Auf Facebook treffe ich sie immer wieder: Menschen, die wissen, was geht und was nicht. Sie definieren Kleidung, Musik und Bücher und stellen es so rein:

Leute, DAS geht gar nicht

Widerworte werden nicht geduldet. Jedes Aber wird abgeschmettert, wagt man ein nächstes, fällt man schon in die Ecke der Total-Ignoranten. Argumentieren geht gar nicht. Nicht, weil man sich über Geschmack nicht streitet, sondern: Sie haben recht. Alles Weitere ist obsolet. Und sie stehen da und glauben dran. So total.

Es gibt dann immer bewundernde Stimmen: Wow, du hast so recht. Wow, du bist so toll. Und der/die so ursprünglich Schreibende suhlt sich im Lobespfuhl und schiesst weiter auf seinem absolutistischen Pfad.

Ich finde es erschreckend. Zumal sich oft die wirklichen Argumente für oder gegen solche Absolutismen widersprechen. Sie kämpfen mit Mitteln gegen Männer, die sie bei Frauen nie gelten liessen, greifen aber Männer an, die bei Frauen genau diese Kriterien anwenden. Sie reden gegen Absolutismen, wenden sie selber an. Sie sind für freie Meinung, lassen sie nicht gelten.

Oft sind halt ganz viele Prinzipien nur Argumente, wenn diese für die eigenen Meinungen eingesetzt werden können. Und nein, ich mag das nicht. Ich habe meine Meinung, aber ich diskutiere diese, ich setze sie nie absolut. Denn:

Die Wahrheit zeigt sich immer nur im Diskurs. Im eigenen Universum dreht man im Kreis.

Ein Thema ist in aller Munde: Das Burkaverbot. Stimmen werden laut, es müsste dringend umgesetzt werden, denn als Zeichen der Unterdrückung – als solches werden Burkas hingestellt – seien Burkas nicht mit unseren westlichen Werten vereinbar. Auf welche Werte beruft man sich genau? Mehrheitlich wohl auf zwei: Die Gleichstellung von Mann und Frau (im Sinne von „alle Menschen sind gleich und keiner dem anderen Untertan) und auf die Freiheit (die der Frau wird als eingeschränkt betrachtet).

Für unsere Breitengrade ist das Bild einer von Kopf bis Fuss verhüllten Frau in der Tat eher fremd und der Gedanke, sich freiwillig so zu kleiden, erscheint abwegig. Und: Was wir uns nicht vorstellen können, das kann es nicht geben, woraus folgt: Nie und nimmer tragen diese Frauen das freiwillig, die müssen quasi gezwungen werden dazu. Wer aber zwingt? Als Täter steht schnell der Mann auf dem Tapet, dieser stützt sich auf den Koran, ergo haben wir die zwei Hauptverdächtigen: Religion und Männer. Und die armen Frauen sind die Opfer im Umzug, die sich von beiden unterbuttern lassen. Mit dieser Argumentation spricht man den Frauen jegliche Kompetenz, selber zu denken ab. Es kann nicht sein, dass sie selber den Koran so auslegen und sich für diese Kleidung entscheiden. Es kann auch nicht sein, dass sie für sich in dieser Art Kleidung etwas sehen, das ihnen entspricht. Es muss Unterdrückung sein, denn sonst würden sie mit hochhackigen Schuhen und knappem Mini durch die Gegend laufen.

Ich möchte nicht verneinen, dass es Länder gibt, die sehr patriarchalisch aufgebaut sind, in denen Frauen kaum einen oder keinen Stellenwert haben. Es gibt viele Länder, in denen noch heute Buben die Krone der Schöpfung, Mädchen der vernachlässigbare Abschaum sind, den man genau so behandelt. Dies sind aber bei weitem nicht nur Länder, in denen die Burka an der Tagesordnung ist. Ich möchte aber auch nicht verneinen, dass es Männer gibt, die ihre Frauen in Burkas zwingen. Idioten, die ihre Frauen unterdrücken, gibt es auf der ganzen Welt, die brauchen dazu auch keine Burka. Sie können sich auch an einem zu kurzem Rock, an einem zu grossen Dekolleté, an zu vielen Kilos auf den Rippen oder einem schlecht geführten Haushalt stören und entsprechend reagieren. Wollen wir das auch verbieten? Bloss: Wie erkennt man es auf der Strasse?

Was bei der ganzen Diskussion um das Burkaverbot auffällt, ist, dass es nicht um die Burka an sich geht, sondern nur darum, sie auf unseren Strassen, in unseren Ländern zu verbieten. Was die Frauen dann zu Hause machen, ist egal, das kümmert wenig. Vielleicht so ein bisschen, aber nicht wirklich sehr. Geht es also bei der ganzen Diskussion wirklich um die Rechte der Frau oder aber mehr um unsere eigenen Befindlichkeiten? Ist es nicht viel mehr so, dass uns der Anblick von so viel fremder Kultur so verstört, dass wir uns mit uns selber nicht mehr wohl fühlen? Wie sollen wir darauf reagieren? Wie gehen wir damit um? Was fordert das von uns und wie reagieren wir darauf? All diesen Fragen können wir entgehen, wenn wir das Fremde einfach verbannen. Dann haben wir wieder unsere schöne kleine Welt, die wir kennen und in der wir uns wohl fühlen.

Um der Freiheit willen eine Kleidung zu verbieten, ist in etwa so, wie das Wasser aus dem Swimmingpool zu lassen, wenn man schwimmen gehen will.

Wollte frei sein
stiess an Stäbe,
wollte fliehen,
sah die Tür.

