Ich schreibe. Offensichtlich. Man sieht es hier im Blog. Ich schreibe auch anderswo, allerdings sieht man das nicht hier und ab und an sieht es auch keiner. Früher zeichnete ich auch gerne. Und malte Schriften. Viele Stunden verbrachte ich zum Beispiel damit, Kassetten-Hüllen zu gestalten, um meinem Papa vorzugaukeln, ich sässe fleissig am Pult und lernte für die Maturitätsprüfungen. Kassetten kennt heute keiner mehr und die Hüllen sind auch Geschichte. Das Zeichnen versandete nach der Matur mit Schwerpunkt Zeichnen auch. Ich war ja schreibender Mensch und hatte keine Zeit.

Vor einiger Zeit kam ich über Umwege (Typographie, Sketchnotes, Lettering, Zentangles, Sketchbooks……) zurück zum Zeichnen. Und seit da hat es mich. Ich zeichne. Täglich. Alles. Jeden. Immer. Überall. Und es macht Spass. Und es tut gut. Mehr als jemals etwas anderes Spass machte, gut tat oder irgendwie nur einfach mir entsprach. Ich schreibe noch immer. Da ich der festen Überzeugung bin, dass Text der attraktivste Begleiter eines jeden Bildes ist. Aber: Ich habe neue Welten entdeckt.

Auch die neuen Welten sind nicht gefeit vor alten Krankheiten. Bin ich gut genug? Reicht das? Krieg ich das so hin, wie ich das will? Kann ich vor anderen bestehen? Ist das schon Kunst oder kann das einfach weg? Der innere Kritiker tobt. Laut. Ständig. Das ist nicht neu, den hab ich immer. Der gehört zu mir wie die Schmusedecke zu Linus. Aber ich will es versuchen. Einmal mehr. Meinen Weg gehen. Wie ich ihn sehe. Niemand sagte, das sei einfach, aber es ist in meinen Augen der einzige Weg, den ich gehen kann. Ohne mich selber aufzugeben. Kunst zog mich immer an. In jeder Beziehung. Ich hole aus ihr Inspiration und ich muss diese ausleben können. Das ist für mich Glück. Der Preis dafür? Er ist hoch. Der Weg geht nicht entlang ausgetretener Pfade. Und nur die sind gemeinhin anerkannt.

Einen Teil meines Weges sieht man hier: INSTAGRAM

Nach Enttäuschungen neigt man dazu, die Tür hinter sich zu schliessen. Ab und an baut man noch Mauern auf, um ja sicher zu sein, dass man nie mehr auf gleiche Weise verletzt wird, vor allem nicht von denselben Menschen oder Dingen. Sie sollen draussen bleiben, haben nichts mehr zu suchen im eigenen Leben.

So geht man dahin, baut an seinem Leben, wähnt die Gefahren draussen, fühlt sich befreit von ihnen, indem man sich selber eingeschlossen hat, um von ihnen fern zu sein. Allerdings ignoriert man dabei, dass man mal Gründe hatte, sie ins Leben zu lassen. Etwas hatten die Dinge oder Menschen, das sie in unserem Leben wünschenswert machte, das uns soviel gab, dass wir dachten, sie in unserem Leben zu wollen, zu brauchen vielleicht gar.

Wenn sie nun weg sind, mag durch die aktuelle Enttäuschung die Befreiung und Erleichterung gross sein. Mit der Zeit aber wird auch das fehlen, was uns ursprünglich mal zu ihnen hinzog. Und so sitzen wir zwischen dem Vermissen des Gewünschten und der Befreiung vom Unerwünschten. Die beiden gehen zusammen, die Frage ist, was überwiegt. Das wird meist die Zeit zeigen. War die Enttäuschung so gross, dass sie alles Gute überwiegt, es zum Schweigen bringt, so dass es nicht mehr wünschenswert genug ist ob der negativen Konsequenzen? Oder aber war das Gute so gut, dass es zu viele Lücken hinterlässt und das Loch kaum zu stopfen ist, wenn es wegfällt?

Neigt man im ersten Moment also dazu, die Türen zu schliessen, zu verriegeln, zuzumauern, wäre es vielleicht sinnvoller, sie mal sanft zuzuziehen und die Zeit arbeiten zu lassen. Wenn der akute Schmerz über die Enttäuschung wegfällt, sieht man klarer, was diese angerichtet hat. Man sieht auch, was über die Zeit hinweg überwiegt: Die Enttäuschung oder der Mangel. Ab und an ist es dann möglich, mal durchs Schlüsselloch zu blinzeln, vielleicht lässt sich die Tür sogar einen Spalt öffnen und dem aus dem Leben Gestrichenen wieder ein wenig Zutritt zu lassen zum eigenen Leben. Vielleicht merkt man aber auch, dass die Trennung gut war, das Leben ohne zu etwas Besserem führte als es das Leben mit je war. Es gibt kein richtig oder falsch, es sind alles Möglichkeiten, bei denen man sich irgendwann für die eine oder andere entscheiden muss. Sinnvoll ist sicher immer, sich dazu die nötige Zeit zu lassen, da man in Akutsituationen oft zu impulsiv und aus einer Verletzung heraus handelt, während man mit dem nötigen Abstand sich selber und die wirklichen Bedürfnisse besser spürt und dann einen tragfähigen Entscheid treffen kann.

