Fau C auf Reisen

Es war einmal eine Frau, nennen wir sie Frau C, die wohnte in Z. Frau C hatte einen Hund, der war weiss und die meiste Zeit stimmte die Vergangenheitsform „war“ sehr gut mit der aktuellen Zeit zusammen, da war er nämlich schwarz, braun, gepunktet oder gefleckt. Aber eigentlich war der Hund, nennen wir ihn Caruso, weiss.

Eines Tages hatte Frau C aus Z. einen Termin in B. Abgesehen davon, dass Frau C keine Termine mag, ist sie ab und an etwas reisemüde. Nun lag der Termin in B. von Haustür zu Haustür sage und schreibe 105 Minuten entfernt, für Frau C eine halbe Weltreise. Sie überlegte hin und her, je näher der Termin rückte, ob der Termin wirklich wichtig wäre, ob er was brächte, ob sie ihn nicht besser absagen könnte und ordnete schon fleissig die möglichen Argumente, die sich gegenseitig an Stichhaltigkeit und Folgerichtigkeit und auch an Logik und Realitätssinn überboten. Bald schon hatte Frau C eine ganze Liste sinniger Argumente gegen eine Reise nach Bern. Zwei blieben, nämlich des Sohnes „bringt es nichts, so schadet es nichts“ und das eigene „du könntest es bereuen“.

Frau C schob die Entscheidung bis kurz vor knapp hinaus und entschied im letzten Moment zu gehen. Sie packte die Tasche, den Hund und den Mantel, rief dem Sohn alle Ermahnungen zu, die man einem zu Hause bleibenden Sohn zuruft und machte sich auf den Weg zum Bus. Gestresst wie immer, in der Angst, den Bus zu versäumen, was das Verpassen des Zuges zur Folge und dann das Verpassen des Termins als Resultat hätte, eilte sie im Stechschritt Richtung Haltestelle. Der Hund schnüffelte da, pinkelte dort, machte alsbald Anstalten, sich niederzukauern für ernsthaftere Geschäftstätigkeiten. Die Zeit dafür musste reichen, schliesslich ist er auch nur ein Hund und hat Bedürfnisse. Diese ausgelebt, wieder in Originalstelle, streckt er Frau C erleichtert ein braunes Hinterteil zu.

Frau C sah das Hinterteil, überschlug die Folgen eines solchen auf eine Zugreise mit besagtem Hund auf dem Schoss, überlegte, wie ihr Terminator (oder wie man einen Termingeber nennen sollte) auf ein stinkendes Hundetier an der Leine und eine Frau mit ebenso stinkenden Hosen reagieren würde und kehrte unverrichteter Dinge um, um wieder heimzugehen. Da angekommen, schnitt sie alles braun raus, was problemlos ging, um dann zu merken, dass der Termin damit nicht gestorben sein musste, wenn sie noch ein wenig schneller lief, konnte sie den Bus noch immer erreichen. Frau C kehrte also wieder um, rief dem Sohn nochmals alles erdenklich Wichtige zu und eilte wieder zum Bus, den sie in der Tat erwischte. Der Startschuss für die Weltreise war gefallen.

Der Bus war pünktlich, der Zug erreicht, ein Sitz gefunden, der Hund platziert, das Buch in den Händen, reisen fühlte sich gar nicht mehr so schlimm an. Im Gegenteil, es hatte was für sich. Bald schon war das erste Buch zu Ende gelesen, das zweite hervorgeholt – der nächste Hammer: Das war langweilig. Das falsche Buch dabei auf Reisen, mangels vorhandenes Bücherregal zur Hand kein Ersatz – schlagartig kam ihr wieder in den Sinn, wieso sie nicht gerne reiste. Der falschen Bücher wegen. Die waren immer dabei. Zielgerichtet schummelten sie sich in den Vordergrund, wenn Reisen oder gar Ferien anstanden und waren dann in der Lage, die Laune von 180 auf 0 in 1 Sekunde zu bringen. Porsche wäre neidisch. Die Reise zog sich hin wie Kaugummi, etwa so wie der, welchen der Mann gegenüber unübersehbar kaute (wobei kauen noch stark übertrieben war, die Blasen, die er blies, ganz zu schweigen, von dem Jucken in den Finger, diese in sein Gesicht zu pressen, erzähle ich besser auch nicht).

