„Heute bin ich allen bedrückenden Umständen ausgewichen, besser gesagt, ich habe mich von ihnen befreit, denn der Druck kam nicht von aussen, sondern von mir und meinen Annahmen.“ (Marc Aurel)

Wenn etwas nicht gelingt wie gewünscht. suchen wir dafür Gründe – und oft auch Schuldige. Zweitere finden wir schnell:
Die Eltern sind schuld für die eigenen Schwierigkeiten mit dem Leben und wenn dieses nicht herausgekommen ist wie gewünscht. Dem Chef schieben wir die ausgebliebene Karriere in die Schuhe und dem Exfreund, der uns schlecht behandelt hat, das mangelnde Vertrauen in folgenden Beziehungen.

Nur: So lange wir uns als Opfer von Situationen oder Menschen sehen, werden wir genau das auch bleiben: Opfer. Dabei merken wir nicht, dass wir selber es sind, die uns zu diesem Opfer machen, indem wir uns all diese Geschichten erzählen. Bei den Eltern sind wir längst ausgezogen, hätten also spätestens beim Auszug die Gelegenheit gehabt, von nun an eigene Wege zu gehen. Der Chef mag vielleicht kein Sympathieträger sein, aber ist er wirklich schuld, wenn unsere Karriere nicht läuft, wie wir uns das wünschen? Könnte es nicht auch an unserer Haltung zum Chef oder aber zur eigenen Arbeit liegen, dass wir nicht weiter kommen? Könnten wir daran etwas ändern? Und wenn nicht, wäre eine Änderung des Arbeitsumfeldes oder gar der Tätigkeit möglich? Schliesslich: Der Exfreund ist Geschichte, wieso also geben wir ihm so viel Macht über unser heutiges Leben? Wieso hadern wir noch immer mit dem, was war, anstatt nach vorne zu schauen und einem neuen Menschen eine wirkliche Chance zu geben?

Es sind selten die äusseren Umstände, welche uns leiden lassen, sondern mehrheitlich ist es unsere Haltung zu diesen: Statt auf das Leben heute zu schauen und die Dinge, die passieren, anzunehmen und zu schauen, wie wir konstruktiv damit umgehen könnten, lassen wir uns in eine Gedanken- und Gefühlsspirale ziehen, aus der nur eines resultiert: Leiden. Nur wenn wir das erkennen, haben wir die Möglichkeit, diese Spirale zu durchbrechen. Dann sind wir in der Lage auf die Dinge, wie sie sind, zu reagieren im Hier und Jetzt, statt im Aussen einen Schuldigen aus der Vergangenheit zu suchen und uns in unserer Opferrolle zu suhlen. So kann es gelingen, aus Negativspiralen auszubrechen und vom Opfer zum Steuermann des eigenen Lebens zu werden.

„Alles, was uns an anderen missfällt, kann uns zu besserer Selbsterkenntnis führen.“ (C.G.Jung)

Als ich jünger war – auch heute noch – gibt es Züge bei meiner Mutter, bei denen ich hoffte, nie so zu werden. In Beziehungen zu anderen Menschen kam es vor, dass mich Dinge aufregten, Verhaltensmuster förmlich auf die Palme brachten. Im Miteinander mit verschiedenen Menschen kam es bei mir zu Reaktionen, bei denen ich dachte: „Bin ich das wirklich? So will ich doch nicht sein?“ – Irgendwas hatte mich dazu verleitet, auf eine Weise zu reagieren, die ich an mir nicht kannte oder aber nicht haben wollte.

Nun wäre es ein Leichtes, hinzugehen und zu sagen: Nur weil die anderen sind, wie sie sind, werde ich wütend, bin ich verletzt, reagiere ich auf eine Weise, die ich selber nicht will. Ich könnte damit die Verantwortung für mein Tun und Fühlen abschieben. Nur: Es wäre zu kurz gegriffen und es würde mir nichts bringen. Ich würde mich weiter ärgern – wenn nicht über die Menschen, dann über andere – ich würde mich weiter gleich verhalten – wenn nicht in den Beziehungen, dann in neuen.

Alles, was ich im Aussen sehe und worauf ich reagiere, hat etwas mit mir zu tun. Es sind nicht die anderen Menschen oder Erlebnisse, die mir Probleme bereiten, es ist meine Reaktion darauf. Und: Diese Reaktion hat viel mit mir selber zu tun – sie zeigt sich nur in Beziehungen.

Alfred Adler sagte, dass all unsere Probleme eigentlich Beziehungsprobleme seien. Nur weil wir mit anderen Menschen interagieren, offenbaren sich Probleme – sie entstehen auch nur darum. Wir wollen anerkannt werden, haben Erwartungen, Ängste und Hoffnungen. Aufgrund derer agieren wir im Miteinander. Und nicht selten manövrieren wir uns dadurch in ein ausgewachsenes Problem hinein.

Nun können wir uns nicht einfach aus Beziehungen herausnehmen und alles ist gut. Wir leben als soziale Wesen in einem Miteinander. Nur oft sehen wir es nicht als Miteinander, sondern erleben ein Gegeneinander, in dem wir tunlichst die Oberhand haben oder zumindest nicht abgelehnt werden wollen. Dafür verbiegen wir uns, dafür versuchen wir, alles nur mögliche zu tun – oder aber wir verweigern uns, da wir denken, sowieso nicht zu erreichen, was wir uns erhoffen – von uns und von anderen.

Wenn wir also wieder einmal Ärger, Wut, Angst verspüren durch das Verhalten eines anderen, oder wenn wir uns auf eine Weise verhalten, die für uns so gar nicht zu uns passt, sondern nur durch den anderen ausgelöst scheint:

Das ist der Zeitpunkt in mich zu gehen und hinzusehen. Was will mir dieses Gefühl sagen? Was bezwecke ich mit dem Verhalten? Was in mir trägt zu meinen Emotionen bei?

Ich kann die anderen nicht ändern. Ich kann auch das Leben nicht ändern. Was ich ändern kann, ist meine Haltung dazu. Ich habe es grundsätzlich jeden Moment in der Hand, für mich und mein Verhalten die Verantwortung zu übernehmen, indem ich mich so verhalte, wie ich es mir für mein Leben wünsche. Es werden mich dann vielleicht nicht alle mögen, aber: Ich lebe dann mein Leben und bin nicht fremdgesteuert durch zu impulsive Reaktionen auf das Verhalten anderer.

