Ich bin Schweizerin. So von Grund auf. So mit Eltern, Grosseltern, Urgrosseltern, Urur…. ihr ahnt es schon. Und ja, ich bin dankbar, hier geboren worden zu sein. Ich finde nicht alles toll hier, einiges nervt mich, ärgert mich, langweilt mich, aber: Es hätte schlimmer kommen können, viel schlimmer. Dazu beigetragen habe ich nichts. Ich habe mir diesen Geburtsort nicht ausgesucht, es war schlicht und einfach nur Glück.

Gestern hat die Schweiz gefeiert. Wie alt sie nun genau wurde, darüber stritt man sich ein wenig in den sozialen Medien, die einen griffen auf 1291 zurück, die anderen auf 1848 – feiern tut man den 1. August übrigens seit 1891. Auf Facebook quoll meine Timeline über. Schweizer Flaggen, Schweizer Kühe, Schweizer Alphörner, Schweizer Fähnchen, Schweizer Würste, Schweizer Alpen, Schweizer Städte, Schweizer Musik. Lobreden auf die Schweiz zu Hauf, ihre Schönheit wurde in allen Tönen gelobt. Der ganze Schweizer Stolz zeigte sich in Worten und Bildern.

Neben all den Oden an die Schweiz kamen immer wieder in Nebensätzen die kleinen Spitzen mit rein: Der böse Islam müsse raus, der mache die schöne Schweiz kaputt. Die bösen Flüchtlinge sollen bitte dahin, wo sie herkamen, sie machen die schöne Schweiz kaputt. All die, welche nicht im Sinne der so Sprechenden sind und denken, würden auch am besten die Koffer packen und gehen. Damit man als guter Schweizer Bürger schön unter sich ist und die schöne Schweiz fortan ungestört geniessen kann. Schliesslich geht es uns hier gut. Schliesslich haben wir hier alles und haben dafür viel gearbeitet.

Gut, irgendwann holten wie die Italiener rein, damit sie helfen, weil wir ohne nicht mehr klar kamen. Aber he, die Italiener gehören heute quasi dazu. Das sind keine richtigen Ausländer, die haben auch so einen netten Akzent. Die mögen wir. Wir meinen nur die anderen. Dass die Kinder der Italiener damals als „Tschinggen“ verschrien wurden, das haben wir vergessen (oder verdrängen es oder finden, das sei ja nicht böse gemeint gewesen).

Dass viel von unserem Gut-Gehen von nicht immer ganz sauberen Finanzgeschäften abhängt, das will man auch nicht hören. Nazi-Gold? Alte Geschichten! Ich erinnere mich noch gut daran, als Stuart Eizenstat kam und die Schweizer Banken in die Knie zwang. Ich erinnere mich gut an damals, als die Bergier Kommission eingesetzt wurde. Der eine wurde als geldgeiler Anwalt betitelt, die anderen als Nestbeschmutzer. Wer konnte es wagen, an unserer weissen Weste zu kratzen?

Eine weisse Weste haben wir generell immer. Wir sind neutral, wir mischen uns nirgends ein. Dass wir Waffen verkaufen, hat damit nichts zu tun, von irgendwas müssen wir ja leben. Wir würden die ja auch allen verkaufen, die zahlen, insofern spricht das für unsere Neutralität.

All das, was wir also von all denen haben: Von der Mitarbeit der Italiener, von den Geldgeschäften und Waffenverkäufen (und vielen mehr), das möchten wir nun gerne behalten – und nicht teilen. Wir sind ja nicht Mutter Theresa – oder wie Polo Hofer sein halbes Leben lang sang: kein Kiosk. Und genau das haben sie gestern gefeiert. Sichtbar. Lesbar.

Heute feiern sie nicht mehr. Heute bleibt nur noch das Motzen über all jene, welche die arme schöne Schweiz kaputt machen. Und über all die Dummen, die nicht mitmotzen, sondern dieses ganze Gerede von Nationalstolz und Fremdenfeindlichkeit nicht mehr lesen mögen. Und nun erklärt sich auch der Anfang meines Artikels hier: Liebe Leute, denen ich nun auf die Füsse getreten bin,: Ich kann nirgendwohin zurück (wurde mir schon vorgeschlagen bei früheren Artikeln). Ich bin schon da, wo ich herkomme. Und ich bin gerne hier. Und ja, ich finde auch, wir müssen aufpassen, dass es der Schweiz gut geht. Aber ich finde, wir haben auch eine Verantwortung als Menschen. Menschen helfen Menschen. Wo man das kann, soll man das tun. Wenn Menschen in Not sind, sollte man nicht einfach wegschauen, sondern menschenwürdige Lösungen zu finden versuchen. Für alle Beteiligten.

Ich sage nicht, dass es einfach ist, ich sage nicht, dass es Patentlösungen gibt, nur: Schotten dicht und alle anderen verdammen, hat noch nie zu was Gutem geführt.

Während ich das alles schreibe, sitze ich hier an meinem Pult in meinem Arbeitszimmer, das Fenster ist offen und es ist unglaublich still. Ab und an höre ich ein paar Vögel, dann und wann ein paar Kinderstimmen. Die Sonne scheint, alles grünt vor dem Fenster und ich denke für mich: Es ist unglaublich schön hier. Ja, ich bin dankbar, kann ich so leben, dankbar für alles, was ich hier in diesem Land habe und all die Möglichkeiten, die ich in meinem Leben hatte. Dieses Glück haben nicht alle auf dieser Welt. Und ja, es ist schlicht nur Glück, verdient haben wir es alle hier nicht.

bildschirmfoto-2016-10-13-um-18-54-23Auf Twitter gibt es grad eine neue Aktion. Sie soll darstellen, dass Sexismus in der Schweiz aktuell ist. Ich bin ja bekanntlich keine Feministin, ich mag Genderdingens nicht. Ich finde, die Menschen sollten langsam mal merken, dass es nichts hilft, wenn das eine Geschlecht gegen das andere schiesst, sondern man müsste zusammenspannen und sich Aug in Auge auf gleicher Höhe begegnen.

Nur… als ich es auf mich wirken liess, sprudelte es nur noch aus mir raus:

Als Doktorandin hören, als Alleinerziehende könne man keine Diss schreiben, drum kriegt die Stelle ein junger Mann

oder

Als Doktorandin hören, man benutze als Alleinerziehende das Geld des Stip. nur zur Kindsaufzucht und es nicht kriegt

oder

Nach der Masterprüfung hören, du hast die Note 6 nur wegen eines kurzen Rocks gekriegt

oder

Nach bestandener Doktoratsprüfung hören, man hätte dem Professor wohl schöne Augen gemacht

oder

Vom Chef auf einem Gang zum Kunden diverse Sexpraktiken erzählt kriegen, die er gerne noch ausprobieren möchte…

oder

„Wärst du ein Mann, traute ich dir, so muss ich dich überprüfen.“ Aussage des Projektbetreuers an der Uni

Alles so passiert. Und noch viel mehr. Es bleibt wohl doch noch viel zu tun.

Auf der ganzen Welt überschlagen sich Freude, Lob und Bewunderung für den Gotthard. Die Umsetzung, das Projekt an sich – man sieht es als Leistung. Nur die Schweizer überschlagen sich mit Selbstkriteleien, mit Kleinredereien, mit Sinnfragen. Sie hängen die Politiker an ihren Kleidungststücken (zu teuer, zu unförmig, zu unpassend) auf und unterstellen ihnen Profilierungsgier. Sie fragen sich laut, wozu man diese Röhre überhaupt brauche und verspotten jeden und alles, das damit zu tun hat oder etwas Positives äussert.

Das ist wohl genau dieses Schweizer Bünzlitum, das nichts Neues gelten lassen kann, das sich immer (früher hinter dem Vorhang am Küchenfenster, heute hinter dem Bildschirm sitzend) das Maul zerreisst und keinem was gönnt – schon gar nichts Grosses.