Konnte rütteln,
konnte schreien,
kein Entkommen,
alles zu.

Bei dem Sehnen,
all dem Langen,
vergass ich eines,
sah es nicht.

Was ich hatte,
was auch gut war,
wär vergangen,
wär ich weg.

Frei von Ketten,
frei von Schönem,
kommt das Eine,
folgt der Rest.

Einen Preis,
muss ich wohl zahlen,
was mir bleibt,
ist meine Wahl.

Sie sass hinter Gittern,
und sah all die Stäbe,
dahinter nichts wäre,
wie einst in Paris.

Sie suchte die Lücken,
und sah doch nur Stäbe,
der Blick wurde trübe
und sie ach so müd’.

Sie suchte den Ausweg,
flog hoch und fiel nieder,
die Flügel, sie brachen,
das Herz gleich damit.

So lag sie darnieder,
mit Dreck im Gefieder,
die Augen ganz schwer,
sie hoffte kaum mehr.

Nur ab und an drang noch,
ein Sonnenstrahl nieder,
fiel zwischen die Stäbe,
und brachte ihr Ruh’.

Wir leben im Zeitalter der Meinungsfreiheit. Auf die berufen wir uns immer, wenn wir etwas sagen, das nicht gut ankommt. Das ist praktisch, denn so muss man sich nie überlegen, was man sagt. Und wieso. Denn: Man darf ja. Die Meinung ist frei.

Man könnte, bevor man etwas sagt, sich fragen:

Ist es nett? Hilft es jemandem?

Wenn die Antwort zweimal nein wäre, könnte man das Sagen einfach lassen und nichts sagen. Wieso? Weil es nett wäre? Und das Gegenteil keinem was hülfe – wohl eher im Gegenteil… ABER: Man beruft sich auf seine Rechte. Die einem wohl eher egal sind, nicht grundsätzlich, aber in dem Fall, die sich aber grad gut instrumentalisieren lassen für die eigenen Zwecke. Man ist quasi legitimiert fein raus. Muss sich nicht mehr hinterfragen.

Ich finde das doppelt traurig. Erstens plappert man einfach mal drauf los, ohne Rücksicht auf Gefühle oder Verluste. Zweitens missbraucht man ein Menschenrecht, das gut und richtig und wichtig ist, für die eigene Gedanken- und Gefühllosigkeit. Und wenn auch das Menschenrecht nicht mehr zieht, dann war es gar nicht so gemeint. War quasi Humor. Oder notfalls Satire. Das macht es nicht netter oder besser, aber gut und nett ist eh out. Zumindest scheint es ab und an so. Man kann ja im nächsten Atemzug über die kalte und grausame Welt ohne Gefühl und menschliche Werte jammern….

Menschen wollen weiterkommen. Sie forschen, sie suchen den Fortschritt und finden ihn. Durch dieses Forschen ist es gelungen, das Waschbrett gegen eine Maschine auszutauschen, Krankheiten auszurotten und zum Mond zu fliegen. Alles positive Dinge. Grundsätzlich. Allerdings hat so mancher Fortschritt auch seine Tücken, denn er lässt neue Fragen entstehen: War die Atombombe ein grosser Fortschritt oder doch die grösste selbstgeschaffene Gefahr der Menschheit? Muss man lebenserhaltende Massnahmen anwenden, weil man es kann, oder tangieren sie die Würde des Menschen? Und wo liegt die Grenze?

Die neuste Frage, die sich stellt: Ist die Früherkennung des Geschlechts eines Embrios ein Segen oder ein Fluch? Die Freiheit der Frau, zu entscheiden, ob sie das Kind kriegt, geht damit soweit, das nicht gewünschte Geschlecht abzutreiben. Wir kommen der Planung des perfekten Kindes näher. Bald sind es wohl auch Haarfarbe, Augenfarbe und IQ, die passen müssen, um über Leben und Tod zu entscheiden.

Soll man also deswegen die Freiheit der Frau, über die man erst kürzlich abgestimmt und sich dafür entschieden hat, einschränken? Ist das Verbot Ärzten gegenüber, das Geschlecht vor der abgelaufenen Frist, in der ein Schwangerschaftsabbruch gesetzlich erlaubt ist, bereits eine Einschränkung der Freiheit der Frau? Dann wäre sie ja durch die Unmöglichkeit der Früherkennung auch eingeschränkt gewesen. Was natürlich zutrifft. Ist die staatliche Einschränkung schlimmer als die natürliche? Weil nun etwas, das möglich ist, verunmöglicht wird und der Staat die Hand drüber hat? Allerdings hat er wohl auch viel zur Forschung beigetragen (durch Geld, Infrastruktur, etc.), die den Fortschritt überhaupt erst ermöglicht hat – hat er dadurch ein Recht erworben, dessen Einsatz zu steuern?

Wenn man für die Freiheit der Frau stimmt, ihr Kind abtreiben zu dürfen, dann muss man ihr wohl folgerichtig auch die Gründe für diesen Abbruch überlassen. Wer würde sonst bestimmen dürfen, was ein triftiger Grund ist und was nicht? Ist der blosse Wunsch nach einem Jungen schon Grund genug, ein Mädchen abzutreiben? Wäre die dringende Notwendigkeit eines männlichen Erben und zu wenig Geld, noch ein 15. Mädchen zu ernähren, Grund genug? Ist eine Behinderung akzeptabel als Begründung und wie schwer müsste sie sein? Grenzen zu ziehen ist nie einfach, da jede Grenze eine Ungerechtigkeit mit sich bringt. Die auf der einen Seite werden anders behandelt als die auf der anderen. Und meist ist die Grenze relativ willkürlich – sie basiert auf den kulturellen Gegebenheiten, auf Gesetzen, auf Ein- und Ansichten und Wertvorstellungen. Und keines von all dem ist absolut und zeitlos, sondern immer der Zeit und dem Ort geschuldet, in denen sie vorherrschen.

