Rose Ausländer (11. Mai 1901 – 3. Januar 1988)

Rose Ausländer wurde als Rosalie Beatrice Scherzer am 11. Mai 1901 in Czernowitz, Österreich-Ungarn in einen liberal-jüdischen und kaisertreuen Haushalt geboren. Zwar hatte man sich vom streng orthodoxen Ostjudentum distanziert, trotzdem waren die wichtigen jüdischen Traditionen wichtig und wurden gelebt.

Czernowitz war eine Mischung aus verschiedenen Völkern und damit auch Sprachen, 60 Prozent der Bevölkerung waren Juden, die Umgangssprache war Deutsch. Deutsch wurde als Kultursprache und als Sprache des Aufstiegs angesehen. Paul Celan sprach von Czernowitz in einer Rede von einer «Gegend, in der Menschen und Bücher lebten». Literatur und Kultur genossen einen hohen Stellenwert in Czernowitz.  

«Bukowina II

Landschaft die mich
erfand

Wasserarmig
Waldhaarig
die Heidelbeerhügel
honigschwarz

Viersprachig verbrüderte
Lieder
in entzweiter Zeit

Ausgelöst
strömen die Jahre
ans verflossene Ufer»

1916 musste die Familie nach Budhapest fliehen, weil Czernowitz von den Russen besetzt wurde. Von da ging es 1919 weiter nach Wien und 1920 zurück nach Czernowitz. Rose Ausländer arbeitete in einer Rechtsanwaltskanzle und studierte nebenher als Gasthörerin Literatur und Philosophie. Sie beendete das Studium nie.

1921 wanderte Rose mit ihrem Studienfreund Ignaz Ausländer in die USA aus, den sie 1923 heiratete und von dem sie sich bereits 1926 wieder trennte (1930 erfolgte die Scheidung). Im gleichen Jahr erhielt sie die amerikanische Staatsbürgerschaft. 1927 erschienen ihre ersten Gedichte im Amerika-Herold-Kalender, im gleichen Jahr kehrte sie in die Bukowina zurück, u ihre kranke Mutter zu pflegen. Dort lernte sie den Kulturjournalisten Helios Hecht kennen, mit dem sie 1928 nach New York reiste. Es erschienen weitere Gedichte von ihr.

«Warum schreibe ich?

Vielleicht, weil ich in
Czernowitz zur Welt kam,
weil die Welt in
Czernowitz zu mir kam.
Jene besondere Landschaft.
Die besonderen Menschen.
Märchen und Mythen
Lagen in der Luft,
man atmete sie ein.»

1931 kehrten Ausländer und Hecht zurück nach Czernowitz, es folgten weitere Gedicht- und Aufsatzveröffentlichungen in Zeitungen und Anthologien, daneben arbeitete sie als Englischlehrerin und Lebensberaterin in einer Zeitung. 1934 wurde ihr die amerikanische Staatsbürgerschaft aberkannt, da sie dem Land zu lange ferngeblieben war. 1935 kam es auch zur Trennung  von Hecht.

1939 erschien Rose Ausländers erster Gedihtband «Der Regenvorgen», welcher beim Publikum trotz guter Kritiken nicht ankam. Nach einem kurzen Aufenthalt in New York pflegte sie in Czernowitz ihre kranke Mutter, als 1940 sowietische Truppen einfielen. Ausländer wurde verhaftet, kam nach vier Monaten wieder frei. 1941 besetzten mit Deutschland verbündete rumänische Truppen die Stadt. Ausländer kam ins Ghetto der Stadt, wo sie Paul Celan kennenlernte. In einem Kellerversteck überlebte sie, weil sie der Deportation entgehen konnte. Die Erkenntnis, dass all die Verbrechen damaliger Zeit von Menschen begangen wurden, setzt Rose Ausländer zu. Sie verarbeitete diesen Schrecken in Gedichten:

Noch ist das Lied nicht aus

Noch ist das Lied nicht aus, noch lebt im Leid
der immerdar Verfolgte und Beraubte.
Er weiss: sein Schicksal ist dem Tod geweiht,
und immer schwebt ein Schwert ob seinem Haupte.

Sie sagten einst, sein Gott sei nicht so gut
wie ihrer, so musste er es büssen.
Fest liegt die Schuld in seinem bösen Blut,
und sie zertraten es mit ihren Füssen…

1944 befreite die Rote Armee schliesslich die wenigen überlebenden Juden, so dass Ausländer über Rumänien nach New York auswandern konnte, wo sie als Fremdsprachenkorrespondentin arbeitete und Gedichte schrieb – ausschliesslich auf Englisch.

1957 traf sie in Paris auf Celan. 1964 zog sie nach Wien, 1965 nach Düsseldorf. Als verfolgte des NS-Regimes bezog sie eine Rente, der ihr das finanzielle Überleben sicherte, so dass sie sich ihren Gedichten widmen konnte. 1965 erschien ihr zweiter Gedichtband «Blinder Sommer», welcher beim Publikum ankam und ihr endlich zum literarischen Durchbruch verhalf.

Als ich
aus der
Kindheit floh
erstickte
mein Glück
in der Fremde

Als ich
im Ghetto
erstarrte
erfror
mein Herz
im Kellerversteck

Ich Überlebende
des Grauens
schreibe aus Worten
Leben

In den folgenden Jahren reiste Rose Ausländer viel in Europa, auch nochmals kurz nach USA, uns trat 1972 ins Nelly-Sachs-Haus, ein jüdisches Altenheim in Düsseldorf. Ein Unfall 1977 führte bei ihr zum Entschluss, das Zimmer nicht mehr zu verlassen, so dass sie die restlichen 11 Jahre, die ihr noch blieben, nur noch Gedichte schrieb und veröffentlichte. Ihr lyrisches Werk schliesst sie mit folgenden Worten ab:

«Gib auf

Der Traum
lebt
mein Leben
zu Ende»

Rose Ausländer starb am 3. Januar 1988 und liegt auf dem jüdischen Friedhof in Düsseldorf.

Bücherverbrennung – 88 Jahre später

„Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“ (Heinrich Heine, 1823)

Heinrich Heine hätte sich wohl nie träumen lassen, wie wahr sein Ausspruch schon ein gutes Jahrhundert später sein könnte. Und doch ist genau das passiert:

Heute jährt sich etwas wieder, das nie hätte geschehen dürfen. Man kann nun sagen, es waren nur Bücher, aber es ging ja um mehr: Die Gedanken, die in den Büchern waren, wollte man nicht mehr haben. Keiner durfte sie lesen, sie waren „systemfeindlich“. Erschreckend genug. Was ich aber auch erschreckend finde, ist, dass diese Aktion von Studenten ausging. Eine Gruppe von jungen Menschen also, die man als denkende Elite ansieht. Wo haben sie wirklich selber gedacht? Mal wirklich hingeschaut? Wie konnten sie so weit kommen? Sie waren im System. Wurden von diesem geprägt, bis sie so tief drin waren, es unbedacht hinzunehmen und zu einem Extrem zu führen. 

Wie oft haben „ganz normale, arme, ungebildete“ Menschen vor dem System fliehenden Menschen geholfen? Einfach aus einer Menschlichkeit heraus? Wir haben auf der einen Seite die geistige Elite, auf der anderen Seite den fühlenden Menschen. Nun gab es aber durchaus auch das andere: Unglaublich dumme, ungebildete Menschen, die in diesem System ihre Chance auf ein wenig Anerkennung sahen und drum blind ihre Nachbarn ans Messer lieferten. Oder aber im System integrierte Menschen, die sich besannen und halfen, wo sie konnten. 

Was ich damit sagen will? Wie oft lassen wir uns blenden von Status, Symbolen, Äusserlichkeiten? Was eigentlich zählt, ist der Mensch dahinter. Und: Ich hoffe, es kommt nie mehr so weit… Ich hoffe, wir dürfen uns immer trauen, hinzusehen, Missstände aufzudecken, gefährliches Gedankengut zu erkennen und einzudämmen. Für ein Miteinander in Frieden und Toleranz. 

Ingeborg Bachmann: Undine geht

«Ihr Menschen! Ihr Ungeheuer!

Ihr Ungeheuer mit dem Namen Hans! Mit diesem Namen, den ich nie vergessen kann.»

Undine sinniert über die Welt, welche eine Welt von Ungeheuern ist, eine Welt von Männern namens Hans, die die Welt und auch sie beherrschen. Doch einige sind anders, einen Hans liebt sie sogar. Und doch wird sie nicht glücklich mit dieser Liebe.

«Mein Gedächtnis ist unmenschlich. An alles habe ich denken müssen, an jeden Verrat und jede Niedrigkeit.»

Sie erinnert sich an all das Leid, das ihr passiert ist, all die Schmach. Und geht schliesslich ins Wasser. Und damit aus der Welt der Männer, aus der Welt überhaupt.

«Beinah verstummt,
beinahe noch
den Ruf
hörend.

Komm. Nur einmal.
Komm.»

Doch: Ist sie wirklich ganz gegangen? Ist da nicht noch ein Blick zurück, eine Hoffnung, die Möglichkeit eines neuen Versuchs?

«Verräter! Wenn euch nichts mehr half, dann half die Schmähung. Dann wusstet ihr plötzlich, was euch an mir verdächtig war, Wasser und Schleier und was sich nicht festlegen lässt. Dann war ich plötzlich eine Gefahr, die ihr noch rechtzeitig erkanntet, und verwünscht war ich und bereut war alles im Handumdrehen.»

«Undine geht» ist die letzte Erzählung in Ingeborg Bachmanns Erzählband «Das dreissigste Jahr», einem Zyklus von sieben Erzählungen, welcher im Jahr 1961 erschienen ist. Thema der Erzählung ist das herrschende Patriarchat, eine Männerwelt, welche sowohl Frauen wie Männern klare Rollen zuteilt. Während die Frau domestiziert wird, verkörpert der Mann das rationale Prinzip, steht mit diesem der Natur gegenüber und damit auch Undine, diesem nicht fassbaren Wasserwesen, welches für den nach Erklärungen und Sicherheit strebenden Mann eine Gefahr darstellt.

Bachmann greift mit Undine auf einen der (halbgöttlichen) Elementargeister (Bewohner der vier Elemente Feuer, Wasser, Erde, Luft) der mittelalterlichen Welt zurück. Dort besitzt das Wasserwesen ein menschliches Aussehen, sie ist ein jungfräulicher Wassergeist. Um eine unsterbliche Seele zu erlangen bedarf es der Vermählung mit einem Mann (so will es der christliche Glaube damaliger Zeit). Ingeborg Bachmann holt dieses Wesen in die Gegenwart und lässt es mit der bürgerlichen Welt abrechnen, mit dem gestörten Verhältnis zwischen den Geschlechtern, bei dem die Frau durch monsterhafte Männer unterdrückt werden («Ihr Monster mit den festen und unruhigen Händen»).

«Alles hast du mit den Worten und Sätzen gemacht, hast dich verständigt mit ihnen oder hast sie gewandelt, hast etwas neu benannt…»

Auch die Sprache, eines von Ingeborg Bachmanns immer wiederkehrenden Themen, ist zentral. Sprache, die den Menschen als solchen eigentlich ausmacht, verkümmert mehr und mehr, es bleiben Belanglosigkeiten, Floskeln im Privaten, im Politischen, im öffentlichen Raum wird sie instrumentalisiert um Macht und Herrschaft (des Manns) zu zementieren. Durch das Spiel mit der Wahrheit, das Spiel mit Worten und ihren Doppeldeutigkeiten zementiert sich die Vorherschafft der Einen, Eingeweihten, gegenüber den Andern. Ingeborg Bachmann hinterfragt allgemein die Kommunikation zwischen den Menschen, und sieht ein Verkümmern, sowohl in der Sprache wie auch im Sein.  

Immer wieder wurde Ingeborg Bachmann darauf angesprochen, ob Undine eine autobiographische Darstellung sei. Sie antwortete darauf in einem Interview:

„Sie ist meinetwegen ein Selbstbekenntnis. Nur glaube ich, dass es darüber schon genug Missverständnisse gibt. Denn die Leser und auch die Hörer identifizieren ja sofort – die Erzählung ist ja in der Ich-Form geschrieben – dieses Ich mit dem Autor. Das ist keineswegs so. Die Undine ist keine Frau, auch kein Lebewesen, sondern, um es mit Büchner zu sagen, ‚die Kunst, ach die Kunst‘. Und der Autor, in dem Fall ich, ist auf der anderen Seite zu suchen, also unter denen, die Hans genannt werden.“ (Ingeborg Bachmann: Wir müssen wahre Sätze finden)

Wie so oft in Ingeborg Bachmanns ist das Werk nicht vom Leben zu trennen. Die Verletzungen der Frau durch den Mann sind erlebt, die Enttäuschung und ab und an auch Verzweiflung an unglücklichen Beziehungen ist tief gefühlt, die Hoffnung, doch noch Liebe zu finden, stirbt nie. Undine ist zerrissen zwischen dem Zwang, zu lieben, und der Flucht vor der Liebe, in welcher sie doch nur Verletzungen sieht. Und Einsamkeit.

