974, ist Autorin, Professorin für Literatur und eine der wichtigsten gesellschaftspolitischen und literarischen Stimmen ihrer Zeit. Sie schreibt u.a. für die New York Times und den Guardian, sie ist Mitautorin des Marvel-Comics »World of Wakanda«, Vorlage für den hochgelobten Actionfilm »Black Panther« (2018), dem dritterfolgreichsten Film aller Zeiten in den USA. Roxane Gay ist Gewinnerin des PEN Center USA Freedom to Write Award. Sie lebt in Indiana und Los Angeles.

Angaben zum Buch
Herausgeber: ‎ btb Verlag (11. Oktober 2021)
Taschenbuch: ‎ 320 Seiten
ISBN-13: ‎ 978-3442771417

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Ilse Aichinger (1. November 1921 –  11. November 2016)

Geboren am 1. November 1921 erlebte Ilse Aichinger eine glückliche Kindheit. Sie selber bezeichnete diese immer als ihre glücklichste Zeit. Umso mehr traf sie der Verlust derselben, als ihr Jüdischsein zum Stigma wurde im Nazideutschland. 

„Ich habe unter keinem Verlust so gelitten wie unter dem Verlust der Kindheit. Er ist das Gemeinste an der Entwicklung der Menschen. Dagegen ist Altern gar nichts. Man verliert nicht mehr so viel.“

Es gab noch eine weitere glückliche Zeit in ihrem Leben: die Ehe mit Günter Eich, welchen sie 1951 bei einer Tagung der Gruppe 47 kennengelernt hatte. Leider war den beiden kein langes Glück beschert, da Günter Eich 1972 im Alter von nur 65 Jahren starb. Durch ihn sei sie kritischer und engagierter geworden, sagte Aichinger. Es war unter anderem auch ein Engagement der Sprache, ein Anschreiben gegen den Sprachverlust, gegen den Sprachmissbrauch. Das klingt in einer Rede (Rede an die Jugend) nochmals an, welche sie 1988 im Zuge einer Preisverleihung hielt: 

„Und nicht nur die Tage, auch die Worte müssen neu erkämpft werden, gerade in einer Zeit, die geneigt ist, sie über die Welt zu streuen und unbrauchbar zu machen, die sie in den Ohren dröhnen und nicht zu sich kommen lässt.“

Wie aktuell dies auch heute noch ist. Aus derselben Rede stammt auch die folgende, Mut machende und hoffnungsvolle Passage:

„Immer wieder wird es notwendig sein, die Träume aus dem Schlaf zu holen, sie der Ernüchterung auszusetzen und sich ihnen doch anzuvertrauen. Immer wird es ein Grat sein, der zu begehen ist. Die empfindlichen Instrumente des Gleichgewichts und der Unterscheidung müssen eingesetzt, Sein und Denken müssen aufeinander abgestimmt werden, massgeblich für alles, was kommt.“

Ilse Aichinger schrieb einen Roman, Essays und Erzählungen, doch ihre grosse Liebe galt immer der Lyrik. Mit ihren Texten wurde sie zur Gruppe 47 eingeladen, gewann 1952 deren Preis. Es sollten noch viele weitere Preise folgen, verdient, da ihre Texte von einer eigentümlichen Schönheit und Tiefe sind. Leider wird Ilse Aichinger als Schriftstellerin mit ihren Texten viel zu wenig beachtet. Der grosse Erfolg beim grossen Publikum blieb aus, vielleicht, weil der Umgang mit ihren Texten nicht nur einfach ist, weil man sich wirklich auf diese einlassen muss, um sie zu verstehen und in ihrer Wohldurchdachtheit bis ins letzte Wort erkennen will. 

Ab 1985 veröffentlicht Ilse Aichinger immer weniger, teilweise beschränken sich ihre Texte auf einzelne prägnante Sätze. Gefragt, was sie als ihre grösste Begabung ansähe, antwortete Ilse Aichinger anlässlich ihres 75. Geburtstags:

«Aber die grösste Begabung ist doch die, auf der Welt sein zu können. Es auszuhalten, mit einem gewissen Frohsinn.»

1998 kommt es zu einem grossen Schicksalsschlag für Ilse Aichinger, als ihr Sohn Clemens bei einem Autounfall ums Leben kommt. Zwei Jahre später beendet sie ihre Schreibpause und beginnt, für die österreichische Tageszeitung «Der Standard» Texte zu schreiben, welche mehrheitlich autobiographischer Natur waren.

Ilse Aichinger stirbt am 11. November 2016 in Wien.

Rüdiger Görner, Kaltërina Latifi: Thomas Mann

Ein Schriftsteller setzt sich in Szene. Bildband mit 200 bisher unveröffentlichten Fotografien des Autors und Literaturnobelpreisträgers, begleitet von literaturwissenschaftlichen Essays

«Ich mag mich nicht sehen. Müsste anders ausschauen.»

Das sagte der Mann über sich, welcher hunderte von Fotos in Auftrag gab, um sich in diesen selber zu präsentieren – und wohl auch stilisieren. Das Leben von wohl keinem anderen Schriftsteller ist so gut erschliessbar und erschlossen, wie das von Thomas Mann. Durch seine Tagebücher (von denen er leider ein paar Jahrgänge verbrannt hat) sind die intimsten Details bekannt geworden, unzählige Briefwechsel haben diese Einblicke noch erweitert. Den am Leben und Schaffen Thomas Manns Interessierten steht zudem eine Vielzahl von Biographien und Sekundärwerken zur Verfügung. Man würde denken, dass mittlerweile alles gesagt und bekannt ist. Dass dem nicht so ist, beweisen Gröner und Latifi im vorliegenden Buch. Sie haben neben dem wohlbekannten auch bislang unveröffentlichtes Fotomaterial in diesen Bildband aufgenommen. Dass das Buch geschmackvoll gestaltet ist, trägt zur Freude des Betrachtens bei. Das Buch ist sehr stilvoll gesetzt und auf hochwertigem Papier gedruckt.

Begleitet werden die Fotografien von inhaltlich informativen und fundierten Essays. Der Leser erhält Einblicke, wie ein Porträt zum Medium der Selbstdarstellung wird, das Individuum sich selber erschafft durch das Bild oder auch, wie durch das Bild das eigene Selbstverständnis und die gewünschte Wirkung nach aussen erreicht wird bei Thomas Mann.

Persönlicher Eindruck
Als ich vor vielen Jahren meine Masterarbeit über Thomas Mann schrieb, habe ich nicht nur das gesamte Werk von ihm gelesen, sondern auch einen grossen Teil seiner Tagebücher und eine Vielzahl von Biographien und anderen Sekundärwerken über sein Leben und Werk. Zudem schaute ich Filme über ihn, tauchte sprichwörtlich in sein Leben ein. Vor diesem Hintergrund liegt es auf der Hand, dass ich viele der Bilder kannte, mir auch gewisse in den Essays erscheinenden Informationen nicht neu waren. Das tat meiner Freude über dieses und an diesem Buch aber keinen Abbruch, im Gegenteil. Es war wie ein Heimkommen, ein erneutes Eintauchen, ein innerliches „Weisst du noch?“. Das Buch hat es mir einfach gemacht, einzutauchen und zu geniessen. Es ist wirklich eine Augenweide und es zollt diesem grossartigen Schriftsteller den gebührenden Tribut.

Fazit:
Ein grossartiges Buch, das auf eine sehr ansprechende Weise das Leben Thomas Manns ins Bild setzt, zudem sehr informativ und fundiert. Eine grosse Buchempfehlung!

Zu den Autoren
Rüdiger Görner ist Professor für Neuere Deutsche und vergleichende Literatur an der Queen Mary University of London und Gründungsdirektor des Centre for Anglo-German Cultural Relations. Er ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und erhielt den Deutschen Sprachpreis der Henning Kaufmann-Stiftung ebenso wie den Reimar Lüst-Preis der Alexander-von-Humboldt-Stiftung. Rüdiger Görner ist Träger des Bundesverdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland. Publikation zu Nietzsche, Kafka, Trakl, Thomas Mann und Oskar Kokoschka.

Kaltërina Latifi promovierte mit einer Arbeit zur Poetik E.T.A. Hoffmanns. Fellowship am Centre for Anglo-German Cultural Relations der Queen Mary University of London. Sie arbeitet derzeit an einer Habilitation zur Ästhetik des Fragments. Publikationen zu E.T.A. Hoffmann, A.W. Schlegel und Jean Paul.

Angaben zum Buch:

  • Herausgeber ‏ : ‎ wbg Theiss in Wissenschaftliche Buchgesellschaft (WBG) (18. März 2021)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 272 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3806242478

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Rainer Maria Rilke: Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort


Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heisst Hund und jenes heisst Haus
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Mir bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott, 
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

Rainer Maria Rilke schrieb einmal: „Ich habe mich, seit ich denken kann, als Anfänger gefühlt.“ Im Buddhismus gibt es das auch, den Anfängergeist. Es bedeutet, dass man die Dinge immer wieder mit neuem Blick sehen, sie nicht einfach in gewohnte Schubladen stecken, sondern in ihrem So-Sein wahrnehmen soll. Wie viel Neues bietet die Welt da plötzlich? Dieses Anfänger-Sein steckt auch in diesem Gedicht. Es ruft dazu auf, nicht einfach gleich für alles Namen zu finden und die Dinge so in Schubladen abzulegen. Es ruft dazu auf, demütig zu bleiben, nicht alles zu wissen meinen, sondern hinzuschauen, um Neues zu sehen und lernen.

Indem wir durch die Welt gehen und die Dinge mit den Augen der Gewohnheit betrachten, sehen wir nicht, was wirklich ist. Wir sind in einem Schleier gefangen, der die wahre Sicht verschliesst. Wir nehmen nicht mehr wirklich wahr, sondern bewegen uns eigentlich schlafend durch die Welt. Und wir töten diese förmlich ab, da wir ihr die Lebendigkeit absprechen durch das schlichte benennen. Wir nehmen damit auch der Sprache ihre Kraft, da dieses Benennen ein oberflächliches ist. Es geht nicht mehr in die Tiefe, es lässt alle Nuancen vermissen, sondern handelt die Dinge mit einem Wort ab. Es ist wohl kein Ding so flach, als es mit einem einzelnen Wort hinreichend beschrieben wäre.

Denken wir an einen Baum. Wir laufen durch die Strasse, sehen diesen, denken Baum und gehen weiter. Wir sehen nicht das kräftige Grün der Blätter, sehen nicht die kleinen, feinen Blüten, die in ihrer Mitte einen feinen Stempel haben. Wir sehen nicht die Maserung der kleinen Blätter, die wie Landschaften ganze Welten darstellen. Wir sehen nicht die Maserung der Rinde, in denen sich wunderschön natürliche Muster zeigen. Wir sagen Baum und sind an diesem vorbei. Sähen wir genauer hin, eröffnete sich uns eine Schönheit, die dann in unser Leben einzöge.

Aus diesem Grund ruft Rilke dazu auf, den Dingen fern zu bleiben mit einfachen Worten. Lass die Dinge zu dir sprechen, lass sie singen und höre zu. Wenn ihr sie benennt, sagen sie nichts mehr, dann sind sie tot. Und damit ist deine Welt um dich tot. In einer toten Welt lebt es sich nicht froh. Ein Leben, das ein wirkliches solches sein soll, das lebendig und reich sein soll, bedarf eines ebensolchen Blicks, eines aufgeschlossenen, nicht wertenden, offenen, der wirklich wahrnimmt.



Der Rose Abgesang

Es hängen die Köpfe,
die Blätter sind welk,
der Duft ist verflogen,
das Zartrot verblasst.

Das Leben geschwunden,
es lauert der Tod,
und doch ist da Schönheit
in letzter Not.

Ich schaue wehmütig,
mit schwerem Herz hin,
wie schnell doch das Leben
im Glase verrinnt.

Das nächste Mal lass ich
die Blüte wohl steh’n,
und will ihre Schönheit
von Ferne anseh’n.

Und irgendwann werde
auch ich einmal bleich;
ach gäb’ es für mich dann
ein Mittel dem gleich.

Das Leben ist endlich,
es nimmt seinen Lauf,
und kommt dann das Ende,
dann trinken wir drauf!

©Sandra von Siebenthal

#abcdeslesens – Hermann Hesse (2.7.1877 – 9.8.1962)

«Ich wollte ja nichts als das zu leben versuchen, was von selber aus mir herauswollte.»

Hermann Hesse wollte schreiben. Schon als Zwölfjähriger war ihm klar, dass er Dichter werden wollte, wobei er mit diesem Wunsch vergebens auf den Zuspruch seiner Eltern und Lehrer hoffte, welche selber zwar Dichtung sehr verehrten, den Berufswunsch für einen jungen Menschen ablehnten, zumal andere Pläne bestanden: Pfarrer sollte der Missionarssohn werden. Als Zwangsmassnahmen hin zu diesem Ziel scheitern, wird Hermann Hesse zur «Schande für die Eltern» erklärt, etwas, das auf ihm lastet, will er doch bei allen eigenen Träumen auch ein guter Sohn sein. Und so wurde er zerrissen zwischen den eigenen und fremden Ansprüchen an sein Leben, wobei er eingestand, dass er selber zu wenig an sich geglaubt hat und auch darunter leidet.

Es sollte nicht der letzte Konflikt bleiben, bei welchem er innerlich zerrissen wurde. Hesse absolvierte schliesslich eine Buchhändlerlehre, las daneben viel und veröffentlichte noch während der Lehre seinen ersten Gedichtband, kurz darauf die erste Prosasammlung – beides ein voller Misserfolg, was die Verkaufszahlen anbelangte. Zum Glück brachte ihn das nicht von seinem Wunsch zu schreiben ab.

Die nächste Zerreissprobe sollte seine Ehe sein, die wegen psychischer Probleme, welche sowohl bei Hesse wie bei dessen Frau verstärkt auftraten, und verschiedener Dissonanzen später auch geschieden wurde. Vom Kriegsdienst wurde er aus Krankheitsgründen befreit, trotzdem sollte dieser zu einem Wendepunkt in seinem Leben werden, wie Hesse einmal sagte: Nachdem er in der Neuen Zürcher Zeitung einen Artikel geschrieben hatte, in welchem er vor nationalistischer Polemik warnte, kam er unter die Räder. Er wurde von der Presse und von Lesern angegriffen, Freunde distanzierten sich. Als weitere Schicksalsschläge kamen kurz darauf noch der Tod seines Vaters und eine schwere Erkrankung dazu. Kurz: Es reichte und Hesse stieg aus, er zog allein in den Tessin. Siddharta entstand, eine neue Geliebte trat ins Leben, die seine zweite Frau wurde, was sie nicht lange blieb, weitere Werke entstanden, eine dritte Ehefrau trat auf.

Verarbeitet hat er vieles aus seinem Leben in seinen Romanen, sowohl die Mühen in den Schulanstalten wie auch die Suche des Menschen nach seinem Weg und nach Sinn auf diesem. Und so manches Gedicht klingt, als hätte da einer geschrieben, der genau wusste, was er braucht, wenn das Leben schwierig ist.

Hermann Hesse blieb zeitlebens ein Zerrissener, einer, der immer wieder hinschaute, sich durchleuchtete und nicht nur mit Schönem ans Tageslicht kam dabei. Er sah sich selber pendeln zwischen einerseits Mörder, Tier und Verbrecher und andererseits Moralist mit Streben nach Harmonie und Edelmut. Zwar erkannte er beide Seiten als durchaus wichtig, ging mit der Erkenntnis aber mit seiner Dichtung ins Gericht, die er als zu schön und harmonisch und damit verlogen deklarierte. So blieb er ein Mensch, der immer wieder den eigenen Weg suchte, was ihm wenig Glück gebracht zu haben scheint.

Glück

Auf den Text muss leider aus urheberrechtlichen Gründen verzichtet werden, man kann das Gedicht aber HIER nachlesen.

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*Gedichte zitiert nach Hermann Hesse: Die Gedichte, Suhrkamp Verlag.

5 Inspirationen – Woche 22

Was ist mir diese Woche begegnet, hat mich diese Woche inspiriert?

  • Ich hörte einen Podcast mit Remo Largo. Sein Lebenswerk ist beeindruckend genug und wohl den meisten bekannt, was mir von diesem Podcast speziell geblieben ist, sind zwei Dinge: Jeder Mensch ist einzigartig, es gab ihn nie vorher und wird ihn nicht mehr geben. Der Mensch ist bestimmt durch seine Anlagen, die er nicht verändern kann. Er kann seine Möglichkeiten aber ausschöpfen und genau das zu tun gibt dem Leben auch einen Sinn. Es geht also darum, sich selber kennenzulernen und zu sehen, wozu man in der Lage ist, was einem liegt, weil es in einem angelegt ist. Das Zweite war sein Spruch vom Getriebensein: Schöpferische Menschen seien immer getriebene, sie wollen nicht, sie müssen schaffen. Das kenne ich von mir, merke, dass ich innerlich unruhig und unzufrieden werde, wenn ich nicht kann, weil äussere Umstände dazwischen kommen. Wie oft hörte ich, ich solle gelassener sein, es käme ja ein neuer Tag. Aber nein, das geht nicht. Irgendwie spürte ich wie eine Bestätigung, so sein zu dürfen.
  • Ich las einen Artikel mit einem Interview mit Francis Fukuyama, Professor in Stanford, Politikwissenschaftler und politischer Ökonom. Er vertritt darin eine Sicht, die ich seit langem – leider oft auf verlorenem Posten – teile: Wir reiten unsere Demokratie zugrunde. Offene Dialoge finden kaum mehr statt, jeder versucht krampfhaft, die eigene Meinung als der eigenen Identiät geschuldete Maxime hochzuhalten, andere Argumente werden ausgeblendet, beschimpft, in den Sozialen Medien, welche praktisch der Totalersatz früherer Marktplätze und Stammtische sind, geblockt und damit unsichtbar gemacht. Genehm ist, was einem entspricht. So ist keine Demokratie möglich, die wirklich noch beinhaltet, was der Begriff verheisst.
  • Kürzlich sass ich beim Nachtessen und mir ging spontan durch den Kopf, wofür ich alles dankbar bin. Ich hatte – vor allem in schwierigen Zeiten – ein Ritual, mir jeden Abend drei Dinge zu notieren, für die ich an dem Tag dankbar war. Das half mir, den Blick vom Dunkel ins Licht zu heben, das half mir, einen klareren Blick zu bewahren. Es kam dann eine Zeit, in welcher sich die drei Punkte jeden Tag hätten wiederholen können. Nicht, dass nichts mehr schlecht war, aber das Gute war immer auch im Blick und half, die Waage im Gleichgewicht zu halten. Heute dachte ich an die Dankbarkeitsübungen zurück, war dankbar, sie in dunklen Zeiten zur Hand gehabt zu haben. Und ich spürte das wunderbare Gefühl, das Dankbarkeit in mir auslöste. Einfach mal wieder hinschauen. Dankbar sein. Danke sagen. Es tut so gut.
  • Manchmal ertappe ich mich dabei, zu viel zu wollen. Ich schreibe ganze Listen, was ich unbedingt an dem Tag reinbringen will, darunter auch ganz viele kreative Projekte. Und dann bleibt die Inspiration aus, die Schaffenskraft versiegt, ich sitze da und bin unzufrieden. Ich habe gemerkt, dass es oft mehr bringt, ohne Vorsätze, ohne Absichten an die Dinge heranzugehen. Vielleicht mich einfach mal ein wenig treiben lassen zuerst. Sehr oft springt mich dann etwas an, das mich inspiriert, das einen Gedanken auslöst, aus dem sich dann ganz viel entwickelt. Und einmal dran, läuft der Tag nachher wie von selber. Vielleicht ist dies dieses „In der Ruhe liegt die Kraft“?
  • Abschliessen möchte ich mit einem Gedicht. Zwar sind die Temperaturen schon sommerlich draussen, aber ich lasse Ludwig Uhland doch nochmals den Frühling preisen:

Frühlingsglaube

Die linden Lüfte sind erwacht,
Sie säuseln und weben Tag und Nacht,
Sie schaffen an allen Ende.
O frischer Duft, o neuer Klang!
Nun, armes Herze, sei nicht bang!
Nun muss sich alles, alles wenden

Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
Man weiss nicht, was noch werden mag,
Das Blühen will nicht enden.
Es blüht das fernste, tiefste Tal:
Nun armes Herz, vergiss die Qual!
Nun muss sich alles, alles wenden.

Ein Gedicht, das Hoffnung macht, das nicht nur den Frühling lobt, sondern darauf hinweist, dass nach kargen, kühlen, düsteren Zeiten auch wieder andere kommen. Wie tröstlich, wenn man das in den schweren Zeiten im Sinn behalten kann.

Ich hoffe, es war was für euch dabei, das euch angesprochen hat. Wenn ihr etwas habt, das euch diese Woche angesprochen, bewegt, inspiriert hat – ich würde mich freuen, wenn ihr davon berichten würdet. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und einen guten Start in die neue Woche!

Befreiung der Marionetten

Es stirbt der Mensch,
er wird zum Ding
an Fäden
dieser Welt.

Er wird zum Abbild
einer Norm,
die sagt, wir sind hier
uniform.

Doch ist der Mensch
nicht Opfer bloss,
er schwingt sich auf
und wird Gericht

für andre, die
im selben Zwang
dem eig’nen Leben
sind verlor’n.

So prägt ein jeder
seine Welt,
indem er tut,
was sich gehört.

So lebt ein jeder
seinen Tod,
und wird zum Mörder
an der Welt.

Es bräuchte einen,
der sich traut,
der aufbegehrt
und nicht wegschaut.

Der mutig sich
dagegen stellt,
im Wissen: «Das
ist meine Pflicht!

Denn leben tut
nur der allein,
der selber denkt –
kein andrer lenkt.


Und wer das sieht,
der wird gewahr,
dass, was vermeintlich
Leben war


so nicht mehr geht,
will er besteh’n,
weil Leben heisst
selbst hinzusteh’n.

Heisst gegen Normen,
gegen Fäden,
selber formen
sich, das Leben,

in der Welt
sich selber bleiben,
niemand soll
am andern leiden.

©Sandra von Siebenthal, 30. Mai 2021

5 Inspirationen – Woche 19

Eine schöne Woche liegt hinter mir, das Highlight war sicher der Muttertag mit einer wunderschönen Überraschung und dem Brunch mit meiner Mutter. Trotz miserabler Wetterprognosen schien dann und wann die Sonne, die ich sehr genossen habe, was will man mehr?

Was ist mir diese Woche begegnet, hat mich diese Woche inspiriert?

Dürrenmatt schwankte am Anfang, ob er Maler oder Schriftsteller werden solle, entschied sich dann fürs Schreiben, da er sich nicht aufraffen konnte, in eine Kunstschule zu gehen. Er war ein Autodidakt und wollte das auch bleiben, wollte seine eigene Vorstellung als Massstab haben. Das allein fand ich schon eine eindrückliche Sichtweise, aber noch mehr hat mich angesprochen, dass er sein Leben lang zeichnete und malte, dies aber nur für sich tat, ohne es an die Öffentlichkeit zu bringen. Das sei sein Schonraum gewesen, der Raum, wo er bei sich war und keiner Kritik ausgesetzt. Das Bild eines Schonraums als Raum, in dem man sicher ist, sich selber sein kann, seine Ideen und sein Wesen ausleben kann, das fand ich schön und irgendwie wichtig.

  • Ich schaute den Film „Die Luftbrücke – Nur der Himmel war frei“ – die Verfilmung der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, als die Sowietunion den Westteil Berlins von der Versorgung abschnitten und die Amerikaner die Bevölkerung nur über eine Luftbrücke mit dem Nötigsten versorgen konnten. Erstens fand ich es spannend, ein historisches Ereignis so verbildlicht zu sehen, zweitens regte der Film auch sehr zum Nachdenken an. Ich kann ihn nur empfehlen.
  • Mein Lebensmotto seit Jahren stammt aus einem Rilke-Gedicht: „Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen“. Diese Vertonung kenne ich schon lange, stiess kürzlich wieder drauf und möchte sie gerne mit euch teilen, weil sie so wundervoll ist:
  • Nicht neu, aber es gibt immer wieder Anlässe, mir dessen bewusst zu werden: Dankbarkeit ist so wichtig. Und sie tut so gut. Einfach mal beim durchs Leben treiben Lassen innehalten und hinschauen, was alles gut ist, was wir für selbstverständlich nehmen, obwohl es das eigentlich nicht ist. Und dankbar sein dafür.
  • Ab und an inspiriere ich mich selber. Ich habe bei Twitter seit langem einen angehefteten Text.

„Notiz an mich: Ich muss nicht alles können. Ich muss nicht jedem gefallen. Ich muss nicht alles wissen. Ich muss nicht jeden mögen.“

Ab und an lese ich ihn wieder und frage mich: Habe ich es schon ganz verinnerlicht oder arbeite ich noch dran? Ich denke, es geht immer besser, aber ab und an tappe ich noch in Fallen und hadere doch mit Dingen, die ich nicht weiss, Menschen, von denen ich mich nicht akzeptiert fühle. Es ist ein Prozess…

Ich hoffe, es war was für euch dabei, das euch angesprochen hat. Wenn ihr etwas habt, das euch diese Woche angesprochen, bewegt, inspiriert hat – ich würde mich freuen, wenn ihr davon berichten würdet. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und einen guten Start in die neue Woche!

Rose Ausländer (11. Mai 1901 – 3. Januar 1988)

Rose Ausländer wurde als Rosalie Beatrice Scherzer am 11. Mai 1901 in Czernowitz, Österreich-Ungarn in einen liberal-jüdischen und kaisertreuen Haushalt geboren. Zwar hatte man sich vom streng orthodoxen Ostjudentum distanziert, trotzdem waren die wichtigen jüdischen Traditionen wichtig und wurden gelebt.

Czernowitz war eine Mischung aus verschiedenen Völkern und damit auch Sprachen, 60 Prozent der Bevölkerung waren Juden, die Umgangssprache war Deutsch. Deutsch wurde als Kultursprache und als Sprache des Aufstiegs angesehen. Paul Celan sprach von Czernowitz in einer Rede von einer «Gegend, in der Menschen und Bücher lebten». Literatur und Kultur genossen einen hohen Stellenwert in Czernowitz.  

«Bukowina II

Landschaft die mich
erfand

Wasserarmig
Waldhaarig
die Heidelbeerhügel
honigschwarz

Viersprachig verbrüderte
Lieder
in entzweiter Zeit

Ausgelöst
strömen die Jahre
ans verflossene Ufer»

1916 musste die Familie nach Budhapest fliehen, weil Czernowitz von den Russen besetzt wurde. Von da ging es 1919 weiter nach Wien und 1920 zurück nach Czernowitz. Rose Ausländer arbeitete in einer Rechtsanwaltskanzle und studierte nebenher als Gasthörerin Literatur und Philosophie. Sie beendete das Studium nie.

1921 wanderte Rose mit ihrem Studienfreund Ignaz Ausländer in die USA aus, den sie 1923 heiratete und von dem sie sich bereits 1926 wieder trennte (1930 erfolgte die Scheidung). Im gleichen Jahr erhielt sie die amerikanische Staatsbürgerschaft. 1927 erschienen ihre ersten Gedichte im Amerika-Herold-Kalender, im gleichen Jahr kehrte sie in die Bukowina zurück, u ihre kranke Mutter zu pflegen. Dort lernte sie den Kulturjournalisten Helios Hecht kennen, mit dem sie 1928 nach New York reiste. Es erschienen weitere Gedichte von ihr.

«Warum schreibe ich?

Vielleicht, weil ich in
Czernowitz zur Welt kam,
weil die Welt in
Czernowitz zu mir kam.
Jene besondere Landschaft.
Die besonderen Menschen.
Märchen und Mythen
Lagen in der Luft,
man atmete sie ein.»

1931 kehrten Ausländer und Hecht zurück nach Czernowitz, es folgten weitere Gedicht- und Aufsatzveröffentlichungen in Zeitungen und Anthologien, daneben arbeitete sie als Englischlehrerin und Lebensberaterin in einer Zeitung. 1934 wurde ihr die amerikanische Staatsbürgerschaft aberkannt, da sie dem Land zu lange ferngeblieben war. 1935 kam es auch zur Trennung  von Hecht.

1939 erschien Rose Ausländers erster Gedihtband «Der Regenvorgen», welcher beim Publikum trotz guter Kritiken nicht ankam. Nach einem kurzen Aufenthalt in New York pflegte sie in Czernowitz ihre kranke Mutter, als 1940 sowietische Truppen einfielen. Ausländer wurde verhaftet, kam nach vier Monaten wieder frei. 1941 besetzten mit Deutschland verbündete rumänische Truppen die Stadt. Ausländer kam ins Ghetto der Stadt, wo sie Paul Celan kennenlernte. In einem Kellerversteck überlebte sie, weil sie der Deportation entgehen konnte. Die Erkenntnis, dass all die Verbrechen damaliger Zeit von Menschen begangen wurden, setzt Rose Ausländer zu. Sie verarbeitete diesen Schrecken in Gedichten:

Noch ist das Lied nicht aus

Noch ist das Lied nicht aus, noch lebt im Leid
der immerdar Verfolgte und Beraubte.
Er weiss: sein Schicksal ist dem Tod geweiht,
und immer schwebt ein Schwert ob seinem Haupte.

Sie sagten einst, sein Gott sei nicht so gut
wie ihrer, so musste er es büssen.
Fest liegt die Schuld in seinem bösen Blut,
und sie zertraten es mit ihren Füssen…

1944 befreite die Rote Armee schliesslich die wenigen überlebenden Juden, so dass Ausländer über Rumänien nach New York auswandern konnte, wo sie als Fremdsprachenkorrespondentin arbeitete und Gedichte schrieb – ausschliesslich auf Englisch.

1957 traf sie in Paris auf Celan. 1964 zog sie nach Wien, 1965 nach Düsseldorf. Als verfolgte des NS-Regimes bezog sie eine Rente, der ihr das finanzielle Überleben sicherte, so dass sie sich ihren Gedichten widmen konnte. 1965 erschien ihr zweiter Gedichtband «Blinder Sommer», welcher beim Publikum ankam und ihr endlich zum literarischen Durchbruch verhalf.

Als ich
aus der
Kindheit floh
erstickte
mein Glück
in der Fremde

Als ich
im Ghetto
erstarrte
erfror
mein Herz
im Kellerversteck

Ich Überlebende
des Grauens
schreibe aus Worten
Leben

In den folgenden Jahren reiste Rose Ausländer viel in Europa, auch nochmals kurz nach USA, uns trat 1972 ins Nelly-Sachs-Haus, ein jüdisches Altenheim in Düsseldorf. Ein Unfall 1977 führte bei ihr zum Entschluss, das Zimmer nicht mehr zu verlassen, so dass sie die restlichen 11 Jahre, die ihr noch blieben, nur noch Gedichte schrieb und veröffentlichte. Ihr lyrisches Werk schliesst sie mit folgenden Worten ab:

«Gib auf

Der Traum
lebt
mein Leben
zu Ende»

Rose Ausländer starb am 3. Januar 1988 und liegt auf dem jüdischen Friedhof in Düsseldorf.