In letzter Zeit habe ich einige Male gelesen, dass alles Jammern und Klagen und aufmerksam Machen auf eine Klimakatastrophe Unsinn wäre. Klimaerwärmung sei Humbug, denn wir hätten schon 1540 mal eine Hitze- und Dürrekatastrophe erlebt. Dazu fällt mir einiges ein:

  1. ICH habe das nicht erlebt.
  2. Dass das Klima Schwankungen unterliegt, ist nicht neu, es gab auch Eiszeiten, nur:
  3. weil es etwas schon mal gab, heisst das nicht automatisch, dass es toll ist.
  4. Es war auch damals eine Katastrophe
  5. Wir kennen die Gründe für damals nicht – oh, und wenn doch, bitte melden und anführen, ich lerne gerne dazu und bin zu faul zum googeln, da es mir um das Heute geht. Was 1540 war, können wir nicht mehr ändern oder irgendwie beeinflussen, das heute vielleicht schon.
  6. Es gibt Menschen, die tagein und tagaus wenig anderes tun, als zu forschen. Auf unterschiedlichen Gebieten. Ich tat es im Bereich der Philosophie. Andere tun es im Bereich Klima, Umwelt, Lebenswelten. Ich berufe mich dann darauf, wenn ich normativ argumentiere, wie man leben sollte. Und ich vertrau drauf, dass sie ihre Aufgabe wahrgenommen haben. Wenn aber irgendwer da draussen findet, er hätte bessere Argumente, bin ich interessiert, sie zu hören.

Betrachtet man den landläufigen Lebensstandard, ist augenfällig, dass wir mehr Ressourcen nutzen, als wir haben, dass wir mehr Abfall produzieren, als die Welt schlucken kann. Der ökologische Fussabtritt eines Jeden in der sogenannt zivilisierten Welt ist bedenklich.

Systeme passen sich an. Wir passen uns der Umwelt an, diese sich uns. Unsere „Fortschritte“ gingen wohl zu schnell. Systeme sind träge. Nur werden wir ohne System nicht überleben können. Entweder wir bremsen und besinnen uns, oder wir gehen Hand in Hand unter.

Mir könnte das egal sein, ich werde den Untergang wohl nicht mehr erleben. Zudem mag ich es warm, es käme mir also entgegen, wenn die Temperaturen stiegen. Und: Ich bin alt genug, die Folgen nicht mehr erleben zu müssen – denke ich mal. Aber: Ich bin überzeugt, dass wir eine Verantwortung der nachkommenden Generation gegenüber haben. Es wäre nur gerecht, eine Welt zu übergeben, die trägt. Es wäre nur gerecht, dafür zu sorgen, dass auch unsere Nachkommen leben können, dass sie eine Welt von uns übernehmen, die lebenswert und das Überleben ermöglichend ist. Eine Welt, wie wir sie auch von unseren Vorfahren übernahmen. Sie war nicht perfekt, aber sie trug. Bis heute. Der Rest liegt in unseren Händen.

Gestern schaute ich eine Dok über einen ehemals gefeierten Pädagogen, der nun als pädophiler Vergewaltiger am öffentlichen Pranger steht. Der gute Mann kam irgendwann mal daher, redete, obwohl er im eloquent vertretenen Gebiet keine Abschlüsse oder sonstigen nachweisbaren Kenntnisse hatte, klug daher und wurde ernst genommen. Er trällerte öffentlich ein paar schlecht gereimte und lagerfeuerromantisch geklimperten Liedchen und spielte sich als grossen Pädagogen mit Durchblick und Herz für die Kinder auf, während er im Hintergrund denselben in die Hose griff. Da alles gut klappte, schrieb er ein paar Bücher, die zu Kassenschlagern wurden – Grundpfeiler der Pädagogik. Klappte ja so gut…

Eines seiner Opfer schrieb ein Buch. Der Fall flog auf, plötzlich war der Musterknabe ein Buhmann. Ein Grossteil seiner Opfer konnte mit dem Erlebten nicht umgehen, sie verfielen dem Alkohol und stärkeren Drogen. Ein paar Unbelehrbare finden, man könne ja immer noch selber entscheiden, was Erlebnisse mit einem machen, die Mehrzahl erklärt den einst hochgejubelten Pädagogen zum schwarzen Schaf der Nation (ich möchte nicht wissen, wie viele seiner ach so bahnbrechenden Erkenntnisse im heutigen Schulsystem federführend sind).

Nun könnte man sagen: Alles gut, man hat es aufgedeckt. Klar, die Opfer sind nun gefallen, rettet man wohl kaum mehr, aber immerhin kam es ans Licht. Was er tat, ist verjährt. Die Leben derer, die er zerstörte, sind im Eimer. Man wird das nicht mehr ändern können. Das ist traurig und sollte die Dringlichkeit zeigen, wieso Vergewaltigung keine Verjährung haben darf. Klar kann der Täter sagen, er hätte dazugelernt und sei nun an einem anderen Ort. Das Opfer hatte die Chance nicht immer. Und nein, es hat es nicht immer in der Hand, wie es mit dem Geschehenen umgeht. Gewisse Dinge übermannen, nehmen einem die Zügel aus der Hand. Wir sind nicht so willensbestimmt, wie wir gerne glauben würden. Würde diesbezüglich was geändert in der Gesetzgebung, hätte alles immerhin etwas Gutes gehabt – wenigstens für künftige Opfer.

Mich hat aber ein anderer Punkt verstört: Da waren Menschen rundherum. Und irgendwie schauten alle weg damals. Kann man machen, man verurteilt ja nicht gerne so schnell und ein etwas flaues Bauchgefühl ist noch kein Beweis. ABER: Sie rechtfertigten das Wegschauen noch heute. Versuchten es mit platten Sprüchen zu überspielen und verniedlichten ihre Rolle und was passierte. Amtsinhaber wollten plötzlich keine Amtspflichten mehr gehabt haben, gute Freunde redeten lieber über gemeinsame Fress- und Saufgelage als darüber, was der tolle Freund geleistet hat. Das eigene Wegschauen wird mit Handbewegungen weggewischt und mit hohlen Worten kleingeredet.

