In Orlando schiesst einer in einer Bar um sich und tötet dutzende Menschen. Die Betroffenheit ist gross, der Täter wird analysiert, es kommen mehr und mehr Details ans Licht über sein Leben, seine Absichten, seine Psyche. Spekulationen über seine Motive werden gemacht. Sympathien zum IS? Antipathien gegen Homosexuelle (die Bar war ein Treffpunkt)? Die Suche wird wohl weiter gehen.

Als ob die Tat nicht schlimm genug wäre, liest man nun auf Facebook empörte Statements. Man hätte sich mit Paris identifiziert (Je suis Charlie), mit Brüssel (eingefärbte Avatar) – keiner sei nun schwul oder zeige seinen Avatar in Regenbogenfarben. Damit sei der ganze Kampf für Akzeptanz der Homosexualität dahin und jeder nicht Stellungbeziehende sei potentiell homophob. Und schlimmer: Jeder Homosexuelle dadurch ein Opfer. Irgendwie.

Ich erinnere mich noch gut an Paris und Brüssel. In der Tat war die Anteilnahme plakativ sichtbar. Das wurde aber auch bemängelt von verschiedenen Seiten. Es sei übertrieben, zu plakativ, zu oberflächlich, wenig durchdacht. Das Fehlen solcher Signale scheint nun aber zu ignorant, gar diskriminierend zu sein.

Was mir auffällt ist: Es passiert viel auf der Welt, das Angst macht. Man versucht, damit weiterzuleben, einen Weg zu finden, das Leben weiterzuleben und doch sind da die Taten, die erschüttern. Wenn man die Möglichkeit sieht, seinen Avatar bunt zu färben, denkt man vielleicht, dass man auch ein Zeichen setzen möchte. Man möchte sich bekennen und Stellung beziehen. Nur wird es so viel, man müsste täglich irgendwo Stellung beziehen. Die Welt ist gross und es passiert überall was. Alles beschäftigt, das eine vielleicht mehr, das andere weniger; die Gründe können vielfältig sein. Ob der Grad der Betroffenheit aber wirklich an den offensichtlichen und plakativen Facebookzeichen abzulesen ist, wage ich zu bezweifeln.

Wir sind Menschen in einer Welt, die im Umbruch ist. Der Umbruch zeigt sich oft beängstigend und gewaltsam. Jeder Mensch geht anders damit um, kalt lässt es wohl kaum einen – ganz tief. Von aussen dahin zu gehen und andere abzuurteilen, weil sie zu viel, zu wenig, falsch öffentlich agieren ob des Unheils, das auf der Welt passiert, erachte ich als wenig konstruktiv. Erstens ist das plakative Zeigen wenig aussagekräftig in Bezug auf die wirkliche Tiefe des Mitgefühls, zweitens geht es den Kritisierenden wohl meist eher um eigene Befindlichkeiten oder Profilierung, denn um wirkliche Sorge um die tatsächlichen Opfer und drittens sehe ich wenig Sinn darin, sich in den sozialen Medien mit Argumenten zu bekriegen, wenn man eigentlich den realen Krieg der einen gegen die anderen anprangern sollte/wollte.

Die Welt ist im Umbruch und was passiert, macht Angst. Wir könnten alle morgen da sein, wo irgendeiner einen Anschlag verüben möchte – aus welchen Gründen auch immer. Das Leben geht weiter, die Angst müssen wir irgendwie ausblenden. Wäre es da nicht schöner, wir würden das miteinander tun, statt Kleinkriege anzuzetteln? Wäre es nicht sinnvoller, der wirklichen Opfer zu gedenken – jeder auf seine Weise –, statt sich selber zum Opfer einer als falsch definierten Trauer zu erküren? Wäre es nicht ein guter Anfang, Toleranz und Akzeptanz zu leben, statt zu be- und zu verurteilen, was den eigenen Massstäben nicht genügt? Denn: Sind die eigenen Massstäbe wirklich die absolut richtigen? Für einen selber wohl schon, doch worauf gründen sie? Und ist nicht gerade die Absolut-Setzung eigener Masstäbe eines der grossen Übel auf dieser Welt?

