Einmal gross sein

Der kleine Dackel Gustav hat genug davon, alles nur von unten zu sehen. Einmal möchte er auch gross sein und die Dinge von oben betrachten. Als alles nichts hilft, erhält er von einem Freund den Tipp, auf die Stadtbrücke zu gehen, da er von dort einen weiten Blick über die ganze Stadt hat. Gustav zieht los durch die Stadt. Was ihn wohl erwartet?

Hans de Beer hat schon den kleinen Eisbären Lars erfunden und damit viele Kinderherzen erobert. Mit Gustav wird ihm das genauso gelingen. Der kleine Dackel mit dem roten Pullover ist süss gezeichnet und wer könnte sein Anliegen besser verstehen als ein kleiner Mensch?

Ein wunderbares Buch über das Kleinsein, über Freundschaft, Abenteuer und Geborgenheit. Untermalt wird die Geschichte mit grossformatigen Zeichnungen, die mit viel Liebe fürs Detail gezeichnet wurden. Die Figuren wirken alle freundlich und lieblich. Ein Buch, das schöne Momente und gute Gefühle mit sich bringt!

Fazit:
Ein schönes Buch mit einem liebenswerten Helden und wunderbaren Zeichnungen. Sehr empfehlenswert.

Der Autor und Illustrator
Hans de Beer
Hans de Beer, geboren 1957 in Muiden in der Nähe von Amsterdam. Nach einem kurzen Geschichtsstudium ließ sich Hans de Beer an der Kunstschule Rietveld Art Academy in Amsterdam ausbilden. Seine Examensarbeit über den kleinen Eisbären Lars bescherte de Beer 1987 weltweiten Erfolg. Seit seinem Abschluss 1984 arbeitet Hans de Beer als freier Illustrator. Er lebt mit seiner Lebenspartnerin, einer italienischen Illustratorin, in Amsterdam und in der Nähe von Florenz.

Angaben zum Buch:
DeBeerGustavGebundene Ausgabe: 32 Seiten
Verlag: NordSüd Verlag (20. August 2015)
Empfohlenes Alter: 4 – 6 Jahre
ISBN-Nr.: 978-3314103100
Preis: EUR 13.99 / CHF 19.90

Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Wir sind heute ach so tolerant. Alles was geht, muss gehen, muss akzeptiert werden, denn es geht und wir sind ja – ich sagte es bereits – tolerant. Intoleranz ist das Buhwort schlechthin und so jubeln wir bei allem, was unkonventionell ist, denn es ist neu und da erst zeigt sich der Hardcoretolerante. Da die Menschheit immer weiter forscht, ist immer mehr möglich, was toleriert werden soll und muss, um der toleranten liberalen Gesellschaftsdoktrin zu genügen – und damit fängt das Problem wohl an.

Irgendwo war mal noch Natur. Die hat etwas für uns festgelegt, das am Überleben orientiert war. Sich nun auf rein animalisch naturale Argumentationen zu versteifen wäre sicherlich arg rückständig, nur: Wohin soll und wird es führen? Der Mensch strebt danach, die Natur zu knacken und zu überlisten. Vielerorts ist es gelungen und dem verdanken wir eine gesteigerte Lebenserwartung und vieles mehr. Ganz vieles davon ist gut und wertvoll. Aber: Wie weit kann und wie weit soll man gehen? Und was sind die Konsequenzen?

Soll eine 65-Jährige Vierlinge kriegen? Ein homosexuelles Paar adoptieren dürfen? Wenn die dürfen, dürfte es eine alleinstehende 65-Jährige auch? Wenn nein, wieso darf sie dann Vierlinge kriegen? Und: Wer darf entscheiden? Und: Wo kommen Gesetze ins Spiel?