Fazit:
Eine Abrechnung mit dem Patriarchat in Ingeborg Bachmanns ganz eigenem, prägnanten und doch lyrischen und sinnlichen Ton. Ganz grosse Leseempfehlung!

Zur Autorin
Ingeborg Bachmann wird am 25. Juni 1926 in Klagenfurt geboren. Mit dem Einmarsch deutscher Truppen im Zweiten Weltkrieg endete nach Bachmanns Aussagen die Kindheit jä – ein Ereignis, das ihr späteres Schreiben immer wieder prägen wird. Erste Gedichte finden sich schon bei der 12-jährigen Ingeborg Bachmann. 1945 beginnt Ingeborg Bachmann ihr Studium in Literatur, Kunst und Jura in Insbruck, wechselt später nach Graz und dann nach Wien, wo sie mit Philosophie und Psychologie abschloss und 1950 eine Dissertation über Martin Heidegger schrieb. Es folgten journalistische Arbeiten, welche aber neben dem schon da dringenden Wunsch, Schriftstellerin zu sein, mehrheitlich eher als ungeliebter Brotjob anzusehen waren. Nach einer Einladung in die Gruppe 47 im Jahr 1952 konnte sie im Jahr 1953 deren Preis gewinnen, im gleichen Jahr erschien ihr erster Gedichtband «Die gestundete Zeit», 1956 der zweite mit dem Titel «Anrufung des Grossen Bären». Damit stand ihr Ruhm als eine der bedeutendsten Lyrikerinnen der literarischen Moderne fest, was aber leider finanziell zu wenig einträglich war, um davon zu überleben.

Es folgten mehrere Stellen, dem finanziellen Überleben geschuldet, sowie diverse Umzüge, welche wohl finanzielle und andere, der persönlichen Unrast und privatem Unglück geschuldete Gründe hatten. Über die Jahre finden sich verschiedene Liebschaften, denen allesamt wenig (und vor allem kein anhaltendes) Glück beschieden war. Irgendwann versiegten bei Ingeborg Bachmann die Gedichte, sie widmete sich Prosawerken, später einem gross gedachten Romanprojekt, von welchem aber nur ein Roman wirklich fertiggestellt wurde: 1971 erschien Malina.

Die zunehmenden psychischen Probleme, die sie immer wieder plagten, gepaart mit Alkoholexzessen und Tablettenabhängigkeiten verdüsterten das Leben der Dichterin zunehmend. Bei einem einem Feuer in ihrer Wohnung in Rom erlitt Ingeborg Bachmann starke Verbrennungen, weswegen sie ins Krankenhaus kam. Gestorben ist sie aber mutmasslich an den Entzugserscheinungen eines Medikaments, bei welchem bis zu spät nicht klar war, welches es ist. Ingeborg Bachmann starb am 17. Oktober 1973 in Rom.

Gottfried Benn (*2. Mai 1886)

[…] geboren in einem Pfarrhaus aus Lehm und Balken, erbaut im siebzehnten Jahrhundert, von einem Schafstall nicht zu unter-scheiden.[1]

So beschreibt Gottfried Benn sein Geburtshaus, in dem er am 2. Mai 1886 in Mansfeld, Brandenburg das Licht der Welt erblickt. Ein halbes Jahr später zieht die Familie nach Sellin in die Neumark, wo sie neben dem Pfarramt des Vaters einen kleinen Hof bewirtschaften, um finanziell über die Runden zu kommen. Das Verhältnis Gottfried Benns zu seinem Vater ist angespannt, er nennt ihn einen „grossen Zelot und Fanatiker“, der alles mit Gott verknüpfe, dem Irdischen aber fremd bleibe. Zu seiner Mutter hat Benn ein besseres Verhältnis.

1887 bis 1903 besucht Benn das Friedrichs-Gymnasium in Frankfurt an der Oder, danach will er Medizin studieren, was dem Vater nicht genehm ist, welcher ihn als Nachfolger in seinem Pfarramt sieht und zudem vor den Kosten für ein Medizinstudium zurückschreckt. Gottfried Benn beginnt mit dem Theologie- und Philosophiestudium in Marburg, wechselt später nach Berlin zum Philosophiestudium und wird 1905 wegen „Unfleiss“ exmatrikuliert. An der Kaiser-Wilhelms-Akademie für das militärärztliche Bildungswesen beginnt er ein Medizinstudium, verpflichtet sich da für ein fast kostenfreies Studium, später als Militärarzt zu dienen. 1911 folgt das Staatsexamen, 1912 die Promotion. Schon während der Ausbildung erscheinen erste literarische Werke Benns.

Ab 1912 dient Benn als Arzt in einem Pionierbataillon in Berlin Spandau, muss aber 1913 aus gesundheitlichen Gründen den Militärdienst quittieren und wechselt in die Pathologie eines Berliner Krankenhauses. Es folgen eine Stelle als Schiffsarzt und eine Chefarztstelle im Fichtelgebirge sowie die Ehe mit Edith Brosin, aus welcher die Tochter Nele stammt. 1914 wird Benn in den Kriegsdienst eingezogen, 1917 demobilisiert (die Gründe dafür sind nicht bekannt) und er eröffnet eine eigene Praxis. Er bezieht eine Wohnung im gleichen Haus wie die Praxis, Frau und Kind wohnen in einer Familienwohnung, in welcher er nur sporadisch zu Besuch ist. Benn schreibt neben seinem Arztsein immer noch und braucht dafür Unabhängigkeit und Freiheit. Zudem beflügeln erotische Abenteuer sein Schreiben, welche um Frau und Kind wohl schwer zu haben wären. Trotz allem ist Benn nicht nur der draufgängerische Lebemann, er neigt zu Depressionen, die sowohl auf die eher unerfreuliche Ehe wie auch auf die schlecht gehende Praxis zurückzuführen sind:

Es ist kein Leben dies tägliche Schmieren u. Spritzen u. Quacksalbern u. abends so müde sein, dass man heulen könnte. […] Sinnlosigkeit des Daseins in Reinkultur und Aussichtslosigkeit der privaten Existenz in Konzentration.[2]

1922 erscheinen Benns Gesammelte Schriften. Im selben Jahr stirbt seine Frau, die Tochter wächst in der Folge bei der Opernsängerin Ellen Overgaard auf. In den folgenden Jahren erscheinen viele Gedichte, der Ton derselben wird im Vergleich zum früher sehr radikalen sanfter.

Gottfried Benn fühlt sich zuerst vom Faschismus angezogen, wendet sich dann aber entschlossen dagegen, was zum Ausschluss aus der Reichsschrifttumskammer und zum Schreibverbot führt. Trotzdem tritt er zurück in den Militärdienst (bis heute ist nicht ergründbar, wieso er mit dem Regime zusammenarbeitete), was ihn nach Landsberg an der Warthe führt, wo er in der Kaserne kritische Essays zur Lage der Nation verfasst. 1938 heiratet Benn seine Sekretärin Herta von Wedemeyer, welche sich am 2. Juli 1945 das Leben nimmt. Im selben Jahr kehrt Benn nach Berlin zurück und nimmt seine Tätigkeit als Arzt in der eigenen Praxis wieder auf.

1946 heiratet Gottfried Benn die Zahnärztin Ilse Kaul. Noch immer ist er mit einem Schreibverbot belegt, er darf erst ab Herbst 1948 wieder in Deutschland publizieren. Er verschweigt oder verdrängt dabei seine Kooperation mit dem Regime des Dritten Reichs nicht, sondern thematisiert sie offen. Seine literarische Karriere erlebt einen Aufschwung, 1949 erscheinen vier Bücher, 1951 erhält er den Georg-Büchner-Preis, 1953 das Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

Am 7. Juli 1956 stirbt Gottfried Benn an den Folgen eines zu spät diagnostizierten Knochenkrebs in Berlin.

Gottfried Benn über sich

Geboren und aufgewachsen in Dörfern der Provinz Brandenburg. Belangloser Entwicklungsgang, belangloses Dasein als Arzt in Berlin.[3]

So lauten die lakonischen Zeilen Benns, als er gebeten wird, für die expressionistische Lyrikanthologie Menschheitsdämmerung. Symphonie jüngster Dichtung einen kurzen Lebenslauf beizusteuern. Auch die Zeilen aus seiner Autobiographie Doppelleben lassen seinen Unmut der eigenen Biographie und bürgerlichen Herkunft gegenüber deutlich werden:

Herkunft, Lebenslauf – Unsinn! Aus Jüterburg oder Königsberg stammen die meisten, und in irgendeinem Schwarzwald endet man seit je.[4]

Der Titel Doppelleben spricht denn auch seine Zerrissenheit zwischen Bürgertum und Künstlerdasein an. Die Seele sei nie eine Einheit, oft spreche man anders, als man denke, konstatiert Gottfried Benn. Er sieht sich gar aufgefressen von den Bürgerlichen Zwängen, nennt das Leben ein Speibecken, sieht sich von ihm aufgefressen mit Haut und Haar.

Verhülle dich (1950/51)
Verhülle dich mit Masken und mit Schminken,
auch blinzle wie gestörten Augenlichts,
lass nie erblicken, wie dein Sein, dein Sinken
sich abhebt von dem Rund des Angesichts.

Im letzten Licht, vorbei an trüben Gärten,
der Himmel ein Geröll aus Brand und Nacht –
verhülle dich, die Tränen und die Härten,
das Fleisch darf man nicht sehn, das dies vollbracht.

Die Spaltung, den Riss, die Übergänge,
den Kern, wo die Zerstörung dir geschieht,
verhülle, tu, als ob die Ferngesänge
aus einer Gondel gehn, die jeder sieht.[5]

Werke Gottfried Benns u.a.:

  • Söhne. Neue Gedichte (1913)
  • Gehirne. Novellen (1916)
  • Schutt (1924)
  • Der neue Staat und die Intellektuellen (1933)
  • Kunst und Macht (1934)
  • Satirische Gedichte (1948)
  • Doppelleben (1950)
  • Probleme der Lyrik (1951)
  • Destillationen. Neue Gedichte (1953)
  • Altern als Problem für Künstler (1954)

[1] Gesammelte Werke (Dieter Wellershoff), Band I, S. 231
[2] Gottfried Benn: Ausgewählte Briefe, Wiesbaden 1957, S. 15, 19
[3] Sämtliche Werke (Stuttgarter Ausgabe), Band III, S. 448
[4] Gesammelte Werke (Dieter Wellershoff), Band IV, S. 164
[5] Gesammelte Werke (Dieter Wellershoff), Band III, S. 248