Ich hätte meine Mama immer erwürgen können, wenn sie es sagte, aber irgendwo hatte sie wohl recht:

Kommt Zeit, kommt Rat.

 

Das Jahr neigt sich dem Ende zu und man kann davon halten, was man will, irgendwie bringt diese Zeit doch immer einen Rückblick mit sich. Man denkt an das, was war, zieht Bilanz, ist einfach einen Moment lang still. Das nennt man dann wohl die besinnliche Zeit, in der die Sinne sich zurückziehen, sich nach innen wenden, um zu sehen, was sich über die Zeit angesammelt hat, wer man heute ist, nachdem all das passiert ist, was man eben erlebte das Jahr durch.

Angefangen hat mein Jahr als Zitterpartie. Schon zu Weihnachten kam die Hiobsbotschaft, dass mein Papa im Spital sei, dass operiert werden müsse. Nach etlichen Stunden auf dem Op-Tisch folgte ein künstliches Koma, das Zittern hielt an. Als er aufwachte, war er so klein und schwach, erinnerte kaum an den Mann, den ich kannte. Doch Schritt für Schritt ging es aufwärts und ich freue mich von Herzen, dieses Weihnachtsfest wieder mit ihm zusammen feiern zu können. Ich bin von Herzen dankbar dafür.

Auch sonst war dieses Jahr keine gerade Strasse, es hatte viele Kurven, Abhänge, Abgründe. Es war eine Zitterpartie, bei der ich nicht immer sicher war, ob ich die nächste Kurve auch schaffe. Es war, wie es immer ist: Es ging dann doch irgendwie und jedem Tiefgang folgte ein Aufwärtstrend. Wenn ich so zurück blicke, lassen sich gar nicht mehr alle Tiefschläge, Hindernisse und Rückschläge benennen, selbst wenn sie es täten, hätte ich wenig Lust dazu. Es würde wohl nichts bringen und irgendwie scheint das Auf und Ab auch zum Leben dazu zu gehören. Wäre das Leben nur mehr eine ausgezogene Linie, wäre es wohl wie beim Herzfrequenzmessbild: zu  Ende.

Es war ein Jahr, das sehr nach innen wies, ich suchte nach Antworten auf die grossen Fragen „Wer bin ich?“ und „Was will ich im und vom Leben?“, versuchte, mich ihnen zu stellen und sah, dass jede Antwort neue Fragen aufwarf. Ab und an dachte ich mir, dass es wohl einfacher gewesen wäre, schon die erste Frage nicht zu stellen, sondern das Leben einfach anzugehen und zu nehmen, was kommt. Dass ich es nicht konnte, gibt mir schon die Antwort, dass ich bin, wie ich bin und tun muss, was ich tue. Es gibt mir die Antwort, dass ich mich den Fragen stellen will und muss, dass dies mein Weg ist.

Eine Antwort auf die Frage, was ich wirklich will im Leben, ergab sich aus dem glücklichen Umstand, dass mein Körper sich so weit erholt hat, dass ich wieder ins Yoga eintauchen konnte. Dafür bin ich sehr dankbar, auch wenn der Weg zurück nicht nur einfach ist und war, er auch immer wieder Fragen aufwarf und mir meine eigene Ungeduld oft im Weg stand. Vermutlich ist auch das eine Lehre, die ich auf meinem Weg durchlaufen muss, etwas, an dem ich wachsen muss, wie ich es auch an der Pause musste.

Ich habe viel gelernt in diesem Jahr, über mich, über das Leben. Etwas, was ich schon wusste und das sich auch heuer wieder bestätigte: Man kann nicht alles haben im Leben und meist ist es nicht der Weg des geringsten Widerstandes, der zum erwünschten Ziel führt. Der Weg, das Leben einfach locker flockig, ohne viele Fragen, nur auf der Strasse von Genuss und Sinnesfreuden anzugehen, wäre verlockend und schön, ich käme damit aber wohl nicht zu dem Ziel, zu dem ich für mich gelangen möchte. Trotzdem haderte ich ab und an genau an dem Punkt. Schielte verstohlen zur Leichtigkeit und schimpfte auf die Steine, die ich trug. Ich hoffe, dass ich mit den Steinen nach und nach das Haus bauen werde, in dem ich mich Zuhause fühle, das hält und tragende Wände hat.

