‪#schweizeraufschrei

bildschirmfoto-2016-10-13-um-18-54-23Auf Twitter gibt es grad eine neue Aktion. Sie soll darstellen, dass Sexismus in der Schweiz aktuell ist. Ich bin ja bekanntlich keine Feministin, ich mag Genderdingens nicht. Ich finde, die Menschen sollten langsam mal merken, dass es nichts hilft, wenn das eine Geschlecht gegen das andere schiesst, sondern man müsste zusammenspannen und sich Aug in Auge auf gleicher Höhe begegnen.

Nur… als ich es auf mich wirken liess, sprudelte es nur noch aus mir raus:

Als Doktorandin hören, als Alleinerziehende könne man keine Diss schreiben, drum kriegt die Stelle ein junger Mann

oder

Als Doktorandin hören, man benutze als Alleinerziehende das Geld des Stip. nur zur Kindsaufzucht und es nicht kriegt

oder

Nach der Masterprüfung hören, du hast die Note 6 nur wegen eines kurzen Rocks gekriegt

oder

Nach bestandener Doktoratsprüfung hören, man hätte dem Professor wohl schöne Augen gemacht

oder

Vom Chef auf einem Gang zum Kunden diverse Sexpraktiken erzählt kriegen, die er gerne noch ausprobieren möchte…

oder

„Wärst du ein Mann, traute ich dir, so muss ich dich überprüfen.“ Aussage des Projektbetreuers an der Uni

Alles so passiert. Und noch viel mehr. Es bleibt wohl doch noch viel zu tun.

Des Schweizers Nörglertum

Auf der ganzen Welt überschlagen sich Freude, Lob und Bewunderung für den Gotthard. Die Umsetzung, das Projekt an sich – man sieht es als Leistung. Nur die Schweizer überschlagen sich mit Selbstkriteleien, mit Kleinredereien, mit Sinnfragen. Sie hängen die Politiker an ihren Kleidungststücken (zu teuer, zu unförmig, zu unpassend) auf und unterstellen ihnen Profilierungsgier. Sie fragen sich laut, wozu man diese Röhre überhaupt brauche und verspotten jeden und alles, das damit zu tun hat oder etwas Positives äussert.

Das ist wohl genau dieses Schweizer Bünzlitum, das nichts Neues gelten lassen kann, das sich immer (früher hinter dem Vorhang am Küchenfenster, heute hinter dem Bildschirm sitzend) das Maul zerreisst und keinem was gönnt – schon gar nichts Grosses.

Allerdings sehen sich die Kritler nicht als Bünzlis, im Gegenteil… irgendwie traurig.

Wie die Mücke zum Elefanten wurde: Handshake

In der Schweiz kocht es mal wieder: Zwei Pubertierende wollen der Lehrerin die Hand nicht geben. Sie kamen damit durch. Die Pubertierenden waren Muslime, argumentiert wurde religiös.

Die Stimmen werden laut:

Unsere Kultur verlangt das Händeschütteln zur Begrüssung. Das geht gar nicht, dass das verweigert wird.

oder:

 Der Koran verbietet das gar nicht, das ist überzogen. Wie kann man nur, was geht da ab?

Ich musste als Kind nie einer Lehrerin die Hand geben. Einem Lehrer übrigens auch nicht (zum Glück, ich gebe nicht jedem gerne die Hand…man weiss nie, was der mit seiner vorher tat 😉 ). Ich weiss nicht, wann das eingeführt wurde und was der Zweck dafür sein soll. Wohl Beziehungsbindung, die man dann mit Einträgen für jedes noch so kleine Vergehen wieder kaputt macht (kannten wir in dem Stil auch nicht).

Was mich in der ganzen Sache etwas nervt ist folgendes: Da wird zwei Teenagern, die grad mit ihren Hirnzellen kämpfen wegen pubertär verursachten Umstrukturierungen ihres Hirns, eine Plattform geboten, die schlicht lächerlich ist. Das Ganze wird dann instrumentalisiert, um generell gegen Ausländer, Muslime im Speziellen, zu stänkern.

Wer nun findet, man müsse früh eingreifen, denn das gehe auf Kosten der Frau, welcher zu wenig Respekt gezollt wird, den möchte ich nur das fragen:

 Fördert ein erzwungener Handschlag den Respekt wirklich?

Andere Kulturen mögen andere Frauenbilder haben. Die gefallen mir nicht, die scheint man (nach aussen – es gibt sie ja auch bei uns, man beachte nur unsere Werbung und mehr….) hier abzulehnen. Diese Frauenbilder werden nicht ändern, weil man Pubertierende massregelt – oder eben durchmarschieren lässt. Die Frauen hierzulande haben es in der Hand, welchen Mann sie wählen, die Männer, welcher Frau sie gefallen wollen. Schlussendlich fängt Respekt im Hirn an, nicht bei der Hand, die eine andere berührt – Wirklicher Respekt kann nie erzwungen werden.

