„Manchmal ein bisschen träumen

Und immer ein bisschen hoffen –

So blieb zu seligen Räumen

Mir allzeit ein Türlein offen.“ (Ernst Goll)

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Wenn das Leben dunkle Seiten zeigt, was könnte mehr Licht bringen als die Hoffnung, dass es wieder besser wird? Wenn eine Tür zuschlägt, wo fände man mehr Trost als im Gedanken, dass dafür ein Fenster aufgeht? Es ist die Hoffnung, die uns weiter an das Gute glauben lässt, es ist die Hoffnung, die hilft, den Mut nicht zu verlieren. Und manchmal ist es auch die Hoffnung, dass Träume wahr werden können, die dabei hilft, eigene Wege zu verfolgen.
Wie dankbar kann also der sein, der noch Hoffnung hat? Wie dankbar der, welcher Träume hat und daraus ein Leben bilden will – in der Hoffnung und im Glauben, dass es gelingen kann?

Als mein Vater krank wurde, war sein wohl meist gesagter Satz (er sprach generell nicht sehr viel):

Das kommt schon gut.

Und ja, wir wollten das alle glauben. Die Einen wollten mehr, die anderen glaubten mehr. Und er? Glaubte er? Wollte er es glauben? Wollte er uns überzeugen? Man weiss es nicht so genau. Er war nie ein offenes Buch, eher eines mit sieben Sigeln.

Heute sagt meine Mutter den Satz oft – immer mit dem Nachsatz, dass Papa das immer gesagt hätte. Und ja, wieder glauben wir es und wollen es glauben. Die Frage, die sich ja bei allem immer stellt, ist:

Was ist gut?

Und vor allem:

Wann wissen wir, ob es nun gut ist?

Auf Søren Kierkegaard geht der Ausspruch zurück:

„Verstehen kann man das Leben nur rückwärts; leben muss man es aber vorwärts.“

Menschen sterben, Lieben zerbrechen, Hoffnungen platzen – jeder Mensch durchläuft diese Stadien, meist mehrfach. Und immer geht das Leben weiter, auch wenn man ab und an (anfänglich) denkt, dass es das nun war. Irgendwann blickt man zurück und sieht, dass aus Dingen, die einst als grosses Unglück schienen, auch Gutes entstand oder sie zumindest aus der einen oder anderen Perspektive etwas Gutes in sich trugen: Der Mensch, der starb, hätte unnötig gelitten, mit dem Menschen, der die Liebe aufkündigte, wäre man nicht glücklich geworden, aus den Steinen im Weg konnte man etwas Neues aufbauen.

Es gibt noch so einen schönen Satz:

„Am Ende wird alles gut. Und ist es nicht gut, so ist es nicht das Ende.“

Er gründet wohl auf dem Prinzip Hoffnung. Ich denke, die Hoffnung ist es, die einen immer wieder überleben lässt. Es heisst zwar in der Bibel, dass am Schluss Glaube, Liebe, Hoffnung bleiben, die Liebe das Grösste sei. Ich denke auch, dass die Liebe das Grösste überhaupt ist, aber: Ohne Hoffnung würde man wohl vieles nicht überstehen.

Vor einiger Zeit startete ich mit dem ersten Fragebogen von Max Frisch Fragebogen (HIER), der zweite folgte (Thema Ehe: HIER), dann der dritte (HIER) – wir kommen zur vierten Runde, das Thema ist dieses Mal die Hoffnung. Hier ist auch wieder nur eine Auswahl aus den Fragen des Fragebogens, den ganzen findet ihr im am Schluss genannten Buch.

Fragebogen IV

  1. Wissen Sie in der Regel, was sie hoffen?

Meistens schon. Ich bin aber nicht immer sicher, ob es auch gut ist, wenn es eintrifft.

  1. Beneiden Sie manchmal Tiere, die ohne Hoffnung auszukommen scheinen, z. B. Fische in einem Aquarium?

Mit Fischen habe ich keine Erfahrung. Ich beneide ab und an meinen Hund um sein Leben, es muss sehr entspannt und schön sein – so wirkt er auf alle Fälle meistens. Hoffnungen hat er aber durchaus, wie mir scheint. Immer nach dem Abendessen hofft er ganz offensichtlich auf einen Knochen für sich. Und den kriegt er dann auch meistens, da er in seiner hoffnungsvollen Haltung (und vor allem seinem Blick aus Knopfaugen) unwiderstehlich aussieht.