Bücher 21- April

Gelesene Bücher

  1. Ingeborg Bachmann: Der gute Gott von Manhatten
    Jennifer und Jan treffen sich zufällig am Bahnhof, aus einer als Affäre gedachten Nacht wird Liebe, was dem guten Gott von Manhattan nicht gefällt, da diese mit der bürgerlichen Ordnung nicht vereinbar ist. Vor Gericht muss er sich für den Mord an Jennifer verantworten.
  2. Thommy Bayer: Das Glück meiner Mutter
    Der Drehbuchautor Philip Dorn, ein alleinstehender Mann in den mittleren Jahren, der sich nach dem Scheitern seiner letzten Beziehung in seinem Leben allein eingerichtet hat, beschliesst, sich sein Traumauto, einen Mini, zu kaufen und damit in die Toskana zu fahren. Beim Dahingleiten auf den Strassen, erinnert er sich an seine Kindheit, an seine Beziehung zu seinen Eltern, vor allem die zu seiner Mutter, und an seine gescheiterte Beziehung zu Bettina. Ein Buch mit leisen Tönen, das berührt und bewegt.
  3. Klara Jahn: Die Farbe des Nordwinds
    Klara Jahn erzählt zwei Lebensgeschichten in zwei unterschiedlichen Zeiten, einerseits die von Ellen, welche nach vielen Jahren auf die Halligen zurückkehrt und da ihre Heimat sucht, andererseits die von Arjen, einem Waisen, der nach einer Ausbildung ausserhalb ebenfalls zurückkehrt auf die Halligen, um die Kinder dort zu unterrichten. Mehr als das aber erzählt sie die Geschichte der Halligen, beschreibt die Natur und die Landschaft mit all ihren Eigenheiten, Schönheiten, mit den Menschen, die da leben und welche durch die Natur geprägt sind. Neben diesem wunderschön beschriebenen Landschaftsbild bleiben die Figuren des Romans eher blass, sind schwer fassbar. Zwar widerspiegelt das durchaus ihr Naturell, doch bleibt man als Leser dadurch immer aussen vor, fällt es nicht leicht, wirklich in die Geschichten einzutauchen.
  4. Dr. Mirriam Priess: Die Kraft des Dialogs
    Mirriam Prieß erläutert auf fundierte und gut lesbare Weise das Dialogprinzip, welches sie als grundlegend für ein erfülltes Beziehungsleben und damit für ein gelingendes Leben erachtet. Sie gibt dem Leser immer wieder Übungen an die Hand, mit denen dieser prüfen kann, wo er im Moment steht und wie er an einzelnen Punkten arbeiten kann. Zusätzlich führt Mirriam Prieß Beispiele aus der Praxis an, um an konkreten Fällen zu demonstrieren, wie sich eine fehlende Dialogstruktur auswirken kann und womit Verbesserungen herbeigeführt werden können.
  5. Marietheres Wagner: Epikurs Bibliothek
    Marie Theres Wagner stellt anhand von Büchern aus verschiedenen Genres Epikurs Philosophie vor.
  6. Ingeborg Bachmann: Malina
    Eine Liebesgeschichte, ein Roman um Themen wie Tod, Angst, Mord, ein Gesellschaftsroman, eine Zeitkritik, eine Sozialkritik, eine Suche nach der richtigen Sprache – und vieles mehr. Das ist Malina, die Geschichte einer Frau zwischen zwei Männern, einer Frau, auf der Suche nach Leben, ihrem Leben, eine Frau, die lieben will und durch die Traumata der Vergangenheit zu unsicher ist, sich wirklich einlassen zu können – ohne sich selber zu vergessen.
  7. Ingeborg Bachmann: Wir müssen wahre Sätze finden. Gespräche und Interviews
    Obwohl Ingeborg Bachmann Interviews, generell Fragen zu ihrer Person als eher unangenehm empfand, existieren mehr als 50 davon. Dieser Band enthält dreissig davon in chronologischer Reihenfolge. Man erfährt einiges über Bachmanns eigene Ansichten zu ihrem Schreiben und zu den Absichten hinter einzelnen Büchern.
  8. Ingeborg Bachmann: Alles (Erzählung)
    Wie ein Kind das Leben von zwei Menschen verändern kann, wie Menschen unterschiedlich mit Kindern umgehen aus ihrer Sicht der Welt heraus: Die liebende Mutter, welche das Kind umsorgt und herzt und fördert, der ängstliche Vater, welcher distanziert hofft, dass das Kind nicht zu einem gewöhnlichen Menschen heranwächst, wie sie in dieser kranken Welt alle sind – und weiss, dass es doch passieren wird. Und hinter allem liegt ein drohendes Unglück.
  9. Volker Weidermann: Lichtjahre
    In vielen kleinen Kapiteln, von welchen jedes zwischen zwei und fünf Schriftstellern behandelt führt uns Volker Weidermann auf eine humorvolle, pointiert geschriebene und neben dem sehr hohen Unterhaltungsfaktor auch sehr fundierte, aus grossem Wissen schöpfende Reise durch die Literaturgeschichte nach 1945.
  10. Ingeborg Bachmann: Unter Mördern und Irren (Erzählung)
    Männer unter sich in einer von Männern und für Männer gemachten. Während die Ehefrauen sich zu Hause ihrem Leben als Opfer einer so ausgerichteten Gesellschaft ausgeliefert sehen, tauschen die Männer in Wirtshäusern Meinungen aus, suchen sich dabei selber und stehen immer wieder vor der einen Frage: Wie lebt man weiter nach dem Krieg, wenn plötzlich vorherige Opfer und Täter wieder in einer Gesellschaft zusammenleben müssen?

Abgebrochene Bücher

  1. Anna Brüggemann: Trennungsroman
    «Trennungsroman» handelt von den letzten Tagen einer Beziehung, davon, was wichtig ist in einer solchen und wann es Zeit ist zu gehen. Das Thema klang erst spannend, war dann aber nur ein alltägliches Dahinfliessen der Zeit mit einigen Gedanken und Zweifeln, umgeben von den Anforderungen des Alltags. Die Kapitel sind die verbleibenden Tage rückwärts gezählt, der Countdown läuft, leider fehlt die Spannung, das Ziel zu erreichen.

Ingeborg Bachmann: Unter Mördern und Irren

«Die Männer sind unterwegs zu sich, wenn sie abends beieinander sind, trinken und reden und meinen. Wenn sie zwecklos reden, sind sie auf ihrer eigenen Spur, wenn sie meinen und ihre Meinungen mit dem Rauch aus Pfeifen, Zigaretten und Zigarren aufsteigen und wenn die Welt Rauch und Wahn wird in den Wirtshäusern auf den Dörfern, in den Extrastuben, in den Hinterzimmern der grossen Restaurants und in den Weinkellern der grossen Städte.»

Männer unter sich in einer von Männern und für Männer gemachten Welt. Während die Ehefrauen sich zu Hause ihrem Leben als Opfer einer so ausgerichteten Gesellschaft ausgeliefert sehen, tauschen die Männer in Wirtshäusern Meinungen aus, suchen sich dabei selber und stehen immer wieder vor der einen Frage: Wie lebt man weiter nach dem Krieg, wenn plötzlich vorherige Opfer und Täter wieder in einer Gesellschaft zusammenleben müssen?

«Nach dem Krieg – dies ist die neue Zeitrechnung.»

Das zentrale Thema dieser kurzen Erzählung ist der Umgang mit dem Kriegstrauma, die (Un-?)Möglichkeit seiner Überwindung. Es ist ein Thema, das bei Ingeborg Bachmann immer wieder präsent ist, da es sie auch selber betrifft und ein Leben lang begleiten wird. Wie lebt man in einer Welt nach dem Krieg zusammen, wenn die vormaligen Täter noch immer in Machtpositionen stehen, wenn die ehemaligen Opfer einen Umgang finden müssen mit den Menschen, die ihnen vorher alles genommen haben?

«Mit den Gefühlen des Opfers lagen die Frauen da, mit aufgerissenen Augen in der Dunkelheit, voll Verzweiflung und Bosheit. Sie machten ihre Rechnungen mit der Ehe, den Jahren und dem Wirtschaftsgeld, manipulierten, verfälschten und unterschlugen. Schliesslich schlossen sie die Augen, hängten sich an einen Wachtraum….Und im ersten Traum ermordeten sie ihre Männer, liessen sie sterben.»

Es sind die Männer, die sich diese Fragen stellen, die Frauen liegen zu Hause und sehen sich ebenfalls als Opfer. Sie sind die Opfer in einer Männerwelt, ein Opferdasein, das sich in die Nachkriegszeit hineingeschmuggelt hat und nun in den Köpfen ihr Unwesen treibt. Sie sind die Vergessenen, die Gefangenen zu Hause, während die Männer die Welt diskutieren. Wurden sie oft schon im Krieg verlassen, weil der Mann in den diesen zog und viele davon nicht wiederkamen, sind sie es nun wieder, weil die Männer in den Meinungskrieg ins Wirtshaus ziehen.

«Viel später erst, gegen Morgen, würden wir den Frauen über die feuchten Gesichter streichen im Dunkeln und sie noch einmal beleidigen mit unserem Atem, dem sauren starken Weindunst und Bierdunst, oder hoffen, inständig, dass sie schon schliefen und kein Wort mehr fallen müsse in der Schlafzimmergruft, unserem Gefängnis, in das wir doch jedesmal erschöpft und friedfertig zurückkehrten, als hätten wir ein Ehrenwort gegeben.»

Was für eine traurige Welt, was für eine abgelöschte Sicht auf Beziehungen und das Leben. Und doch wohl nicht so weit von der Wirklichkeit vieler Menschen in der Nachkriegszeit. Der Frieden war trügerisch insofern, als nichts aufgearbeitet wurde. Der Krieg war vor allem in den ersten Jahren kein Thema, es herrschte Schweigen, es wurden sowohl die Untaten der Täter verschwiegen wie auch das oft traumatisierte Weiterleben ohne eine Aufarbeitung von Schuld und Opferstatus. Und in den Menschen schwelte etwas, das nicht raus konnte. Hass, Wut, Unsicherheit, Trauer.

«Sie weinten um ihre ausgefahrenen, ausgerittenen, nie nach Hause kommenden Männer und beweinten endlich sich selber. Sie waren angekommen bei ihren wahrhaftigsten Tränen.»

«Unter Mördern und Irren» erschien 1961 in Ingeborg Bachmanns Erzählband «Das dreissigste Jahr», einem Zyklus von sieben Erzählungen, welche das Leben in der Nachkriegszeit, den Umgang mit den aktuellen Gegebenheiten und den aus dem Krieg resultierenden Traumata behandeln. Der Erzählband wurde eher verhalten aufgenommen bei der Erscheinung, stiess auch auf Kritik, was wohl einerseits dem Umstand geschuldet war, dass man Ingeborg Bachmann in der Poesie verortet hatte und da ihr Talent sah (Marcel Reich-Ranicki sagte im Rahmen seiner Reihe «Lauter schwierige Patienten» über Ingeborg Bachmann, ihr Gesamtwerk bestehe aus zwei Gedichtbänden, sie hätte nie anfangen sollen, Prosa zu schreiben – dem kann hier überhaupt nicht zugestimmt werden), andererseits der Tatsache, dass die Gesprächsbereitschaft über diese Themen noch lange nicht wirklich da war.

Fazit:

Eine gnadenlose Erzählung über den Versuch, mit den traumatischen Kriegserlebnissen nach dem Krieg weiterzuleben – als Mann, als Frau, als Paar und als Gesellschaft. Ganz grosse Leseempfehlung!

Zur Autorin

Ingeborg Bachmann wird am 25. Juni 1926 in Klagenfurt geboren. Mit dem Einmarsch deutscher Truppen im Zweiten Weltkrieg endete nach Bachmanns Aussagen die Kindheit jä – ein Ereignis, das ihr späteres Schreiben immer wieder prägen wird. Erste Gedichte finden sich schon bei der 12-jährigen Ingeborg Bachmann. 1945 beginnt Ingeborg Bachmann ihr Studium in Literatur, Kunst und Jura in Insbruck, wechselt später nach Graz und dann nach Wien, wo sie mit Philosophie und Psychologie abschloss und 1950 eine Dissertation über Martin Heidegger schrieb. Es folgten journalistische Arbeiten, welche aber neben dem schon da dringenden Wunsch, Schriftstellerin zu sein, mehrheitlich eher als ungeliebter Brotjob anzusehen waren. Nach einer Einladung in die Gruppe 47 im Jahr 1952 konnte sie im Jahr 1953 deren Preis gewinnen, im gleichen Jahr erschien ihr erster Gedichtband «Die gestundete Zeit», 1956 der zweite mit dem Titel «Anrufung des Grossen Bären». Damit stand ihr Ruhm als eine der bedeutendsten Lyrikerinnen der literarischen Moderne fest, was aber leider finanziell zu wenig einträglich war, um davon zu überleben.

Es folgten mehrere Stellen, dem finanziellen Überleben geschuldet, sowie diverse Umzüge, welche wohl finanzielle und andere, der persönlichen Unrast und privatem Unglück geschuldete Gründe hatten. Über die Jahre finden sich verschiedene Liebschaften, denen allesamt wenig (und vor allem kein anhaltendes) Glück beschieden war. Irgendwann versiegten bei Ingeborg Bachmann die Gedichte, sie widmete sich Prosawerken, später einem gross gedachten Romanprojekt, von welchem aber nur ein Roman wirklich fertiggestellt wurde: 1971 erschien Malina.

Die zunehmenden psychischen Probleme, die sie immer wieder plagten, gepaart mit Alkoholexzessen und Tablettenabhängigkeiten verdüsterten das Leben der Dichterin zunehmend. Bei einem einem Feuer in ihrer Wohnung in Rom erlitt Ingeborg Bachmann starke Verbrennungen, weswegen sie ins Krankenhaus kam. Gestorben ist sie aber mutmasslich an den Entzugserscheinungen eines Medikaments, bei welchem bis zu spät nicht klar war, welches es ist. Ingeborg Bachmann starb am 17. Oktober 1973 in Rom.

Ingeborg Bachmann: Malina – eine erste Annährerung

«Seit ich diese Nummer wählen kann, nimmt mein Leben endlich keinen Verlauf mehr, ich gerate nicht mehr unter die Räder, ich komme in keine ausweglosen Schwierigkeiten, nicht mehr vorwärts und nicht vom Weg ab, da ich den Atem anhalte, die Zeit aufhalte und telefoniere und rauche und warte.»

Eine Frau lebt mit einem Mann zusammen, Malina, sie braucht ihn, da er ihr immer wieder den Boden unter die Füsse gibt, sie von der zu leidenschaftlichen, zu gefühlverlorenen, zu selbstvergessenden Ebene in die rationale Lebenswelt zurückholt. Die Frau liebt einen anderen Mann, Ivan, den sie als ihr Leben, als ihren Mittelpunkt, als Sonne ihres Seins begreift. Ohne ihn ist sie nicht, ihr Leben ist ein Warten auf seinen Anruf, ein Hoffen auf seine Zeit, ein Wissen um das Lebensende, wäre er nicht mehr.

