Vor einigen Jahren konstatierte Theo Wehner, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie, in einem Artikel des NZZ Campus*, dass im universitären Betrieb immer weniger Platz zum Denken bleibe, das Studium immer mehr ökonomisiert und dem Arbeitsprozess angepasst würde. Was im Arbeitsbereich schon eine Weile zu beobachten ist, nämlich die systematisierte Abarbeitung gestellter Aufgaben ohne Nachdenken des Einzelnen (das ist weder gefordert noch gewünscht, sondern eher sogar gefürchtet und verpönt), nimmt immer mehr auch im Unialltag Überhand.
Im Zuge von Reformen und Umstrukturierungen wurden viele Lehrgefässe, die das Denken fördern und den Diskurs unterstützen zu freiwilligen Veranstaltungen, während man die Pflichtveranstaltungen verschult und mit kreditwürdigen Aufgaben versehen hat. Ziel ist nicht mehr kreative Denkleistung sondern Erfüllung der für die Kredite notwendigen Anforderungen. Damit sei das Studium globaler integriert, die Leistungen weltweit vergleichbarer. Dass dem nicht wirklich so ist, merkt man spätestens dann, wenn man wirklich versucht, die Universität zu wechseln. Noch immer wird nicht alles von fremden Unis anerkannt, wird zuerst geprüft, nur teilweise angerechnet. Man hat also wenig gewonnen, aber viel verloren.

Nun könnte man natürlich argumentieren, dass diese Massnahmen den Studenten auf die spätere Arbeitssituation vorbereiten, was im Grundsatz sicherlich nicht verkehrt ist, auf diese Weise aber völlig falsch läuft. Dass in vielen Firmen Leistungsbewertungen anhand von intern erstellten Quoten erstellt werden, sie damit also nicht mehr der Leistung des Mitarbeiters gerecht werden sondern nur noch vordefinierten Rankings entsprechen, führt nicht wirklich zu einer Motivationssteigerung bei den Mitarbeitern. Dies kümmert die von Profitstreben getriebenen Firmen wenig, der Mensch ist ersetzbar. Das war bereits Thema innerhalb dieses Blogs: Locker, cool und alles easy. Der Mensch fungiert in diesem Schachspiel als Bauernopfer. Er tut gut daran, das nicht zu hinterfragen, nicht zu viel zu denken, denn damit würde er unbequem.

Dass mit vordefinierten Notenschnitten  in den einzelnen Studiengängen bei Prüfungen gesiebt wird, ist nicht neu. Eine bestimmte Anzahl darf weiter, die Prüfung wird so korrigiert, dass dieses Ziel erfüllt wird. Dieses Vorgehen trägt sicher nicht dazu bei, das eigene Denken zu motivieren, es setzt die Studenten nur unter Druck, möglichst auswendig zu lernen, was gefordert ist, Vorgekautes wiederzukäuen. Das neue Kreditsystem hat aus den Universitäten eine Art Tauschfabrik gemacht: Auswendiglernen gegen Kredite. Das eigene Denken bleibt mehr und mehr auf der Strecke.

Wenn man nun ganz radikal denken möchte, verknüpfe man diese Gedanken mit dem Fazit, das Hannah Arendt aus der Angelegenheit Eichmann zog: Gedankenlose normale Menschen sind in der Lage, die grössten Gräueltaten zu begehen. Weil sie nicht mehr fähig sind, selber zu denken, weil sie es nicht mehr lernen, nicht mehr dürfen, nicht mehr wollen auch, um sich nicht selber zu deutlich in dieser gedankenlosen Maschinerie gefangen zu sehen. Man muss nicht gleich plakativ unken, dass aus jeder Gedankenlosigkeit ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit resultiert, ich denke aber nicht, dass dabei viel Gutes herauskommt. Wozu sind Universitäten gut, wenn nicht dazu, denken zu lernen? Was soll Bildung bewirken, wenn sie nur aus auswendig gelernten Daten und Zahlen besteht? Wie soll man noch selber Schlüsse ziehen können, wenn nur noch die schon von anderen gezogenen wiedergegeben werden dürfen und gut benotet werden? Wie fühlt sich der Mensch, wenn er nicht mehr aufgrund seiner eigenen Leistungen, auch Denkleistungen, bewertet wird, sondern anhand eines profitorientierten Rankings?

Beim Determinismus geht man davon aus, dass jegliches Tun und auch Wollen von Verschaltungen im Gehirn vorgegeben ist. Wir kommen mit einer Hirnstruktur zur Welt, welche alle Möglichkeiten des Lebens auf dieser Erde beinhaltet, sich danach den vorgefundenen Gegebenheiten (Familie, Kultur, Region, etc.) anpasst. Es bilden sich aus den Möglichkeiten also reale Verschaltungen aus, welche der tatsächlichen Umwelt entsprechen.

Diese Verschaltungen sind zwar ein Leben lang veränderbar, allerdings nicht durch eigene Steuerung, sondern durch unsere Existenz in einer Umwelt, aus der Einflüsse auf uns treffen, welche wieder um etwas in uns bewirken.

Bei dieser Sicht der Dinge existiert so etwas wie ein freier Wille nicht, wir haben nicht die Wahl, wie wir uns verhalten, sondern wir tun es unseren Anlagen gemäss. In der aktuellen Literatur stellt sich die Frage, inwiefern wir noch verantwortlich gemacht werden können für unser Tun, wenn wir es nicht frei wählen konnten, sondern quasi als Marionette von Synapsen gesteuert waren. Da Verantwortung immer auf einer freien Wahl gründet, auf dem Umstand, dass man auch anders hätte wählen können, als man es tat, wird es schwer, bei der Negation dieser Wahl noch von Verantwortung und Verantwortlichkeit zu sprechen.

In einem milderen Sinne kennen wir das heute im Strafrecht bei den mildernden Umständen. Der Verweis auf eine schwere Kindheit oder den übermässigen Gebrauch von Alkohol oder Drogen sowie psychische Probleme soll die eingeschränkte Verantwortung des Handelnden begründen. Der Determinismus würde diese Sicht verabsolutieren, indem der Handelnde nie verantwortlich für sein Tun wäre.

Eine andere Frage, die viel diskutiert wird, ist die der Legitimität von Recht und Sanktionen: Wenn die Verantwortung für ein Tun wegfällt, steht das Rechtssystem auf dem Radar: Ist es legitim, einen Menschen für etwas zu verurteilen, wofür er gar nichts konnte? Darf ich einen Mörder lebenslang seiner Freiheit berauben, wenn er gar nicht die Wahl hatte, sein Opfer nicht umzubringen? Was würde eine solche Haltung für unsere Gesellschaft bedeuten? Hätte sie überhaupt eine Auswirkung?

Die Frage stellt sich auch schon im privaten Gebrauch: Kann ich mein Kind loben, wenn es etwas gut machte, oder tadeln, wenn es nicht gehorchte? Es hätte ja gar nicht anders gekonnt? Man könnte nun argumentieren, dass das Lob als äusserer Einfluss auf das Hirn wirkt, die Schaltungen beeinflusst und somit zu einem zukünftig besseren Verhalten führt. Dasselbe wäre bei der Frage zum Recht anzubringen.

In meinen Augen liegt dabei aber ein Denkfehler vor: Wenn wir nicht wählen können, was wir tun, können wir auch nicht wählen, ob wir tadeln oder nicht. Wir können nicht entscheiden, ob wir das Recht weiter so führen können, wie wir es tun, wir wären quasi hirngesteuert, das zu tun, was eben der Steuerung entspricht. Ein Determinismus im absoluten Sinne würde jegliches Hinterfragen von Tun und Wollen obsolet machen, ebenso die Reaktionen und deren Gründe auf das Tun anderer. Es bliebe ein „es ist was was es ist“ zurück und wir wären nur noch Beobachter eines mit uns selber ablaufenden Films. (Wobei natürlich auch das Hinterfragen wieder gesteuert und insofern nicht wirklich wählbar wäre – das Spiel liesse sich unendlich weiterspielen).

Eine solche Sicht behagt uns wahrlich wenig, sie entspricht auch nicht dem, was wir selber denken, dass wir es tun und können. Wir erleben uns als freie Wesen, die (in gewissen Grenzen) wählen können, was sie tun und lassen. Wir erleben uns als fähig, nachzudenken und die Gedanken selber zu entwickeln. Zwar gibt es durchaus Situationen, in denen wir uns wie gesteuert verhalten, dann nämlich, wenn Muster und Prägungen aus dem Unterbewussten auf uns wirken und uns zu Handlungen bewegen, welche wir bei genauerem Denken unterlassen hätten. Der Umstand aber, dass wir sie reflektieren könnten und können, deutet für uns darauf hin, dass wir durchaus anders hätten handeln können, hätten wir in dem Moment genauer hingeschaut. Und ebenso sind wir der Überzeugung, dass wir in vielen anderen Situationen genauer hinsehen und dann so handeln, wie es uns entspricht, wie wir handeln wollen – weil wir uns für diese Art des Handelns entschieden haben.

Nun gibt es die Stimmen, die behaupten, diese Möglichkeit der freien Wahl sei eine blosse Illusion, die nicht zuletzt dem Umstand geschuldet ist, dass wir es gerne so hätten. Der Gedanke, blosse Marionetten zu sein, hat wenig Positives an sich. Nur: Allein die Ablehnung dieser Sichtweise macht sie noch nicht falsch.

Es stellt sich also die Frage: Können wir überhaupt entscheiden, ob wir frei wählen können oder aber unser Denken und unsere Handlungen determiniert sind? Da die Sicht immer eine eigene von innen auf unser Handeln und Denken ist, sind wir die einzigen Stützen des Ergebnisses. Oder gibt es eine Sicht von aussen? Welchen Beitrag kann die moderne Hirnforschung leisten?

Unterm Strich erscheint die ganze Diskussion als eine rein akademisch-wissenschaftliche, als solche sehr theoretische und nur für einen klein Teil relevante. Im Alltag stellt sich uns die Frage, ob wir frei entscheiden, was wir tun oder nicht, kaum – wenn nicht gar nicht. Ich stelle sogar die These auf, dass eine Antwort darauf überflüssig ist, wenn es darum geht, eine lebenswirksame zu finden. Wieso?

Wir leben unser Leben auf eine Weise, die Entscheidungsfreiheit voraussetzt. Auf dieser baut unsere Sicht auf die Welt auf (unsere Urteile, unsere Begründungen, unsere Weltanschauungen, etc.), unser Rechtssystem fusst auf ihr (Strafe als Sühne und Wiedergutmachung) und unsere Sicht auf uns selber basiert auf ihr. Sollte sie eine reine Illusion sein, könnten wir an nichts etwas ändern, da alles so determiniert wäre, wie es ist, sogar unsere Illusion und das darüber Nachdenken, ob es eine Illusion ist. So lange keiner beweist, dass wir rein determinierte Wesen sind, die nichts selber in der Hand haben, so lange können wir also davon ausgehen, dass es anders ist. Und das bedeutet, dass alles, was wir tun, in unserer Verantwortung liegt – vorausgesetzt, wir sind mündige Wesen.

Was uns Galilei sagen wollte

Als Galilei im Jahre 1633, im Alter von neunundsechzig Jahren, widerstrebend, aber durch die Androhung der Folter eingeschüchtert, der Annahme abgeschworen hatte, dass die Erde ein Planet sei, der sich um die Sonne bewege, soll er in seinen Bart gemurmelt haben: „Und sie bewegt sich doch!“

Ob diese Anekdote historisch wahr ist, lässt sich nicht mehr belegen, da das Murmeln so leise gewesen wäre, dass niemand es hörte, weil ein lautes Ausrufen dieser Meinung damals nicht geduldet und höchstwahrscheinlich mit erneuten Sanktionen bedacht worden wäre. Trotzdem ist diese Anekdote nicht einfach nur eine nette Geschichte, sondern sie lehrt uns mehrere Dinge. Einerseits zeigt sie uns deutlich die damalige Spaltung zwischen Wissenschaft und Kirche, welche nicht vor Gewalt zurückschreckte, ihr Bild der Welt als das einzig anerkannte hinzustellen. Andererseits zeigt die Anekdote, dass sogar bislang anerkannte wissenschaftlich gestützte Ansichten gestürzt werden können, dass nichts einfach in Stein gemeisselt sein muss, sondern alles der erneuten Prüfung ausgesetzt werden darf, sogar soll. Die Anekdote um Galilei zeigt die Wichtigkeit der Denkfreiheit und auch, dass es nicht immer ein angenehmer Weg ist, sich gegen die landläufige Meinung zu stellen.

[Einer von Aristoteles überlieferten Anekdote zufolge] sah Sokrates, als er einmal nach Delphi kam, am Giebel eines Tempels die Inschrift „Erkenne dich selbst“. Dieser Aufforderung nachzukommen erwies sich aber als schwierig; er war in grosser Verlegenheit (aporia). Offenbar erfüllte ihn die Tatsache, dass die scheinbar einfache Frage: Wer bin ich= so schwer zu beantworten ist mit Staunen, und dieses Staunen wurde zum Anstoss für sein Philosophieren.

Wolfgang Röd sammelt in diesem Buch Anekdoten und beleuchtet sie philosophisch. Dabei ist es nicht relevant, ob die erzählten Anekdoten historische Tatsachen wiedergeben oder erfunden sind, der Schwerpunkt liegt immer auf der Erkenntnis, die durch die Anekdoten zum Ausdruck gebracht wird.

In Heureka! ist Sokrates’ Staunen ebenso Thema wie Archimedes Gang durch die Strassen, welchem wir den Titel dieses Buches verdanken. Wolfgang Röd versteht es, auf unterhaltsame und lesbare Weise in die grossen Fragen der Philosophie einzutauchen, er besticht sowohl durch ein breites Wissen wie auch logische Schlussfolgerungen und vermittelt beides auf verständliche Weise.

Fazit:
Philosophisches Staunen in anekdotischen Bildern. Eine wahre Lesefreude. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor:
Wolfgang Röd
Wolfgang Röd war bis zu seiner Emeritierung Ordinarius für Philosophie am Philosophischen Institut der Universität Innsbruck und ist Herausgeber der Reihe Geschichte der Philosophie. Von ihm erschienen sind unter anderem Dialektische Philosophie der Neuzeit (1986), Erfahrung und Reflexion (1991), Der Gott der reinen Vernunft (2009).

RödHeurekaAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 260 Seiten
Verlag: C.H.Beck Verlag (13.März 2013)
ISBN-Nr.: 978-3406645297
Preis: EUR: 16.95 ; CHF 27.90

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Gift und bayrische Gemütlichkeit

„Ich laufe nicht davon. Ich will mein Leben ändern.“
„Und da wirfst du einfach alles fort, was du dir aufgebaut hast?“ Nader lächelte nicht, als der das sagte. „Entwciklungshilfe. Ich bitte dich. Das sind Perlen vor die Säue, wenn du den Ausdruck entschuldgist. Jemand wie du kann der Menschheit auf anderem Wege weit effektiver nützen.

Frieda May hat gerade ihre Dissertation beendet, ihr Doktorvater, Gabor Nader, will sie an die Klinik mitnehmen, in der er in Kürze eine Chefarztposition innehat. Zwar möchte Frieda lieber Entwicklungshilfe leisten statt die Karriereleiter weiter hochkraxeln, doch kann sie ihrem Doktorvater, mit dem sie mehr als nur Wissenschaft verbindet, nicht widerstehen – sie geht nach München, wo ihr Gabor Nader eine Unterkunft bei seinem alten Freund Quiril Quast, urchiger Bayer und nicht nur karrieretechnisch pures Gegenteil von Nader, vermittelt.