Allerdings sehen sich die Kritler nicht als Bünzlis, im Gegenteil… irgendwie traurig.

In der Schweiz kocht es mal wieder: Zwei Pubertierende wollen der Lehrerin die Hand nicht geben. Sie kamen damit durch. Die Pubertierenden waren Muslime, argumentiert wurde religiös.

Die Stimmen werden laut:

Unsere Kultur verlangt das Händeschütteln zur Begrüssung. Das geht gar nicht, dass das verweigert wird.

oder:

 Der Koran verbietet das gar nicht, das ist überzogen. Wie kann man nur, was geht da ab?

Ich musste als Kind nie einer Lehrerin die Hand geben. Einem Lehrer übrigens auch nicht (zum Glück, ich gebe nicht jedem gerne die Hand…man weiss nie, was der mit seiner vorher tat 😉 ). Ich weiss nicht, wann das eingeführt wurde und was der Zweck dafür sein soll. Wohl Beziehungsbindung, die man dann mit Einträgen für jedes noch so kleine Vergehen wieder kaputt macht (kannten wir in dem Stil auch nicht).

Was mich in der ganzen Sache etwas nervt ist folgendes: Da wird zwei Teenagern, die grad mit ihren Hirnzellen kämpfen wegen pubertär verursachten Umstrukturierungen ihres Hirns, eine Plattform geboten, die schlicht lächerlich ist. Das Ganze wird dann instrumentalisiert, um generell gegen Ausländer, Muslime im Speziellen, zu stänkern.

Wer nun findet, man müsse früh eingreifen, denn das gehe auf Kosten der Frau, welcher zu wenig Respekt gezollt wird, den möchte ich nur das fragen:

 Fördert ein erzwungener Handschlag den Respekt wirklich?

Andere Kulturen mögen andere Frauenbilder haben. Die gefallen mir nicht, die scheint man (nach aussen – es gibt sie ja auch bei uns, man beachte nur unsere Werbung und mehr….) hier abzulehnen. Diese Frauenbilder werden nicht ändern, weil man Pubertierende massregelt – oder eben durchmarschieren lässt. Die Frauen hierzulande haben es in der Hand, welchen Mann sie wählen, die Männer, welcher Frau sie gefallen wollen. Schlussendlich fängt Respekt im Hirn an, nicht bei der Hand, die eine andere berührt – Wirklicher Respekt kann nie erzwungen werden.

Ich habe ab und an kritisch über Schulen geschrieben, das System hier hinterfragt und auch sonst den Finger drauf gehalten. Das soll aber nicht drüber hinwegtäuschen, dass ich weiss, dass wir hier unglaublich privilegiert sind. Unsere Kinder haben eine Schule und sie können hingehen. Sie haben die Möglichkeit, ihr Leben zu gestalten. Vielleicht wissen sie es im jugendlichen Übermut nicht immer oder schätzen es gering, aber: Es ist viel mehr, als ganz viele Menschen auf dieser Welt haben.

Ich lebe in einer Schweizer Grossstadt, in einem Kreis mit vielen Ausländern. Wir hatten mit vielem zu kämpfen in der Schulzeit. Rassismus, Gewalt, Mobbing. Schulrückstände kriegte man gratis dazu. Trotzdem gibt es Menschen, die schon hier aufgewachsen sind, immer noch hier leben und heute ihre Kinder hier zur Schule schicken. Kann es so schlecht sein hier?

Wir haben hier keine heile Welt. Aber wir wissen es. Das ist oft mehr als die ganze Ignoranz möglicher Probleme. Man kann hier die Augen nicht verschliessen vor den potentiellen Schwierigkeiten und Brennpunkten, denn sie sind da. Und weil man das weiss, hat man sich drauf eingestellt. Und das ist grossartig.

Hier rutscht nichts einfach so durch, Probleme werden ernst genommen und Lösungen gesucht. Wir hatten in der Mittelstufe einige Probleme, sie wurden erkannt und gelöst. Die Oberstufe ist ein Lichtblick. Nicht alle Regeln sind immer schlüssig und toll, aber: Es gibt Regeln und es gibt Menschen, die sich Gedanken machen. Die Situation der Schulen ist nicht leicht heute. Eltern nehmen ihre Erziehungsaufgabe nicht mehr ernst, sind aber schnell dabei, Mängel in der Schule zu finden – und gar mit Anwalt anzuklagen. Als Lehrer und als Schule muss man sich absichern. Um ja keine Angriffsfläche zu bieten. Damit gerät man ein wenig in die Situation der Pharmaunternehmen, die jede – wenn auch unwahrscheinliche, aber doch mögliche – Nebenwirkung auflisten müssen, um ja nicht angreifbar zu sein. So ungeniessbar auf diese Weise Medikamente sind, so unübersichtlich werden Schulordnungen. Aufgeblasen durch all die Möglichkeiten.

Wir können noch so viel hinterfragen und unsinnig finden: Die Zeit ist, wie sie ist. Von jetzt auf gleich werden wir sie nicht ändern. So bleibe ich dankbar für die Schule, die mein Sohn besucht, weil da Lehrer sind, die sich kümmern, die Probleme erkennen, die reagieren. Ich mag nicht jede Regel gut finden, aber ich weiss: Es ist ein Privileg. Mein Kind hat eine gute Schule, hat gute Lehrer, kann sich entfalten und geht seinen Weg. Und das sollte auch mal gesagt sein.

Die Emanzipation hat ja so mache fragwürdige Blüte getrieben. Die Forderung nach gleichem Lohn für gleiche Leistung ist eine Selbstverständlichkeit, die Forderung danach legitim und nötig. Die Umsetzung klappte bis heute nicht. Dafür hat man andere Dinge umgesetzt. Die Sprachenregelung. Linguistische Grausamkeiten waren die Folge. Ich hatte mich früher nie gefragt, ob ich auch gemeint sei, wenn jemand von Studenten sprach. Genauso wenig wie sich wohl die Tanne diskriminiert fühlt, wenn von „dem Baum“ gesprochen wird.

Neben den sprachlichen Neuorientierungen haben wir auch noch eine weitere Errungenschaft (neben vielen, die ich hier nun ausklammere): Die Quotenregelung. Man bemängelte, dass Frauen benachteiligt seien, weil sie Frauen seien, wo doch Leistung zählen müsse. Und man forderte eine Quote, die in Zukunft die Verteilung regeln soll. Wo genau da die Leistung noch Kriterium ist? Das darf man nicht hinterfragen (den Shitstorm darauf spüre ich schon förmlich…..).

Die Thematik ist aktueller denn je, denn in der Schweiz tritt grad eine Politikerin ab. Sie hat nichts falsch gemacht, sie gehört nur der falschen Partei an. Leider haben wir in der Schweiz diese Zauberformel, die besagt, wie der Bundesrat bestellt sein müsse. Die abtretende Lady war quasi das Bauernopfer dieses alten Zopfes. Und genau hier geht die Diskussion los: Die untervertretene Partei (nach Zauberformel) soll einen neuen Bundesrat stellen. Blöd nur: Sie hat niemanden. Und schon gar keine Frau und so eine müsste es ja sein. Das Argument, dass bei gleich wenig Leistung auch eine Frau gewählt werden könnte, ohne dass es gross einen Unterschied macht, ist dabei ein kleiner Trost.

Wir haben gewählt. Also ein Bruchteil von uns hat gewählt. Die Mehrheit dieses Bruchteils war der Meinung, dass die Schweiz dringend gen rechts wandern solle. SVP und FDP kriegten den Zuschlag, die netten Linken schauten in die Röhre (ok, nicht ganz, aber so ein bisschen). Da wir eine Demokratie sind, noch dazu eine direkte, war das der Wille des Volkes und damit alles klar. Könnte man denken.

Es geht erst richtig los. Nun heisst es nämlich: Das war niemals der Wille der Mehrheit. Die Schweiz will das nicht. Wir Schweizer wollen das nicht. Das geht gar nicht. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Gewisse Stimmen gehen so weit, die Demokratie in Frage zu stellen und von einer Diktatur der Mehrheit zu sprechen.

Nun: Eine Demokratie heisst, dass die Mehrheit gewinnt. In der Schweiz wird dieses Prinzip noch mit ein paar Zusatzbedingungen wie dem Ständemehr und anderem angereichert, aber grundsätzlich gilt das Prinzip. Da die Wahlbeteiligung nicht sehr hoch war, kann man schon sagen, dass dieses Wahlergebnis nicht die Mehrheit der Schweiz widerspiegelt. Aber es spiegelt die Mehrheit derer wider, die sich überhaupt die Mühe machten, das Recht zur Wahl wahrzunehmen. Die ganz grosse Mehrheit der Schweizer tat dies nämlich nicht. Die sass zu Hause, politisierte vielleicht am Familientisch, auf Facebook, Twitter oder am Stammtisch. An der Urne taten sie es nicht.

Leider helfen grosse Reden wenig, schon gar nicht, wenn es darum geht, Demokratie zu leben. Es gibt für dieses Wahlergebnis verschiedene Erklärungen:

  • Das Wahlresultat spiegelt wirklich die Mehrheitsmeinung wider. Zwar war die Wahlbeteiligung gering, allerdings würde diese Stichprobe durchaus reichen in der Feldforschung, um ein repräsentatives Ergebnis zu generieren.
  • Das Wahlresultat spiegelt nicht die Mehrheitsmeinung wider, sondern nur die Mehrheit derer, die wählen gingen. Die Frage stellt sich dann: Wieso gingen die anderen nicht wählen? Was hielt sie davon ab?

Im ersten Fall müsste man – sofern man die Demokratie weiterhin als gewünschte politische Form ansieht – das Resultat akzeptieren. Das heisst nicht, dass man es gut finden oder gar seine Meinung ändern und plötzlich SVP-Anhänger werden muss. Man kann sich überlegen, ob man etwas tun kann, konstruktiv, fundiert und mit einer Strategie. Einfach nur jammern hilft wenig.

Im zweiten Fall müsste man sich schlicht an der eigenen Nase fassen, zumindest dann, wenn man selber nicht an die Urne ging. Und wer nun Gründe aufführt, wieso er nicht gehen konnte, dem sei gesagt:

 Wer nicht will, findet Gründe, wer will, findet Wege.

Vor einiger Zeit kam ich zum zweifelhaften Glück, dass in meinem Keller, welcher gleichzeitig Luftschutzkeller ist, 40 Notbetten untergebracht und zwei Trockenklos installiert wurden. Der gute Mann, der das ganze Zeugs anschleppte, teilte meine Meinung, dass dies höchst fragwürdig sei und eh nie gebraucht würde. Nun denn: Es ist Gesetz und alles muss seine Richtigkeit haben.

Die Abnahme der Klos durch den netten Beamten der Stadt dauerte knapp 5 Sekunden. Auf meine Frage, ob ich den Keller nun verkaufen dürfe, da er ja über genügend Schlafmöglichkeiten und sogar zwei eigene Klos verfüge, erntete ich einen kurzen Blick und ein schnell unterdrücktes Lachen (auch er teilte wohl meine Ansicht über die Unsinnigkeit des Unterfangens).

Als ich so über meinen Keller nachdachte, stellte sich mir aber eine dringende Frage: Wenn die Notwendigkeit eines Luftschutzkellers gesetzlich verankert ist, sieht man ja grundsätzlich einen Sinn darin und auch die Möglichkeit, dass dieser benutzt wird. Ich würde also mit 39 anderen Nasen in meinem Keller sitzen, wir hätten je ein Bett und zusammen zwei Klos. Nur: Was soll in die Klos? Müsste mich der Kanton nicht auch mit Essensvorräten oder zumindest Geld, solche zu besorgen, ausstatten? Ob ich mal nachfragen sollte? Oder gebe ich diesem Luftschutzkeller doch zuviel Sinn, den er doch nicht hat?

Ich bin Schweizer. So ein richtig uriger mit Wurzeln bis ins Mittelalter und wohl noch weiter. Politische Diskussionen, wann die Schweiz entstanden ist und wie lange zurück das eigene Schweizersein überhaupt gehen kann, möchte ich hiermit nicht vom Stapel reissen. Irgendwo in geistigen Tiefen schwirren Daten von Schwüren, Bünden und ähnlichem umher, anhand derer man das wohl festmachen könnte. Ich möchte das nun nicht reaktivieren. Was bleibt ist: Ich bin Schweizer – eigentlich ja Schweizerin, will man feministischen Vorstössen Genüge tun – und ich bin es gerne. Ich bin es drum gerne, weil mir daraus kein Schaden erwächst und ich nichts anderes kenne. Ich bin gewohnt, Schweizerin zu sein und sehe, dass es auch hätte schlimmer kommen können. Ich habe nichts aktiv dazu getan, eine zu sein, würde es aber auch nicht unbedingt ändern wollen.

Gut, es gab eine Zeit, da hätte ich gerne in den USA gelebt. Ich hörte damals von unmöglichen politischen Zuständen und überhaupt. Das kümmerte mich nicht bei dem Gedanken, wieso ich dahin wollte. Es waren andere Gründe. Weites Land, offene Menschen, Möglichkeiten, die andernorts nicht vorhanden schienen. Es gab auch eine Zeit, in der ich gerne nach Deutschland – genauer nach München – ausgewandert wäre. Auch da hörte ich was von politischen Schwierigkeiten und wie schön ich es doch in der Schweiz hätte. Auch da kümmerte mich das nicht, meine Gründe waren anders, orientierten sich an wunderbar grossen Städten, offeneren Menschen, offenerem Denken, mehr kulturellem Interessen und Nischenkulturen in Grossstädten. Ich hätte wohl alles machen können, aber ich blieb hier. Weil ich es hier kannte, weil ich hier irgendwie zuhause war.

So gerne ich Schweizerin bin, so sehr stösst mir immer wieder eines auf: Schweizer scheinen darauf erpicht zu sein, Negatives zu sehen und anzuprangern. Freut sich einer, findet der andere ein Haar in der Suppe. Bringt eine Zeitung eine schöne Nachricht, findet sich ein Kommentator, der alles ins Negative interpretieren kann. Es kann nicht sein, dass alles gut ist, nein, da muss was dahinter stecken. Und wenn nichts dahinter steckt, fragt man sich, wieso man das überhaupt in der Zeitung lesen musste. Wen kümmern schon positive Nachrichten?

Der Schweizer denkt eng, er denkt in Normen und Masstäben. Alles hat seine Ordnung und so war es schon immer. Man hält fest an dem, was man kennt und backt lieber kleine Brötchen. Schliesslich ist man ja bescheiden. Drum fragt man immer, ob man was sagen dürfe, statt es einfach zu sagen. Drum sagt man immer „oder“ am Schluss des Satzes, um sich auch wirklich zu vergewissern, dass man richtig liegt und wenn nicht, schon angetönt zu haben, dass man nicht sicher war. Man steht nicht hin und tut, man kriecht sich ran. Stellt sich ein anderer hin, so wirft man es ihm vor, er ist arrogant, er ist überheblich. Wie kann der nur meinen, etwas zu wissen, das würde man selber nie tun. Daher rührt wohl auch das Problem mit den Deutschen, das man oft zitiert. Sagt dieser „Ich kriege noch ein Bier!“ an der Bar, klänge das bei unserem Schweizer so: „Dürfte ich bitte noch ein Bier haben?“ Kein Wunder erscheint ihm der Deutsche ungehobelt. Wie kann der bloss denken, dass er das einfach kriegt. So ohne „Bitte“ und höfliche Frage. Der Schweizer fragt am Schluss auch höflich, ob er nun noch zahlen dürfe. Spätestens dann müsste die Sprechweise entlarvt sein, da wohl keiner davon ausgeht, dass er nicht zahlen müsste. Nur denkt man nicht so weit, man interpretiert da, wo es negativ auffällt und fällt nichts auf, sucht man es.

Und so lebt der Schweizer fröhlich vor sich hin in seinen selbstgesteckten Grenzen und Bescheidenheit, und misst die Welt an seinem Masstab. Schliesslich darf er das, er ist hier zu Hause. Und das bin auch ich und bin es gerne. Ab und an ärgere ich mich über Kleingeist und enge Grenzen. Aber vielleicht ist das ja genau dasselbe Kritikergen, das dem Schweizer innewohnt, schliesslich bin ich einer. Also eine. –in.

Von einem, der auszog, die Schweiz zu retten

Seit drei Tagen war ich nun der unsichtbare Schatten von Jasmin Bühler, doch bislang wies keine meiner Beobachtungen auf Ehebruch hin. Glücklicherweise, fand ich, denn ich hatte ja hautnah miterlebt, zu welchen Gewaltausbrüchen ihr Ehemann fähig war, und wollte mir lieber nicht ausmalen, was er ihr antun könnte, falls sich sein Verdacht bewahrheiten sollte.

Vijay Kumar erhält den Auftrag, die Frau von Adrian Bühler, einem ausländerfeindlichen Bekannten aus einer Bar, zu beschatten. Als er sie inflagranti erwischt, verschweigt er das seinem Auftraggeber, ist deswegen umso erstaunter, als just der Liebhaber –Insasse eines Asylheims in Altstetten – umgebracht wird. Steckt Adrian Bühler dahinter oder hat der Mord politische Motive, um gegen das unbeliebte Asylzentrum Stimmung zu machen? Vijay lässt nicht locker, er will der Sache auf den Grund gehen, vor allem, da er bald die zunächst unbegründete Ahnung hat, dass hinter all dem noch viel mehr steckt. Dabei verscherzt er es sich auch mit einer Freundin bei der Polizei, die von seinen Verschwörungstheorien wenig hält.

„Du behauptest immer das Gegenteil von dem, was gerade auf der Hand liegt. Ich persönlich finde es schwierig einzuschätzen, ob da wirklich was dran ist oder du nur eine spätpubertäre Phase durchmachst. Deshalb möchte ich Berufliches und Privates ab sofort wieder trennen. Die Polizei und du, Vijay, das ist eine schwierige Beziehung.“

Vijay lässt sich dadurch wenig beeindrucken, er will der Wahrheit auf den Grund gehen, dies teilweise unter Einsatz seines Lebens. Ein wahrer Held in Zürichs Strassen.

 Sunil Mann gelingt auch mit Faustrecht wieder ein Krimi, der den Leser von der ersten bis zur letzten Seite nicht loslässt. Der Plot überrascht durch stets neue Wendungen, bleibt dabei aber stimmig. Die Figuren sind plastisch gezeichnet, der Leser kann sich mit ihnen identifizieren, vor allem Vijay ist ein Typ, mit dem man gerne mal ein Bier in einer Bar trinken würde. Am Schluss laufen alle Fäden zusammen, es kommt zu einem Sieg des Guten über das Böse – ein Happy End quasi. Alles in allem ein Krimi wie aus dem Lehrbuch von einem Autoren, der sein Handwerk beherrscht.

 Faustrecht dreht sich grossenteils um Ausländerfeindlichkeit, nimmt die Zürcher/Schweizer Politszene aufs Korn und befasst sich in einem Nebenstrang mit der Auseinandersetzung mit Demenz. Alle diese Themen fliessen natürlich in die Geschichte ein, ohne den Lesefluss zu stören, sind dabei aber doch so feinfühlig behandelt, dass sie einen starken Eindruck hinterlassen. Was diesen Krimi zusätzlich auszeichnet, ist der Humor und auch die Selbstironie, die Sunil Mann immer wieder einfliessen lässt.

Ich schaltete den Fernseher aus, rutschte zu Manju rüber und bettete meinen Kopf in ihren Schoss. Sie lächelte, strich mir abwesend durchs Haar, las aber ungerührt weiter. Da ich nichts anderes zu tun hatte, entzifferte ich den Klappentext auf dem Buchdeckel: Schusswechsel hiess der wohl witzig gemeinte Roman und handelte von einem indischen Detektiv, der an der Langstrasse ermittelte. Auf welch abstruse Ideen diese Autoren auf der verzweifelten Jagd nach ein bisschen Erfolg manchmal kamen, dachte ich bei mir […]

 

Fazit:
Spannender, witziger Krimi mit einem stimmigen Plot, plastischen Figuren; packend erzählt – Lesegenuss pur! Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Sunil Mann
Sunil Mann wird am 21. Juni 1972 im Berner Oberland/Schweiz als Sohn indischer Einwanderer geboren. Er verbringt seine Jugend bei Pflegeeltern in Spiez und besucht in Interlaken das Gymnasium. Nach einem erfolgreichen Studienabbruch in den Fächern Psychologie und Germanistik (in Zürich) versucht er sich im Gastgewerbe mit einem halbherzigen Besuch der Hotelfachschule Belvoirpark. Seine heutige Arbeit als Flugbegleiter, welche oft unterbrochen wird durch zum Teil mehrmonatige Aufenthalte in Israel, Ägypten, Japan, Indien, Paris, Madrid und Berlin, lässt ihm genügend Zeit zum schreiben, was er produktiv macht und auch verschiedentlich dafür ausgezeichnet wird und wurde. Sunil Mann lebt in Zürich. Von ihm erschienen sind unter anderem Fangschuss (2010), Lichterfest (2011), Uferwechsel (2012) und Familienpoker (2013).

 Interview mit dem Autor auf denkzeitenSunil Mann – Nachgefragt

  

Angaben zum Buch:
MannFaustrechtTaschenbuch: 352 Seiten
Verlag: Grafit Verlag (18. August 2014)
ISBN-Nr.: 978-3894254476
Preis: EUR 10.99 / CHF 17.90

 

Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Sein Leben, seine Bücher

Ein Leben zwischen Unsicherheiten, Affären, Politik und immer wieder Schreiben

Man ist, was man ist. Man hält die Feder hin, wie eine Nadel in der Erdbebenwarte, und eigentlich sind nicht wir es, die schreiben; sondern wir werden geschrieben. Schreiben heisst: sich selber lesen. […] Wir können nur, indem wir den Zickzack unserer jeweiligen Gedanken bezeugen und sichtbar machen, unser Wesen kennenlernen, seine Wirrnis oder seine heimliche Einheit, sein Unentrinnbares, seine Wahrheit, die wir unmittelbar nicht aussagen könne, nicht von einem einzelnen Augenblick aus -.

In eher ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, studiert Frisch Germanistik, hält sich mit Artikeln für verschiedene Zeitungen über Wasser, mehr schlecht als recht. Er beschliesst, mit Hilfe eines vermögenden Freundes und auf Anraten seiner baldigen Ehefrau, doch noch etwas Lebenstüchtiges zu machen und studiert Architektur. Dem Schreiben schwört er ab, was nicht lange anhält. Sein erster Architekturwurf wird ein Erfolg, das von ihm entworfene Zürcher Freibad preisgekrönt. Trotzdem zieht es ihn zum Schreiben zurück. Immer wieder schreibt er Geschichten, die hauptsächlich von einem zu handeln scheinen: Ihm selber und seinem Leben zwischen Künstlertum und Bürgertum. Ein ständiges Hadern und Schwanken. Frisch ist nicht etwa der selbstbewusste Schriftsteller, als der er hätte scheinen mögen, er zerfrass sich teilweise mit Selbstzweifeln, suchte seinen Platz.

Neben dem Schreiben reiste Max Frisch viel und auch die Liebe und die Frauen kamen nicht zu kurz. Die Liebe ist ein Thema, dem sich Frisch immer wieder widmet:

Wir wissen, dass jeder Mensch, wenn man ihn liebt, sich wie verwandelt fühlt, wie entfaltet, und dass auch dem Liebenden sich alles entfaltet, das Nächste, das lange Bekannte. Vieles sieht er wie zum ersten Male. Die Liebe befreit es aus jeglichem Bildnis. Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, dass wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertig werden: weil wir sie lieben; solange wir sie lieben.

Fertig wurde Max Frisch vor allem mit einer Liebe nie, auch nach der Trennung von Ingeborg Bachmann durchstreift sie dessen Werk, ist Vorlage, Hintergrund, immer präsent – nicht nur im Schreiben, auch im Denken Frischs. Seine Reaktionen auf sie angesprochen bestätigen dies.

Volker Weidermann verschränkt Leben und Werk ineinander, geht chronologisch durch Frischs Sein und Schaffen. Er überzeugt durch Ausführlichkeit und Hintergrundwissen. Seine Sprache ist leicht lesbar, ab und an ein wenig flapsig. Volker Weidermann muss sich sicherlich nicht den Vorwurf gefallen lassen, seinen Biographierten verzärtelt zu haben, geht er doch oft hart mit ihm und vor allem mit dem Wert seines Werkes ins Gericht. Teilweise stimmt seine Kritik mit Stimmen aus den Literaturkritiken der zeitgenössischen Feuilletons überein, teilweise bewegt er sich auf eigenem Terrain und widerspricht gar Literaturprofis wie Peter von Matt. Wer nun recht hat mit seiner Werkeinschätzung soll hier nicht entschieden werden.

 

Fazit:
Flüssig lesbar geschrieben gibt das Buch ausführlich und kompetent, ab und an sehr kritisch dem Werk und dessen Wert gegenüber, Auskunft über das Leben und Schreiben Max Frischs. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Volker Weidermann
Volker Weidermann, 1969 in Darmstadt geboren, studierte Politikwissenschaft und Germanistik in Heidelberg und Berlin. Er ist Literaturredakteur und Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und lebt in Berlin. Von ihm erschienen bei Kiepenheuer & Witsch: Max Frisch. Sein Leben, seine Bücher (2010), Das Buch der verbrannten Bücher (2008) und Lichtjahre (2006).

 

Angaben zum Buch:
WeidermannFrischGebundene Ausgabe: 432 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & Witsch Verlag (10. November 2010)
ISBN-Nr.: 978-3462042276
Preis: EUR 22.95 / CHF 32.30

 

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

 

 

 

 

 

Michael Herzig

herzigmichaelMichael Herzig wird1965 in Bern geboren. Nach der Matur arbeitet er als Musikjournalist und Schallplattenverkäufer, träumt von einem Leben als Rockstar – ein Traum, der nicht in Erfüllung geht. 1998 bis 2014 arbeitet Michael Herzig im Sozialbereich und leitet u.a. niederschwellige, sozialmedizinische Einrichtungen für Drogen- und Alkoholabhängige, psychisch Kranke, Langzeitarbeitslose und Sexarbeiterinnen. 2007 veröffentlicht Michael Herzig seinen ersten Kriminalroman, danach folgen Kurzgeschichten in verschiedenen Anthologien und Zeitschriften sowie weitere Krimis. Für Töte deinen Nächsten erhält er die mit 10’000 Franken dotierte Zürcher Auszeichnung für herausragende literarische Neuerscheinungen. Im Grafit Verlag Dortmund sind von Michael Herzig bislang vier Romane mit der ebenso eigenwilligen wie leidenschaftlichen Stadtpolizistin Johanna di Napoli erschienen: Saubere Wäsche (2007), Die Stunde der Töchter (2009), Töte deinen Nächsten (2012), Frauen hassen (2014). Michael Herzig lebt in Zürich.

Michael Herzig hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu beantworten:

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich bin jemand mit vielen Interessen und arbeite sowohl gerne strukturiert betriebswirtschaftlich als auch kreativ chaotisch. Darum gehe ich diversen Beschäftigungen nach.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Mit Schreiben habe ich als Teenager begonnen. Damals habe ich vor allem amerikanische und französische Autoren der fünfziger bis siebziger Jahre verschlungen, die Beat Generation und die Existentialisten beispielsweise. Zusammen mit Punkrock hat mich das animiert, düstere und gewalttätige Kurzgeschichten zu schreiben. Einige dieser Texte habe ich 20 Jahre später in meine Krimis eingebaut.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

So simpel es klingt: mein Deutschlehrer war eine wichtige Motivationsquelle. Nach der Schule habe ich journalistische Erfahrung gesammelt und später in einer Weiterbildung die PR-Schreibe erlernt. Nur kreatives Schreiben habe ich nie gelernt. Mein Rezept: lesen, lesen, lesen.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich beginne strukturiert und höre chaotisch auf. Am Anfang steht eine Idee, anschliessend folgen in einem iterativen Prozess Recherche, Figuren und Plot. Beim Schreiben kommen mir dann meistens bessere Ideen, weshalb ich dreiviertel der Vorbereitung wieder über den Haufen werfe.

Wann und wo schreiben Sie?

Am liebsten unter einem Baum in einem blumigen Garten. Aber es geht auch im Zug oder in einem Wartezimmer.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Wie andere auch: mit Lesen, Musik, gutem Essen, Liebe oder was auch immer.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Für mich ist Autor kein Status, an dem ich hänge. Ich schreibe, weil ich den kreativen Prozess liebe. Das Drum und Dran interessiert mich weniger. Aber stehe ich natürlich vor demselben Berg, wie alle anderen auch.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

Ich habe vor allem mit dem Grafit Verlag in Dortmund zu tun, der mir keinen Grund gibt, zu jammern. Aber ich kriege schon mit, wie die Verlage kämpfen. Das Geschäft wird in den nächsten Jahren noch härter werden.

Sie wohnen in der Schweiz, ihre Romane spielen hauptsächlich an Schweizer Schauplätzen (mit Einsätzen im Ausland), die Figuren sind Schweizer. Die Schweiz ist ein kleines Land mit einer kleinen Literaturszene. Wie sehen Sie Ihre Stellung innerhalb des deutschsprachigen Raums? Sehen Sie sich im Nachteil als Schweizer, gibt es Vorteile oder ist das irrelevant?

Es ist ein kleiner Markt, in dem nur extrem wenige Autorinnen und Autoren vom Schreiben leben können. Darum bin ich froh, dass ich einen deutschen Verlag habe. In der Liga, in der ich spiele, würde ich sonst ausserhalb der Schweiz kaum wahrgenommen, vielleicht nicht einmal ausserhalb Zürichs.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Ich lasse mich von gesellschaftlichen und politischen Themen leiten, z.B. habe ich in „Töte deinen Nächsten“ die schweizerische Deutschenfeindlichkeit in einen Krimiplot gepackt und in der Kurzgeschichte „Tschingg“ die italienische Immigration in die Innerschweiz der Siebzigerjahre. Schreiben ist meine Auseinandersetzung mit der Gesellschaft, bloss für die Galerie mache ich das nicht.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Michael Herzig steckt in ihrer Geschichte? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Es ist immer eine Frage der Selbstreflexion. Aus der Verarbeitung eigener Erfahrungen ist schon manches spannende Buch entstanden. Fehlende Distanz des Autoren oder der Autorin zu sich selbst endet in narzisstischer Selbstdarstellung, was selten interessant ist und häufig bloss peinlich.

Wieso schreiben Sie Krimis? Ist es das, was Sie auch am liebsten lesen oder kann man dabei die eigenen bösen Seiten ausleben, die man im realen Leben eher unterdrückt?

Es ist ein soziologisches Interesse: Wenn Verbrechen geschehen, funktionieren die Gesellschaft schlecht. Diese Disfunktionalitäten sind spannend und die kann man mit Krimis wunderbar ausleuchten.

Frauen hassen spielt in der Rockerszene, des weiteren sind sie sehr nah an ihren Figuren dran – diese nehmen einen grossen Platz ein im Buch -, schildern die Atmosphäre im Polizeidienst. Wie recherchieren sie in den einzelnen Umfeldern?

Die Polizei kenne ich aus eigener beruflichen Erfahrung, andere Milieus recherchiere ich vor allem über Videos im Internet und wenn möglich über teilnehmende Beobachtung. Da ich sehr visuell funktioniere, bevorzuge ich Filme als Informationsquelle einem Buch oder Artikel. Nur bei den Rockern war das anders, da war ein wichtiger Teil meiner Recherche die Lektüre eines amerikanischen Ermittlers, der die Hells Angels unterwandert hat.

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Jede öffentliche Äusserung ist letztlich politisch. Die Frage ist bloss, wie bewusst ein Autor oder eine Autorin sich dessen ist.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Tempo und Esprit. Wenn die Form überzeugt, finde ich die Geschichte zwar nicht irrelevant, aber doch weniger wichtig.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Ian Rankin, A.L. Kennedy, Sarah Gran, Cormac McCarthy, Charles Bukowski, Friedrich Glauser

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Sorry, da muss ich passen. Ich bin selbst noch viel zu unerfahren, als dass ich anderen Tipps geben kann. Höchstens: Leidenschaft muss der Antrieb sein und Herzblut das Benzin.

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview!

Max Frisch wird am 15. Mai in Zürich geboren, wo er die Schule besucht und studiert. Germanistik soll es sein, will Max Frisch doch Schriftsteller werden. Schon bald merkt er, dass ihm dazu das Studium herzlich wenig bringt. 1931 erscheint sein erster Artikel in der NZZ, nach dem Tod des Vaters weitet Max Frisch seine Tätigkeit im Journalismus aus, um zum Unterhalt der Mutter beizutragen. Daneben entsteht sein erster Essay mit dem Titel Was bin ich?, der bereits die Grundthemen späterer Werke in sich trägt. Noch immer belegt er vereinzelte Kurse an der Uni, schreibt für verschiedene Zeitungen und daneben Arbeiten, die sich allesamt um ein Thema drehen: Max Frisch und wer er sei.

1933 unternimmt Frisch eine Reise gegen Osten, Prag, Budapest, Belgrad und viele weitere Orte stehen auf dem Plan. Er verwirklicht damit einen von seiner Mutter lange gehegten Traum. Zu der Zeit entsteht Frischs Roman Jürg Reinhart, welcher sinnigerweise von einem Balkanreisenden handelt. Noch immer dreht sich also Frischs Denken und Schreiben um die eigene Person.

Politik ist für Frisch kein Thema, seine Haltung Deutschland und dem Nationalsozialismus gegenüber ist fast schon merkwürdig unbeteiligt. Dies ist wohl aber seiner Arbeit als Schriftsteller dienlich, kann er seine ersten Romane so problemlos bei der Deutschen Verlags-Anstalt veröffentlichen.

1937 erscheint Max Frischs zweiter Roman Antwort aus der Stille. Frisch selber äussert sich später vernichtend über das Werk, die übrigen kritischen Stimmen weisen eine grosse Bandbreite auf. Sicher ist es kein Meisterwerk, vereint aber auch wieder die für Frisch so typischen Themen der Selbstfindung und des Schwankens zwischen Bürgertum und Künstlertum. Max bezieht Stellung und entscheidet sich im Roman wie im Leben für das Bürgertum. Er verbrennt alle bisherigen Schriften und wendet sich einer solideren Materie als dem Schreiben zu: Der Architektur.

Die Würde des Menschen besteht in der Wahl.

Der Entschluss, das Schreiben zu beenden, hält nicht lange, schon 1938 gewinnt Frisch den Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis. Es folgt Militärzeit, die er verschriftlicht und unter dem Titel Aus dem Tagebuch eines Soldaten veröffentlicht. Das Architekturstudium gedeiht, durch eine Anstellung kann Frisch endlich aus der gemeinsamen Wohnung mit der Mutter ausziehen, lernt eine Frau (Gertrude Anna Constanze von Meyenburg) kennen, die er am 30. Juli 1942 heiratet.

1943 gewinnt Frisch einen Architekturwettberb für den Bau des Letzibads in Zürich. Wirklich viel baut er trotzdem nicht, die Schriftstellerein nimmt noch immer einen grossen Platz in seinem Leben ein. Es entstehen in der folgenden Zeit diverse Arbeiten, darunter literarische Tagebücher.

1954 schreibt er seinen Roman Stiller. Frisch nimmt das Thema der Unvereinbarkeit von Kunst und bürgerlichem Leben wieder auf, bezieht nun Stellung für die Kunst und übernimmt diese Haltung ins Leben, indem er sich von seiner Familie trennt. Nicht dass er vorher ein Kind der Traurigkeit gewesen wäre, einige Liebschaften säumen seinen Weg. 1955 schliesst er auch sein Architekturbüro, um fortan als freier Schriftsteller zu leben. Im selben Jahr beginnen die Arbeiten zu Homo Faber.

Die Frau ist ein Mensch, bevor man sie liebt, manchmal auch nachher; sobald man sie liebt, ist sie ein Wunder.

1958 folgt dann das wohl prägendste Erlebnis in Max Frischs Leben: Er lernt Ingeborg Bachmann kennen. Die beiden gehen eine Beziehung ein, in welcher Eifersucht, ein ausgeprägtes Nähe-Distanzproblemen, ausserdem die Problematik von zwei durch und durch gegensätzlichen Menschen unter einem Dach sowie grosse Liebe miteinander kämpfen. Die beiden Schriftsteller ziehen nach Rom, danach nach Zürich, wo die Beziehung zerbricht. Frisch wandelt weiter zu Marianne Oeller, Bachmann kann er aber zeitlebens nicht vergessen, sie spukt weiter durch seine Romane und damit wohl offensichtlich auch in seinem Kopf.

Marianne Oeller und Frisch heiraten, was Frisch nicht davon abhält, weiter über den Zaun zu grasen, Affären zu pflegen. Auch Marianne geht eine nebeneheliche Beziehung ein, welche Max Frisch in seinem Roman Montauk thematisiert. Diese Vermischung von Privatem und Öffentlichem führt zum Zerwürfnis zwischen den Eheleuten, die Scheidung folgt 1979.

Die Zeit verwandelt uns nicht. Sie entfaltet uns nur.

Frisch wird nicht jünger, gesundheitliche Probleme kommen und das Thema Alter zieht in Frischs Werk ein. Nach Abstechern nach New York und teilweisem Leben im Tessin zieht Max Frisch zurück nach Zürich, wo er am 4. April 1991 stirbt.

Das klare Todesbewußtsein von früh an trägt zur Lebensfreude, zur Lebensintensität bei. Nur durch das Todesbewußtsein erfahren wir das Leben als Wunder.

 

Max Frischs Schreiben

Max Frischs Schreiben dreht sich vor allem in den Anfängen um Max Frisch. Zu den frühen Veröffentlichungen gehören denn auch Tagebücher. Im Tagebuchstil findet er eine Art der Schilderung, welche Fakten und Fiktion vereint. In den ersten Tagebüchern finden sich Vorlagen für seine späteren Romane, die sich auch stilistisch noch immer am Tagebuchstil orientieren.  Max Frisch sieht sich dieser Schreibform ausgeliefert, denkt, keine Wahl zu haben, da nur diese Form ihm zugänglich sei. Dies mag sicher zu einem gewissen Teil so sein, kann vielleicht mit seinem nach wie vor sehr um sich selber kreisenden Denken und Sein zu tun haben.