«Es ist unmöglich, Ivan etwas von mir zu erzählen. Aber weitermachen, ohne mich ins Spiel zu bringen?»

Die Frau ist ein verwundetes Wesen, viel hat sie erlebt, viel hat sie geprägt. Sie lebt in ihren Ängsten und Unsicherheiten, sucht nach Worten, findet sie nicht, verliert sich in Gefühlen, und sucht den Halt im Aussen, bei Malina, welcher sie ins Leben holt, bei Ivan, welcher sie aus diesem Leben in einen diesem enthobenen Raum führt, wo die eigenen Unzulänglichkeiten durch die Ausrichtung auf ihn in den Hintergrund geraten. Und doch stehen sie immer wieder zwischen ihnen, lassen sich aber nicht in Worte fassen. Die Frau ist ein schreibender Mensch, einer der Worte. Damit etwas ist, muss es dafür Worte geben.

«Kopfsätze haben wir viele, haufenweise, wie die Telefonsätze, die Schachsätze, wie die Sätze über das ganze Leben. Es fehlen uns noch viele Satzgruppen, über Gefühle haben wir noch keinen einzigen Satz, weil Ivan keinen ausspricht, weil ich es nicht wage, den ersten Satz dieser Art zu machen, doch ich denke nach über diese ferne fehlende Satzgruppe, trotz aller guten Sätze, die wir schon machen können.»

Ingeborg Bachmann ist ihren Themen treu geblieben: Liebe, Tod, Angst, Mord – alles kommt vor. Bei „Malina“ handelt es sich um einen Liebesroman, wenn auch keinen im traditionellen Sinn. Generell ist nichts an diesem Roman traditionell. Das fängt bei der Dreierbeziehung an und hört bei der Sprache noch lange nicht auf. Diese ist, wie man es bei Bachmann gewohnt ist aus ihrer Lyrik, einer Suche nach einer neuen Sprache geschuldet, die mit dem bricht, was nicht mehr brauchbar ist durch die Benutzung für das grösste Grauen der Menschengeschichte, welches auf Bachmann einen tiefen und nie verschwindenden, traumatischen Einfluss hatte. Das Unsagbare liegt offen da, indem die Worte einfach ausgespart sind, sich nur aus dem Vorhandenen erahnen lassen – oder aber schlicht nicht greifbar sind, weder für den Autor noch für den Leser.

«Die Gesellschaft ist der allergrösste Mordschauplatz. In der leichtesten Art sind in ihr seit jeher die Keime zu den unglaublichsten Verbrechen gelegt worden, die den Gerichten dieser Welt für immer unbekannt bleiben.»

„Malina“ ist auch ein Buch, welches von Unsicherheiten, Angst und vor allem vom Tod handelt. Bachmanns Bild der Welt als Kriegsschauplatz, als Mörder am Menschen, dringt durch alle Zeilen, spricht aus der ganzen Geschichte heraus, zumal die Frau an sich ein durch diese Welt verletztes Wesen ist.

«Es gibt Worte, es gibt Blicke, die töten können, niemand bemerkt es, alle halten sich an die Fassade, an eine gefärbte Darstellung.»

Die Welt besteht aus viel Schein, aus einer Fassade, hinter der das Wahre verborgen bleibt. Die Frau leidet daran und hält sich aber zum Schutz auch selber verborgen, kann nicht preisgeben, was mit ihr ist, was mit ihr geschehen ist, dass sie wurde, wer sie ist.

Ingeborg Bachmann wurde oft darauf angesprochen, ob «Malina» eine Autobiografie sei. Sie verneinte dies nicht, stellte allerdings klar, dass es sich dabei nicht um eine erzählte Geschichte, sondern um einen geistigen Prozess handle. Dies zeigt sich deutlich in der Bruchstückhaftigkeit des Buches, welches aus einzelnen Szenen und gesuchten Wörtern bestehen. Ingeborg Bachmann ist es gelungen, die individuellen Erfahrungen in paradigmatisch und symbolisch erdichtete Konstellationen zu übertragen.

Während im ersten Kapitel des Buches Ivan eine tragende Rolle spielt, indem sich alles auf ihn ausrichtet, zeigt sich im zweiten Kapitel das erzählende Ich durch seine Träume klar in seiner Verletztheit. Nur durch das Mittel des Traumes war es Ingeborg Bachmann möglich, das noch nachhallende Trauma des Krieges zu thematisieren, die Träume wurden zum Schauplatz der ihr und dem erzählenden Ich innewohnenden Angst.

Im letzten Kapitel übernimmt Malina nach und nach die Oberhand, er steuert das Kapitel durch die Gespräche. Das Ich weicht nach und nach zurück, bis es in der Wand verschwindet.

«Es war Mord.»

Mit diesem Satz endet ein Roman, der eigentlich viel mehr als ein Roman ist, der so viele Ebenen hat, dass sich bei jedem erneuten Lesen eine neue offenbart, der so viele Lücken hat, dass man als Leser in sie fallen, sich in ihnen verlieren, den Anschluss wieder neu suchen muss. Er hat so viel Offenes, das man als Leser füllt. «Malina» ist geprägt durch eine poetische, durch eine mystische Sprache, die nichts einfach klar darlegt, sondern in einer fast lyrischen Form mit den Worten spielt. Worte, Symbole – alles hat eine Bedeutung und danach noch viele über die erste hinausgreifende. Es entsteht ein Netz aus Bezügen innerhalb des Werkes und darüber hinaus ins Leben der Autorin, in andere literarische Werke, zu Aussagen von Philosophen, zu geschichtlichen Ereignissen und gesellschaftsprägenden Mechanismen.

«Malina» ist kein einfacher Roman, es empfielt sich, ihn langsam zu lesen, in Bruchstücken, wie er auch geschrieben steht. Es empfiehlt sich, Pausen zu machen, nachzudenken, nochmals zu lesen. Nur so wird man als Leser wohl dem Roman gerecht. Er ist keine leichte Lektüre für nebenbei, aber eine lohnende.

Fazit:
Ein vielschichtiges, tiefgründiges, weit verzweigtes Werk, welches seine vielen Ebenen erst nach und nach preisgibt. Durch die verschiedenen möglichen Lesarten ein Buch, das man sicher mehrfach lesen kann und sogar sollte. Ganz grosse Leseempfehlung!

Zur Autorin
Ingeborg Bachmann wird am 25. Juni 1926 in Klagenfurt geboren. Mit dem Einmarsch deutscher Truppen im Zweiten Weltkrieg endete nach Bachmanns Aussagen die Kindheit jä – ein Ereignis, das ihr späteres Schreiben immer wieder prägen wird. Erste Gedichte finden sich schon bei der 12-jährigen Ingeborg Bachmann. 1945 beginnt Ingeborg Bachmann ihr Studium in Literatur, Kunst und Jura in Insbruck, wechselt später nach Graz und dann nach Wien, wo sie mit Philosophie und Psychologie abschloss und 1950 eine Dissertation über Martin Heidegger schrieb. Es folgten journalistische Arbeiten, welche aber neben dem schon da dringenden Wunsch, Schriftstellerin zu sein, mehrheitlich eher als ungeliebter Brotjob anzusehen waren. Nach einer Einladung in die Gruppe 47 im Jahr 1952 konnte sie im Jahr 1953 deren Preis gewinnen, im gleichen Jahr erschien ihr erster Gedichtband «Die gestundete Zeit», 1956 der zweite mit dem Titel «Anrufung des Grossen Bären». Damit stand ihr Ruhm als eine der bedeutendsten Lyrikerinnen der literarischen Moderne fest, was aber leider finanziell zu wenig einträglich war, um davon zu überleben.

Es folgten mehrere Stellen, dem finanziellen Überleben geschuldet, sowie diverse Umzüge, welche wohl finanzielle und andere, der persönlichen Unrast und privatem Unglück geschuldete Gründe hatten. Über die Jahre finden sich verschiedene Liebschaften, denen allesamt wenig (und vor allem kein anhaltendes) Glück beschieden war. Irgendwann versiegten bei Ingeborg Bachmann die Gedichte, sie widmete sich Prosawerken, später einem gross gedachten Romanprojekt, von welchem aber nur ein Roman wirklich fertiggestellt wurde: 1971 erschien Malina.

Die zunehmenden psychischen Probleme, die sie immer wieder plagten, gepaart mit Alkoholexzessen und Tablettenabhängigkeiten verdüsterten das Leben der Dichterin zunehmend. Bei einem einem Feuer in ihrer Wohnung in Rom erlitt Ingeborg Bachmann starke Verbrennungen, weswegen sie ins Krankenhaus kam. Gestorben ist sie aber mutmasslich an den Entzugserscheinungen eines Medikaments, bei welchem bis zu spät nicht klar war, welches es ist. Ingeborg Bachmann starb am 17. Oktober 1973 in Rom.

Ingeborg Bachmann: Der gute Gott von Manhattan

Jan und Jennifer treffen sich zufällig am Bahnhof von New York. Nach anfänglichem Desinteresse von Jan beschliessen die beiden, essen zu gehen und beziehen später ein schäbiges Zimmer in einem Stundenhotel. Da Jan am nächsten Tag mit dem Schiff nach Europa fahren will, ist klar, dass diese Begegnung sich auf eine Nacht beschränken wird.

Als Jan am nächsten Morgen erfährt, dass sein Platz auf dem Schiff nicht sicher ist, beschliesst er, länger zu bleiben. War Jan am Abend zuvor noch eher kalt und abweisend zu Jennifer, entwickeln sich nun Gefühle, eine Liebe wächst heran.

«Sie gaben einem Verlangen, das von der Schöpfung nicht so gedacht sein kann, mit einer Laune nach, die ernsthafter war als jeder Ernst, und schwuren sich Gegenwart und sonst nichts, mit jedem Blick, jedem heftigen Atemzug und jedem Griff in das hinfälligste Material der Welt, dieses Fleisch, das vor Traurigkeit bitter schmeckte und in dem sie gefangen lagen, verurteilt zu lebenslänglich.»

Damit passiert genau das, was der gute Gott von Manhattan vermeiden will: Romantische Liebe hat in einer bürgerlichen Gesellschaft keinen Platz, sie bringt höchstens Unruhe und Verderben mit sich. Deswegen hat er es sich zur Aufgabe gemacht, diese Liebe auszulöschen, indem er die davon Betroffenen in die Luft sprengt.

„Jetzt war die Gefahr in Verzug, ich witterte, dass es wieder einmal angefangen hatte. Von diesem Augenblick an erst machte ich mich an die Verfolgung.“

Auch Jennifer wird dieses Schicksal erreichen, weswegen sich der gute Gott von Manhattan vor einem Richter verantworten muss.

«Ich glaube, dass die Liebe auf der Nachtseite der Welt ist, verderblicher als jedes Verbrechen, als alle Ketzereien.»

„Der gute Gott von Manhattan“ war Ingeborg Bachmanns fünftes veröffentlichtes Hörspiel, eine damals noch junge Gattung. Es ist ihr damit gelungen, die bürgerliche Ordnung als Gegenspieler menschlicher Figuren zu präsentieren, wobei die Ordnung durch den guten Gott von Manhattan als moralische Instanz verkörpert wird. Dieser hat es sich zur Aufgabe gemacht, in dieser Stadt für Ordnung zu sorgen, indem er die lauernden Gefahren sieht und auslöscht.

Die Moral findet sich im Gespräch mit dem Gesetz, verkörpert durch den Richter. Beide beleuchten die Geschichte zwischen Jennifer und Jan, welche einerseits eine sich entwickelnde Liebesgeschichte darstellt, andererseits aber auch verschiedene weitere Ebenen in sich trägt wie die Geschlechterverhältnisse zwischen Mann und Frau allgemein als auch die persönlichen Erfahrungen Ingeborg Bachmanns mit Männern einschliesslich ihrer Haltung diesen gegenüber, indem sie sich einerseits als ehrgeizige Künstlerin in einer damals noch männlich dominierten Welt behaupten will, andererseits sich aber Männern durchaus auch unterordnet und diese durch ihre fast schon Unterwerfung zu nennende Haltung zum Vorbild nimmt.

Das Thema der utopischen Liebe ist zudem gerade in ihrem Frühwerk oft zu finden. Neben „Briefe an Felician“, in welchen die Briefeschreiberin einen fiktiven Geliebten von ihrer euphorischen Liebe schreibt, behandeln auch viele von Bachmanns Gedichten diesen Topos.

Es finden sich in dem Stück die verschiedensten Bezüge, sowohl auf zeitgenössische Verbrechen, als auch auf die nordische Mythologie sowie die Welt der Märchen. Durch diverse literarische Verweise wird das Stück zudem in der Literaturgeschichte verankert und vernetzt.

Rezeption
Als das Hörspiel am 29. Mai 1958 gesendet wurde, stiess es bei den Kritikern mehrheitlich auf Unverständnis. Man bemängelte die teilweise unverständliche, zu lyrische Sprache, empfand die Figuren der Eichhörnchen als zu weit hergeholt, den guten Gott in seiner Argumentation zu wenig nachvollziehbar. Trotzdem wurde das Hörspiel 1959 mit dem rennomierten Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnet, auch wenn sogar bei dieser Vergabe Zweifel im Raum standen, ob das doch sehr komplexe Werk, welches erst nach mehrfachem Hören – wenn überhaupt – verständlich sei, überhaupt noch zur Kategorie „Hörspiel“ zu zählen sei.

Die Diskussionen um das Werk rissen auch über die Jahre nicht ab, 1983 betitelte es der Österreichische Rundfunk als „bestes Hörspiel der Welt“, während andere Stimmen noch immer eine zu pessimistische Weltsicht und zu grosse Verzweiflung in einer zu komplexen Form und Struktur bemängelten. Bei der Sprache war man sich zwar mehrheitlich einig, dass diese Ausdruck von „Reichtum und Magie“ sei, was aber gerade bei einem Hörspiel auch zu Schwierigkeiten führen kann. Klar war aber das Eine: Ingeborg Bachmann war mit diesem Hörspiel etwas Neues gelungen, das sich vom bisher Dagewesenen abhebt.

„Der gute Gott von Manhattan“ wurde 1977 fürs Fernsehen verfilmt.

Fazit:
Ein vielschichtiges, tiefgründiges, weit verzweigtes Werk, welches seine vielen Ebenen erst nach und nach preisgibt. Durch die verschiedenen möglichen Lesarten ein Buch, das man sicher mehrfach lesen kann und sogar sollte. Sehr empfehlenswert!

Zur Autorin
Ingeborg Bachmann wird am 25. Juni 1926 in Klagenfurt geboren. Mit dem Einmarsch deutscher Truppen im Zweiten Weltkrieg endete nach Bachmanns Aussagen die Kindheit jä – ein Ereignis, das ihr späteres Schreiben immer wieder prägen wird. Erste Gedichte finden sich schon bei der 12-jährigen Ingeborg Bachmann. 1945 beginnt Ingeborg Bachmann ihr Studium in Literatur, Kunst und Jura in Insbruck, wechselt später nach Graz und dann nach Wien, wo sie mit Philosophie und Psychologie abschloss und 1950 eine Dissertation über Martin Heidegger schrieb. Es folgten journalistische Arbeiten, welche aber neben dem schon da dringenden Wunsch, Schriftstellerin zu sein, mehrheitlich eher als ungeliebter Brotjob anzusehen waren. Nach einer Einladung in die Gruppe 47 im Jahr 1952 konnte sie im Jahr 1953 deren Preis gewinnen, im gleichen Jahr erschien ihr erster Gedichtband «Die gestundete Zeit», 1956 der zweite mit dem Titel «Anrufung des Grossen Bären». Damit stand ihr Ruhm als eine der bedeutendsten Lyrikerinnen der literarischen Moderne fest, was aber leider finanziell zu wenig einträglich war, um davon zu überleben.

Es folgten mehrere Stellen, dem finanziellen Überleben geschuldet, sowie diverse Umzüge, welche wohl finanzielle und andere, der persönlichen Unrast und privatem Unglück geschuldete Gründe hatten. Über die Jahre finden sich verschiedene Liebschaften, denen allesamt wenig (und vor allem kein anhaltendes) Glück beschieden war. Irgendwann versiegten bei Ingeborg Bachmann die Gedichte, sie widmete sich Prosawerken, später einem gross gedachten Romanprojekt, von welchem aber nur ein Roman wirklich fertiggestellt wurde: 1971 erschien Malina.

Die zunehmenden psychischen Probleme, die sie immer wieder plagten, gepaart mit Alkoholexzessen und Tablettenabhängigkeiten verdüsterten das Leben der Dichterin zunehmend. Bei einem einem Feuer in ihrer Wohnung in Rom erlitt Ingeborg Bachmann starke Verbrennungen, weswegen sie ins Krankenhaus kam. Gestorben ist sie aber mutmasslich an den Entzugserscheinungen eines Medikaments, bei welchem bis zu spät nicht klar war, welches es ist. Ingeborg Bachmann starb am 17. Oktober 1973 in Rom.

Bücher 2021 – März

Gelesene Bücher

  1. Patricia Highsmith: Suspense oder Wie man einen Thriller schreibt
    Patricia Highsmith beschreibt auf eine sehr offene und persönliche Art ihre Herangehensweise ans Schreiben. Sie beleuchtet den Schreibprozess mit allen Höhen und Tiefen, mit den wichtigen Zutaten wie Disziplin, Emotion, Freude und Spass am Schreiben. Sie zeigt die Schwierigkeiten des Daseins als Schriftsteller sowie auch dessen schönen Seiten. Ein Buch, das genauso viel über Patricia Highsmith selber aussagt wie über ihr Schreiben und ein Bild von einer am Boden gebliebenen, authentischen und äusserst sympathischen Frau zeichnet.
  2. Ilka Piepgras (Hrsg.): Schreibtisch mit Aussicht
    Das Buch umfasst 24 Texte von Schriftstellerinnen, in welchen diese offenlegen, was Schreiben für sie bedeutet, wie ihr Schreiballtag aussieht, womit sie kämpfen, worüber sie sich freuen und wo sie ihre Kraft herholen. Entstanden ist ein offenes und ehrliches Buch, das von Ängsten und Nöten spricht, vom Spagat zwischen Familie und Schreibtisch, von Schuldgefühlen und Zweifeln.
  3. Bernhard Schlink: Sommerlügen
    Bernhard Schlink geht den menschlichen Beziehungen nach, erzählt sieben Geschichten von Menschen, die lieben, geliebt werden, geliebt haben, mit der Liebe hadern oder sich mit ihr arrangiert haben. Er erzählt von den Schwierigkeiten des Anfangens mit all seinen Ängsten und Zweifeln, von den Herausforderungen des Beziehungsalltags und auch von den Komplikationen, wenn zwei Menschen mit unterschiedlichen Wünschen und Zielen aufeinandertreffen.
  4. Richard David Precht: Jäger, Hirten, Kritiker
    Richard David Precht zeichnet ein sehr realistisches Bild der aktuellen Situation, der vierten industriellen Revolution, welche in vollem Gange mit noch offenem Ausgang ist. Er ruft dazu auf, sich nicht hinter Fortschrittglauben und Ängsten zu verstecken, sondern aktiv die Idee einer wünschenswerten Welt zu schaffen, in welcher Maschinen nicht zur Optimierung oder zum Ersatz von Menschen werden, sondern diese unterstützen.
  5. Lily King: Writers & Lovers
    Lily King schreibt mit viel Feingefühl, aber auch mit der nötigen Leichtigkeit und Humor die Geschichte einer verletzlichen und doch mutigen jungen Frau, die sich ihrer Vergangenheit, ihren Ängsten und Selbstzweifeln stellen muss, um den eigenen Weg als Schriftstellerin zu gehen. Obwohl die Lebensgeschichte von Casey durchaus mit vielen Tiefen und Schwierigkeiten gepflastert ist, wird das Buch nie schwermütig, nie erdrückend, sondern schafft es, immer wieder auch eine Spur Hoffnung zu bewahren. Entstanden ist ein wunderbar menschliches Buch über eine junge Frau, die trotz allen Hindernissen an ihre Träume glaubt und diese verfolgt.
  6. Ingrid Noll: Hab und Gier
    Ein reicher Witwer bittet seine ehemalige Arbeitskollegin Karla um Hilfe bei seinem eigenen Tod, im Gegenzug soll sie sein Vermögen erben. Da Karla nicht alles alleine regeln kann, sucht sie sich eine Komplizin, welche wiederum einen Kleinkriminellen mit ins Boot holt. Eine WG, bei der nächste Tote nur eine Frage der Zeit ist. Eine rabenschwarze Komödie, die von der ersten bis zur letzten Seite Lesespass bietet.
  7. Peter Bieri: Wie wollen wir leben?
    Peter Bieri gelingt in diesem dünnen Band ein Bogen von der Frage nach dem Ich aus sich selber heraus, dessen Auseinandersetzung mit dem Du hin zur Identitätsbildung in Abhängigkeit von der umgebenden Kultur. Dabei arbeitet er mit einer klar verständlichen Sprache, einer logischen Abfolge von Begriffen, die sich schlüssig auseinander entwickeln, und zeichnet so einen Weg auf, das Ich als der, der man sein möchte, zu erkennen, zu verstehen, umzusetzen.
  8. Ferdinand von Schirach: Kaffee und Zigaretten
    Ferdinand von Schirach hat mit „Kaffee und Zigaretten“ sein wohl persönlichstes Buch geschrieben. In 48 Kapiteln, jedes eine knappe Zigarette oder einen Kaffee lang, erinnert er sich an Geschichten aus seinem Leben, wirft dem Leser kleine Informationshäppchen zu, die dieser zur Kenntnis nehmen oder zum Anstoss weiteren Nachdenkens machen kann, oder er lässt uns an den unterschiedlichsten Beobachtungen und Gedanken teilhaben.
  9. Katja Kulin: Der andere Mann
    Anlässlich einer Reise nach Amerika lernt Simone de Beauvoir den Schriftsteller Nelson Algren kennen, der sie ein wenig durch die Stadt führen soll. Die gegenseitige Anziehung lässt die Stadtbesichtigung in Algrens Wohnung enden, nach einer leidenschaftlichen Nacht heisst es jedoch schon wieder Abschied nehmen. Doch es sollte keine Affäre bleiben.
  10. Ferdinand von Schirach: Gott: Ein Theaterstück
    Ferdinand von Schirach beleuchtet in seinem Buch „Gott“ die Frage, wem das Leben gehört, von verschiedenen Standpunkten, wobei er für jeden davon überzeugende Argumente liefert. Verschiedene Sachverständige werden nach ihrer Meinung befragt und diese wird in der Folge hinterfragt. Als Leser tritt man automatisch in diesen Dialog ein.
  11. Volker Hage: Kritik für Leser
    Ein Überblick über die verschiedenen Arten, sich als Journalist/Autor mit Literatur zu beschäftigen mit Beispielen aus der jahrzehntelangen eigenen Praxis von Volker Hage.
  12. Marcel Reich-Ranicki: Über Literaturkritik
    Deutschland blickt auf eine lange Tradition der Literaturkritik zurück, schon 1750 versuchte sich Lessing daran. Ebenso lang hält die Diskussion um die Literaturkritik an, darüber, ob sie überhaupt nötig und ob nicht jeder Kritiker ein frustrierter Scheiterer im eigenen Schreiben sei, der es nun den Erfolgreichen Schriftstellern heimzahlen möchte. Was soll Kritik, welche Aufgabe hat sie? Dieser Frage geht Marcel Reich-Ranicki in diesem kleinen Bändchen nach.
  13. Isabel Bogdan: Laufen
    Durch den Verlust ihres Lebenspartners aus der Bahn des Lebens geworfen, fängt sie zu laufen an und lässt neben den Füssen auch die Gedanken laufen. In einem endlosen inneren Monolog erzählt sie sich von ihrem Verlust, von ihren Gefühlen, von ihrer Verzweiflungen, immer wieder unterbrochen durch die eigene Aufforderung, die Gedanken zu stoppen, im Körper zu bleiben, auf das eigene Atmen zu achten – und um dann wieder weiter in den Fluss der Gedanken einzutauchen.
  14. Felix Kucher: Sie haben mich nicht gekriegt
    Der Roman verbindet zwei Frauenschicksale, welche sich eigenständig und mit grossem Willen gegen die politische Unterdrückung damaliger Zeit auflehnen. Im schnellen Wechsel blendet Felix Kucher zwischen den beiden Erzählsträngen hin und her, verbunden werden die Übergänge oft durch ähnliche Worte, welche eine sprachliche Verbindung zwischen den einzelnen Lebenswegen symbolisieren. „Sie haben mich nicht gekriegt“ ist ein Zeugnis davon, dass man auch unter den widrigsten Umständen für seine Überzeugungen und Wünsche einstehen muss und kann, dass man auch gegen Widerstände ankommen und für sich Wege finden kann.
  15. Charles Lewinsky: Sind Sie das?
    Charles Lewinsky hangelt sich entlang seiner Bücher anhand von Zitaten durch sein Leben, erzählt von den Inspirationsquellen, die Einzug hielten in sein Schreiben. Er geht dabei nicht zimperlich mit sich selber um, erzählt auch von den eigenen Verfehlungen und Missgeschicken. Aber er weist auch nochmals in aller Deutlichkeit Absichten und Gründe für einzelne Werke. Entstanden ist so ein Buch voller Erinnerungen, das sowohl durch das Erzählte wie auch die Sprache das Bild eines Menschen voller Humor, Ironie, Selbstreflexion und klarem Blick lebendig werden lässt.
  16. Joachim Höll: Ingeborg Bachmann (Hörbuch)
    Joachim Höll schafft es in einer Art Montagetechnik aus Zitaten und Beziehungs- Lebensbeschreibungen, ein stimmiges Bild einer grossartigen Schriftstellerin zu zeichnen, welches er immer wieder mit deren Werk verknüpft. Entstanden ist ein Buch über eine in sich zerrissene, tiefgründige, nachdenkliche, verletzliche Frau, die immer wieder auf Beziehungen hoffte, sich von diesen oft verraten fühlte im Nachhinein, und sich tief drin allein gefühlt haben muss. Gelesen wird das Hörbuch von der österreichischen Schauspielerin Sophie Rois, welche es neben dem authentisch klingenden Akzent schafft, dem Buch das nötige Gefühl, die passende Stimmung zu verleihen. Ein wirklicher Hörgenuss!