Für mich ist DAS eine Fortführung der Vergewaltigung. Klar verliert niemand gerne das Gesicht. Niemand steht gerne öffentlich hin und sagt: Ja, ich habe einen Fehler gemacht, ja, ich habe nicht hingeschaut, oder aber: Ja, ich WOLLTE es wohl nicht sehen. ABER: Wenn man es nun kleinredet, macht man das Opfer zum zweiten Mal zum Opfer. Man erkennt ihm seinen Opferstatus ab, indem man sagt: War alles nicht so schlimm, konnte ja keiner wissen. Und: Was keiner wusste, war quasi nicht da.

Es war da und man ahnte es. Man sah Unstimmigkeiten und hinterfragte im Stillen, liess aber alles laufen, weil alles andere a) Umtriebe gebracht hätte, und b) hätte unbequem werden können. Lieber ging man nett essen und trinken und jubelte auf den selbsternannten Superpädagogen.

Ich bin erschüttert. Unschuldige Kinder, die schon so Probleme mit der Welt hatten, wurden dem Löwen zum Frass vorgeworfen. Weil er so schön und überzeugend brüllte. Und man sah weg, wenn er sie verspeiste, tut es eigentlich noch heute. Um den eigenen Hals aus der Schlinge zu ziehen.

Ich habe mal wieder gelesen. Dieses Mal einen Artikel über unglückliche Mütter. Das Glücksgefühl werde nicht automatisch mit dem Kind mitgeliefert, heisst es. Einige Mütter bereuen den Schritt schon nach der Geburt, spätestens nach vier Jahren seien Frauen mit Kindern nicht mehr glücklicher als solche ohne. Von einem Alptraum ist gar die Rede. Und davon, dass es ein Tabuthema sei, als Mutter nicht glücklich zu sein, nicht in überbordenden Muttergefühlen zu baden.

In meinen Augen mischt der Artikel ziemlich viel. Dass es ein Tabuthema ist, mag hinkommen. Von Müttern wird landläufig erwartet, dass sie in ihrer Rolle aufgehen, viele haben auch kaum mehr andere Themen als Windeln, die Farbe deren Inhalts und die ersten Zähne, Schritte, Worte. Ich denke, dieser Druck, glücklich sein zu müssen, kann überfordern. Zusätzlich zum Kind, das sicher auch nicht immer nur pure Freude ist – spätestens nach der 5. schlaflosen Nacht in Folge, der dritten Grippe im Winter und wiederholten Trotzanfällen im Supermarkt kann sich das eine oder andere Gefühl von Müdigkeit einstellen. Wenn man sich dann nicht einfach mal Luft verschaffen kann, jammern, heulen, klagen, nagt das doppelt am Seelenkostüm. Es hilft dann auch nichts, zu hören, dass das nur eine Phase ist, denn erstens kommt die nächste bestimmt, wenn diese fertig ist, und zweitens nervt die – und zwar jetzt und in dem Moment.

Nun aber dahin zu gehen und zu finden, ein Leben ohne Kinder wäre die bessere Wahl gewesen, zeugt von wenig erwachsener Einstellung. Keiner wurde gezwungen, Kinder in die Welt zu setzen. Und klar kann man nicht alle Veränderungen und Konsequenzen vorhersehen, wirklich spürbar werden sie, wenn das Kind da ist. Und doch: Dass es anders wird, weiss man hinlänglich, dass Kinder zahnen, nicht durchschlafen, toben, trotzen und vieles mehr, ist auch nicht die neuste Erkenntnis, sondern ziemlich bekannt.

Ja, Kinder zu haben, ist nicht nur eitel Sonnenschein, sondern Arbeit, Aufgabe, Verantwortung. Es ist Einschränkung in vielem, oft Geld, immer Zeit, sehr viel Freiheit. Da nun zu kommen, sie gäben einem auch viel, stimmt zwar, ist aber nicht immer spürbar, da sie hauptsächlich viel nehmen – was in der Natur der Sache liegt. Sie brauchen ihre Eltern in ganz vielen Lebenslagen und bei Lebensnotwendigkeiten, wären aufgeschmissen ohne diese. Also alles nur Plage und Last? Sicher nicht.

Ich denke, es ist beim Kinderkriegen wie bei allem anderen im Leben: Man kann nie alles haben. Alles im Leben hat seinen Preis und den muss man zahlen. Im Nachhinein zu jammern und zu finden, dass man sich das anders vorgestellt hätte und so lieber die Uhr zurückdrehte, ist etwas kurzsichtig. Und vor allem auch den Kindern gegenüber unfair, da diese Einstellung sicher dann und wann durchdrückt – im Stile von: Wenn du nicht wärst/gewesen wärst… Ich bin überzeugt, hätte man damals anders gewählt, würde man heute jammern, dass eben das Kind fehlt. Man keinen hätte, der einen besucht im Alter, man nie mit liebendem Blick angehimmelt wird und keine kleinen Ärmchen um den Hals spürt.

Es liegt wohl eher in der Natur der (zumindest gewisser) Menschen, immer dem nachzutrauern, das sie nicht haben. Kinder zu haben, ist sicher nicht die einzig glückselig machende Form des Lebens. Ich könnte mir ein Leben ohne Kind gut vorstellen, stünde ich heute erneut vor dieser Frage. Allerdings stehe ich nicht da, mein Kind ist 12 Jahre alt. Und es waren, logischerweise, wunderbare, anstrengende, glückliche, müde, fröhliche, sorgenvolle, unbeschwerte Jahre – das ganz normale, bunte Leben halt. Ein Leben ohne dieses Kind wäre für mich das Schlimmste überhaupt, heute betrachtet, da ich genau dieses Kind habe. Ein anderes würde ich nicht wollen, aber dieses unbedingt!

Die Suche nach dem Grund und eigenen Fehlern

Paul Allen, Arzt, Familienvater in zweiter Ehe, führt ein normales Leben, gutbürgerlich und unauffällig. Bis der Tag kommt, der alles auf den Kopf stellt. Im Fernsehen sieht er seinen Sohn aus ersten Ehe, der als Tatverdächtiger des Attentats auf den demokratischen Präsidentschaftskandidaten  von Beamten abgeführt wird. Paul Allen schwankt zwischen der Verzweiflung, dass sein Kind diese Tat begangen haben könnte und der Hoffnung, dass alles ein Irrtum ist.

Ich lehnte mich zurück und rieb mir die Schläfen. Langsam musste ich mir eingestehen, dass ich hier nicht die Kontrolle hatte. Hatte ich sie überhaupt je gehabt? Kontrolle ist eine Illusion, eine übermütige Vorstellung. Wenn diese Menschen dort recht hatten, hatte ich ein Leben gezeugt, das ein anderes Leben beendet hatte.