Irgendwann hatte der Zug Erbarmen und erreichte B. Frau C stieg aus, eilte die Treppe hinauf (eilen musste sie, weil der Zug 11 Minuten Verspätung und ihr Termin ohne solche geplant war) überquerte die STrasse, hatte Glück (darf auch mal sein), der Bus kam grad, fuhr drei Stationen, überquerte die Strasse, betrat das Gebäude, fuhr mit dem Lift in den zweiten Stock, rannte den Gang hinunter, klopfte an die Tür des Terminators. Nichts. Sie schaute links, schaute rechts, die Tür ging auf, ein freundlich strahlender Kopf kam heraus: „Einen Moment bitte.“ Natürlich. Kein Problem. Frau C las alle nur erdenklichen an der Wand hängenden Blätter, Poster und Werbungen, bis die Tür sich wieder öffnete, der Kopf wieder herauskam, der Mann, der dran hing, dieses Mal mit. Sie nahmen beide drinnen Platz, der Terminator lächelte sie nett an (und das Lächeln war wirklich nett) und fragte nach den Wünschen und Anliegen, legte die Stirne in Falten, den Zeigefinger ans Kinn und richtete die Augen interessiert auf Frau C.

Es sei alles sehr schwierig, meinte er, wenn auch interessant. Er hätte vollstes Vertrauen in Frau C, aber es gäbe doch zu bedenken… und erzählte Argumente auf, gute, stichhaltige, logische, sinnhafte, Frau C schon bekannte Argumente. Er gab seiner Freude Ausdruck, dass er Frau C persönlich kennen gelernt hatte, versprach, sie mehr als nur im Hinterkopf zu behalten und verabschiedete sich. Weniger als 10 Minuten später stand Frau C wieder vor besagter Tür, der lächelnde Kopf dahinter. Und vor ihr lag der Rückweg. Was sie wohl alles erwarten mochte? Ganz kurz ratterten ihr die Argumente, welche sie am Anfang gegen die Reise gesammelt hatte, durch den Kopf, sie verscheuchte sie schnell, um sich diese ach so tolle Reise nicht am Ende noch durch negatives Denken zu vermiesen und sagte sich: „Mein Sohn hatte recht, geschadet hat es sicherlich nicht, bereuen, dass ich nicht gegangen bin, kann ich nun nicht.“ Und damit schaltete sie das Gehirn schnell aus, nicht dass sich noch das zuvorderst auf der Zunge liegende „Aber“ Luft verschaffen konnte.

2 Comments

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  1. Nach Deinem letzten Beitrag war ich gespannt auf Deinen nächsten, und dieser macht es mir schwer ihn zu erschließen. Welche Aussage würdest Du ihm geben, wenn Du eine knappe sinnstiftende Beschreibung geben würdest? Vielleicht bin ich heute nicht sehr aufmerksam!
    Ist es zu verstehen als ein Beispiel für eine unwichtige und dennoch wichtige Entscheidung, die man trifft, um sie getroffen zu haben, um ihr nicht hinterher zu hängen mit den Gedanken „Was wäre, wenn ich doch…“?

    LG

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    • Ich denke, es ist genau das. Ich hatte im Gefühl, dass es wohl eine sinnlose Fahrt werden würde, doch ich hatte Skrupel, diesem Gefühl nachzugeben. Der Termin hängt in einer Tradition, die mir über Jahre wichtig war, von der ich mich zwar langsam löste, trotzdem immer mal wieder ein Auge zurück warf. Dadurch sind in diesem Entscheid sehr viele Faktoren eingebunden gewesen, die dann ein klares Nein einfach schwer machten. Die Angst, irgendwann zurückzublicken und zu denken: „Vielleicht wäre das was gewesen“ (und ich neige dazu), wäre wohl schlimmer gewesen als nun diese 5 Stunden auf mich zu nehmen. Und ja, wäre es was gewesen, wäre es schön gewesen – auf eine Weise. Auf eine andere nicht. Es bleibt schwierig.

      Schlussendlich muste ich am Schluss dieser Reise, die nicht gar so übel war, hat sie mich doch in eine alte Heimat zurückgebracht, auch ein wenig lachen ob all der HIndernisse, die ich fand, ich nahm es dann mit Humor und daraus entstand diese Geschichte. Als Fazit kann man natürlich ziehen, ich hätte auf mein Gefühl hören sollen, dann wäre mir die Reise erspart gewesen, doch im Nachhinein erklärt sich manches, was vorher nicht ersichtlich sein konnte und blosse Ahnung war. Es ist gut, wie es ist.

      LG

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