Abgebrochene Bücher

  1. Lukas Linder: Der Unvollendete
    Ein Roman über die menschlichen Schwächen und die Suche nach einem besseren Leben sollte es sein, angefangen hat es mit Sex, der dann doch doch keiner war für den Protagonisten, haben sich doch zwei Frauen ohne ihn vergnügt, und die Festmachung des eigenen Erfolgs und Werts an solchen Misserfolgen. Nun mag das eventuell eine männliche Sicht auf Glück sein, mich hat es (lesend) abgeturnt.

Joachim Höll: Ingeborg Bachmann (Hörbuch)

„Angaben zur Person sind immer das, was mit der Person am wenigsten zu tun hat.“

Diese Überzeugung Ingeborg Bachmanns und das damit einhergehende vornehmliche Schweigen über die privaten Hintergründe machen es für einen Biografen nicht leicht, ein Leben zu erkunden und zu präsentieren. Die über die Jahre erschienen Briefwechsel mögen das ein wenig erleichtert haben (die waren bei Erscheinen dieser Biografie aber noch nicht öffentlich bekannt), doch bleibt ein Rest Distanz immer da, weil Ingeborg Bachmann diese auch zu den sogar engen Freunden oft wahrte. Es kommt nicht von ungefähr, dass die Person Ingrid Bachmann mit vielen Mythen umgeben und schwer fassbar erscheint. Joachim Höll hat sich dieser Aufgabe trotzdem angenommen und gut gemeistert.

Die vorliegende Biografie beleuchtet Ingeborg Bachmanns Kindheit und Jahre des Aufwachsens, ihre Verbundenheiten und Beziehungen dieser Jahre. Diese sind es auch, welche in ihr Werk immer wieder einziehen, dieses ausfüllen. Die späten Jahre sind im Werk praktisch inexistent, sie werden gelebt, in ihnen wird auf eine Weise auch ums (Über-)Leben gekämpft, aber sie werden nicht zum Stoff, und wenn, dann nur durch die Prägung der frühen Jahre.

Joachim Höll schafft es in einer Art Montagetechnik aus Zitaten und Beziehungs-  Lebensbeschreibungen, ein stimmiges Bild einer grossartigen Schriftstellerin zu zeichnen, welches er immer wieder mit deren Werk verknüpft. Entstanden ist ein Buch über eine in sich zerrissene, tiefgründige, nachdenkliche, verletzliche Frau, die immer wieder auf Beziehungen hoffte, sich von diesen oft verraten fühlte im Nachhinein, und sich tief drin allein gefühlt haben muss.

Gelesen wird das Hörbuch von der österreichischen Schauspielerin Sophie Rois, welche es neben dem authentisch klingenden Akzent schafft, dem Buch das nötige Gefühl, die passende Stimmung zu verleihen. Ein wirklicher Hörgenuss!

Fazit:
Ein Blick auf das Leben und Schaffen der grossartigen Ingeborg Bachmann, mit viel Hintergrundwissen und Gespür für die verschlossene Autorin geschrieben und auf wunderbare Weise gelesen. Grosse Empfehlung!

Bewertung:
5****/5 – fünf von fünf Sternen

Zum Autor
Joachim Höll (1966) studierte an der Freien Universität Berlin Germanistik und Lateinamerikanistik und promovierte über Thomas Bernhard und Ingeborg Bachmann. Schon während des Studiums verfasste er Essays, Kritiken und literaturwissenschaftliche Bücher. Von ihm erschienen sind Biografien zu Thomas Bernhard, Ingeborg Bachmann und Oskar Lafontaine. Er lebt in Berlin und arbeitet aktuell an einem grossen Romanprojekt.

Angaben zum Buch:
Hörbuch: 2 Stunden und 25 Minuten
Verlag: Random House Audio, Deutschland
Sprecher: Sophie Rois

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Christa Wolf (18. März 1929 – 1. Dez. 2011)

„Unverhüllt autobiographisches Schreiben ist unter den vielfältigen Schreibmöglichkeiten zugleich die leichteste und die schwerste: leicht, weil der oder die Schreibende sich im Stoff bewegt wie der Fisch im Wasser; weil alles bekannt, vertraut ist, nichts erfunden muss (oder darf) – vielleicht, dass, um des lieben Friedens willen, einige Namen verändert, einige Handlungsorte verschleiert werden. Aber man schöpft aus der Fülle.Das schwerste ist es, weil es, soll es gelingen, bekennendes Schreiben sein muss, was meistens heisst: Es muss weh tun.“

Dies schreibt Christa Wolf in ihrem Essay „Autobiographisch schreiben“ zu Günter Grass’ „Beim Häuten der Zwiebel“, aber man könnte es genauso als Selbstbeschreibung sehen, behandelt Christa Wolf in ihren Büchern doch immer auch ihre eigene Biografie, verwebt diese in die erzählten Geschichten.

Christa Wolf wird am 18. März 1929 in Landsberg an der Warthe geboren, wo sie auch bis kurz vor Kriegsende die Schule besucht. Als die Truppen der Roten Armee anrücken, flieht die Familie 1945 nach Mecklenburg. 1946 setzt Christa Wolf die Schule in Schwerin fort und studiert später in Leipzig Germanistik. Danach arbeitet sie zuerst als wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Deutschen Schriftstellerverband, später als Lektorin und als Redakteurin. 1961 erfolgt ihre erste literarische Veröffentlichung „Moskauer Novelle“ (allerdings nur in der DDR, in der BRD erschien das Buch nicht) und ab 1962 arbeitet Christa Wolf ganz als freiberufliche Schriftstellerin, kann auch gleich mit dem Roman „Der geteilte Himmel“ einen Erfolg verzeichnen, wird das Buch doch mit dem Heinrich-Mann-Preis ausgezeichnet und 1964 verfilmt.

Christa Wolf ist als Mitglied der SED politisch engagiert und lässt dieses Engagement auch immer in ihre literarischen Texte einfliessen. Immer wieder behandelt sie aktuelle Themen wie den Mauerbau (verarbeitet in „Der geteilte Himmel), das Reaktorunglück in Tschernobyl (verarbeitet in „Störfall“)oder auch feministische Fragen, in der Hoffnung, diese Themen einer breiten Leserschaft zugänglich zu machen. Auch die Auseinandersetzung mit sich selber und das Einfliessen lassen der eigenen Vergangenheit in ihr Schreiben war typisch für ihre Werke, wie oben bereits erwähnt.

„Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd.“ (zit. nach Schulz, Christa Wolf)

Mit diesem Satz fängt Wolfs Buch „Kindheitsmuster“ an und zeigt deutlich ihr Verständnis vom Leben in der Gegenwart, welches (oft unterbewusst) geprägt ist von der Vergangenheit. Nur wenn man sich dieser Vergangenheit stellt, könne man bewusst gelebte Gegenwart erreichen, dessen ist sich Wolf sicher. Dabei ist das Erinnern oft trügerisch, erfinden wir doch nicht selten die Vergangenheit mehr, als dass wir sie wirklich erinnern:

„In die Erinnerung drängt sich die Gegenwart ein.“ (ebd.)

Es ist also die Gegenwart, die immer auch die Sicht auf die Vergangenheit manipuliert, wogegen Christa Wolf mit ihrem Schreiben angeht. Christa Wolfs Schreiben ist ein sehr bewusstes, welches sie selber oft in Essays, Briefen und Reden thematisiert. Daraus wird klar, dass Christa Wolf den Menschen als ein in seine politische Umwelt verflochtenes Wesen sieht, welches durch diese Umwelt in seinem Sein und Tun geprägt wird. Ihre Tagebücher legen über diese Verflochtenheit in ihrem eigenen Leben Zeugnis ab.

1988 erkrankt Christa Wolf schwer, in der Folge kommt es immer wieder zu gesundheitlichen Problemen. Sie stirbt am 1. Dezember 2011 nach einer schweren Krankheit mit 82 Jahren.

Ausgewählte Werke

  • 1961 Moskauer Novelle
  • 1963 Der geteilte Himmel, Erzählung
  • 1968 Nachdenken über Christa T., Roman
  • 1979 Kein Ort. Nirgends., Erzählung
  • 1983 Kassandra, Erzählung
  • 1990 Was bleibt, Erzählung
  • 1996 Medea. Stimmen, Roman

Briefwechsel

  • Sarah Kirsch,Christa Wolf: „Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt.“ Der Briefwechsel
  • Man steht sehr bequem zwischen allen Fronten. Briefe 1952 – 2011

Sammelbände

  • Lesen und Schreiben. Aufsätze und Betrachtungen
  • Fortgesetzter Versuch. Aufsätze, Gespräche, Essays
  • Geschlechtertausch. 3 Geschichten über die Umwandlung der Verhältnisse. Mit Sarah Kirsch und Irmtraud Morgner
  • Die Dimension des Autors. Essays und Aufsätze, Reden und Gespräche 1959 – 1985
  • Rede, dass ich dich sehe: Essays, Reden, Gespräche

Siegfried Lenz (17. März 1926 – 7. Okt. 2014)

Siegfried Lenz wurde am 17. März 1926 in Lyck, Ostpreussen, als Sohn eines Zollbeamten geboren. Selber beschrieb er diesen Umstand später so:

„Ich wurde am 17. März 1926 in Lyck geboren, einer Kleinstadt zwischen zwei Seen, von der die Lycker behaupten, sie sei die „Perle Masurens“. Die Gesellschaft, die sich an dieser Perle erfreute, bestand aus Arbeitern, Handwerkern, kleinen Geschäftsleuten, Fischern, geschickten Besenbindern und geduldigen Beamten.“ (Lenz, Autobiographische Skizze)

Der Vater starb früh, die Mutter liess den Sohn bei der Grossmutter zurück, als sie wegzog. Dieser kam später in ein Internat, von wo er nach einem Notabitur in die Kriegsmarine eingezogen wurde. Nach seiner Desertation kurz vor Kriegsende kam er in britische Kriegsgefangenschaft, wo er als Dolmetscher eingesetzt wurde. Die Jahre waren von einer emotionalen Berg- und Talfahrt begleitet, erlebte Lenz schon nach kurzer Kriegseuphorie eine grosse Ernüchterung.

Nach einem abgebrochenen Studium begann er bei einer Tageszeitung, wo er sich um Redaktor hocharbeitete, seine Frau kennenlernte und heiratete. Nach seiner ersten Roman-Veröffentlichung in der Zeitung setzte er ganz auf den Beruf Schriftsteller, anfangs allerdings mit mässigem Erfolg, stiess sein Erstling „Es waren Habichte in der Luft“ doch auch wenig Beachtung. Davon liess sich Siegfried Lenz nicht irritieren, beharrlich schrieb er weiter und durfte schon bald den ersten grossen Erfolg verzeichnen mit seinen Masurischen Geschichten „So zärtlich war Suleyken“. Zu seinem Schreiben sagte er einst:

„Was sind Geschichten? Man kann sagen, zierliche Nötigungen der Wirklichkeit, Farbe zu bekennen. Man kann aber auch sagen: Versuche, die Wirklichkeit da zu verstehen, wo sie nichts preisgeben möchte.“ (Siegfried Lenz, zit. nach Siegfried Lenz. 1926 – 2014. Eine Hommage)

Dieser Zweifel an der Wirklichkeit, an der Wahrheit, sowie auch eine latente Traurigkeit prägen denn auch sein Schreiben. Er schreibt über Menschen, die sich irren, die ausserhalb der Norm stehen. Vielleicht hat Goethe recht, wenn er sagt, dass alles Schreiben autobiographisch sei. Lenz sagte das gar selber mal:

„Man schreibt eigentlich nur von sich selbst.“ (zit. nach Siegfried Lenz. 1926 – 2014)

Lenz selber sah sich selber als Fremdling in der Welt, da er nur aus dieser Fremdheit heraus glaubte schaffen zu können. Er schreibt aber auch über Menschen wie die, welche nach eigener Aussage seinen Geburtsort besiedelten.
Bei den Kritikern schaffte es Lenz selten auf eine Stufe mit Grass oder Walser, beim Publikum indes war er beliebt und galt als einer der grossen Erzähler, auf gleicher Stufe mit den vorgenannten. Er galt als Volksschriftsteller, wohl auch darum, weil er über dieses schrieb durch seine Figuren. Zudem war er anders als viele seiner Kollegen nie in Debatten verstrickt oder und stets freundlich und herzlich, was ihm viele Sympathien einbrachte. Bei all seinem Erfolg blieb er immer bescheiden:

„Als Schriftsteller habe ich erfahren, wie wenig Literatur vermag, wie dürftig und unkalkulierbar ihre Wirkung war und immer noch ist.“

Dies sagte er anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, den er 1988 erhielt. Man möchte ihm in Bezug auf seine eigene Literatur widersprechen.

Siegfried Lenz war später regelmässiger Gast bei der Gruppe 47, engagierte sich daneben in der Politik, war Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland und Gastprofessor an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Er schrieb insgesamt 15 Romane, über hundert Erzählungen, Theaterstücke, Essays und einiges mehr.

Siegfried Lenz starb am 7. Oktober 2014 in Hamburg.


Ausgewählte Werke

Romane

  • 1951 Es waren Habichte in der Luft
  • 1968 Deutschstunde
  • 1973 Das Vorbild
  • 1990 Die Klangprobe
  • 1994 Die Auflehnung

Erzählungen und Novellen

  • 1955 So zärtlich war Suleyken, Masurische Geschichten, Kurzgeschichten
  • 1957 Risiken für Weihnachtsmänner
  • 1960 Das Feuerschiff, Erzählungen
  • 1960 Verzicht, Erzählungen
  • 1973 Wie bei Gogol, Erzählung
  • 1984 Ein Kriegsende, Erzählung
  • 2008 Schweigeminute, Novelle


Diverses

  • 1953 Lotte soll nicht sterben, Kinderbuch
  • 1970 beziehungen, Essay
  • 1971 Verlorenes Land – Gewonnene Nachbarschaft, Rede
  • 1998 Über den Schmerz, Essay
  • 2006 Selbstversetzung, Über Schreiben und Leben

Patricia Highsmisth: Suspense oder Wie man einen Thriller schreibt

Die Meisterin lässt sich in die Karten blicken

„Suspense fängt mit den Grundlagen an und wendet sich vor allem an junge Schriftsteller – obwohl natürlcih ein Anfänger fortgeschrittenen Alters ebenfalls ‚jung’ ist, was die Schriftstellerei betrifft, und die ersten Schritte für alle die gleichen sind. In meinen Augen sind auch angehende Schriftsteller oder Anfänger schon Schriftsteller, da sie willentlich das Risiko auf sich nehmen, ihre Gefühle, ihre Schrullen und ihre Weltanschauungen den prüfenden Blicken der Öffentlichkeit preiszugeben.“

Patricia Highsmith lässt sich in diesem Buch beim Schreiben über die Schulter blicken und zeigt auf, wie sie von der ersten Idee bis hin zum fertigen Manuskript voranschreitet. Sie zeigt dies anhand ihrer bekannten Bücher, leuchtet im Detail aus, wie viele Anläufe es ab und an brauchte, bis das fertige Buch in seiner endgültigen Fassung stand, welche oft von der ersten völlig abweichen konnte. Sie schildert dabei ihre Stolpersteine beim Schreiben, Punkte, über die sie kaum hinweg kam und erzählt auch von diversen Ablehnungen von Verlagen, von unveröffentlichten Manuskripten und fehlgeleiteten Geschichtsverläufen.

„Wenn man ein Buch schreibt, sollte es in erster Linie dem Autor gefallen. Hat man selbst während der Dauer des Schreibprozesses Spass daran, dann kann und wird es Verlegern und Lesern später ebenso gehen.“

Am Anfang steht eine Idee. Zwar gibt es viele Ideen, doch es existiert durchaus auch das Gefühl, keine Ideen mehr zu haben, welches oft dann eintritt, wenn zu viel Druck, zu wenig Raum, zu grosse Erschöpfung herrscht. Auch Gesellschaft kann hinderlich werden, vor allem, wenn es die falsche ist. Hat man die packende Idee aber erst gefunden, geht es darum, sie auszubauen, eine Geschichte darum zu spinnen, diese durch Handlungen und Nebenhandlungen zu erweitern, bis man einen Plot entwickelt, der schliesslich zu einer ersten Fassung führt.

„Ein Autor muss jederzeit ein Gefühl für die Wirkung haben, die er auf dem Papier schafft, für die Plausibilität dessen, was er schreibt. Er muss spüren, wenn da etwas schiefläuft, genauso schnell wie ein Mechaniker ein falsches Geräusch im Motor wahrnimmt, und er muss es korrigieren, bevor es schlimmer wird.“

An diesem Punkt fängt das Überarbeiten an, das Umschreiben, Verwerfen, Streichen – alles ab und an schmerzhafte Prozesse, die auch viel von einem Schriftsteller verlangen. Nicht selten heisst es, Passagen zu streichen, die einem eigentlich am Herz liegen.

Patricia Highsmith beschreibt auf eine sehr offene und persönliche Art ihre Herangehensweise ans Schreiben. Sie beleuchtet den Schreibprozess mit allen Höhen und Tiefen, mit den wichtigen Zutaten wie Disziplin, Emotion, Freude und Spass am Schreiben. Sie zeigt die Schwierigkeiten des Daseins als Schriftsteller sowie auch dessen schönen Seiten. Ein Buch, das genausoviel über Patricia Highsmith selber aussagt wie über ihr Schreiben und ein Bild von einer am Boden gebliebenen, authentischen und äusserst sympathischen Frau zeichnet.

Fazit:
Ein Werkstattbericht, der nicht Ratgeber sein will, sondern einen tiefen Einblick in das Schreiben und Wesen der Meisterin der Spannungsliteratur gewährt. Sehr empfehlenswert.

Zur Autorin
Patricia Highsmith wurde am 19. Januar 1921 in Fort Worth, Texas geboren. Ihre Eltern trennten sich schon vor ihrer Geburt, Patricia Highsmith wuchs die ersten Jahre bei ihrer Grossmutter auf. 1934 zog sie mit ihrer Mutter und ihrem Stiefvater nach New York, wo sie nach der High School am renommierten Barnard College Englische Literaturwissenschaft mit dem Nebenfach Latein studierte. Es folgten diverse Jobs und 1943 eine Stelle als Comic-Texterin und Geschichtenentwicklerin beim Verlag Fawcett in New York. Schon während der Schulzeit hat Patricia Highsmith erste Geschichten und Gedichte geschrieben, in der Studienzeit Erzählungen in der Studentenzeitschrift „Barnard Quarterly“ veröffentlicht. Ihr erster Romanversuch blieb unvollendet und unveröffentlicht. Einen ersten Erfolg erzielte sie mit ihrer Kurzgeschichte The Heroine, es folgte ein Stipendium für die Künstlerkolonie Yaddo, wo sie in Ruhe arbeiten konnte und erste Teile ihres grossen Erfolges Zwei Fremde im Zug schrieb. Patricia Highsmith starb am 4. Februar 1995 in Locarno, Schweiz. Sie hat 22 Romane und eine Vielzahl von Kurzgeschichten, unter anderem Zwei Fremde im Zug (1950; dt. 1967), Der Stümper (1954; dt. 1974), Der talentierte Mr. Ripley (1955; dt. 1961/1979), Suspense oder Wie man einen Thriller schreibt (1966; dt. 1990/2013), Ripley under Ground ((1970; dt. 1972), Ripley’s Game (1974; dt. 1976), Ediths Tagebuch (1977; dt. 1980), Elsies Lebenslust (1986; dt. 1986).

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 168 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (23. April 2013)
ISBN: 978-3257242034
Preis: EUR 9.99/ CHF 15.90