Was also ist die Lösung? Es gibt wohl keine einfache. Aufhören zu forschen wird man nicht, da es erstens noch so viele Themen und Gebiete gibt, die dringend erforscht werden sollten (Krankheiten, etc.). Zweitens ist der Forschertrieb im Menschen zu tief angelegt, als dass er ihn einfach abstellen könnte. Er will weiter, will höher, will alles. Immer. Das hat seinen Preis. Ausgerottete Krankheiten bedeuten mehr Menschen, da die Menschen älter werden. Soziale und finanzielle Probleme sind die Folge. Medizinischer Fortschritt führt zu Ermessensfragen, welche die Würde des Menschen, Entscheidungen über Leben und Tod und vieles mehr mit sich bringen. Technischer Fortschritt bringt Hilfsmittel im Alltag, aber auch Waffen und damit Zerstörung auf die Welt. Es bleibt wohl dabei, dass alles immer zwei Seiten hat. Und ab und an liegt die Antwort auf die sich öffnenden Fragen nicht einfach auf der Hand oder es gibt schlicht keine befriedigende.

Ich habe mal wieder gelesen. Dieses Mal einen Artikel über unglückliche Mütter. Das Glücksgefühl werde nicht automatisch mit dem Kind mitgeliefert, heisst es. Einige Mütter bereuen den Schritt schon nach der Geburt, spätestens nach vier Jahren seien Frauen mit Kindern nicht mehr glücklicher als solche ohne. Von einem Alptraum ist gar die Rede. Und davon, dass es ein Tabuthema sei, als Mutter nicht glücklich zu sein, nicht in überbordenden Muttergefühlen zu baden.

In meinen Augen mischt der Artikel ziemlich viel. Dass es ein Tabuthema ist, mag hinkommen. Von Müttern wird landläufig erwartet, dass sie in ihrer Rolle aufgehen, viele haben auch kaum mehr andere Themen als Windeln, die Farbe deren Inhalts und die ersten Zähne, Schritte, Worte. Ich denke, dieser Druck, glücklich sein zu müssen, kann überfordern. Zusätzlich zum Kind, das sicher auch nicht immer nur pure Freude ist – spätestens nach der 5. schlaflosen Nacht in Folge, der dritten Grippe im Winter und wiederholten Trotzanfällen im Supermarkt kann sich das eine oder andere Gefühl von Müdigkeit einstellen. Wenn man sich dann nicht einfach mal Luft verschaffen kann, jammern, heulen, klagen, nagt das doppelt am Seelenkostüm. Es hilft dann auch nichts, zu hören, dass das nur eine Phase ist, denn erstens kommt die nächste bestimmt, wenn diese fertig ist, und zweitens nervt die – und zwar jetzt und in dem Moment.

Nun aber dahin zu gehen und zu finden, ein Leben ohne Kinder wäre die bessere Wahl gewesen, zeugt von wenig erwachsener Einstellung. Keiner wurde gezwungen, Kinder in die Welt zu setzen. Und klar kann man nicht alle Veränderungen und Konsequenzen vorhersehen, wirklich spürbar werden sie, wenn das Kind da ist. Und doch: Dass es anders wird, weiss man hinlänglich, dass Kinder zahnen, nicht durchschlafen, toben, trotzen und vieles mehr, ist auch nicht die neuste Erkenntnis, sondern ziemlich bekannt.

Ja, Kinder zu haben, ist nicht nur eitel Sonnenschein, sondern Arbeit, Aufgabe, Verantwortung. Es ist Einschränkung in vielem, oft Geld, immer Zeit, sehr viel Freiheit. Da nun zu kommen, sie gäben einem auch viel, stimmt zwar, ist aber nicht immer spürbar, da sie hauptsächlich viel nehmen – was in der Natur der Sache liegt. Sie brauchen ihre Eltern in ganz vielen Lebenslagen und bei Lebensnotwendigkeiten, wären aufgeschmissen ohne diese. Also alles nur Plage und Last? Sicher nicht.

Ich denke, es ist beim Kinderkriegen wie bei allem anderen im Leben: Man kann nie alles haben. Alles im Leben hat seinen Preis und den muss man zahlen. Im Nachhinein zu jammern und zu finden, dass man sich das anders vorgestellt hätte und so lieber die Uhr zurückdrehte, ist etwas kurzsichtig. Und vor allem auch den Kindern gegenüber unfair, da diese Einstellung sicher dann und wann durchdrückt – im Stile von: Wenn du nicht wärst/gewesen wärst… Ich bin überzeugt, hätte man damals anders gewählt, würde man heute jammern, dass eben das Kind fehlt. Man keinen hätte, der einen besucht im Alter, man nie mit liebendem Blick angehimmelt wird und keine kleinen Ärmchen um den Hals spürt.

