Heute erhielt ich eine Mail. Adressiert an Frau Dr. XXXX. Noch heute liest sich der Titel komisch, nach nunmehr vier Jahren, die ich ihn trage. Einerseits freut es mich, dass ich es trotz aller Widrigkeiten geschafft habe, ihn zu kriegen, andererseits ist es mir irgendwie peinlich, ihn zu führen. Meist verschweige ich ihn, ihn zu nennen fühlt sich so grosskotzig an.

Ich schloss mein Studium unter erschwerten Umständen als Alleinerziehende mit Kleinkind ab. Eigentlich wäre mein Traum gewesen, zu promovieren, aber unter den Bedingungen? Von den Einen hörte ich, ich hätte nun lange genug studiert, ich solle endlich mal arbeiten (ich hatte mein Studium mit sehr viel Arbeit nebenher verdient), von anderen kriegte ich zu hören, dass ein solcher Titel eh nichts bringe und ich mir diese Träume nicht leisten könne.

Und ja, ich konnte es mir nicht leisten, wenn ich nicht eine Möglichkeit fand, wie die Arbeit an meiner Dissertation bezahlt war. Ich hatte Glück und fand sie: Zuerst erhielt mein Forschungsantrag ein Stipendium für ein Jahr, dann eines für zwei Jahre vom SNF. Zwar musste ich auch da wieder kämpfen, da gewisse Herren in gewissen Positionen meinten, als alleinerziehende Mutter könne ich das eh nicht schaffen und würde die gesprochenen Gelder nur für Schoppenmilch und Windeln ausgeben (SIC!), aber ich packte diese Hürde. Und alle späteren auch. Tagsüber war ich Mutter, nachts wälzte ich Bücher. Zwischendrin raste ich als freie Journalistin durch die Gegend und schrieb Artikel.

Die Arbeit war im Kasten, die Promotion gelungen. Freude? Wollte irgendwie nicht aufkommen. Gefeiert wurde der Abschluss nie. Was ich zu hören kriegte, waren spöttische Fragen, ob man mich nun Frau Doktor nennen müsse, oder, ob ich bei der Prüfung einen kurzen Rock getragen und dem Professor schöne Augen gemacht hätte. Was ich auch hörte war, ob ich nun endlich lange genug zur Schule gegangen sei und es mal mit Arbeit versuchen wolle.

Und da sitze ich also. Die Mail vor mir. Und ja, irgendwie bin ich stolz, habe ich den Weg gemacht. Ich bin stolz, trotzte ich allen Widrigkeiten. Ich bin aber auch traurig. Tief drin hätte ich es schön gefunden, hätte mal irgendjemand gesagt, er sei stolz auf mich. Hätte mit mir gefeiert. Auf den Abschluss angestossen. Die Zeit zurückdrehen kann ich nicht. Aber ich kann endlich mal hinstehen und sagen: Ja, ich habe diesen Titel und ich bin verdammt stolz darauf. Ich habe ihn hart erarbeitet und ich darf ihn tragen. Niemand muss mich so nennen, aber es muss sich auch niemand darüber lustig machen.

Das wäre ein guter Anfang. Und danach packe ich alle anderen wunden Punkte an und lasse mir nirgends mehr die Butter vom Brot nehmen.

Die Wissenschaft, sie ist und bleibt, was einer ab vom andern schreibt – doch trotzdem ist, ganz unbestritten, sie immer weiter fortgeschritten.

Ich habe dieses Zitat oft gebracht und es Ringelnatz zugeschrieben. Ich mag Ringelnatz sehr, lese ihn oft, er war auch oft Gedichtespender für die lyrischen Morgenessen mit meinem Sohn. Im Moment ist das Gedicht hoch aktuell. Die Bundesbildungsministerin Annette Schavan soll ihre Dissertation mit unlauteren Mitteln verfasst haben. Sie habe Zitate nicht korrekt gekennzeichnet, heisst es. Darum beschloss die Universität Düsseldorf nun, ihr den Doktortitel abzuerkennen. Spott und Häme lassen nicht auf sich warten.

Eine wissenschaftliche Arbeit zu schreiben bedeutet viel Arbeit, viel Verzicht (auf Essen, Ausgang, Freizeit, Kraft, Freude, Geld) und viel Aufwand (lesen, schreiben, denken, Recherche, Streit mit dem Partner wegen mangelnder Zeit, Erklärungsnotstand bei Freunden, Familie, etc., nochmals lesen, denken, schreiben) und auch Leiden (Hunger, Erschöpfung, Frust über mangelndes Vorwärtskommen, Erkenntnisse, die schon einer hatte, viele mehr). Was wird ihr vorgeworfen? Sie soll Zitate nicht korrekt deklariert haben. Das ist unschön und unwissenschaftlich. Ein ganz klarer Verstoss gegen den Formalismus der Wissenschaft. Nun kann man sagen, wer Wissenschaft betreibt, soll sich an die Regeln halten, sonst ist er nur noch populär? Wäre also die einzige Unterscheidung zwischen populärer Themenaufbereitung und Wissenschaft der Formalismus der korrekten Zitierweise? Das wäre arg wenig. Möchte sich die Wissenschaft so gesehen wissen? Was hätte sie sonst in die Waagschale zu werfen? Fundiertheit? Fundiert kann man auch mit falschen Zitierweisen sein. Ich lasse das mal so stehen, es soll sich jeder seine Meinung bilden. Darf sie auch nennen (falls von jemandem gestohlen, bitte korrekt zitiert, soll ja alles seine Ordnung haben).

War es Irrtum? War es Absicht? War es Berechnung? Da müsste man sich fragen, wieso ein Titel so viel Wert hat? Wieso denkt jemand, er müsse sich einen Titel erschwindeln? Ob sie es getan hat oder andere es ihr unterstellen macht bei dieser Frage keinen Unterschied. Sowohl der, welcher es tut, wie auch der, welcher es unterstellt misst dem Titel eine Macht und Kraft bei, die Betrug rechtfertigt. Was ist dran am Dr.? Ich sehe es nicht. Ist man mit Titel besser, wertvoller, höher? Menschlich sicher nicht. Gesellschaftlich? Müsste so sein, wenn man das Aufhebens sieht, das hier betrieben wird. Bedenklich, wie ich finde.

Als ich ein Kind war, war mir klar, ich will studieren. Damals wäre es Tierverhaltensforschung gewesen, denn ich hatte gerade Bernhard Grzimeks „Serengeti darf nicht sterben“ gesehen und ich wollte auch dahin und werden wie er. Das Fach hat noch oft gewechselt, der Wunsch nach dem Studium nie. Ich flog durch die Primarschule, quälte mich durchs Gymnasium, trat mal aus, mal ein, blieb nur bis zum Schluss, weil ich ohne nicht hätte studieren können. Die Uni war mein Hafen, endlich war ich, wo ich hin wollte. Schon beim Eintritt war klar, ich will doktorieren. Titel? Wen kümmert ein Titel? Ich wollte schreiben. In die Tiefe, in die Breite. Ich habe es ab und an verflucht, wurde einige Male schwer enttäuscht und zu Boden geworfen, habe gekämpft und immer weiter geschrieben. Es ist Herzblut, Wollen. Was zählen dagegen Titel und Formalismus?

Hat sie geschummelt? Ich weiss es nicht. Nach Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg (ich musste den Namen bei Wikipedia kopieren, das kann sich ja keine S….chweizerin merken) scheint es in zu sein, Dr.-Titeln an den Kragen zu gehen. Was dahinter steckt? Wenn ich die Häme sehe, die auf die jeweiligen Auserkorenen prallt, kann ich nur eigenen Frust und Rache denken. Alle die, welche ihr Studium nicht schafften (ich las von solchen, die der Frau Schavan vorwarfen, ihretwegen nicht studiert zu haben – Studiengebühren lassen grüssen [in der Schweiz haben wir die übrigens schon lange] und ihr nun ihren Dr.-Titel neideten) oder sonst vom System  und der Gesellschaft enttäuscht sind, freuen sich, dass eine, die in ihren Augen oben steht, vom Sockel fällt.

Nun könnte man sich fragen, was ihr Fall bringt? Die Unis werden immer mehr durchleuchtet. Sie verkommen Im Geist der Allgemeinheit zu Mühlen, die nicht Wissen, sondern Titelerschwindler produzieren. Die, welche sich über den Fall freuen, steigen deswegen nicht, sie vergiften sich nur selber an ihrer Häme. Neid und Missgunst haben noch selten schöne Früchte gebracht.

Vor 30 Jahren ging jemand dahin und schrieb eine Dissertation. Heute findet man Zitatfehler und eine Universität befindet, dass man den Titel aberkennen muss. Nun ist sicher zu sagen, dass eine Dissertation, die mehr kopiert als selber geschrieben ist, die grobe Verstösse gegen die rechtmässige Zuordnung von geistigen Wissen zu seinem wirklichen Urheber aufweist, den Anforderungen an eine Dissertation nicht entspricht und somit nicht dazu qualifiziert, einen Doktortitel zu rechtfertigen. Dass dieser dann zu Unrecht getragen ist, liegt auf der Hand und es ist unfair all denen gegenüber, die rechtmässig arbeiten, dies nicht klar zu regeln, sprich den Titel zurückzuziehen (vielleicht wäre an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass auch die Doktorväter Schuld auf sich laden, die Dissertationen ungelesen annehmen, weil sie mit zu viel anderem beschäftigt sind). Wenn man mal ganz ehrlich und neutral hinschaut: Ist es hier, bei Frau Schavan, angemessen? Es scheint ein Grenzfall zu sein, folgt man den diversen Berichterstattungen. Ist das sinnvoll? WEM hilft das wirklich? Ich sehe nur Leid, das daraus resultiert. Und zwar auf allen Seiten. Ich bin ganz klar kein Verfechter des „alles geht und Strafe ist Unsinn“. Das weiss man spätestens seit meiner „unverfälschten“ Dissertation. Aber hier? Nach 30 Jahren, unter Berücksichtigung dessen, dass damals Copy Paste von Google noch nicht möglich war?

Und zu guter letzt, um den Kreis zu schliessen: Was man überall als Zitat von Ringelnatz liest:

Die Wissenschaft, sie ist und bleibt, was einer ab vom andern schreibt – doch trotzdem ist, ganz unbestritten, sie immer weiter fortgeschritten.

stammt ursprünglich von Eugen Roth. Ab und an wird es auch nicht Ringelnatz, sondern Christian Morgenstern zugeordnet. Was nun? Dichterstatus aberkennen?

Artikel zum Thema:

NZZ vom 5. Februar 2013

Swissinfo.ch vom 5. Februar 2013

Zeit Online vom 6. Februar 2013

Zeit Online vom 5. Februar 2013

Spiegel Online vom 5. Februar 2013

Bild.de vom 5. Februar 2013

Tagesschau vom 5. Februar 2013

 

Nachtrag: 

Ein Blog, welcher die mutmasslichen Plagiate in der Dissertation von Annete Schavan auffährt:

http://schavanplag.wordpress.com