Auf Facebook treffe ich sie immer wieder: Menschen, die wissen, was geht und was nicht. Sie definieren Kleidung, Musik und Bücher und stellen es so rein:

Leute, DAS geht gar nicht

Widerworte werden nicht geduldet. Jedes Aber wird abgeschmettert, wagt man ein nächstes, fällt man schon in die Ecke der Total-Ignoranten. Argumentieren geht gar nicht. Nicht, weil man sich über Geschmack nicht streitet, sondern: Sie haben recht. Alles Weitere ist obsolet. Und sie stehen da und glauben dran. So total.

Es gibt dann immer bewundernde Stimmen: Wow, du hast so recht. Wow, du bist so toll. Und der/die so ursprünglich Schreibende suhlt sich im Lobespfuhl und schiesst weiter auf seinem absolutistischen Pfad.

Ich finde es erschreckend. Zumal sich oft die wirklichen Argumente für oder gegen solche Absolutismen widersprechen. Sie kämpfen mit Mitteln gegen Männer, die sie bei Frauen nie gelten liessen, greifen aber Männer an, die bei Frauen genau diese Kriterien anwenden. Sie reden gegen Absolutismen, wenden sie selber an. Sie sind für freie Meinung, lassen sie nicht gelten.

Oft sind halt ganz viele Prinzipien nur Argumente, wenn diese für die eigenen Meinungen eingesetzt werden können. Und nein, ich mag das nicht. Ich habe meine Meinung, aber ich diskutiere diese, ich setze sie nie absolut. Denn:

Die Wahrheit zeigt sich immer nur im Diskurs. Im eigenen Universum dreht man im Kreis.

Ein Thema ist in aller Munde: Das Burkaverbot. Stimmen werden laut, es müsste dringend umgesetzt werden, denn als Zeichen der Unterdrückung – als solches werden Burkas hingestellt – seien Burkas nicht mit unseren westlichen Werten vereinbar. Auf welche Werte beruft man sich genau? Mehrheitlich wohl auf zwei: Die Gleichstellung von Mann und Frau (im Sinne von „alle Menschen sind gleich und keiner dem anderen Untertan) und auf die Freiheit (die der Frau wird als eingeschränkt betrachtet).

Für unsere Breitengrade ist das Bild einer von Kopf bis Fuss verhüllten Frau in der Tat eher fremd und der Gedanke, sich freiwillig so zu kleiden, erscheint abwegig. Und: Was wir uns nicht vorstellen können, das kann es nicht geben, woraus folgt: Nie und nimmer tragen diese Frauen das freiwillig, die müssen quasi gezwungen werden dazu. Wer aber zwingt? Als Täter steht schnell der Mann auf dem Tapet, dieser stützt sich auf den Koran, ergo haben wir die zwei Hauptverdächtigen: Religion und Männer. Und die armen Frauen sind die Opfer im Umzug, die sich von beiden unterbuttern lassen. Mit dieser Argumentation spricht man den Frauen jegliche Kompetenz, selber zu denken ab. Es kann nicht sein, dass sie selber den Koran so auslegen und sich für diese Kleidung entscheiden. Es kann auch nicht sein, dass sie für sich in dieser Art Kleidung etwas sehen, das ihnen entspricht. Es muss Unterdrückung sein, denn sonst würden sie mit hochhackigen Schuhen und knappem Mini durch die Gegend laufen.

Ich möchte nicht verneinen, dass es Länder gibt, die sehr patriarchalisch aufgebaut sind, in denen Frauen kaum einen oder keinen Stellenwert haben. Es gibt viele Länder, in denen noch heute Buben die Krone der Schöpfung, Mädchen der vernachlässigbare Abschaum sind, den man genau so behandelt. Dies sind aber bei weitem nicht nur Länder, in denen die Burka an der Tagesordnung ist. Ich möchte aber auch nicht verneinen, dass es Männer gibt, die ihre Frauen in Burkas zwingen. Idioten, die ihre Frauen unterdrücken, gibt es auf der ganzen Welt, die brauchen dazu auch keine Burka. Sie können sich auch an einem zu kurzem Rock, an einem zu grossen Dekolleté, an zu vielen Kilos auf den Rippen oder einem schlecht geführten Haushalt stören und entsprechend reagieren. Wollen wir das auch verbieten? Bloss: Wie erkennt man es auf der Strasse?

