Benjamino wächst mit seiner Familie im Haus neben einer Irrenanstalt auf. Oft beobachtet er die Insassen durch einen Zaun, steht einfach da und sieht zu, wie sie Blumen essen, mit Vogelschwärmen tanzen und sich auch sonst komisch verhalten. Nach einem Unfall und dem unvermittelten Tod seines Vaters findet Benjamino Arbeit als Assistent in der Anstalt. Zusammen mit dem ebenfalls neu anfangenden Doktor Rattazzi findet er einen neuen Zugang zu den Insassen, begegnet ihnen mit Sensibilität und Zuwendung statt mit Elektroschocks und Unpersönlichkeit.

Leute für die Irrenanstalt, die in das Haus aus dunklen Steinen eingesperrt wurden, zum Kummer oder zur Erleichterung derjenigen, die draussen vor der hohen Umfriedungsmauer blieben und nicht genau wissen wollten, was dort drinnen vor sich ging, denn die Schande eines Menschen ohne Verstand gab schon genug Anlass zu Sorge und Trauer, da musste man nicht auch noch etwas verstehen oder seine Gedanken ernsthaft verfolgen wollen.

In Italien bricht der Krieg aus, Benjamino wird wegen seiner Behinderung nicht eingezogen. Er versteht die Kriegseuphorie auch nicht, sieht in ihm nur Tod und entfesselte Schlechtigkeit, eine Gefahr für friedliches Zusammenleben. Vielmehr als ein Leben als Soldat sah er den Umgang mit Krankheit und deren Heilung als Heldentum. Der Krieg zwingt die Leiter der Heilanstalt, mit ihren Insassen aufs Land zu ziehen, um sie aus der Schusslinie zu nehmen. Die anfängliche Landidylle wird aber bald durch die sich nähernde Bedrohung durch den Krieg gestört – und teilweise zerstört.

Und in dieser kurzen Zeitspanne, bevor die Tropfen auf dem Kies explodierten wie die Bomben, die vom Himmel fielen, erkannte Rattazzi, dass der wirkliche Wahnsinn niemals besiegt werden würde, denn er war das innerste Wesen der Normalität, die gerade auf sie zukam. […] Nichts würde die Vernunft nüten, denn gerade die Vernunft drängte und rechtfertigte, organisierte und vernichtete.

Ugo Riccarelli wirft die alten und nie restlos beantworteten Fragen auf, was gut und was böse, wer normal und wer wahnsinnig ist. Während man die einen einsperrt, weil sie nicht einer Norm entsprechen, und auf sie herabsieht, stürzen sich die sogenannt Normalen in einen Krieg, der nur Tod und Elend  mit sich bringen kann. Zwar essen die Närrchen, wie Doktor Rattazzi sie nennt, gerne Blumen und tanzen mit den Vögeln, aber sie sind, wenn man sie in ihren Gewohnheiten lässt, friedlich und haben ihren eigenen Verstand, der seine eigene Schönheit besitzt. Diese Schönheit wird in Friedenszeiten belacht und bekämpft, in Kriegszeiten gilt sie als minderwertig und soll ausgerottet werden, um das lebenswerte Leben nicht zu beschmutzen.

Ugo Riccarelli ist ein tiefgründiger und bewegender Roman gelungen, der Massstäbe hinterfragt und Vorurteile offen legt. Es ist ein sensibler Roman, der nicht blossstellt, sondern schlicht auf wichtige Fragen des Lebens hinweist. Die Residenz des Doktor Rattazzi ist voller Liebe, Mitgefühl und Nachdenklichkeit und deckt dabei menschliche Lebenslügen und auch Abgründe auf.

Fazit:
Ein berührendes Buch über die verschiedenen Welten verschiedener Menschen und die Frage, welche die bessere ist. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Ugo Riccarelli
Ugo Riccarelli wurde 1954 in Cirié bei Turin geboren. Nach seinem Studium der Philosophie in Turin arbeitete er zunächst in der Biblioteca Palazzo Pretorio sowie als Regieassistent und Journalist in Pisa. 1995 erschien sein Debutwerk Le scarpe appese al cuore, daneben verfasste Riccarelli auch Lyrik. Ugo Riccarelli lebt heute in Rom. Auf Deutsch erschienen sind Ein Mann, der vielleicht Schulz hieß (Roman, 1999), Fausto Coppis Engel (Erzählung, 2004), Der volkommene Schmerz (Roman, 2006, für die italienische Originalfassung erhielt er 2004 den Primio Strega), Der Zauberer (Roman, 2009) und Die Residenz des Doktor Rattazzi (Roman, 2013).