Es liegt wohl eher in der Natur der (zumindest gewisser) Menschen, immer dem nachzutrauern, das sie nicht haben. Kinder zu haben, ist sicher nicht die einzig glückselig machende Form des Lebens. Ich könnte mir ein Leben ohne Kind gut vorstellen, stünde ich heute erneut vor dieser Frage. Allerdings stehe ich nicht da, mein Kind ist 12 Jahre alt. Und es waren, logischerweise, wunderbare, anstrengende, glückliche, müde, fröhliche, sorgenvolle, unbeschwerte Jahre – das ganz normale, bunte Leben halt. Ein Leben ohne dieses Kind wäre für mich das Schlimmste überhaupt, heute betrachtet, da ich genau dieses Kind habe. Ein anderes würde ich nicht wollen, aber dieses unbedingt!

Nimmt man die Schweizer Bundesverfassung, so liest man im ersten Teil deren allgemeinen Bestimmungen und im zweiten Teil die Grundrechte, Bürgerrechte und Sozialziele. Die Grundrechte stehen nicht nur an erster Stelle des zweiten Teils, durch diese Stellungen kommt ihnen hierarchisch auch eine Höherstellung in der Bedeutung und Anwendung zu.

Artikel 16 besagt:

  1. Die Meinungs- und Informationsfreiheit ist gewährleistet.

  2. Jede Person hat das Recht, ihre Meinung frei zu bilden und sie ungehindert zu äussern und zu verbreiten.

  3. Jede Person hat das Recht, Informationen frei zu empfangen, aus allgemein zugänglichen Quellen zu beschaffen und zu verbreiten.

Das Recht auf eine eigene Meinung und das Recht, hat eine lange Geschichte. In Frankreich geht sie ins Jahr 1789 zurück, stand da im Artikel 11 der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte und wurde als kostbarstes Recht der Menschen bezeichnet. Zwar war es nicht – wie landläufig angenommen – Voltaire, der den berühmten Spruch prägte, allerdings veranschaulicht das Zitat sowohl dessen Meinung wie auch die Bedeutung der Meinungsäusserungsfreiheit:

Ich lehne ab, was Sie sagen, aber ich werde bis auf den Tod Ihr Recht verteidigen, es zu sagen.

Meinungsäusserungsfreiheit wird immer dann zum Thema, wenn sie irgendwie unter Beschuss steht. Wenn Menschen leugnen, dass es den Holocaust gegeben hat, berufen Sie sich auf dieselbe. Ein Strafartikel gegen diese Leugnung wird mit dem Recht auf freie Meinung abgeschmettert. Eigentlich ein Paradox, wurde deren Wert doch erst nach dem historischen Unrecht des Zweitens Weltkriegs explizit in den meisten Verfassungen verankert. Es gäbe auch aktuellere Beispiele aus der Politik, aber ich möchte gar nicht so weit gehen, da es mir um die Sache, nicht um einzelne Vorfälle geht.

Man muss gar nicht so weit gehen, kann schon im ganz kleinen und privaten Rahmen bleiben. Ich darf meinem Nachbarn sagen, er sei ein Arschloch, weil er seine Frau betrügt. Das wäre zwar nicht wirklich stilvoll in der Wortwahl, aber es müsste erlaubt sein, wäre es meine Meinung. Und ich habe das Recht, sie ihm vor den Bug zu knallen. Bei dem Beispiel würden mir wohl viele zustimmen. Ich darf meinem nächsten Nachbarn sagen, er sei ein Hohlkopf, weil er Katholik ist und alle, die glauben, nicht selber denken können. Könnte ich tun, wäre es meine Meinung, denn wir leben in einem Land mit Meinungsäusserungsfreiheit. Hier würde es ein bisschen schwieriger. Artikel 15 der Schweizer Bundesverfassung besagt nämlich, dass jeder glauben darf, was er will, er jeder Religion beitreten, ihr angehören und deren vorgeschriebenen Handlungen vornehmen dürfe. Mit meiner Aussage nehme ich ihm zwar dieses Recht nicht, aber ich beleidige ihn. Würde ich nun weiter gehen und sagen, dass ich am Wochenende eine Grillparty mache, da aber nur selber denkende Menschen und keine Hohlköpfe einladen möchte, würde das Eis ganz dünn. Noch dünner würde es, wenn ich Personalfachfrau in einem Grossbetrieb wäre und ihn nicht einstellen würde, weil ich ebensolche nicht haben möchte. Zumindest rechtlich würde es dünn. Nun könnte ich natürlich sagen, meine ganzen Ausführungen seien reine Satire gewesen. Satire darf alles. So heisst es.

Treten wir einen Schritt zurück und fangen wir nochmals vorne an:

Meinungsäusserungsfreiheit.

Meinungsäusserungsfreiheit ist die Freiheit, alles denken zu dürfen, was ich glaube, finde, meine, und dieses auch äussern zu dürfen. Es ist mein Recht. Im Wort Meinungsäusserungsfreiheit steckt das Wort Freiheit drin. Was ist Freiheit? Die Definition und deren Begründung würden ganze Bücher füllen – mehr, als ich hier zur Verfügung habe. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass Freiheit heisst, dass man die Wahl hat. Die Wahl, zwischen Möglichkeiten zu entscheiden. Der Begriff wurde im Zeitalter der Aufklärung wichtig, vorher waren Freie und Unfreie an der Tagesordnung. Die Aufklärung forderte die Befreiung des Menschen. Grundrechte kamen ins Spiel. Der Gesellschaftsvertrag wurde aus philosophischer Sicht relevant. Langer Rede kurzer Sinn: Indem der Mensch auf das Recht auf alles (absolute Freiheit, die aber bei Lichte betrachtet absolut gesehen gar keine ist), verzichtet, erhält er die Freiheit innerhalb gewisser (staatlich geregelter) Grenzen frei zu sein. Darauf gründet der Artikel 10 der Schweizer Bundesverfassung:

  1. Jeder Mensch hat das Recht auf Leben. Die Todesstrafe ist verboten.
  2. Jeder Mensch hat das Recht auf persönliche Freiheit, insbesondere auf körperliche und geistige Unversehrtheit und auf Bewegungsfreiheit.
  3. Folter und jede andere Art grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Bestrafung sind verboten.