Wir streben nach Fortschritt und überfordern das Zusammenleben im Rechtsstaat damit selber. Der Forscher ist nur darum bemüht, herauszufinden, was geht. Wenn etwas geht, ändern sich Weltsichten. Wenn die sich wandeln, bemühen sie neue Gesetze. Und da prallen Welten aufeinander. Und Werte. Die einen schimpfen die andern rückständig, die andern argumentieren mit dem, was war, was natürlich ist, damit, was sie kennen. Und jeder fühlt sich im Recht – und keiner weiss, was Recht wirklich ist.

Soll ein homosexuelles Paar Kinder haben dürfen? Wenn sie es lieben und ihm alles geben: Wieso nicht? Aber könnten das nicht auch alte Menschen? Die dürfen aber nach unseren Bestimmungen kein Kind adoptieren. Wieso aber darf eine 65-Jährige dann durch künstliche Befruchtung Vierlinge kriegen? Die zu verbieten würde heissen, jungen Paaren, die keine Kinder kriegen können, die letzte Hoffnung zu nehmen. Fortschritt scheint nicht nur Segen zu sein, er ist vielmehr Herausforderung.

Ich habe auf keine meiner Fragen und Punkte Antworten. Ich sehe nur, dass jeder schnell urteilt, aber selten sich aufdrängende Fragen bedacht werden. Schwarz und weiss wäre zu einfach. Ich versuche Antworten zu finden, aber: Jeder Versuch endet in einer Sackgasse und jede Antwort bringt mehr Fragen ans Licht. Ich bin um jede Antwort, jeden Lösungsansatz dankbar – also her damit.

Ich habe mal wieder gelesen. Dieses Mal einen Artikel über unglückliche Mütter. Das Glücksgefühl werde nicht automatisch mit dem Kind mitgeliefert, heisst es. Einige Mütter bereuen den Schritt schon nach der Geburt, spätestens nach vier Jahren seien Frauen mit Kindern nicht mehr glücklicher als solche ohne. Von einem Alptraum ist gar die Rede. Und davon, dass es ein Tabuthema sei, als Mutter nicht glücklich zu sein, nicht in überbordenden Muttergefühlen zu baden.

In meinen Augen mischt der Artikel ziemlich viel. Dass es ein Tabuthema ist, mag hinkommen. Von Müttern wird landläufig erwartet, dass sie in ihrer Rolle aufgehen, viele haben auch kaum mehr andere Themen als Windeln, die Farbe deren Inhalts und die ersten Zähne, Schritte, Worte. Ich denke, dieser Druck, glücklich sein zu müssen, kann überfordern. Zusätzlich zum Kind, das sicher auch nicht immer nur pure Freude ist – spätestens nach der 5. schlaflosen Nacht in Folge, der dritten Grippe im Winter und wiederholten Trotzanfällen im Supermarkt kann sich das eine oder andere Gefühl von Müdigkeit einstellen. Wenn man sich dann nicht einfach mal Luft verschaffen kann, jammern, heulen, klagen, nagt das doppelt am Seelenkostüm. Es hilft dann auch nichts, zu hören, dass das nur eine Phase ist, denn erstens kommt die nächste bestimmt, wenn diese fertig ist, und zweitens nervt die – und zwar jetzt und in dem Moment.

Nun aber dahin zu gehen und zu finden, ein Leben ohne Kinder wäre die bessere Wahl gewesen, zeugt von wenig erwachsener Einstellung. Keiner wurde gezwungen, Kinder in die Welt zu setzen. Und klar kann man nicht alle Veränderungen und Konsequenzen vorhersehen, wirklich spürbar werden sie, wenn das Kind da ist. Und doch: Dass es anders wird, weiss man hinlänglich, dass Kinder zahnen, nicht durchschlafen, toben, trotzen und vieles mehr, ist auch nicht die neuste Erkenntnis, sondern ziemlich bekannt.

Ja, Kinder zu haben, ist nicht nur eitel Sonnenschein, sondern Arbeit, Aufgabe, Verantwortung. Es ist Einschränkung in vielem, oft Geld, immer Zeit, sehr viel Freiheit. Da nun zu kommen, sie gäben einem auch viel, stimmt zwar, ist aber nicht immer spürbar, da sie hauptsächlich viel nehmen – was in der Natur der Sache liegt. Sie brauchen ihre Eltern in ganz vielen Lebenslagen und bei Lebensnotwendigkeiten, wären aufgeschmissen ohne diese. Also alles nur Plage und Last? Sicher nicht.

Ich denke, es ist beim Kinderkriegen wie bei allem anderen im Leben: Man kann nie alles haben. Alles im Leben hat seinen Preis und den muss man zahlen. Im Nachhinein zu jammern und zu finden, dass man sich das anders vorgestellt hätte und so lieber die Uhr zurückdrehte, ist etwas kurzsichtig. Und vor allem auch den Kindern gegenüber unfair, da diese Einstellung sicher dann und wann durchdrückt – im Stile von: Wenn du nicht wärst/gewesen wärst… Ich bin überzeugt, hätte man damals anders gewählt, würde man heute jammern, dass eben das Kind fehlt. Man keinen hätte, der einen besucht im Alter, man nie mit liebendem Blick angehimmelt wird und keine kleinen Ärmchen um den Hals spürt.

Es liegt wohl eher in der Natur der (zumindest gewisser) Menschen, immer dem nachzutrauern, das sie nicht haben. Kinder zu haben, ist sicher nicht die einzig glückselig machende Form des Lebens. Ich könnte mir ein Leben ohne Kind gut vorstellen, stünde ich heute erneut vor dieser Frage. Allerdings stehe ich nicht da, mein Kind ist 12 Jahre alt. Und es waren, logischerweise, wunderbare, anstrengende, glückliche, müde, fröhliche, sorgenvolle, unbeschwerte Jahre – das ganz normale, bunte Leben halt. Ein Leben ohne dieses Kind wäre für mich das Schlimmste überhaupt, heute betrachtet, da ich genau dieses Kind habe. Ein anderes würde ich nicht wollen, aber dieses unbedingt!

Wollen wir sein, wer wir sind?

Severin hörte Isa die Treppe herunterkommen. Sie lebten seit vielen Jahren in dem grossen Haus, doch Severin hätte die Schritte seiner Frau auch unter vielen anderen sogleich erkannt.

Isa Lerch, erfolgreiche Radiomoderatorin am Ende ihrer Karriere, und Severin, passionierter Künstler, sind seit vielen Jahren verheiratet. Glücklich. Sie haben zwei Kinder, die beide schon ausser Haus leben, beide haben einen völlig anderen Weg als ihre Eltern eingeschlagen, haben sich für ein bürgerliches Leben entschieden. Eine Flucht?

Auch wenn Isa und Severin beide in ihren Projekten aufgehen, sich oft kaum sehen, ist die Liebe präsent.

Severin begehrte Isa noch immer.
Doch sie waren kein symbiotisches Paar, nie gewesen. Es war das erste Mal in dieser Woche, dass sich Isa und Severin am Tisch gegenübersassen, es war Freitag.

Isa und Severin stehen vor einem neuen Lebensabschnitt. Die glänzenden Jahren gehen ihrem Ende zu, die Kinder sind gross, das Alter steht vor der Tür. Die Zeit eines solchen Umbruchs ist immer auch die Zeit der (Rück-)Besinnung: Wie haben wir gelebt? War es das Leben, das wir wollten? Wohin führt der Weg jetzt? Wo stehen wir?

Silvio Blatter versteht es in seinem neusten Roman Wir zählen unsere Tage nicht, das Leben von Eva und Severin an der Schwelle in eine neue Zeit in einer klaren Sprache, tiefgründig und doch einfach, fast beiläufig, dabei weder oberflächlich noch distanziert, zu erzählen.

Der Sohn liebte die Mutter.
Mit dem Vater hatte er Schwierigkeiten. Der Vater kam ihm zu nah. Oder er kam gar nicht an ihn heran. Sie waren beide überempfindlich. Es fehlte ihnen das Gespür für die Distanz. Dabei liebte Mathias auch seinen Vater. Leider nicht immer gleich stark, und heute liebte er ihn gar nicht.

Es ist ein Roman, der Gegensätze aufgreift wie alt und jung, Bürger und Künstler, Eltern und Kinder. Es geht um Beziehungen zwischen Generationen, zwischen Geschlechtern, innerhalb von Familien und im Beruf. Es ist die Geschichte von solchen, die gehen, und anderen, die kommen – und von der Beziehung zwischen ihnen. Einfühlsam legt Blatter dem Leser das Innenleben seiner Figuren offen, zeigt ihre Beweggründe, ihre Ängste, ihre Hoffnungen. Er lässt den Leser mitfühlen und auch verstehen – ab und an auch wiedererkennen. Dabei driftet er nie ins Psychologisierende ab, lässt der Geschichte eine gewisse Leichtigkeit. Ganz grosse Schreibkunst!

Fazit:
Tiefgründige Analyse vom Leben, von der Liebe, von Familie, Beruf und dem Umgang mit dem Älterwerden. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Silvio Blatter
Silvio Blatter wurde am 25. Januar 1946 in Bremgarten (AG) als Sohn einer Arbeiterfamilie geboren. Nach dem Besuch der Bezirksschule absolviert er das Lehrerseminar, unterrichtet anschliessend, um dann einige Monate in der Metallindustrie zu arbeiten. Es folgen sechs Semester Germanistik an der Universität Zürich, um wieder in die Industrie zurückzukehren. 1975 absolvierte Blatter beim Schweizer Radio DRS eine Ausbildung zum Hörspielregisseur und liess sich nach Aufenthalten in Amsterdam und Husum als Schriftsteller in Zürich nieder. Heute pendelt der Autor zwischen Malerei und Schriftstellerei, lebt in Zürich und München.

 

Angaben zum Buch:
BlatterGebundene Ausgabe: 304 Seiten
Verlag: Piper Verlag (9. März 2015)
ISBN-Nr.: 978-3492056458
Preis: EUR 19.99 / CHF 29.90

 

Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

 Es gibt Restaurants, in denen Kinder (vor allem in sie beinhaltenden Wagen) nicht geduldet sind. Auch andere Lokalitäten bestehen darauf, kinderfrei zu bleiben. Ein Aufschrei macht die Runde, wie man nur so kinderfeindlich sein könne und Kinder einfach ausschliessen, quasi verbannen.

Kinder müssen heute immer und überall gestillt werden dürfen, schlussendlich sei das Natur pur und zu dulden. Kinder gehören dazu, sei es in der Spätvorstellung im Kino oder im Wellnesspool im Hotel. Wir lieben unsere Kinder, also sollen auch alle anderen sie lieben – und dulden. Sie rennen im Restaurant zwischen den Tischen umher, ziehen an Tischtüchern, streifen die anderen Gäste mit Ketchup-Händen. Ist doch toll. Das muss man verstehen, sie sind lebendig, sie müssen sich bewegen, das ist kindgerecht. Ein Kind, das nur still am Tisch sässe, wäre ein unterdrücktes, ein verschüchtertes, eines ohne Selbstbewusstsein und vor allem ein phlegmatisches mit absolut übergriffigen, weil dominanten Eltern. Und wer tobende Kinder nicht gutheisst, ist ein Kinderhasser, ein intoleranter Mensch.

 Müssen Kinder wirklich immer dabei sein? Muss ich beim Essen mitansehen, wie eine Mutter am Nebentisch ihr Neugeborenes stillt, und der Vater drei Tische weiter seinen Sohn auf der Bank wickelt? Heisst, Kinder zu haben, fortan keinen Schritt mehr ohne machen zu können, wollen oder dürfen?

 Ich finde das Kinderverbot an manchen Orten nicht gar so schlimm. Es darf doch durchaus kinderfreie Zonen geben, zumal sich Kinder in eher erwachsenen Bereichen eh nicht wirklich wohl fühlen oder aber sich so aufführen aus Langeweile, dass sich Erwachsene (ohne Kinder und oft sogar solche mit) nicht mehr wohl fühlen. Wieso der Anspruch, Kinder müssten immer und überall dabei sein? Wieso der Anspruch, jeder müsse die eigenen Kinder genauso süss finden wie man selber, wenn sie grad Ketchup über alles Werfen und das Ganze dann unter Geschrei nicht mehr essen wollen (wobei man just in dem Moment auch eher Mühe hat und das Süsse ganz weit hinten steht bei der Beurteilung des eigenen Nachwuchses)?

 Ich mag kinderfreie Zeit, ganz ehrlich, und wenn ich denn schon mein Kind gut betreut (und kindergerecht, wie es ihm Spass macht, versorgt habe), dann will ich nicht von anderen gestört werden in meinem Entspannen. Macht mich das zur Rabenmutter oder gar zur Kinderhasserin? Ich denke eher, es macht mich zu einem entspannteren Menschen, der nach der Ruhe auch wieder genug Nerven für den Alltag mit allen seinen Anforderungen hat. Das kommt schlussendlich auch dem Kind zugute. Wohl mehr, als wenn es in einem Fresstempel Stunden hätte ruhig sitzen müssen, nur um dabei gewesen zu sein.

Die Frage nach der Liebe

Jakob und Marie, Marie und Jakob. Wenn es den kleinen Liebesgott mit den Pfeilen auf dem Rücken wirklich geben sollte, dann sieht er jetzt zufrieden drein und lächelt noch einmal in die Runde, bevor er sich zu seinem nächsten Auftrag begibt.

Marie stolpert in einem Wiener Cafe über Jakob. Eigentlich ist Jakob mit Sonja zusammen, was er aber nicht mehr sein will und sich von ihr trennt. Nun liebt er Marie. Und das innig.

Die grosse Liebe ist austauschbar, wie alles im Leben.

Marie gibt sich in diese Beziehung hinein, denkt aber noch immer an Joe, welcher vor Jahren ihre grosse Liebe war. Joe ist tot, doch er verschwindet nicht aus ihrem Leben. Sonja lernt derweil Gery kennen, welcher der beste Freund von Joe war. Gery schwärmt heimlich für Marie, allerdings ist die als Joes Freundin tabu.

Wie leicht haben es doch diejenigen, die nicht mehr auf der Suche nach der grossen Liebe sind, die die Suche entweder aufgegeben haben oder sich mit dem begnügen, was sie einst gefunden haben. […]

Für die brennende, alles verzehrende Liebe gibt es eine Zeit, wie für alles andere auch, aber diese Zeit hat ein Ablaufdatum. […] Wirklich gross bleibt sie nur, wenn sie sich nicht erfüllt. Man muss sich daran gewöhnen, dass die grosse Liebe nicht brennt und flackert.

Vom innersten Kreis, Jakob und Marie, heraus, entwickelt Margarita Kistner ein Geflecht von Geschichten, die alle irgendwie miteinander zusammenhängen. Maries Vater, Jakobs Eltern, Joe und viele andere treten auf und in Beziehung. Der Zusammenhang zwischen ihnen enthüllt sich erst nach und nach, teilweise erst am Ende der Geschichte. Margarita Kinstner versteht es, den Leser in dieses Geflecht zu verstricken, dass er nicht mehr herausfindet und auch nicht finden will. Er will tiefer stechen und die ganze Geschichte entflechten.

 

Mit viel Sprachwitz entwickelt Margarita Kinstner eine Geschichte über die Liebe, über Verlust, über Beziehungen und über das Leben in der Grossstadt von heute. Trotz des Humors und der Spielerei, die sich in der Sprache finden, besitzt die Geschichte inhaltlich grosse Tiefe und Nachdenklichkeit. Die Charaktere des Buches sind lebensnah fassbar, man lernt sie kennen, man lebt und fühlt mit ihnen mit. Des Weitern gelingt es Kinstner, den Lokalkolorit Wiens wunderbar sprachlich einzufangen, so dass man die Stadt und seine Cafes bildlich vor sich sieht, sich in der Stadt und an den einzelnen Orten wähnt.

Fazit:
Ein mitreissendes, tiefes, witziges, unterhaltsames Buch über die Liebe, über Wien, über Menschen und ihre Beziehungen. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Margarita Kinstner
Margarita Kinstner, geboren 1976 in Wien, hat bisher in Literaturzeitschriften und Anthologien veröffentlicht. Mittelstadtrauschen ist ihr erster Roman.

 

KinstnerMIttelstadtrauschenAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: Deuticke Verlag (3. Auflage, 26. August 2013)
ISBN-Nr.: 978-3552062269
Preis: EUR  19.90 / CHF 28.70

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

 

 

Des Lebens Tiefen

Als Cal beim Untergang einer Bohrplattform ums Leben kommt, steht Helen mit ihren vier Kindern von einem Tag auf den anderen alleine da. Sie sieht sich vor der Situation, das Leben, das sie gemeinsam mit ihrer grossen Liebe meistern wollte, nun alleine bestreiten zu müssen.

Wegen der Kinder verspürte Helen grossen Druck, so zu tun, als gäbe es kein Ausserhalb. Oder wenn es doch eines gab, so zu tun, als sei sie ihm entkommen. Helen wollte, dass die Kinder glaubten, sie sei drinnen, bei ihnen. Das Ausserhalb war eine hässliche Wahrheit, die sie für sich zu behalten gedachte.

Während sie nach aussen die Starke Frau markiert, für ihre Kinder eine liebevolle Mutter ist, wird sie innerlich zerfressen von dem Verlust, der Trauer. Oft sind es nur ihre Kinder, die sie davor bewahren, ihrem Mann in die Wellen zu folgen. Die Kinder werden grösser, Helen wird sogar Grossmutter, das Familienleben ist bunt, nicht immer einfach. Das Leben geht beständig weiter und es hält auch für Helen noch viel bereit, für das sie sich langsam wieder öffnen kann.

Lisa Moore gelingt mit Und wieder Februar eine Familiengeschichte, die einen ganz und gar in den Bann zieht. Ihre eigenwillige Erzählform, bei welcher aktuelle Alltagserlebnisse mit Erinnerungen durchsetzt werden, fügt Teil für Teil ein ganzes Lebens-Puzzle zusammen. Langsam wird so die Vergangenheit in die Gegenwart eingewoben, nimmt die Geschichte von Helen Raum im Heute ein und zeigt, wie dieses Heute entstanden ist. Ohne Kitsch und Pathos versteht es Lisa Moore, eine Geschichte von Verlust, Trauer, Weiterleben, Liebe und Familie zu erzählen. Es ist die Geschichte einer Frau, die nach dem Verlust ihres Mannes die gemeinsamen Kinder grosszieht und für sie stark ist, trotz ihrer Trauer um den geliebten Mann, trotz des Verlustes und der fehlenden Unterstützung durch diesen.

Fazit
Ein Buch, das einen einnimmt und nicht mehr loslässt. Sehr empfehlenswert.

Zur Autorin
Lisa Moore
Lisa Moore, 1964 in St. John’s, Neufundland, geboren, studierte Kunst am Nova Scotia College of Art and Design. Sie gilt als eine der talentiertesten Schriftstellerinnen ihrer Generation. Ihr Debütroman „Alligator“ sowie der Erzählungsband „Open“ waren nationale Bestseller. Mit „Und wieder Februar“ war sie Finalistin für den „Man Booker Prize“.

MooreFebruarAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 336 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag (19. August 2013)
Übersetzer: Kathrin Razum
ISBN: 978-3442479054
Preis: EUR  8.99/ CHF 14.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH