Wissenschaftliches Arbeiten erfordert die Einhaltung von gewissen Maximen, allen voran die Kenntlichmachung von fremden Zitaten. Es ist unwissenschaftlich, Passagen abzuschreiben oder auch nur schon in abgeändertem Wortlaut zu übernehmen, wenn man nicht offen legt, woher man die Gedanken hat. Das wird als Plagiat verschrien und führt zur Aberkennung der durch solche Arbeiten erlangten Titel.

Wie gut, war Thomas Mann kein Wissenschaftler. Er müsste seinen Titel als Schriftsteller zurückgeben. Thomas Mann arbeitete mit grossen Notizkonvoluten. Er schrieb oft Geschichte, die ein anderer schon mal geschrieben hatte. Tristan und Isolde, Der Erwählte, Doktor Faustus, Jakob – alles keine neuen Ideen, neu war nur seine Umschreibung, seine Adaption des Themas. Dadurch, dass er vor allem seinen Arbeitsprozess am Doktor Faustus sehr genau dokumentierte, wurde ersichtlich, dass in diesem Werk sehr vieles nicht neu war, sondern teilweise sogar Wort für Wort abgeschrieben. In der Literaturwissenschaft trägt dieses Vorgehen den Namen Montagetechnik. Thomas Mann schrieb ganze Passagen aus dem Volksbuch ab, bediente sich bei Nietzsche, bemühte Theodor Adorno um musiktheoretische Ausführungen, die er fast Wort für Wort undeklariert übernommen hat. Daraus entstand, was man heute als letzten grossen Roman Thomas Manns bezeichnet.

Nun könnte man denken, dass der arme Herr Nietzsche einfach ungefragt seiner Ideen beraubt wurde. Der hätte sich aber gar nicht wehren dürfen, tat er es doch selber gleich. Er schrieb unter anderem bei seinen zweiten Unzeitgemässen Betrachtungen bei Schopenhauer, Wagner, Schiller und Grillparzer ab. Auch da oft wortgenau. Während er andere Autoren offensichtlich und kenntlich zitierte, erschien das Gedankengut der oben genannten annektiert und als quasi eigener Gedankenfluss. Wie gut, kann ihm kein Titel mehr aberkannt werden. Er sässe bitterlich weinend in Sils Maria und sähe die Menschen mit Finger auf ihn zeigen. Man könnte in Anbetracht auf seine geistige Verfassung vermuten, dass es ihm egal wäre und ihn nur zu einer weiteren bitterbösen und doch treffenden Tirade gegen die Zustände der Welt verlockte.

Kürzlich diskutierte ich mit meinem Sohn über Shakespeare. Er fand es gemein, dass man munkelt, dieser hätte seine Werke nicht selber geschrieben. Der sei nun tot und als grosser Mann bekannt, man solle ihm den Ruhm lassen. Wäre es in der heutigen Zeit so, wäre er aber auch dafür, dass man den rechtmässigen Schreibern den Ruhm ihres Tuns zuteil werden liesse, diesen dem sich mit falschen Federn Schmückenden aberkenne. Dieses Denken scheint  im Menschen von klein auf angelegt.

Die undeklarierte Aneignung fremden Gedankenguts ist alles andere als eine Lappalie. Indem man ehrlich kundtut, wer Gedanken ursprünglich hatte, respektiert man dessen Leistung und geht ehrlich mit dem Eigentum anderer um. Niemand erfindet das Rad neu und dass man sich dann und wann auf andere beruft, um eigene Gedanken zu stützen, liegt in der Natur der Sache. Während man bei den Grossen wie Thomas Mann und Friedrich Nietzsche gewillt ist, grossmütig die Augen zu schliessen und ihren Ruf unangetastet lässt, zumindest ihre Grösse nicht schmälert, geht man mit Menschen unserer Zeit sehr hart ins Gericht. Wieso? Weil man es kann? Weil sie noch leben? Rachebestreben einer auf Gerechtigkeit pochenden Gesellschaft? Und wieso war es den Abschreibenden so wichtig, einen Titel zu erhaschen, wenn sie ganz offensichtlich nicht gewillt waren, die formalen Anforderungen zu erfüllen? Geltungssucht? Opportunismus, Machtstreben? Wo liegen die Gründe?

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Um allen Regeln gerecht zu werden, sei darauf verwiesen, dass ich beim Schreibprozess Thomas Manns aus meiner eigenen Schrift zitierte (die immerhin 554 Fussnoten auf 128 Seiten verteilt und somit alles zugeordnet hat, was nur irgendwie zuzuordnen war) und bei Nietzsches Schreibprozess den Artikel von Thomas Fries und Glenn Most, Von der Krise der Historie zum Prozess des Schreibens: Nietzsches zweite Unzeitgemässe Betrachtung, im Hinterkopf hatte.

Die Wissenschaft, sie ist und bleibt, was einer ab vom andern schreibt – doch trotzdem ist, ganz unbestritten, sie immer weiter fortgeschritten.

Ich habe dieses Zitat oft gebracht und es Ringelnatz zugeschrieben. Ich mag Ringelnatz sehr, lese ihn oft, er war auch oft Gedichtespender für die lyrischen Morgenessen mit meinem Sohn. Im Moment ist das Gedicht hoch aktuell. Die Bundesbildungsministerin Annette Schavan soll ihre Dissertation mit unlauteren Mitteln verfasst haben. Sie habe Zitate nicht korrekt gekennzeichnet, heisst es. Darum beschloss die Universität Düsseldorf nun, ihr den Doktortitel abzuerkennen. Spott und Häme lassen nicht auf sich warten.

Eine wissenschaftliche Arbeit zu schreiben bedeutet viel Arbeit, viel Verzicht (auf Essen, Ausgang, Freizeit, Kraft, Freude, Geld) und viel Aufwand (lesen, schreiben, denken, Recherche, Streit mit dem Partner wegen mangelnder Zeit, Erklärungsnotstand bei Freunden, Familie, etc., nochmals lesen, denken, schreiben) und auch Leiden (Hunger, Erschöpfung, Frust über mangelndes Vorwärtskommen, Erkenntnisse, die schon einer hatte, viele mehr). Was wird ihr vorgeworfen? Sie soll Zitate nicht korrekt deklariert haben. Das ist unschön und unwissenschaftlich. Ein ganz klarer Verstoss gegen den Formalismus der Wissenschaft. Nun kann man sagen, wer Wissenschaft betreibt, soll sich an die Regeln halten, sonst ist er nur noch populär? Wäre also die einzige Unterscheidung zwischen populärer Themenaufbereitung und Wissenschaft der Formalismus der korrekten Zitierweise? Das wäre arg wenig. Möchte sich die Wissenschaft so gesehen wissen? Was hätte sie sonst in die Waagschale zu werfen? Fundiertheit? Fundiert kann man auch mit falschen Zitierweisen sein. Ich lasse das mal so stehen, es soll sich jeder seine Meinung bilden. Darf sie auch nennen (falls von jemandem gestohlen, bitte korrekt zitiert, soll ja alles seine Ordnung haben).

War es Irrtum? War es Absicht? War es Berechnung? Da müsste man sich fragen, wieso ein Titel so viel Wert hat? Wieso denkt jemand, er müsse sich einen Titel erschwindeln? Ob sie es getan hat oder andere es ihr unterstellen macht bei dieser Frage keinen Unterschied. Sowohl der, welcher es tut, wie auch der, welcher es unterstellt misst dem Titel eine Macht und Kraft bei, die Betrug rechtfertigt. Was ist dran am Dr.? Ich sehe es nicht. Ist man mit Titel besser, wertvoller, höher? Menschlich sicher nicht. Gesellschaftlich? Müsste so sein, wenn man das Aufhebens sieht, das hier betrieben wird. Bedenklich, wie ich finde.

Als ich ein Kind war, war mir klar, ich will studieren. Damals wäre es Tierverhaltensforschung gewesen, denn ich hatte gerade Bernhard Grzimeks „Serengeti darf nicht sterben“ gesehen und ich wollte auch dahin und werden wie er. Das Fach hat noch oft gewechselt, der Wunsch nach dem Studium nie. Ich flog durch die Primarschule, quälte mich durchs Gymnasium, trat mal aus, mal ein, blieb nur bis zum Schluss, weil ich ohne nicht hätte studieren können. Die Uni war mein Hafen, endlich war ich, wo ich hin wollte. Schon beim Eintritt war klar, ich will doktorieren. Titel? Wen kümmert ein Titel? Ich wollte schreiben. In die Tiefe, in die Breite. Ich habe es ab und an verflucht, wurde einige Male schwer enttäuscht und zu Boden geworfen, habe gekämpft und immer weiter geschrieben. Es ist Herzblut, Wollen. Was zählen dagegen Titel und Formalismus?