  1. Welche Hoffnung haben Sie aufgegeben?

Wirklich aufgegeben wohl keine – zumindest keine, die ich noch als wünschenswert erachte, wenn sie eintreffen würde. Ich male mir nur die Chancen auf Erfolg ab und an verschwindend klein aus, aber: Die Hoffnung stirbt trotz allem zuletzt.

  1. Kann Hass eine Hoffnung erzeugen?

Das wäre in meinen Augen keine Hoffnung, sondern ein Rachegedanke.

  1. Hoffen Sie angesichts der Weltlage: a) auf die Vernunft? b) auf ein Wunder c) dass es weitergeht wie bisher?

Weder noch. Am ehesten hoffe ich auf ein zunehmendes Bewusstsein, was wir tun, auf mehr Einsicht, dass keiner allein überleben kann, dies nur im Miteinander geht, und auf mehr Menschlichkeit.

  1. Können Sie ohne Hoffnung denken?

Hoffnungslosigkeit ist ein sehr lähmendes Gefühl. Da fällt mitunter alles schwer, auch das Denken. Hoffnungslosigkeit kann aber auch das Resultat von zu viel Denken sein. Wenn man in einer Abwärtsspirale denkt, mögliche negative Folgen ausmalt und alles in düstere Farben kleidet, führt genau dieses Denken zur Hoffnungslosigkeit. Vielleicht ist es dann und wann sogar sinnvoll, mit dem Denken aufzuhören und sich mal abzulenken. Das kann vieles sein: In die Natur gehen, zeichnen, lesen, tanzen, singen – alles, was hilft, den Kreislauf der Gedanken zu unterbrechen. Und dann, wenn wieder Hoffnung da ist, langsam und behutsam wieder zu denken beginnen.

  1. Was erhoffen Sie sich von Reisen?

Neue Eindrücke, Inspirationen, Anreize – aber auch: Eine Auszeit, Ruhe für mich, mal dem Alltag entkommen.

  1. Wenn Sie jemand in einer unheilbaren Krankheit wissen: machen Sie ihm dann Hoffnungen, die Sie selber als Trug erkennen?

Nein, das fände ich nicht richtig. Grundsätzlich würde ich mit ihm über andere Themen sprechen als über seine Krankheit, da er diese ja selber kennt. Wenn er aber darüber sprechen will, dann würde ich ihm zuhören und versuchen, auf ihn einzugehen.

  1. Was erwarten Sie im umgekehrten Fall?

Dasselbe. Ich hasse Lügen, ich hasse Beschwichtigungen oder Schönfärberei.

  1. Muss eine Hoffnung, damit Sie in ihrem Sinn denken und handeln, nach Ihrem menschlichen Ermessen erfüllbar sein?

Wenn eine Hoffnung nur auf Erfüllung eines Zieles ausgerichtet ist, das Handeln und Denken nur Mittel zum Zweck ist dahin, dann wohl kaum. Allerdings erachte ich solche Ziele und Hoffnungen als wenig sinnvoll. Wenn einer nur schreibt, weil er reich werden will, nur malt, weil er umjubelt werden will, selber aber nicht gerne schreibt oder malt, dann sollte er wohl besser damit aufhören, wenn er denkt, es eh nie dahin zu schaffen. Wieso sich vergebens quälen? Wenn man aber gerne malt und schreibt, dabei klar auch mal denkt, es wäre schön, das würde mal jemandem Freude bereiten, dann wird man auch weitermachen, wenn das nie eintritt. Gauguin hätte kein Bild gemalt sonst, Fontane hätte das Schreiben beendet, zu gross waren seine Zweifel oft, Kafka wollte sogar alles verbrennen… er hat es also geschrieben, obwohl er nicht an den Erfolg glaubte. Langer Rede kurzer Sinn: Ich würde keinen Weg gehen wollen, nur um ein Ziel zu erreichen. Wenn ich aber einen Weg mag, gehe ich ihn auch, wenn das Ziel unerreichbar scheint.

  1. Hoffen Sie auf ein Jenseits?

Ich hoffe nicht, dass es das gibt! Irgendwann muss mal fertig sein.

