Demokratie und das Gejammere der Nation

Wir haben gewählt. Also ein Bruchteil von uns hat gewählt. Die Mehrheit dieses Bruchteils war der Meinung, dass die Schweiz dringend gen rechts wandern solle. SVP und FDP kriegten den Zuschlag, die netten Linken schauten in die Röhre (ok, nicht ganz, aber so ein bisschen). Da wir eine Demokratie sind, noch dazu eine direkte, war das der Wille des Volkes und damit alles klar. Könnte man denken.

Es geht erst richtig los. Nun heisst es nämlich: Das war niemals der Wille der Mehrheit. Die Schweiz will das nicht. Wir Schweizer wollen das nicht. Das geht gar nicht. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Gewisse Stimmen gehen so weit, die Demokratie in Frage zu stellen und von einer Diktatur der Mehrheit zu sprechen.

Nun: Eine Demokratie heisst, dass die Mehrheit gewinnt. In der Schweiz wird dieses Prinzip noch mit ein paar Zusatzbedingungen wie dem Ständemehr und anderem angereichert, aber grundsätzlich gilt das Prinzip. Da die Wahlbeteiligung nicht sehr hoch war, kann man schon sagen, dass dieses Wahlergebnis nicht die Mehrheit der Schweiz widerspiegelt. Aber es spiegelt die Mehrheit derer wider, die sich überhaupt die Mühe machten, das Recht zur Wahl wahrzunehmen. Die ganz grosse Mehrheit der Schweizer tat dies nämlich nicht. Die sass zu Hause, politisierte vielleicht am Familientisch, auf Facebook, Twitter oder am Stammtisch. An der Urne taten sie es nicht.

Leider helfen grosse Reden wenig, schon gar nicht, wenn es darum geht, Demokratie zu leben. Es gibt für dieses Wahlergebnis verschiedene Erklärungen:

  • Das Wahlresultat spiegelt wirklich die Mehrheitsmeinung wider. Zwar war die Wahlbeteiligung gering, allerdings würde diese Stichprobe durchaus reichen in der Feldforschung, um ein repräsentatives Ergebnis zu generieren.
  • Das Wahlresultat spiegelt nicht die Mehrheitsmeinung wider, sondern nur die Mehrheit derer, die wählen gingen. Die Frage stellt sich dann: Wieso gingen die anderen nicht wählen? Was hielt sie davon ab?

Im ersten Fall müsste man – sofern man die Demokratie weiterhin als gewünschte politische Form ansieht – das Resultat akzeptieren. Das heisst nicht, dass man es gut finden oder gar seine Meinung ändern und plötzlich SVP-Anhänger werden muss. Man kann sich überlegen, ob man etwas tun kann, konstruktiv, fundiert und mit einer Strategie. Einfach nur jammern hilft wenig.

Im zweiten Fall müsste man sich schlicht an der eigenen Nase fassen, zumindest dann, wenn man selber nicht an die Urne ging. Und wer nun Gründe aufführt, wieso er nicht gehen konnte, dem sei gesagt:

 Wer nicht will, findet Gründe, wer will, findet Wege.

5 Comments

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  1. Bei der ersten Erklãrung muss ich dir widersprechen, da bei einer Stichprobenbefragung eine statistisch repräsentative Auswahl aus der zu untersuchenden Gesellschaft ausgewählt wird und nicht Leute befragt werden, die sich freiwillig melden. Und die Beteiligung an einer Wahl ist ja (meist) freiwillig. Dabei gäbe es wohl ander Resultate, leider nur theoretische.

    Aber ansonsten hast du natürlich (leider) recht,denn:

    „Democracy is not a spectator sport.“

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    • Natürlich ist das so und das ist mir auch bewusst. Nur: Auch bei Feldforschung wird oft nicht gezwungen, sondern es stellen sich Leute als Probanden zur Verfügung. Und: Irgendwie ist es ein wenig schwierig, zu glauben (oder zu argumentieren), dass alle „Falschdenkenden“ wählen gingen und die andern zu Hause sassen… Das wäre ja die Entkräftung meines ersten Punktes und so ganz kann ich das nicht glauben.

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    • Das sehe ich genauso. Und auch dann muss man erst mal akzeptieren, dass so gewählt wurde. Und dann sehen, ob man was dazu beitragen kann, das zu ändern, was einem nicht gefällt. Schlussendlich ist nie die Meinung eines Einzelnen die absolute Wahrheit, in einem Miteinander wird es immer unterschiedliche Auffassungen geben.

      Gefällt 2 Personen

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