Ist es ungerecht, wenn zwei Gleiche ungleich behandelt werden?

Können zwei gleich sein? Sind sie nicht eher Ungleiche, nur in gewissen Punkten gleich?

Ist es gerecht, zwei Ungleiche gleich zu behandeln? Was heisst es, gleich zu behandeln? Gleiches geben? Was, wenn einer mehr braucht? Sein Problem? Wessen sonst?

Wie lange sind zwei gleich, wann gelten sie als ungleich? Wer bestimmt, was einer braucht und wie will man es messen?

Hat Gleichheit überhaupt etwas mit Gerechtigkeit zu tun? Ist diese nicht nur Behelfsmittel, weil Schlagwort? Ist Gerechtigkeit relevant?

Was will man wirklich? Als Mensch leben? Wann ist ein Mensch ein Mensch? Und wer bestimmt das? Gibt es bessere und schlechtere? Ist der Mensch generell besser – als Mensch?

Was ist gut? Reicht gut oder muss es besser sein? Ist gut absolut oder relativ? Gestern so, morgen anders, heute? – also relativ? Ist dann nicht auch gleich relativ? Und damit nicht gerecht?

Irgendjemand ist immer der Unterhund. Man redet gross über Gleichberechtigung, über gleiche Rechte für alle und wie man diese erreichen will. Erreicht man es schon in den viel besprochenen Fällen nie, so bleibt daneben immer wieder eine neue Gruppe Menschen, die durch alle Maschen fallen. Über diese richtet man von oben herab, weil sie nicht den Status haben, selber mitzurichten. Sie sind Menschen zweiter Klasse, sofern man ihnen überhaupt eine Klasse zugesteht, sie nicht nur einfach als zu behandelnde Ware abtut.

Eine dieser Klassen sind die Behinderten. Man diskutiert über Eingliederungsmassnahmen und missachtet dabei, dass sie genauso Menschen sind wie wir. Nur weil jemand im Rollstuhl sitzt, hat er sein Hirn nicht abgegeben. Nur weil einer geistig nicht mehr mitdenken kann, ist er nicht minderwertig, sondern hat Bedürfnisse, die er teilweise sogar formulieren kann, wenn man nur zuhören mag. Aber man mag gar nicht, man rechnet schon, wie viel kostbare Zeit da flöten ginge und diskutiert seinen Fall lieber vor x Gremien, vor denen man sich mit ach so tollen Vorschlägen profilieren kann, die zwar oft allesamt an den Bedürfnissen des davon Abhängigen vorbei gehen, aber gut klingen. Darauf kommt es an.

Und immer wieder ein gefundenes Fressen sind die Jenischen. Die Sans-Papiers. Die gehören eh nirgends hin. Die kann man rumschieben. Wo sie auftauchen, schickt man sie weg. Man will sie nicht haben. Befindet, was ihnen zusteht und was nicht und wie man sie wieder loswird. Dass sie auch Menschen sind, interessiert nicht. Ihnen fehlen die nötigen Papiere, damit sind sie nutz- und schutzlos. Nicht gewollt in dieser Welt, zumindest nicht in diesem Staat – und wohl in keinem anderen, was dann irgendwann wieder die Welt wäre.

Papiere sind es, die zählen. Hast du die richtigen, zählst du was, hast du sie nicht, bist du nichts. Sei es bei Tieren, die nur mit Stammbaum wertvoll sind, sei es bei Stellen, wo nur Diplome zählen, nicht wirklich Können. Alles steht auf Papieren. Du tust gut daran, dir eine Flut davon zuzulegen – für alle möglichen Notwendigkeiten eines. Dann gehst du auf Nummer sicher. Wir leben in einer Zeit, in der die Menschen dir nicht mehr auf die Hände und in die Augen schauen, sondern nur noch dein Dossier prüfen, um zu sehen, ob du passt. Partnersuche geschieht von ferne über Tasten, Bewerbungen werden via Analyse der vorhandenen Papiere entschieden (oder Vitamin B – was man mit Abstammungs- der Hinternwischpapieren gleichsetzen kann).

Und so schliesst sich der Kreis: Fehlen die nötigen Papiere, sind wir alle irgendwie behindert in dieser Welt. Es wird von irgendwo über uns entschieden und wir werden entweder ausgesiebt oder mit gut gemeinten (und für den Meinenden profitablen weil Ruhm bringenden) Massnahmen abgespeist.

Fair? Gerecht? Gibt es die beiden überhaupt? Ich denke nicht. Ich denke auch nicht, dass es erstrebenswert ist, eine gerechte oder faire Welt zu schaffen. Gerechtigkeit ist ein Kunstbegriff, Fairness ein Ideal. Das erste ist unerreichbar, das zweite anzustreben. Es reichte in meinen Augen schon, offen und ehrlich an die Dinge heranzugehen, hinzuschauen, wirkliche Lösungen finden zu wollen und den Menschen als Menschen mit seinen wirklichen Fähigkeiten und Talenten (aber auch Schwächen) und nicht als Summe seiner Papiere zu sehen. Ob man das je wollen wird?

Die tollsten Menschen sind immer etwas verrückt

Diesen Satz las ich gestern und fragte mich – wie immer, wenn ich so etwas lese, ich kann es ja nie einfach nur lesen und gut ist, nein, die Gedanken gehen weiter -, ob das stimmt. Und ich kam, wie so oft, zum Schluss, dass diese Frage der Klärung bedürfe, da man dabei zuerst definieren müsse, was verrückt bedeutet.

Als verrückt gelten Menschen dann, wenn sie der geltenden Norm oder der Norm der sie so bewertenden Menschen nicht entsprechen. Sie sind dann im wahrsten Sinne ver – rückt, von der Norm abgerückt, in eine Nebenstrasse abgebogen, die nicht zulässig ist – zumindest nicht als zulässig gesehen wird von denen, die werten. Je mehr Macht nun die Wertenden haben oder je grösser ihre uniforme Masse ist (was oft gleichbedeutend ist), desto schwieriger wird der Stand für den als verrückt erkannten Menschen. Er wird sich fortan ihren Blicken, ihrem Lachen, ihrer Verurteilung auf allen Ebenen ausgeliefert sehen. Im geringsten Fall ist das ein leises oder auch lauteres Belächeln, kann aber hin zu einem Verburteilen des ganzen Menschen führen oder gar zur Exklusion aus der Gesellschaft.

In früheren Zeiten wurden die weiblichen Exemplare verbrannt. Was nicht sein darf, darf nicht sein, weg damit und das radikal. Im Fegefeuer sollte dann wohl die Abartigkeit gleich mitverbrannt werden, nicht dass sie noch in Geisterform auf andere, am wenigsten bitte auf die ach so gesunde Gesellschaft übergreife. Danach wurde man menschlicher und steckte sie nur noch in Heime und Anstalten. Bis weit ins 20. Jahrhundert wurden sie verwahrt, von der Gesellschaft ferngehalten (oder diese von ihnen befreit, wie man den Blickwinkel auch richten wollte), in ganz schweren Fällen kastriert, damit auch ja keine Weiterverbreitung solchen Irrsinns passieren konnte.

Auch heute noch, wo man sich gar aufgeklärt und tolerant schimpft, sind die Normen starr. Es gibt Lebenswege, die als normal gelten und solche, die einfach verrückt sind, weil sie sich nicht in die ausgetretenen Pfade pressen lassen. Noch immer wird man beäugt, belächelt und argwöhnisch durchgekaut in den Kreisen der Normalen. „Wie kann der nur? Was denkt die sich? Hast du gesehen?“ Schon bei kleinen Kindern fängt es an. Sie müssen in ihrer Entwicklung in eine zeitliche Kurve passen, in der Grösse in eine Perzentile und im Gewicht proportional dazu. Tun sie das nicht, ist man mit einer Armee von Therapiemöglichkeiten (und oft –pflichten) bei Fuss, auch hier kann nicht sein, was nicht sein darf. Zwar sehe ich die Sorge um die Gesundheit unserer Kleinen ein, gewisse Entwicklungen sind ungesund und bedürfen der Hilfe, welche gut und wichtig ist, allerdings sollte man darüber den gesunden Menschenverstand nicht abschalten und im Auge behalten, dass Menschen durchaus langsamer und schneller sein können, dass nicht alle alles können, dass nicht jedes Sprachgenie zugleich auch Feinmechaniker sein muss oder kann und dabei Tonleitern über 4 Oktaven singt.

Eigene Wege zu gehen braucht Mut. Ab und an ist es auch der einzige Weg, den ein gewisser Mensch gehen kann, weil jeder andere für ihn noch schwieriger (oder unmöglich) wäre. Dann ist es doppelt schwierig, weil selbst ohne Mut keine Alternative bleibt.

Sind nun diese Menschen toll? Auch hier kommt es drauf an, was wir unter toll verstehen. Ein Mensch, der zu sich und seinem Weg steht, ihn geht, den Unbill der anderen auf sich nimmt und an sich festhält, ist toll (dass dieser eigene Weg niemandem schaden sollte und sich in gewissen gesetzlichen Normen bewegen sei vorausgesetzt, denn wenn ein Mörder sich plötzlich als Künstler und seine Toten als Werke sieht, wäre dieser Weg durchaus zu stoppen – früher hätte ich solche Einschübe weggelassen, heute nehme ich sie rein, weil sich immer findige Köpfe finden, die dann mit solchen Dingen kommen, die man offensichtlich nicht gemeint haben kann, wie ich denke). Ob er ein besserer Mensch ist, weiss ich nicht. Es gibt auch gute und tolle Menschen unter denen, die den Weg gehen, der als normal erachtet wird. Vielleicht ist es genau ihr Weg und er entspricht nunmal dem normalen oder aber sie fühlen sich mit ihm so wohl, dass dieses Wohlgefühl ausreicht, den Weg zu gehen, da der andere Weg sich schlechter anfühlte, auch wenn er besser entspräche. Dass etwas zur Norm wird, resultiert meist (im gesündesten Falle) daraus, dass es der Mehrheit entspricht.

Wenn die Mehrheit dasselbe will, tut und kann dann geht man in einer statistischen Welt davon aus, dass dies der Normalfall ist, das andere die Abweichung. Darin liegt eine gewisse Logik. Ich denke aber, dass genau hier der Knackpunkt ist. So lange wir in Statistiken über normal und abnormal (verrückt) entscheiden, so lange werden wir Menschen nicht als Menschen wahrnehmen sondern als Statistiken füllende Punkte, aus denen am Schluss ein Diagramm entsteht, aus der wir unsere Welt abzulesen glauben. Schlussendlich sind es aber alles Menschen mit ihren Eigenarten, Wesen und Bedürfnissen. Und jeder soll sich seinen Weg selber suchen dürfen und ihn gehen, ohne dabei belächelt zu werden – weder die Verrückten von den Normalen (ich bleibe der Einfachheit halber bei diesem niemand treffenden Ausdruck) oder aber die Normalen von den Verrückten, die sich als mutiger, besser, weil anders sehen.

Wenn die Menschen einsehen, dass es zwar verbreitetere und weniger verbreitete Lebensweisen gibt, diese aber alle Menschen entsprechen, die sie leben, dann kommen wir vielleicht dahin zu sehen, dass jeder auf seine Weise toll ist. Ist das zu idealistisch?

Die letzten drei Tage waren den Blogger-Themen-Tagen gewidmet. Es waren wunderbare Tage mit wunderbaren Themen. Das klingt schräg? Wie können Themen rund um Behinderung wunderbar sein? Es waren echte Tage. Ich habe selten so viele offene und ehrliche Artikel gelesen wie in den letzten drei Tagen. Ich habe selten so viel Mitgefühl und positive Stimmung erlebt wie in den letzten drei Tagen. Und es war wunderbar zu sehen, wie Menschen zusammen kamen und schrieben, sich öffneten, etwas preis gaben von sich und ihrem Denken.

Dem Thema Behinderung haftet so vieles an. Und selten ist es positiv. Behinderung klingt nach Trauer, nach Versagen, nach Verlierer, nach Kampf, nach Randgruppe und Minderheit. Es klingt nach Wegschauen, Ignorieren, Nicht-Wollen. Und genau das fehlte alles. Es war vielleicht ab und an Nachdenklichkeit dabei – doch was gibt es Besseres als Nachdenken? Nachdenken heisst Hinterfragen. Heisst, etwas in Frage zu stellen, was einfach so da steht mit all seinen negativen Nebenklängen.

Wenn ich eines gesehen habe in diesen drei Tagen, ist es, dass ganz viele Menschen sehr viel zu sagen haben. Und es sind Menschen, die Gefühle haben und sich trauen, sie zu zeigen, sie zu beschreiben. Es sind Menschen, die eine Sprache haben, Gefühle lesbar und damit verständlich zu machen. Und es sind Menschen, die diese Welt viel lehren können. Ab und an überkam mich das seltsame Gefühl: Waren das wirklich die Behinderten in unserer Gesellschaft?

Heute gelten die Menschen als normal, die funktionieren, in Schubladen passen, die an Massstäbe gebunden sind, welche man nach Jahreszahlen und in Perzentilen messen kann. Ihr Kind ist 5 Jahre alt? Es muss so und so schwer und gross sein, dies und das können. Passt das nicht, ist ihr Kind zumindest abnormal – zur Behinderung ist es ein kleiner Schritt. Es folgen Therapien, welche nur eines zum Ziel haben: Alles passend für die Schublade zu machen. Glückt die Therapie, läuft das Kind später im Gleichschritt. Altersgemäss und normgerecht passend. Therapie geglückt, Mensch platt gemacht möchte man sagen und weiss, dass man damit verspottet wird. Gegen die Norm auflehnen geht nicht. Sie basiert auf Studien und Wissenschaften. Und die müssen schliesslich recht haben.

So oder so – in den letzten Tagen las ich viel über Menschen, die in keine Schublade passten und dies in wunderbaren Worten beschreiben konnten. Ich las von ihrem Kampf im Leben und ich las davon, dass sie lebten – und leben gelassen werden wollten. Der Kampf um das eigene Leben wie es ist, ohne Zwang und Druck von aussen, passend gemacht zu werden. Der Kampf, wahrgenommen zu werden, wie man ist, ohne in Schubladen gepresst zu werden. Wann hört er auf?

Ein weiser Mann sagte einmal zu mir: Sie sind ein Schmetterling unter Maulwürfen. 90% der Menschen dieser Welt sind Maulwürfe. Sie wollen Sie in ihre Höhle ziehen, weil die Höhle normal sei. Wenn sie in die Höhle wollen, werden sie nie glücklich. Breiten sie die Flügel aus und fliegen sie so hoch sie können. Es ist nicht einfach. Es sind viele Maulwürfe, die einen in die Höhle zwingen wollen. Für sie passt diese Höhle, sie sollen da leben.  Zum Glück gibt es ein paar Maulwürfe, die sehen, dass auch Schmetterlinge in diese Welt gehören. Und es gibt andere Schmetterlinge, die einem zeigen, dass fliegen schön ist.

Ab und an überkommt mich das Gefühl, dass das, was ich tue, zu  nichts nützlich ist. Ich frage mich dann, wieso ich mich tagtäglich damit abmühe, während ich doch genauso gut gleich nix tun könnte. Ich könnte die Beine hoch legen, wenn das Kind versorgt ist, könnte in den Tag hinein leben, das Leben geniessen, wie es sich grad anbietet. Der Fernseher gäbe bestimmt die eine oder andere Unterhaltung her, wenn ich mich gar zu schlecht fühlte, fände sich eine Realitysoap bei RTL, die mir zeigen würde, dass es noch schlimmere Fälle gäbe – das Leben könnte einfach sein. Trotzdem ich eigentlich von Natur aus eher faul bin, weigere ich mich, diesen Weg zu gehen. 

Ich stürze mich in Projekte, vertiefe mich in Theorien, spinne Gedanken, denke neue Welten, hinterfrage die existierende. Ich wälze Bücher und Ideen, zermürbe mich, vergrabe mich, schnappe nach Luft, bin hin und weg und zugleich explosiv und präsent. Sehe Notwendigkeiten und Denkanstösse, fühle Bedürfnisse und suche Lösungen. Und komme irgendwann wieder an den Punkt, dass es doch gar nix bringt. Wen kümmert, was mein Hirn sich ausdenkt? Wen kümmern all die Gedanken, die Theorien? Wieso sollte ich eine Lösung für Probleme finden, an denen sich so viele die Zähne ausbeissen? Und wieso sollte ich überhaupt ernst genommen werden? Das Bruttosozialprodukt unseres Landes merkt kaum, dass es mich gibt. Moderne wirtschaftliche Wertschätzungsmassstäbe orientieren sich an ebendiesem. Ergo der Beweis: Ich bin marginal und vernachlässigbar. Und alles, was ich so vor mich hindenke damit.

Die heutigen gesellschaftspolitischen Theorien stützen sich noch immer vornehmlich auf den gegenseitigen Vorteil und dieser wird in ökonomischen Grössen gemessen. Wer nichts dazu beiträgt, steht aussen vor. Rawls, Locke und Hobbes dachten es vor, es setzte sich fest und sitzt da beharrlich. Schlagworte wie Gleichberechtigung, Integration sind schön klingend, aber weit von der Realität entfernt. Noch immer werden die meisten Frontdienste (Kinderaufzucht, Altenpflege, Pflege körperlich und geistig beeinträchtigter Menschen) von Frauen erledigt und als ebensolche Dienste gering bis gar nicht geachtet. Das alles sitzt in den Köpfen fest. Die Muster sind verteilt. Muster durchbrechen langsam. Es braucht viel Zeit, Geduld, Einsicht und Stimmen. Und wenn jede Stimme denkt, sie zähle nichts, wird das Muster die Generationen überleben, zwar in Frage gestellt, aber nicht vom Sockel gestürzt. Deswegen zählt jede Stimme. Und auch die meine. Und so denke ich weiter. Sage meine Meinung. Stehe dazu. 

Wer sagt, was wichtig ist und was nicht? Wer setzt den Massstab für die Hierarchien im Leben und in der Gesellschaft? Wem muss man genügen und was soll man erreichen? Was ist erstrebenswert und was nur blosse Pflichterfüllung (wobei nicht geklärt ist, woher die Pflicht rührt und ob sie legitim ist). 

Die Welt steckt in der Krise. So das Schlagwort der Zeit. Man müsse umdenken, alles umstossen. Neue Werte finden. Alles möglichst radikal, alles möglichst neu. Das klingt gut, klingt markig, führen wird es nirgendwohin. Die Methode des viel Forderns, um wenig zu kriegen hat sich langsam selber überholt. Langsam wäre es wohl sinnvoller, gezielte und realistische Ziele zu setzen, um dann eine höheres Mass an Gerechtigkeit, an Miteinander, an individueller Befriedigung zu erreichen. Dabei kann jeder bei sich selber anfangen: Was kann ich, was will ich, was ist mir möglich? Was schulde ich anderen, wo kann ich helfen, wer hilft mir? Das Ich ist wichtig, das Du ebenso. Im Wissen, dass es ohne das Du kein Ich gibt, sollte man selbstverständlich den anderen nie aussen vor lassen bei der eigenen Zielsetzung. Aber diese sollte für einen stimmen und nicht einer wie auch immer gearteten Anspruchshaltung eines längst überholten Systems geschuldet sein. 

Kann man nicht alle Werte umdrehn? und ist Gut viefleicht [sic!] Böse? und Gott nur eine Erfindung und Feinheit des Teufels? Ist Alles vielleicht im letzen Grunde falsch? Und wenn wir Betrogene sind, sind wir nicht ebendadurch auch Betrüger?

Denken in Gefässen, versorgen in Schubladen. Normierte Klassen von gut und böse, gültig durch die Mehrheit der so Denkenden, akzeptiert durch die lauten Töne, in denen alles verkündet und damit festgesetzt wird.

solche Gedanken führen und verführen ihn, immer weiter fort, immer weiter ab. Die Einsamkeit umringt und umringelt ihn, immer drohender, würgender, herzzuschnürender

Bricht man aus, ist man draussen. Nicht nur im Denken, sondern im Sein. Verstossen, verlacht, verachtet oft. Was nicht sein darf, kann nicht sein, ist es doch, ist es falsch. Falsches will man nicht haben, nur das Richtige hat Platz. Und was richtig oder falsch ist, steht fest.

Nietzsche hat es beschrieben, doch die Aussage hat an Aktualität nichts verloren. Noch immer herrschen Normen, wie jemand sein soll. Die Optik ist reglementiert durch einen BMI, welcher sich in einer festgelegten Spannweite bewegen darf. Ist er drunter, ist man Hungerhaken, Bohnenstange, Skelett oder Kleiderbügel, ist man drüber ausgegrenzt, bei jedem Bissen argwöhnisch und spöttisch beäugt, ausgelacht und oft verachtet. Und auf dieselbe Weise werden die übrigen Belange des Lebens in Massstäbe aufgeteilt. Man kann auf der Skala immer anschauen, wo man steht, es gibt Kurven, die anzeigen, in welchem prozentualen Bereich man sich bewegt und Statistiken, die das in schönen farbigen Balken darstellen. Das wirkt vertrauenswürdig, das wirkt fundiert, das wirkt sicher. Keine Unsicherheiten, keine Ausbrüche, keine Abstürze. Alles geregelt, alles nachvollziehbar. Wo kämen wir hin, wenn jeder täte, wie er wollte? Man wüsste nicht mehr, wo man stünde, wüsste nicht, wer man ist. So aber weiss man: ich bin gut oder ich bin daneben. Und man kann sich freuen. Wenn man gut ist. Wenn man aber daneben ist, dann Gott behüte. Dann ist man wirklich ab der Spur und sollte sich was schämen.

Wir befinden uns doch ein paar Jahre nach Herrn Nietzsches Niederschrift. In einer Zeit, die wir so gerne als aufgeklärt, offen, tolerant sehen. Die aber noch immer voller Vorurteile und Verurteilungen ist. Alles, was anders ist, wird kritisch betrachtet. Es macht Angst. Stört die vermeintliche Sicherheit des mühsam aufgebauten Konstrukts dessen, was gut und richtig ist. Das, woran man sich halten kann und weiss, alles ist gut. Alles kommt gut. Wäre dieser Halt nicht da, fühlte man sich haltlos. Wo gehörte man hin? Man müsste sich selber definieren und daran glauben, dass es gut ist. Denn niemand würde es einem sagen. Besser also, man hört von aussen, dass man gut ist, man passt sich an, passt sich ein. Dann muss es ja gut sein. Die anderen können nicht irren. Man selber vielleicht schon. Wenn man sich aber anpasst, irrt man sicher nicht, man ist im Recht.

Wo bleiben die Sehnsüchte, die eigenen Träume, Wünsche? Meist unterdrückt, sublimiert. Durch all die Reize und Krücken, durch Hilfsmittel, die decken, unterdrücken, hochhalten. Eisern hält man sich dran, um nicht unterzugehen. Der Einbruch von etwas Unvorhergesehenen, Unakzeptierten wäre verheerend. Drum darf nicht sein, was nicht sein darf. Es muss weg, es muss in die Schublade des nicht Erwünschten, nicht Guten. Und der Mensch, der es bringt, damit. Er ist eine Gefahr für einen selber, für die Gesellschaft der Immergleichen und ein Störfaktor im System. Und man ignoriert, was Nietzsche treffend sagt:

Alles aber ist geworden; es gibt keine ewigen Tatsachen: sowie es keine absoluten Wahrheiten gibt.

Irgendwann dreht die Norm. Was heute gut ist, ist morgen schlecht. Die Geschichte zeigt mehrere solche Beispiele. Was dann? Wer sind wir dann? Einfach die neuen Guten? Wohl schon. Unbedacht, angepasst. Und die Fahne, die nicht dreht, die weht allein. Gegen den Wind.