Vielleicht regen euch die Fragen ja auch an? Wenn ihr mitmachen wollt, würde ich mich sehr freuen, wenn ihr mir den Link zu eurem Beitrag in den Kommentar schreibt und/oder diesen Beitrag hier bei euch verlinkt. #FrischsFragebogen

Zum Autor
Max Frisch
Max Frisch (1911-1991), einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, konnte nicht nur mit dem Wort etwas erschaffen: Er arbeitete auch erfolgreich als Architekt. Über journalistische Arbeiten und erste literarische Versuche fand er schließlich seinen eigenen Stil als Autor. In seinen Essays, Erzählungen, Hörspielen, Dramen und Romanen war er nicht nur ein großer Literat, sondern auch ein streitbarer Humanist. Sein kritischer Geist rieb sich an seiner Schweizer Heimat ebenso wie an Demagogen in aller Welt – um doch anlässlich seines 75. Geburtstags ernüchtert festzustellen: „Am Ende der Aufklärung steht das goldene Kalb.“ Bekannt wurde er u. a. mit den Romanen „Stiller“, „Homo Faber“ und „Sein Name sei Gantenbein“ sowie Theaterstücken wie „Andorra“ und „Triptychon“.

Angaben zum Buch:
FrischFragebogenTaschenbuch: 96 Seiten
Verlag: Suhrkamp Verlag (24. August 1998)
ISBN: 978-3518394526
Preis: EUR 6 / CHF 9.90

Online zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE oder BOOKS.CH

Der Falke fliegt,
weit über mir,
trägt Hoffnung mit,
die da noch ist.

Wie tonnenschwer
wiegt doch die Angst,
die runterzieht,
mich fest umschlingt.

Es kämpft der Falke
mit Gewicht,
mal schweb ich mit,
mal sink ich ab.

Ich pendle hin
und dann zurück,
ich such das Licht,
ich hoff auf Glück.

Drum Falke, flieg! –
ganz hoch hinaus,
dass keine Kette
dich noch hält.

Und sink ich doch,
dann sei es so.
Jedoch bis dann,
da hoffe ich.

Sie sass hinter Gittern,
und sah all die Stäbe,
dahinter nichts wäre,
wie einst in Paris.

Sie suchte die Lücken,
und sah doch nur Stäbe,
der Blick wurde trübe
und sie ach so müd’.

Sie suchte den Ausweg,
flog hoch und fiel nieder,
die Flügel, sie brachen,
das Herz gleich damit.

So lag sie darnieder,
mit Dreck im Gefieder,
die Augen ganz schwer,
sie hoffte kaum mehr.

Nur ab und an drang noch,
ein Sonnenstrahl nieder,
fiel zwischen die Stäbe,
und brachte ihr Ruh’.

Das Leben konfrontiert uns mitunter mit Herausforderungen, die uns im ersten Moment überfordern, die wir uns nie vorzustellen wagten und die dann über uns hereinbrechen. Der Umgang damit bereitet Probleme, zeigt uns Grenzen auf, über die wir immer wieder hinausgeführt werden.

Der folgende Gastbeitrag stammt von der Tochter eines demenzerkrankten Vaters, der zusätzlich unter wahnhaften, halluzinatorischen Zuständen leidet:

Ich saß am Esszimmertisch und sortierte die Wochenration an Tabletten, als mein Vater aus der Küche kam und mich fragte, ob er mich einmal kitzeln solle. Wir hatten am Morgen einen denkbar schlechten Start gehabt. Eigentlich wollten wir gemeinsam zu seiner Ärztin, um seinen Marcumarwert kontrollieren zu lassen, der seit einer Woche vollkommen aus dem Ruder lief. Als ich klingelte empfing er mich im Bademantel mit aufgedunsenem, unrasiertem Gesicht und einem Schwall von Vorwürfen. Es war absurd, aber weil er seinen Schlüssel nicht mehr finden konnte, bezichtigte er mich, ihn in seiner ebenerdigen Wohnung mit mehreren Terrassentüren das gesamte Wochenende eingesperrt zu haben. Als ich ihn bat, sich zu beruhigen und anzuziehen, weil ich seinen Termin pünktlich wahrnehmen wollte, schrie er mich an, dass er ohne Kaffee und Wurstsemmel nirgendwo hingehen würde.