Noch früher haben wir Artikel 8, Absatz 2:

Niemand darf diskriminiert werden, namentlich nicht wegen der Herkunft, der Rasse, des Geschlechts, des Alters, der Sprache, der sozialen Stellung, der Lebensform, der religiösen, weltanschaulichen oder politischen Überzeugung oder wegen einer körperlichen, geistigen oder psychischen Behinderung.[1]

Um mit dem ganzen Rechtsdeutsch nachher abschliessen zu können, liefere ich gleich noch Artikel 7:

Die Würde des Menschen ist zu achten und zu schützen.

Kommen wir zurück zur Meinungsäusserungsfreiheit. Darf ich wirklich alles denken? Klar, das darf ich und das ist gut so. Das ist meine persönliche Freiheit und Gedanken sind frei. Ich darf diese Gedanken auch äussern, meinem Partner gegenüber, meinen Kindern, Freunden. Sie dürfen mir ihre Meinung entgegen halten. Ob es wirklich sinnvoll ist, andere Menschen aufgrund ihres Glaubens, ihrer Religion, Herkunft, Rasse, etc. gering zu schätzen und denkend und sprechend herabzusetzen, das muss jeder für und mit sich selber entscheiden. Ich persönlich sehe darin nur eine Art, sich über andere Menschen zu stellen, eine Form von Selbstbehauptung im Stil: Ich bin besser, ich kenne die Wahrheit, du hast sie nicht erkannt und unterliegst mir deswegen. Ich persönlich finde das arm. Und ich darf das sagen, denn schliesslich ist das meine Meinung und die ist ja frei. Wenn jemand eine andere hat, höre ich mir diese gerne an – aber nur, wenn es Argumente dazu gibt.

Gehen wir zurück zu den Beispielen: Der Fremdgänger (er könnte auch weiblich sein, das würde an der Situation nichts ändern) hat einem anderen Menschen weh getan. Insofern kann man sagen, dass da eine Verurteilung seines Tuns eine Form von Aufdecken eines (moralischen) Fehltritts ist. Der Katholik (der nur glaubt und nicht grad irgendwelche Kreuzzüge begeht) tut niemandem weh. Er hat für sich ein Lebensmodell und ein Glaubensmodell entdeckt, das ihm hilft, in dieser (wahrlich nicht einfachen) Welt zu bestehen. Für mich denken, dass das nichts für mich wäre, ich das nicht nachvollziehen kann, ich eine andere Art, mein Leben zu leben und die darin passierenden Dinge zu begründen wählte, ist erlaubt. Aber: Muss ich ihm das wirklich sagen? Darf ich ihn in seinem Lebensmodell lächerlich machen? Darf ich seine Werte durch den Kakao ziehen?

Ist der Sinn von Meinungsäusserungsfreiheit wirklich, Menschen, die anders denken, beleidigen zu dürfen? Darf man mit Bezug auf Artikel 16 Werte anderer durch den Dreck ziehen? Wo bleibt da Artikel 7?

Und so bleibe ich dabei:

Die eigene Freiheit hört da auf, wo die Freiheit eines anderen tangiert wird.

Ohne Rücksicht auf Verlust alles in die Welt posaunen zu dürfen, weil es ja die eigene Meinung ist, hat in meinen Augen eher Ähnlichkeit mit dem Trotzverhalten eines Kleinkindes, als dass es erwachsenes, durchdachtes, vor allem fundiertes Denken demonstriert. Eine friedlichere Welt wird daraus sicher nicht resultieren. Es verhärtet nur die Fronten.

Wer nun aus diesen Zeilen liest, dass dies eine Rechtfertigung von irgendwelchen Gräueltaten auf (sogenannte) freie Meinungsäusserung sei, hat wohl etwas in den Artikel gelesen, das nicht da stand. Gewalt in jeglicher Form wird von der hier Schreibenden IMMER verurteilt und NIE als gerechtfertigte Reaktion auf was auch immer erachtet. Aber: Manchmal hilft es trotzdem, sich zu fragen, was man genau erreichen will, wenn man gewisse Dinge vom Stapel lässt. Wenn es bloss Selbstprofilierung und Sauglattismus ist, würde man es vielleicht besser unterlassen – Meinungsäusserungsfreiheit geht tiefer und sollte nicht für alles herhalten müssen.

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[1] Hier kommt das Thema Inklusion ins Spiel, das in einem späteren Artikel aufgegriffen werden wird.

Die Würde des Menschen besteht in seiner Wahl.

Dieser Satz von Max Frisch zierte lange Zeit das Haus neben dem, in welchem ich wohnte. Jeden Tag, wenn ich daran vorbei lief, las ich ihn aktiv und stimmte ihm innerlich zu. Der Satz wurde mittlerweile überstrichen und ich bin umgezogen, geblieben ist meine Liebe zu dem Satz und die tiefe Zustimmung.

Es ist mir wichtig, die Wahl zu haben. Die Freiheit, zu wählen, gehört für mich zu meinem Leben. Ich bin immer meinen eigenen Weg gegangen. Dass der Weg nicht immer linear war, blieb nicht aus. Wird meine Wahl eingeschränkt, fühle ich mich aus meinem Leben vertrieben. Es ist, als ob jemand das Ruder in meinem Boot übernommen hätte und nun rudern will. Weil er wüsste, wo ich hin müsste. Nur: Selbst wenn ich es selber nicht wüsste, wie sollte es jemand anders besser wissen als ich?

Alles, was mich einengt, zwingt mich in die Flucht. Alles, was mich steuern will, lässt mich gegensteuern. Manche nennen es Trotz, ich nenne es Selbsterhaltungstrieb, da ich nur ich bin, wenn ich den Weg selber definiere. Sonst bin ich eine Marionette und das will ich nie sein.

Ich habe Ideale und auch Vorstellungen. Die mögen utopisch sein, nicht gesellschaftlichen Massstäben entsprechen, vielleicht auch idealistisch klingen. Aber ich will die umsetzen. Es zumindest versuchen. Wenn es nicht klappt oder nicht so toll ist, wie anfänglich vorgestellt, kein Problem, ich plane um. Aber nie, ohne es vorher versucht zu haben. Und von jedem Versuch bleibt etwas hängen. Jeder Versuch, auch einer, der nicht das anfangs anvisierte Ziel erreichte, brachte weiter. Schön war immer, wenn ich die Versuche selber abbrechen konnte, nicht abbrechen musste. Das war nie ein Versagen, es war ein Gewinn. Weil: Ich hatte die Wahl und ich habe sie getroffen. Frei.

Ich habe in meinem Leben einiges probiert. Vieles habe ich wieder aufgegeben, gewisse Dinge blieben. Was immer blieb, war das Schreiben. Dass ich es heute leben darf, liegt daran, dass ich nie an dieser Wahl zweifelte. Ab und an am Erfolg derselben, nie aber am Schreiben selber. Ich ohne Schreiben, das gab es nie und wird es nie geben. Die Inhalte sind nicht immer gleich, aber das Schreiben bleibt. Sollte ich mal nicht mehr schreiben, bin ich tot. Ich wünsche mir, mitten im Satz zu sterben. Dann hätte ich bis ganz am Schluss das getan, was ich tun will, immer tun wollte, was mein Leben ist.

Ich bin dankbar, die Wahl zu haben. Ich bin dankbar, sie immer gehabt zu haben. Das Leben war nicht immer einfach, was sicher auch ab und an an meiner Wahl lag. Immerhin: Ich habe sie frei getroffen, nach bestem Wissen und Gewissen, ab und an ein wenig unbedarft, manchmal vielleicht auch überstürzt oder aus Launen heraus, aber immer ich. Ich bin ich, wenn ich die Freiheit habe von und die Freiheit zu. So beschrieb mich heute eine wunderbare Frau. Und sie hat mich voll durchschaut.

Und als sie so da sass, erschien  ihr plötzlich ein Engel und sagte ihr, er sei hier, um sie zu holen. Sie schaute ihn ungläubig an, konnte zwar hören, was er sagte, verstehen, was er meinte, aber nicht glauben, dass es real sei.

„Was meinst du damit: Mich holen?“

Der Engel blickte sie an und sagte: „Du wolltest doch hier weg. Also komm mit mir, ich hole dich hier raus und bringe dich an einen schöneren Ort.“

Sie überlegte kurz. Er hatte recht, es gab nichts, was sie lieber wollte als raus. Raus aus all den Mauern, raus aus all den Zwängen, den Ängsten und raus aus all den Nöten. Aber sollte es wirklich möglich sein, dies alles hinter sich zu lassen? Gab es eine Welt, in der diese Mauern, Zwänge, Ängste und Nöte nicht mehr da wären? Eine Welt, die besser wäre als die, welche sie kannte? Sie hatte in der Vergangenheit Stück für Stück den Glauben an eine solche Möglichkeit verloren.

„Wo bringst du mich hin? Was wird mich da erwarten? Ist das nicht alles ein Luftschloss und am Schluss sitze ich einfach an einem anderen Ort und alles ist genau gleich, wie es hier auch war? Vielleicht noch schlimmer?“

Der Engel schaute sie traurig an: „Du musst mir schon vertrauen. Ich weiss, was du willst und ich will es dir ermöglichen. Ich will, dass du glücklich bist, endlich leben kannst, was du leben willst. Ich möchte, dass du frei bist und ich werde dir diese Freiheit schenken. Weit ab von all den Mauern, Zwängen, Ängsten und Nöten.

Sie schaute ihn staunend an. Woher kannte er ihre Gedanken? Woher wusste er, was sie hier und jetzt als  so ermüdend, so zermürbend, so niederschlagend empfand?

„Du fragst dich wohl, wieso ich weiss, was in dir vorgeht, wieso ich deine Gedanken kenne. Ich kann fühlen, was du fühlst und ich weiss, was du willst. Darum weiss ich auch, dass der Ort, an den ich dich bringen will, dir das bringst, was du dir wünschst.“

Sie hatte nun genau zwei Chancen. Sie konnte bleiben, wo sie war. Zwar war sie nicht glücklich und wollte eigentlich weg, hatte aber bislang nie gedacht, dass es einen Weg gäbe und dass er gangbar wäre. Sie hatte sich fast schon damit abgefunden, dass dies ihr Leben sein würde, kein glückliches, aber ein vorhersehbares – mit seinen Nöten, Zwängen und allen Mauern. Trotzdem war es das, was sie kannte und diese Kenntnis verlieh diesem Leben ein Stück Sicherheit. Die andere Möglichkeit war, sie packte die Hand des Engels, vertraute auf ihn und liesse sich leiten.