Z_Riccarelli_Die_Residenz_P03DEF.inddAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Rowohlt Verlag GmbH (25. Februar 2013)
Übersetzung: Annette Kopetzki
Preis: EUR  18.90 / CHF 29.90

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Die Wissenschaft, sie ist und bleibt, was einer ab vom andern schreibt – doch trotzdem ist, ganz unbestritten, sie immer weiter fortgeschritten.

Ich habe dieses Zitat oft gebracht und es Ringelnatz zugeschrieben. Ich mag Ringelnatz sehr, lese ihn oft, er war auch oft Gedichtespender für die lyrischen Morgenessen mit meinem Sohn. Im Moment ist das Gedicht hoch aktuell. Die Bundesbildungsministerin Annette Schavan soll ihre Dissertation mit unlauteren Mitteln verfasst haben. Sie habe Zitate nicht korrekt gekennzeichnet, heisst es. Darum beschloss die Universität Düsseldorf nun, ihr den Doktortitel abzuerkennen. Spott und Häme lassen nicht auf sich warten.

Eine wissenschaftliche Arbeit zu schreiben bedeutet viel Arbeit, viel Verzicht (auf Essen, Ausgang, Freizeit, Kraft, Freude, Geld) und viel Aufwand (lesen, schreiben, denken, Recherche, Streit mit dem Partner wegen mangelnder Zeit, Erklärungsnotstand bei Freunden, Familie, etc., nochmals lesen, denken, schreiben) und auch Leiden (Hunger, Erschöpfung, Frust über mangelndes Vorwärtskommen, Erkenntnisse, die schon einer hatte, viele mehr). Was wird ihr vorgeworfen? Sie soll Zitate nicht korrekt deklariert haben. Das ist unschön und unwissenschaftlich. Ein ganz klarer Verstoss gegen den Formalismus der Wissenschaft. Nun kann man sagen, wer Wissenschaft betreibt, soll sich an die Regeln halten, sonst ist er nur noch populär? Wäre also die einzige Unterscheidung zwischen populärer Themenaufbereitung und Wissenschaft der Formalismus der korrekten Zitierweise? Das wäre arg wenig. Möchte sich die Wissenschaft so gesehen wissen? Was hätte sie sonst in die Waagschale zu werfen? Fundiertheit? Fundiert kann man auch mit falschen Zitierweisen sein. Ich lasse das mal so stehen, es soll sich jeder seine Meinung bilden. Darf sie auch nennen (falls von jemandem gestohlen, bitte korrekt zitiert, soll ja alles seine Ordnung haben).

War es Irrtum? War es Absicht? War es Berechnung? Da müsste man sich fragen, wieso ein Titel so viel Wert hat? Wieso denkt jemand, er müsse sich einen Titel erschwindeln? Ob sie es getan hat oder andere es ihr unterstellen macht bei dieser Frage keinen Unterschied. Sowohl der, welcher es tut, wie auch der, welcher es unterstellt misst dem Titel eine Macht und Kraft bei, die Betrug rechtfertigt. Was ist dran am Dr.? Ich sehe es nicht. Ist man mit Titel besser, wertvoller, höher? Menschlich sicher nicht. Gesellschaftlich? Müsste so sein, wenn man das Aufhebens sieht, das hier betrieben wird. Bedenklich, wie ich finde.

Als ich ein Kind war, war mir klar, ich will studieren. Damals wäre es Tierverhaltensforschung gewesen, denn ich hatte gerade Bernhard Grzimeks „Serengeti darf nicht sterben“ gesehen und ich wollte auch dahin und werden wie er. Das Fach hat noch oft gewechselt, der Wunsch nach dem Studium nie. Ich flog durch die Primarschule, quälte mich durchs Gymnasium, trat mal aus, mal ein, blieb nur bis zum Schluss, weil ich ohne nicht hätte studieren können. Die Uni war mein Hafen, endlich war ich, wo ich hin wollte. Schon beim Eintritt war klar, ich will doktorieren. Titel? Wen kümmert ein Titel? Ich wollte schreiben. In die Tiefe, in die Breite. Ich habe es ab und an verflucht, wurde einige Male schwer enttäuscht und zu Boden geworfen, habe gekämpft und immer weiter geschrieben. Es ist Herzblut, Wollen. Was zählen dagegen Titel und Formalismus?