Ich beschloß, mich erst einmal um seine Medikamente zu kümmern, während er unruhig in der Wohnung rumorte. Bei seiner Kitzelbemerkung sah ich flüchtig auf; er hatte ein langes Messer in der Hand, mit dem er herumfuchtelte.

Als ich ihn Stunden später in der geschlossenen, gerontopsychatrischen Abteilung besuchte, war er fünfpunktfixiert und völlig außer sich, weil er sich seiner Freiheit beraubt sah und gegen seinen Willen festgehalten wurde, festgeschnallt in einem Krankenbett – an beiden Händen, beiden Füßen und mit einem dicken Gurt um den Bauch. Die Einweisung und den Krankentransport, den ich mit Hilfe der Ärztin organisiert hatte, konnten wir nur mit polizeilicher Hilfe durchführen – er wurde in äußerst desolatem Zustand, aber unter heftigem Widerstand in Handschellen in einen Sanka verfrachtet. Er hat getobt und geschrieen.

Es ist schwierig zu begreifen und zu akzeptieren, was da vorgeht. Es ist erschreckend zu sehen, wie schnell eine durch und durch bürgerliche Existenz den Bach runtergeht, wie sich ein an sich spießiger bis biederer Lebensentwurf in den bloßen Wahnsinn verkehrt.

Natürlich ist mir bewußt, dass dies Tausende von Familien und ihren Alltag betrifft, dass Demenz und Alzheimer längst in unserer überalterten Gesellschaft zu Riesenproblemen geworden sind – und doch: Wenn man plötzlich und unmittelbar selbst damit konfrontiert ist, bleibt zunächst nichts als Ratlosigkeit und eine große Trauer sowie Unsicherheit, wie man mit der neuen Situation zurechtkommen soll. Es ist nicht schön, einen geliebten Menschen in einer solch hilflosen Lage zu sehen, aus welcher man ihm nicht heraushelfen kann, und ihn sich selbst und seinem Schicksal überlassen muss. Wir alle kennen und lieben wohl den Film „Einer flog über das Kuckucksnest“ mit dem brillanten Jack Nicholson, doch was ist, wenn der eigene Vater plötzlich betroffen ist? Wenn der Wahnsinn in die eigene Lebensrealität Einzug hält?

Ich habe noch immer mit großen Schuldgefühlen zu kämpfen, weil mir mein gefesselter Vater erklärte, dass er sich doch nur ein paar Äpfel schneiden wollte und ein wenig Spaß gemacht hätte. Ich hätte völlig überreagiert und ihn gegen seinen Willen einweisen lassen. Tatsächlich fand ich in seiner Küche ein Schneidebrett mit Apfelresten. Ich fürchte, nie mehr sein Vertrauen, seine Achtung und Liebe zurückerlangen zu können.

Er kann auf der einen Seite sehr klar in seinen Äußerungen sein. Auf der anderen Seite verstrickt er sich in seine Wahnvorstellungen, die er schon seit Wochen immer wieder artikuliert hat und die wir einfach nicht als solche wahrnehmen wollten, sondern sie auf eine leichte, beginnende Demenzerkrankung geschoben haben. Es hat sich bei ihm ein Delirium manifestiert, begleitet von wahnhaften, halluzinatorischen Zuständen. Zum Beispiel ist mein Vater verbittert über den Chefarzt, seiner Einschätzung nach mehrfacher Multimilliardär, der eine Weltverschwörung plant und dafür die grünschwarzen Männchen will, die mein Vater sieht. Es regiert der blanke Wahnsinn und das bei einem Menschen, der mit einem weit überdurchschnittlichen IQ gesegnet war. Doch genau bei solchen, scheint der blanke Wahnsinn am ausgeprägtesten zu sein.

Wenn ich ihn nun besuche, weiß ich nie, in welcher Verfassung ich ihn anfinde, doch wenn ich ehrlich bin, ist es von mal zu mal schlimmer. Seine kognitiven Fähigkeiten sind so weit herabgesetzt, dass er sich nicht mal mehr die Hose zumachen kann, wenn er von der Toilette kommt. Er stopft sich mit dem Ende einer Gabel die portionsweise abgepackte Margarine direkt in den Mund und lutscht das Plastikschälchen aus; er versucht ein Schälchen mit Zuckertüten für Kaffee auszulöffeln, natürlich mitsamt den Papiertütchen.

Was bleibt von einem Menschen in einer solchen Situation noch übrig? Wieviel Würde? Die Primärpersönlichkeit geht den Bach runter, übrig bleibt ein mir unbekannter, unfreundlich bis feindlicher Mensch, welchen man nicht kennt, bei dem aber die eigentliche Persönlichkeit immer mal wieder durchscheint, so dass man sie nicht vergißt. Es ist ein Schleuderprozeß der Gefühle. Mein Vater ist in sich wie in einem bösen Fiebertraum gefangen, die Außenkommunikation findet unter falschen Vorzeichen statt. Wir können reden, doch was kommt in seiner Welt an? Hat er einen guten Tag, so sieht er in mir meine verstorbene Mutter. Hat er einen schlechten Tag, erkennt er mich als seine Tochter, die ihn mit Hilfe einer Riesenverschwörung festhalten läßt.

Wir stehen noch ganz am Anfang und ich fürchte, ein langer Weg liegt vor uns, von welchem ich nicht abschätzen kann, wie wir ihn gehen können und sollen. Mein Respekt für und meine Achtung vor Familien, die dies seit Jahren durchmachen, sowie das Pflegepersonal wächst von Tag zu Tag. Für meinen Vater und mich weiß ich nicht, was ich für uns wünschen und erhoffen kann?!

Vor 40 Jahren zog mein Vater zwei Wochen lang durch Winterthurs Gassen, stiess auf seine Tochter an, die soeben das Licht der Welt erblickt hatte. Er war so voller Freude, so voller Stolz, so voller Liebe. Alle sollten daran teilhaben. Diese Tochter war sein Sonnenschein, seine Prinzessin. Alles wollte er tun für sie. Immer für sie da sein.

Er hat gehalten, was er sich vornahm. Er war immer da. Lehrte mich Rad fahren, schwimmen, Ski fahren. Er bastelte mit mir, wir liessen Drachen steigen, streiften durch die Wälder, bauten Waldhütten. Er tröstete meine Tränen bei Liebeskummer, holte mich aus Wohnungen von gescheiterten Beziehungen. Er baute mich auf, wenn ich am Boden war, stellte sich vor mich, wenn Gefahr drohte. Er trieb mich an, wenn mir der Mut fehlte, er holte mich auf den Boden, wenn ich abzuheben drohte. Er hat mir mehr als einmal das Leben gerettet, nachdem er es mir schon geschenkt hat.

Was ich oft dachte, sprach er aus und umgekehrt. Wir lachten über dieselben Dinge, verstanden uns stets blind. Kleine Zeichen reichten, ganze Welten zu erklären. Ein Blick, eine Geste – das Band war da und es war stark.

Er war ab und an stur, ab und an unverständlich pingelig und rechthaberisch. Da ich nicht weniger stur bin, war nicht immer eitel Sonnenschein. Wir konnten Tage nicht miteinander sprechen, innerlich dadurch zerrissen. Und plötzlich brach das Eis und alles war vergessen. Meine arme Mutter geriet in solchen Situationen oft zwischen die Fronten.

Was er für mich als Vater war und ist, ist er für meinen Sohn als Grossvater. Wenn dieser Trost sucht, Ärger hat, Zuspruch braucht: der Grossvater hat ein offenes Ohr. Wenn er sich alleine fühlt, unverstanden: Anruf genügt und sein Grossvater rückt die Welt wieder ins Lot. Wenn die Mutter nervt, die Fetzen fliegen, der Grossvater rückt ihm zwar den Kopf zurecht, aber von ihm lässt er es sich sagen. Und die Wogen glätten sich.

Weihnachten dann der Schock: Notfall. Probleme machten sich schon lange bemerkbar, nun war es akut. Der erste Arzt machte nichts. Die Schmerzen stiegen. Zweiter Arzt. Erste Alarmglocken, doch immer noch abwartend. Dann der Zusammenbruch. Meine Welt steht Kopf, droht zu sinken. Mein Fels in der Brandung stürzte, brach zusammen.