Schule heute – eine Ode

Ich habe ab und an kritisch über Schulen geschrieben, das System hier hinterfragt und auch sonst den Finger drauf gehalten. Das soll aber nicht drüber hinwegtäuschen, dass ich weiss, dass wir hier unglaublich privilegiert sind. Unsere Kinder haben eine Schule und sie können hingehen. Sie haben die Möglichkeit, ihr Leben zu gestalten. Vielleicht wissen sie es im jugendlichen Übermut nicht immer oder schätzen es gering, aber: Es ist viel mehr, als ganz viele Menschen auf dieser Welt haben.

Ich lebe in einer Schweizer Grossstadt, in einem Kreis mit vielen Ausländern. Wir hatten mit vielem zu kämpfen in der Schulzeit. Rassismus, Gewalt, Mobbing. Schulrückstände kriegte man gratis dazu. Trotzdem gibt es Menschen, die schon hier aufgewachsen sind, immer noch hier leben und heute ihre Kinder hier zur Schule schicken. Kann es so schlecht sein hier?

Wir haben hier keine heile Welt. Aber wir wissen es. Das ist oft mehr als die ganze Ignoranz möglicher Probleme. Man kann hier die Augen nicht verschliessen vor den potentiellen Schwierigkeiten und Brennpunkten, denn sie sind da. Und weil man das weiss, hat man sich drauf eingestellt. Und das ist grossartig.

Hier rutscht nichts einfach so durch, Probleme werden ernst genommen und Lösungen gesucht. Wir hatten in der Mittelstufe einige Probleme, sie wurden erkannt und gelöst. Die Oberstufe ist ein Lichtblick. Nicht alle Regeln sind immer schlüssig und toll, aber: Es gibt Regeln und es gibt Menschen, die sich Gedanken machen. Die Situation der Schulen ist nicht leicht heute. Eltern nehmen ihre Erziehungsaufgabe nicht mehr ernst, sind aber schnell dabei, Mängel in der Schule zu finden – und gar mit Anwalt anzuklagen. Als Lehrer und als Schule muss man sich absichern. Um ja keine Angriffsfläche zu bieten. Damit gerät man ein wenig in die Situation der Pharmaunternehmen, die jede – wenn auch unwahrscheinliche, aber doch mögliche – Nebenwirkung auflisten müssen, um ja nicht angreifbar zu sein. So ungeniessbar auf diese Weise Medikamente sind, so unübersichtlich werden Schulordnungen. Aufgeblasen durch all die Möglichkeiten.

Wir können noch so viel hinterfragen und unsinnig finden: Die Zeit ist, wie sie ist. Von jetzt auf gleich werden wir sie nicht ändern. So bleibe ich dankbar für die Schule, die mein Sohn besucht, weil da Lehrer sind, die sich kümmern, die Probleme erkennen, die reagieren. Ich mag nicht jede Regel gut finden, aber ich weiss: Es ist ein Privileg. Mein Kind hat eine gute Schule, hat gute Lehrer, kann sich entfalten und geht seinen Weg. Und das sollte auch mal gesagt sein.

Quotenschwachsinn

Die Emanzipation hat ja so mache fragwürdige Blüte getrieben. Die Forderung nach gleichem Lohn für gleiche Leistung ist eine Selbstverständlichkeit, die Forderung danach legitim und nötig. Die Umsetzung klappte bis heute nicht. Dafür hat man andere Dinge umgesetzt. Die Sprachenregelung. Linguistische Grausamkeiten waren die Folge. Ich hatte mich früher nie gefragt, ob ich auch gemeint sei, wenn jemand von Studenten sprach. Genauso wenig wie sich wohl die Tanne diskriminiert fühlt, wenn von „dem Baum“ gesprochen wird.

Neben den sprachlichen Neuorientierungen haben wir auch noch eine weitere Errungenschaft (neben vielen, die ich hier nun ausklammere): Die Quotenregelung. Man bemängelte, dass Frauen benachteiligt seien, weil sie Frauen seien, wo doch Leistung zählen müsse. Und man forderte eine Quote, die in Zukunft die Verteilung regeln soll. Wo genau da die Leistung noch Kriterium ist? Das darf man nicht hinterfragen (den Shitstorm darauf spüre ich schon förmlich…..).

Die Thematik ist aktueller denn je, denn in der Schweiz tritt grad eine Politikerin ab. Sie hat nichts falsch gemacht, sie gehört nur der falschen Partei an. Leider haben wir in der Schweiz diese Zauberformel, die besagt, wie der Bundesrat bestellt sein müsse. Die abtretende Lady war quasi das Bauernopfer dieses alten Zopfes. Und genau hier geht die Diskussion los: Die untervertretene Partei (nach Zauberformel) soll einen neuen Bundesrat stellen. Blöd nur: Sie hat niemanden. Und schon gar keine Frau und so eine müsste es ja sein. Das Argument, dass bei gleich wenig Leistung auch eine Frau gewählt werden könnte, ohne dass es gross einen Unterschied macht, ist dabei ein kleiner Trost.