Ab und an ertappte ich mich dabei, dass ich mehr besorgt war über die Frage, wer oder was ich für die anderen bin, denn darüber, wer ich wirklich bin und wie es mir selber dabei geht. Ich ertappte mich dabei, dass ich Massstäbe an mich legte, von denen ich dachte, andere Menschen würden sie haben und mich danach bemessen, und wie ich dabei vom Gefühl zerfressen wurde, diesen Massstäben nicht zu genügen. Wenn das erste Hadern vorbei war und ich wieder klar sehen konnte, malte ich mir aus, was ich an mir und meinem Leben ändern müsste, um den angenommenen Massstäben zu genügen. Dabei stellte ich fest, dass ein solches Leben mir nicht entspräche und ich eigentlich genau das lebte, was ich immer leben wollte und noch immer will.  Der Gedanke erfüllt mich immer wieder mit Dankbarkeit, da ich weiss, dass es nicht nur selbstverständlich ist, das tun zu können, was einem am Herzen liegt, weil der Weg dahin nicht immer leicht und eben auch nicht immer mit andern Massstäben konform läuft.

Wenn ich nun Bilanz ziehe, so fällt diese positiv aus. Die Schwierigkeiten, denen ich begegnete, waren zum grossen Teil hausgemacht, weil nicht alles lief, wie ich es gerne gehabt hätte, weil ich mit mir und der Welt unzufrieden war und den Blick mehr auf das richtete, was fehlte, als auf das, was da war. Ich habe das grosse Glück, Menschen um mich zu haben, die mir wichtig sind, die mir gut gesinnt sind und für mich da sind, denen ich wichtig bin. Ich habe das grosse Glück, mein Leben selber gestalten und wählen zu können, welchen Massstab ich auf dasselbe anwende. Und ich bin in der glücklichen Lage, Fragen stellen zu können sowie ab und an Antworten zu finden.  So gehe ich den Weg nun ins 2014, werde noch mehr Fragen stellen, an einigen nagen, mich über andere freuen und an allen wachsen.

Die tollsten Menschen sind immer etwas verrückt

Diesen Satz las ich gestern und fragte mich – wie immer, wenn ich so etwas lese, ich kann es ja nie einfach nur lesen und gut ist, nein, die Gedanken gehen weiter -, ob das stimmt. Und ich kam, wie so oft, zum Schluss, dass diese Frage der Klärung bedürfe, da man dabei zuerst definieren müsse, was verrückt bedeutet.

Als verrückt gelten Menschen dann, wenn sie der geltenden Norm oder der Norm der sie so bewertenden Menschen nicht entsprechen. Sie sind dann im wahrsten Sinne ver – rückt, von der Norm abgerückt, in eine Nebenstrasse abgebogen, die nicht zulässig ist – zumindest nicht als zulässig gesehen wird von denen, die werten. Je mehr Macht nun die Wertenden haben oder je grösser ihre uniforme Masse ist (was oft gleichbedeutend ist), desto schwieriger wird der Stand für den als verrückt erkannten Menschen. Er wird sich fortan ihren Blicken, ihrem Lachen, ihrer Verurteilung auf allen Ebenen ausgeliefert sehen. Im geringsten Fall ist das ein leises oder auch lauteres Belächeln, kann aber hin zu einem Verburteilen des ganzen Menschen führen oder gar zur Exklusion aus der Gesellschaft.

In früheren Zeiten wurden die weiblichen Exemplare verbrannt. Was nicht sein darf, darf nicht sein, weg damit und das radikal. Im Fegefeuer sollte dann wohl die Abartigkeit gleich mitverbrannt werden, nicht dass sie noch in Geisterform auf andere, am wenigsten bitte auf die ach so gesunde Gesellschaft übergreife. Danach wurde man menschlicher und steckte sie nur noch in Heime und Anstalten. Bis weit ins 20. Jahrhundert wurden sie verwahrt, von der Gesellschaft ferngehalten (oder diese von ihnen befreit, wie man den Blickwinkel auch richten wollte), in ganz schweren Fällen kastriert, damit auch ja keine Weiterverbreitung solchen Irrsinns passieren konnte.

Auch heute noch, wo man sich gar aufgeklärt und tolerant schimpft, sind die Normen starr. Es gibt Lebenswege, die als normal gelten und solche, die einfach verrückt sind, weil sie sich nicht in die ausgetretenen Pfade pressen lassen. Noch immer wird man beäugt, belächelt und argwöhnisch durchgekaut in den Kreisen der Normalen. „Wie kann der nur? Was denkt die sich? Hast du gesehen?“ Schon bei kleinen Kindern fängt es an. Sie müssen in ihrer Entwicklung in eine zeitliche Kurve passen, in der Grösse in eine Perzentile und im Gewicht proportional dazu. Tun sie das nicht, ist man mit einer Armee von Therapiemöglichkeiten (und oft –pflichten) bei Fuss, auch hier kann nicht sein, was nicht sein darf. Zwar sehe ich die Sorge um die Gesundheit unserer Kleinen ein, gewisse Entwicklungen sind ungesund und bedürfen der Hilfe, welche gut und wichtig ist, allerdings sollte man darüber den gesunden Menschenverstand nicht abschalten und im Auge behalten, dass Menschen durchaus langsamer und schneller sein können, dass nicht alle alles können, dass nicht jedes Sprachgenie zugleich auch Feinmechaniker sein muss oder kann und dabei Tonleitern über 4 Oktaven singt.