Frisch feiert grosse Erfolge mit Theaterstücken, veröffentlicht daneben aber hauptsächlich Prosawerke, Romane, Erzählungen und Tagebücher. Zentrale Themen sind immer wieder die Künstler-Bürger-Thematik, die Identitätsfindung des Menschen und das Verhältnis zwischen den Geschlechtern. Wenn bei einem Autor das Diktum Goethes, dass alles Schreiben autobiographisch sei, zutrifft, dann sicher bei Max Frisch.

 

Ausgewählte Werke

  • Jürg Reinhart (1934)
  • Antwort aus der Stille (1937)
  • Tagebuch mit Marion (1947)
  • Tagebuch 1946 – 1949 (1950)
  • Graf Öderland (1971)
  • Stiller (1954)
  • Homo Faber (1957)
  • Mein Name sei Gantenbein (1964)
  • Tagebuch 1966 – 1971 (1972)
  • Montauk (1975)
  • Triptychon (1978)
  • Der Mensch erscheint im Holozän (1979)

 

 

 

Es war einmal ein kleines Land, das sich seine Unabhängigkeit hart erkämpft hat – mit Manneskraft und erhobenen Fingern zum Schwur. So will es zumindest die Sage. Die guten Eidgenossen waren stolz auf ihre Eigenständigkeit, sie schrieben sich diese auf alle Fahnen und prahlten fortan damit. Neutral seien sie, meinten sie. Hielten sich raus. Aus allem. Augen zu und durch, geht uns nichts an. Zwar waren sie immer wieder fleissig, ihre Finger reinzuhalten, die Verantwortung für die Folgen wiesen sie weit von sich. Und überhaupt, eigentlich wussten sie ja von nichts, weil sie durch ihre ganze Neutralität mit Scheuklappen gesegnet waren.

Das ist bis heute so geblieben. Der Schweizer mischt sich nicht ein, er macht nicht mit, er ist verschlossen. Noch heute ist er der Kämpfer um die Unabhängigkeit, Netzwerk, Zusammenarbeit – das mag er nur so lange, wie es ihm nutzt, er alle im Netz kennt und ja kein neuer Kopf dabei ist. Fremdes mag er nicht, Fremden geht er aus dem Weg. Das Fremde kennt er zudem besser als dieses sich selber, er weiss alles darüber und hat das ganz alleine mit sich herausgefunden. Andere nennen das Vorurteil, der Schweizer nennt das unabhängige Meinung.  Schliesslich muss der Schweizer aufpassen, dass er nicht vom Fremden überrollt wird, ist die Schweiz doch so klein und das Fremde so gross und gefährlich. Drum bleibt der Schweizer da, wo er ist, verkehrt mit denen, die er kennt, isst das, was er seit Jahren isst, mag noch heute die Komiker, die vor Jahrzehnten lustig waren und hat so seine heile Welt.

Im Ausland mag man die Schweiz meistens. Schliesslich ist sie ja klein, niedlich und auch wunderschön. Berge und Seen, Felder und Wiesen, putzige kleine Städtchen, die sich für ganz gross halten. Sauber ist es hier, so rein wie die Schweizer Seele. Nichts, was nicht rein gehört, soll da sein. Alles Fremde wird schnell weggeputzt. Was für die Strassen schön sein mag, ist für die Seele einengend. Doch das merkt man in der eigenen Verschlossenheit nicht. Wer dagegen aufmuckt, ist halt ein komischer Vogel. Dem zeigt man gerne auch denselben. Und so kommen die Fremden gerne in die Schweiz, loben Käse, Uhren, Sauberkeit und Schönheit der Natur und gehen dann wieder heim. So kurz sind sie gerne gesehen, denn sie bringen dem Schweizer etwas, nur bleiben sollten sie bitte nicht. Dann nehmen sie ihm etwas und das geht gar nicht. Und die, die da sind, sollen bitte nett neutral bleiben, sich nicht einmischen, nichts wollen, schon gar keine Netze bauen oder Ideen haben. Der Schweizer bleibt gerne für sich. Neutral. Verschlossen. Im vertrauten Terrain.

WalserMartinAndreasMartin Andreas Walser
Martin Andreas Walser ist 1952 in Zürich geboren worden und wuchs in Winterthur auf. Er hat unter anderem als freischaffender und angestellter Journalist gearbeitet, hatte Stellen als Chefredaktor und Kommunikationschef inne und war als Leiter eines Zürcher Fachverlags tätig. Heute konzentriert er sich voll und ganz auf sein Schreiben als freier Autor. Martin Andreas Walser lebt seit über 30 Jahren mit seiner Familie bei Kreuzlingen am Bodensee und seit 2012 teilweise in Broglio TI. Von ihm erschienen sind unter anderem Sehnsucht, Silberherz, Jakob, ScherbenLeben. Mehr zu seinen Büchern findet sich hier.

Martin Andreas Walser hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu beantworten. Seine Antworten nehmen mit auf eine Reise durch Zeit und Raum, sie spannen einen Bogen vom Tessin über den Bodensee bis nach Lissabon und von der Jugend bis in die Gegenwart.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Geboren 1952 in Zürich, aufgewachsen in Winterthur, die Hauptzeit des Lebens unterwegs als Journalist, seit über 30 Jahren mit der Familie wohnhaft oberhalb von Kreuzlingen/Thurgau und seit bald zwei Jahren zeitweise in Broglio/Tessin, Vater dreier Söhne und zweifacher Grossvater: die Kürzestfassung.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Mit 16 Jahren wusste ich: Ich will Schriftsteller werden. Der Kompromiss: ich wurde Journalist, machte das Schreiben zum Beruf, was im Rückblick keineswegs ein Fehler war, nur dauerte es deshalb wohl rund vierzig Jahre, bis ich mein erstes Buch veröffentlichte (abgesehen von einem Fortsetzungsroman 1992/93 für eine Zeitung, den es nicht in Buchform gibt). Beim ersten meiner zahlreichen Aufenthalte in Lissabon habe ich schliesslich mein erstes Buch («Vom Leben») geschrieben; ich kehrte so oft nach Portugal zurück, bis es vollendet war (und ich obendrein Teile von «UnGlück» und die Erzählung «Silberherz» geschrieben hatte). Ohne Lissabon gäbe es mich «in Buchform» also kaum.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Ich schreibe seit meiner Jugend: Ich begann mit etwa fünfzehn Jahren mit Gedichten und kleineren Texten, es entstanden Fragmente für Romane, die nie vollendet wurden, ich schrieb schon während der Schulzeit Beiträge für Zeitungen: «learning by doing»… Sicher kann man vieles lernen, aber nicht alles. Man mag das Talent nennen; ich spreche lieber vom inneren Feuer, von Passion, von Leidenschaft, mitunter von Besessenheit. Gelernt zu schreiben in einem akademischen Sinn habe ich also nicht – aber ein Leben lang geübt, geübt, geübt.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich recherchiere kaum, bevor ich zu schreiben beginne; ich greife auf Bilder zurück, die sich in mir gespeichert haben, frühe(re) Eindrücke, Ereignisse, Erlebnisse, manchmal eine Resterinnerung an einen Traum. Plötzlich, «aus dem Nichts heraus», entsteht daraus eine Idee. Damit spiele ich in Gedanken. Einiges verwerfe ich bereits, bevor ich zu schreiben beginne, andere Schnipsel wachsen sich zu kleineren Sequenzen in meinem schwarzen Notizbuch aus. Manche Ideen ruhen während Wochen, Monaten oder gar Jahren und Jahrzehnten (wie bei «SehnSucht» oder «UnGlück») in mir und reifen dabei. Irgendwann spüre ich: nun ist die Zeit gekommen, die Geschichte zu schreiben. Selbst da kann es passieren, dass ich den Text beiseite lege, da etwas «fehlt», andere Texte (zum Beispiel «Jakob») schreibe ich praktisch in einem Zug nieder – wenigstens als zu Ende formulierten Entwurf. In jedem Fall schliesst sich eine intensive Überarbeitungsphase an, was vor allem auch neuerliche Kopfarbeit und falls notwendig die Recherche einschliesst. Mitunter bleibt so letztlich kaum ein Stein auf dem anderen, bis der Moment der Erlösung meist sehr überraschend eintritt: vollendet!