Und da sitzt sie noch heute und weiss nicht, was sie machen soll. Mittlerweile fiel dem Engel der Arm ab vom ewigen ausstrecken, die Stimme wurde heiser, vom ständigen überzeugen wollen und sie hatte Kopfweh vom Abwägen der Argumente dafür und dagegen. Ein Happy End sähe wohl anders aus, aber das ist schliesslich die Realität.

Was uns Galilei sagen wollte

Als Galilei im Jahre 1633, im Alter von neunundsechzig Jahren, widerstrebend, aber durch die Androhung der Folter eingeschüchtert, der Annahme abgeschworen hatte, dass die Erde ein Planet sei, der sich um die Sonne bewege, soll er in seinen Bart gemurmelt haben: „Und sie bewegt sich doch!“

Ob diese Anekdote historisch wahr ist, lässt sich nicht mehr belegen, da das Murmeln so leise gewesen wäre, dass niemand es hörte, weil ein lautes Ausrufen dieser Meinung damals nicht geduldet und höchstwahrscheinlich mit erneuten Sanktionen bedacht worden wäre. Trotzdem ist diese Anekdote nicht einfach nur eine nette Geschichte, sondern sie lehrt uns mehrere Dinge. Einerseits zeigt sie uns deutlich die damalige Spaltung zwischen Wissenschaft und Kirche, welche nicht vor Gewalt zurückschreckte, ihr Bild der Welt als das einzig anerkannte hinzustellen. Andererseits zeigt die Anekdote, dass sogar bislang anerkannte wissenschaftlich gestützte Ansichten gestürzt werden können, dass nichts einfach in Stein gemeisselt sein muss, sondern alles der erneuten Prüfung ausgesetzt werden darf, sogar soll. Die Anekdote um Galilei zeigt die Wichtigkeit der Denkfreiheit und auch, dass es nicht immer ein angenehmer Weg ist, sich gegen die landläufige Meinung zu stellen.

[Einer von Aristoteles überlieferten Anekdote zufolge] sah Sokrates, als er einmal nach Delphi kam, am Giebel eines Tempels die Inschrift „Erkenne dich selbst“. Dieser Aufforderung nachzukommen erwies sich aber als schwierig; er war in grosser Verlegenheit (aporia). Offenbar erfüllte ihn die Tatsache, dass die scheinbar einfache Frage: Wer bin ich= so schwer zu beantworten ist mit Staunen, und dieses Staunen wurde zum Anstoss für sein Philosophieren.

Wolfgang Röd sammelt in diesem Buch Anekdoten und beleuchtet sie philosophisch. Dabei ist es nicht relevant, ob die erzählten Anekdoten historische Tatsachen wiedergeben oder erfunden sind, der Schwerpunkt liegt immer auf der Erkenntnis, die durch die Anekdoten zum Ausdruck gebracht wird.

In Heureka! ist Sokrates’ Staunen ebenso Thema wie Archimedes Gang durch die Strassen, welchem wir den Titel dieses Buches verdanken. Wolfgang Röd versteht es, auf unterhaltsame und lesbare Weise in die grossen Fragen der Philosophie einzutauchen, er besticht sowohl durch ein breites Wissen wie auch logische Schlussfolgerungen und vermittelt beides auf verständliche Weise.

Fazit:
Philosophisches Staunen in anekdotischen Bildern. Eine wahre Lesefreude. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor:
Wolfgang Röd
Wolfgang Röd war bis zu seiner Emeritierung Ordinarius für Philosophie am Philosophischen Institut der Universität Innsbruck und ist Herausgeber der Reihe Geschichte der Philosophie. Von ihm erschienen sind unter anderem Dialektische Philosophie der Neuzeit (1986), Erfahrung und Reflexion (1991), Der Gott der reinen Vernunft (2009).

RödHeurekaAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 260 Seiten
Verlag: C.H.Beck Verlag (13.März 2013)
ISBN-Nr.: 978-3406645297
Preis: EUR: 16.95 ; CHF 27.90

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Ruth und Vika sind Schwestern. Sie leben zusammen in ihrer Wohnung und blicken auf ein gemeinsames Leben zurück. Von klein auf hielten sie zusammen, passten aufeinander auf, gaben sich gegenseitig Kraft. Sie überstanden die Tyrannei des Vaters, die Depression und Kälte der Mutter. Als Ruth alt genug war, floh sie nach New York, Vika reiste ihr nach. Von da an konnte sie nichts mehr trennen. Männer, Kinder, alles wäre ein Einschnitt in ihre Freiheit gewesen und nichts liessen sie zwischen sich kommen.

Ich wollte frei sein, ungebunden, wollte mir selbst gehören, keine Magd, keine Gattin sein, niemandem zugeordnet, nur mit dir zusammen, mein eigen, dein eigen, und ich ging in die Welt, eine Frau, und du kamst nach, keiner konnte uns zurückhalten, keiner uns trennen, wir liebten uns, die Eltern schmiedeten uns mit ihrer Kälte und Strenge wie glühendes Eisen zusammen…

Nun sind sie alt, sitzen tagtäglich zusammen am Tisch, abends auf dem Sofa, lassen ihr Leben Revue passieren und geniessen dieses Leben im Gleichschritt, ohne Neuerungen, ohne Überraschungen, einfach zu zweit.

