Von Titeln und Neidern

Die Wissenschaft, sie ist und bleibt, was einer ab vom andern schreibt – doch trotzdem ist, ganz unbestritten, sie immer weiter fortgeschritten.

Ich habe dieses Zitat oft gebracht und es Ringelnatz zugeschrieben. Ich mag Ringelnatz sehr, lese ihn oft, er war auch oft Gedichtespender für die lyrischen Morgenessen mit meinem Sohn. Im Moment ist das Gedicht hoch aktuell. Die Bundesbildungsministerin Annette Schavan soll ihre Dissertation mit unlauteren Mitteln verfasst haben. Sie habe Zitate nicht korrekt gekennzeichnet, heisst es. Darum beschloss die Universität Düsseldorf nun, ihr den Doktortitel abzuerkennen. Spott und Häme lassen nicht auf sich warten.

Eine wissenschaftliche Arbeit zu schreiben bedeutet viel Arbeit, viel Verzicht (auf Essen, Ausgang, Freizeit, Kraft, Freude, Geld) und viel Aufwand (lesen, schreiben, denken, Recherche, Streit mit dem Partner wegen mangelnder Zeit, Erklärungsnotstand bei Freunden, Familie, etc., nochmals lesen, denken, schreiben) und auch Leiden (Hunger, Erschöpfung, Frust über mangelndes Vorwärtskommen, Erkenntnisse, die schon einer hatte, viele mehr). Was wird ihr vorgeworfen? Sie soll Zitate nicht korrekt deklariert haben. Das ist unschön und unwissenschaftlich. Ein ganz klarer Verstoss gegen den Formalismus der Wissenschaft. Nun kann man sagen, wer Wissenschaft betreibt, soll sich an die Regeln halten, sonst ist er nur noch populär? Wäre also die einzige Unterscheidung zwischen populärer Themenaufbereitung und Wissenschaft der Formalismus der korrekten Zitierweise? Das wäre arg wenig. Möchte sich die Wissenschaft so gesehen wissen? Was hätte sie sonst in die Waagschale zu werfen? Fundiertheit? Fundiert kann man auch mit falschen Zitierweisen sein. Ich lasse das mal so stehen, es soll sich jeder seine Meinung bilden. Darf sie auch nennen (falls von jemandem gestohlen, bitte korrekt zitiert, soll ja alles seine Ordnung haben).

War es Irrtum? War es Absicht? War es Berechnung? Da müsste man sich fragen, wieso ein Titel so viel Wert hat? Wieso denkt jemand, er müsse sich einen Titel erschwindeln? Ob sie es getan hat oder andere es ihr unterstellen macht bei dieser Frage keinen Unterschied. Sowohl der, welcher es tut, wie auch der, welcher es unterstellt misst dem Titel eine Macht und Kraft bei, die Betrug rechtfertigt. Was ist dran am Dr.? Ich sehe es nicht. Ist man mit Titel besser, wertvoller, höher? Menschlich sicher nicht. Gesellschaftlich? Müsste so sein, wenn man das Aufhebens sieht, das hier betrieben wird. Bedenklich, wie ich finde.

Als ich ein Kind war, war mir klar, ich will studieren. Damals wäre es Tierverhaltensforschung gewesen, denn ich hatte gerade Bernhard Grzimeks „Serengeti darf nicht sterben“ gesehen und ich wollte auch dahin und werden wie er. Das Fach hat noch oft gewechselt, der Wunsch nach dem Studium nie. Ich flog durch die Primarschule, quälte mich durchs Gymnasium, trat mal aus, mal ein, blieb nur bis zum Schluss, weil ich ohne nicht hätte studieren können. Die Uni war mein Hafen, endlich war ich, wo ich hin wollte. Schon beim Eintritt war klar, ich will doktorieren. Titel? Wen kümmert ein Titel? Ich wollte schreiben. In die Tiefe, in die Breite. Ich habe es ab und an verflucht, wurde einige Male schwer enttäuscht und zu Boden geworfen, habe gekämpft und immer weiter geschrieben. Es ist Herzblut, Wollen. Was zählen dagegen Titel und Formalismus?

Hat sie geschummelt? Ich weiss es nicht. Nach Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg (ich musste den Namen bei Wikipedia kopieren, das kann sich ja keine S….chweizerin merken) scheint es in zu sein, Dr.-Titeln an den Kragen zu gehen. Was dahinter steckt? Wenn ich die Häme sehe, die auf die jeweiligen Auserkorenen prallt, kann ich nur eigenen Frust und Rache denken. Alle die, welche ihr Studium nicht schafften (ich las von solchen, die der Frau Schavan vorwarfen, ihretwegen nicht studiert zu haben – Studiengebühren lassen grüssen [in der Schweiz haben wir die übrigens schon lange] und ihr nun ihren Dr.-Titel neideten) oder sonst vom System  und der Gesellschaft enttäuscht sind, freuen sich, dass eine, die in ihren Augen oben steht, vom Sockel fällt.

Nun könnte man sich fragen, was ihr Fall bringt? Die Unis werden immer mehr durchleuchtet. Sie verkommen Im Geist der Allgemeinheit zu Mühlen, die nicht Wissen, sondern Titelerschwindler produzieren. Die, welche sich über den Fall freuen, steigen deswegen nicht, sie vergiften sich nur selber an ihrer Häme. Neid und Missgunst haben noch selten schöne Früchte gebracht.

Vor 30 Jahren ging jemand dahin und schrieb eine Dissertation. Heute findet man Zitatfehler und eine Universität befindet, dass man den Titel aberkennen muss. Nun ist sicher zu sagen, dass eine Dissertation, die mehr kopiert als selber geschrieben ist, die grobe Verstösse gegen die rechtmässige Zuordnung von geistigen Wissen zu seinem wirklichen Urheber aufweist, den Anforderungen an eine Dissertation nicht entspricht und somit nicht dazu qualifiziert, einen Doktortitel zu rechtfertigen. Dass dieser dann zu Unrecht getragen ist, liegt auf der Hand und es ist unfair all denen gegenüber, die rechtmässig arbeiten, dies nicht klar zu regeln, sprich den Titel zurückzuziehen (vielleicht wäre an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass auch die Doktorväter Schuld auf sich laden, die Dissertationen ungelesen annehmen, weil sie mit zu viel anderem beschäftigt sind). Wenn man mal ganz ehrlich und neutral hinschaut: Ist es hier, bei Frau Schavan, angemessen? Es scheint ein Grenzfall zu sein, folgt man den diversen Berichterstattungen. Ist das sinnvoll? WEM hilft das wirklich? Ich sehe nur Leid, das daraus resultiert. Und zwar auf allen Seiten. Ich bin ganz klar kein Verfechter des „alles geht und Strafe ist Unsinn“. Das weiss man spätestens seit meiner „unverfälschten“ Dissertation. Aber hier? Nach 30 Jahren, unter Berücksichtigung dessen, dass damals Copy Paste von Google noch nicht möglich war?

Und zu guter letzt, um den Kreis zu schliessen: Was man überall als Zitat von Ringelnatz liest:

Die Wissenschaft, sie ist und bleibt, was einer ab vom andern schreibt – doch trotzdem ist, ganz unbestritten, sie immer weiter fortgeschritten.

stammt ursprünglich von Eugen Roth. Ab und an wird es auch nicht Ringelnatz, sondern Christian Morgenstern zugeordnet. Was nun? Dichterstatus aberkennen?

Artikel zum Thema:

NZZ vom 5. Februar 2013

Swissinfo.ch vom 5. Februar 2013

Zeit Online vom 6. Februar 2013

Zeit Online vom 5. Februar 2013

Spiegel Online vom 5. Februar 2013

Bild.de vom 5. Februar 2013

Tagesschau vom 5. Februar 2013

 

Nachtrag: 

Ein Blog, welcher die mutmasslichen Plagiate in der Dissertation von Annete Schavan auffährt:

http://schavanplag.wordpress.com

6 Comments

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  1. Diesem Artikel kann ich voll und ganz zustimmen!