Eigene Wege zu gehen braucht Mut. Ab und an ist es auch der einzige Weg, den ein gewisser Mensch gehen kann, weil jeder andere für ihn noch schwieriger (oder unmöglich) wäre. Dann ist es doppelt schwierig, weil selbst ohne Mut keine Alternative bleibt.

Sind nun diese Menschen toll? Auch hier kommt es drauf an, was wir unter toll verstehen. Ein Mensch, der zu sich und seinem Weg steht, ihn geht, den Unbill der anderen auf sich nimmt und an sich festhält, ist toll (dass dieser eigene Weg niemandem schaden sollte und sich in gewissen gesetzlichen Normen bewegen sei vorausgesetzt, denn wenn ein Mörder sich plötzlich als Künstler und seine Toten als Werke sieht, wäre dieser Weg durchaus zu stoppen – früher hätte ich solche Einschübe weggelassen, heute nehme ich sie rein, weil sich immer findige Köpfe finden, die dann mit solchen Dingen kommen, die man offensichtlich nicht gemeint haben kann, wie ich denke). Ob er ein besserer Mensch ist, weiss ich nicht. Es gibt auch gute und tolle Menschen unter denen, die den Weg gehen, der als normal erachtet wird. Vielleicht ist es genau ihr Weg und er entspricht nunmal dem normalen oder aber sie fühlen sich mit ihm so wohl, dass dieses Wohlgefühl ausreicht, den Weg zu gehen, da der andere Weg sich schlechter anfühlte, auch wenn er besser entspräche. Dass etwas zur Norm wird, resultiert meist (im gesündesten Falle) daraus, dass es der Mehrheit entspricht.

Wenn die Mehrheit dasselbe will, tut und kann dann geht man in einer statistischen Welt davon aus, dass dies der Normalfall ist, das andere die Abweichung. Darin liegt eine gewisse Logik. Ich denke aber, dass genau hier der Knackpunkt ist. So lange wir in Statistiken über normal und abnormal (verrückt) entscheiden, so lange werden wir Menschen nicht als Menschen wahrnehmen sondern als Statistiken füllende Punkte, aus denen am Schluss ein Diagramm entsteht, aus der wir unsere Welt abzulesen glauben. Schlussendlich sind es aber alles Menschen mit ihren Eigenarten, Wesen und Bedürfnissen. Und jeder soll sich seinen Weg selber suchen dürfen und ihn gehen, ohne dabei belächelt zu werden – weder die Verrückten von den Normalen (ich bleibe der Einfachheit halber bei diesem niemand treffenden Ausdruck) oder aber die Normalen von den Verrückten, die sich als mutiger, besser, weil anders sehen.

Wenn die Menschen einsehen, dass es zwar verbreitetere und weniger verbreitete Lebensweisen gibt, diese aber alle Menschen entsprechen, die sie leben, dann kommen wir vielleicht dahin zu sehen, dass jeder auf seine Weise toll ist. Ist das zu idealistisch?

Die Welt ist schlecht und sie ist laut. Alle denken, je lauter sie schreien, desto besser werden sie gehört. Die leisen Töne sichern ungehört ins Nirgendwo, fast als wären sie nie gesprochen worden. Pessimisten unken, dass das immer so war und immer so sein würde. Der Mensch ist träge und faul, er geht lieber mit der Masse, folgt dem, der am lautesten die Parolen verkündet, weil den die meisten hören und ihm auch folgen. So geht die Masse im Gleichschritt, unhinterfragt, unbedacht, unbewusst – wie Marionetten.

Dass die Welt so sein mag, die Geschichte das belegt, die Gegenwart es bestätigt, mag stimmen. Dahinzugehen und die ganze Welt und alle Menschen ändern zu wollen, wäre ein Anspruch, der mit dem Kampf gegen Windmühlen vergleichbar wäre. Was aber immer in unserer Macht liegt, ist im Kleinen anzufangen, bei sich selber und in seinem Umfeld. Es ist nie zu spät, hinzuhören, wie man selber agiert und hinzuhören, was andere sagen. Man kann auch genauer hinhören, wenn man nur leise Töne hört, sie annehmen, aufnehmen, hinterfragen. Man kann mit einem neuen Bewusstsein ans Leben und ans Miteinander gehen und damit den leisen Tönen und ihren Verkündern wieder eine Plattform bieten. Und dabei entwickelt man vielleicht auch ein Bewusstsein für sich selber und dafür, was man im Leben will, wie man dieses gestalten will und wem oder was man wirklich Platz einräumen will, was draussen bleiben soll.

Nicht immer hat der recht, der am lautesten ruft, oft ist er nur am besten gehört. Wenn man im Kleinen anfängt, auf den Inhalt zu hören statt sich der Bequemlichkeit anheimzugeben, kann man im eigenen Leben sicher einige Weichen umstellen – für sie und seine Nächsten. Glaubt man der Yogaphilosophie, dann wird sich dieses Verhalten auch verbreiten. Vielleicht nicht im Sauseschritt, aber in kleinen nachhaltigen Schritten. Bewusstsein zieht Bewusstsein nach sich, das Erfahren von Dingen im Umfeld setzt sich im Inneren nieder und verändert da die Strukturen des eigenen Denkens, Handelns und Fühlens. Dass die Welt von heute auf morgen revolutioniert ist, wäre utopisch, aber wieso will man immer gleich die Welt ändern?

Meist ist der Anspruch, das Grosse anpacken zu wollen und alles zu lassen, wenn das nicht geht, eine Flucht vor der eigenen Verantwortlichkeit. Das unmögliche Grosse gibt einem die Rechtfertigung, das Kleine zu lassen. Man muss sich nicht drum kümmern, weil man belegen kann, dass es eh nichts bringen wird, die Welt dieselbe bleibt. Für die ganze Welt mag das (sicher kurz- und mittelfristig) so sein, für die kleine Welt stimmt das in meinen Augen nicht. Wir haben sehr viel in der Hand, wir müssen es nur wahrnehmen und uns dessen bewusst werden. Oft sind die vielen kleinen Schritte für das eigene Sein unendlich heilsam, weil sie eine neue Qualität bringen. Wo vorher Geschrei und Gleichschritt herrschte, könnten plötzlich leise Klänge und Eigenverantwortung stehen. Und damit könnte ein Weg sich öffnen, den man selber gewählt hat, statt ihn nur blind mitzugehen. Man muss nur den ersten Schritt machen.

Wie oft verharrt man in Situationen, die einem nicht gefallen, die einen leiden lassen, die weh tun. Wie oft versagt man sich ein Glück, das eigentlich zum Greifen nah sein könnte, das man sich aber nicht zu greifen getraut. Wieso? Weil man dafür etwas aufgeben müsste. Etwas, das da ist, das man kennt. Man kennt es mit all seinen negativen Seiten, all seinem Schmerz, all seinen Schwierigkeiten. Aber man kennt es.

Das Neue klingt toll, aber was, wenn es nicht hält?Was, wenn es auch schwierige Seiten hat, die man nicht kennt? Solche, die man erst erfahren muss, damit umgehen lernen muss? Mit den alten Schwierigkeiten hat man sich – mehr schlecht als recht, aber doch – arrangiert. Drum bleibt man dabei, leidet vor sich hin, sucht weiter nach dem Glück, um es jedes Mal wieder gehen zu lassen, wenn man nur eine blasse Ahnung davon hat. 

Lebe deine Träume, träume nicht dein Leben.

Es klingt so gut, es klingt so wahr und vor allem klingt es einfach. Aber alles andere als das ist es. Man wünscht sich ein Leben nach seinen Plänen, nach seinen Massstäben, nach seinen Zielen. Erfüllt soll es sein, voller Liebe, voller Zufriedenheit, lebendig.

Leben bedeutet immer auch Veränderung. Mal im Kleinen, mal etwas grösser. Wir jedoch halten krampfhaft fest, was ist. Brechen ab und an vielleicht in Gedanken aus, vielleicht auch ein wenig real, um dann schnell und unbemerkt wieder zurück zu krebsen. Im Schoss der Gewohnheiten, des Althergebrachten fühlen wir uns geborgen. Ein Gefühl, das wir nicht mehr im Stande sind, uns selber zu geben, weil wir uns und der Welt nicht trauen, weil sie so gross, so schnell, so unbeständig scheint. Alles, was wir haben, ist das, was ist. Und wir krallen uns förmlich fest. Nichts soll entgleiten. Auch wenn es nicht wirklich das ist, was wir uns wünschen.  Es ist alles, was wir haben. Und:

Schlimmer geht immer.

Allerdings könnte es auch besser werden. Wenn man sich traute, wenn man sein Leben in die Hand nimmt und versucht, das aus seinem Leben zu machen, was man sich davon auch wirklich erhofft. Dazu hilft es, auch mal hinzusehen, was ist. Das Leben ist nicht einfach, wie es immer war, man hat es selber in der Hand, es aktiv mitzugestalten, wie es sein soll. Ab und an bedeutet das, Abschied nehmen von lieb gewonnen oder nur einfach vertrauten Gewohnheiten. Etwas zu wagen, einen Schritt nach vorne zu gehen. Nicht jeder Schritt geht direkt ins Glück, einige gehen auch in die Irre. Doch wäre ein Verharren im Leid, im ungewollten Leben wirklich besser?

Drum wünsche ich mir fürs neue Jahr Mut, Zuversicht, Willenskraft und gutes Schuhwerk, um meinen Weg zu gehen. Ich wünsche mir die eine oder andere Hand, die mir hilft, wenn ich falle, hoffe auf viel Licht, damit ich den richtigen Weg sehe und auf viel Freude, ihn mit leichtem Herzen gehen zu können. Ich wünsche mir gleich gesinnte, gut gewillte Wegbegleiter und auch das eine oder andere Hindernis, damit ich die Leichtigkeit des Seins im Gegenzug zu schätzen weiss. 