Kurz nach dem Klinikeintritt stirbt Gabor Nader an einer Vergiftung. Quast und May sind überzeugt, dass das kein natürlicher Tod war und gehen dem Ganzen auf eigene Faust nach. Immer tiefer tauchen sie in den Sumpf von Vetternwirtschaft, Plagiat und Intrigen im Klinikalltag ein. Dass auch Quast selber eine mysteriöse Vergangenheit mit Nader hat, lässt Frieda May vorsichtig werden.

Frieda wurde es heiss. Jetzt war der Moment, um nachzuhaken. Diesmal durfte sie ihn nicht verpassen. Krampfhaft suchte sie nach den Worten, die Quast aus der Reserve locken würden. Schliesslich sagte sie: Und was ist mit der Vergangenheit? Gab es da nicht irgendetwas zwischen Gabor und dir?“ Sie liess die Worte im Raum stehen und beobachtete Qusst: Er schien ungerührt, nur die Falte zwischen seinen Augen wurde um ein weniges Tiefer, das Grübchen in seiner Wange verschwand.

Mit Giftgrün ist Bettina Plecher ein amüsanter und spannender Erstling gelungen. Sie nimmt den Münchner Lokalkolorit genauso auf wie die Abläufe des Klinikalltags, spinnt inmitten dieser Schauplätze eine Geschichte, die trotz Themen wie Mord, Gift, Intrigen und Betrug leicht und spritzig daher kommt. Dass die einzelnen Figuren etwas gar klischeehaft erscheinen, kann man ihr verzeihen, da der Lesespass nicht darunter leidet, sondern eher dadurch gesteigert wird

Fazit:
Ein leichte und lockere Lektüre für zwischendurch. Absolut empfehlenswert!

Zur Autorin
Bettina Plecher
Bettina Plecher wurde 1969 in Pasing (München) geboren, studierte nach dem Abitur Germanistik und Klassische Philologie. Nach dem Studium unterrichtete sie zuerst in Yorkshire, danach an verschiedenen bayrischen Gymnasien. Es folgte eine Kinderpause, der anschliessende Wiedereinstieg ins Lehreramt wurde durch das Projekt um ihren Erstlingsroman, Giftgrün (2013), vereitelt. Bettina Plecher lebt mit ihrer Familie in München.

PlecherGiftgrünAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 304 Seiten
Verlag: Rowohlt Verlag (2. Mai 2013)
ISBN: 978-3499235627
Preis: EUR  9.99/ CHF 15.90

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Liest man Sach- und Fachbücher, gerade im universitären Rahmen, findet man sich einer Flut unverständlicher Wendungen und hochgestochenen Kauderwelschs gegenüber. Jeder, der etwas auf sich hält, scheint das in hoch komplexen, verschachtelten, mit Fremdwörtern gespickten, möglichst langen Sätzen kundtun zu wollen. Oder er scheint zu denken, es zu müssen, damit auch alle gleich merken, dass da einer schreibt, der einer ist und nicht keiner. Wenn dann zu all den Verschachtelungen die an sich schon schwer genug zu lesen wären stünden alle Satzzeichen da  diese auch noch fehlen dann wird das Lesen zur Tortur und man sieht sich ständig suchend wo denn nun der Anfang war und wo das alles endet.

„Das wirklich Wichtige in Diagrammen befindet sich meist in den Pfeilen dazwischen.“

Oft sind die gelehrten Schreiber einsichtig und stellen ihren Text in vereinfachten Diagrammen dar. Das soll veranschaulichen, was vorher unverständlich geschrieben war. Damit es auch wirklich anschaulich wird, lässt man das eine oder andere weg, reduziert maximal und hat danach ein buntes und schönes Diagramm mit Pfeilen und Strichen, Balken und Kuchenstücken. Selbsterklärend ist das nicht, es wird noch eine Erklärung dazu brauchen. Dazu kommt, dass man nun nur einen Teil der Wahrheit kennt, der Rest wurde weg reduziert. Das passt dann auch zum Ausspruch:

„Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.“

Vereinfachungen sind selten befriedigend, gerade, wenn es um komplexe Gegenstände geht, die aus mehreren, nicht hierarchisch zu gliedernden Ebenen bestehen. Reduziert man die zu betrachtenden Punkte auf einige wenige, fallen die anderen, die durchaus Relevanz haben (für sich oder im Ganzen), weg, was zu einem verzerrten und damit falschen Bild führt. Zwar ist dieses Bild dann verständlich, aber es ist schlicht nicht richtig. Damit vermittelt man eine Sachlage, die Menschen als Faktum nehmen, welche aber als solche weder existiert noch irgendwelche Relevanz hat. Bauen dann Menschen auf dieser Sachlage auf, können nur wacklige Konstrukte entstehen.

„Ich habe die Sache zu wenig verstanden, um mich einfach auszudrücken“

Statt die Dimensionen zu reduzieren wäre es in meinen Augen sinnvoller, die ganze Bandbreite offen zu legen. Es müssen auch nicht immer markige Diagramme sein, oft reicht ein simpler Text aus. Beim Offenlegen der ganzen Breite sollte aber darauf geachtet werden, dass man sich sprachlich nicht zu sehr in einen abgehobenen Fachjargon flüchtet. Darin sehe ich die Hauptproblematik. Jeder denkt, er müsse die Lage noch abgehobener und mit noch komplexeren Sätzen und Fremdwörtern schildern, so dass am Schluss keiner mehr etwas versteht, aber alle weise nicken, weil keiner sich die Blösse geben will. Oft sagen die so gelehrt klingenden Sätze aber gar nichts aus, was man spätestens dann bemerkt, wenn man sie Wort für Wort entschlüsselt. Der Sache ist damit nicht gedient.

Will die Wissenschaft nicht vollends nutzlos im Elfenbeinturm verschwinden und sich gegenseitig Häppchen zuwerfen, wäre es an der Zeit, sich in einen Diskurs mit der Gesellschaft einzubringen. Dann erfüllt sie nämlich eine gute und wichtige Aufgabe und all die in stillen Kammern geschriebenen Bücher und Arbeiten werden plötzlich sinnvoll, weil praktisch wahrgenommen.

Als letztes Zitat, welches mir noch aus meiner Unizeit im Kopf schwebt (die oben genannten stammen auch aus meiner Studienzeit) fällt mir noch ein:

„Ich hatte keine Zeit mich kurz zu fassen.“

Und damit schliesse ich.

 

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Inspiriert zu diesem Thema wurde ich durch diesen Blogartikel auf michellebeyeler.ch: Neue Dimensionen für unseren politischen Raum?

Die Frage nach dem Guten und Bösen hat viele Philosophen, Theologen, Psychologen, Biologenbeschäftigt. Jede Richtung ging aus der ihr eigenen Warte an die Thematik heran, versuchte sie mit Hilfe der eigenen Methoden zu entschlüsseln. Annemarie Pieper geht diesen Erklärungsversuchen quer durch die einzelnen Richtungen nach.

Können Mittel, die zu einem bösen Zweck verwendet gut sein? Rechtfertigt der gute Zweck die bösen Mittel? Was ist „das Gute“ im Gegensatz zu „gut“ als Adjektiv? Alltagssprachlich streben wir nach dem Guten, wollen das Böse meiden. Wir teilen Menschen in gut und böse ein und haben damit unsere Welt strukturiert. Dass dies zu kurz greift, liegt auf der Hand. Die Problematik liegt tiefer. Und so kommt Annemarie Pieper zu der Hypothese,

dass der Mensch von Natur aus weder gut noch böse ist, wohl aber an sich indifferente Anlagen mitbringt, die sich je nach Einfluss und Milieu zur Moral oder zur Unmoral hin entwickeln können.

Annemarie Pieper stürzt sich zur weiteren Erforschung in die Ethologie, verweist auf Lorenz’ Aggressionstrieb, geht weiter zum Sozialdarwinismus, wo sie Dawkins egoistisches Gen seziert, geht danach der Frage nach, ob der Mensch durch seine Anlagen determiniert oder frei in seinem Handeln und damit dafür verantwortlich ist. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo in der Mitte.

Als nächstes sind die Psychoanalytiker und Soziologen gefragt, welche auf eine Wechselbeziehung zwischen Ich und Gesellschaft verweisen. Dabei gehen die Meinungen auseinander, ob nun das Individuum in seiner Triebunterdrückung oder aber die Gesellschaft mit ihren repressiven Strukturen für das Böse mehr verantwortlich sei. Wohl auch da liegt die Antwort irgendwo in der Mitte oder ganz woanders.

Bei so viel irdischem Unwissen kann nur noch die Theologie helfen, welche daraufhin befragt wird, wo das Übel herkomme. Von Gott kann es nicht kommen, es muss von den Menschen sein. Der hätte es zwar kommen sehen, musste es aber stehen lassen, um dem Menschen nicht seine Willensfreiheit zu nehmen, welche den Menschen als solchen ausmacht. Das ist die Antwort auf die Frage, wie Gott Auschwitz hätte geschehen lassen können. Nachdem auch noch Pandora als Schuldige ins Feld geführt wurde, kommen wir zur Philosophie, durchlaufen Metaphysik und Ethik, verweilen lange bei Kant, streifen Kierkegaard, vermissen danach Hannah Arendt, freuen uns dafür über Nietzsche.

Und am Schluss stehen wir da und sind so klug als wie zuvor. Der Mensch will stets das Gute, fühlt sich vom Bösen angezogen, widersteht ihm nicht und tut es doch. Im Wissen, dass es falsch ist, zu sehr davon gezogen. Schlussendlich bleiben die Begriffe ein Rätsel, das auch dieses Buch nicht lösen konnte.

Die Lösung zu erwarten wäre zu hoch gegriffen. Die Thematik ist zu komplex und es gibt keine definitiven klaren Antworten. Die Ausführungen sind teilweise für die knappe Schrift zu lang, um in der Folge in wenigen Sätzen verworfen zu werden. Es fehlt der rote Faden und eine wirklich stringente Argumentationskette. Das Ganze wirkt eher wie eine Aneinanderreihung von verschiedenen Theorien, die man aufgelesen hat, nun da wiedergibt, wo sie gerade in die vorher gesetzten Kapitel passen und am Schluss zum schon vorher klaren Ergebnis kommt, nämlich keinem. Trotzdem ein guter Einstieg in die Thematik, der gute Hinweise zur Vertiefung liefert.

Fazit
Ein guter Einstieg in ein sehr komplexes Thema. Die breit angelegte Analyse hilft, verschiedene Gesichtspunkte dieses Themas wahrzunehmen und das Gefühl für die Vielschichtigkeit desselben zu erhalten. Prädikat empfehlenswert.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 127 Seiten
Verlag: C.H.Beck Verlag 2008
Preis: EUR: 8.95 ; CHF 13.40

Wissenschaftliches Arbeiten erfordert die Einhaltung von gewissen Maximen, allen voran die Kenntlichmachung von fremden Zitaten. Es ist unwissenschaftlich, Passagen abzuschreiben oder auch nur schon in abgeändertem Wortlaut zu übernehmen, wenn man nicht offen legt, woher man die Gedanken hat. Das wird als Plagiat verschrien und führt zur Aberkennung der durch solche Arbeiten erlangten Titel.

Wie gut, war Thomas Mann kein Wissenschaftler. Er müsste seinen Titel als Schriftsteller zurückgeben. Thomas Mann arbeitete mit grossen Notizkonvoluten. Er schrieb oft Geschichte, die ein anderer schon mal geschrieben hatte. Tristan und Isolde, Der Erwählte, Doktor Faustus, Jakob – alles keine neuen Ideen, neu war nur seine Umschreibung, seine Adaption des Themas. Dadurch, dass er vor allem seinen Arbeitsprozess am Doktor Faustus sehr genau dokumentierte, wurde ersichtlich, dass in diesem Werk sehr vieles nicht neu war, sondern teilweise sogar Wort für Wort abgeschrieben. In der Literaturwissenschaft trägt dieses Vorgehen den Namen Montagetechnik. Thomas Mann schrieb ganze Passagen aus dem Volksbuch ab, bediente sich bei Nietzsche, bemühte Theodor Adorno um musiktheoretische Ausführungen, die er fast Wort für Wort undeklariert übernommen hat. Daraus entstand, was man heute als letzten grossen Roman Thomas Manns bezeichnet.

Nun könnte man denken, dass der arme Herr Nietzsche einfach ungefragt seiner Ideen beraubt wurde. Der hätte sich aber gar nicht wehren dürfen, tat er es doch selber gleich. Er schrieb unter anderem bei seinen zweiten Unzeitgemässen Betrachtungen bei Schopenhauer, Wagner, Schiller und Grillparzer ab. Auch da oft wortgenau. Während er andere Autoren offensichtlich und kenntlich zitierte, erschien das Gedankengut der oben genannten annektiert und als quasi eigener Gedankenfluss. Wie gut, kann ihm kein Titel mehr aberkannt werden. Er sässe bitterlich weinend in Sils Maria und sähe die Menschen mit Finger auf ihn zeigen. Man könnte in Anbetracht auf seine geistige Verfassung vermuten, dass es ihm egal wäre und ihn nur zu einer weiteren bitterbösen und doch treffenden Tirade gegen die Zustände der Welt verlockte.

Kürzlich diskutierte ich mit meinem Sohn über Shakespeare. Er fand es gemein, dass man munkelt, dieser hätte seine Werke nicht selber geschrieben. Der sei nun tot und als grosser Mann bekannt, man solle ihm den Ruhm lassen. Wäre es in der heutigen Zeit so, wäre er aber auch dafür, dass man den rechtmässigen Schreibern den Ruhm ihres Tuns zuteil werden liesse, diesen dem sich mit falschen Federn Schmückenden aberkenne. Dieses Denken scheint  im Menschen von klein auf angelegt.

Die undeklarierte Aneignung fremden Gedankenguts ist alles andere als eine Lappalie. Indem man ehrlich kundtut, wer Gedanken ursprünglich hatte, respektiert man dessen Leistung und geht ehrlich mit dem Eigentum anderer um. Niemand erfindet das Rad neu und dass man sich dann und wann auf andere beruft, um eigene Gedanken zu stützen, liegt in der Natur der Sache. Während man bei den Grossen wie Thomas Mann und Friedrich Nietzsche gewillt ist, grossmütig die Augen zu schliessen und ihren Ruf unangetastet lässt, zumindest ihre Grösse nicht schmälert, geht man mit Menschen unserer Zeit sehr hart ins Gericht. Wieso? Weil man es kann? Weil sie noch leben? Rachebestreben einer auf Gerechtigkeit pochenden Gesellschaft? Und wieso war es den Abschreibenden so wichtig, einen Titel zu erhaschen, wenn sie ganz offensichtlich nicht gewillt waren, die formalen Anforderungen zu erfüllen? Geltungssucht? Opportunismus, Machtstreben? Wo liegen die Gründe?

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Um allen Regeln gerecht zu werden, sei darauf verwiesen, dass ich beim Schreibprozess Thomas Manns aus meiner eigenen Schrift zitierte (die immerhin 554 Fussnoten auf 128 Seiten verteilt und somit alles zugeordnet hat, was nur irgendwie zuzuordnen war) und bei Nietzsches Schreibprozess den Artikel von Thomas Fries und Glenn Most, Von der Krise der Historie zum Prozess des Schreibens: Nietzsches zweite Unzeitgemässe Betrachtung, im Hinterkopf hatte.