    Manchmal drängen sich Verschwörungstheorien auf. Da gab es einen zu Guttenberg, der ohne wirklich etwas geleistet zu haben von der Springerpresse und seinem politischen Hintergrund hochgejubelt wurde. Natürlich gehört es in diesen Kreisen zum guten Ton, einen akademischen Titel vorzuweisen. Also hat er sich ihn verschafft, und zwar mit Hilfe eines vom Adels- und Gesellschaftsglanz geblendeten Doktorvaters. Tragisch! Doch dann stürzte der neue Stern am konservativen deutschen Himmel und hinterließ nichts mehr als Asche. Hätte Frau Schavan sich damals nicht für ihn öffentlich geschämt und wäre so nicht zur Nestbeschmutzerin geworden, dann wäre sie ganz sicher nicht in den Fokus der Kriegsherren geraten. Aber so musste auch sie abgestraft werden, quasi als ein Exempel, das umgehend statuiert werden musste. So weit meine „Verschwörungstheorie“.

    Das Verfahren wird nun laufen, wie es eben läuft und vielleicht betrachten es die Gerichte mit einer etwas anderen Perspektive als die Herren Professoren mit dem neuen Mief unter ihren Talaren. Die politische Klasse aber, die jetzt auf den Marktplätzen ruft: „Jagd sie aus dem Amt. Sie ist eine Schande.“, ist eine verlogene, bösartige und scheinheilige. Sie wissen nicht mehr, was es mit dem Begriff „Respekt“ auf sich hat. Allerdings weiß ich auch nicht, ob die Wählerschaft da wirklich besser ist. Nein, Frau Schavan ist nicht die Vertreterin meiner politischen Richtung. Aber eine Opposition, die sich jetzt so einlässt, wie sie es tut, verdient auch nicht meine Stimme. Ich habe es also nicht leicht, mich bis zum September zu entscheiden.

    Bei der Autorin des kommentierten Artikels entschuldige ich mich, dass ich so weitschweifig meinen Gedanken hier freien Lauf gelassen habe. Ich bin ihr aber dankbar, dass sie aus der Schweiz so konstruktiv kritisch ins Nachbarland Deutschland geschaut hat!

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  2. Prof. Dr. Nida-Rümelin äusserte sich zum Thema Schavan:

    http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/fazit/2002497/

    Damit trifft er den Nagel in meinen Augen auf den Kopf. Als Wissenschaftsministerin ist eine Frau, die ihre Wissenschaft (wohl) offensichtlich unsauber betrieb, untragbar, da sonst die Wissenschaft für sich (noch mehr) Schaden erleidet. Mag sie sich noch so sehr eingesetzt haben, sie qualifiziert nicht als Aushängeschild. Für sie als Person ist das schmerzlich und deshalb sage ich nach wie vor: die Häme ist fehl am Platz, sie zeigt nur einen Mangel an Respekt und Menschlichkeit.

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    • Frau Schavan hat mit Stil ihr Amt niedergelegt. Auch wenn ich es gerne anders gesehen hätte, gebührt ihr dafür aller Respekt. Unsere Welt und ihre tagespolitische Perspektive ist wie sie ist – leider!

      Jetzt geifern sie herum, putzen ihren Scheinheiligenschein und glauben, sie seien die Guten. Manchmal, wenn ich ins tagespolitische Schlachtfeld schaue, wird mir schlecht – heute auch!

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      • Ich denke, Spott ist immer fehl am Platz. Er bringt weder einem selber noch der Sache etwas. Niemand ist ohne Fehler. Es bedeutet Grösse, hinzustehen und die Konsequenzen zu tragen, selbst wenn sie keine andere Wahl hatte, politisch. Nun noch nachzutreten ist überflüssig und unmenschlich.

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