Man geht durchs Leben und möchte eigentlich alles richtig machen. Ich denke, niemand sagt sich, ich mache es mal genau falsch. Vielleicht macht man ab und an Dinge, von denen man denkt, sie seien auf die eine Seite vielleicht nicht ganz sauber, aber auf einer anderen eben doch. Das nennt sich dann Interessenkonflikt und den muss man irgendwie lösen – meist auf die Weise, dass die höher gestellte Option in der eigenen Wertung zum Zug kommt.

Nicht selten zeigt sich im Nachhinein, dass etwas, das man vorher gut und richtig fand, der Weg, den man vorher wert fand, zu gehen, in einer Sackgasse mündet oder zu einem Ziel führte, das man so nicht wollte. Umdrehen ist selten möglich und wenn, hat man mindestens Zeit verloren. Doch was hat man gewonnen?

Es heisst, aus Fehlern werde man klug. Man sieht, dass das, was man beschlossenerweise tat, nicht das Richtige war. Man lernt daraus, dass a) die Beweggründe falsch gewesen sein müssen, b) man etwas übersehen haben muss, c) man vielleicht gar nicht dahin wollte, es sich nur einbildete oder d) was weiss ich der Fall war. Auf alle Fälle: Es war FALSCH.

Was nun? Die Vergangenheit wird man nicht ändern können. Man kann nur in die Zukunft nehmen, was man aus ihr lernte. Ab und an kann man gewisse Dinge zurecht biegen, manchmal ist es verloren, man muss damit leben und das Ergebnis als Lehrgeld nehmen. Nach dem Motto: Shit happens.

Ich kriegte kürzlich den Rat: Vergiss es. Kann man das? Einfach drüber gehen, vergessen, was war, weiter gehen? Würde man damit nicht einen Teil der eigenen Geschichte verneinen und die Möglichkeit, eine Lehre zu ziehen? Es gibt wohl Menschen, die einfach vergessen können. Die weiter gehen, als ob nichts gewesen wäre, auf zu neuen Taten, auf zu neuen Ufern. Das ist sicher eine Möglichkeit. Und vermutlich die einfachste, da man nie in sich hinein schauen muss, nie sich hinterfragen muss, was man selber falsch machte. Im besten Fall schiebt man beim Vergessen den Schwarzen Peter dem anderen zu und vergisst dann mit triumphierendem Gefühl. Verlockend eigentlich.

Was ist dabei gewonnen? Wohl wenig. Die Situation wird nicht anders, man schaut nur nicht mehr hin. Das ist zwar für den aktuellen Fall erlösend, allerdings liegt die Wahrscheinlichkeit nahe, dass es einen nächsten, ähnlich gelagerten geben wird. Das Leben richtet es so ein, dass man gewisse Lehren ziehen muss. Es führt einen so lange in ähnliche Situationen, bis man sie bewältigt hat. Der Buddhismus richtet dazu die Wiedergeburt ein, weil er nicht glaubt, dass man es in einem Leben schaffen kann. So oder so: Wir sind wohl da, um zu lernen. Lernen heisst, dem Leben standzuhalten, es zu überleben – bis zum Tod. Der ist unvermeidbar. Ob er einmal oder gar zweimal geschieht, wie James Bond sagt, weiss man nicht so genau. Aus den eigenen Fehlern zu lernen kann dabei aber sicher nicht schaden.

Und damit danke ich all meinen Lehrern, die mein Leben um viele Gedanken bereicherten, danke den Gedanken, die mich ab und an im Kreis drehen, immer aber auch weiter kommen liessen und danke den Kräften, die dazu beitrugen, dass ich alles aushielt und den Weg weiter ging.

Das Leben hält oft mehrere Möglichkeiten bereit. Man steht davor und hadert mit sich, weiss nicht, welche ergreifen. Wenn dann noch äussere Faktoren dazu kommen, von denen man abhängig ist, wird alles noch schwerer. Dann steht man wie auf einem Abstellgleis, wartet auf eine Entscheidung von aussen, auf ein Feedback, auf eine Zu- oder Absage, und hat in dieser Zeit viel Musse, darüber nachzudenken, was man selber wollte, was man selber könnte, wenn man könnte, wie man wollte und wüsste, was man wollte.

Es bleibt nicht aus, dann schwarz zu malen, mit einer Absage von aussen zu rechnen. Man biegt sich diese innerlich zurecht, redet sich ein, andere Wege wären sowieso besser, um dann wieder zurückzufallen auf die Möglichkeit, die eben noch nicht steht. Man schafft sich mit den eigenen Gedanken neue Realitäten, die noch gar nicht wirklich sind, aber wirklich scheinen, weil sie bis ins letzte Detail ausgemalt sind von der eigenen Phantasie. Man wägt Konsequenzen ab, für die noch nicht mal die Ursachen geschaffen sind. Und irgendwann steht man da und weiss nicht mehr, wo einem der Kopf steht. 