Was bei der ganzen Diskussion um das Burkaverbot auffällt, ist, dass es nicht um die Burka an sich geht, sondern nur darum, sie auf unseren Strassen, in unseren Ländern zu verbieten. Was die Frauen dann zu Hause machen, ist egal, das kümmert wenig. Vielleicht so ein bisschen, aber nicht wirklich sehr. Geht es also bei der ganzen Diskussion wirklich um die Rechte der Frau oder aber mehr um unsere eigenen Befindlichkeiten? Ist es nicht viel mehr so, dass uns der Anblick von so viel fremder Kultur so verstört, dass wir uns mit uns selber nicht mehr wohl fühlen? Wie sollen wir darauf reagieren? Wie gehen wir damit um? Was fordert das von uns und wie reagieren wir darauf? All diesen Fragen können wir entgehen, wenn wir das Fremde einfach verbannen. Dann haben wir wieder unsere schöne kleine Welt, die wir kennen und in der wir uns wohl fühlen.

Um der Freiheit willen eine Kleidung zu verbieten, ist in etwa so, wie das Wasser aus dem Swimmingpool zu lassen, wenn man schwimmen gehen will.

Wollte frei sein
stiess an Stäbe,
wollte fliehen,
sah die Tür.

Konnte rütteln,
konnte schreien,
kein Entkommen,
alles zu.

Bei dem Sehnen,
all dem Langen,
vergass ich eines,
sah es nicht.

Was ich hatte,
was auch gut war,
wär vergangen,
wär ich weg.

Frei von Ketten,
frei von Schönem,
kommt das Eine,
folgt der Rest.

Einen Preis,
muss ich wohl zahlen,
was mir bleibt,
ist meine Wahl.

Sie sass hinter Gittern,
und sah all die Stäbe,
dahinter nichts wäre,
wie einst in Paris.

Sie suchte die Lücken,
und sah doch nur Stäbe,
der Blick wurde trübe
und sie ach so müd’.

Sie suchte den Ausweg,
flog hoch und fiel nieder,
die Flügel, sie brachen,
das Herz gleich damit.

So lag sie darnieder,
mit Dreck im Gefieder,
die Augen ganz schwer,
sie hoffte kaum mehr.

Nur ab und an drang noch,
ein Sonnenstrahl nieder,
fiel zwischen die Stäbe,
und brachte ihr Ruh’.

Wir leben im Zeitalter der Meinungsfreiheit. Auf die berufen wir uns immer, wenn wir etwas sagen, das nicht gut ankommt. Das ist praktisch, denn so muss man sich nie überlegen, was man sagt. Und wieso. Denn: Man darf ja. Die Meinung ist frei.

Man könnte, bevor man etwas sagt, sich fragen:

Ist es nett? Hilft es jemandem?

Wenn die Antwort zweimal nein wäre, könnte man das Sagen einfach lassen und nichts sagen. Wieso? Weil es nett wäre? Und das Gegenteil keinem was hülfe – wohl eher im Gegenteil… ABER: Man beruft sich auf seine Rechte. Die einem wohl eher egal sind, nicht grundsätzlich, aber in dem Fall, die sich aber grad gut instrumentalisieren lassen für die eigenen Zwecke. Man ist quasi legitimiert fein raus. Muss sich nicht mehr hinterfragen.

Ich finde das doppelt traurig. Erstens plappert man einfach mal drauf los, ohne Rücksicht auf Gefühle oder Verluste. Zweitens missbraucht man ein Menschenrecht, das gut und richtig und wichtig ist, für die eigene Gedanken- und Gefühllosigkeit. Und wenn auch das Menschenrecht nicht mehr zieht, dann war es gar nicht so gemeint. War quasi Humor. Oder notfalls Satire. Das macht es nicht netter oder besser, aber gut und nett ist eh out. Zumindest scheint es ab und an so. Man kann ja im nächsten Atemzug über die kalte und grausame Welt ohne Gefühl und menschliche Werte jammern….

Menschen wollen weiterkommen. Sie forschen, sie suchen den Fortschritt und finden ihn. Durch dieses Forschen ist es gelungen, das Waschbrett gegen eine Maschine auszutauschen, Krankheiten auszurotten und zum Mond zu fliegen. Alles positive Dinge. Grundsätzlich. Allerdings hat so mancher Fortschritt auch seine Tücken, denn er lässt neue Fragen entstehen: War die Atombombe ein grosser Fortschritt oder doch die grösste selbstgeschaffene Gefahr der Menschheit? Muss man lebenserhaltende Massnahmen anwenden, weil man es kann, oder tangieren sie die Würde des Menschen? Und wo liegt die Grenze?

Die neuste Frage, die sich stellt: Ist die Früherkennung des Geschlechts eines Embrios ein Segen oder ein Fluch? Die Freiheit der Frau, zu entscheiden, ob sie das Kind kriegt, geht damit soweit, das nicht gewünschte Geschlecht abzutreiben. Wir kommen der Planung des perfekten Kindes näher. Bald sind es wohl auch Haarfarbe, Augenfarbe und IQ, die passen müssen, um über Leben und Tod zu entscheiden.

Soll man also deswegen die Freiheit der Frau, über die man erst kürzlich abgestimmt und sich dafür entschieden hat, einschränken? Ist das Verbot Ärzten gegenüber, das Geschlecht vor der abgelaufenen Frist, in der ein Schwangerschaftsabbruch gesetzlich erlaubt ist, bereits eine Einschränkung der Freiheit der Frau? Dann wäre sie ja durch die Unmöglichkeit der Früherkennung auch eingeschränkt gewesen. Was natürlich zutrifft. Ist die staatliche Einschränkung schlimmer als die natürliche? Weil nun etwas, das möglich ist, verunmöglicht wird und der Staat die Hand drüber hat? Allerdings hat er wohl auch viel zur Forschung beigetragen (durch Geld, Infrastruktur, etc.), die den Fortschritt überhaupt erst ermöglicht hat – hat er dadurch ein Recht erworben, dessen Einsatz zu steuern?

Wenn man für die Freiheit der Frau stimmt, ihr Kind abtreiben zu dürfen, dann muss man ihr wohl folgerichtig auch die Gründe für diesen Abbruch überlassen. Wer würde sonst bestimmen dürfen, was ein triftiger Grund ist und was nicht? Ist der blosse Wunsch nach einem Jungen schon Grund genug, ein Mädchen abzutreiben? Wäre die dringende Notwendigkeit eines männlichen Erben und zu wenig Geld, noch ein 15. Mädchen zu ernähren, Grund genug? Ist eine Behinderung akzeptabel als Begründung und wie schwer müsste sie sein? Grenzen zu ziehen ist nie einfach, da jede Grenze eine Ungerechtigkeit mit sich bringt. Die auf der einen Seite werden anders behandelt als die auf der anderen. Und meist ist die Grenze relativ willkürlich – sie basiert auf den kulturellen Gegebenheiten, auf Gesetzen, auf Ein- und Ansichten und Wertvorstellungen. Und keines von all dem ist absolut und zeitlos, sondern immer der Zeit und dem Ort geschuldet, in denen sie vorherrschen.

Was also ist die Lösung? Es gibt wohl keine einfache. Aufhören zu forschen wird man nicht, da es erstens noch so viele Themen und Gebiete gibt, die dringend erforscht werden sollten (Krankheiten, etc.). Zweitens ist der Forschertrieb im Menschen zu tief angelegt, als dass er ihn einfach abstellen könnte. Er will weiter, will höher, will alles. Immer. Das hat seinen Preis. Ausgerottete Krankheiten bedeuten mehr Menschen, da die Menschen älter werden. Soziale und finanzielle Probleme sind die Folge. Medizinischer Fortschritt führt zu Ermessensfragen, welche die Würde des Menschen, Entscheidungen über Leben und Tod und vieles mehr mit sich bringen. Technischer Fortschritt bringt Hilfsmittel im Alltag, aber auch Waffen und damit Zerstörung auf die Welt. Es bleibt wohl dabei, dass alles immer zwei Seiten hat. Und ab und an liegt die Antwort auf die sich öffnenden Fragen nicht einfach auf der Hand oder es gibt schlicht keine befriedigende.