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Bücher 2021 – Februar

Gelesene Bücher

  1. Natascha Lusenti: Die Welt in meinen Farben
    „Die Welt in meinen Farben“ ist die Geschichte einer jungen Frau, die ihren Platz im Leben erst finden muss, weil sie ihn durch zu viele Verluste verloren hat. Die Geschichte fängt sehr langatmig, wird dann aber immer einnehmender, bis sie den Leser vollends in den Bann zieht. Emilia wirkt als Charakter so glaubwürdig, so authentisch in ihrem Denken, Fühlen, Tun, das sich in einer grossen Verletzlichkeit äussert, dass man sie als Leser ins Herz schliesst und weiter begleiten will.Alles in allem ist Natascha Lusenti eine kleine, feine Geschichte voller Zärtlichkeit, Nachdenklichkeit, Mit-Menschlichkeit gelungen, die von der Suche nach sich selbst, von Zugehörigkeit, von Liebe, Angst und Glück handelt. Wären der unbefriedigende Anfang und ein paar zu ausführliche Ausschweifungen später nicht, könnte man sie rundum wunderbar nennen. (Rezension)
  2. Dorothea Brande: Schriftsteller werden
    Dorothea Brande schrieb das vorliegende Buch 1934 und seit da gilt es als Klassiker. Wichtig ist, was einen Schriftsteller überhaupt zum Schriftsteller macht, die Antwort lautet: Er schreibt. Was so einfach klingt, ist es in Tat und Wahrheit aber nicht. Wie viel hält Schreibwillige oft von dem ab, was sie eigentlich tun wollen? Ganz verschiedene Ängste treten plötzlich auf und lassen zögern, blockieren gar. Schriftsteller werden“ ist keine strukturierte Anleitung hin zu einem Roman, es ist ein Buch über die Entwicklung des Menschen hin zu dem, was er sein will: Schriftsteller. Brande schöpft dabei aus ihrer Erfahrung als Autorin und Lehrerin für Kreatives Schreiben. (Rezension)
  3. Anselm Grün: Das kleine Buch vom guten Leben
    Anselm Grün geht in diesem kleinen Buch der Frage nach, was ein gutes Leben ist und wie wir dieses leben können. Er beruft sich dabei auf die Religionen und Philosophien aus aller Welt, zitiert literarische Werke und alte Weisheiten. Für ein gutes Leben, so Anselm Grün, braucht es nicht viel, ausschlaggebend ist die innere Haltung, das, wonach wir unser Leben ausrichten.Anselm Grün überzeugt durch eine tiefe Weisheit, durch eine Belesenheit und einen offenen Blick ohne religiöse, philosophische oder lokale Grenzen. (Rezension)
  4. Doris Dörrie: Alles inklusive
    „Alles inklusive“ ist die Geschichte verschiedener Menschen, die alle mit ihrem Leben hadern, daran verzweifeln, falsche Entscheidungen treffen, sich selber ins Unglück reiten. Alle wirklichen sie auf ihre Weise verrückt und doch auch wie Menschen mit ihren Abgründen und Hoffnungen. Es ist die Geschichte einer Mutter-Tochter-Beziehung, die nie eine wirklich gelebte und gefühlte war und doch Boden für viele Anschuldigungen mit sich bringt. Doris Dörrie gelingt es, ohne Moralkeule und hochgehobenen Zeigefinger menschliche Schwächen zu erzählen, trotz vieler Tiefschläge und auch verkorkster Lebensentwürfe driftet das Buch nie ins Schwere ab. Es ist wohl gerade die Leichtigkeit des Erzählens, die einen immer weiter lesen lässt, auch wenn die Geschichte ab und an etwas langatmig und gar abstrus wird. (Rezension)
  5. Steven King: Vom Leben und vom Schreiben
    Einer der erfolgreichsten Schriftsteller erzählt aus seinem Leben, das immer auch sein Schreiben mitbeinhaltet, macht es doch einen Grossteil seines Lebens aus. In diesem Buch lässt Steven King den Leser hinter die Kulissen schauen, zeichnet seinen Lebensweg nach und erläutert, was er für grundlegend wichtig hält, wenn jemand schreiben will: Ein Zimmer mit einer Tür, die man abschliessen kann, einen geregelten Tagesablauf mit festen Schreibzeiten, festgesetzte Tagesziele gehören ganz oben auf die Liste. (Rezension)
  6. Marco Missiroli: Treue
    Carlo und Margherita sind ein schönes und ein glückliches Paar, er Dozent für Literatur, sie Inhaberin einer Immobilienagentur. Als Carlo eines Tages auf der Universitätstoilette mit einer jungen Studentin erwischt wird, behauptet er, dieser nur nach einem Schwächeanfall geholfen zu haben. Der Vorfall bleibt als Stachel in der Beziehung. War wirklich alles nur ein Missverständnis? Oder ist entgegen der Behauptungen mehr passiert? Carlo und Margherita gehen unterschiedlich mit dieser Geschichte um, doch auf ihre Weise wird sie für beide eine Obsession. (Rezension)
  7. Jesse Falzoi: Creative Writing
    Ein Schreibkurs in 16 Lektionen, der sich damit befasst, das Handwerk des Autors zu vermitteln. Wie müssen Charaktere gestaltet sein, damit sich ein Leser mit ihm identifizieren kann, wo fängt eine Geschichte an und wie endet sie, was ist ein Thema der Geschichte und worauf baut der Plot auf? Welchen Stellenwert hat der Dialog, und womit beginnt man beim Schreiben einer Geschichte? Wann ist diese fertig? Diese und weitere Fragen behandelt Jesse Falzio und gibt immer auch Übungen vor, an denen man das Gelesene ausprobieren kann.
  8. Maxim Leo: Wo wir zu Hause sind
    Maxim Leos Berliner Familie ist sehr überschaubar, das, was man landläufig sonst als Familie bezeichnet, ist über den ganzen Erdenball verteilt, an spannenden Orten, wie Maxim als Junge denkt, während er im langweiligen Deutschland sitzt. Die Verteilung hatte ernste und tragische Gründe, die Machtübernahme der Nationalsozialisten liess der Familie keine andere Wahl, wollte sie überleben. Ein gelungenes Buch, ein Buch über Menschen, denen das Leben viel genommen hat, ein Buch über Menschen, die Opfer eines Unrechtsregimes wurden, ein Buch, das von den Sehnsüchten und Wünschen von Menschen handelt, welche ein Leben weit weg vom ursprünglichen Lebensentwurf suchen mussten, und ein Buch über Menschen, die dieses Leben fanden und lebten. (Rezension)
  9. Colum McCann: Briefe an junge Autoren
    Briefe an junge Autoren ist kein Schreibratgeber im üblichen Sinne. Column McCann sieht sich eher als Begleiter, als einer, der schreibt, dabei das ein oder andere über die Jahre gelernt hat und nun ein bisschen davon weitergeben will. Entstanden sind leicht lesbare, mit viel Humor und Selbstironie gewürzte kurze Texte rund ums Schreiben, Texte, die anregen, die Mut machen wollen, die dem verzweifelt vor dem leeren Blatt sitzenden jungen Autor sagen wollen: Wir waren alle an dem Punkt, wir kommen wieder an den Punkt, es gibt nur eines: Weiter schreiben. (Rezension)
  10. Ronald B. Tobias: 20 Masterplots
    Nach welchen Mustern ist eine Geschichte aufgebaut? Was steht im Zentrum der Geschichte? Figur oder Handlung? Wie muss ich meine Geschichte aufbauen, dass sie für einen Leser spannend ist? Ronald B. Tobias skizziert 20 verschiedene Möglichkeiten von Plots, ob es eine Liebesgeschichte, eine Suche nach Rache, eine Rettung oder eine Flucht sein soll, in allen Varianten zeigt er auf, wie und wieso sich ein Protagonist verändert und worauf das Augenmerk liegen muss, damit der Plot funktioniert.
  11. Doris Dörrie: Diebe und Vampire
    Diebe und Vampire ist ein Roman über das Schreiben, ein Roman über das Leben einer jungen Frau, die vom Traum, Schriftstellerin besessen ist, aber mehr Gründe dafür findet, nicht zu schreiben, als zu schreiben. Es ist ein Buch, das von den Ängsten und Nöten des Schreibens handelt, ein Buch, das auch autobiographische Züge trägt zumindest, was den Schreibprozess, den Akt des Schreibens betrifft. Es ist aber auch ein Buch über das Scheitern, das Älterwerden – schonungslos, offen, teilweise etwas abstrus, teilweise verwirrend, weil nicht klar ist, was real und was Phantasie der Protagonistin ist, dabei aber unterhaltsam und flüssig zu lesen. (Rezension)
  12. Clara Maria Bagus: Die Farbe von Glück
    Antoine ist sechs, als ihn seine Mutter verlässt. Verzweifelt und tieftraurig bleibt er im Haus zurück, wo ihn Charlotte findet und bei sich aufnimmt. Mit viel Liebe und Geduld schafft sie es, anstelle von Trauer und Verlassenheit durch Zuversicht und Lebensfreude zu ersetzen. Sie haben nicht viel, aber sie haben einander und das ist für beide das wichtigste. Und genau das gerät in Gefahr, als eines Tages Jules auf Charlotte bei ihrer Arbeit im Krankenhaus zukommt und von ihr verlangt, sein gerade geborenes kränkliches Kind mit einem gesunden zu tauschen. Sonst nähme er ihr Antoine. Ein Buch über Schuld, Verlust und Trauer, aber auch über Liebe, Vertrauen und Selbstverantwortung. Wenn auch teilweise langatmig und zu esoterisch, so doch empfehlenswert. (Rezension)
  13. Elisabeth Jacquet: Wir zwei
    Elisabeth Jacquet denkt sich in kleinen Häppchen durch das Leben zu zweit, auf das gefühlte und geteilte Miteinander. Sie zeigt, wie aus Dingen plötzlich gemeinsame Dinge werden, sogar die Welt wird zu einer geteilten. (Rezension)
  14. Inka Piepgras: Schreibtisch mit Aussicht. Schriftstellerinnen über ihr Schreiben
    Schriftstellerinnen über die Schulter geschaut: Was bedeutet es, zu schreiben? Wie sieht der Weg vom Gedanken hin zum Buch aus? Womit hat man dabei zu kämpfen? Vor allem als Frau? Das Buch konzentriert sich auf Frauen, da diese auch heute noch wenig präsent sind im Literaturbetrieb. Entstanden ist ein offenes und ehrliches Buch, das von Ängsten und Nöten spricht, vom Spagat zwischen Familie und Schreibtisch, von Schuldgefühlen und Zweifeln. (Rezension)

Abgebrochene Bücher:

  1. Julian Barnes: Der Mann im roten Rock
    „Die Kunst überdauert persönliche Launen, Familienstolz, gesellschaftliche Dogmen; die Kunst hat immer die Zeit auf ihrer Seite.“
    Ein schöner Satz aus einem sonst sehr schwierigen Buch für mich. Ich habe mit Julian Barnes’ „Der Mann im roten Rock“ begonnen und von Anfang an gekämpft. Ich liebe Barnes, vor allem „Vom Ende einer Geschichte“ war wunderbar, aber hier? Erzählt wird das Leben eines zu seiner Zeit bekannten Arztes (Gynäkologen). In Bruchstücken werden Beziehungen vorgestellt, Lebensabschnitte beleuchtet, wird das Bild eines Menschen und seiner Zeit gemalt. Das Buch ist wahrlich gut recherchiert, aus einem reichen Fundus von Hintergrundwissen heraus geschrieben, aber es spricht mich in seiner Form und Sprache gar nicht an. Mir fehlt die Geschichte, mir fehlt das wirklich erzählende Element. So ist es für mich zu wenig strukturiert, Sachbuch zu sein, zu wenig erzählt, um Roman zu sein.
  2. Carole Fives: Kleine Fluchten
    Eine alleinerziehende Mutter, ein bildschöner, kleiner Junge, und doch zu viel alles. Sie hadert, sie leidet, sie sucht Fluchten, denkt daran, ihn mit einer Weste zu ersticken, obwohl sie ihn liebt. Ein wichtiges Thema ein reales Problem. Und doch… es war zu viel. Zuviel an Dramatik, zu viel an Deprimierendem. Ich weiss wahrlich aus eigener Erfahrung, wie viel es sein kann… in einer Geschichte wäre weniger mehr gewesen. Für mich. Ich konnte nicht weiter lesen. Vielleicht war ich auch zu nah dran – wer weiss.
  3. Thea Dorn: Trost. Briefe an Max
    Eine Postkarte ihres alten Lehrers löst bei Johanna einiges aus. Die ganze Verzweiflung über Corona, den Tod ihrer Mutter, den Schmerz des Verlustes und vieles mehr bricht aus ihr heraus. Ich hatte vom Buch mehr Philosophie erhofft, in dieser Form und vor allem mit dem Inhalt sprach es mich leider gar nicht an. Gut möglich, dass es auch damit zusammen hängt, dass Corona aktuell schon zu viel Thema ist, ich möchte es wohl nicht auch noch lesen.
  4. Christine Girard: Mademoiselle Edith. Hymne an die Liebe
    Die Geschichte einer grossen Sängerin und einer Frau, die ihr Leben lang die Liebe sucht und viele Enttäuschungen erleben muss – bis sie auf den Einen trifft. Das Buch wechselt sprunghaft zwischen den Zeiten (etwas, das ich generell nicht mag, wenn es nicht dringend nötig ist), gewisse Rückblenden bringen dem Fortgang der Geschichte wenig. Auch sonst vermisste ich das Tempo in der Geschichte, zu viele Dialoge mit Geplänkel und Beschreibungen liessen den Lesefluss kaum in Gang kommen.
  5. Gillian Best: Martha und das Meer
    Martha braucht das Meer wie andere Menschen die Luft zum atmen. Als sie John kennenlernt und sie eine Familie gründen, steigt sie für 10 Jahre nicht mehr ins Meer, bis ihr bewusst wird, dass sie sich damit selber verloren hat – und sich wieder finden muss. Sie weiss, wenn sie nicht wieder ins Meer steigt, wenn sie nicht wieder schwimmt, wird sie dieses Leben so nicht weiter führen können…
    Das Buch klang so vielversprechend, doch es schleppte sich dahin, die Figuren waren zu schwach, als dass sie die fehlende Handlung hätten ausgleichen können.
  6. Moritz Heger: Aus der Mitte des Sees
    Als sein Freund aus der Abtei austritt und eine Familie gründet, sieht sich Lukas vielen Fragen ausgeliefert: Ist sein Weg wirklich noch der richtige? Als dann auch noch eine Frau in sein Leben tritt, steht er vor einer Entscheidung.
    Auch hier wäre das Thema wirklich spannend, doch ich fand nicht in die Erzählung rein. Die Figuren blieben unfassbar, es war für mich alles zu abgehackt und mir fehlte ein wirklicher Erzählfluss. Dem Buch gebe ich aber noch eine Chance.

Elisabeth Jacquet: Wir zwei. Reflexion über das Leben als Paar


„Eines Tages wurde aus einem Mann mein Mann.“

Was passiert, wenn man einen Menschen trifft, heiratet, das Leben gemeinsam bestreitet? Was verändert das in jedem von uns und aus uns als Paar? Worauf hat die Heirat sonst noch Einfluss?

Elisabeth Jacquet denkt sich in kleinen Häppchen durch das Leben zu zweit, auf das gefühlte und geteilte Miteinander. Sie zeigt, wie aus Dingen plötzlich gemeinsame Dinge werden, sogar die Welt wird zu einer geteilten:

„Ausserdem ist der Raum um uns herum zu einem Mischraum geworden.“

Das Teilen hört auch nicht auf, wenn einer von beiden nicht anwesend ist, er ist trotzdem dabei:

„Wo immer ich bin, ist plötzlich auch mein abwesender Mann.“

„Wir zwei“ handelt vom Leben als (Ehe-)Paar, von den sich einschleichenden Gewohnheiten, den geliebten Ritualen, von den Besonderheiten und den Veränderungen im Leben und in der eigenen Person. Das Buch zeigt, wie ein geteiltes Leben ein reicheres wird, da man sich gegenseitig so viel zeigt, was einer allein nicht gesehen hätte oder dem er sonst vielleicht weniger Bedeutung zugedacht hätte, wäre da keiner gewesen, dem man es hätte zeigen können.

Auf jeder Seite stehen ein bis zwei kurze Gedanken, oft nicht länger als ein Satz. Anfänglich sind diese Gedanken sehr originell, entlocken mal ein Lächeln, führen zu einem Aha-Erlebnis, dann werden sie etwas seicht und auch gesucht. Das Buch ist generell klein, die Seiten mehrheitlich weiss, es entsteht ein wenig der Eindruck über die Seiten hinweg, dass der Stoff doch nicht für ein ganzes Buch gereicht hat. Trotzdem ist es eine schöne Idee, der Umstand, dass das Buch bei mir auf der Gästetoilette liegt, ist keine Abwertung des Buches, sondern schlicht der für diese Form geeignete Lektüreort, wie ich finde.

Fazit:
Das Leben als Paar in kurzen Gedanken dargestellt – eine schöne Idee, wenn auch ein wenig mager ausgefallen. Empfehlenswert.

Über die Autorin
Elisabeth Jacquet, geboren 1963, hat als Drehbuchautorin, Werbetexterin und Lektorin gearbeitet, bevor sie selbst begann, Romane zu schreiben. In ihren Texten beschäftigt sie sich u.a. mit verschiedenen Formen des Erzählens und fragt sich dabei stets, wie man die Menschen in unserer durchtechnologisierten Zeit zum Lesen bewegen kann. Sie lebt mit ihrem Mann in Paris.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 144 Seiten
Verlag: Piper; 1. Edition (1. Februar 2019)
ISBN-Nr.: 978-3492058926
Preis: EUR 17.95 / CHF 28.90

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