Habe ich ihm oft genug gesagt, was er mir bedeutet? Wie dankbar ich bin, ihn als Vater zu haben? Hätte ich mir meinen Vater backen müssen, er wäre genau so gewesen, wie er ist. Ich hätte mir keinen anderen oder gar besseren wünschen können. Weiss er, wie sehr ich ihn liebe? Wie sehr ich ihn brauche? Dass ich ihn nicht verlieren will?

Wieso fällt es uns oft leichter, zu streiten, zu sagen, was nicht passt, als einfach mal zu sagen: Ich liebe dich. Schön, dass es dich gibt. Ich will dich nicht verlieren? Wieso widmen wir der Dankbarkeit für das Gute und Schöne oft weniger Worte als den Vorwürfen, Streitereien, Unfreundlichkeiten?

Ich hoffe, ich kann ihm bald wieder in die Augen sehen und ihm sagen, wie lieb ich ihn habe.

Seit 9 Uhr sitze ich hier und warte darauf, dass es halb 12 Uhr wird, ich anrufen kann. Ich versuche mich abzulenken. Weiss, es ist nur ein Routineeingriff bei beiden. Weiss, ich habe das schon oft erlebt, ging immer gut. Ich weiss, ich habe einen super Tierarzt, gehe ja extra zu ihm, weil ich ihm vertraue, weil ich ihn toll finde. Vor Ort hätte es viele, sogar nette… aber nein. Er ist der beste – für mich. Und doch: ich sitze auf Nadeln.

Um 11 Uhr krampft mein Herz zusammen. Ich werde traurig. Aus heiterem Himmel. Ich kann es nicht mehr abwenden, mein Bauch krampft mit. Ein Kloss im Hals. Ich kann nicht mehr warten. Ich rufe an.

„Der Hund hat alles gut überstanden, beim Kater können wir es noch nicht sagen….“

Ich weiss, ich war zu früh. Ich muss noch eine halbe Stunde warten. Und doch fliessen nun die Tränen. Ich kenne diese Situation nur zu gut. Anfangs Mai war es, keine 5 Monate her, als ich auch zu Hause sass. Mein Kater war beim Tierarzt. Man konnte auch nicht sagen, wie es kommt. Es sah da allerdings bedenklich aus. Trotzdem immer wieder die Hoffnung. Die irgendwann starb – weil er starb. Ich hätte nicht gedacht, dass das alles wieder hoch kommt. Mit der Intensität und Gewalt.

Alles ist wieder da, dieser unbändige Schmerz von damals, der mich überwältigte. Ich höre noch heute die spöttischen Stimmen: „Wie trauerst du denn erst, wenn es ein Mensch wäre?“ – Wer will schon Mensch und Tier in die Waagschale werfen? Wer kann schon wissen, was dieser eine Kater für mich war? Und zur Trauer um Pascha kommt nun die Angst um Schiller. Schiller, der so klein und frech in unser Leben kam. Der sich nachts ins Herz schnarchte, tagsüber hinein schnurrte. Der uns zum lachen bringt durch seinen Übermut, ab und an zur Verzweiflung mit seiner Frechheit.

Noch 15 Minuten. Die Zeit schleicht. Die Tränen versiegen langsam, die Hoffnung und die Zuversicht kommen wieder. Die Erlösung kommt, der nächste Anruf bringt Erleichterung.

Beide sind wach, beide sind wohlauf, alles gut überstanden.

Ich kann die beiden am Nachmittag heimholen.

Zuerst schrieb ich diesen Text, stellte ihn online. Dann zog ich ihn zurück. Ich kam mir komisch vor, dachte, ich übertreibe. Fragte mich, was er überhaupt bringt, wer das lesen will. Die Weinerlichkeiten einer überbesorgten Tierbesitzerin. Doch was ist so schlimm daran? Die Tiere sind in mein Leben gekommen und haben dieses unglaublich bereichert. Sie sind da, wenn es mir nicht gut geht, trösten mich; sie bringen mich zum lachen, sie füllen die Leere, die ab und an aufkommt. Sie bringen Leben in die Wohnung, wenn diese still ist, ab und an zu viel, aber es ist schön. Sie vertrauen mir, glauben an mich, bauen auf mich. Was also sollte ich tun, wenn mich nicht sorgen, wenn es ihnen nicht gut geht?