Peter Cameron: Die merkwürdige Ehe der Coral Glynn

Eine merkwürdige Geschichte mit merkwürdigen Leuten

Die junge Krankenschweste Coral Glynn kommt in das herrschaftliche Hart House, um die alte, krebskranke Mrs Hart zu pflegen. Vor Ort trifft sie auf deren Sohn, den vordergründig gut aussehenden, unter der kleidenden Oberfläche aber kriegsversehrten Major Hart, seines Zeichens Junggeselle, sowie auf die Haushälterin Mrs Prence. Schon nach kurzer Zeit stirbt die Patientin. Damit könnte der Aufenthalt von Coral Glynn in Hart House vorbei sein, wenn nicht Major Hart aus heiterem Himmel einen Heiratsantrag machte, was umso verwunderlicher erscheint, da die beiden kaum ein Wort miteinander gewechselt haben bis anhin. Dazu kommt, dass weder Carol Glynn noch Major Hart sich in der Gegenwart des anderen wohl zu fühlen scheinen.

Sein versehrter Körper disqualifizierte ihn als Liebhaber und somit auch als Gatten, und bei der Aussicht, Liebe und Ehe sowie den sie begleitenden Qualen und Verwirrungen zu entgehen, erfüllte ihn tiefe Erleichterung. Der Major war fest überzeugt, unwiderruflich aus der Welt intimer Beziehungen ausgeschlossen zu sein, und empfand dies als Gnade, weil er sich in Gesellschaft, vor allem von Frauen, stets unwohl gefühlt hatte.

Die Geschichte nimmt ihren Lauf, die Ehe wird geschlossen, die Gründe dafür sind undurchsichtig wie die Charaktere selber. Psychologische Innensichten und Erklärungsversuche bleiben eher unfassbar und unverständlich – für die Romanfiguren selber und den Leser. Erste Wolken zeigten sich schon vor der Eheschliessung, verdichten sich am Tag derselben und brechen in der Nacht vollends auf. Coral zieht nach London und beginnt ein neues Leben. Die ganze Geschichte handelt generell von vielen verschiedenen neuen und alten Leben verschiedener Personen. Nicht immer ist klar, was sie alle miteinander zu tun haben, die Leben wie die Personen.

Die merkwürdige Ehe der Coral Glynn ist eine merkwürdige Geschichte voller merkwürdiger Menschen. Der Plot ist schulbuchmässig aufgebaut, erstes Hoch bei der Eheschliessung, anschliessender Tieffall, langsames Aufrappeln, kurze Dramatik kurz vor Schluss und finales Happy End. Dieses ist allerdings anders als man es sich denken würde oder könnte, es scheint eher weit hergeholt, wirklich happy wirkt irgendwie auch niemand.

Die Charaktere bleiben durch die Geschichte hindurch merkwürdig blass und farblos, man kann sie nicht fassen und sich schon gar nicht mit ihnen identifizieren. Die Dialoge sind gestammelt unsicher, wobei die Unsicherheit nicht nur in den Figuren selber zu liegen scheint, sondern beim Erzähler zu suchen ist. Was für einen alltäglichen Dialog zwischen unsicheren Menschen in der Realität durchgehen mag, wirkt in einem Roman eher schwach und unbeholfen.

Die Geschichte wimmelt von merkwürdigen Menschen. Neben den für sich schon sehr verworrenen Protagonisten wären da die Freunde des Majors Hart, ein Ehepaar, das in einem Sammelsurium von kuriosen Möbeln lebt. Sie trinkt zuviel, plaudert dabei unentwegt und verdrückt zu allen Gelegenheiten Tränen, er ist eigentlich schwul und dem Major zugetan, trotzdem findet er sich plötzlich im Bett seiner Ehefrau wieder, die – wie könnte es anders sein – weint, weil er sie wieder mal beehrt. Die Haushälterin wird zum klischeemässigen Hausdrachen. Ein Mord bringt Spannung in die ganze Geschichte, Flucht, Verrat, eine brennende Sexszene sollen den Leser bei der Stange halten.

Trotz all der offenkundigen Mängel, trotz der unglaubwürdigen Geschichte, der flachen Charaktere, der farblosen Beschreibungen der Schauplätze, Landschaften und Szenerien, trotz des unwahrscheinlichen Handlungsablaufs ist es kein Buch, das man einfach auf die Seite legen will. Man möchte wissen, wie diese Aneinanderreihung von Merkwürdigkeiten zu Ende geht, welchen Schluss sie findet. Es darf verraten werden, dass das Ende nicht minder merk- und fragwürdig ist als der ganze Rest des Buches. Zurück bleiben viele Fragezeichen, eine gewisse Erleichterung, dass man durch ist und trotz allem ein Lächeln ob so viel Merkwürdigkeit.

Fazit:
Es ist merkwürdig: Literarisch gesehen kann ich es nicht empfehlen, und doch, merkwürdigerweise, war es merkwürdig erheiternd.

Zum Autor
Peter Cameron
Peter Cameron wurde am 29. November 1959 in New Jersey geboren und ist ebenda und in London aufgewachsen. Er hat am Hamilton College in New York einen B.A in Englischer Literatur gemacht und lebt heute als Schriftsteller in New York. Für seine Werke erhielt er  zahlreiche Auszeichnungen. Von ihm erschienen sind unter anderem Das Wochenende (1998), Die Stadt am Ende der Zeit (2004), Du wirst schon noch sehen wozu es gut ist (2008), Die merkwürdige Ehe der Coral Glynn (2013).

cameronglynnAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: Albrecht Knaus Verlag (9. April 2013)
Übersetzung aus dem Englischen: Henning Ahrens
ISBN: 978-3813504774
Preis: EUR  19.99/ CHF 31.90

 

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