Hat sie geschummelt? Ich weiss es nicht. Nach Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg (ich musste den Namen bei Wikipedia kopieren, das kann sich ja keine S….chweizerin merken) scheint es in zu sein, Dr.-Titeln an den Kragen zu gehen. Was dahinter steckt? Wenn ich die Häme sehe, die auf die jeweiligen Auserkorenen prallt, kann ich nur eigenen Frust und Rache denken. Alle die, welche ihr Studium nicht schafften (ich las von solchen, die der Frau Schavan vorwarfen, ihretwegen nicht studiert zu haben – Studiengebühren lassen grüssen [in der Schweiz haben wir die übrigens schon lange] und ihr nun ihren Dr.-Titel neideten) oder sonst vom System  und der Gesellschaft enttäuscht sind, freuen sich, dass eine, die in ihren Augen oben steht, vom Sockel fällt.

Nun könnte man sich fragen, was ihr Fall bringt? Die Unis werden immer mehr durchleuchtet. Sie verkommen Im Geist der Allgemeinheit zu Mühlen, die nicht Wissen, sondern Titelerschwindler produzieren. Die, welche sich über den Fall freuen, steigen deswegen nicht, sie vergiften sich nur selber an ihrer Häme. Neid und Missgunst haben noch selten schöne Früchte gebracht.

Vor 30 Jahren ging jemand dahin und schrieb eine Dissertation. Heute findet man Zitatfehler und eine Universität befindet, dass man den Titel aberkennen muss. Nun ist sicher zu sagen, dass eine Dissertation, die mehr kopiert als selber geschrieben ist, die grobe Verstösse gegen die rechtmässige Zuordnung von geistigen Wissen zu seinem wirklichen Urheber aufweist, den Anforderungen an eine Dissertation nicht entspricht und somit nicht dazu qualifiziert, einen Doktortitel zu rechtfertigen. Dass dieser dann zu Unrecht getragen ist, liegt auf der Hand und es ist unfair all denen gegenüber, die rechtmässig arbeiten, dies nicht klar zu regeln, sprich den Titel zurückzuziehen (vielleicht wäre an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass auch die Doktorväter Schuld auf sich laden, die Dissertationen ungelesen annehmen, weil sie mit zu viel anderem beschäftigt sind). Wenn man mal ganz ehrlich und neutral hinschaut: Ist es hier, bei Frau Schavan, angemessen? Es scheint ein Grenzfall zu sein, folgt man den diversen Berichterstattungen. Ist das sinnvoll? WEM hilft das wirklich? Ich sehe nur Leid, das daraus resultiert. Und zwar auf allen Seiten. Ich bin ganz klar kein Verfechter des „alles geht und Strafe ist Unsinn“. Das weiss man spätestens seit meiner „unverfälschten“ Dissertation. Aber hier? Nach 30 Jahren, unter Berücksichtigung dessen, dass damals Copy Paste von Google noch nicht möglich war?

Und zu guter letzt, um den Kreis zu schliessen: Was man überall als Zitat von Ringelnatz liest:

Die Wissenschaft, sie ist und bleibt, was einer ab vom andern schreibt – doch trotzdem ist, ganz unbestritten, sie immer weiter fortgeschritten.

stammt ursprünglich von Eugen Roth. Ab und an wird es auch nicht Ringelnatz, sondern Christian Morgenstern zugeordnet. Was nun? Dichterstatus aberkennen?

Artikel zum Thema:

NZZ vom 5. Februar 2013

Swissinfo.ch vom 5. Februar 2013

Zeit Online vom 6. Februar 2013

Zeit Online vom 5. Februar 2013

Spiegel Online vom 5. Februar 2013

Bild.de vom 5. Februar 2013

Tagesschau vom 5. Februar 2013

 

Nachtrag: 

Ein Blog, welcher die mutmasslichen Plagiate in der Dissertation von Annete Schavan auffährt:

http://schavanplag.wordpress.com