 

„Du musst dich endlich entscheiden, was du tun willst, sonst machst du nie etwas.“

Muss ich das? Wieso? Gibt es nicht auch ab und an Zeiten, die zum Suchen da sind? Bringt nicht die Suche auch immer wieder neue Erkenntnisse, solche, die man nie gehabt hätte, wenn man einfach drauflosgeschossen wäre? Klar steht irgendwann eine Entscheidung an, denn keine Entscheidung wäre ein Treten an Ort oder gar ein Rückschritt. Eine vorschnelle Entscheidung kann aber auch Sackgasse sein und wenn nicht, so doch einen Weg zur Folge haben, der einem nicht entspricht. Und ab und an sind die Möglichkeiten, zwischen denen man entscheiden soll, so vielschichtig, dass es nicht leicht fällt, zu sehen, welche am besten passt. 

Ich schwanke seit Jahren zwischen Literatur und Philosophie hin und her. Klar kann man sagen, das eine tun und das andere nicht lassen. Zwei grosse Projekte lassen sich aber nicht parallel verwirklichen, dazu fehlt die Zeit und die Kraft. Und man kann kaum je wirklich auf zwei Hochzeiten tanzen und mit dem ganzen Herzen dabei sein. Und ohne ganzes Herz bleibt die Freude am Tun aus und es bleibt auch die Tiefe im Ergebnis aus. Und das würde mich nicht befriedigen. 

Welche Strasse nehme ich also? Tauche ich besser in Plots und Charaktere ein oder verstricke ich mich in Gedanken, Thesen und normative Konstrukte? Zeichne ich lieber Welten und lasse die Figuren darin tanzen oder analysiere ich die vorhandene? Ab und an denke ich auch, dass mir die eine liegt, die andere gefällt. Dann wieder sehe ich, dass beide passen, jede auf ihre Weise.

Im Moment gefallen mir beide Welten sehr und ich bewege mich in beiden. Irgendwann wird die Entscheidung für mein nächstes grösseres Projekt fallen müssen. Wie sie ausfallen wird, weiss ich noch nicht – oder weiss es jeden Tag neu, aber jeden Tag anders. Irgendwann wird die Klarheit da sein. Da es dieses Mal wohl  für eine Weile die letzte Weiche ist, die sich stellt, fällt die Entscheidung schwerer als sonst. Treu bleiben werde ich beiden Welten, die Frage ist: Was ist Haupt-, was Nebenwelt. 

 

Kein Mensch kennt mich länger und besser als mein Vater. Geboren als sein Sonnenschein gab er mir seine Liebe, seine Zeit. Er stand hinter mir, auch wenn ich oft nicht so spurte, wie er sich das wünschte. Gar oft hörte ich, das ginge so nicht, ich mache alles falsch, folge nicht dem richtigen Weg, dem, den er gut fände, den, den er mit seiner Lebenserfahrung als einzig Richtigen erkannt hatte. Da ich meinen Vater sehr liebe, wollte ich nichts mehr, als ihm gefallen, wollte nichts mehr, als alles richtig machen. Und doch traf ich den Weg nie, wie er ihn gerne gehabt hätte. Ich war immer falsch, reichte nicht. Er bestritt das darauf angesprochen immer, doch das Gefühl im Moment kam immer wieder und verfestigte sich mehr und mehr. Das Gefühl, nicht gut genug zu sein, nicht auszureichen.

Ich könnte nun dahin gehen und sagen: Mein Vater ist schuld. Er hat das verbrochen, seinetwegen leide ich nun, habe ich meine Unsicherheiten. Seinetwegen habe ich ab und an Mühe, mir und meinem Weg zu vertrauen. Seinetwegen bin ich schüchtern und zurückhaltend im Umgang mit anderen, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass sie mit mir was zu tun haben wollen. Seinetwegen habe ich Probleme zu glauben, dass ich geliebt werde – kann doch nicht sein, dass man mich liebt, mit meinen Unzulänglichkeiten, Mängeln, Fehlern, Unsicherheiten. Seinetwegen? Nein, das wäre ihm und mir selber Unrecht getan. Das habe ich ganz schön selber verbrochen – wenn schon. Er war ein liebender Vater, der das Beste wollte und auf den ich immer zählen konnte, heute noch zählen kann. Seine Liebe war Halt in bald 40 Jahren. Darauf konnte ich bauen. Aus tiefsten Tiefen hat er mich geholt, hat Seile runter geworfen und mich raufgezogen. Hat mir einmal das Leben geschenkt und hat es einige Male gerettet. Immer bereichert. Dafür bin ich sehr dankbar.

Ich bin, wie ich bin. Und in mir drin ist diese Unsicherheit, dieses Empfängliche für Kritik, für Selbstzweifel. Ich reagiere mit diesem Wesen auf das, was auf mich kommt anders als es jemand täte, der anders im Leben stünde. Wenn ich meinen Vater früher um Rat fragte, sagte er immer: „Ich sage dir nichts, du machst sowieso das Gegenteil von dem, was ich sage.“ Ich bestritt dies immer vehement, irgendwann rückte er raus. Und in der Tat – ich ging nachher meist doch einen anderen Weg. Hatte er recht, dass ich das aus Prinzip tat? Und da musste ich verneinen. Der Grund für den anderen Weg, als den, den er zeigte, lag in unseren unterschiedlichen Naturellen. Der Weg, der für ihn richtig war, war es für mich nicht. Lange versuchte er mich auf seinen Weg zu ziehen, weil er den als den richtigen, den normalen sah.

Ich musste fast 40 werden. Irgendwann sprach ich mit meinem Vater am Telefon. Sprach über meine Ängste, meine Unsicherheiten. Sprach davon, dass ich alles hinwerfe, was mich ausmachte, was ich wollte, einen „normalen“ Job suche und ein „normales Leben“ lebe. Ich dachte, ihm damit endlich zu entsprechen, wie viele Jahre forderte er von mir Normalität? Was kam? „Kind, du bist, wie du bist und du bist toll. Geh den Weg weiter – DEINEN Weg.“ Und ich sass da und mir kamen die Tränen. Mir kamen die Tränen, zu hören, dass mein Vater mich toll fand, wie ich war. Und ich wusste mit einem Schlag: Das fand er immer. Aber er wusste um die Schwierigkeiten dieses Wegs. Und wollte mich wohl beschützen. Ich war sein Sonnenschein, seine Prinzessin. Bin es noch. Und er ist mein Papa, ich liebe ihn.

Und da stehe ich nun. Die Stimme des Vaters noch immer in mir: Mach mal was Normales. Pass dich an. Es war nicht die seine, es war die der Gesellschaft. Er hatte sich selber angepasst. Die Zeit und die Umstände forderten es damals. Er war so begabt. Und sie hallt in mir weiter. In letzter Zeit haderte ich oft mit meinem Weg. Rückte davon ab, kam zurück, rückte ab, kam zurück. Zweifelte an mir, an meinem Talent. Zweifelte an meinem Naturell, an allem eigentlich. Und kam immer wieder zum Schluss: Nein, es ist mein Weg, ich will ihn gehen. Woher die Zweifel kamen? Sie lagen in den Fragen begründet: Was sagen andere? Wie sieht es nach aussen aus? Womit werde ich umgehen müssen? Trag ich es? Bin ich nicht zu schwach? Habe ich nicht schon zu lange gekämpft?

Und da kam mir etwas in den Sinn. Eine Geschichte meines Lebens, in der ich dem Weg der Gesellschaft folgte. Und der Preis war hoch. Ich verliebte mich, liebte, wurde geliebt. Die Liebe überschritt eine in der Gesellschaft nicht akzeptierte Grenze. Ich hörte Ablehnung und Verachtung und entschied mich zu meinem und seinem Schutz dagegen. Brach ihm das Herz. Nahm mir den Halt, den Sinn, die Liebe. Und dann starb er. Zurück blieb Sehnsucht, Schuldgefühl, Leere. Was hatte ich getan? Habe ich ihn auf dem Gewissen? Oder sein Glück? Oder mein Glück? Dankten es mir die Stimmen, die vorher verachteten? Halfen sie in meiner Trauer? Taten sie überhaupt etwas?

Es gibt immer Menschen, die denken, richten zu müssen. Sie setzen ihre Massstäbe, befinden sie als allgemeingültig und wenden sie auf die Welt an. Unerbittlich. Sie sitzen im bequemen Sofa, Bier (oder Cüpli, man hält ja was auf sich) und Chips (Häppchen) in der Hand und bewerten den Alten der Sesamstrasse gleich das Geschehen in der Welt, das Verhalten der anderen. Wirkliche Erfahrung haben sie selten, alles reine Theorie, von aussen, aber eloquent vertreten und mit Statistiken belegt. Sachlichkeit und Wirtschaft unterstützen meist noch die Thesen – was kann man dagegen halten? Ab und an kommen noch Kriterien wie „das war schon immer so“ oder „das steht in dem Buch und das Buch ist ein Bestseller“. Dann muss es ja stimmen. Und man steht da und denkt: Uff, ich laufe falsch, mein Weg führt in die Irre. Die haben recht, müssen sie haben, denn sie hinterfragen sich nicht, sondern sind so sicher auf ihrem Weg.

Doch vielleicht muss man irgendwann mal sehen: Jeder hat seinen Weg. Und niemand geht schlussendlich den des anderen, jeder geht seinen und das grundsätzlich alleine. Also muss er auch für einen selber stimmen. Man wird ihn gehen müssen bis zum bitteren (hoffentlich nicht) Ende. Niemand übernimmt wie in einer Stafette einen Part, wenn man mal nicht mag. Niemand trägt dich wirklich. Schlussendlich steckt man immer selber in den eigenen Schuhen. Und muss sie ausfüllen. Es wird mir niemand danken, wenn ich noch eine Liebe aufgebe. Wenn ich noch einen Weg aufgebe, weil er nicht irgendwelchen Alten auf dem Balkon entspricht. Dazu braucht es eines: Das Wissen, dass man nur den eigenen Weg gehen sollte, nie einen anderen, und das Vertrauen, dass man ihn gehen kann. Weil das der eigene Weg ist.