Wir hatten ja das Znüni-Problem. Das Kind hatte sich erlaubt, quer über den Schulhof zu laufen und am anderen Ende desselben im Supermarkt seine Zwischenverpflegung preiswert und lecker (im Gegensatz zum Mensaznüni, der ungeniessbar und teuer wäre) zu kaufen. Dafür erntete er Nachsitzen und soziale Arbeit. Am Morgen und über Mittag haben die Schüler hier ganz andere Wege zu bewältigen, wir leben in einer Grossstadt. Man kann sagen, die Aufsichtspflicht wäre schwer, dürften die Kinder einfach den Schulplatz verlassen (wobei der Supermarkt wirklich am Rande desselben ist). Über Mittag bleiben aber ein paar in der Schule, sind quasi am Mittagstisch und damit der Aufsicht übergeben. Sie dürfen dann doch gehen. Weil es ja die Mittagspause ist und einige gehen wollen/können/müssen.

Nun schrieb mir die Lehrerin. Erklärte mir, das sei so von wegen Aufsichtspflicht und sei auch mit der Schulleitung abgesprochen. Der Entschluss stehe. Nicht verrückbar. Ich verstehe es (sprachlich schon, rational jedoch) nicht, kenne aber das Schweizer Schulsystem und weiss: Menschenverstand gilt nicht, man liebt Formalismus. Und: Mal Festgesetztes sitzt. Starr. Und: Ich würde mich im Umgang damit nur aufregen und dazu ist mir meine Zeit zu schade. Wenn ich denke, was ich da alles Positives machen könnte? Und das aufgeben für einen Znüni? Für mich war’s abgehakt. Kind geht nicht mehr vom Schulplatz, will nun aber keine Zwischenmahlzeit mehr essen (finde ich nicht sinnvoll, aber nun denn…).

Da kommt von der Lehrerin eine SMS, ich solle mich doch bitte mit dem Schulleiter in Verbindung setzen. Er könne mir dann nochmals ganz genau erklären, wieso der Entschluss so sei, wie er sei. Ich sitze hier, weiss nicht, ob ich nun lachen oder weinen soll. Was genau soll mir das bringen? Doppelt erklärter Unsinn wird nicht besser. Und wenn er unverrückbar ist, verschwende ich meine Zeit sicher nicht damit. Ich hoffe, ich muss nun nicht zum Nachsitzen, weil ich der Aufforderung nicht nachkomme. Wenn ihr nichts mehr lest von mir, tanze ich im Schulhausareal eine Entschuldigung und binde dabei gemeinnützig Bücher ein. Oder so ähnlich.

Ich habe mal wieder gelesen. Dieses Mal einen Artikel über unglückliche Mütter. Das Glücksgefühl werde nicht automatisch mit dem Kind mitgeliefert, heisst es. Einige Mütter bereuen den Schritt schon nach der Geburt, spätestens nach vier Jahren seien Frauen mit Kindern nicht mehr glücklicher als solche ohne. Von einem Alptraum ist gar die Rede. Und davon, dass es ein Tabuthema sei, als Mutter nicht glücklich zu sein, nicht in überbordenden Muttergefühlen zu baden.

In meinen Augen mischt der Artikel ziemlich viel. Dass es ein Tabuthema ist, mag hinkommen. Von Müttern wird landläufig erwartet, dass sie in ihrer Rolle aufgehen, viele haben auch kaum mehr andere Themen als Windeln, die Farbe deren Inhalts und die ersten Zähne, Schritte, Worte. Ich denke, dieser Druck, glücklich sein zu müssen, kann überfordern. Zusätzlich zum Kind, das sicher auch nicht immer nur pure Freude ist – spätestens nach der 5. schlaflosen Nacht in Folge, der dritten Grippe im Winter und wiederholten Trotzanfällen im Supermarkt kann sich das eine oder andere Gefühl von Müdigkeit einstellen. Wenn man sich dann nicht einfach mal Luft verschaffen kann, jammern, heulen, klagen, nagt das doppelt am Seelenkostüm. Es hilft dann auch nichts, zu hören, dass das nur eine Phase ist, denn erstens kommt die nächste bestimmt, wenn diese fertig ist, und zweitens nervt die – und zwar jetzt und in dem Moment.

Nun aber dahin zu gehen und zu finden, ein Leben ohne Kinder wäre die bessere Wahl gewesen, zeugt von wenig erwachsener Einstellung. Keiner wurde gezwungen, Kinder in die Welt zu setzen. Und klar kann man nicht alle Veränderungen und Konsequenzen vorhersehen, wirklich spürbar werden sie, wenn das Kind da ist. Und doch: Dass es anders wird, weiss man hinlänglich, dass Kinder zahnen, nicht durchschlafen, toben, trotzen und vieles mehr, ist auch nicht die neuste Erkenntnis, sondern ziemlich bekannt.

Ja, Kinder zu haben, ist nicht nur eitel Sonnenschein, sondern Arbeit, Aufgabe, Verantwortung. Es ist Einschränkung in vielem, oft Geld, immer Zeit, sehr viel Freiheit. Da nun zu kommen, sie gäben einem auch viel, stimmt zwar, ist aber nicht immer spürbar, da sie hauptsächlich viel nehmen – was in der Natur der Sache liegt. Sie brauchen ihre Eltern in ganz vielen Lebenslagen und bei Lebensnotwendigkeiten, wären aufgeschmissen ohne diese. Also alles nur Plage und Last? Sicher nicht.

Ich denke, es ist beim Kinderkriegen wie bei allem anderen im Leben: Man kann nie alles haben. Alles im Leben hat seinen Preis und den muss man zahlen. Im Nachhinein zu jammern und zu finden, dass man sich das anders vorgestellt hätte und so lieber die Uhr zurückdrehte, ist etwas kurzsichtig. Und vor allem auch den Kindern gegenüber unfair, da diese Einstellung sicher dann und wann durchdrückt – im Stile von: Wenn du nicht wärst/gewesen wärst… Ich bin überzeugt, hätte man damals anders gewählt, würde man heute jammern, dass eben das Kind fehlt. Man keinen hätte, der einen besucht im Alter, man nie mit liebendem Blick angehimmelt wird und keine kleinen Ärmchen um den Hals spürt.

Es liegt wohl eher in der Natur der (zumindest gewisser) Menschen, immer dem nachzutrauern, das sie nicht haben. Kinder zu haben, ist sicher nicht die einzig glückselig machende Form des Lebens. Ich könnte mir ein Leben ohne Kind gut vorstellen, stünde ich heute erneut vor dieser Frage. Allerdings stehe ich nicht da, mein Kind ist 12 Jahre alt. Und es waren, logischerweise, wunderbare, anstrengende, glückliche, müde, fröhliche, sorgenvolle, unbeschwerte Jahre – das ganz normale, bunte Leben halt. Ein Leben ohne dieses Kind wäre für mich das Schlimmste überhaupt, heute betrachtet, da ich genau dieses Kind habe. Ein anderes würde ich nicht wollen, aber dieses unbedingt!

Heute erhielt ich eine Mail. Adressiert an Frau Dr. XXXX. Noch heute liest sich der Titel komisch, nach nunmehr vier Jahren, die ich ihn trage. Einerseits freut es mich, dass ich es trotz aller Widrigkeiten geschafft habe, ihn zu kriegen, andererseits ist es mir irgendwie peinlich, ihn zu führen. Meist verschweige ich ihn, ihn zu nennen fühlt sich so grosskotzig an.

Ich schloss mein Studium unter erschwerten Umständen als Alleinerziehende mit Kleinkind ab. Eigentlich wäre mein Traum gewesen, zu promovieren, aber unter den Bedingungen? Von den Einen hörte ich, ich hätte nun lange genug studiert, ich solle endlich mal arbeiten (ich hatte mein Studium mit sehr viel Arbeit nebenher verdient), von anderen kriegte ich zu hören, dass ein solcher Titel eh nichts bringe und ich mir diese Träume nicht leisten könne.

Und ja, ich konnte es mir nicht leisten, wenn ich nicht eine Möglichkeit fand, wie die Arbeit an meiner Dissertation bezahlt war. Ich hatte Glück und fand sie: Zuerst erhielt mein Forschungsantrag ein Stipendium für ein Jahr, dann eines für zwei Jahre vom SNF. Zwar musste ich auch da wieder kämpfen, da gewisse Herren in gewissen Positionen meinten, als alleinerziehende Mutter könne ich das eh nicht schaffen und würde die gesprochenen Gelder nur für Schoppenmilch und Windeln ausgeben (SIC!), aber ich packte diese Hürde. Und alle späteren auch. Tagsüber war ich Mutter, nachts wälzte ich Bücher. Zwischendrin raste ich als freie Journalistin durch die Gegend und schrieb Artikel.

Die Arbeit war im Kasten, die Promotion gelungen. Freude? Wollte irgendwie nicht aufkommen. Gefeiert wurde der Abschluss nie. Was ich zu hören kriegte, waren spöttische Fragen, ob man mich nun Frau Doktor nennen müsse, oder, ob ich bei der Prüfung einen kurzen Rock getragen und dem Professor schöne Augen gemacht hätte. Was ich auch hörte war, ob ich nun endlich lange genug zur Schule gegangen sei und es mal mit Arbeit versuchen wolle.

Und da sitze ich also. Die Mail vor mir. Und ja, irgendwie bin ich stolz, habe ich den Weg gemacht. Ich bin stolz, trotzte ich allen Widrigkeiten. Ich bin aber auch traurig. Tief drin hätte ich es schön gefunden, hätte mal irgendjemand gesagt, er sei stolz auf mich. Hätte mit mir gefeiert. Auf den Abschluss angestossen. Die Zeit zurückdrehen kann ich nicht. Aber ich kann endlich mal hinstehen und sagen: Ja, ich habe diesen Titel und ich bin verdammt stolz darauf. Ich habe ihn hart erarbeitet und ich darf ihn tragen. Niemand muss mich so nennen, aber es muss sich auch niemand darüber lustig machen.

Das wäre ein guter Anfang. Und danach packe ich alle anderen wunden Punkte an und lasse mir nirgends mehr die Butter vom Brot nehmen.

Was zählt im Leben

Heute ist der erste Schultag nach dem Tod meiner Mutter. Ich steige die Treppe zu meinem Klassenraum hinauf und spüre, wie mich alle anstarren. ich bemühe mich, möglichst normal zu wirken, obgleich ich mich fühle, als hätte die Welt mir mein innerstes Geheimnis entrissen.

Als Alessandra 17 Jahre alt ist, verliert sie ihre Mutter nach langer Krebskrankheit und bleibt bei ihrer Grossmutter zurück. Alessandra kann nicht einfach weiter machen wie bislang, sie entzieht sich dem bislang gelebten Leben und verzieht sich in eine eigene Welt. Was im Aussen nur als neuer Platz im Schulzimmer aussieht, nämlich die hinterste Bank neben dem Klassen-Loser Zero, entwickelt sich nach und nach zu einer Suche nach einem neuen Dasein.

Nach Hause zu kommen ist immer das Schwerste. Alles ist so still und ordentlich, als wäre die Zeit an jenem Tag stehengeblieben.

Dabei rebelliert Alessandra gegen alles und jeden, gegen das Leben an sich, trotzdem kann sie ihrer Erinnerung nicht entkommen.

Das Letzte, woran ich denke, ehe der Schlaf mich übermannt, ist, dass ich auf der Flucht in einem Käfig lebe.

Alessandra muss sich ihren Gefühlen stellen, kann ihnen nicht mehr davon rennen und findet dabei heraus, was wirklich zählt im Leben.

Der Regen in deinem Zimmer ist ein sehr nachdenkliches Buch, das in einer klaren Sprache, ohne Pathos, ohne zu viel Emotionalität oder Psychologisierung der Figuren und Situationen den Umgang eines Teenagers mit dem Verlust seiner Mutter und damit mit dem Auseinanderbrechen der eigenen gewohnten Welt erzählt.

Fazit:
Ein tiefgründiges, stilles Buch, das zum Nachdenken anregt. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Paola Predicatori
Paola Predicatori, geboren in Senigallia (Marken), ist Buchhändlerin und lebt in Mailand. „Der Regen in deinem Zimmer“ ist ihr erster Roman.

 

PredicatoriRegenAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 238 Seiten
Verlag: Aufbau Verlag (1. März 2013)
Übersetzung: Verena von Koskull
ISBN-Nr.: 978-3351035204
Preis: EUR  16.99 / CHF 26

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE oder BOOKS.CH

 

 

 

 

 

 

Liebe in Auszeiten

Gerhild verliebt sich in Friedrich. Das wäre nicht gar so aussergewöhnlich, wäre Friedrich nicht als „Bestie vom Schwarzwald“ bekannt und ein verurteilter Vergewaltiger und Mörder und Gerhild die Mutter eines erwachsenen Sohnes, welcher versucht, seine Mutter und deren Liebe zu verstehen.

Vielleicht wird sich der eine oder andere fragen, wie es für mich war, als ich erfuhr, dass meine Mutter diesen Mann offensichtlich liebte. Weil es doch nicht zu verstehen ist. Ein Mensch, der die Nähe eines Mörders sucht, sich in seine Arme sehnt, mit dem kann etwas nicht stimmen. Und dann handelt es sich bei diesem Menschen auch noch um die eigene Mutter. Noch dazu eine Mutter, die bis dahin jegliche Nähe gemieden hat. Ich könnte es mir einfach machen und sagen: Ich war eifersüchtig.

Gerhild und Friedrich teilen die gemeinsamen Momente auf Friedrichs Freigängen. Auf diesen Ausflügen lernen sie sich kennen und lieben. Diese Liebe macht Gerhild zu einer Aussenseiterin, niemand will etwas mit einer Frau zu tun haben, die ein offensichtliches Monster liebt. Dies und auch die Kenntnis von Friedrichs Geschichte bestätigt Gerhilds Sicht, dass es die Umstände waren, die Friedrich zu dem machten, was er wurde, dass es nicht seine Schuld war. Vor allem aber erkannte sie, dass gewisse Fehler von der Gesellschaft  nie verziehen werden.

Sie ärgerte sich über die Verlogenheit. Sie sprachen von Resozialisierung, in Wirklichkeit ging es ums Wegschliessen, am besten für immer. Das nannte sich dann Sicherheitsverwahrung. Was hinter den Gefängnismauern geschah, interessierte die Gesellschaft nicht.

Eine eindringliche Geschichte erzählt von Gerhilds Sohn. Stimmig aufgebaut, flüssig erzählt, vom Erzählfluss her still und doch mitreissend. Ljubic gelingt es, die Psychologie einer ungewöhnlichen und auch unakzeptierten Liebe zu erzählen, ohne dabei psychologisierend zu wirken, der Verzicht auf Innenansichten und tiefschürfende Analysen lässt dem Leser die Möglichkeit, sich selber in die Figuren einzufühlen, die sich in ihrem Tun und Sein offenbaren.

 

Fazit:
Ein eindringlicher, psychologischer, tiefgründiger Roman. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Nicol Ljubić
Nicol Ljubić, 1971 in Zagreb geboren, wuchs in Schweden, Griechenland, Russland und Deutschland auf. Er studierte Politikwissenschaften und arbeitet als freier Journalist und Autor. Für seine Reportagen wurde er mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Theodor-Wolff-Preis. 2010 erschien mit ›Meeresstille‹ sein zweiter Roman, für den er 2011 den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis sowie den Verdi-Literaturpreis erhielt. Zuletzt gab er die Anthologie ›Schluss mit der Deutschenfeindlichkeit‹ heraus. Nicol Ljubić lebt in Berlin.

 

ljubicAlswäreAngaben zum Buch:
Broschiert: 224 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. Februar 2014)
ISBN-Nr.: 978-3423142892
Preis: EUR  9.90 / CHF 16.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online unter anderem bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

 

 

 

Der eigenen Geschichte auf der Spur

Sie war siebzehn, als sie verschwand, drei jahre nach meiner Geburt. […] Als ich von ihrem Tod erfuhr, kam sie mir das erste Mal halbwegs real vor.

Eine junge Frau erfährt mit 17 Jahren, dass ihre Mutter Lily, die vor 14 Jahren abgehauen ist, gestorben ist. Aufgewachsen beim Vater, der sich kaum um sie gekümmert hat, suchte sie Zuflucht im Schmerz und in Prügeleien, welche ihr berechenbarer vorkamen als Gefühle, welche sie nie wirklich kennen lernte. Das eigene Leben steckt in einer Sackgasse, nachdem sie von der Schule geflogen ist. Mit der geklauten Kreditkarte macht sich die junge Frau auf den Weg nach Los Angeles und will da mehr über ihre Mutter erfahren.

Im pinken Hotel ihrer Mutter stösst sie auf deren Totenwache, eine Party mit Menschen, welche durch Alkohol und Drogen mehr oder weniger weggetreten sind. Um ein Andenken an ihre Mutter zu haben, klaut sie deren roten Koffer und verlässt die Totenwache, wird dabei allerdings gesehen und später deswegen verfolgt. Eine Reise in die eigene Vergangenheit beginnt. Die junge Frau sucht die Menschen auf, welche ihre Mutter gekannt haben und kommt ihr so durch die Erzählungen näher. Und jedes Mosaiksteinchen hin zum Bild der Mutter bringt sie auch näher zu sich selber. Auf ihrer Suche nach der Mutter und sich selber trifft sie auch auf die Liebe. Vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben fühlt sie ein Gefühl wie dieses. Doch noch immer traut sie ihm nicht, braucht den Schmerz, sucht ihn.

Ich liebte ihn. Meine Haut sehnte sich danach, dass er mir weh tat, doch ich bat ihn nicht darum. Mir war zwar bewusst, dass ich beim war, ihn küsste, ihn berührte, doch manchmal wollte ich für unsere Verbindung und für meine physische Existenz stärkere Beweise haben. Ich existierte mehr, wenn er mich berührte. Doch ich war auf Schmerzen aus. Ich wollte den beweis, den Schmerz, die rauschhafte Gewissheit haben, mit einem anderen Menschen verbunden zu sein.

Eines Tages ist der Mann, den sie liebt, weg und ihre Suche nach der Mutter geht weiter. Die Antworten, welche sie auf ihre Fragen kriegt, bringen eine schreckliche Wahrheit ans Licht.

Ich glaube, es ist wirklich sehr schwierig, sich mit der Wahrheit auszukennen. Die Wahrheit zu sagen, ist genauso schwierig wie sie in einem anderen Menschen zu erkennen.

Die Geschichte einer jungen Frau auf der Suche nach sich selber. Über einige Unstimmigkeiten und sprachliche Fehler schaut man gerne hinweg. Man findet sich im Sog dieser Suche der Tochter, welche die nie gekannte Mutter kennen lernen will, um so auch mehr über sich zu erfahren. Man sieht auf diesem Weg, wie zwei völlig unterschiedliche Wesen immer ähnlicher werden. Die junge Frau, die durch die ganze Geschichte hindurch namenlos bleibt, entwickelt sich von einem unscheinbaren Wesen, das von andern übersehen und nicht wahrgenommen wird, hin zu einer Frau, die ihren Weg für sich findet. Als Leser kann man teilhaben an ihrem reichen und nachdenklichen Innenleben, sieht ihre Kreativität, ihre Intelligenz aber auch ihre Sensibilität, Verletzlichkeit und Verletztheit. Manchmal möchte man sie in den Arm nehmen und beschützen, manchmal bangt man um sie. Eine Figur, die mit viel Liebe gezeichnet ist und die einem ans Herz wächst, auch wenn sie nicht immer nachvollziehbar handelt. Vielleicht auch gerade darum.

Fazit:

Ein Buch, das einen in eine kaputte Welt voller Schmerz, Drogen und Sumpf entführt, dabei aber nie moralisierend, abstossend oder platt wirkt. Die Geschichte packt einen und lässt einen nicht mehr los. Absolut lesenswert.

Bild

Angaben zum Buch:

Taschenbuch: 355 Seiten

Verlag: Diogenes Verlag (September 2012)

Übersetzung: Hans M. Herzog & Astrid Arz

Preis: EUR: 14.90 ; CHF 24.90

 

Ich habe heute schlechte Laune. Sie kam so über mich und blieb. Der gefällt es bei mir besser als es mir mit ihr gefällt. Üblerweise hat sie mich nicht mal gefragt, ob sie kommen darf, sie war einfach da, schlich sich so ein, Schritt für Schritt. Und blieb dann. Vermutlich wusste die ganz genau, dass ich sie nicht haben wollte, drum fragte sie gar nicht erst. Mein Sohn hat dieselbe Taktik. Wenn er weiss, es kommt ein Nein, fragt er gar nicht erst, sondern macht einfach. Später darauf angesprochen, wieso er nicht gefragt hat, kommt: „Du hättest eh nein gesagt.“ Die Logik ist bezwingend.

Heute war ein Tag des Wartens. Ich hasse warten. Dass es dann gleich gehäuft kommt, macht es nicht besser, man gewöhnt sich nicht wirklich dran. Denkt nicht: „Warten, ach, das kenne ich schon, das ist mittlerweile mein Leben, so mag ich das, weil es immer so ist.“ Nein. Auch wenn ich sonst sehr auf Gewohnheiten und Alltag stehe, es gibt so gewisse Dinge, die ich da nie dazu zählen würde. Warten ist eines davon. Klar könnte man sich der östlichen Philosophie folgend darauf einigen, man meditiert die Zeit. Nervt sich nicht, dass man warten muss, sondern geniesst die Zeit als geschenkte Ruhe. So quasi. Nur: wenn ich Zeit für mich möchte, findet das nicht zwingend am Rand eines Fussballplatzes statt, wo man nix tun kann, als den hin und her trippelnden Kinderchen zuzusehen. Klar, wäre ich eine absolut begeisterte Übermutter, die mit vollem Eifer hinter den wie auch immer gearteten Talenten ihres Fussballsprosses steht und alle durch die Anfeuersalven in Grund und Boden schreit, dann wäre das was anderes. Leider gehöre ich nicht zu dieser Gattung, bin sogar ziemlich weit davon entfernt.

In der Annahme, das Training dauere eine Stunde (es war das erste Mal) nahm ich nichts mit, die eine Stunde, so dachte ich, geht vorbei. 30 Minuten waren um, ich berdauerte diesen Entscheid. 45 Minuten – ich flehte den netterweise abwesenden Herrn des Hause Cosima an, mich doch bitte anzurufen, wenn er schon vorzog, das Land zu verlassen statt das Kind zum Fussball zu bringen. Das tat er auch. Da ich nicht wirklich gerne telefoniere, er dazu noch Termine hatte, dauerte das Telefonat nicht wirklich ausreichend lang.

Und dann. Kam sie. Die Hiobsbotschaft. Das Training dauert nicht eine Stunde. Das dauert ganze 100 Minuten. Der Akku des Handys neigte sich zum Ende, der Hintern schmerzte, der Kopf brummte. Der Hund mit Durchfall wartete zu Hause. Die Gedanken, wie die Wohnung aussieht, wenn man endlich mal wieder zu Hause ist, überschlugen sich. Die Stimmung war nicht wirklich steigend.

Doch irgendwann schien es soweit. Sie standen still auf dem Rasen. Mein Herz schlug höher. Ich stand auf, fing auch an zu trippeln – von einem Fuss zum andern. Zu früh gefreut. Penalty Schiessen. Wie die nur schon ihre Bälle büschelten. Sich sammelten. Den Abstand ausmassen. Alles reine Zeitmache. Ich habe es durchschaut. Die wollen mich fertig machen. Die schaffen das. Dann die Diskussionen, wer nun dran sei. Die Trainingszeit ist abgelaufen. Ich hätte es geschafft. Aber nein. Die wollen wohl besonders enthusiastische Trainer sein. Die überziehen. Mist. Ich will das nicht. Ich will nun heim. Sofort. In mein wohl ziemlich verschi…enes Zuhause. Wobei das Zuhause nichts dafür kann, das liegt eher am Hund. Aber auch der kann nichts dafür. Der hat Durchfall. Und war noch nie so lange alleine. Und hätte auch nie so lange alleine bleiben sollen, wäre das Training nur eine Stunde gegangen. Oder wenigstens nicht noch in Überlänge zelebriert worden.

Ich erinnere mich kurz an mein vorgängiges Telefonat mit dem Trainer. Er wolle keine Kinder von Müttern, die ihre Kinder zu sehr pushen, zu sehr auf Erfolg trimmen und drum ins Fussball zwingen. Wer hat eigentlich mal an die Mütter gedacht, die gezwungen sind, am Spielrand zu sitzen und die Zeit totzuschimpfen? Gut, dass niemand an uns denkt, daran könnten wir uns mal gewöhnt haben. Schon wenn wir bei der Geburt sagen, das soll nun einfach aufhören, weh zu tun, der Mitbewohner soll nun einfach rausflutschen und gut ist. Niemand hört auf einen. Der Mitbewohner am wenigsten. Und das wird später zum Programm. Das weiss man zum Glück nicht, man behielte ihn wohl sonst drin. Stiller wäre es allemal. Und man sässe nie am Fussballfeldrand.

Sagte ich schon, dass ich heute schlechte Laune habe? Es war mir so. Ich muss wohl abgeschweift sein. Aber ist nun auch egal. Ich bin nun zu Hause, das war heil, der Hund dicht. Das Kind schläft. Ruhe herrscht. Eigentlich ein schöner Tag, nicht?