Weshalb, wieso, warum?

Wer kennt die unermüdlichen Fragen von Kindern nicht? Alles wollen sie wissen, alles hinterfragen sie. Sie sehen die Welt mit neuen und frischen Augen, staunen über Dinge, die uns schon lange selbstverständlich sind. Kinder sind Philosophen der ersten Stunde. Alles ist spannend, weil sie nicht denken, schon alles gesehen zu haben, weil sie nicht glauben, alles bereits zu wissen.

Wann geht das alles verloren? Wo verlieren sich die kindliche Neugier und das Staunen? Und: Was können wir tun, dass das nicht passiert?

Philosophieren heisst, Fragen zu stellen. Diese Fragen knüpfen an etwas an, das ich bereits weiss, und zeigen auf eine Lücke, die ich noch habe, auf etwas, das ich nicht weiss oder verstehe. Wenn Kinder Fragen stellen, neigen wir dazu, sofort Antworten zu geben. Schliesslich wollen wir dem Kind helfen, seine Wissenslücken zu füllen. Nur: Damit beenden wir mit einem Schlag das Philosophieren des Kindes. Ohne sich selber Gedanken zu machen, erhielt es eine Lösung.

„Eine der verbreitesten Krankheiten ist die Diagnose.“

Dies stellte einst Karl Kraus fest und trifft damit einen wichtigen Punkt. Vorgefertigte Antworten beenden mit einem Schlag das eigene Nachdenken – und damit das Philosophieren des Kindes. Nur wo keine vorgefertigten Antworten warten, können freie Köpfe grenzenlos denken.

Wieso also nicht statt einer Antwort eine Rückfrage stellen? Dadurch wäre das Kind herausgefordert, selber zu denken, seine Phantasie spielen zu lassen, sich Möglichkeiten auszumalen und kreativ zu werden. Nicht nur käme so ein spielerischer Prozess in Gang, das Kind würde zudem im eigenen Denken bestärkt, könnte lernen, diesem mehr zu vertrauen und es fühlte sich mit dem eigenen Denken auch ernst genommen.

Philosophieren so verstanden sollte in meinen Augen Pflichtfach in Schulen werden. Damit ist nicht der althergebrachte Philosophie-Unterricht gemeint, in welchem alte Schriften gelesen und interpretiert werden, sondern Philosophieren stellt eine Methode dar, an die Dinge heranzugehen. Kinder lernen, dass das eigene Denken wichtig ist und ernst genommen wird. Sie lernen auf ihre Selbstwirksamkeit vertrauen, entwickeln Selbstvertrauen dadurch, dass sie ernst genommen werden und auch realisieren, dass sie im Dialog Antworten selber herleiten können.

Das Schöne dabei ist, dass wir als Erwachsene dadurch auch von den Kindern lernen: Wir lernen wieder hinzusehen, kreativ zu denken, werden vom Staunen und der Neugier angesteckt und stossen auf Antworten, die in unserem teilweise durch Vorwissen festgefahrenen Denken nicht mehr erscheinen.

 

Es gibt ein Zitat von Buddha, welches in etwa so lautet:

„Ich lehre euch nicht alle Dinge, die ich weiss, denn ich glaube nicht, dass sie für eure Transformation, eure Heilung und euer Glück wichtig sind. Ich biete euch nur die Dinge an, die ihr wirklich braucht.“

Wie schön wäre es, in unseren Klassenzimmern ginge es genauso zu und her? Wie lebensnah und förderlich wäre es, Lehrer würden Kindern das vermitteln, was sie wirklich brauchen für ihr Leben, für ihr Bestehen in dieser Welt, statt sie mit (so oft unnützem) Wissen abzufüllen?

Wissen ist nicht per se zu verdammen, Wissen ist etwas Wunderbares. Doch es ist nicht primär wichtig. Primär müssten Kindern das lernen, was sie für ihr Leben in der Welt, wie sie sich ihnen präsentiert, brauchen. Faktenwissen, das jeder Computer besser memoriert, gehört da eher nicht dazu, eher sind Fähigkeiten, Werte und soziale Kompetenzen gefragt – all das, was Menschen vom Computer unterscheiden, all das, was Menschen in dieser Welt die Möglichkeit bietet, in ihr zu bestehen und in einem Miteinander zu existieren.

Kinder wollen lernen. Kinder lernen von Natur aus immer. Doch wenn man sie mit Gewalt, Zwang, auch Wut und gar Verzweiflung dazu bringen will, die von einem lebensfremden Bildungsplan auferlegten Inhalte in den Kopf zu beigen, verleidet man ihnen nicht nur oft das Lernen, man macht sie auch krank. Dies oft in mehrfacher Hinsicht. Es gab noch nie eine Zeit, in welcher Kinder so viel krank waren: Depressionen, Burnouts, Suchtkrankheiten – all diese und noch einige mehr sind auf dem Vormarsch. Kinder stehen unter Druck. Und sie merken tief drin wohl auch, wenn man ihnen nicht jegliche Intuition bereits ausgetrieben hat, dass das, was sie tagtäglich vorgesetzt kriegen, mit ihrem Leben herzlich wenig zu tun hat. Dies wohl umso mehr, je intelligenter sie sind, weil sie dann selber erkennen, dass all das Faktenwissen zu leicht abrufbar wäre, würde man sich dem Stand der Welt anpassen und sich nicht so verhalten in der Schule, als ob Computer und all das abrufbare Wissen nicht existierte.

Das heutige Schulsystem leidet unter einem Scheuklappendenken. Es versucht krampfhaft ein Lehrkonzept zu erhalten, das schon vor 200 Jahren überholt war. Es versucht krampfhaft, Wissensinhalte zu vermitteln, die in einer Zeit wie heute nicht mehr adäquat sind in der Form. Es versucht krampfhaft, sich selber weiter am Leben zu erhalten durch das Blockieren innovativer Zugänge zu einem neuen Lernen, zu einer neuen Form von Schule.

Wenn Schule überhaupt noch nötig ist – und ja, ich denke, in der heutigen Form ist sie das nicht -, müsste man zuerst einmal hinschauen, was Kinder wirklich brauchen. Heute und für morgen. Kinder haben Bedürfnisse: Das erste ist, geliebt zu werden. Werden Kinder geliebt, lieben sie auch – es entsteht eine Beziehung. Diese Beziehung ist die wichtigste Grundlage überhaupt. Auf ihr baut alles Weitere auf. Ein zweites ist, zu verstehen. Kinder sind von Natur aus neugierig. Sie wollen wissen, wieso Dinge sind, wie sie sind. Wer kennt nicht all die Fragen nach dem Warum? Wenn man ihnen diese Neugier lässt, wollen Kinder auch lernen. Und sie tun es ohne Druck, Gewalt und Strafandrohungen.

Würde in einer Schule eine Kultur herrschen, in welcher Menschen unter Menschen sind, sich gegenseitig auf Augenhöhe begegnen, von einem Gefühl der gegenseitigen Akzeptanz und Liebe getragen, wäre die notwendige Basis für ein sinnvolles und aus eigenem Antrieb kommendes Lernen gegeben. Dann wäre es Kindern möglich, auf eine gesunde, weil ihrem Naturell entsprechende Weise zu lernen.

Würde zudem die Schule realisieren, dass die Lerninhalte sich den gegebenen Veränderungen, die noch dazu immer schneller voranschreiten und so eine Zukunft erahnen lassen, in welcher das bis anhin Gelernte wenig brauchbar und umsetzbar ist, könnte sie sich auf die wirklich wichtigen Inhalte konzentrieren: Fähigkeiten, Werte und soziales Verhalten. Das heisst nicht, dass fortan Wissen keinen Platz mehr haben sollte, aber es sollte mehr den Kindern überlassen sein, welches Wissen ihnen wichtig ist und auf welche Weise sie sich dieses aneignen können. Lehrer wären in einer solchen Schule nicht per se Vermittler, sondern zugewandter Wegbegleiter.

Ich bin überzeugt, dass aus einer solchen Schule lebenskompetente, gesunde und motivierte Persönlichkeiten ins Leben hinaus gingen und dieses in die Hand nehmen könnten und wollten. Ich bin überzeugt, dass solche Menschen nicht von Maschinen ersetzt werden können, weil sie nicht versuchen, mit diesen zu konkurrieren, sondern sich auf ihre eigenen Stärken berufen und diese einsetzen können. Ich bin überzeugt, dass damit eine Zukunft realisiert würde, in welcher Menschen friedlicher miteinander leben könnten und sie Maschinen nicht als Gefahr, sondern als wertvolle Unterstützung sehen könnten, welche ihnen möglich macht, mehr als Mensch unter Menschen und nicht als funktionierendes Rad im Getriebe zu agieren.

Wenn ich früher jemandem erzählte, dass ich Philosophie studiere (und Germanistik dazu), kam postwendend die Frage: „Was macht man denn damit?“ Spätestens seit Precht weiss man, dass man bei entsprechendem Aussehen im Fernsehen als Allerwelt- und Für-alle-Themen-Philosoph gross rauskommen kann. Und nein, ich bin kein Precht-Verächter, ich finde gut und sinnvoll, was er tut und wie er es tut. Ich finde es grossartig, wie er es schafft, relevante Themen in einer Weise aufzubereiten, die zwar nicht neu, aber verständlich ist. Viele werfen ihm den ersten Teil vor, nur: Es ist alles schon mal gedacht worden, wirklich neu ist wenig. Was neu wäre, wenn all das Gedachte mal ankäme und zur Umsetzung gelangte. Aber das ist eine andere Baustelle, die hier heute nicht Thema ist.

Da nun nicht alle Fernsehphilosophen werden können, bleibt die Frage noch immer da. Und nun kam die neue Lösung: Grosse Konzerne wie Google, Facebook und Konsorten heuern Philosophen an. Sie sollen nicht etwa die 1673. Version der internen Firmenethik verfassen, sondern den Unternehmen aus einer Sinnkrise helfen. Nun machen sie alles so gut und doch wandern die Jungen ab… es geht ihnen also etwa so wie Müttern von Pubertierenden. Und nun soll die vormals verschmähte Philosophie helfen.

Das klingt nun vielleicht eher polemisch, und ja, ich bin mit mir selber im Zwiespalt. Eine Seite würde gerne jubeln und sagen: „Das sage ich doch schon lange. Schon Platon sagte es…“ Die andere ist skeptisch. Oft, wenn etwas zum grossen Retter erklärt wird – gerade, wenn es ein vormals belächeltes Objekt war (Subjekt liess man es kaum je werden) -, sind das Momentaufnahmen aus einer Verzweiflung. Und die ebbt irgendwann ab. Oder aber sie flacht die Inhalte des Hochgejubelten ab, indem denen die Tiefe genommen und sie mit plakativen Sprüchen mehrheitstauglich gemacht werden. Beides würde ich der westlichen Philosophie nicht wünschen (die östliche ging den Weg im Westen schon zu sehr, wie ich finde).

Ich bin durchaus der Meinung, dass was gehen muss. Und ich bin ebenso der Meinung, dass die Philosophie helfen könnte. Der Blick auf den Menschen und was ihn ausmacht, sollte gerade in einer Zeit, in der Maschinen zum Konkurrenten werden, ein zentraler werden. Wir müssten uns fragen, was wir eigentlich haben, das uns einzigartig macht, was wir fördern, leben müssen, weil es uns hilft, als Menschen unter Menschen zu bestehen. Aktuell sind wir wie Don Quijote, der gegen Windmühlen kämpft: Wir pochen auf Wissen, das jede Maschine besser memoriert, lehren Dinge, die von Maschinen genauso gut, wenn nicht besser ausgeführt werden könnten. Was wir immer mehr vernachlässigen? Sozialkompetenzen, Werte, Beziehungen – das ganze meschliche Dasein da, wo nicht mehr Fakten und Zahlen zählen, sondern das Miteinander, das Sein im Dasein und das Fühlen desselben.

Das mag nun sehr esoterisch angehaucht klingen, ist aber alles andere als so gemeint. Ich bin ein sehr rationaler Mensch, der aber auf die ganz harte Tour gelernt hat, was fehlende Beziehungen und Zugewandtheit (in der Schule und privat) auslösen können. Und es gibt Studien, die das belegen. Der Mensch ist ein Beziehungstier. Der Mensch ist sozial. Ohne soziale Beziehungen geht der Mensch ein. Und genau das ist seine Schwäche. Und seine Stärke. Genau da hebt er sich von Maschinen ab. Maschinen können (fast) alles. Aber sie sind NIE sozial. Sie sind berechnet berechnend. Nun sind auch Menschen durchaus ab und an berechnend. Ich denke aber, sie sind es, weil sie in einem System aufwachsen, das aus Menschen Maschinen machen will.

Nur: Wir kommen nun in eine Zeit, in der Maschinen immer überlegen sein werden. Wenn es darum geht, Maschine zu sein. Vielleicht ist genau das das Glück. Der Mensch muss sich zurück besinnen. Auf sich. Und vielleicht ist es ein Glück, dass man irgendwann merkt, dass man das schon ganz früh tun sollte. In der Schule. Kinder müssen keine kleinen Computer sein, sie müssen Menschen bleiben dürfen. Kürzlich las ich einen Artikel* darüber, dass spielen das Hirn mehr fördert als jede Förderung (die Punkte könnte man gut weglassen, es sind immer Forderungen dahinter). Das wusste schon Schiller, wenn er sagte, dass der Mensch nur da ganz Mensch ist, wo er spielt. Wir aber schaffen das Spiel immer früher ab, indem wir Kinder in die Frühförderung schicken, den Kindergarten verschulen. Wir entmenschlichen den Mensch und nehmen ihm damit die einzige Chance, die er hat, gegen Maschinen zu bestehen.

Vielleicht haben Google und seine Freunde doch recht: Philosophen an die Macht! Ich denke aber nicht. Es bräuchte nur ein wenig gesunden Menschenverstand und ein Herz auf dem richtigen Fleck. Und dann den Mut, alte Wege zu verlassen. Das wünsche ich mir.

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*https://mymonk.de/spielen-lassen/?fbclid=IwAR17GvT_6penv0RHI2FKVaf1M4W63KdQ5Ifm4az0kxDdaO0Z2i8r6fKPLxk

Einmal gross sein

Der kleine Dackel Gustav hat genug davon, alles nur von unten zu sehen. Einmal möchte er auch gross sein und die Dinge von oben betrachten. Als alles nichts hilft, erhält er von einem Freund den Tipp, auf die Stadtbrücke zu gehen, da er von dort einen weiten Blick über die ganze Stadt hat. Gustav zieht los durch die Stadt. Was ihn wohl erwartet?

Hans de Beer hat schon den kleinen Eisbären Lars erfunden und damit viele Kinderherzen erobert. Mit Gustav wird ihm das genauso gelingen. Der kleine Dackel mit dem roten Pullover ist süss gezeichnet und wer könnte sein Anliegen besser verstehen als ein kleiner Mensch?

Ein wunderbares Buch über das Kleinsein, über Freundschaft, Abenteuer und Geborgenheit. Untermalt wird die Geschichte mit grossformatigen Zeichnungen, die mit viel Liebe fürs Detail gezeichnet wurden. Die Figuren wirken alle freundlich und lieblich. Ein Buch, das schöne Momente und gute Gefühle mit sich bringt!

Fazit:
Ein schönes Buch mit einem liebenswerten Helden und wunderbaren Zeichnungen. Sehr empfehlenswert.

Der Autor und Illustrator
Hans de Beer
Hans de Beer, geboren 1957 in Muiden in der Nähe von Amsterdam. Nach einem kurzen Geschichtsstudium ließ sich Hans de Beer an der Kunstschule Rietveld Art Academy in Amsterdam ausbilden. Seine Examensarbeit über den kleinen Eisbären Lars bescherte de Beer 1987 weltweiten Erfolg. Seit seinem Abschluss 1984 arbeitet Hans de Beer als freier Illustrator. Er lebt mit seiner Lebenspartnerin, einer italienischen Illustratorin, in Amsterdam und in der Nähe von Florenz.

Angaben zum Buch:
DeBeerGustavGebundene Ausgabe: 32 Seiten
Verlag: NordSüd Verlag (20. August 2015)
Empfohlenes Alter: 4 – 6 Jahre
ISBN-Nr.: 978-3314103100
Preis: EUR 13.99 / CHF 19.90

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Wir sind heute ach so tolerant. Alles was geht, muss gehen, muss akzeptiert werden, denn es geht und wir sind ja – ich sagte es bereits – tolerant. Intoleranz ist das Buhwort schlechthin und so jubeln wir bei allem, was unkonventionell ist, denn es ist neu und da erst zeigt sich der Hardcoretolerante. Da die Menschheit immer weiter forscht, ist immer mehr möglich, was toleriert werden soll und muss, um der toleranten liberalen Gesellschaftsdoktrin zu genügen – und damit fängt das Problem wohl an.

Irgendwo war mal noch Natur. Die hat etwas für uns festgelegt, das am Überleben orientiert war. Sich nun auf rein animalisch naturale Argumentationen zu versteifen wäre sicherlich arg rückständig, nur: Wohin soll und wird es führen? Der Mensch strebt danach, die Natur zu knacken und zu überlisten. Vielerorts ist es gelungen und dem verdanken wir eine gesteigerte Lebenserwartung und vieles mehr. Ganz vieles davon ist gut und wertvoll. Aber: Wie weit kann und wie weit soll man gehen? Und was sind die Konsequenzen?

Soll eine 65-Jährige Vierlinge kriegen? Ein homosexuelles Paar adoptieren dürfen? Wenn die dürfen, dürfte es eine alleinstehende 65-Jährige auch? Wenn nein, wieso darf sie dann Vierlinge kriegen? Und: Wer darf entscheiden? Und: Wo kommen Gesetze ins Spiel?

Wir streben nach Fortschritt und überfordern das Zusammenleben im Rechtsstaat damit selber. Der Forscher ist nur darum bemüht, herauszufinden, was geht. Wenn etwas geht, ändern sich Weltsichten. Wenn die sich wandeln, bemühen sie neue Gesetze. Und da prallen Welten aufeinander. Und Werte. Die einen schimpfen die andern rückständig, die andern argumentieren mit dem, was war, was natürlich ist, damit, was sie kennen. Und jeder fühlt sich im Recht – und keiner weiss, was Recht wirklich ist.

Soll ein homosexuelles Paar Kinder haben dürfen? Wenn sie es lieben und ihm alles geben: Wieso nicht? Aber könnten das nicht auch alte Menschen? Die dürfen aber nach unseren Bestimmungen kein Kind adoptieren. Wieso aber darf eine 65-Jährige dann durch künstliche Befruchtung Vierlinge kriegen? Die zu verbieten würde heissen, jungen Paaren, die keine Kinder kriegen können, die letzte Hoffnung zu nehmen. Fortschritt scheint nicht nur Segen zu sein, er ist vielmehr Herausforderung.

Ich habe auf keine meiner Fragen und Punkte Antworten. Ich sehe nur, dass jeder schnell urteilt, aber selten sich aufdrängende Fragen bedacht werden. Schwarz und weiss wäre zu einfach. Ich versuche Antworten zu finden, aber: Jeder Versuch endet in einer Sackgasse und jede Antwort bringt mehr Fragen ans Licht. Ich bin um jede Antwort, jeden Lösungsansatz dankbar – also her damit.

Ich habe mal wieder gelesen. Dieses Mal einen Artikel über unglückliche Mütter. Das Glücksgefühl werde nicht automatisch mit dem Kind mitgeliefert, heisst es. Einige Mütter bereuen den Schritt schon nach der Geburt, spätestens nach vier Jahren seien Frauen mit Kindern nicht mehr glücklicher als solche ohne. Von einem Alptraum ist gar die Rede. Und davon, dass es ein Tabuthema sei, als Mutter nicht glücklich zu sein, nicht in überbordenden Muttergefühlen zu baden.

In meinen Augen mischt der Artikel ziemlich viel. Dass es ein Tabuthema ist, mag hinkommen. Von Müttern wird landläufig erwartet, dass sie in ihrer Rolle aufgehen, viele haben auch kaum mehr andere Themen als Windeln, die Farbe deren Inhalts und die ersten Zähne, Schritte, Worte. Ich denke, dieser Druck, glücklich sein zu müssen, kann überfordern. Zusätzlich zum Kind, das sicher auch nicht immer nur pure Freude ist – spätestens nach der 5. schlaflosen Nacht in Folge, der dritten Grippe im Winter und wiederholten Trotzanfällen im Supermarkt kann sich das eine oder andere Gefühl von Müdigkeit einstellen. Wenn man sich dann nicht einfach mal Luft verschaffen kann, jammern, heulen, klagen, nagt das doppelt am Seelenkostüm. Es hilft dann auch nichts, zu hören, dass das nur eine Phase ist, denn erstens kommt die nächste bestimmt, wenn diese fertig ist, und zweitens nervt die – und zwar jetzt und in dem Moment.

Nun aber dahin zu gehen und zu finden, ein Leben ohne Kinder wäre die bessere Wahl gewesen, zeugt von wenig erwachsener Einstellung. Keiner wurde gezwungen, Kinder in die Welt zu setzen. Und klar kann man nicht alle Veränderungen und Konsequenzen vorhersehen, wirklich spürbar werden sie, wenn das Kind da ist. Und doch: Dass es anders wird, weiss man hinlänglich, dass Kinder zahnen, nicht durchschlafen, toben, trotzen und vieles mehr, ist auch nicht die neuste Erkenntnis, sondern ziemlich bekannt.

Ja, Kinder zu haben, ist nicht nur eitel Sonnenschein, sondern Arbeit, Aufgabe, Verantwortung. Es ist Einschränkung in vielem, oft Geld, immer Zeit, sehr viel Freiheit. Da nun zu kommen, sie gäben einem auch viel, stimmt zwar, ist aber nicht immer spürbar, da sie hauptsächlich viel nehmen – was in der Natur der Sache liegt. Sie brauchen ihre Eltern in ganz vielen Lebenslagen und bei Lebensnotwendigkeiten, wären aufgeschmissen ohne diese. Also alles nur Plage und Last? Sicher nicht.

Ich denke, es ist beim Kinderkriegen wie bei allem anderen im Leben: Man kann nie alles haben. Alles im Leben hat seinen Preis und den muss man zahlen. Im Nachhinein zu jammern und zu finden, dass man sich das anders vorgestellt hätte und so lieber die Uhr zurückdrehte, ist etwas kurzsichtig. Und vor allem auch den Kindern gegenüber unfair, da diese Einstellung sicher dann und wann durchdrückt – im Stile von: Wenn du nicht wärst/gewesen wärst… Ich bin überzeugt, hätte man damals anders gewählt, würde man heute jammern, dass eben das Kind fehlt. Man keinen hätte, der einen besucht im Alter, man nie mit liebendem Blick angehimmelt wird und keine kleinen Ärmchen um den Hals spürt.

Es liegt wohl eher in der Natur der (zumindest gewisser) Menschen, immer dem nachzutrauern, das sie nicht haben. Kinder zu haben, ist sicher nicht die einzig glückselig machende Form des Lebens. Ich könnte mir ein Leben ohne Kind gut vorstellen, stünde ich heute erneut vor dieser Frage. Allerdings stehe ich nicht da, mein Kind ist 12 Jahre alt. Und es waren, logischerweise, wunderbare, anstrengende, glückliche, müde, fröhliche, sorgenvolle, unbeschwerte Jahre – das ganz normale, bunte Leben halt. Ein Leben ohne dieses Kind wäre für mich das Schlimmste überhaupt, heute betrachtet, da ich genau dieses Kind habe. Ein anderes würde ich nicht wollen, aber dieses unbedingt!

Wollen wir sein, wer wir sind?

Severin hörte Isa die Treppe herunterkommen. Sie lebten seit vielen Jahren in dem grossen Haus, doch Severin hätte die Schritte seiner Frau auch unter vielen anderen sogleich erkannt.

Isa Lerch, erfolgreiche Radiomoderatorin am Ende ihrer Karriere, und Severin, passionierter Künstler, sind seit vielen Jahren verheiratet. Glücklich. Sie haben zwei Kinder, die beide schon ausser Haus leben, beide haben einen völlig anderen Weg als ihre Eltern eingeschlagen, haben sich für ein bürgerliches Leben entschieden. Eine Flucht?

Auch wenn Isa und Severin beide in ihren Projekten aufgehen, sich oft kaum sehen, ist die Liebe präsent.

Severin begehrte Isa noch immer.
Doch sie waren kein symbiotisches Paar, nie gewesen. Es war das erste Mal in dieser Woche, dass sich Isa und Severin am Tisch gegenübersassen, es war Freitag.

Isa und Severin stehen vor einem neuen Lebensabschnitt. Die glänzenden Jahren gehen ihrem Ende zu, die Kinder sind gross, das Alter steht vor der Tür. Die Zeit eines solchen Umbruchs ist immer auch die Zeit der (Rück-)Besinnung: Wie haben wir gelebt? War es das Leben, das wir wollten? Wohin führt der Weg jetzt? Wo stehen wir?

Silvio Blatter versteht es in seinem neusten Roman Wir zählen unsere Tage nicht, das Leben von Eva und Severin an der Schwelle in eine neue Zeit in einer klaren Sprache, tiefgründig und doch einfach, fast beiläufig, dabei weder oberflächlich noch distanziert, zu erzählen.

Der Sohn liebte die Mutter.
Mit dem Vater hatte er Schwierigkeiten. Der Vater kam ihm zu nah. Oder er kam gar nicht an ihn heran. Sie waren beide überempfindlich. Es fehlte ihnen das Gespür für die Distanz. Dabei liebte Mathias auch seinen Vater. Leider nicht immer gleich stark, und heute liebte er ihn gar nicht.

Es ist ein Roman, der Gegensätze aufgreift wie alt und jung, Bürger und Künstler, Eltern und Kinder. Es geht um Beziehungen zwischen Generationen, zwischen Geschlechtern, innerhalb von Familien und im Beruf. Es ist die Geschichte von solchen, die gehen, und anderen, die kommen – und von der Beziehung zwischen ihnen. Einfühlsam legt Blatter dem Leser das Innenleben seiner Figuren offen, zeigt ihre Beweggründe, ihre Ängste, ihre Hoffnungen. Er lässt den Leser mitfühlen und auch verstehen – ab und an auch wiedererkennen. Dabei driftet er nie ins Psychologisierende ab, lässt der Geschichte eine gewisse Leichtigkeit. Ganz grosse Schreibkunst!

Fazit:
Tiefgründige Analyse vom Leben, von der Liebe, von Familie, Beruf und dem Umgang mit dem Älterwerden. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Silvio Blatter
Silvio Blatter wurde am 25. Januar 1946 in Bremgarten (AG) als Sohn einer Arbeiterfamilie geboren. Nach dem Besuch der Bezirksschule absolviert er das Lehrerseminar, unterrichtet anschliessend, um dann einige Monate in der Metallindustrie zu arbeiten. Es folgen sechs Semester Germanistik an der Universität Zürich, um wieder in die Industrie zurückzukehren. 1975 absolvierte Blatter beim Schweizer Radio DRS eine Ausbildung zum Hörspielregisseur und liess sich nach Aufenthalten in Amsterdam und Husum als Schriftsteller in Zürich nieder. Heute pendelt der Autor zwischen Malerei und Schriftstellerei, lebt in Zürich und München.

 

Angaben zum Buch:
BlatterGebundene Ausgabe: 304 Seiten
Verlag: Piper Verlag (9. März 2015)
ISBN-Nr.: 978-3492056458
Preis: EUR 19.99 / CHF 29.90

 

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 Es gibt Restaurants, in denen Kinder (vor allem in sie beinhaltenden Wagen) nicht geduldet sind. Auch andere Lokalitäten bestehen darauf, kinderfrei zu bleiben. Ein Aufschrei macht die Runde, wie man nur so kinderfeindlich sein könne und Kinder einfach ausschliessen, quasi verbannen.

Kinder müssen heute immer und überall gestillt werden dürfen, schlussendlich sei das Natur pur und zu dulden. Kinder gehören dazu, sei es in der Spätvorstellung im Kino oder im Wellnesspool im Hotel. Wir lieben unsere Kinder, also sollen auch alle anderen sie lieben – und dulden. Sie rennen im Restaurant zwischen den Tischen umher, ziehen an Tischtüchern, streifen die anderen Gäste mit Ketchup-Händen. Ist doch toll. Das muss man verstehen, sie sind lebendig, sie müssen sich bewegen, das ist kindgerecht. Ein Kind, das nur still am Tisch sässe, wäre ein unterdrücktes, ein verschüchtertes, eines ohne Selbstbewusstsein und vor allem ein phlegmatisches mit absolut übergriffigen, weil dominanten Eltern. Und wer tobende Kinder nicht gutheisst, ist ein Kinderhasser, ein intoleranter Mensch.

 Müssen Kinder wirklich immer dabei sein? Muss ich beim Essen mitansehen, wie eine Mutter am Nebentisch ihr Neugeborenes stillt, und der Vater drei Tische weiter seinen Sohn auf der Bank wickelt? Heisst, Kinder zu haben, fortan keinen Schritt mehr ohne machen zu können, wollen oder dürfen?

 Ich finde das Kinderverbot an manchen Orten nicht gar so schlimm. Es darf doch durchaus kinderfreie Zonen geben, zumal sich Kinder in eher erwachsenen Bereichen eh nicht wirklich wohl fühlen oder aber sich so aufführen aus Langeweile, dass sich Erwachsene (ohne Kinder und oft sogar solche mit) nicht mehr wohl fühlen. Wieso der Anspruch, Kinder müssten immer und überall dabei sein? Wieso der Anspruch, jeder müsse die eigenen Kinder genauso süss finden wie man selber, wenn sie grad Ketchup über alles Werfen und das Ganze dann unter Geschrei nicht mehr essen wollen (wobei man just in dem Moment auch eher Mühe hat und das Süsse ganz weit hinten steht bei der Beurteilung des eigenen Nachwuchses)?

 Ich mag kinderfreie Zeit, ganz ehrlich, und wenn ich denn schon mein Kind gut betreut (und kindergerecht, wie es ihm Spass macht, versorgt habe), dann will ich nicht von anderen gestört werden in meinem Entspannen. Macht mich das zur Rabenmutter oder gar zur Kinderhasserin? Ich denke eher, es macht mich zu einem entspannteren Menschen, der nach der Ruhe auch wieder genug Nerven für den Alltag mit allen seinen Anforderungen hat. Das kommt schlussendlich auch dem Kind zugute. Wohl mehr, als wenn es in einem Fresstempel Stunden hätte ruhig sitzen müssen, nur um dabei gewesen zu sein.

Die Frage nach der Liebe

Jakob und Marie, Marie und Jakob. Wenn es den kleinen Liebesgott mit den Pfeilen auf dem Rücken wirklich geben sollte, dann sieht er jetzt zufrieden drein und lächelt noch einmal in die Runde, bevor er sich zu seinem nächsten Auftrag begibt.

Marie stolpert in einem Wiener Cafe über Jakob. Eigentlich ist Jakob mit Sonja zusammen, was er aber nicht mehr sein will und sich von ihr trennt. Nun liebt er Marie. Und das innig.

Die grosse Liebe ist austauschbar, wie alles im Leben.

Marie gibt sich in diese Beziehung hinein, denkt aber noch immer an Joe, welcher vor Jahren ihre grosse Liebe war. Joe ist tot, doch er verschwindet nicht aus ihrem Leben. Sonja lernt derweil Gery kennen, welcher der beste Freund von Joe war. Gery schwärmt heimlich für Marie, allerdings ist die als Joes Freundin tabu.

Wie leicht haben es doch diejenigen, die nicht mehr auf der Suche nach der grossen Liebe sind, die die Suche entweder aufgegeben haben oder sich mit dem begnügen, was sie einst gefunden haben. […]

Für die brennende, alles verzehrende Liebe gibt es eine Zeit, wie für alles andere auch, aber diese Zeit hat ein Ablaufdatum. […] Wirklich gross bleibt sie nur, wenn sie sich nicht erfüllt. Man muss sich daran gewöhnen, dass die grosse Liebe nicht brennt und flackert.

Vom innersten Kreis, Jakob und Marie, heraus, entwickelt Margarita Kistner ein Geflecht von Geschichten, die alle irgendwie miteinander zusammenhängen. Maries Vater, Jakobs Eltern, Joe und viele andere treten auf und in Beziehung. Der Zusammenhang zwischen ihnen enthüllt sich erst nach und nach, teilweise erst am Ende der Geschichte. Margarita Kinstner versteht es, den Leser in dieses Geflecht zu verstricken, dass er nicht mehr herausfindet und auch nicht finden will. Er will tiefer stechen und die ganze Geschichte entflechten.

 

Mit viel Sprachwitz entwickelt Margarita Kinstner eine Geschichte über die Liebe, über Verlust, über Beziehungen und über das Leben in der Grossstadt von heute. Trotz des Humors und der Spielerei, die sich in der Sprache finden, besitzt die Geschichte inhaltlich grosse Tiefe und Nachdenklichkeit. Die Charaktere des Buches sind lebensnah fassbar, man lernt sie kennen, man lebt und fühlt mit ihnen mit. Des Weitern gelingt es Kinstner, den Lokalkolorit Wiens wunderbar sprachlich einzufangen, so dass man die Stadt und seine Cafes bildlich vor sich sieht, sich in der Stadt und an den einzelnen Orten wähnt.

Fazit:
Ein mitreissendes, tiefes, witziges, unterhaltsames Buch über die Liebe, über Wien, über Menschen und ihre Beziehungen. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Margarita Kinstner
Margarita Kinstner, geboren 1976 in Wien, hat bisher in Literaturzeitschriften und Anthologien veröffentlicht. Mittelstadtrauschen ist ihr erster Roman.

 

KinstnerMIttelstadtrauschenAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: Deuticke Verlag (3. Auflage, 26. August 2013)
ISBN-Nr.: 978-3552062269
Preis: EUR  19.90 / CHF 28.70

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Des Lebens Tiefen

Als Cal beim Untergang einer Bohrplattform ums Leben kommt, steht Helen mit ihren vier Kindern von einem Tag auf den anderen alleine da. Sie sieht sich vor der Situation, das Leben, das sie gemeinsam mit ihrer grossen Liebe meistern wollte, nun alleine bestreiten zu müssen.

Wegen der Kinder verspürte Helen grossen Druck, so zu tun, als gäbe es kein Ausserhalb. Oder wenn es doch eines gab, so zu tun, als sei sie ihm entkommen. Helen wollte, dass die Kinder glaubten, sie sei drinnen, bei ihnen. Das Ausserhalb war eine hässliche Wahrheit, die sie für sich zu behalten gedachte.

Während sie nach aussen die Starke Frau markiert, für ihre Kinder eine liebevolle Mutter ist, wird sie innerlich zerfressen von dem Verlust, der Trauer. Oft sind es nur ihre Kinder, die sie davor bewahren, ihrem Mann in die Wellen zu folgen. Die Kinder werden grösser, Helen wird sogar Grossmutter, das Familienleben ist bunt, nicht immer einfach. Das Leben geht beständig weiter und es hält auch für Helen noch viel bereit, für das sie sich langsam wieder öffnen kann.

Lisa Moore gelingt mit Und wieder Februar eine Familiengeschichte, die einen ganz und gar in den Bann zieht. Ihre eigenwillige Erzählform, bei welcher aktuelle Alltagserlebnisse mit Erinnerungen durchsetzt werden, fügt Teil für Teil ein ganzes Lebens-Puzzle zusammen. Langsam wird so die Vergangenheit in die Gegenwart eingewoben, nimmt die Geschichte von Helen Raum im Heute ein und zeigt, wie dieses Heute entstanden ist. Ohne Kitsch und Pathos versteht es Lisa Moore, eine Geschichte von Verlust, Trauer, Weiterleben, Liebe und Familie zu erzählen. Es ist die Geschichte einer Frau, die nach dem Verlust ihres Mannes die gemeinsamen Kinder grosszieht und für sie stark ist, trotz ihrer Trauer um den geliebten Mann, trotz des Verlustes und der fehlenden Unterstützung durch diesen.

Fazit
Ein Buch, das einen einnimmt und nicht mehr loslässt. Sehr empfehlenswert.

Zur Autorin
Lisa Moore
Lisa Moore, 1964 in St. John’s, Neufundland, geboren, studierte Kunst am Nova Scotia College of Art and Design. Sie gilt als eine der talentiertesten Schriftstellerinnen ihrer Generation. Ihr Debütroman „Alligator“ sowie der Erzählungsband „Open“ waren nationale Bestseller. Mit „Und wieder Februar“ war sie Finalistin für den „Man Booker Prize“.

MooreFebruarAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 336 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag (19. August 2013)
Übersetzer: Kathrin Razum
ISBN: 978-3442479054
Preis: EUR  8.99/ CHF 14.90

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Kindern die Möglichkeit der eigenen Erfahrung lassen

Kinder werden immer noch früher in Schubladen gepresst, welche einzig dazu dienen, die von Erwachsenen als relevant erachteten Wissensinhalte zu lernen, möglichst nach vorgegebenen Zeitplänen. Dabei wird die Kreativität, die Neugier von Kindern, die Fähigkeit, selber zu denken und Dinge zu entdecken nach und nach unterdrückt und kaputt gemacht. Die heutigen Bildungsinhalte und Vermittlungsstrategien sind alles andere als kindgerecht, im Gegenteil, sie ignorieren das kindliche Wesen.

Die Möglichkeiten für Kinder, eigene Erfahrungen zu machen, werden immer weiter eingeschränkt. […] Auf der anderen Seite wächst der Druck auf sie, Kompetenzen zu erwerben, die aus entwicklungspsychologischer Sicht nicht altersgemäss sind.

Schaut man auf Hirn- und Lernforschung, zeigt sich deutlich, dass die Inhalte, die man selber erfahren kann, die mit der eigenen Neugier erforscht werden und zu denen man eine Beziehung aufbaut, Früchte tragen. Bietet man dem Kind eine kindgerechte Lernumgebung, unterstützt es in seinem kindeigenen Weg, Erfahrungen zu machen und die Welt zu entdecken, wird ihm das nicht nur in Hinsicht auf die eigene Persönlichkeitsentwicklung helfen, sondern es auch zu einem selbstbewussten, lebensfähigen Menschen ausbilden, der sich durch Kreativität und Neugier im Leben zurechtfindet.

Das Entlang-Gejagtwerden längs den Gleisen des Systems bildet nicht. Wir wollen Gleisleger erwecken, nicht Gleisfahrer machen.
(Martin Wagenschein)

Salman Ansari weist in diesem Buch auf die Schwächen der heutigen Bildungs- und Erziehungsstrategien hin und zeigt neue Wege auf, die dem Kind und dessen Entwicklung angepasst sind und mithelfen, dem Kind den Freiraum und die Möglichkeiten zu bieten, seine Fähigkeiten zu erkennen und auszubauen. Bildung soll, so Ansari, nicht blosses Faktenpauken sein, das von Erwachsenen auf die Kinderseele gedrückt wird und diese so unterdrückt, sondern eine Erfahrung auf einer Ebene, die das Kind seine eigenen Wege finden lässt. Kinder lernen besser und freudiger, wenn man sie bei ihrer Neugier packt und ihnen nicht alles vorgefertigt und abstrakt überstülpt.

Anhand von anschaulichen Beispielen zeigt Ansari Mittel und Wege, wie man Kinder nicht zu abgestumpften Lernmaschinen, sondern zu lernfreudigen und selber denkenden Wesen erziehen kann. Das trägt dem Artikel 29 der UN-Kinderrechtskonvention Rechnung, welcher fordert, dass Bildung darauf ausgerichtet sein soll,

die Persönlichkeit, die Begabung und die geistigen und körperlichen Fähigkeiten des Kindes voll zur Entfaltung zu bringen […und] das Kind auf ein verantwortungsbewusstes Leben in einer freien Gesellschaft im Geiste der Verständigung, des Friedens, der Toleranz, der Gleichberechtigung der Geschlechter und der Freundschaft zwischen allen Völkern und ethnischen, nationalen und religiösen gruppen sowie zu Ureinwohnern vorzubereiten [sowie] dem Kind die Achtung vor der natürlichen Umwelt zu vermitteln.

Es gilt, so Ansari, Kindern nicht vorgefertigte Antworten zu liefern, sondern sie sollen selber Antworten auf das Leben und die Umwelt finden, die sie umgeben. Auf diese Weise benutzen sie ihre Kreativität und entwickeln eigenständige Ideen. Dazu bedarf es keines herausragenden IQs, sondern stimulierender Herausforderungen.

Fazit:
Ein Buch, das Pflichtlektüre für Eltern und Erzieher an Institutionen sein sollte. Ein Buch, welches Kinder in ihrer Persönlichkeit respektiert, schützen will und Möglichkeiten aufzeigt, aus ihnen selbstbewusste, kreative und lebenstüchtige Erwachsene zu machen, sie aber auf diesem Weg Kinder sein lässt .

Zum Autor
Salman Ansari
Salman Ansari wurde 1941 in Indien geboren. Er ist promovierter Chemiker und Lernpädagoge. Nach mehr als drei Jahrzehnten an der Odenwald-Schule arbeitet er am Kieler Leibnitz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften an der Entwicklung von Unterrichtsmodellen und professionalisiertem Lehrerhandeln mit. Seit mehreren Jahren arbeitet er auch im Elementarbereich. Er ist Dozent und Buchautor. Von ihm erschienen sind unter anderem Schule des Staunens (2009) und Rettet die Neugier (2013).

AnsariNeugierAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Fischer Verlag (25. April 2013)
ISBN-Nr.: 978-3810501929
Preis: EUR  18.99 / CHF 31.90

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Lebenswogen mit Wagner

Das Ringprojekt: Drei Paare und eine Witwe mit ihre Tochter besuchen an vier aufeinander folgenden Sonntagen Wagners „Ring der Nibelungen“ in der Semper Oper in Dresden. Bei einem gemeinsamen Nachtessen wollen sie sich jeweils auf die bevorstehende Aufführung einstimmen, bei einem Treffen nach den vier Aufführungen soll eine Nachbetrachtung stattfinden.

Es ist immer dasselbe: Du planst, ich soll mitmachen. Na gut Also ich weiss nicht – vier Sonntage hintereinander Wagner? So lang. So laut. Und dann immer nach Dresden. So weit.

Alle Beteiligten haben unterschiedliche Motivationen, an diesem Projekt teilzunehmen und bei allen löst es Unterschiedliches aus. Sie sehen sich mit sich selber und ihrer Beziehung sowie den Beziehungen untereinander konfrontiert.

Wieder wanderten ihre Gedanken zur Ring-Einladung. Sie lehnte den Kopf zurück und begann zu “fantasieren“, wie sie ein inneres Mäandern bei sich nannte, das sie sonst unterdrückte. Von ihnen beiden war Thomas der Versponnene, der sich oft in seine Gedanken verlor; während sie sich als eine eher kontrollierte Frau empfand […]

Auch die Abgründe kommen ans Licht, die schwelenden negativen Gefühle in der Beziehung,

Wie Brigitte ausgesehen hatte! Wie ein Engel, die Hände erhoben: „Fürchtet euch nicht! Es ist schon gut.“ Er konnte sie provozieren, wie er wollte: Sie bleib ruhig. Der unschuldige Engel. Der wohlmeinende Engel. Der ihn immer und immer ins Unrecht setzende Engel.

sowie zwischen den Teilnehmern:

Da hatten sie nebeneinander gestanden, zwei Frauen, die eine älter aussehend, als sie war, die andere jünger. Was Annegret plötzlich wie eine Kluft empfunden hatte. Ihr eigenes Spiegelbild hatte sich zu wohl und weich neben Evas hagerem ausgenommen; […]

Annegret überliess sich dem schmerzenden Gefühl, das in ihr aufkam, schob es nicht weg. Das hatte sie gelernt in den Jahren nach Alfreds Tod.

Das Ringprojekt nimmt eine eigene Dynamik an und zieht die einzelnen Figuren immer tiefer in einen Strom, der sie einerseits zu sich selber und ihren oft unterdrückten Gefühlen und Gedanken führt, dabei aber auch auf ein Ziel hinsteuert, das so nicht voraussehbar war.

 Aus den verschiedenen Perspektiven der Teilnehmenden des Ringprojekts wird eine Geschichte erzählt, die sich am roten Faden der „Ring der Nibelungen“ orientiert und dann die Auseinandersetzung jedes einzelnen mit Wagners Stück sowie dessen Wirkung auf sich selber aufzeigt. Es wird ein Panoramablick in die Seelenleben jedes einzelnen, der die tiefgreifende Dynamik zwischen den Protagonisten offenlegt.

Karin Nohr gelingt es, die psychologischen Innenschauen und auch Abgründe der jeweiligen Figuren ohne Pathos darzustellen, sachlich, fein, leise, trotzdem so, dass man sich darin wiederfindet, sie nachvollziehen kann.

Fazit:
Ein psychologischer, lebensnaher Roman über menschliche Beziehungen. Ich kann es empfehlen.

Zur Autorin
Karin Nohr
Karin Nohr, geboren in Hamburg, studierte Literaturwissenschaft und Psychologie. Nach jahrelanger Therapietätigkeit entschied sie sich, ihre Zeit ganz dem Schreiben zu widmen. Karin Nohr hat eine Tochter und lebt in Berlin und im Wendland. Neben verschiedenen Fachbüchern sind von ihr erschienen Herr Merse bricht auf (2012) und Vier Paare und ein Ring (2013).

NohrRingAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Albrecht Knaus Verlag (18. Februar 2013)
ISBN-Nr.: 978-3813505269
Preis: EUR  19.99 / CHF 31.90

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Was schuldet man seinen Eltern? Sie haben einen auf diese Welt gebracht, sie haben einen gross gezogen, irgendwie wurde man wohl so, wie man ist, weil man Eltern hatte, die einem Möglichkeiten boten – selbst wenn sie sie nicht boten, hat man sie gefunden, weil es so war, wie es war. Durch ihr Tun oder Nichttun landete man da, wo man ist. Das heisst nicht, dass man nicht selber verantwortlich ist für das, was man heute ist, denn man hat den Weg gewählt. Hat die Möglichkeiten ergriffen, die man angeboten kriegte oder hat sie gesucht, wenn keine da waren – oder es unterlassen.

Was also schuldet man seinen Eltern? Dank? Gibt es eine Pflicht, zurückzuzahlen? Muss man sie lieben, weil sie Eltern sind? Man selber wollte nie auf diese Welt, man wurde hineingeworfen. Da sitzt man nun und ist abhängig von denen, die es taten. Und aus diesem Hineingeworfenwerden in etwas, das man nicht suchte, entsteht eine Verpflichtung auf Lebenszeit? Man schaut hin und denkt logisch und ruft laut „NEIN. Das kann nicht sein!“ Man ordnet die Argumente, alle sagen dasselbe, alle geben diesem Nein recht. Und doch fühlt man es. Man steckt da drin.

Die Schwierigkeit in dieser Sache ist, dass die Art der Schuld unbestimmt ist. Reichen monatliche Besuche? Tägliche Anrufe? Braucht es mehr? Was ist es? Was, wenn man eine andere Meinung hat, die aber nicht geduldet ist, da man ja nur das Kind ist? Wird man je erwachsen in den Augen der Eltern? Auf der einen Seite fordern sie es (Werde endlich erwachsen, mach was aus deinem Leben!), auf der anderen Seite könnten sie damit nicht umgehen (das vorher war ja ein Befehl und die ganz deutliche Aussage, dass das eigene Leben noch nicht so ist, wie es sein sollte und wie es sein sollte, wissen nur sie aus jahrelanger Erfahrung…).

Darf man Eltern hassen? Könnte man es je ohne Schuldgefühle? Wäre es nicht undankbar? Was, wenn einen die Beziehung zu ihnen zerstört? Stetig? Würde man den Kontaktabbruch unbeschadet überstehen? Ohne Schuldgefühle? Ohne den Gedanken daran, was man eigentlich sollte oder zumindest den Zweifel, ob man nicht doch müsste? Was, wenn die Versöhnung nicht mehr gelänge, plötzlich die letzte Stunde ihn verunmöglicht hätte?

Und irgendwann ist man selber Mutter/Vater von Kindern. Und man tut, was man für richtig hält. Und man will daran glauben, dass auch die eigenen Eltern das nach ihrem Dafürhalten Beste taten. Kann man ihnen vorwerfen, dass es nicht so ankam? Wird es einem das eigene Kind je vorwerfen? Wie viele Fehler wird man gemacht haben? Was bleibt zurück beim Kind? Was schuldet es einem? Dank? Zuneigung? Dasein? Einen Anruf pro Woche? Einen Besuch pro Monat? Was, wenn es nie mehr käme? Wie würde man sich fühlen? Könnte man das jemandem antun?

 

Scheidungskinder – das Thema einer TV-Sendung heute. Experten und Betroffene sprechen über das Thema, was mit Kindern passiert, wenn die Eltern sich nicht mehr verstehen und beschliessen, getrennte Wege zu gehen. Wie sieht der richtige Weg aus, was muss sein, was vermieden werden?

Eine Scheidung ist eine Vertragsaufhebung. Es folgt eine neue vertragliche Regelung, wenn Kinder im Spiel sind. Wer sorgt für das Kind, wer zahlt? Wer sieht das Kind wann und wie oft und wer bestimmt über die relevanten Dinge? Was einst natürlich wuchs, soll nun rechtlich geregelt werden (wobei natürlich auch die innerfamiliäre Lage teilweise geregelt ist). Schwarz auf weiss. Problematisch ist nur, dass egal, was steht, das tägliche Umsetzen etwas anderes ist. Die Menschen, die ihre Ehe auflösen, weil sie nicht mehr gemeinsam können, sollen nun gemeinsam weiter gehen – in Bezug auf das Kind. Das ist eine nette Idee, die durchaus ihre Grundlagen hat, da beide Elternteile weiter Elternteile bleiben. Nur  löst man eine Ehe nicht einfach so auf in den meisten Fällen. Meist sind Zerrüttung oder sonstige schwerwiegenden Probleme der ausschlaggebende Punkt. Wo also steht da das Gemeinsame? 

Eltern sollen – so die Befürworter des gemeinsamen Sorgerechtes – die Betreuungszeit besten Falls halbe-halbe ausfüllen. Wieso soll das klappen nach einer Scheidung, wenn es vorher meist nicht ging? Karriere, Hobbies, vieles stand im Weg. Die heutige gesellschaftliche Situation sieht noch immer oft so aus, dass die Hauptbetreuungslast bei den Frauen liegt und nicht bei den Männern. Und selbst engagierte Väter sind oft 100% arbeitstätig, während die Frauen prozentual oder gar nicht (für eine gewisse Zeit) ausser Haus arbeiten. Das lässt sich auch mit netten Worten wie „Qualitätszeit“ nicht negieren. 

Schlussendlich bleibt die traurige Erkenntnis: Getrennte Eltern sind für Kinder nie gut. Und für die Eltern bedeutet es ein Umdenken. Kinder brauchen Stabilität, ein Zuhause und einen Bezugspunkt. Das ständige Hin und Her wäre für sie mehr Zerreissprobe denn Segen. Zerstrittenen Eltern eine gemeinsame Entscheidung gesetzlich aufzuzwingen würde für die Kinder kaum Positives bringen. Die Streitereien, die meist schon vor der Scheidung das Familienleben prägten, wären noch immer präsent, zusätzlich zur Verarbeitung der neuen Umstände. 

Trennungen bedeuten Verlust. Verlust von Rollen, von Mustern, von Menschen und von Nähe. Von den einen will man diese, von den anderen nicht. Wenn man sich für eine Trennung entscheidet, muss man sich bewusst sein, dass man nur das ganze Paket kriegen kann. Das im Kopf könnte man dahin gehen, bewusster mit Beziehungen (gerade, wenn man Eltern eines Kindes ist) umzugehen und sie eben nicht aufs Spiel zu setzen. Das Leben wird nach einer Trennung nicht leichter. Es eröffnen sich neue Probleme. Das Leben wird nicht besser, es wird nur anders. Und für Kinder wird es nie mehr so, wie sie es verdient hätten. 

Clara. Ledig, Single, Anfang 50. Sie wünscht sich nichts sehnlicher als einen Mann. Jeder ihr ins Blickfeld kommende Mann wird als potentielles Objekt der Begierde abgecheckt. Das Zusammensein mit dem Mr. Right wird in schillernden Farben ausgemalt, sie lechzt förmlich danach. Selbst wenn sie ihn nur schnell im Supermarkt an der Kasse sah, weiss sie, dass er der Mann ihrer Träume sein könnte, mit dem sie gemeinsame Schaumbäder einlassen, in die Sterne schauen, den neusten Tatort diskutieren und die gemeinsame Zeit geniessen könnte. Sie sieht das Bild, wie sie zusammen durch die grüne Natur schlendern, an Konzerten abrocken, im Kino Taschentücher austauschen und auf der Parkbank Händchen halten vor sich. Jede freie Minute möchte sie mit ihm verbringen.

Doch er zahlt und geht. Aus den Augen, aus dem Sinn, denn in der Garage steht der nächste Anwärter, kurze braune Haare, blaue Augen, ein umwerfendes Lächeln. Mit dem würde das alles noch viel besser gehen. Die einsamen Abende wären Geschichte, die nutzlosen Sonntage ebenso. Das Leben wäre lebenswerter, angeregter, ausgefüllter, denn da wäre jemand, mit dem man es teilen könnte. Und alle Sehnsüchte werden in die potentiellen, immer wieder wechselnden, Objekte gepackt. Leider sind sie alle genauso schnell weg, wie sie kamen.

Damit sich Clara keine Blösse geben muss, propagiert sie das tolle Singleleben, schwärmt von interessanten Kontakten, hält hoch, keine Socken waschen und Hemden bügeln zu müssen. Und überhaupt, sie möchte gar keinen Mann, sicher in der nächsten Zeit. Bis – ja bis… der nächste auftaucht.

Susanne, Anfang 40, verheiratet, zwei Kinder. Es gab Zeiten, da genoss sie ihre Freiheit, flippte rum, war im Ausgang, verdrehte den Männern die Köpfe. Dann wieder Zeiten, da war sie in Beziehung. Nie ganz einfach, nie wirklich schlimm. Und dann waren da die Zeiten, da war sie alleine und hatte sich mit dem Alleinsein arrangiert, weil es ganz ok war. Sie tat, was ihr lag, meistens nicht viel Spektakuläres, sondern einfach nur das, was ihr und ihrem Rhythmus entsprach. Dieses völlige auf sich gestellt sein gefiel ihr gut. Es hätte ewig so weiter gehen können. Ab und an sah sie am Wochenende Paare gemeinsam einkaufen. Dachte, das wäre schön. Wünschte sich das kurzzeitig auch, um dann wieder die ruhigen Abende für sich zu geniessen. Und just da tauchte der Mann auf. Sie heirateten, kriegten Kinder. Der langgehegte Traum ging in Erfüllung. Was Susanne fehlte, waren die Momente für sich. Einfach mal nur sein, ohne Erklärung, ohne Rechenschaft. Mal alleine, sie für sich. Susanne hörte von Singlefreundinnen, die  Mädelsabend hatten, hörte von Abenden im Schaumbad mit Sekt und Buch, malte sich einen Abend im Gammellook vor dem TV aus. Sie schickte ihren Mann ab und an mit Kinderwagen auf Erkundungstour in die Stadt und stiess bei ihren Singlefreundinnen auf Unverständnis: Du bist nicht bei deinen Liebsten? Wieso das denn? Ich gäbe die Welt dafür. Susanne gab in dem Moment grad die Welt für ein paar Minuten durchatmen. Freiheit. Wenn auch auf Zeit.

Und immer scheinen die Trauben in Nachbars Garten süsser. Vermisst man im Singleleben die gemeinsamen Stunden, fehlen im gemeinsamen Leben die einsamen. Man neigt dazu, das Leben des anderen zu glorifizieren. Sieht in Einsamkeitsphasen nur, was einem fehlt, sieht ihn Zweisamkeitsphasen, was man mal hatte, damals nicht schätzte.

Das Leben ist nie perfekt. Man selber ist es nicht. Irgendwas fehlt immer und irgendwas ist immer zuviel. Vermutlich ist die Kunst, zu sehen, was man hat, dies zu schätzen, um dann das Zuviel und das Zuwenig zu ertragen. Ideal wäre ein Singleleben, in dem immer dann jemand da wäre, wenn man sich einsam fühlte, oder eine Beziehung, in welcher immer genau dann Abstand herrschte, wenn man diesen brauchte. Nur sind Menschen keine Batteriewesen und jeder hat seinen eigenen Rhythmus. Und so kommt es, dass man in Beziehungen oft dann alleine ist, wenn man es nicht möchte, dann zu zweit, wenn man Zeit für sich sucht. Alleine ist man oft dann einsam, wenn einem nach anderen Menschen ist, in Massen, wenn man sich verkriechen wollte.

Das mag nach einer pessimistischen Sicht aussehen. Ist es bei Weitem nicht. Zu sehen, was man Gutes hat, hilft, sich bewusst zu werden, was man braucht und sucht. Und wenn man das weiss, kann man sein Leben im Miteinander und im Alleinsein so einrichten, dass es genau das Leben ist, das einem gut tut. Geniessend, was ist, wissend, was fehlt, daran nicht verzweifelnd, sondern dankbar, dass es noch Ziele und Wünsche gibt, die das Leben vorantreiben. Im Wissen, dass man schon sehr viel hat, das gut ist. Und gewollt. Und gebraucht.