Demokratie und das Gejammere der Nation

Wir haben gewählt. Also ein Bruchteil von uns hat gewählt. Die Mehrheit dieses Bruchteils war der Meinung, dass die Schweiz dringend gen rechts wandern solle. SVP und FDP kriegten den Zuschlag, die netten Linken schauten in die Röhre (ok, nicht ganz, aber so ein bisschen). Da wir eine Demokratie sind, noch dazu eine direkte, war das der Wille des Volkes und damit alles klar. Könnte man denken.

Es geht erst richtig los. Nun heisst es nämlich: Das war niemals der Wille der Mehrheit. Die Schweiz will das nicht. Wir Schweizer wollen das nicht. Das geht gar nicht. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Gewisse Stimmen gehen so weit, die Demokratie in Frage zu stellen und von einer Diktatur der Mehrheit zu sprechen.

Nun: Eine Demokratie heisst, dass die Mehrheit gewinnt. In der Schweiz wird dieses Prinzip noch mit ein paar Zusatzbedingungen wie dem Ständemehr und anderem angereichert, aber grundsätzlich gilt das Prinzip. Da die Wahlbeteiligung nicht sehr hoch war, kann man schon sagen, dass dieses Wahlergebnis nicht die Mehrheit der Schweiz widerspiegelt. Aber es spiegelt die Mehrheit derer wider, die sich überhaupt die Mühe machten, das Recht zur Wahl wahrzunehmen. Die ganz grosse Mehrheit der Schweizer tat dies nämlich nicht. Die sass zu Hause, politisierte vielleicht am Familientisch, auf Facebook, Twitter oder am Stammtisch. An der Urne taten sie es nicht.

Leider helfen grosse Reden wenig, schon gar nicht, wenn es darum geht, Demokratie zu leben. Es gibt für dieses Wahlergebnis verschiedene Erklärungen:

  • Das Wahlresultat spiegelt wirklich die Mehrheitsmeinung wider. Zwar war die Wahlbeteiligung gering, allerdings würde diese Stichprobe durchaus reichen in der Feldforschung, um ein repräsentatives Ergebnis zu generieren.
  • Das Wahlresultat spiegelt nicht die Mehrheitsmeinung wider, sondern nur die Mehrheit derer, die wählen gingen. Die Frage stellt sich dann: Wieso gingen die anderen nicht wählen? Was hielt sie davon ab?

Im ersten Fall müsste man – sofern man die Demokratie weiterhin als gewünschte politische Form ansieht – das Resultat akzeptieren. Das heisst nicht, dass man es gut finden oder gar seine Meinung ändern und plötzlich SVP-Anhänger werden muss. Man kann sich überlegen, ob man etwas tun kann, konstruktiv, fundiert und mit einer Strategie. Einfach nur jammern hilft wenig.

Im zweiten Fall müsste man sich schlicht an der eigenen Nase fassen, zumindest dann, wenn man selber nicht an die Urne ging. Und wer nun Gründe aufführt, wieso er nicht gehen konnte, dem sei gesagt:

 Wer nicht will, findet Gründe, wer will, findet Wege.

Wo was raus soll, muss was rein

Vor einiger Zeit kam ich zum zweifelhaften Glück, dass in meinem Keller, welcher gleichzeitig Luftschutzkeller ist, 40 Notbetten untergebracht und zwei Trockenklos installiert wurden. Der gute Mann, der das ganze Zeugs anschleppte, teilte meine Meinung, dass dies höchst fragwürdig sei und eh nie gebraucht würde. Nun denn: Es ist Gesetz und alles muss seine Richtigkeit haben.

Die Abnahme der Klos durch den netten Beamten der Stadt dauerte knapp 5 Sekunden. Auf meine Frage, ob ich den Keller nun verkaufen dürfe, da er ja über genügend Schlafmöglichkeiten und sogar zwei eigene Klos verfüge, erntete ich einen kurzen Blick und ein schnell unterdrücktes Lachen (auch er teilte wohl meine Ansicht über die Unsinnigkeit des Unterfangens).

Als ich so über meinen Keller nachdachte, stellte sich mir aber eine dringende Frage: Wenn die Notwendigkeit eines Luftschutzkellers gesetzlich verankert ist, sieht man ja grundsätzlich einen Sinn darin und auch die Möglichkeit, dass dieser benutzt wird. Ich würde also mit 39 anderen Nasen in meinem Keller sitzen, wir hätten je ein Bett und zusammen zwei Klos. Nur: Was soll in die Klos? Müsste mich der Kanton nicht auch mit Essensvorräten oder zumindest Geld, solche zu besorgen, ausstatten? Ob ich mal nachfragen sollte? Oder gebe ich diesem Luftschutzkeller doch zuviel Sinn, den er doch nicht hat?