Hat sie geschummelt? Ich weiss es nicht. Nach Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg (ich musste den Namen bei Wikipedia kopieren, das kann sich ja keine S….chweizerin merken) scheint es in zu sein, Dr.-Titeln an den Kragen zu gehen. Was dahinter steckt? Wenn ich die Häme sehe, die auf die jeweiligen Auserkorenen prallt, kann ich nur eigenen Frust und Rache denken. Alle die, welche ihr Studium nicht schafften (ich las von solchen, die der Frau Schavan vorwarfen, ihretwegen nicht studiert zu haben – Studiengebühren lassen grüssen [in der Schweiz haben wir die übrigens schon lange] und ihr nun ihren Dr.-Titel neideten) oder sonst vom System  und der Gesellschaft enttäuscht sind, freuen sich, dass eine, die in ihren Augen oben steht, vom Sockel fällt.

Nun könnte man sich fragen, was ihr Fall bringt? Die Unis werden immer mehr durchleuchtet. Sie verkommen Im Geist der Allgemeinheit zu Mühlen, die nicht Wissen, sondern Titelerschwindler produzieren. Die, welche sich über den Fall freuen, steigen deswegen nicht, sie vergiften sich nur selber an ihrer Häme. Neid und Missgunst haben noch selten schöne Früchte gebracht.

Vor 30 Jahren ging jemand dahin und schrieb eine Dissertation. Heute findet man Zitatfehler und eine Universität befindet, dass man den Titel aberkennen muss. Nun ist sicher zu sagen, dass eine Dissertation, die mehr kopiert als selber geschrieben ist, die grobe Verstösse gegen die rechtmässige Zuordnung von geistigen Wissen zu seinem wirklichen Urheber aufweist, den Anforderungen an eine Dissertation nicht entspricht und somit nicht dazu qualifiziert, einen Doktortitel zu rechtfertigen. Dass dieser dann zu Unrecht getragen ist, liegt auf der Hand und es ist unfair all denen gegenüber, die rechtmässig arbeiten, dies nicht klar zu regeln, sprich den Titel zurückzuziehen (vielleicht wäre an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass auch die Doktorväter Schuld auf sich laden, die Dissertationen ungelesen annehmen, weil sie mit zu viel anderem beschäftigt sind). Wenn man mal ganz ehrlich und neutral hinschaut: Ist es hier, bei Frau Schavan, angemessen? Es scheint ein Grenzfall zu sein, folgt man den diversen Berichterstattungen. Ist das sinnvoll? WEM hilft das wirklich? Ich sehe nur Leid, das daraus resultiert. Und zwar auf allen Seiten. Ich bin ganz klar kein Verfechter des „alles geht und Strafe ist Unsinn“. Das weiss man spätestens seit meiner „unverfälschten“ Dissertation. Aber hier? Nach 30 Jahren, unter Berücksichtigung dessen, dass damals Copy Paste von Google noch nicht möglich war?

Und zu guter letzt, um den Kreis zu schliessen: Was man überall als Zitat von Ringelnatz liest:

Die Wissenschaft, sie ist und bleibt, was einer ab vom andern schreibt – doch trotzdem ist, ganz unbestritten, sie immer weiter fortgeschritten.

stammt ursprünglich von Eugen Roth. Ab und an wird es auch nicht Ringelnatz, sondern Christian Morgenstern zugeordnet. Was nun? Dichterstatus aberkennen?

Artikel zum Thema:

NZZ vom 5. Februar 2013

Swissinfo.ch vom 5. Februar 2013

Zeit Online vom 6. Februar 2013

Zeit Online vom 5. Februar 2013

Spiegel Online vom 5. Februar 2013

Bild.de vom 5. Februar 2013

Tagesschau vom 5. Februar 2013

 

Nachtrag: 

Ein Blog, welcher die mutmasslichen Plagiate in der Dissertation von Annete Schavan auffährt:

http://schavanplag.wordpress.com