„Gesundheit ist Glück, so sagt der Kranke – Reichtum ist Glück, sagt der Arme, Weisheit ist Glück, sagt der Philosoph – und sie haben alle Recht. Unglück aber ist gewiß, das nicht erreichen zu können, was man bedarf.“ Fanny Lewald (1811 – 1889)

Wer kennt noch das Kinderlied vom Hans im Schneckenloch, der alles hat, was er will? Sind wir nicht alle oft wie Hans? Wir sehen, was uns fehlt, statt uns an dem zu freuen, was wir haben. Wie wäre es, wenn wir das heute mal umkehren würden?

„Du sollst dankbar sein für das Geringste, und du wirst würdig sein, Grösseres zu empfangen.“ Thomas von Kempen

Als Kind wollte mein Sohn immer seine Münzen in Noten gewechselt haben. Münzen waren für ihn minderwertig, sie waren zu wenig wert, sie zählten quasi nicht. Ich war immer dankbar um das Kleingeld, konnte ich es doch bei Automaten gut brauchen – und ich zahlte auch an der Kasse damit.

Es gibt den schönen Spruch, dass nur der des Franken wert ist, der auch den Rappen ehrt. Wie oft kommt es vor, dass wir Kleines gering schätzen, weil wir nur nach dem Grossen streben? Dabei sehen wir meist nicht, wozu auch das Kleine gut ist. Und: Ist klein und gross nicht relativ und davon, welchen Wert WIR ihm zumessen?

„Der Dank ist für kleine Seelen eine drückende Last, für edle Herzen ein Bedürfnis.“ Georg Christoph Lichtenberg

Oft fühlen wir uns klein, wenn wir Hilfe brauchen. Um Hilfe zu bitten, fällt vielen Menschen schwer. Nur: Kein Mensch kann alles und kein Mensch kann für sich allein existieren. Wir alle sind voneinander abhängig. Und jeder ist darauf angewiesen, dass andere Dinge tun, die man selber nicht tun kann. Nur in diesem Miteinander ist ein Leben und ein Überleben überhaupt möglich.

Klein ist also nicht der, welcher Hilfe braucht, sondern der, welcher diese nicht zu schätzen weiss.

„Gedenke der Quelle, wenn du trinkst.“ Aus China

Fliessend Wasser, genügend Strom, im Winter eine Heizung, im Sommer ein Eisfach für das kühlende Getränk – den meisten in unseren Breitengraden geht es gut. Die Grundbedürfnisse sind mehrheitlich gedeckt, meist noch viel mehr. Und: Wir nehmen es als selbstverständlich. Wie selbstverständlich wir darauf zurück greifen, merken wir dann, wenn etwas nicht mehr funktioniert.

Statt dann zu fluchen, könnten wir auch immer mal wieder auf unser Leben schauen und wertschätzen, wie gut es uns geht. Diese Einsicht weckt Dankbarkeit und diese wiederum Freude. Und wer möchte nicht ein bisschen Freude im Tag haben?

„Sei dankbar für das, was du hast; warte auf das übrige und sei froh, dass du noch nicht alles hast; es ist auch ein Vergnügen, noch auf etwas zu hoffen.“ (Seneca)

Es gibt ein Lied von Queen, in dem es heisst: „Ich will alles und ich will es jetzt.“ Wie oft sind wir getrieben von unserer Ungeduld, von unserem Wunsch – oft Drang, fast schon Zwang – Dinge haben zu wollen. Und zwar sofort. Dieses dringende Bedürfnis nach Erfüllung der eigenen Wünsche kann so weit gehen, das Leben zu dominieren.

Von den eigenen Wünschen beherrscht wird man so zum Sklaven, der immer neuen Wünschen hinterher rennt, denn: Sie hören nie auf. Kaum ist einer erfüllt, zeigt sich der nächste. Die Freude an der Erfüllung hält immer weniger lange an.

Bei Lichte betrachtet: Wünsche zu haben, ist schön. Sie erfüllt zu kriegen, ebenso. Aber wären alle erfüllt, wir am Ziel all unserer Träume: Wäre das wirklich erstrebenswert? Und: Was verpassen wir an Freude, wenn wir nur immer gleich dem nächsten Wunsch hinterher rennen? Statt einfach mal innezuhalten, zu sehen, was ist, was gut ist, und dankbar zu sein?

„Nur freie Menschen sind einander wahrhaft dankbar.“ Baruch de Spinoza

Wer kennt sie nicht: Die Mutter, die ihrem Kind sagt, es solle sich bedanken. Sie sagt es im Befehlston. Das Danke des Kindes (wenn es denn kommt) klingt dementsprechend mehr nach Pflichterfüllung denn als Herzensangelegenheit. Und die Freude über einen solchen Dank ist eher klein.

Dankbarkeit lässt sich nicht erzwingen. Sie ist ein Geschenk. Schön, wer sie spürt und ihr Ausdruck verleihen kann.