Die beiden Schwestern kannten einander gut, sie würden sich nicht mehr ändern, bei ihnen blieb alles beim Alten. Aber die Welt draussen bewegte sich, und oft ängstigten sie sich vor der Unruhe, die sich in ihnen ausbreitete, wenn sie Nachrichten hörten. Dann waren sie froh, drinnen zu sein, in ihren vier Wänden. Zu viel Bewegung ging über ihre Kräfte.

Erinnerungen, die das Heute füllen, der Blick zurück als Lebensinhalt. Zwei Frauen, die ihr ganzes Leben – abgesehen von drei Jahren – zusammen waren, die aneinander gekettet durch ihr Schicksal in dieser Zweisamkeit die Freiheit sahen. So durchs Leben zu gehen war die einzige Möglichkeit, das Leben zu ertragen, da keine der beiden Schwestern sich allein stark genug fühlte. Und wie sie lebten, so stellten sie sich auch ihren Tod vor.

Sie gingen davon aus, dass das Ende genau so sein würde, wie sie es sich vorstellten. Man musste, dachten sie, nur fest an etwas glauben, von etwas überzeugt sein, damit es eintraf.

Eberhard Rathgeb schildert in Kein Paar wie wir die Geschichte zweier Frauen, die in gemeinsamen Gesprächen die Vergangenheit täglich neu beleuchten. In einem sprachlichen Staccato von wiederkehrenden Anekdoten entsteht langsam, Stück für Stück, ein Lebensbild. Dabei wechselt die Erzählperspektive zwischen der Ich-Erzählung der beiden Schwestern sowie einer auktorialen Perspektive hin und her.

Fazit:
Kein Paar wie wir ist eine Geschichte voller Kälte, Leid und (Überlebens)Kampf, aber auch eine Geschichte voller Liebe, Verlässlichkeit, Lebenshunger.

Zum Autor
Eberhard Rathgeb
Eberhard Rathgeb wurde 1959 in Buenos Aires geboren und folgte mit vier Jahren seinen Eltern und Geschwistern nach Deutschland. Bis vor sieben Jahren wohnte er in verschiedenen Städten, zog dann mit Frau und Kind aufs Land. Er war Feuilletonredakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und ihrer Berliner Sonntagsausgabe. Von Eberhard Rathgeb erschienen sind bereits Inventur. Deutsches Lesebuch 1945 – 2003 (2003), Die engagierte Nation. Deutsche Debatten (2005), Schwieriges Glück. Versuch über die Vaterliebe (2007).

Rathgeb_24131_MR.inddAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Hanser Verlag (25. Februar 2013)
Preis: EUR  17.90 / CHF 25.90

BildEntscheidungen – sie fällen zu können bedeutet Freiheit. Freiheit der Wahl. In ihr bestünde die Würde des Menschen, sagte Max Frisch einst. Jeder will sie, jeder sucht sie, doch dann und wann kann sie auch zuviel werden. Wenn die verschiedenen Optionen drehen, man nicht mehr ein noch aus weiss. Wenn man abwägt und vergleicht, Gründe dafür und dagegen findet, die sich dann doch wieder im Wege stehen gegenseitig. Was hier gut ist, fehlt beim anderen, dafür mangelt es an etwas, das bei anderen gut wäre.

Am Schluss sitzt man da, das Hirn eine schmerzende und qualmende Mördergrube. Man geht dahin und holt sich Ratschläge von aussen – oder versucht es zumindest. Meist merkt man, dass jeder seine eigene Sicht der Dinge hat. Das ist grundsätzlich gut und erwünscht, allerdings bringt sie wenig, wenn die eigene dabei auf der Strecke und ungehört bleibt. Man wünscht sich einen Rat, was für einen selber gut wäre und hört nur, was andere sich für sich wünschen.

Am Schluss sitzt man mit noch mehr drehendem Kopf und noch weniger Plan. Man fühlt sich alleine und unfähig, überhaupt noch zu denken. Man weiss nicht mal mehr, wer man selber ist, was man selber will. Ist zerrieben zwischen den verschiedenen Möglichkeiten, die alle etwas für und viel gegen sich haben. Sieht bald nicht mehr, was überhaupt noch gut ist und was schlecht. Zurück bleibt ein Gefühl der eigenen Kleinheit und Unentschiedenheit. Man möchte die Decke über den Kopf ziehen und gar nichts mehr denken.

Leider schalten die Gedanken nicht ab. Sie verfolgen bis in den Traum. Man sieht sich verfolgt von den Männern der einen Option, flieht, versteckt sich, wird aufgestöbert. Man will sich schützen, verteidigen, sieht sich alsbald die Verfolger mit einer Waffe in die Flucht schlagen, um dann aufzuwachen und zu merken, dass sie noch immer da sind. Nun wieder als blosse Gedankenmühlen und nicht mehr in geträumter Personengestalt, damit aber nicht weniger bedrohlich.

Der Rat, mal drüber zu schlafen, hilft also nicht wirklich. Die Sache mal setzen zu lassen, ganz etwas anderes zu tun, lässt sich gut sagen, die Praxis stellt sich schwieriger an. Und so dreht man sich, kommt zum Schluss, verwirft ihn, denkt weiter, fühlt sich so gar nicht frei, sondern eher gefangen in den eigenen Gedanken und wünschte sich fast, die Freiheit setzte einmal aus und man wäre fast gezwungen, etwas zu tun. Der Wunsch ist kurzsichtig und wenig ernst, denn wenn man sich zwingen lassen wollen würde, könnte man auch einfach die eine Option wählen und denken, das sei so gemusst.

Was hilft bei Gedankendrehen? Wie finde ich die Lösung? Meine Lösung? Tipps herzlich willkommen.