Es folgt eine Suche nach der eigenen Schuld und dem eigenen Versagen als Vater, die Analyse der Vergangenheit, in der Hoffnung, Antworten auf die immer drängenderen Fragen zu finden und die verzweifelte Suche nach einem Hinweis, dass alles doch ein Irrtum sein könnte. Sein Sohn Daniel hilft ihm nicht bei seiner Suche nach Antworten. Er bekennt sich schuldig, ohne über die Tat sprechen zu wollen, ergibt sich in sein Schicksal, der Todesstrafe entgegenzusehen.

Wir sind nicht alle auf Erden, um das Richtige zu tun.

Paul Allens Besessenheit, die Unschuld seines Sohnes beweisen zu wollen, wird zur Zerreissprobe für ihn selber, seine Familie und sein ganzes Leben.

Noah Hawley gelingt es, die inneren Kämpfe eines Mannes zu zeigen, der sein ganzes Leben plötzlich am Abgrund sieht. Alles, was er sich aufgebaut hat, die Normalität des Alltags, erscheint ihm als Illusion und er fragt sich, was er falsch gemacht hat, wo seine Schuld liegt am Tun anderer. Man merkt seinen detaillierten Beschreibungen von Personen, Landschaften und Abläufen an, dass er hauptsächlich als Drehbuchautor arbeitet. Er vermag es, den Leser zu packen und vor ihm Bilder und Charaktere entstehen zu lassen, die plastisch und nachvollziehbar sind. Ein sauber aufgebauter, gut durchdachter, schlüssig durchgezogener Roman. Ab und an zieht er sich ein wenig in die Länge, es fehlt an wirklichen Höhepunkten oder ergreifender Spannung, was aber durch die Neugier wettgemacht wird, die in einem wächst, weil man wissen will, wie es ausgeht.

Fazit:
Ein psychologischer, analytischer Roman über menschliche Beziehungen, Schuld und Verantwortung. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Noah Hawley
Noah Hawley wurde 1967 in New York geboren. Er arbeitete in einem Rechtshilfeverein für missbrauchte und verwahrloste Jugendliche, zog nach San Francisco und wurde Mitglied des San Francisco Writer’s Grotto. Heute arbeitet Hawley als Film- und Fernsehproduzent sowie als Drehbuchautor und hat vier Romane veröffentlicht. Er schrieb und produzierte die erfolgreiche TV-Serie Bones; er konzipierte und führte Regie bei den TV-Shows The Unusuals und My Generation und arbeitet zurzeit an einer TV-Adaption des Spielfilms Fargo der Coen-Brüder. Hawley lebt mit seiner Familie in Los Angeles und Austin, Texas.

HawleyAttentäterAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 400 Seiten
Verlag: Verlag Nagel & Kimche AG (3. Februar 2014)
Übersetzer: Werner Löcher-Lawrence
ISBN-Nr.: 978-3312006038
Preis: EUR  21.90/ CHF 34.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort und online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Lebenslange Liebe

Léon und Louise lernen sich 1915 in einem kleinen Ort in der Normandie kennen. Beide sind sie 17 Jahre alt und verlieben sich ineinander. Bei einem romantischen Wochenendausflug mit dem Rad geraten sie in einen Fliegerangriff und werden verletzt. Da sie sich danach nicht mehr finden können, glauben beide, dass der andere tot ist. Léon geht nach Paris, lernt Yvonne kennen und heiratet sie. Sie haben vier Kinder und sind glücklich. Bis Léon eines Tages durch das Fenster der Métro Louise sieht.

„Ich habe dieses Mädchen getroffen.“
„Was für ein Mädchen?“
„Ich bin nicht sicher.“
„Du bist nicht sicher? Du triffst ein Mädchen, bist aber nicht sicher und verspätest dich um zwei Stunden?“
„Ja.“
„Mein Lieber, das klingt, als hätten wir etwas zu besprechen.“
„Ich glaube, es war Louise.“

Léon sucht und findet Louise, die Leidenschaft ist wieder da, trotzdem beschliessen die beiden, ihre Leben so zu belassen, wie sie sich diese in den letzten zehn Jahren eingerichtet haben, Léon bei seiner Familie, Louise als unabhängige Frau. Trotzdem bleibt das Band bestehen, der Kontakt bricht nicht ab und hält ein Leben lang.

Indem sie alle so weiterlebten, übten sie keinen Verzicht, rieben kein Doppelspiel und machten sich auch keiner Heimlichkeiten schuldig; sie setzten nur ihr bisheriges Leben in der einzig möglichen Weise fort, weil es ein neues Leben ohne das alte nicht geben konnte, für keinen von ihnen.

Alex Capus erzählt die Geschichte  einer grossen Liebe, die ein Leben lang dauert. Es ist die Geschichte dreier Menschen, die miteinander verbunden sind und einen Weg suchen und finden, diese Verbindungen zu leben. Es ist auch die Geschichte von Verantwortung und Pflichtbewusstsein, von Leidenschaft und Vertrauen. Léon und Louise besticht durch eine grosse Tiefe sowohl in der Ezählweise wie auch in der liebevollen Darstellung der Figuren.

Fazit:
Eine feinfühlige, mitreissende, emotionale und wunderbar erzählte Geschichte. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Alex Capus
Alex Capus wird am 23. Juli 1961 in der Normandie als Sohn eines Franzosen und einer Schweizerin geboren. Die ersten fünf Lebensjahre lebt er mit seiner Familie in der Wohnung des Grossvaters in Paris, zieht nach der Trennung seiner Eltern mit seiner Mutter nach Olten in die Schweiz.  Neben seinem Studium der Geschichte, Philosophie und Ethnologie an der Universität Basel arbeitet er bei diversen Tageszeitungen als Journalist und ist während vier Jahren als Inlandredaktor einer  bei einer Schweizerischen Depeschenagentur in Bern beschäftigt. Zwischen 2009 und 2012 fungiert er als Präsident der Sozialdemokratischen Partei Oltens. Alex Capus lebt als freier Schriftsteller mit seiner Familie in Olten. Von ihm erschienen sind unter anderem Munzinger Pascha (1997), Der König von Olten (2009),  Léon und Louise (2011), Skidoo (2012), Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer (2013).

 

CapusLéonLouiseAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 320 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. Juli 2012)
ISBN-Nr.: 978-3423141284
Preis: EUR  9.90 / CHF 15.90

Online zu kaufen bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Die Welt ist schlecht und sie ist laut. Alle denken, je lauter sie schreien, desto besser werden sie gehört. Die leisen Töne sichern ungehört ins Nirgendwo, fast als wären sie nie gesprochen worden. Pessimisten unken, dass das immer so war und immer so sein würde. Der Mensch ist träge und faul, er geht lieber mit der Masse, folgt dem, der am lautesten die Parolen verkündet, weil den die meisten hören und ihm auch folgen. So geht die Masse im Gleichschritt, unhinterfragt, unbedacht, unbewusst – wie Marionetten.

Dass die Welt so sein mag, die Geschichte das belegt, die Gegenwart es bestätigt, mag stimmen. Dahinzugehen und die ganze Welt und alle Menschen ändern zu wollen, wäre ein Anspruch, der mit dem Kampf gegen Windmühlen vergleichbar wäre. Was aber immer in unserer Macht liegt, ist im Kleinen anzufangen, bei sich selber und in seinem Umfeld. Es ist nie zu spät, hinzuhören, wie man selber agiert und hinzuhören, was andere sagen. Man kann auch genauer hinhören, wenn man nur leise Töne hört, sie annehmen, aufnehmen, hinterfragen. Man kann mit einem neuen Bewusstsein ans Leben und ans Miteinander gehen und damit den leisen Tönen und ihren Verkündern wieder eine Plattform bieten. Und dabei entwickelt man vielleicht auch ein Bewusstsein für sich selber und dafür, was man im Leben will, wie man dieses gestalten will und wem oder was man wirklich Platz einräumen will, was draussen bleiben soll.

Nicht immer hat der recht, der am lautesten ruft, oft ist er nur am besten gehört. Wenn man im Kleinen anfängt, auf den Inhalt zu hören statt sich der Bequemlichkeit anheimzugeben, kann man im eigenen Leben sicher einige Weichen umstellen – für sie und seine Nächsten. Glaubt man der Yogaphilosophie, dann wird sich dieses Verhalten auch verbreiten. Vielleicht nicht im Sauseschritt, aber in kleinen nachhaltigen Schritten. Bewusstsein zieht Bewusstsein nach sich, das Erfahren von Dingen im Umfeld setzt sich im Inneren nieder und verändert da die Strukturen des eigenen Denkens, Handelns und Fühlens. Dass die Welt von heute auf morgen revolutioniert ist, wäre utopisch, aber wieso will man immer gleich die Welt ändern?

Meist ist der Anspruch, das Grosse anpacken zu wollen und alles zu lassen, wenn das nicht geht, eine Flucht vor der eigenen Verantwortlichkeit. Das unmögliche Grosse gibt einem die Rechtfertigung, das Kleine zu lassen. Man muss sich nicht drum kümmern, weil man belegen kann, dass es eh nichts bringen wird, die Welt dieselbe bleibt. Für die ganze Welt mag das (sicher kurz- und mittelfristig) so sein, für die kleine Welt stimmt das in meinen Augen nicht. Wir haben sehr viel in der Hand, wir müssen es nur wahrnehmen und uns dessen bewusst werden. Oft sind die vielen kleinen Schritte für das eigene Sein unendlich heilsam, weil sie eine neue Qualität bringen. Wo vorher Geschrei und Gleichschritt herrschte, könnten plötzlich leise Klänge und Eigenverantwortung stehen. Und damit könnte ein Weg sich öffnen, den man selber gewählt hat, statt ihn nur blind mitzugehen. Man muss nur den ersten Schritt machen.

Wir leben in einer Zeit, in der alles möglich ist. Tabus werden gesprengt, Grenzen ebenso. Wir kommen immer höher, weiter, tiefer. Der Mond wird erforscht, der Ozean ebenso. Wir haben Bilder von den Vorgängen im Gehirn und wissen, was im menschlichen Gehirn abgeht, wenn er handelt. Der Schritt dahin, das Gehirn so zu verändern, dass der Mensch handelt, wie er soll (von wem immer auch bestimmt), ist ein kleiner. Der Mensch ist eine Marionette. Wenn nicht schon, dann bald.

Alles ist möglich. Du kannst alles erreichen, wenn du nur dran glaubst. So oder so ähnlich klingen all die markigen Sprüche der Aussteigerbewegungen. Seien es Religionen, Sekten, Philosophien – alle predigen sie den Ausstieg aus dem Hamsterrad des als unsinnig deklarierten Allgemeinen der Gegenwart. Der Mensch schaut hin, verzweifelt ob der oft als unmenschlich wahrgenommenen Realität und denkt sich aufgehoben in neuen Werten. Diese Werte orientieren sich immer an den aktuellen Strömungen und formulieren Gegenwerte. Sie sind nie unabhängig, nie selber stehend. Ihr Fundament ist immer das, was sie bekämpfen. Der Mechanismus ist ein wirklicher: wir sind dagegen. Fällt die Basis des Bekämpften, fällt auch das Dagegen. Es gibt wieder nur Verlierer.

Ist wirklich alles möglich? Kann man einfach dem eigenen Herzen folgen, nur noch tun, was grad beliebt, erreichen, was man gerade im Sinn hat? Klar klingt das verlockend, ich denke aber nach wie vor, dass es unrealistisch ist. Alles im Leben hat seinen Preis. Und das Leben des Einzelnen ist nie unabhängig. Wenn es das ist, ist der Lebende eine arme Sau. Er ist verdammt einsam. Sobald da nur schon ein Mensch ist, besteht eine Abhängigkeit. Die muss nicht mal definiert sein, sie kann ganz einfach in irgendwelchen emotional begründeten, verbal nicht fassbaren Komponenten bestehen. Und schon geht nicht mehr alles. Man muss Rücksicht nehmen. Muss sich einschränken. Sind da mehr als nur ein Mensch, mehrere Menschen, werden die Rücksichten grösser.

Dann kommt da noch die ganze vermaledeite Gesellschaft dazu. Man will sich lossagen. Findet, die sei überbewertet, alter Zopf. Aber man steckt drin. Wuchs drin auf. Hat die Werte verinnerlicht. Das rigorose Nein dazu wäre auch nur von ihr selber genährt, weil man all das, was sie sagt, verneint. Wozu könnte man noch nein sagen, schwiege sie? Und wo wäre man, gäbe es sie nicht? Wo wäre man, gäbe es all die nicht, wegen denen  man Rücksicht nehmen musste, Dinge nicht verwirklichen konnte?

Es ist nie alles möglich. Die Illusion, es wäre so, führt ins Verderben – zumindest in die unendliche Unzufriedenheit. Alles im Leben hat seinen Preis. Wichtig ist, zu wissen, was man wirklich will und was man bereit ist, dafür zu bezahlen. Ist der Preis zu hoch, war der Wunsch zu klein. Ist der Wunsch gross, nimmt man den Preis in Kauf. Allen macht man es nie recht. Die Frage ist: Ist man sich selber so viel wert, dass man alle andern den eigenen Wünschen opfert, wiegen die doch mehr, dass man mal zurücksteht? Schlussendlich liegt die Entscheidung bei einem selber. Die Verantwortung auch. Es ist zu einfach, dem anderen die Schuld für die eigenen Entscheidungen zuzuschieben.

Der Mensch ist ein Beziehungstier. Je näher einem andere Menschen sind, desto enger ist die Beziehung, desto grösser ist auch das Gefühl von Verbundenheit, von Miteinander, von Verantwortung. Man geht gewisse Stücke des Weges gemeinsam, schwört sich vielleicht, wenn es der Ehemann, die Ehefrau ist, ewige Treue, Zusammenhalt, in guten wie in schlechten Zeiten. Und die guten Zeiten sind toll, man durchlebt sie, feiert sie, geniesst sie, liebt sich, ist froh. Es gibt auch schlechte Zeiten, man übersteht sie, im Wissen, es kommen wieder andere. Man geht durch die Tiefen im Hinblick und in der Hoffnung auf bessere Tage. Und man geht am Schluss stärker daraus hervor. Man hat es geschafft.

Eines Tages kommt das nächste Tief. Eines, das kein Hoch mehr bringt. Eines, das nur noch tiefer geht. Immer tiefer, bis zum Schluss. Krankheit, Zerfall – unheilbar. Und man hat sich geschworen, dass man auch in schlechten Tagen da ist. Fühlt sich verpflichtet, aus Dankbarkeit für die guten gemeinsamen Tage, Wochen, Monate und Jahre, die ohne den anderen nie so gut gewesen wären, wie sie es waren. Man fühlt sich verpflichtet aus Liebe, die wuchs, über all die Jahre mit all den Höhen und Tiefen, durch all das Gemeinsame, das verbindet. Und man geht es an. Verspricht dem Partner: Ich bin da, ich trage dich, ich lasse dich nicht fallen. Ich bin an deiner Seite. Und man will das. Will es mit dem ganzen Herzen und erachtet es als gut und richtig.

Und es geht bergab. Mal mehr, mal weniger, die eigenen Kräfte schwinden, die Anforderungen steigen. Doch es gibt noch immer wieder gute Momente. Und noch immer die Erinnerung an das, was war und an das, was man schuldet. Und man macht weiter. Aufgeben gilt nicht. Man kann doch den Menschen, den man liebt, nicht einfach fallen lassen. Man hat es versprochen. Man will es halten. Und irgendwie ist man es auch schuldig. Ihm, sich selber und man denkt, auch die Gesellschaft erwartet es. Was denken die, wenn man einfach aufgibt, ein Heim sucht? Man wäre ein Verräter. Man hätte versagt, aufgegeben, das Versprechen gebrochen. Man hätte den Menschen, der da war, als er konnte, fallen gelassen, als er sich nicht mehr wehren konnte.

Im Moment gibt es gerade eine Kampagne von sogenannten Promis, die für menschenwürdigen Umgang mit Alzheimerpatienten werben, die von Freude im Umgang und positiven Erlebnissen sprechen. Ein Mensch, der nicht mehr weiss, wie er heisst, wie seine Kinder heissen, dass er Kinder hat, der spürt in seinem kurzen hellen Moment selber, dass er nicht mehr ist, wer er einmal war. Und das ist das, was die eigene Würde schrumpfen lässt. Und diese Kampagne verstärkt den Druck auf die Angehörigen, der eh schon immens ist. Sie macht nichts besser. Die Situation bleibt, wie sie ist. Daran ändern tolle Sätze und strahlende Gesichter nichts.

Doch: Wo bleibt der Angehörige? Wer kümmert sich um seine Rechte? Sein Leiden? Oft gehen die Angehörigen durch die Hölle und drunter. Sie erleben hautnah den Zerfall des geliebten Menschen, was an sich schon eine Qual ist. Dazu kommt die Belastung der Pflege und in gewissen Fällen auch die Unberechenbarkeit des Kranken. Wer schon mal erlebt hat, wie man sich fühlt, wenn ein nicht mehr selbständig denken und handeln könnender Mensch verschwunden ist, weiss, wovon ich schreibe. Das ist keine Freude, das ist kein positives Erlebnis. Das ist Panik: Lebt er noch? Wo ist er? Wie finde ich ihn wieder? Das ist Verzweiflung. Ist Selbstzweifel: Habe ich versagt? Und Hilflosigkeit: Ich bin ihm, dem Schicksal und allem ausgeliefert. Es ist Resignation: Ich habe kein eigenes Leben mehr.

Was schuldet man einem anderen Menschen? Was ist Pflicht? Würde ich wollen, dass jemand sein Leben und sich selber aufgibt, um sich aufzuopfern für mich, die ich sowieso nicht mehr das Leben führe, das ich führen will? Die ich sowieso nicht mehr ich bin? Ich würde mir wünschen, dass der von mir geliebte und mich liebende Mensch alles tut, dass es mir meinen Umständen entsprechend gut geht. Niemand mich plagt, niemand mich verletzt. Aber mich pflegen? Vor allem, wenn er selber nicht mehr kann? Das wäre nicht das, was ich dem  geliebten Menschen wünschen würde.

Man kann nun dahin gehen und sagen, das sagt sie so leicht, sie ist gesund. Oder: Sie steckt nicht drin. Ja, das ist momentan so. Und ich bin sehr dankbar dafür. Trotzdem bin ich der Überzeugung, dass es nichts bringt, sein eigenes Leben zu opfern für das Leben des anderen, vor allem, wenn man ihm damit nicht hilft. Oft steckt viel mehr Pflichtgefühl, Stolz und Zwang dahinter als wirkliche Pflege- und Hilfskompetenz. Wieso nicht diese Bereiche Menschen überlassen, die darin geschult sind, selber den Part der Liebenden und Sorgenden behalten? ich operiere ja auch nicht des Partners Beinbruch, nur weil ich sagte, immer für ihn da zu sein. Wieso denke ich, ich muss seine noch viel tiefer greifenden Krankheiten pflegen, im Griff haben?

Das Thema ist schwer. Und es ist traurig. Ich kenne es theoretisch und praktisch. Am Schluss bleibt immer das Gefühl, dass es kein gut oder schlecht gibt. Am Schluss bleibt die Trauer.

„Nichts ist dümmer und letzlich auch krimineller, als ein kaum angefangenes Leben wegzuwerfen, ohne auch nur zu ahnen, welche Überraschungen und spannenden Erlebnisse es für einen bereithält. Die Sterbezeit beginnt doch erst, wenn Neugierde und Lebenslust dauerhaft nachlassen, wenn der Überdruss unüberwindlich wird“, hörte er des Vaters Stimme von fern her flüstern.

Hat der Vater – in diesem Fall Thomas Mann, wie ihn Michael Degen in seinem Buch „Familienbande“ nach dem Selbstmordversuch seines jüngsten und ungeliebten Sohn Michael sprechen lässt – recht? Ist es dumm und (in einem moralischen Sinne) kriminell, sein Leben eigenständig zu beenden, bevor die Uhr abgelaufen ist? Oder gibt es eine Altersgrenze, welche besagt, dass man es vorher nicht dürfe, danach der Schritt aber akzeptabler wäre? 

In Thomas Manns Familie war Selbstmord keine Seltenheit. Seine beiden Schwestern haben sich umgebracht und zwei seiner Söhne gingen diesen Weg ebenfalls. Klaus wählte diesen Weg wohl aus Verzweiflung, weil trotz seines Talents nichts so gelang, wie er sich das wünschte, weil die Drogen kein Entrinnen zeigten, weil das Leben ihn von einer Enttäuschung in die nächste führte, immer den dominanten und erfolgreichen Vater im Nacken, aus dessen Schatten er nie kam. Michael Mann war erfolgreich.  Als Musiker und als Professor für Germanistik. Und doch beendete er sein Leben lange nach seiner schweren Zeit als ungeliebtes Kind zu Hause bei den Eltern. Konnte er sich nie von den Verletzungen lösen, die dieses kalte und lieblose Elternhaus bei ihm zurückliess?

Darf man einfach dahin gehen und sich umbringen? Hat man das Recht, das Leben, das einem geschenkt wurde, mutwillig zu beenden? Glaubt man an Gott, ist das Leben ein Gottesgeschenk. Sich dem zu entziehen wäre in dem Fall Undank gegen den grossen Schöpfer. Doch was ist, wenn man nicht an Gott glaubt? Wem schuldet man sein Leben? Den Eltern? Haben sie einen gefragt, ob man leben will? Sie haben das für einen bestimmt, wie so vieles mehr im Leben. Sie bestimmen die Religion, in die man hineingeboren wird und in welcher man die ersten Jahre des Lebens verbringt, bestimmen die Regeln, moralischen Grundsätze und Wertvorstellungen, die im familiären Haushalt gelten und zu befolgen sind. Sie sagen, was gut ist und was schlecht und sie prägen damit ganz massgeblich das Heranwachsen und die Entwicklung einer Persönlichkeit. Irgendwann wird man flügge und entscheidet selber. Man kann sein Leben selber in die Hand nehmen und trägt fortan die Verantwortung für sein Leben. Kann man sich aber wirklich ganz lösen? Von allem? Der Blick auf die Familie Mann scheint eine andere Sprache zu sprechen. 

Muss man leben, wenn man dieses Leben nun mal hat? Gibt es eine Pflicht zu leben? Es gibt ein Recht zu leben, dieses Recht ist ein Menschenrecht und niemand darf es einem nehmen. Aber eine Pflicht? Und wenn ich das Recht auf mein Leben habe, habe ich dann nicht auch das Recht auf meinen eigenen Tod? Darf ich nicht frei entscheiden, was ich mit diesem Leben anfangen will, ob ich es weiter führen oder aber beenden möchte? Bin ich kriminell und dumm, wenn ich beschliesse, dass das Leben nicht lebenswert ist für mich, zu hart, zu grausam, zu kalt? Vielleicht auch hoffnungslos?

Bin ich schwach, wenn ich den Weg in den Suizid gehe, weil ich mich feige vor den Herausforderungen des Lebens drücke oder bin ich  mutig, da ich den Weg in den Tod gehe, den Weg also, den die meisten Menschen so sehr fürchten? Welche Angst wäre grösser als die vor dem Tod? Und wenn einer ihn wählt gegen das Leben, wie schwer muss ihm dann dieses Leben gefallen sein?

Muss man jemanden retten, der nicht mehr leben will oder sollte man seinen Entscheid respektieren? Welche Gründe sind Grund genug für diesen Schritt, wo ist er akzeptabel? Nie? Immer? Mal so, mal so?

Suizid ist ein grosses Tabuthema. Er wird als feige, als schwach, als rücksichtslos, als egoistisch gesehen. Immer aber steckt viel Leid dahinter. Leid bei dem, der den Weg wählt. Wie verzweifelt muss er gewesen sein? Er sah sah nicht mehr genug Licht, das ihn hielt, das Dunkel erdrückte ihn. Er sah nicht mehr genug Sinn, fühlte sich nur noch hilflos, ausgeliefert, allein, überfordert. Das Leben war schlimmer als die gröste Angst des Menschen: der Tod.

Nach der Tat ist das Leid beim Umfeld. Im Raum stehen all die offenen Fragen: Hätten wir was tun können? Haben wir versagt? War es unsere Schuld? Haben wir nicht hingeschaut? Wie konnte er uns das antun? Was hat er aufgegeben? Wieso er? Er hatte doch so viel. Und man fängt an zu sehen, was er alles (in den eigenen Augen) hatte. Erfolg, Geld, Familie – all das, was einem selber erstrebenswert vorkommt legt man in die Waagschale des Lebens und sieht den Tod als sinnlos und unverständlich. Vergisst dabei aber, dass der Gegangene wohl eine andere Rechnung hatte. Dass ihm etwas (Lebens-)Wichtiges fehlte. Dass er ohne dieses Etwas das Leben nicht mehr lebbar empfand. Und sich zu einem Schluss entschloss. Für sich.

Ich denke, Selbstmord ist immer egoistisch. Das ist nicht negativ gemeint, sondern soll heissen, dass es nicht gegen jemanden anders gerichtet ist. Mit Selbstmord will man niemandem etwas heimzahlen, keine Rache üben. Es ist eine Tat an sich für sich. Man will sich selber erlösen aus etwas, das man selber nicht erträgt, nicht ertragen will und vermutlich nicht ertragen kann. Die Schuldfrage ist dabei müssig, es kommt wohl zu viel zusammen. Bei den Söhnen Thomas Manns ist man schnell dabei, die Kälte, Härte und Dominanz des Vaters als schuldig zu sehen. Die Söhne zerbrachen daran. Mag sein. War er schuld? Liest man seine Tagebücher, litt er genauso und konnte nicht ausbrechen, kanalisierte sein Leiden im Schreiben. Die Schuld ginge damit eine Generation zurück – der Selbstmord der Schwestern würde diese Schlussfolgerung unterstützen. Und vermutlich könnte man auf die Weise Glied für Glied zurück gehen und sehen, dass keiner aus seiner Haut konnte, jeder aber wohl die Möglichkeit hatte, mit dem Erlebten umzugehen. Die einen schafften es, für sich einen Weg im Leben zu finden, die anderen sahen nur den Tod. Und alle gingen ihren Weg.

Von aussen zu urteilen ist einfach. Man steckt nie drin. Fühlt nie das Leid. Fühlt nie den Schmerz. Schlussendlich hat jeder die Verantwortung für sein eigenes Leben. Man kann da sein für den anderen, kann helfen, unterstützen, lieben, die Hand bieten. Am Schluss wird man akzeptieren müssen, welchen weg er wählt. Im Leben oder ausserhalb. 

 

Neonazis rekrutieren zunehmend über Facebook und YouTube. So lautet die Überschrift eines Artikels in Der Standard, einer österreichischen Zeitung.

Bezugnehmend auf einen Artikel von Jugendschutz.at heisst es, dass Facebook und YouTube zu den wichtigsten Rekrutierungsfeldern der rechtsradikalen Szene geworden ist. Vor allem Jugendliche werden so angesprochen. Dabei gehen die Drahtzieher verdeckt vor, indem sie die Zielgruppe mit Themen, die brennen ködern, wie zum Beispiel Arbeitslosigkeit, Finanzkrise oder sexueller Missbrauch. Weiterführende Links zielen dann direkt in die rechtsradikale Szene hinein.

Dass dies möglich ist, führen die Schreibenden auf mangelnde Kontrollen und vor allem fehlende Sanktionen zurück.

Sind wir zu lasch im Zusammenhang mit Rechtsradikalen? Müsste man direkter vorgehen? Mehr Kontrollinstanzen schalten? Dass der Rechtsradikalismus immer extremer wird, ist keine Neuigkeit, die Problematik ist schon lange Thema. Zumindest, wenn gerade aktuell etwas passiert. Dann versandet das Thema wieder, bis es wieder aktuell wird. Zwischendurch herrscht Vogelstrausspolitik, möchte man annehmen. Im Stil von „solange wir nichts hören, wird schon alles gut sein. Und diese Ruhezeiten lässt die Szene wachsen. Lässt ihre Sicherheit wachsen, dass sie es sich leisten können, nach aussen zu gehen, ihr Gedankengut zu verbreiten.

Die Taktik ging schon einmal auf. Ein Mann stand auf der Rednerbühne in der wirtschaftlich schwachen Zeit, versprach, unter seiner Führung würde alles besser, wenn man nur die Feinde besiege, die, welche das System untergraben, die Arbeitsplätze stehlen, verschlagen, falsch, profitgierig seien. Und die Juden wurden verfolgt. Heute sind es nicht die Juden. Es sind die Migranten, die Asylanten, alles, was nicht ins kleinkarierte Denken von heiler heimischer Welt passt, wird angegriffen, angefeindet, soll bekämpft werden. Zwar haben wir keinen Führer, der von ganz oben die Devisen durchgeben kann, doch die kleinen Ameisen untergraben das Rechtssystem. Sie graben ihre Höhlen im Berg, von aussen oft unbemerkt, innen langsam aushöhlend.

In letzter Zeit häufen sich die Meldungen verbaler Entgleisungen. Dabei handelt es sich aber nur um dumm dahergeschriebene Gewaltphantasien. Das allein ist schon bedenklich genug. Die Rekrutierung neuer MItglieder über soziale Medien geht dabei einen Schritt weiter. Die Szene will wachsen und schafft es über diese Medien auch. Dem sollte dringend ein Riegel vorgeschoben werden. Das Thema ist zu sehr in Vergessenheit geraten. Zu sehr herrscht die Meinung, das sei lange vorbei, Geschichte, nicht mehr aktuell. Und überhaupt sei es schon zu sehr durchgekaut, man hätte genug davon, man solle einen Schlussstrich ziehen.

Den zu ziehen wäre fatal. Das Ereignis der Shoah darf nicht vergessen werden. Und sollte nicht verschwiegen werden. DIe letzten Überlebenden sterben langsam alle, zurück bleibt Schweigen. Das wäre ein zweiter Tod. Der darf nicht sein. Es ist die Pflicht der heutigen Generation, der Opfer zu gedenken. So leben sie weiter, wenn ihnen dieses Recht schon in der realen Welt auf grausame Weise genommen wurde. Doch die Pflicht geht weiter. Sie betrifft die aktuelle und die zukünftige Generation. Wir schulden ihnen, gegen solche Strömungen anzugehen. Es ist unsere Pflicht, alles nur erdenklich Mögliche zu tun, dass es nie mehr zu so gewaltigen Ausschreitungen kommen kann. Ziel wäre ein friedliches Zusammenleben verschiedener Nationen, Glaubensrichtungen, Hautfarben, Denkrichtungen. Niemand muss die Meinung des anderen teilen, doch akzeptieren sollte man sie.

Was also wäre zu tun? Betreiber einer Plattform müssten genügend Sicherheits- und Kontrollmechanismen einbauen, dass rechtsradikales Gedankengut keine Verbreitung finden kann und die Verbreiter an die Mangel genommen werden können. Benutzer solcher Plattformen sollten die Courage und das Verantwortungsbewusstsein dem System gegenüber haben, Verstösse zu melden. Sie sollten nicht einfach wegschauen, denken, es gehe sie nichts an. Es ist an uns allen, gegen rechtsradikale Strömungen anzugehen.