Nichts gesehen, nichts gewusst – die Wege des Herrn…

Inhalt

„Du hast eine Berufung, Odran“, rief sie. „Du hast eine Berufung zum Priester!“

Sie musste es ja wissen, denn sie war meine Mutter, und man hatte mich dazu erzogen, alles zu glauben, was meine Mutter sagte.

Als Odran Yates’ Mutter aus einer Eingebung heraus beschliesst, ihr Sohn sei zum Priester berufen, schickt sich Odran in sein Schicksal, hinterfragt es nicht, widersetzt sich nicht, sondern geht den Weg hin zum Priester. Die längste Zeit seiner Laufbahn bverbringt er aber nicht in einer Gemeinde, sondern an einem Internat als Lehrer, betreut da die Bibliothek und fühlt sich Jahr für Jahr mehr zu Hause. Als er plötzlich aus diesem Zuhause gerissen und in eine Gemeinde versetzt wird, vertraut er den Versprechen, dass er wieder zurück darf, und schickt sich auch in das Schicksal.

…aus purem Egoismus beschloss ich, das Problem zu ignorieren.

Wie sein Schicksal, so plätschert auch der Rest des Lebens mitsamt seiner Abgründe an ihm vorbei. Er übersieht sie wirklich, ignoriert sie vielleicht oder verschliesst bewusst die Augen. Immerhin gehört er einer unantastbaren Gilde an, ist Respektsperson.

Auf dem Weg nach Hause, wo mich mein leeres Bett erwartete, ahnte ich mit einem Mal, dass es die Welt, die mir vertraut war und an die ich mein Leben lang geglaubt hatte, bald nicht mehr geben würde. Die alte Welt lag im Sterben, und die neue war noch nicht geboren.

Dieses Ansehen bröckelt über die Jahre nach und nach, die katholische Kirche kommt unter Beschuss. Irgendwann kann auch Odran den Tatsachen gegenüber nicht mehr die Augen verschliessen. Jetzt wäre es an der Zeit, Stellung zu beziehen.

Rezension

Boyne weidet die ganze Problematik der katholischen Kirche aus, ohne mit dem erhobenen Moralfinger zu wedeln, sondern indem er sie in die Biographie eines eher willensschwachen Priesters packt. Odran steht für die Ignoranz derer, die nicht sehen wollen. In Odrans Fall steckt keine Boshaftigkeit dahinter, auch Absicht möchte man ihm nicht unterstellen. Es ist eine Gleichgültigkeit und auch Abgestumpftheit dem Leben gegenüber. Es ist blinder Gehorsam gegenüber wahrgenommenen Obrigkeiten, dem man sich verpflichtet fühlt.

Die Geschichte der Einsamkeit wirft Fragen auf, regt zum Nachdenken an. Wo fängt (Mit-)Schuld an? Wo kann man aufbegehren, wo muss man? Wie weit reicht der eigene freie Wille, was ist vorgegeben.

Der Roman hat einige Längen, zieht sich ab und an sehr und nimmt Windungen, die nicht dringend nötig, aber auch nicht absolut überflüssig sind. Insgesamt ist der Plot stimmig, die Charaktere sind glaubwürdig und plastisch, glaubhaft in ihrem Verhalten. Boyne ist eine Studie der Realität gelungen, welcher auf Missstände hinweist, ohne dabei moralisierend oder psychologisierend zu werden. Er ermüdet nicht durch Urteile, sondern lässt durch die Erzählung dem Leser die Möglichkeit, seine eigenen Fragen zu stellen und sein eigenes Urteil zu fällen.

Fazit:
Ein Roman, welcher der Realität den Spiegel vorhält, der Fragen aufwirft und zum Nachdenken anregt. Empfehlenswert.

Zum Autor
John Boyne
John Boyne, geboren 1971 in Dublin, ist einer der renommiertesten zeitgenössischen Autoren Irlands. Seine Bücher wurden in mehr als 40 Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Der internationale Durchbruch gelang ihm mit seinem Roman »Der Junge im gestreiften Pyjama«, der in vielen Ländern auf den Bestsellerlisten stand und von der Kritik als »ein kleines Wunder« (The Guardian) gefeiert wurde.

Angaben zum Buch:
BoyneEinsamkeitTaschenbuch: 416 Seiten
Verlag: Piper Paperback (5. Oktober 2015
Übersetzung: Sonja Finck
ISBN-Nr.: 978-3492060141
Preis: EUR 19.99 / CHF 23.90

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Kürzlich auf Facebook. Jemand meinte, mir die Welt erklären zu müssen. Er hatte – mich nicht kennend – all meine Probleme erkannt, sah, dass ich einsam sei, nie ausgehe und dazu noch ein Alkoholproblem hätte. Er meinte es nur gut und lobte sich selber ob seiner Menschenkenntnis und seines Durchblicks. Ich müsse ihm vertrauen. Er wisse, wovon er spräche.

Besagter Mensch kannte mich nicht wirklich – eigentlich kannte er mich gar nicht. Er hatte das Eine oder Andere vielleicht auf Facebook gelesen, wusste aber weder, was ich alles so mache im Leben, noch wie ich lebe, gelebt habe, zu leben vorhabe. Er wusste gar nichts von mir – er interpretierte.

Nun war das nicht das erste Mal, dass mir solches passierte. Und jedes Mal: Bei Nachforschungen, wer denn da so aus dem Vollen der Menschenkenntnis schöpft, stiess ich immer auf Menschen, die gesundheitlich angeschlagen, beruflich eher unerfüllt und beziehungsmässig alleine waren. Das fand ich sehr traurig, nur: Es stellt sich mir die Frage, woher ihr Drang rührt, anderen die Welt erklären zu wollen?

Die Hausfrauenpsychologin in mir würde nun sagen, sie agieren aus der eigenen Unzufriedenheit heraus. Sie projizieren in andere rein, was ihnen selber fehlt oder wo sie Probleme haben (was sie immer auch sagten, dass sie sie (zumindest gehabt) hätten. Dazu kommt, dass ich eine Frau bin und als solche noch eher sensibel und nachdenklich veranlagt – das scheint zu provozieren. Nur: Weil man was reinliest, ist das nicht auch da.

Damit nicht noch viele Weitere in die Irre gehen: Mir geht es gut. Man muss sich keine Sorgen machen. Ich habe eine wunderbare Familie, habe, ich darf es sagen, meinen Traumberuf, habe Hobbies, die mich ausfüllen, die mir Spass machen, die ich mit Leidenschaft betreibe, und ich bin alles andere als alleine. Und ab und an bin ich sogar alleine und das sehr gerne. Ich kämpfe fast drum, mal allein sein zu können, weil ich es brauche – wann sonst soll ich meine Hobbies pflegen? Klar ist mein Leben kein Paradies, denn ich bin nicht der Mensch dafür. Lebte ich im Paradies, würde ich selbst da das Haar in der Suppe finden – meint zumindest mein Herr Papa. Damit mache ich mir und meinen Lieben das Leben nicht immer leicht – aber auch nie langweilig.

Ergo: Alles gut. Und wer mal wieder denkt, die Welt retten zu müssen – bitte nicht bei mir, der Kelch möge an mir vorüber gehen.

Martin Heidegger verzog sich in die einsame Natur, um seine Gedanken zu sortieren. Nur da konnte er, wie er dachte, seine Philosophie, seine Weltsicht entwickeln. Hannah Arendt, die ihm sehr (und mehr als das) verbunden war, folgte ihm in vielem, war fasziniert von ihm und seinem Denken, seiner Art der Gedankenführung. In dem Punkt (neben durchaus anderen) widersprach sie ihm. Sie fand, das Leben sei immer ein gemeinsames, das man nur im Miteinander, durch Gespräche erfahren, durchschauen und überhaupt sinnvoll machen könne. Allein oder gemeinsam?

Oft hört man, man solle sich auf sich besinnen, in sich gehen, da die Wahrheiten des eigenen Selbst finden und danach leben. Allerdings gibt es auch die These, dass wir uns durch den Blick von Aussen besser erkennen können, weil wir da den Spiegel sehen, das, was von aussen von uns sichtbar ist. Das verwehrt sich uns, da wir immer in uns gefangen sind und nicht unvoreingenommen aus uns heraustreten können. Insofern bräuchte man das Aussen, um das Innen, das aus uns herausspricht, erkennen zu können.

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Ohne andere Menschen wird er nicht leben können. Das konnte nicht mal Martin Heidegger, der zwar zum Schreiben in die Einsamkeit flüchtete, allerdings die Gemeinschaft (auch die von Hannah Arendt) durchaus brauchte, um eben produktiv zu sein, seine Gedanken zu finden und zu Papier zu bringen. Gerade von seinem Erstwerk sagte er, dass es ohne Hannah Arendt nicht entstanden wäre – allerdings auch nicht ohne seine Frau, die ihm den Rücken freihielt und ihm so überhaupt die Ruhe ermöglichte, die er brauchte.

Die Zeit heute ist schneller geworden. Informationen fliessen schneller, man muss sie schneller erfassen, verarbeiten, verwerten und sich dazu stellen. Das ermüdet, das härtet auch ab. Vielleicht ist die Ignoranz, die man vielerorts spürt, diesem Umstand geschuldet. Man will sich nicht mehr einlassen, weil sonst noch mehr auf einen einprasseln könnte, von dem man sowieso schon zu viel hat. Vor allem negative Dinge lässt man lieber aussen vor, man müsste sich sonst noch wirklich Gedanken machen, es könnte von einem eine Haltung gefordert sein und die könnten einen vor die Wahl stellen, ob man im eigenen Gärtchen bleibt oder dem Gewissen folgt, welches zu Mitgefühl und Anteilnahme aufruft.

Die neuen Medien erleichtern die Ignoranz. Zwar war das Innenleben noch nie so nach aussen gekehrt, man erfährt von anderen, wo sie ihr Essen kaufen, wann sie es wie zubereitet essen, mit wem sie es essen und was sie über den denken. Dass man nicht auch noch weiss, wie und wann sie es wieder loswerden, ist wohl eine Frage der Zeit (ab und an ist auch die Grenze schon überschritten). Nie war es aber auch so einfach, Dinge einfach zu überlesen – oder so zu tun als ob. Man liest sie und lässt sie im Nirgendwo des Datendschungels versanden. Dass hinter diesen Dingen Menschen sitzen, hat man wohl vergessen, verdrängt oder man denkt, die ja nicht wirklich zu kennen, da alles nur virtuell, nichts real sei. Wieso reale Anstrengung für eine virtuelle Welt verschwenden?

Ist diese Welt wirklich nur virtuell? Klar ist es über Datennetze verbunden, aber dahinter stehen reale Menschen mit realen Gefühlen. Und so sehr man die Welten trennen will, so eng sind die beiden verwoben. Die Trennung ist wohl eher dem eigenen Gewissen genehm, weil man sich dann aus der Affäre ziehen kann, denn wirkliche Realität. Und wenn die Trennung wirklich da ist, muss man sich auch fragen, wieso das so ist und was man sich dann von einer solchen virtuellen Welt erhofft, was man da will. Und vielleicht sind dann gewisse Inhalte gar nicht mehr angebracht, nämlich alles, was menschlich, nah und echt ist. Dann hätten wir eine virtuelle Kunstwelt ohne menschliche Authentizität. Ob man sich dann noch wohl fühlte darin?

Da sass sie nun, ein Glas Wein vor sich, eine Schale mit Nüssen daneben. Sie dachte an die letzten 24 Stunden und wie Schritt für Schritt das bisherige Leben sich verabschiedet hatte. Sie sah zurück auf das erste Unverständnis, als klar war, was kommen würde, fühlte den Kloss im Magen wieder, der sich damals ausbreitete, sie in den Boden zu drücken schien, immer schwerer wurde, kaum zu tragen war. Sie spürte noch den trockenen Hals, räusperte sich beim Gedanken daran, wusste aber nichts zu sagen – zu wem auch, da war niemand. Mehr.

Sie blickte auf den Wein, rot und samtig schmiegte er sich an die Wand des Glases, füllte es aus, sie hatte zuviel eingeschenkt. Doch wieso kleinlich sein, sie musste nicht teilen und war nur noch müde. Sie hoffte, der Wein würde sich in ihr genauso anschmiegsam zeigen und ihr den Wunsch, sich selber irgendwo anzuschmiegen, anzulehnen, geborgen zu sein, nehmen.

Ich gehe. Die Worte hallten nach. Ich muss es tun. Wie Messerspitzen trafen sie. Und ich? Hatte sie gefragt. Ein Blick, ein Schulterzucken. Es ist nicht gegen dich. Ich kann nicht anders. Du bist so stark. Sie wollte nicht stark sein. Sie konnte nicht mehr. Immer nur stark sein, es von allen Seiten hören, es immer wieder neu beweisen müssen, weil keine andere Wahl blieb. Sie schickte sich rein, sie würde es eh nicht ändern können. Ab und an begehrte sie wieder auf, suchte nach anderen Wegen. Hoffte auf Lösungen. Stritt, schrie, weinte. Beruhigte sich. Resignierte.

Die Tage gingen dahin. Der Tag kam näher. Ein Zurück gab es nicht. Sie nahm es ihm übel. Sie fühlte sich übergangen, verraten, belogen, betrogen um ein Leben, das sie anders im Blick gehabt hatte. Fallen gelassen, auch wenn beteuert wurde, das sei nicht wahr. Es fühlte sich so an. Immer noch. Immer mehr.

Der Tag war da. Er packte. Er ging. Sie blieb zurück. Tränen hatte sie keine. Ab und an wollte ein Kloss wachsen. Sie verdrängte ihn. Sie musste funktionieren. Gute Miene zum Spiel machen. War es ein böses? War es überhaupt Spiel? Es fühlte sich verdammt ernst an. Sie fühlte sich leer. Wo war das Leben, das mal greifbar schien? Wo die Zukunft, die erhofft? Wozu hatte man all das auf sich genommen? Wieso war man den Weg so weit gegangen, wenn man am Schluss sowieso alleine war?

Das Gefühl wurde stärker, dass man schlussendlich immer alleine ist. Egal, wo man ist, mit wem. Egal, was gesagt und beteuert, was beschworen und in schöne Worte gekleidet wird. Am Schluss sind erst die Nächsten dran und ganz am nächsten ist sich jeder selber. Selbst wenn jeder gerne besser wäre, gerne anders wäre, vielleicht sich sogar in seinem sich selber der Nächste Sein anders sieht, es für sich in bessere Gewänder, schönere Worte, beschwichtigende Argumente kleidet: Am Schluss ist man alleine, weil jeder für sich selber schaut. Weil jeder, der es mal erlebt hat, weiss, dass die anderen es ebenso tun. Und er es drum auch tut. Den Letzten beissen die Wölfe, wer wollte das sein?

Und so sass sie da, nahm das Glas, schaute nochmals versonnen in das tiefe Rot und setzte es an. Der fruchtige Geruch des Rioja drang ihr in die Nase, beim ersten Schluck füllte das samtige Gefühl des Weines den Mund, eine leichte Schärfe zog in die Nase, Wärme glitt den Hals hinab. Was war, das war. Zurück blieb Leere. Sie wird sich irgendwann füllen. Irgendwie. Vielleicht.Allein

Bild

Als junge Frau vom Land wünscht sich Rosina nichts sehnlicher als in die Stadt zu gehen. Ohne ihre Mutter zu informieren, bewirbt sie sich auf Stellen in der Grossstadt und ergreift die sich ihr bietende Chance, in die grosse weite Welt hinauszugehen. Ihre Mutter nimmt ihr das übel, was einen Bruch in ihrer Mutter-Tochter-Beziehung bedeutet.

Jetzt war sie beinahe schon zwölf Jahre von Saalfelden fort. Das Gesicht der Mutter war zum ersten Mal eingefroren, als ihr Rosina freudestrahlend den Brief der Firma Fiedler gezeigt hatte, […] Monatelang hatte sie die Stellenanzeigen gelesen und sich auch einige Male beworben. Vor lauter Überschwang hatte sie vergessen gehabt, dass sie mit Mama noch gar nicht über ihre Pläne gesprochen hatte.

Das Leben meint es gut mit Rosina, sie kann mit viel Einsatz und Ehrgeiz die Karriereleiter hinaufklettern. Dass sie einmal andere Träume hatte für ihr Leben, geht dabei fast vergessen. Sie lebt ihr Leben auf der Überholspur, lässt sich auf ihren Chef ein, dessen Aufmerksamkeit bald weniger wird. Der grosse Bruch im Leben Rosinas kommt mit einem Unfall, der sie auf sich selbst zurückwirft und ihr zeigt, worauf sie alles verzichtet hat im Leben. Tapfer geht sie in ein neues Leben zurück, fängt nochmals neu an, schickt sich in ihr Schicksal.

Das Buch ist in der dritten Person doch aus der Sicht Rosinas erzählt. Als Leser erfährt man in kurzen, teils sehr kurzen Sequenzen, was in ihr vorgeht, was sie bedauert, womit sie hadert, was sie über ihr Leben denkt. Das Buch wirkt durch diese kurzen Sequenzen sehr unruhig, es flippt teilweise wild hin und her, lässt den Leser atemlos hinterherkommen, sich ab und an fragen, wo er gerade steht, was nun passiert, wie er alles einordnen soll. Der Autor zeichnet das Bild einer Frau, die sich irgendwo selber verloren hat und erst wieder findet, als es sie alles verloren hat, was ihr vorher wichtig zu sein schien.

Sie war keine Chefin mehr, hatte nichts mehr zu sagen. Wenn sie heute ihre Stellung bei der Allianz aufgab, würde ein paar Tage später eine andere Frau vor der Olivetti sitzen. Sie war austauschbar wie eine Schreibmaschine. Austauschbar, das war sie auch als Sekretärin gewesen, nur hatte sie nie an so etwas gedacht. Waren sie nicht alle austauschbar?

Fazit:

Ein unruhiges, bewegtes, nachdenkliches und emotionslos emotionales Buch. In einer schlichten Sprache wird die Geschichte einer Frau erzählt, die hoch fliegt, tief fällt und daraus viel über sich erkennt. Lesenswert.

Angaben zum Buch:

Taschenbuch: 128 Seiten
Verlag: dtv 2013
Preis: EUR: 8.90 ; CHF 12.90

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