 Wann und wo schreiben Sie?

Die letzten Jahre habe ich in Lissabon und in der Heimat in der Regel am frühen Morgen während der Bahnfahrt nach Zürich und abends eine weitere Stunde auf der Rückfahrt geschrieben. Dann und wann wache ich mitten in der Nacht auf und schreibe eine oder zwei Stunden. Oder es haben sich in den Ferien Geschichten nachgerade aufgedrängt («SehnSucht» ist im Liegestuhl auf Rhodos, «Jakob» in Tunesien entstanden). Heute ziehe ich mich meistens in mein Haus nach Broglio zurück, damit die Geschichten in Ruhe und Abgeschiedenheit wachsen und erblühen können; die definitive Form erhalten die Texte zu Hause im Thurgau.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Es stellt sich ja nicht nur bei Autoren und Schriftstellern die Frage, wie man Feierabend oder Ferien definiert. Im Sinne von Erholung, Entspannung, Abschalten: ja, natürlich schreibe ich nicht ununterbrochen. Allerdings sind «Feierabend» oder «Ferien» bei mir weniger an bestimmte Tages- oder Jahreszeiten gebunden. Abschalten kann ich bei allen möglichen Dingen: ich lese, ich bin unterwegs, ich sehe mir im Fernsehen einen Film an (am liebsten Krimis) – oder ich tue ganz einfach «nichts».

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Es bedeutet, dass ich meinen wohl wichtigsten Lebenstraum verwirklicht habe. Ich liebe das Schreiben. Somit erlebe ich fast nur Freude dabei. Womit ich immer wieder kämpfe? Nicht zwischendurch zu verzweifeln, wenn es gerade nicht läuft oder ich glaube, eine Geschichte nicht zu Ende bringen zu können.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

Da ich ein Leben lang «Lohnschreiber» war, publiziere ich selber. Ich habe diesen Weg bewusst gewählt, da ich mir die Freiheit, die Kontrolle über mich und mein Werk bewahren und vor allem: mich keinem Zeitdruck oder irgendwelchen «Sachzwängen» unterwerfen wollte. Dies bringt einige Nachteile, da Vorurteile bestehen. Indessen: Bei weitem nicht alle, die sich selber produzieren, sind Unfähige, die es nicht geschafft haben, bei einem Verlag unterzukommen, Selbstdarsteller und was der Annahmen mehr sind. In Zeiten, in denen die gesamten «Spielregeln» der Kommunikation sich aufgrund der vielen neuen Möglichkeiten geändert haben, muss umgedacht werden; die Trennung zwischen Verlag gleich gut bzw. Selbstproduzent gleich schlecht ist absurd. Gewiss: es wird viel Ungenügendes angeboten, was aber gemäss meiner Beobachtung durchaus auch auf Verlage zutrifft.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Diese Frage ist sehr schwer zu beantworten. Ich weiss es nicht! Geschichten entstehen bei mir auch selten «plötzlich»: da ist eine Idee, der ich nachgehe; manchmal entsteht eine völlig andere Geschichte daraus als jene, von der ich ursprünglich glaubte, dass sie das Resultat wäre. Beispielsweise hatte ich ein Motiv im Kopf, seit Jahren, am Ort der Handlung war ich vor knapp vierzig Jahren einmal und seither nie wieder. Dort spielt «SehnSucht», doch war dies nicht die Geschichte, die ich ursprünglich schreiben wollte. Als ich mich erneut mit diesem Grundmotiv beschäftigte, wurde «Am See» daraus. Und beim dritten Versuch entstand «Jakob, der Hausdiener». Vergleicht man diese Erzählungen miteinander, wird man kaum dahinter kommen, dass ein einziges Erlebnis vor so langer Zeit (das ich in diesen drei Geschichten noch nicht einmal verwendet habe!), angereichert mit späteren Erlebnissen, Begegnungen mit Menschen und – im Falle von «Jakob» – einem noch früheren Ereignis, nämlich aus meiner Primarschulzeit, der späte Auslöser aller drei Erzählungen war.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel von Ihnen steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

In jedem Buch steckt etwas Autobiografisches. Es mag mitunter bloss eine Kleinigkeit sein, aber man wird keine ernsthafte Geschichte schreiben, ohne etwas von sich selbst preiszugeben. Trotzdem darf/kann aufgrund einer Figur in einem meiner Bücher nicht auf mich geschlossen werden; jede Figur trägt auch Züge anderer Menschen. Ich identifiziere mich mit keiner Figur mehr oder weniger – aber es gibt Texte, die insgesamt persönlicher sind als andere, sicher «Vallemaggia» und «ScherbenLeben» sowie Teile von «Die Zukunft der Zukunft».

Viele Autoren äussern sich politisch, verpacken auch politische Meinungen in Ihre Bücher. Hat ein Schriftsteller einen politischen Auftrag?

Wohl weniger einen Auftrag, als eine Meinung oder Überzeugung. Dies fliesst natürlich in die eigene Arbeit ein. Bei mir stehen weniger tagespolitische Bezüge zur Debatte, sondern grundsätzlichere Fragen des Menschseins, des Zusammenlebens, der Entwicklung unserer Gesellschaft.

Ihre Bücher behandeln oft die leidvollen Seiten des Lebens, die Scherben desselben, Einsamkeit, Sehnsucht. Ist Leid und Düsterheit einfacher zu beschreiben als Glück oder fühlen Sie sich der Seite näher? Ist das Leben generell eher düster als hell?

Das Leben ist in jedem Fall viel, viel heller als düster! Aber es gibt natürlich die dunkleren Phasen. Eigentlich ist das Hauptthema bei mir dann aber doch die Hoffnung – und die Botschaft, dass man sie nicht verlieren darf. Niemals!

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Es gibt ungezählte «gute Geschichten», die mich ansprechen. Was mich indessen besonders anspricht: Wenn ich geistig gefordert werde, wenn sich beim Lesen Widerspruch oder Zustimmung in mir regt, wenn ich mitunter ein Buch für eine Weile beiseite legen muss, um erst einmal über den Inhalt bis zu dieser Stelle nachzudenken. Und ich freue mich über Autoren, die sich nicht nur auf eine Geschichte einlassen, sondern mit der Sprache «spielen», die experimentieren, die Grenzen sprengen – im Ausdruck, in der Form usw.

 Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die Sie geprägt haben?

Ich habe immer sehr viel und mich dabei quer durch die Weltliteratur gelesen, weshalb die Liste entsprechend lang wäre. In frühen Jahren haben mich Max Frisch und Robert Walser wohl ein Stück weit geprägt, Jean-Paul Sartre, Bertolt Brecht, Ernest Hemingway und Friedrich Dürrenmatt besonders angesprochen. Später kam beispielsweise Alberto Moravia dazu. In den letzten Jahren habe ich mich vor allem mit portugiesischer, spanischer und südamerikanischer Literatur befasst.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Schreiben, schreiben, schreiben

Lesen, lesen, lesen

Neues entdecken, im Leben so gut wie in der Sprache

Das Neue wagen, im Leben so gut wie beim Schreiben

Die Geschichten schreiben, die geschrieben sein wollen – nicht jene, die am ehesten Erfolg versprechen

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview.